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Psychiatrie – Endhaltestelle oder Zwischenstopp?

Einblick in die Entwicklungsgeschichte der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK)

Von den Langzeittherapien im Burghölzli um 1870 bis zur Tagesklinik im Zentrum für Soziale Psychiatrie 2018 blickt die PUK auf bald 150 Jahre bewegte Geschichte zurück. Was hat sich getan in den Bereichen des Selbstverständnisses der Psychiatrie als Institution, der therapeutischen Möglichkeiten, der Erwartungen sowie bisweilen auch Ängsten und Vorurteilen von Patient|innen und Gesellschaft?

Von Jennifer Bebié
Lektoriert von Laura Bechtiger und Franziska Hasler
Illustriert von Eigenillu

Geöffnete Fenster verbinden ein hochsommerliches Zürich mit dem hellen, hohen Raum des Info-Kaffees im Zentrum für Soziale Psychiatrie. Wenig erinnert hier an die Bilder, welche mir beim Wort «Psychiatrie» durch den Kopf gehen. Anstelle von verriegelten Toren und Wärtern in weissen Kitteln, umgeben mich Kaffeetischchen, Tageszeitungen und ein buntes Cafeteria-Angebot. An den Wänden stehen verteilt einige Zimmerpflanzen. Eine junge Frau bestellt einen Kaffee mit Milch und Zucker. Ob sie ihr Getränk hier als Angestellte oder als Patientin entgegennimmt, bleibt für mich verborgen. Ich warte auf Anke Maatz, Assistenzärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der PUK. Von ihr möchte ich mehr dazu erfahren, wie sich die Klinik in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Um Veränderungsprozesse neueren Datums nachvollziehen und einordnen zu können, soll im Folgenden aber nicht nur den aktuellsten Fragen und Problemstellungen Rechnung getragen werden. Es gilt die Entwicklungsgeschichte der PUK als Ganzes im Blick zu halten. Wie wurde aus dem Burghölzli die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich? Wo steht die Klinik heute zwischen Langzeitbetreuung und Not-Halt für Menschen in Krisensituationen?

Um die Jahrhundertwende gab es in Zürich die Heilanstalt, das war das Burghölzli und dann die Pflegeanstalt in der Rheinau. Es gab auch vor über hundert Jahren schon den Anspruch zu heilen und auch das Verständnis, dass psychische Erkrankungen nicht unbedingt chronisch verlaufen, sondern es zu einer Heilung kommen kann.

Dr. med. Anke Maatz im Gespräch mit Jennifer Bebié, 30. Juli 2018

Heil- und Pflegeanstalt Burghölzli

«Irre sind heilbar» (Schott, 2006, S.270). Unter diesem Leitsatz distanzierten sich europäische Psychiater im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer stärker von der bis dahin verbreiteten Praxis, die als unheilbar angesehenen Geisteskranken in sogenannten Tobhäusern zu versorgen (Luchsinger, 2016) oder sie zusammen mit Kriminellen, körperlich Behinderten, sowie Alten und Bedürftigen unterzubringen (Danuser & Rössler, 2013). Psychisch Kranke galten nun als behandelbar. Die Behandlung in den frühen psychiatrischen Anstalten kam jedoch noch nicht ohne gewaltsame Massnahmen aus. Zwangsjacken, Fixiergurte, Einzelzellen, kalte Wassergüsse und Einweisungen, meist gegen den ausdrücklichen Willen der Patient|innen, prägten die ambivalente Einstellung der Gesellschaft gegenüber der Psychiatrie (Danuser & Rössler, 2013).

Um 1860 begann sich auch in der Schweizer Psychiatrie der Standard des No-restraint durchzusetzen (Danuser & Rössler, 2013). Mitten in dieser Zeit des Umdenkens beginnt auch die Geschichte der PUK. 1870 als Irrenheil- und Pflegeanstalt Burghölzli eröffnet, stand die Klinik im Zeichen einer Psychiatrie, die sich im Wandel befand. In Folge wurden beispielsweise arbeitstherapeutische Angebote im Burghölzli etabliert (Luchsinger, 2016). Der arbeitstherapeutische Ansatz stand einer Vielzahl anderer Praktiken der damaligen Anstaltspsychiatrie entgegen. Anstelle der Isolierung und Bettbehandlung «unruhiger» Kranker, trat die verstärkte Einbindung in Alltagsaktivitäten (Tölle & Schott, 2006).

