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Mädchen, Unterbrochen

Ein ergreifendes Narrativ von Selbstfindung und Resistenz

Als junge Frau kommt Susanna in der parallelen Welt der psychischen Störung an. Eine Welt, in der die Gesetze der Physik nicht mehr gelten und Träume mit der Realität verwechselt werden. Nun ist sie mit der Entscheidung ihres Lebens konfrontiert: Bleiben oder gehen?

Von Noémie Lushaj
Lektoriert von Isabelle Bartholomä und Ladina Hummel
Illustriert von Andrea Bruggmann

1993 veröffentlichte die Schriftstellerin Susanna Kaysen ihr Memoire «Girl, Interrupted», in dem sie von ihrem 18-monatigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik in den 60er Jahren berichtet. 1999 verfilmte Hollywood ihre Geschichte in dem gleichnamigen Psycho-Drama. 

Jung, weiblich und «durchgeknallt» 

Die 18-jährige Susanna Kaysen, im Film gespielt von Winona Ryder, ist eine schlaue, aber psychisch gestörte junge Frau, die in den Augen der meisten Erwachsenen vor allem durch ihr kontrasoziales Verhalten charakterisiert wird. Tatsächlich möchte Susanna nach ihrem Gymnasialabschluss im Gegensatz zu ihren Klassenkameradinnen nicht an eine Universität gehen, um ein Studium anzufangen. Stattdessen möchte sie schreiben. Und vor allem nicht wie ihre Mutter werden. Ausserdem gilt sie auf Grund ihrer Beziehungen mit unterschiedlichen Männern als promiskuitiv. Als sie eines Tages 50 Tabletten Aspirin runterschluckt, wird sie von ihren Eltern zu einem Arzt geschickt, der sie nach einem 20-minütigen Gespräch mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Am selben Tag schreibt sich Susanna im McLean Hospital – im Film Claymoore Hospital genannt – ein. 

Dort lernt sie junge Frauen kennen, die sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen gemacht haben und nun von verschiedenen psychischen Problemen betroffen sind. Susanna beschreibt: Georgina leidet an Schizophrenie, Daisy wird von ihrem Vater sexuell misshandelt, Polly hat die Hälfte ihres Gesichts mit Gasolin verbrannt, Janet ist magersüchtig und Cynthia bekommt eine Elektroschock-Therapie. Vor allem die Soziopathin Lisa Rowe, gespielt von Angelina Jolie, fasziniert Susanna durch ihre gefährliche und charismatische Art. Zusammen erleben die Mädchen in dem besonderen Milieu der psychiatrischen Station Betrug und Stigmatisierung, aber auch Freundschaft und Mitgefühl. Auf dem Weg zur Heilung setzt sich Susanna mit existentiellen Fragen auseinander: Was ist krank und was ist gesund? Was ist das Geheimnis des Lebens? Wo gehört sie selbst hin? 

«Have you ever confused a dream with life? Or stolen something when you have the cash? Have you ever been blue? Or thought your train moving while sitting still? Maybe I was just crazy. Maybe it was the 60’s. Or maybe I was just a girl… interrupted.»  

Susanna Kaysen

Von Gesundheit in einer kranken Gesellschaft 

Das Thema der Verwechslung sozialer Nonkonformität mit Wahnsinn ist in Girl, Interrupted sehr präsent. Die Geschichte findet vor dem kulturellen Hintergrund der 60er Jahre statt: Eine Zeit gekennzeichnet durch Unsicherheit und Krisen, in der Tradition und sozialer Wandel gewaltsam aufeinandertrafen (Self, 2016). Der Vietnamkrieg und Protestbewegungen prägten die Jahre, die Susanna in der Klinik verbrachte. Auch gab es in diesem Jahrzehnt mehrere Fortschritte im Bereich der Frauenrechte (Burkett, 2020). Trotzdem blieben die Optionen, die Frauen zur Verfügung standen, immer noch begrenzt. 

