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Pyromanie

Das Spiel mit dem Feuer

Feuer fasziniert den Menschen. Es ist der Stoff für Mythen, eine Grundlage fürs heutige Leben und dennoch potentiell tödlich. Was passiert, wenn die Faszination, wie bei der Pyromanie, überhandnimmt?

Von Marcia Arbenz
Lektoriert von Loriana Incerti-Medici und Michelle Donzallaz
Illustriert von Daniel Skoda

Pyromanie wird definiert als ein wiederholtes Versagen, dem starken Impuls, Feuer zu machen, zu widerstehen (ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 2019). Betroffene Personen setzen Objekte in Flammen, wobei ihr Beweggrund die Faszination für das Feuer oder für die damit verbundenen Stimuli ist (ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 2019). Bevor die Personen Feuer legen, erleben sie einen Zustand von Anspannung oder affektiver Erregung. Mit den Flammen kommt ein Gefühl von Vergnügen, Aufregung oder Erleichterung auf. Pyromanie gehört zu den Impulskontrollstörungen (ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 2019). Eine wichtige Abgrenzung ist die zur Brandstiftung, die einerseits geplant und andererseits durch einen persönlichen Vorteil geprägt ist, seien das finanzielle Entschädigungen oder Rache (Padhi, Mehdi, Craig, & Fineberg, 2012).

Ob eine Person an Pyromanie leidet, ist nicht einfach festzustellen. Zur Diagnose steht nur ein Instrument, das Minnesota Impulse Disorders Interview, zur Verfügung (Grant, Williams, & Potenza, 2007). Jedoch kommt es selten zu einer Diagnose, da viele Betroffene ihr Verlangen nach Feuer geheim halten oder sich dafür schämen (Grant & Odlaug, 2012). Das ist verständlich, da es einerseits illegal ist, Eigentum von anderen Menschen zu beschädigen und andererseits für die Personen der Akt des Feuerlegens ein Kontrollverlust beinhaltet. Ausserdem gibt es sehr wenig Forschung und dadurch wenig Wissen zur Pyromanie (Grant & Odlaug, 2012). Es wird öfters nicht als eigene Diagnose erkannt, sondern als ein Teil einer Manie oder einer antisozialen Persönlichkeitsstörung behandelt. Zudem kommt es zu Fehldiagnosen wie Persönlichkeitsstörungen, Substanzmissbrauch oder psychotischen Störungen (Grant &  Odlaug, 2012).

Der grösste Teil der Forschung zum Thema Pyromanie beschränkt sich auf Kinder oder Personen in der Adoleszenz. Die Prävalenz beträgt bei Kindern etwa 2.4-3.5 Prozent (Jacobson, 1985; Kolko & Kadzin, 1988), in der Adoleszenz 6.9 Prozent (Grant & Kim, 2007). Besonders häufig sind Knaben oder Männer betroffen.

Pillen gegen das Feuerlegen?

Personen mit Pyromanie weisen häufig Komorbiditäten auf mit anderen Impulskontrollstörungen wie Kleptomanie oder Spielsucht (Grant & Kim, 2007). Ausserdem leiden Personen mit Pyromanie oft ebenfalls unter Substanzmissbrauch, affektiven Störungen oder Angststörungen. Da ein Zusammenhang zwischen Impulskontrollstörungen und Suchterkrankungen theoretisch diskutiert wird, sind diese Komorbiditäten nicht verwunderlich (Grant & Kim, 2007). Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Diagnosegruppen ist das wachsende Verlangen vor der Handlung und eine Erleichterung, Befriedigung oder ein Vergnügen nach der Tat (Grant, 2008). Das Verlangen bezieht sich auf repetitive Handlungen, die belohnend auf die Person wirken. Deswegen wird auch bei der Pyromanie von einer Verhaltenssucht gesprochen, welche einen dysfunktionalen neuralen Kreislauf mit Belohnung und Top-Down Inhibitionskontrolle beinhaltet (Padhi et al., 2012).

Weswegen Menschen das starke Verlangen haben Feuer zu legen, ist unklar. Es gibt jedoch zahlreiche neurobiologische Erklärungsansätze und behaviorale Modelle (Grant & Odlaug, 2012). Beispielsweise kann das Zerstören von Gegenständen durch ein Gefühl von Macht zu mehr Selbstbewusstsein führen. Vermutlich gibt es aufgrund der geringen Forschung sehr wenige Therapieansätze. Es gibt keine kontrollierten, randomisierten, klinischen Studien zu Psychopharmaka und Pyromanie, dennoch werden Medikamente verschrieben (Grant & Odlaug, 2012). Andere Therapieansätze sind Entspannung, Aversivtherapie und Feuersicherheitstrainings. Da es keine Standardbehandlung gibt, wird Pyromanie oft mit einer Kombination aus Psychopharmaka und kognitiver Verhaltenstherapie behandelt.


Zum Weiterlesen

Grant, J. E., & Odlaug, B. L. (2012). Assessment and treatment of Pyromania. In J. E. Grant & M. N. Potenza (Eds.), The Oxford Handbook of Impulse Control Disorders (1st ed.). Oxford University Press: Oxford, England. doi:10.1093/oxfordhb/9780195389715.013.0101

Literatur

Grant, J. E., & Kim, S. W. (2007). Pyromania: Clinical characteristics and psychiatric comorbidity. Journal of Clinical Psychiatry, 68(11), 1717–1722.

Grant, J. E., & Odlaug, B. L. (2012). Assessment and Treatment of Pyromania. In J. E. Grant & M. N. Potenza (Eds.), The Oxford Handbook of Impulse Control Disorders (1st ed.). Oxford University Press. doi:10.1093/oxfordhb/9780195389715.013.0101

Grant, J. E., Williams, K. A., & Potenza, M. N. (2007). Impulse-control disorders in adolescent psychiatric inpatients: Co-occurring disorders and sex differences. Journal of Clinical Psychiatry, 68(10), 1584–1592.

Grant, J. E. (2008). Impulse control disorders: A clinician’s guide to understanding and treating behavioral addictions. New York: W. W. Norton.

ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics: 6C70 Pyromania. (2019). Retrieved from https://icd.who.int/browse11/l-m/en#/http://id.who.int/icd/entity/1532500290

Jacobson, R. R. (1985). Child firesetters: A clinical investigation. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 26, 759.

Kolko, D. J., & Kadzin, A. E. (1988). Prevalence of firesetting and related behaviors among child psychiatric patients. Journal of Consulting Clinical Psychology, 56, 628–630.

Padhi, A. K., Mehdi, A. M., Craig, K. J., & Fineberg, N. A. (2012). Neurocognitive and Behavioral Models of Impulsivity and the Role of Personality. In J. E. Grant & M. N. Potenza (Eds.), The Oxford Handbook of Impulse Control Disorders (1st ed.). Oxford University Press. doi:10.1093/oxfordhb/9780195389715.013.0017

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