Die Klinik als einen Ort reibungsloser Fortschrittsbewegung zu verstehen, greift jedoch zu kurz. Noch im 19. Jahrhundert musste erkannt werden, dass nur sehr begrenzte Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung standen und dass ein «nicht unwesentlicher Anteil der Kranken» nicht oder nicht innert absehbarer Frist geheilt werden konnte. Lang- und teilweise Lebenszeitplätze für chronisch Kranke gehörten nach wie vor zum Bild des Burghölzli (Tölle & Schott, 2006, S. 270). Trotz einer Umbenennung in Kantonale Heilanstalt (Danuser & Rössler, 2013) bot das Burghölzli weiterhin Raum für jahrelange Aufenthalte und wurde ferner für einzelne seiner Patienten zur Endstation.

Ausbau der Behandlungsmöglichkeiten

Das Spektrum psychiatrischer Behandlungsmöglichkeiten weitete sich jäh, als in den 1950er Jahre mit Chlorpromazin und Imipramin erste Neuroleptika und Antidepressiva für therapeutische Zwecke zur Verfügung standen. Die anfänglich noch ausgesprochen optimistische Hoffnung endlich ein unproblematisches Heilmittel, gar eine kausale Behandlungsmöglichkeit psychiatrischer Erkrankungen gefunden zu haben, vermochten die neuen Substanzen nicht zu erfüllen (Baer, 1998).

Da fand sicherlich ein Umdenken statt. In den psychiatrischen Pflegeanstalten (…) ging es wirklich um langjährige Aufbewahrung, jetzt sehr negativ formuliert, aber positiver gesagt auch einfach um das Schaffen von Lebensraum. Heutzutage versucht man stationäre Aufenthalte kurz zu halten.

Maatz, 2018

Die Vorteile, welche eine psychopharmakologische Therapie mit sich bringen konnte, waren dennoch nicht mehr aus der Klinik wegzudenken. Kranke, die zuvor unerreichbar in sich gefangen schienen, die in hoffnungsloser Apathie versunken verharrten oder die aufgrund ihrer Unruhe unter Zwang ruhiggestellt worden waren, konnten durch medikamentöse Unterstützung erhebliche Besserung ihrer Symptomatik erfahren (Baer, 1998). Das Behandlungsangebot der 60er Jahre ergänzten Beschäftigungs-, Musik-, Kunst- und Psychotherapie (Danuser & Rössler, 2013).

Psychiatrische Erkrankungen hatten nahezu auf einen Schlag erheblich an Endgültigkeit eingebüsst. Auch wenn das Selbstverständnis der Psychiatrischen Klinik im Wandel begriffen war, ausserhalb der Klinik hielten sich Vorurteile hartnäckig. Eine Umbenennung der Kantonalen Heilanstalt Burghölzli in Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (Danuser & Rössler, 2013) zeigte sich weit weniger einflussreich als Schlagworte wie «Pillenkeule» und «chemische Zwangsjacke» (Schott & Tölle, 2006, S. 488).

Natürlich gibt es weiterhin Vorurteile. Ich glaube, das muss man so festhalten. (…) Ich mache aber immer wieder die Erfahrung, dass Menschen überrascht sind darüber, wie Psychiatrie heutzutage funktioniert. Und zwar positiv überrascht.

Maatz, 2018

Das Stigma bleibt?

Die sommerlich gekleidete junge Frau mit dem offenen Lachen, die mich im Info-Kaffee abholt, hat so ganz und gar nichts gemein mit dem Bild des strengen Anstaltsarztes im weissen Kittel. Im Gespräch mit Anke Maatz werden dann auch die tiefgreifenden Veränderungen deutlich, welche die PUK innerhalb der letzten 50 Jahre durchlaufen hat. Die sozialpsychiatrische Wende der 70er Jahre weitete den Blick für soziale Ursachen psychischer Krankheiten (Baer, 1998). Heute arbeitet die PUK mit dem bio-psycho-sozialen Modell, nachdem Erkrankungen multifaktoriell verstanden und behandelt werden. Patient|innen erhalten zwar weiterhin pharmakologische Unterstützung, doch betont Anke Maatz die Bedeutung nonverbaler Verfahren wie Musik-, Kunst-, Ergo-, Tanz- und Bewegungstherapie. Auch die Psychotherapie sei in der heutigen Psychiatrie zentral. «Ich glaube, es ist tatsächlich eine Entwicklung der letzten Jahre, dass auch in einer akuten Erkrankungsphase, damit auch im stationären Behandlungssetting, verstärkt versucht wird, psychotherapeutisch zu arbeiten; dass also auch immer mehr Psychotherapie auf Akutstationen angeboten wird. Da ist tatsächlich ein Umdenken festzustellen, das sich ganz unmittelbar auch im therapeutischen Angebot niederschlägt» (Maatz, 2018).