Das kontrasoziale Verhalten von Susanna kann als Reaktion auf repressive soziale Normen interpretiert werden (Marshall, 2006). Ihre Eltern, das Edukationssystem und die Psychiatrie klassifizierten ihr Verhalten jedoch als pathologisch. Gemäss ihrem Standpunkt musste Susanna nämlich vor einer bedrohlichen Welt gerettet werden, die sie nicht mehr in der Lage waren, zu verstehen (Marshall, 2006). Dass Susanna als Folge dieses Unverständnisses als krank abgestempelt wurde und in die stationäre Psychiatrie geriet, suggeriert die Möglichkeit, dass ihre Kondition vielmehr ein Symptom einer kranken Gesellschaft als eine persönliche Krise sein könnte. Somit stellt Kaysen die Frage: Wie sieht eine passende Reaktion auf traumatische Umstände und Unterdrückung aus (Marshall, 2006)? 

Heterotopia 

Die Gefühle von Susanna und den anderen jungen Frauen gegenüber der Psychiatrie sind ambivalent. Tatsächlich stellt Girl, Interrupted mehrfach die Objektivität von psychiatrischen Diskursen und Institutionen in einer kritischen und oft humorvollen Weise in Frage (Marshall, 2006). Insbesondere analysiert Susanna die 20 Minuten, in denen ihre Diagnose gestellt wurde und die ihr Leben veränderten. Was waren die Motivationen des Arztes, der sie diagnostizierte? War ihre Internierung gerechtfertigt? Stimmt ihre Diagnose? Hat die Psychiatrie versagt, oder sie im Gegenteil gerettet? Auch die Klinik und die dort angewendeten therapeutischen Methoden werden an zahlreichen Stellen kritisiert, doch auf der anderen Seite ist dieser Ort ein sicherer Hafen, den viele der Patient*innen nur ungern verlassen würden. 

Weder utopisch noch deutlich dystopisch wird die Klinik, in der andere Regeln gelten und Patient*innen vom Rest der Gesellschaft ausgegrenzt sind, also am besten als Heterotopie verstanden (Antolin, 2020). Dieses geisteswissenschaftliche Konzept, das von dem Philosophen Michel Foucault entwickelt wurde, beschreibt Räume, die durch ihr Anderssein charakterisiert werden (Antolin, 2020). So bekommt Susanna in der Tat erst in der anderen Umgebung der Klinik, den Raum, den sie für ihre Entwicklung benötigt und der ihr erlaubt, auf ihre eigene Art erwachsen zu werden. 

Borderline: Frauen an der Grenze 

Weiter fragt sich Susanna, inwieweit sexistische Einstellungen einen Einfluss auf die Stellung ihrer spezifischen Diagnose – Borderline-Persönlichkeitsstörung – hatten. Sie bemerkt, dass die Erkrankung bei Frauen häufiger diagnostiziert wird als bei Männern: Ein Phänomen, das dadurch erklärt werden kann, dass die potenziell selbstverletzenden Verhaltensweisen, die mit der Diagnose einhergehen, wie zum Beispiel Ladendiebstahl und Essattacken, typischerweise mit Frauen assoziiert werden (Marshall, 2006). Darüber hinaus gilt Promiskuität bei Frauen anders als bei Männern eher als pathologisch. Dass Susanna als promiskuitiv bezeichnet wird, bezieht sich vor allem auf eine Affäre, die die junge Frau mit ihrem Englischlehrer kurz vor ihrem psychischen Zusammenbruch hatte. Während im Text kein expliziter kausaler Zusammenhang zwischen den zwei Ereignissen gemacht wird, suggeriert die Prominenz der Geschichte in dem Narrativ etwas anderes, argumentiert Marshall (2006). Auch die Reaktion der Ärzte ist bemerkenswert: Anstatt auf die Machtverhältnisse dieser Beziehung zu achten, kommen sie zu dem Schluss, dass Susanna auf Grund ihrer Erkrankung gesunde Grenzen fehlen. Somit macht Girl, Interrupted deutlich, dass die Wahrnehmung von Susanna als psychisch kranke junge Frau die Art und Weise beeinflusst, wie ihr Verhalten gedeutet und wie sie als Mensch behandelt wird (Marshall, 2006).  

