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Gestalttherapie

Im Interview mit Jan Nussbaumer

Es gibt verschiedene Therapieausbildungen. Eine davon ist die Gestalttherapie, welche zu Beginn der 1950er Jahre von Laura und Fritz Perls in Zusammenarbeit mit Paul Goodmann begründet wurde. Was macht sie besonders? Wie ist das klinische Arbeiten als Therapeut|in? Jan Nussbaumer im Gespräch zu den Hintergründen und Alltäglichkeiten eines Gestalttherapeuten in der Weiterbildung.

Von Lisa Makowski
Lektoriert von Laurina Stählin und Loana Brestel

LM: Wo und was hast du studiert?

JN: Ich habe an der Universität Zürich Psychologie studiert. Als ich mit dem Masterstudium begann, fand gerade die Bologna-Reform statt und so die Umstellung des Masterprogramms für Psychologie. Vor der Reform hatte ich meinen Fokus mehrheitlich auf die Sozial- und Wirtschaftspsychologie gelegt. Dann machte ich meinen Zivildienst an der Universitären Psychiatrischen Klinik (UPK) in Basel und nach dieser Erfahrung war für mich klar, dass ich in die Richtung der klinischen Psychologie gehen möchte. Danach wählte ich Seminare aus dem klinischen und dem sozialpsychologischen Bereich. Die Forschungsseminare waren eher aus dem sozialpsychologischen, die praxisorientierten Seminare aus dem klinischen Bereich.

Was machst du jetzt?

Seit dieser Woche bin ich offiziell als Psychologe, nicht mehr als Assistenzpsychologe bzw. PG* angestellt. Ich arbeite also als klinisch tätiger Psychologe in der Psychiatrie auf einer Psychotherapiestation mit den Schwerpunkten Angststörungen und Depression.

Wolltest du schon immer Therapeut werden?

Ganz ehrlich, ich konnte mir die klinische Arbeit bis zum Beginn meines Masterstudiums nicht vorstellen. Ich dachte immer, dass mich die Arbeit zu sehr mitnehmen würde. Ich wollte aber ein klinisches Praktikum machen, um die Zukunft als Therapeut ausschliessen zu können. Es ist jedoch sehr schwierig, ein klinisches Praktikum zu bekommen, da es sehr viel Motivation und Engagement braucht. Durch den Zivildienst bekam ich dennoch die Möglichkeit, in der Psychodiagnostik der UPK Basel zu arbeiten. Dort arbeitete ich mit Patienten|innen und führte mit ihnen SCID-Interviews*, Konzentrationstests sowie Anamnese-Gespräche durch. Dabei merkte ich, dass mir die Arbeit sehr viel Spass macht. Es ist interessant, ihre Geschichten zu hören und wie sie damit umgehen. Das nahm mir dann auch die Angst und ich wusste, dass ich das weitermachen möchte.

Welche Weiterbildung machst du?

Ich mache die Weiterbildung in Klinischer Gestalttherapie beim Institut für integrative Gestalttherapie Schweiz (IGW).

Was macht Gestalttherapie besonders?

Gestalttherapie basiert auf einem humanistischen und ganzheitlichen Ansatz, welcher stark erfahrungsbasiert ist. Die Therapie fokussiert auf das Geschehen zwischen Klient|in und Therapeut|in. Vieles was passiert, muss nicht bewertet werden, sondern darf geschehen. In der Therapie arbeitet man wahrnehmungsorientiert und hat das Ziel, im Gespräch zu lernen, wie mit der eigenen Wahrnehmung umgegangen werden kann. Dabei ist auch die Kreativität ein wichtiger Bestandteil. Das macht das Ganze sehr aufregend, aber auch herausfordernd.

Wie beobachtest du die gestalttherapeutische Arbeit in deinem Alltag? Fällt es jedem|r Patienten|in gleich leicht, sich darauf einzulassen?

In der Klinik ist die Zeit leider sehr begrenzt, da viele organisatorische Dinge auf einen zukommen, wie Anamnese, Vorgeschichte, Schreibarbeiten und Nachbehandlung. Ich versuche dennoch, möglichst gestalttherapeutisch zu arbeiten, aber es ist keine reine Gestalttherapie. Die gestalttherapeutische Arbeit ist für viele Patienten|innen zu Beginn erst ungewohnt. Daher versuche ich einzuschätzen, was im Moment stimmig ist und womit der|die Patient|in etwas anfangen kann. Ich könnte dann zum Beispiel anhand von Projektionen und Geschichten mit der Fantasie arbeiten, Dennoch ist es auch wichtig, festzuhalten, dass der Fokus der Gestalttherapie im Vergleich zur personenzentrierten Therapie mehr im Miteinander liegt. Es geht also nicht nur um den|die Klienten|in, sondern auch um die Beziehung zwischen Klient|in und Therapeut|in. Denn wie ich bin und wie ich mich verhalte, wird den Klienten|in beeinflussen. Deshalb ist das Kennenlernen seiner eigenen Person sehr wichtig. Ich muss mich kennen, damit ich mich in die Therapie einbringen kann – nicht damit ich mich herausnehmen kann. Dabei kann es auch hilfreich sein, zwischen den eigenen Mustern und denen der Patienten|innen zu unterscheiden.