PUK Zürich: Historische Eckdaten

1864: Baubeschluss

1870: Eröffnung der Klinik als Irrenheil- und Pflegeanstalt Burghölzli

1885: Etablierung arbeitstherapeutischer Angebote

1915: Umbenennung von Irrenheilanstalt in Kantonale Heilanstalt

1920er bis 40er Jahre: Schaffung und Erweiterung der Kinder- und Jugendpsychiatrie, allgemeiner Aus- und Umbau

1966: Umbenennung in Psychiatrische Universitätsklinik

1967: Einführung der Psychotherapie

1967-68: Einreissen der Klinikmauern

1970: Etablierung des sozialpsychiatrischen Dienstes

1984: Erwerb und Umbau des Gebäudes an der Militärstrasse für den sozialpsychiatrischen Dienst

2011: Integration des Psychiatriezentrums Rheinau als Zentrum für integrative Psychiatrie

2018: Neue Organisationsform als öffentlich-rechtliche Anstalt

(Danuser & Rössler, 2013)

Die PUK, die mir im Gespräch mit Anke Maatz begegnet, gewinnt zusehends an Distanz von langfristigen stationären Behandlungsformen. Es gilt das Prinzip «ambulant vor teilstationär vor stationär». Wo immer möglich soll versucht werden, Patient|innen in ihrem Lebensumfeld zu therapieren. Kranke können vermehrt von ambulanten und tagesklinischen Angeboten Gebrauch machen. Das Kriseninterventionszentrum bietet schnelle Hilfe für Menschen in Akutsituationen. Aufsuchende psychiatrische Behandlung findet sich im Home-Treatment Programm. Von der Haltung, psychiatrische Krankheiten grundsätzlich heilen zu müssen, sei man im Klinikalltag abgekommen. Den Fokus sieht Anke Maatz viel stärker bei der Unterstützung der Patient|innen, einen Umgang mit ihrer Symptomatik zu finden, um ein möglichst zufriedenes und erfülltes Leben führen zu können.

Die PUK ist in Bewegung und doch bleibt das Stigma bestehen? Schon Arenz (2003) sowie Schott und Tölle (2006) zeigten den grundlegenden Konflikt auf. Der medizinische Auftrag, Patient|innenleid zu lindern, steht einem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Sicherheit und sozialer Kontrolle gegenüber. Anke Maatz differenziert weiter: «Also ich glaube schon, dass die Vorstellung, dass eine psychische Erkrankung in den meisten Fällen chronisch verläuft sich eher aufweicht. Trotzdem ist die[se Vorstellung] in vielen Köpfen noch sehr verankert; nicht nur bei Patient|innen und Angehörigen, sondern durchaus auch immer wieder bei Behandlern. Es gibt leider immer wieder Geschichten, dass Behandler explizit Hoffnung auf Besserung verneinen. Aber eine moderne Psychiatrie verschreibt sich heutzutage dem sogenannten Recovery-Paradigma in dem ein ganz wichtiger Ansatz ist, dass es immer Grund zu Hoffnung gibt und dass immer eine Besserung, Heilung eintreten kann. Dazu gehört sicherlich auch die Einbeziehung von Peer-Mitarbeitern, Menschen mit Erfahrung psychischer Erkrankung. Daran versuchen wir uns zu orientieren und daraufhin zu arbeiten und diese Hoffnung auch zu vermitteln» (Maatz, 2018).