Mädchen, geht weiter 

Die Adoleszenz und das junge Erwachsenenalter sind Phasen des Lebens, die voller Unsicherheiten sind: Phasen, in denen man seine Identität sucht, seine Sexualität auszuleben beginnt, seine Zukunft plant und dabei unterschiedliche, manchmal widersprüchliche gesellschaftliche Erwartungen balanciert. Susanna wurde in diesem Prozess unterbrochen – nun wie geht es für sie weiter? An dieser Stelle unterscheiden sich Buch und Film wesentlich: Während Susanna in dem Film durch Gesprächstherapie geheilt wird und schliesslich Claymoore verlässt, konnte die echte Susanna Kaysen erst dank der Aussicht auf eine Hochzeit McLean verlassen und ihren Platz in der Gesellschaft finden. Der Film verändert also die Botschaft des Buchs insofern, dass es das Individuelle statt des Sozialen als die Quelle (und gleichzeitig als die Lösung) von Problemen identifiziert (Marshall, 2006). 

Kaysens Narrativ stellt viele Fragen – und beantwortet sie nicht unbedingt eindeutig. Vielleicht weil die Antworten zu komplex wären. Vielleicht weil es keine Antworten gibt. Schlussendlich müssen Leser*innen und Zuschauer*innen selbst entscheiden, welches Fazit sie aus ihrer Erzählung ziehen möchten. Für mich bleibt die wesentliche Botschaft von Girl, Interrupted, dass man nicht moralisieren sollte, wie Menschen mit den Herausforderungen des Lebens umgehen und schliesslich wachsen. 

Vor Susanna, Sylvia 

Neben Kaysen besuchten berühmte Persönlichkeiten wie James Taylor, Robert Lowell, Ray Charles und die Schriftstellerin Sylvia Plath das McLean Hospital. Plath, die unter einer depressiven Störung litt, ist vor allem für die Gedichte bekannt, die ihr Leben mit der psychischen Störung thematisierten. Girl, Interrupted (Kaysen, 1993) wird öfters mit Plaths autobiographisch inspiriertem Roman The Bell Jar (1963) verglichen (Marshall, 2006). 

Über Wahnsinn schreiben 

Lange Zeit wurde angenommen, dass eine psychische Störung die Fähigkeit beeinflusst, ein kohärentes Narrativ über das eigene Leben zu konstruieren (Longhurst, 2019). Das hat psychisch erkrankte Menschen jedoch nicht davon abgehalten, ihre Geschichten zu erzählen: Das disability memoir setzte sich sogar als zentrales Genre des autobiographischen Schreibens durch. Heute ist es weiterhin durch ein hohes Potenzial für Subversion und eine grosse politische Relevanz gekennzeichnet (Longhurst, 2019). 


Zum Weiterlesen

Kaysen, S. (1993). Girl, Interrupted. Turtle Bay Books. 

Marshall, E. (2006). Borderline girlhoods: Mental illness, adolescence, and femininity in Girl, Interrupted. The Lion and the Unicorn, 30, 117-133. https://doi.org/10.1353/uni.2006.0009 

Literatur

Antolin, P. (2020). Challenging borders: Susanna Kaysenʼs Girl, Interrupted as a subversive disability memoir. European Journal of American Studies, 15(2). https://doi.org/https://doi.org/10.4000/ejas.16051  

Burkett, E. (2020). Women’s rights movement. Encyclopedia Britannicahttps://www.britannica.com/event/womens-movement  

Kaysen, S. (1993). Girl, Interrupted. Turtle Bay Books.  

Longhurst, K. (2019). Counterdiagnosis and the critical medical humanities: reading Susanna Kaysen’s Girl, Interrupted and Lauren Slater’s Lying: A Metaphorical Memoir. Medical Humanitieshttps://doi.org/10.1136/medhum-2018-011543  

Marshall, E. (2006). Borderline girlhoods: Mental illness, adolescence, and femininity in Girl, Interrupted. The Lion and the Unicorn, 30, 117-133. https://doi.org/10.1353/uni.2006.0009  

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