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Menschlische Lügenerkennung

Existieren sogenannte Wizards of Deception Detection tatsächlich?

Jede*r Einzelne von uns hat schon einmal gelogen. Die meisten von uns können jedoch kaum erkennen, wenn wir getäuscht werden. Es wird aber diskutiert, ob es nicht doch eine kleine Gruppe von aussergewöhnlichen Menschen gibt, die es vermögen, Täuschungen verblüffend genau zu entdecken.

Von Tugce Aras
Lektoriert von Selina Landolt und Laura Trinkler
Illustriert von Svenja Rangosch

Lügen sind ein Bestandteil des alltäglichen Lebens, wobei Menschen unter anderem lügen, um einer Peinlichkeit zu entgehen oder um einen guten Eindruck bei anderen zu hinterlassen (DePaulo, 1992). Gemäss einer Forschungsgruppe erzählen Menschen in jeder dritten bis fünften sozialen Interaktion eine Lüge. Bei 25 Prozent aller Lügen ist der Grund des Lügens, dass Gefühle des Gegenübers geschützt werden wollen (DePaulo, Kashy, Kirkendol, Wyer, & Epstein, 1996). Dies verdeutlicht, dass sie nicht nur gebraucht werden, um eine Distanz zu den Mitmenschen zu schaffen, sondern auch, um geliebte Menschen vor Sorgen oder Verlegenheit zu schützen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Lügen auch als soziale Fähigkeit (DePaulo & Jordan, 1982) oder gar als ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung eines jeden Menschen (DeVilliers & DeVilliers, 1978) betrachtet wird.

Trotz dieser Allgegenwärtigkeit von Lügen fällt die durchschnittliche menschliche Lügenentdeckungsleistung eher gering aus. Forscher*innen berichten von einer Erkennungsleistung von gerade mal 54 Prozent, was nur knapp besser als der Zufall ist (Bond & Uysal, 2007). Das Interessante dabei ist besonders die Verteilung von korrekt identifizierten Lügen und Wahrheiten. Es werden nämlich nur 47 Prozent der Lügen korrekt als solche erkannt, wobei 61 Prozent der Wahrheiten auch als wahr eingestuft werden. Diese Tendenz von Menschen, Lügen eher als Wahrheiten einzustufen als Wahrheiten als Lügen, wird auch «Truth Bias» genannt (Bond & DePaulo, 2006).

Facial Action Coding System – FACS

Aber wie erkennen Menschen nun, ob ihr Gegenüber sie anlügt oder nicht?

Eine Möglichkeit hierzu ist die systematische Analyse von Gesichtsausdrücken mittels des Facial Action Coding Systems (FACS) von Paul Ekman und Wallace V. Friesen. Das FACS ist ein umfassendes System zur Beschreibung aller Gesichtsbewegungen, das auf der menschlichen Anatomie basiert und alle visuell unterscheidbaren Bewegungen des Gesichts anhand von 44 Aktionseinheiten beschreibt. Dabei ist es wichtig, dass eine Aktionseinheit nicht immer eine einzelne Muskelaktivität beschreibt, sondern vielmehr einzelne oder mehrere Muskelaktivitäten zu einer Einheit zusammenfasst. Dies kommt daher, dass ein und derselbe Muskel unterschiedliche Regionen bewegen kann. Darüber hinaus ermöglicht das FACS auch die Kodierung der Intensität jeder Gesichtsbewegung, deren Timing sowie die Beschreibung von Gesichtsausdrücken als Events. Ein Event ist hierbei die Beschreibung eines einzelnen Gesichtsausdruckes mittels verschiedener Aktionseinheiten, wobei ein Ausdruck aus nur einer Aktionseinheit oder aus mehreren Einheiten bestehen kann (Ekman, 1997). 

«Die Lüge […] ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur.»

Immanuel Kant, 1796, S. 28

Bezüglich Lügen wird angenommen, dass das Gesicht besser zum Lügen ausgestattet ist als der Rest des Körpers, da die groben Gesichtszüge – die makro expressions – doch sehr gut kontrolliert werden können. Es wird aber auch berücksichtigt, dass es diese am ehesten preisgibt. Letzteres kommt davon, dass die Gesichtsausdrücke beim Lügen nicht vollends kontrolliert werden können, wodurch sogenannte micro expressions durchscheinen können. Diese werden von den Autoren definiert als sehr kurze und von untrainierten Personen kaum wahrnehmbare Fragmente neutralisierter oder maskierter Ausdrücke und können, wenn in Zeitlupe betrachtet, Informationen bezüglich der wahren Emotionen eines Menschen preisgeben. Klinische Expert*innen mit Training hingegen vermögen es laut den Autoren auch ohne Zeitlupe, die micro expressions zu erkennen und entsprechend zu deuten (Ekman & Friesen, 1969).