Was macht Gestalttherapie dann im Kern der Theorie aus und ist es eine störungsspezifische Therapieform?

Wie bereits zuvor erwähnt, ist der Fokus der Gestalttherapie sehr stark erfahrungsbasiert. Daher ist Störungswissen nicht hauptsächlich das, was in der Weiterbildung vermittelt wird. In der Therapie selber schauen wir, in welchen Bereichen sich jemand selber blockiert und warum er oder sie nicht mit der Umwelt interagiert. Das ist die Pathologie, an der wir uns orientieren, weniger an der Diagnose. Wir versuchen also fixe Schemata und Muster zu verhindern. Es kommt mehr auf den Menschen an, weniger auf die Erkrankung. Für mich persönlich ist es jedoch wichtig, beide Aspekte zu kombinieren.

Kernpunkte zur Weiterbildung?

Die Weiterbildung geht vier Jahre. Im ersten Jahr liegt der Fokus auf der Selbsterfahrung in der Gruppe. Im zweiten Jahr ist der Fokus stärker auf das Üben der eigenen therapeutischen Tätigkeit in kleinen Gruppen (jemand ist Therapeut|in; jemand Klient|in und man bringt eigene Themen ein; und jemand beobachtet das Ganze). Durch die Arbeit an eigenen Themen ist das Ganze gleichzeitig eine Selbsterfahrung. Nach dem Üben geben wir uns gegenseitig Feedback, was einem helfen kann, sich weiterzuentwickeln. Denn in der Arbeit mit Patienten|innen ist unmittelbares Feedback eher selten. Der Fokus im dritten und vierten Jahr liegt auf der Gruppensupervision. Man bringt Videos aus eigenen Gesprächen mit Patienten|innen mit und bespricht diese zusammen. Alles in allem basiert die Weiterbildung auf Erlebnis und Erfahrung, sowie auf dem Arbeiten und gemeinsamen Reflektieren in der Gruppe. Ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung ist es, dass man sich selber kennenlernt, lernt wie man sich in die Therapie einbringt und sich weiterentwickelt. Ein Ziel besteht darin, seinen|ihren Stil als Therapeut|in zu finden. Daher ist das eigene Kennenlernen sehr zentral, sonst wird die Therapie schwierig.

Was ist das Zentralste an der Gestalttherapie?

Der Fokus liegt auf dem Hier und Jetzt. Das ist vielleicht das Zentralste an der Gestalttherapie. Fritz Perls sagte, dass man die Gestalttherapie auch als Hier- und Jetzt-Therapie bezeichnen könnte. Man bleibt im Moment und springt nicht in die Zukunft. So vereinfacht die aktuelle Achtsamkeitswelle den Zugang zur Gestalttherapie. Früher war Gestalttherapie für Aussenstehende eher seltsam, weil Yoga und Übungen, die mit Achtsamkeit zu tun haben, weniger bekannt waren. Heute liegen diese Dinge im Trend und daher wird Gestalttherapie mittlerweile auch besser verstanden.

Was ist das Hier und Jetzt? Wie wird damit gearbeitet?

Was erlebst du jetzt gerade? Wie erlebst du dieses Gespräch? Was nimmst du sonst noch wahr? Was weckt dein Interesse und wann schweifst du ab, wenn ich rede? Wie geht es dir jetzt? Spannst du dich an, wie ist deine Körperhaltung dabei? Wie fühlt sich das an? Im Hier und Jetzt können wir emotionsfokussierend arbeiten. Wenn es um Emotionen geht, geht es auch um den Körper, folglich, was fühlst du, was spürst du. Wo merkst du die Emotionen, wie z. B. ein Kribbeln oder Drücken in der Brust, wie fühlt sich das für dich an? Verändert sich das, wenn du den Fokus darauflegst? Wenn man sich darauf einlässt, dann ändert sich meist dieses Gefühl. Gendlin beschrieb dies sehr eindrücklich im focusing. Man spürt z. B. einen Stein im Magen. Wir können als Therapeuten dann fragen, was dieser Stein einem sagen würde, wenn er reden könnte. Man kann dann weiter dranbleiben, indem man die körperlichen Gefühle weiter erfragt. Es ist also möglich, mit Dialogen zu arbeiten.

Der Begriff Achtsamkeit ist also sehr zentral, lernt ihr auch Trainings in Bezug darauf?

