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Morgen schon vergessen

Psychische Belastung bei Demenz – Das Leiden der Betroffenen und Angehörigen

Demenzerkrankungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen im höheren Alter der westlichen Welt. Das Fortschreiten der Krankheit mit Veränderungen in Leistung und Verhalten stellt nicht nur für die Betroffenen eine Belastung dar, sondern auch für ihre Angehörigen. Aus der Literatur wird die Relevanz psychologischer Therapieansätze ersichtlich. 

Von Anja Blaser
Lektoriert von Berit Barthelmes und Isabelle Bartholomä
Illustriert von Anja Blaser

Demenz beschreibt ein Syndrom vieler Störungen, welches meist auf eine fortschreitende Krankheit des Gehirns folgt. Die häufigste Ursache ist mit rund 60 Prozent die Alzheimer-Erkrankung (Grammes & Kubiak, 2020). Neben den typischen kognitiven Symptomen treten auch viele behaviorale und psychologische Symptome bei Demenz (BPSD) auf. Diese erschweren die ganze Behandlung: von Diagnostik, über Therapie bis hin zur Betreuung der Erkrankten sowie deren Angehörigen. Zu den häufigsten dieser Symptome gehören Depressivität, Enthemmung, Euphorie und Aphasie (Savaskan, 2015).  

«Unter einer Demenz versteht man […] Störungen der Gedächtnisleistung und anderer kognitiver Funktionen […], sowie des Verhaltens, die so schwerwiegend sind, dass der betroffene Mensch bei den meisten Aktivitäten im täglichen Leben merkbar behindert wird.» 

Gatterer, 2008, S. 142

Dies hat zur Folge, dass der kognitive Abbau beschleunigt wird und die Alltagsfähigkeiten sowie die Lebensqualität drastisch abnehmen. Die Auswirkung davon kann eine frühere Institutionalisierung in ein Heim oder Krankenhaus sein. Daneben führen BPSD auch zu einer erhöhten Belastung der angehörigen Betreuungspersonen, wodurch es bei diesen auch vermehrt zu psychiatrischen Erkrankungen wie einer Depression kommen kann (Savaskan, 2015). Um den Betroffenen die bestmögliche Behandlung gewährleisten zu können, ist deshalb neben der medikamentösen Therapie eine interdisziplinäre Kooperation unter anderem mit Psycholog*innen unumgänglich, auch wenn hier nicht primär die Demenzerkrankung im Vordergrund steht, sondern deren psychisches Wohlbefinden (Gatterer, 2008). Solche Begleit- und Entlastungsmöglichkeiten sowohl für Erkrankte als auch Angehörige werden in der Schweiz beispielsweise von den Organisationen «Alzheimer Schweiz» und «Pro Senectute» angeboten.  

Alzheimer Schweiz 

Umfasst Unterstützungsangebote für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Dazu gehören: 

  • Gesprächsgruppen  
  • Angehörigen-Gruppen 
  • Gruppenaktivitäten  
  • Alzheimer-Cafés & -Ferien 
  • Seminare für Angehörige 
  • Weiterbildungstagungen 

Pro Senectute 

Versucht Betroffenen und Angehörigen mit Fragen rund um die Demenz zu helfen und bietet ihnen entlastende Dienstleistungen, wie: 

  • Entlastungsdienst für pflegende Angehörige 
  • Besuchs-, Begleit-, Fahr- und Mahlzeitendienst 
  • Haushalts- und Putzhilfen 

Psychosoziale Interventionen für Kranke und Angehörige 

Psycholog*innen können die vielen einschneidenden Auswirkungen von BPSD in die Therapie einbeziehen. Psychosoziale Interventionen sind dabei ein erster wichtiger Schritt für Verständnis und Akzeptanz der Krankheit für alle Betroffenen, Angehörigen und Aussenstehenden. Vor allem bei Letzteren tritt immer noch oft Unverständnis für das Verhalten von Menschen mit Demenz auf, was den gesamten Prozess durch eine zusätzliche Belastung erschwert (Holthoff-Detto, 2018).  