Diese Aussage zeigt auch schon das Problem mit der Lügenentdeckung bei Menschen: Der durchschnittliche Mensch vermag es nicht, solch feine Unterschiede im Gesichtsausdruck anderer zu lesen und entsprechende Schlüsse bezüglich ihrer Aufrichtigkeit zu ziehen. Wenn es also tatsächlich Expert*innen der Lügenerkennung gibt, dann könnte der Unterschied darin liegen, dass sie tatsächlich diese micro expressions erkennen können, die den meisten verborgen bleiben. Die Frage bleibt aber: Gibt es diese einzigartige Fähigkeit tatsächlich und falls ja, wie wird eine solche entwickelt?

Definition von Lügen nach Ekman

Ekman (1997) definiert Lügen nach den folgenden beiden Kriterien:

  1. Die Absicht: Der*Die Lügner*in entscheidet sich ganz bewusst dazu, sein*ihr Gegenüber zu täuschen, und hat die Wahl, es nicht zu tun.
  2. Das Unwissen des Gegenübers: Die getäuschte Person darf nicht darüber im Klaren sein, dass sie getäuscht wird.

Wizards of Deception Detection

Die Diskussion um die sogenannten Wizards of Deception Detection (dt. Zauberer der Täuschungserkennung) wurde durch eine Studie von O’Sullivan und Ekman (2004) angeregt. In dieser beschreiben die Autor*innen, wie sie unterschiedliche Berufsgruppen gefunden haben, in denen sich aussergewöhnlich viele begabte Lügenentdecker*innen befinden. Unter anderem nennen sie Agent*innen des Secret Service, die in einer ihrer früheren Studien signifikant besser als die Zufallsrate abschnitten. Etwas mehr als die Hälfte der Gruppe erreichten sogar eine Entdeckungsleistung von 70 Prozent oder höher. Dies erklären sich die Autor*innen durch die Natur der Arbeit der Agenten, welche durch die Beobachtung von Menschenmengen nonverbalen Täuschungshinweisen gegenüber stärker sensibilisiert werden. Ausserdem müssen Agent*innen des Secret Service Drohungen gegenüber Beamt*innen bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit evaluieren, wodurch sie jederzeit unvoreingenommen bleiben müssen. Dies ist auch gerade deshalb wichtig, da solche Vorkommnisse wie die eben erwähnten Drohungen doch eher selten sind (Ekman & O’Sullivan, 1991).

Im Jahr 1999 haben Ekman und O’Sullivan von drei weiteren Berufsgruppen berichtet, die überdurchschnittliche Leistungen bezüglich der Täuschungserkennung erbringen. Namentlich sind dies Gesetzeshüter*innen aus verschiedensten Behörden, Bundesrichter*innen, sowie forensische Psycholog*innen. Die Autor*innen nahmen an, dass das verbindende Merkmal zwischen all diesen Berufsgruppen ihr aussergewöhnlich hohes Interesse am Thema der Täuschungsentdeckung und ihre hohe Motivation ist, diese Fähigkeiten weiter zu verbessern. Letztlich entdeckten sie noch weitere Wizards, als sie 1’200 Psychotherapeut*innen einen ihrer Tests vorlegten, wobei etwa 10 Prozent der getesteten Therapeut*innen eine Entdeckungsleistung von 90 Prozent oder höher erbrachten (Ekman, O’Sullivan, & Frank, 1999).

In O’Sullivans und Ekmans Studie aus dem Jahr 2004 wurden den Proband*innen drei verschiedene Tests vorgelegt. Im ersten Test, dem Emotion Deception Judgement Task, wurden den Proband*innen Videosequenzen von zehn Frauen präsentiert, welche bezüglich ihres emotionalen Zustandes entweder lügen oder die Wahrheit sagen. Im zweiten Test, dem Opinion Deception Judgement Task, wurden Aufnahmen von zehn Männern genutzt, die bezüglich eines Themas, zu jenem sie nach eigenen Angaben starke Meinungen haben, entweder lügen oder wahrheitsgetreu antworten. Die Hälfte der Interviewsegmente waren von Männern, die bezüglich ihrer Meinung die Wahrheit sagten, wobei die andere Hälfte nicht ehrlich war. Der letzte Test nannte sich der Crime Deception Judgement Task, in dem zehn andere Männer erklären mussten, ob sie 50 US-Dollar gestohlen hatten. Und wieder beantwortete die Hälfte der Männer die Frage wahrheitsgetreu, während die andere Hälfte log.

«For many years we have studied individual differences among people in their ability to detect deception from demeanour. Most people do rather poorly in making such judgements.»

O’Sullivan & Ekman, 2004, p. 269

Die Auswahl der Expert*innen erfolgte wie folgt: Zunächst wurden all diejenigen auserwählt, die angaben, im Opinion Deception Judgement Task 90 Prozent oder mehr erreicht zu haben. Im nächsten Schritt mussten diese Kandidat*innen die beiden anderen Tests absolvieren, und nur diejenigen, die in beiden eine Genauigkeit von mindestens 80 Prozent erreichten, wurden als Expert*innen oder Wizards klassifiziert. In diesem Fall waren das gerade einmal 14 Personen. Nach einer Lockerung der Regeln, wodurch nur in einem der beiden letzten Tests 80 Prozent erreicht werden mussten, kamen sie schlussendlich auf insgesamt 29 Expert*innen von insgesamt 12’000 Teilnehmer*innen, was 0.24 Prozent entspricht (O’Sullivan & Ekman, 2004).

