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Rozafa

Die Frau in der Mauer

Ich möchte euch eine von mir sehr geschätzte Legende erzählen, zu der meine Gefühle jedoch ziemlich ambivalent sind. Zwischen Kultur, Mutterliebe, Betrug, Ehre, Trauma, Patriotismus, Angst, Überleben und Lob der Selbstopferung gibt es hier viel zu lieben – und zu hassen.

Von Noémie Lushaj
Lektoriert von Zoé Dolder und Isabelle Bartholomä
Illustriert von Hannah Löw

Die folgende Geschichte erzählte mir zum ersten Mal mein Vater, die Augen voller Tränen, als ich durch die Burgruinen einer historischen, nordwestalbanischen Stadt namens Shkodra schlenderte. Die Burg, die in der Antike strategisch auf einem den Ort überragenden Hügel errichtet worden ist, wurde nach der Hauptprotagonistin der Legende um den Bau des Gebäudes benannt: Rozafa. Damals war ich noch ein Kind, doch die Geschichte dieser jungen Frau hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, so dass ich sie nie vergessen habe und immer wieder daran denke. Traditionell wird diese Legende in Albanien von Generation zu Generation mündlich weitergegeben und bis jetzt habe ich sie tatsächlich nur so erzählt, als Gute-Nacht-Geschichte für Freund*innen oder Liebhaber. Nun teile ich sie mit euch, liebe Leser*innen! Selbst wenn ich der Auffassung bin, dass Legenden, wie andere kulturelle Erzeugnisse, immer teilweise opak bleiben. Denn, egal ob gehört oder gelesen, und ob wirklich verstanden, sind Erzählungen da, um sich einfach auf sie einzulassen… Wenn man Glück hat, kann man vielleicht etwas mitnehmen – über die Gesellschaft, über den Menschen, über sich selbst.

Il était une fois

Es waren einmal, nicht weit von den verwunschenen Bergen entfernt, drei Brüder. Sie arbeiteten jeden Tag sehr hart, um eine Festung zu errichten, die ihre Stadt vor Angreifern schützen sollte. Sie waren hochtalentierte Maurer, doch für drei aufeinanderfolgende Nächte stürzten die Mauern des Schlosses ein, während sie schliefen, und jeden Morgen mussten sie wieder von vorn beginnen. So blieben sie die nächste Nacht wach, um herauszufinden, wer ihre Arbeit demolierte. Sie konnten es kaum glauben: Es waren keine Menschen, die ihr Werk zerstörten, sondern eine unsichtbare, mysteriöse Kraft. In diesem Moment erschien aus dem Nebel ein alter Mann vor ihnen. Er sagte, er kenne eine Weise, den Fluch zu beheben, aber die Kosten seien hoch, denn es sei menschliches Blut, das die Geister verlangen. Genauer müssten die Brüder einen geliebten Menschen opfern, und zwar diejenige ihrer Ehefrauen, die am nächsten Tag das Essen bringen wird: Diese müsse lebendig in die Burg eingemauert werden. Die Männer hatten keine andere Wahl, als dies zu akzeptieren. Sie schworen, niemandem von der Sache ein Wort zu sagen – der Zufall würde entscheiden, wer geopfert wird.

So kehrten abends alle drei Männer mit schweren Herzen zu ihren Familien zurück. Die zwei älteren hielten ihr Versprechen nicht und warnten ihre Frauen. Nur der kleinere Bruder, der diese Nacht kein Auge zumachte, war ehrlich und erzählte seiner Geliebten nichts von der Prophezeiung. Seine Frau war Rozafa: Eine liebevolle junge Mutter, deren Lächeln die kältesten Winternächte wärmen konnte. Als die Sonne am nächsten Tag aufging, behauptete die Frau des ältesten Bruders, dass sie in der Nacht leider krank geworden sei. Die Frau des mittleren Bruders sagte, sie sei schon mit ihren Eltern in der Stadt verabredet. Als ihre Schwiegermutter Rozafa also darum bat, Brot, Früchte, Wasser und Wein an der Baustelle vorbeizubringen, willigte diese selbstverständlich ein. Als ihr Ehemann sie erscheinen sah, liess er aus Trostlosigkeit seinen Hammer auf einen Stein fallen: Wie sein Herz zerbrach dieser in zwei Teile. Der älteste Bruder, wegen seines eigenen Betrugs von Scham überwältigt, unterrichtete die junge Frau über ihr Schicksal.

«As we behold Rozafa’s milk streaming down the fortress walls, […] we witness at once our past and our future, our collective magnificence and our self-inflicted doom.»

Richard C. Raymond, 2006, S. 76

Rozafa tröstete ihren Mann zitternd und erklärte sich bereit, für Albanien zu sterben. Ihre Rolle akzeptierte sie jedoch nur unter der Bedingung, dass die Männer ihr rechtes Auge, ihre rechte Brust, ihre rechte Hand und ihren rechten Fuss aus der Mauer herausragen lassen. So würde sie ihren Sohn immer noch überwachen, ihn stillen, seinen Kopf streicheln und seine Wiege schaukeln können. Auf diese Weise würde er eines Tages vielleicht König werden und über das stolze Land regieren, erklärte sie. Die Männer, voller Dankbarkeit und Bewunderung, honorierten alle ihre Wünsche. Was danach genau geschah, weiss man nicht. Sicher ist, dass die Burg bis heute schützend über Shkodra steht. Die Legende besagt, dass ihre Steine heutzutage immer noch nass sind: Von Rozafas Muttermilch und von ihren Tränen (nach Raymond, 2006).