«Familien berichten auch, wie wichtig und wie viel einfacher das Leben für Menschen mit Demenz und ihre Familie mit der Erkrankung gewesen wäre, wenn ihnen im Alltag […] Menschen mit mehr Verständnis und Freundlichkeit begegnet wären.» 

Holthoff-Detto, 2018, S. 12 

Ein essenzieller Bestandteil, besonders zu Beginn der Erkrankung, ist hierbei die Psychoedukation. In Einzelgesprächen wird den Erkrankten und Angehörigen Wissen zur Erkrankung, zur Therapie, zu möglichen Selbsthilfestrategien und zur Prognose vermittelt. Gruppengespräche zur Psychoedukation dienen dem Erfahrungsaustausch zwischen den Betroffenen. Insgesamt soll neben dem Wissen auch die Akzeptanz gegenüber der Krankheit und den Erkrankten gefördert werden (Savaskan, 2015). 

Als Ergänzung zur Psychoedukation für die betreuenden Angehörigen gibt es ein angehörigenbasiertes Verfahren, welches diese stärken soll. Durch ein kognitives Verhaltens-Training soll die Belastbarkeit der Angehörigen gesteigert werden. Das führt dazu, dass der erkrankten Person mehr Sicherheit von Seiten der pflegenden vermittelt werden kann. Dies wiederum kann zu einer Reduktion der Symptome führen. (Savaskan, 2015). Insgesamt kann mit einer guten Angehörigenarbeit inklusive Wissens- und Kompetenzvermittlung der Krankheitsverlauf erheblich verbessert werden (Gatterer, 2008). 

Vertrauen durch Kommunikation 

Der Schlüssel im gesamten Prozess ist aus klinischer Erfahrung die Kommunikation. Kommunikation ist bei jeder Intervention in jedem Stadium der Krankheit nötig – sowohl mit den Patienten*innen als auch mit den Angehörigen. Bereits die klinisch-psychologischen Untersuchungen zur Diagnosestellung, meist von Neuropsycholog*innen durchgeführt, liefern nur brauchbare Ergebnisse, wenn sich die Person gut aufgehoben fühlt. Mit der richtigen Kommunikation kann eine gute Beziehung zum*zur Patienten*in aufgebaut werden, was akkurate Ergebnisse fördert (Gatterer, 2008). 

Im psychotherapeutischen Setting kann anschliessend auf dieser Beziehung aufgebaut werden. Fortlaufend können sich die Erkrankten dann bei Alltagssorgen an ihre*ihren Therapeuten*in wenden. Ausserdem werden während eines Verhaltensmanagements die Angehörigen mit einbezogen. Gemeinsam wird an Kommunikationsmöglichkeiten mit dem*der Patienten*in oder an dessen*deren Selbstständigkeit gearbeitet (Savaskan, 2015). Wichtig dabei ist es, dass nicht nur auf die Krankheit und die damit verbundenen Aufgaben fokussiert wird, sondern den Angehörigen Wertschätzung für ihre Pflege entgegengebracht wird. Damit könnten Angehörige Demenzerkrankter ermutigt werden, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten, sich bei Bedarf ebenfalls bei Therapeut*innen zu melden und früher auf Entlastungsangebote zurückzugreifen (Mitscherlich-Schönherr, 2019). 

Da die häufigste psychische Begleiterkrankung bei Demenz die Depression ist, wird während den Therapiestunden oft eine kognitive Therapie eingesetzt, um dysfunktionale Gedanken umzuwandeln. Ergänzend dazu wird im Rahmen der verhaltenstherapeutischen Intervention auf positive Erfahrungen des*der Patienten*in und Problemlösestrategien der Angehörigen fokussiert (Savaskan, 2015).  

Akutsituationen gemeinsam bewältigen 

Neben der fortlaufenden Betreuung kann es immer wieder zu so genannten Akutsituationen kommen. Meist handelt es sich dabei um Krisen der Erkrankten, welche Reaktionen auf bedrohlich wirkende oder unangenehme Situationen darstellen. Oft können Aussenstehende diese Reaktionen nicht nachvollziehen, da die Wahrnehmung sich krankheitsbedingt durch die kognitiven Einschränkungen deutlich von der anderer unterscheiden kann. Dies führt bei den Betroffenen nur noch zu mehr Verzweiflung und Wut. Die fortlaufenden psychosozialen und psychotherapeutischen Interventionen können vor allem den Angehörigen helfen, adäquat zu reagieren, wenn solche Akutsituationen auftreten (Holthoff-Detto, 2018).  