Kritik an der Studie

Am eben beschriebenen Vorgehen zur Auswahl der Expert*innen ist erstens die Tatsache problematisch, dass die Teilnehmer*innen per Handzeichen angaben, wie viele richtige Antworten sie hatten. Dies ist alles andere als ideal, da gerade auch die Teilnehmer*innen bezüglich ihrer Leistung unehrlich hätten sein können.

Weiter beschreiben Bond und Uysal (2007) ausführlich, warum ihrer Meinung nach deutlich mehr Wizards hätten gefunden werden müssen. Dabei gehen sie vor allem auf methodische und statistische Gründe ein. Bezüglich der Methodik wenden sie ein, dass die Untersuchungsbedingungen in der Studie von O’Sullivan und Ekman (2004) deutlich von früheren Studien abwichen, wodurch ein Vergleich kaum möglich ist. Statistisch zu bemängeln ist, dass nicht alle 12’000 der ursprünglich in der Studie eingeschlossenen Teilnehmer*innen auch alle drei Tests absolviert haben und auch die Anzahl derer, die das getan haben, ist nicht bekannt. Bond und Uysal (2007) zeigen anhand von eigenen Berechnungen auf, dass die von den Ursprungsautor*innen berichtete Anzahl der gefundenen Expert*innen deutlich tiefer ist, als es zu erwarten wäre.

Abschliessend wäre es denkbar, dass gewisse Menschen aufgrund ihrer Erfahrung und durch Training die Fähigkeit haben, Täuschungen deutlich besser als die Durchschnittsperson zu durchschauen. Es ist jedoch nicht hinreichend geklärt, ob sogenannte Wizards tatsächlich existieren oder was sie genau ausmacht, da die Untersuchungen dazu einige Mängel aufweisen, die es noch zu beheben gilt. Es ist also vorstellbar, dass diese Expert*innen gar nicht solch eine Rarität sind, wie es die Untersucher*innen darstellen. Wer weiss, vielleicht steckt ja auch in Ihnen ein Genie der Täuschungserkennung.


Zum Weiterlesen

O’Sullivan, M., & Ekman, P. (2004). The wizards of deception detection. In P. A. Granhag, & L. A. Strömwall (Eds.), The detection of deception in forensic contexts, (pp. 269-286). New York: Cambridge University Press.

DePaulo, B. M. (2018). Wie und warum wir lügen. Babelcube Inc.

Literatur

Bond Jr, C. F., & DePaulo, B. M. (2006). Accuracy of deception judgments. Journal of Personality and Social Psychology Review, 10(3), 214-234. https://doi.org/10.1207/s15327957pspr1003_2

Bond Jr, C. F., & Uysal, A. (2007). On lie detection «wizards.». Law and Human Behavior31(1), 109-115. https://doi.org/10.1007/s10979-006-9016-1

De Villiers, J. G., & DeVilliers, P. A. (1978). Language acquisition. Cambridge: Harvard University Press.

DePaulo, B. M. (1992). Nonverbal behavior and self-presentation. Psychological Bulletin111(2), 203-243. https://doi.org/10.1037/0033-2909.111.2.203

DePaulo, B. M., & Jordan, A. (1982). Age changes in deceiving and detecting deceit. In Development of nonverbal behavior in children (pp. 151-180). New York: Springer.

DePaulo, B. M., Kashy, D. A., Kirkendol, S. E., Wyer, M. M., & Epstein, J. A. (1996). Lying in everyday life. Journal of Personality and Social Psychology70(5), 979-995. https://doi.org/10.1037/0022-3514.70.5.979

Ekman, P. (1997). Lying and deception. In N. L. Stein, P. A. Ornstein, B. Tversky, & C. J. Brainerd (Eds.), Memory for everyday and emotional events, (pp. 333-347). New Jersey: Psychology Press.

Ekman, P., & Friesen, W. V. (1969). Nonverbal leakage and clues to deception. Psychiatry32(1), 88-106. https://doi.org/10.1080/00332747.1969.11023575

Ekman, P., & O’Sullivan, M. (1991). Who can catch a liar? American Psychologist46(9), 913.

Ekman, P., O’Sullivan, M., & Frank, M. G. (1999). A few can catch a liar. Psychological Science10(3), 263-266.

Ekman, P. (1997). What the face reveals: Basic and applied studies of spontaneous expression using the Facial Action Coding System (FACS). Oxford University Press

Kant, I. (1798). Verkündigung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie. (Retrieved from https://books.google.ch/books)

O’Sullivan, M., & Ekman, P. (2004). The wizards of deception detection. In P. A. Granhag, & L. A. Strömwall (Eds.), The detection of deception in forensic contexts, (pp. 269-286). New York: Cambridge University Press.

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