Ja, lernen wir. In der Weiterbildung machen wir zu Beginn immer eine Meditationsübung in der Gruppe. Nachher, in der klinischen Arbeit, kommt es immer auf die eigenen Präferenzen an, ob und wie man dies einsetzen möchte. Es gibt z. B. Personen, die sich selber schwer wahrnehmen, dann würde ich so eine Übung machen bzw. es versuchen. Ich achte im Gespräch aber immer auch auf mich selber und was bei mir passiert. Ich beobachte das Gegenüber sehr genau und wie sich z. B. die Atmung und Haltung beim Erzählen verändert. Verändert sich etwas, frage ich oft, was gerade passiert oder wo der|die Klient|in mit seinen|ihren Gedanken ist. Der Zusammenhang eines innerlichen Absackens und einer wahrnehmbaren Reaktion fördert das Bewusstsein, macht dieses zugänglicher. Man kann aber auch mit Körperhaltungen experimentieren und schauen, wie die Person das wahrnimmt.

Der Körper spielt neben den Emotionen also eine wichtige Rolle, ist das auch ein Fokus der Gestalttherapie?

Ja, in der Gestalttherapie finde ich die Körperorientierung sehr interessant. Die Arbeit mit dem Körper kommt dabei aus den 20er Jahren aus Deutschland und steht in der Tradition von Elsa Gindler. Sie hat damals Gymnastik unterrichtet und entwickelte ihren eignen Ansatz. Laura Perls arbeitete mit Gindler und brachte diesen Einfluss in die Gestalttherapie ein. Heute wird diese Arbeit unter dem Namen sensory awareness weitergeführt. Das ist sehr basal. Es geht um die physikalischen Gegebenheiten und wie man mit diesen leben kann. Wichtig dabei sind Schwerkraft und Boden. Wir können diese nie umgehen, sind uns dessen aber auch nicht immer bewusst. Daher kann man sich einfach einmal fragen, was es heisst, mit der Schwerkraft zu leben. Es geht dabei auch darum, die Sinne zu schärfen.

Inwiefern die Sinne schärfen?

«Lose your mind and come to your senses.» Meine Ausbildner sprechen eher von «keep your mind and come to your senses». Was erlebst du, was ist erfahrbar mit all deinen Sinnen? Das ist das, was wir auch in der Therapie zu fördern versuchen. Die dritte Welle der Verhaltenstherapie greift dabei oft Aspekte auf, welche in der Gestalttherapie einen wichtigen Stellenwert haben. So basiert beispielsweise die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) nach Greenberg zu grossen Teilen auf der Gestalttherapie. Im Gegensatz zur Verhaltenstherapie, wird in der Gestalttherapie das manualbasierte Vorgehen jedoch abgelehnt – oder zumindest sehr kritisch gesehen. Deshalb ist die Gestalttherapie so besonders, weil man vier Jahre lang lernt, seine Sinne zu schärfen und alle Bereiche kreativ einzusetzen.

Ein paar letzte Worte…

Im Studium habe ich gelernt, wie man psychologische Forschung betreibt. Was sind untersuchbare Variablen und wie kann man diese beobachten und operationalisieren? Die Universität Zürich ist sehr forschungsorientiert. Dadurch bekommen wir ein gutes Bewusstsein für die Forschung vermittelt. Die Quintessenz aus dem Ganzen ist, dass wir ein enormes Verständnis dafür haben, wie der Mensch funktioniert. Was kann man untersuchen und was ist messbar. Diese Art des Denkens ist bei uns Psychologen|innen nach dem Studium sehr stark ausgeprägt und kann einem im klinischen Alltag sehr helfen. Wir bekommen ein differenziertes Wissen, wie wir funktionieren. Wir kommen aus dem Studium, sind vielseitig ausgebildet und haben gerade deshalb ein grosses Verständnis für die Menschen, denen wir in der Arbeit begegnen. Wir wissen also sehr viel. Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir Psychologen|innen mit mehr Selbstbewusstsein aus dem Studium kommen. Ich möchte also allen Mut machen, dieses implizite Wissen mit etwas mehr Selbstbewusstsein zu tragen.

«Lose your mind and come to your senses.» Fritz Perls

PG steht für Postgraduiertenstelle in der klinischen Psychologie (Standards und Richtlinien unter http://svkp-aspc.ch/de/).

SKIC steht für das SCID-5-CV, das Strukturierte Klinische Interview für DSM-5 Störungen – Klinische Version (Beesdo-Baum, Zaudig, & Wittchen, 2019).


Zum Weiterlesen

Perls, F. (1973). The gestalt approach & eye witness to therapy. Palo Alto, CA: Science and Behavior Books.

Schweizer Verein für Gestalttherapie und Integrative Therapie (SVG). (2019). Retrieved from https://www.gestalttherapie.ch

Schweizerische Vereinigung Klinischer Psychologinnen und Psychologen (SVKP/ASPC). (2019). Retrieved from http://www.svkp-aspc.ch/

Literatur

Beesdo-Baum, K., Zaudig, M., & Wittchen, H.-U. (Hrsg.). (2019). SCID-5-CV: Strukturiertes Klinisches Interview für DSM-5-Störungen – Klinische Version. Göttingen, Deutschland: Hogrefe Verlag.

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