Wenn es kein Morgen mehr gibt 

Mit dem Fortschreiten der Krankheit nehmen bei Demenz-Erkrankten Akutsituationen durch die abnehmende kognitive Leistung immer mehr zu. Dadurch rückt die medikamentöse und medizinische Therapie immer mehr in den Vordergrund. Für die pflegenden Angehörigen hingegen, welche dadurch immer mehr gefordert werden, steigt die psychische Belastung enorm an. Psychotherapeutische, unterstützende und psychoedukative Angebote werden somit für Angehörige immer wichtiger für genügend Entlastung und das eigene Wohlbefinden – besonders wenn die Sterbephase erreicht wird (Mitscherlich-Schönherr, 2019). 

Von der Diagnose, über die Therapie bis hin zur Palliativbetreuung – Menschen mit Demenz und ihre Gegenüber leben zunehmend in einer anderen Realität. Einerseits unterscheidet sich ihre Sicht auf die Krankheit, andererseits besteht die Gefahr, dass die Erkrankten mehr und mehr ganz in eine andere Welt abtauchen. Der Schlüssel einer erfolgreichen Therapie und Begleitung ist es, die beiden Realitäten einander für das nötige Verständnis des jeweils anderen und deren Belastung anzunähern sowie eine optimal individualisierte Intervention zu gestalten, um diese Belastung so lange wie möglich zu minimieren (Holthoff-Detto, 2018). 

Alzheimer-Erkrankung 

Gehört zu den neurodegenerativen Krankheiten, welche Erkrankungen durch Abnutzung und Alterung von Zellen umschreiben. Es wird vermutet, dass sich das sogenannte β-Amyloid zu Proteinablagerungen (sog. Plaques) zwischen den Nervenzellen verklumpt und nicht mehr abgebaut werden kann. Eine weitere Vermutung – die Aggregationshypothese – hält das β-Amyloid in den Zellen ausschlaggebend für den Nervenzellverlust. Die genaue Ursache der Erkrankung ist jedoch noch unbekannt (Abeysinghe et al., 2020). 


Zum Weiterlesen

Gatterer, G. (2008). Demenz aus psychologischer Sicht. In W. D. Oswald, G. Gatterer, & U. M. Fleischmann (Hrsg.), Gerontopsychologie: Grundlagen und klinische Aspekte zur Psychologie des Alterns (S. 141–172). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-211-78390-0_9 

Holthoff-Detto, V. (2018). Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Klett-Cotta. 

Savaskan, E. (2015). Behaviorale und psychologische Symptome der Demenz (BPSD): Was tun? Therapeutische Umschau72(4), 255–260. https://doi.org/10.1024/0040-5930/a000673 

Website von Pro Senectute mit Ratgeber und entlastenden Dienstleistungen: https://prosenectute.ch/de 

https://www.prosenectute.ch/de/ratgeber/gesundheit/krankheiten/demenz-alzheimer-vergesslichkeit.html

Website der Organisation Alzheimer Schweiz für Betroffene und Angehörige: 

https://www.alzheimer-schweiz.ch/de/startseite

Literatur

Abeysinghe, A. A. D. T., Deshapriya, R. D. U. S., & Udawatte, C. (2020). Alzheimer’s disease; a review of the pathophysiological basis and therapeutic interventions. Life Sciences256, 117996. https://doi.org/10.1016/j.lfs.2020.117996 

Grammes, J., & Kubiak, T. (2020). Depression und Demenz. Der Diabetologe16(2), 104–110. https://doi.org/10.1007/s11428-020-00583-1 

Mitscherlich-Schönherr, O. (2019). Gelingendes Sterben: Zeitgenössische Theorien im interdisziplinären Dialog. Walter de Gruyter GmbH & Co KG. 

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