Ein gesellschaftlich stark verankertes Stigma lässt sich kaum einfach beseitigen, auch wenn damit nicht nur der Psychiatrie als Institution, sondern auch Betroffenen gedient wäre. Wie verstrickt die Faktoren zu verstehen sind, welche eine solche Stigmatisierung mitbeeinflussen, verdeutlicht Anke Maatz: «[Es gibt] natürlich nach wie vor Aspekte, die massgeblich zur Stigmatisierung beitragen (….), wie Zwangsbehandlungen, geschlossene Türen. (…) Es ist falsch zu meinen, dass die Psychiatrie ganz ohne das könnte. Aber es gibt ganz viel Bewegung in dem Bereich. Es gibt viel Bemühung Zwangsbehandlung zu reduzieren, und ich denke, ein Stückchen weit kommt davon doch auch was in der Gesellschaft an. Trotzdem bleibt, dass die Psychiatrie ja wie gefangen ist, in diesem Doppelmandat; (…) dass die Psychiatrie gleichzeitig den gesellschaftlichen Auftrag hat zu sichern und individuell zur Heilung beizutragen; und das gerät manchmal in Konflikt. Das Bedürfnis nach Sicherheit, das es in der Gesellschaft gibt, ist teilweise auch hinderlich für psychiatrisches Arbeiten, so dass die Psychiatrie auch immer wieder missbraucht wird, letztendlich ordnungspolitische Funktionen zu übernehmen, die einfach nicht in den medizinischen Auftrag fallen. Das ist so ein bisschen eine Stigmatisierungsfalle. Einerseits stigmatisiert die Gesellschaft die Psychiatrie, aber sie erteilt auch Aufträge oder delegiert unliebe Aufgaben (…), die wiederum zur Stigmatisierung beitragen und damit sind wir ständig konfrontiert» (Maatz, 2018).

Die komplexen Interaktionen unterschiedlicher Ansprüche, Haltungen und Erwartungen, lassen sich nicht schnell oder einfach auflösen. Resignation schwingt in unserem Gespräch dennoch wenig mit. Zwar benennt Anke Maatz die gegenwärtige Situation klar und mit Nachdruck, der Grundton bleibt, nichtsdestotrotz, veränderungsorientiert. «Ich glaube, was vielleicht am meisten helfen könnte, ist offener Austausch zwischen Gesellschaft, Psychiatrie und allen Stakeholdern, auch der Austausch darüber, dass Psychiatrie ganz ohne Zwang wohl nicht möglich ist und man trotzdem alles tun sollte, um Zwang gering zu halten. (…) Ich glaube, da muss die Psychiatrie selber aktiv werden und mehr zu sich stehen; mit allen Konflikten, die dazu gehören» (Maatz, 2018).

Nach dem Gespräch mit Anke Maatz, mache ich mich wieder auf den Weg in Richtung Hauptbahnhof. Meine Gedanken kreisen noch eine Weile um das Bild einer äusserst komplexen Psychiatrie, einer Institution, die sich am beständigsten durch stetigen Wandel auszeichnet. Ein Wandel, der sich sowohl im psychiatrischen Selbstverständnis als auch in der Arbeit mit Betroffenen und Öffentlichkeit vollzieht. Von einer Endhaltestelle ist die heutige PUK jedenfalls weit entfernt.

Ich steige in einen S-Bahnwagen. Nach kurzer Verzögerung, aufgrund einer technischen Störung an der Türschliessanlage, setzt sich der Zug in Bewegung. Meine Entfernung zum Hauptbahnhof, zum Zentrum für Soziale Psychiatrie, nimmt zu. Die psychiatrische Universitätsklinik war auch für mich heute nur Zwischenstopp.


Zum Weiterlesen

Böker, H., & Conradi, J. (2016). Burghölzli: Geschichten und Bilder. Zürich: Limmatverlag.

Danuser, H., & Rössler, W. (Eds.). (2013). Burg aus Holz: Das Burghölzli von der Irrenheilanstalt zur Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung.

Trösch, K. et al. (2007). In Etappen: Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich von 1990 bis 2007. Zürich: Psychiatrische Universitätsklinik Zürich.

Literatur

Arenz, D. (2003). Dämonen, Wahn, Psychose: Exkursion durch die Psychiatriegeschichte. Köln: Viavital Verlag GmbH.

Baer, R. (Ed.). (1998). Themen der Psychiatriegeschichte. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag.

Böker, H., & Conradi, J. (2016). Burghölzli Geschichten und Bilder. Zürich: Limmatverlag.

Danuser, H., & Rössler, W. (Eds.). (2013). Burg aus Holz: Das Burghölzli von der Irrenheilanstalt zur Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung.

Luchsinger, K. (2016). Die Vergessenskurve: Werke aus psychiatrischen Kliniken in der Schweiz um 1900. Eine kulturanalytische Studie. Zürich: Chronos Verlag.

Schott, H., & Tölle R. (Eds.). (2006). Geschichte der Psychiatrie: Krankheistlehren, Irrwege, Behandlungsformen. München: Verlag C.H. Beck.

Trösch, Kurt et al. (2007). In Etappen: Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich von 1990 bis 2007. Zürich: Psychiatrische Universitätsklinik Zürich.

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