Wie Kultur sich rettet

Im Laufe der Zeit wurde Albanien mit mehreren Bedrohungen konfrontiert: Die Römer, die jahrhundertelange, osmanische Herrschaft und zahlreiche Invasionen durch verschiedene Nachbarvölker, um nur einige Beispiele zu nennen (Raymond, 2006). Rozafa – die Legende und die Frau – können in diesem Kontext als Kulturwächterinnen angesehen werden. Dank der letzteren wurde der Fluch behoben und folglich eine wichtige Festung gebaut. Die Legende diente ihrerseits dazu, den Stolz in der albanischen Kultur aufrechtzuerhalten. Dieser half dem Volk, harte Zeiten zu überstehen (Raymond, 2006). Es hätte sein können, dass die albanische Kultur und Sprache ohne die beiden Rozafas verschwunden wären und ich euch an dieser Stelle eine ganz andere Legende erzählen würde!

In der Tat enthält die Legende eine Vielzahl an wesentlichen, kulturellen Referenzen und Botschaften, wie die sogenannte Besa – das Versprechen, das eigene Wort zu halten (Raymond, 2006). In der Legende ist der jüngste Bruder der einzige, der sich daran hält und ehrenvoll handelt. Dafür muss er schwere Konsequenzen tragen, doch den Leser*innen wird klar, dass dieses Konzept einen fast heiligen Stellenwert in der albanischen Kultur besitzt: Keine Männer, keine Mauer und kein Albanien ohne Ehre. Rozafa ist somit ein moralisches Lehrstück, laut welchem bedeutsame Unterfangen sowohl Aufopferung als auch Wahrhaftigkeit verlangen. Auch bildet die Legende sehr schön die Komplexität der menschlichen Natur ab, deren widersprüchliche Anteile voneinander untrennbar bleiben. Wir Menschen: Bereit, uns im Namen der Liebe zu opfern, aber so oft anfällig für Angst, Lügen und Betrug.

Ausbrechen

Es ist meines Erachtens kein Zufall, dass die Person, die sich für das höhere Gut der Gesellschaft opfern musste, eine Frau ist. Tatsächlich beruhen viele patriarchale Gesellschaften auf der weiblichen Aufopferung. So wird Selbstlosigkeit routinemässig gelobt und Rozafa in einer Art und Weise beschrieben, die dem idealen Frauenbild der damaligen – und, könnte man argumentieren, auch der heutigen – Zeit entspricht: Gefällig, gehorsam, selbstlos. So selbstlos, dass trotz ihrer Einmauerung ihr erster Instinkt ist, an das Wohl und die Zukunft ihres Kindes zu denken. Eine wunderschöne Geste, doch in dem gesellschaftlichen Kontext von Albanien – und der Welt – mit einem bitteren Beigeschmack: Schön wäre es, würden Frauen nicht nur als gute Bürgerinnen, Töchter, Ehefrauen und Mütter wahrgenommen werden, sondern auch einfach als Individuen.

Die Freiheitsstrafe einer Heldin

Eine Burg ist auf Deutsch eine Art Schloss oder Ruine. Auf Albanisch heisst Schloss Kala, während das Wort für Gefängnis Burg ist. Vielleicht ist das eine reine Koinzidenz, doch im Kontext dieser Legende ergibt diese Übersetzung sehr viel Sinn, denn Rozafa ist nicht nur eine Kulturwächterin, sondern auch die Wächterin ihres eigenen Gefängnisses. Sie ist die Beschützerin von Mauern, die dank ihr stehen und die sie gleichzeitig beschützen und gefangen halten. Diese Umstände können durch die Linse der klinischen Psychologie angeschaut werden: Forschung hat gezeigt, dass Gefangenschaft zu psychischen Störungen wie posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen führen kann (Ehlers et al., 2000; Fazel & Seewald, 2012). Eine Diagnose kann man an dieser Stelle zwar nicht stellen, doch es ist nicht schwer, sich Rozafas Schmerz vorzustellen, während ihre Tränen bis in alle Ewigkeit die Wände des Schlosses herunterlaufen.

Abgesehen davon glaube ich, dass jede*r – egal, ob Mann oder Frau – sich in einem gewissen Ausmass in Rozafa wiedererkennen kann. Ich denke, dass mich gerade deswegen diese Geschichte so sehr berührt: Weil ich diese Selbstaufopferung in mir selber und in so vielen anderen Menschen tagtäglich bemerke. Darum zelebriere ich die Stärke von allen Rozafas dieser Welt, denen unglaublich viel geschuldet wird. Gleichzeitig hoffe ich von Herzen, dass es von keinem Menschen mehr erwartet wird, sich dermassen opfern zu müssen. Wir haben es mehr als verdient, uns von solchen Erwartungen zu befreien und uns zu entfalten: Es ist Zeit, dass Mauern, Länder und Familien auf etwas anderem gebaut werden, als auf unseren Rücken.


Zum Weiterlesen

Raymond, R. C. (2006). Albania immured: Rozafa, Kadare, and the sacrifice of truth. South Atlantic Review, 71(4), 62-77. www.jstor.org/stable/20064784

Literatur

Ehlers, A., Maercker, A., & Boos, A. (2000). Posttraumatic stress disorder following political imprisonment: The role of mental defeat, alienation, and perceived permanent change. Journal of Abnormal Psychology, 109(1), 45-55. https://doi.org/10.1037/0021-843X.109.1.45

Fazel, S., & Seewald, K. (2012). Severe mental illness in 33 588 prisoners worldwide: Systematic review and meta-regression analysis. British Journal of Psychiatry, 200(5), 364-373. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.111.096370

Raymond, R. C. (2006). Albania immured: Rozafa, Kadare, and the sacrifice of truth. South Atlantic Review, 71(4), 62-77. www.jstor.org/stable/20064784

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