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Professor*innen gefragt

Wie sieht die Psychologie von morgen aus?

Gesammelt von Noémie Lushaj
Lektoriert von der Redaktion

Prof. Dr. Christoph Flückiger 

Allen Unkenrufen zu trotz, dass die Psychologie Gefahr laufe sich in Informatik, Medizin, Neurowissenschaften, Ökonomie oder Allgemeiner Sozialwissenschaften aufzulösen, wird es wohl immer eine Wissenschaft geben, die das individuelle Erleben und Verhalten von Personen zwischen Humanbiologie auf der Mikroebene und Soziologie auf der Makroebene ins Zentrum stellt. Seit der Einführung als Maturafach in den 1990er Jahren gab es wohl noch nie so viele Menschen in der Schweiz, die mit professioneller Psychologie in Berührung kamen. Dieser Impact wird auch in Zukunft pro Abschlussjahr kontinuierlich steigen. Das Universitätsfach Psychologie ist sehr beliebt und hat einen grossen Frauenanteil. Die Zukunft der Psycholog*innen wird deshalb von einer persönlichen Frage auf dem Heiratsmarkt mitbeeinflusst sein: Wie viele zukünftige Psychologinnen werden sich in ihrer Karriereplanung gegenüber ihren Ehepartner*innen wie stark behaupten können und sich für die Etablierung des Fachs berufspolitisch einsetzen? 

Prof. Dr. Mike Martin 

Mit den zunehmenden Möglichkeiten, psychologische Zielgrössen in hoher Dichte im Alltag von Personen zu bestimmen, wird die psychologische Grundlagenforschung zunehmend experimentelle Daten mit realweltlichen Beobachtungsdaten kombinieren. Solche personenbezogenen Daten sind nur nutzbar, wenn unsere Versuchspersonen zu eigenständigen Forschungspartner*innen mit Kontrolle über ihre eigenen Daten werden. Dazu werden Psycholog*innen zunehmend sowohl mehr datenwissenschaftliche Grundlagen, mehr Datenmanagement-Expertise, mehr Kompetenzen im partnerschaftlichen Umgang mit Versuchspersonen und im transdisziplinären Forschen als auch die Fähigkeit zur Formulierung komplexer und dynamischer theoretischer Modelle benötigen. Psychologie wird zunehmend eine Dateninterpretationswissenschaft mit hoher Relevanz für individualisierte und kontext-berücksichtigende Interventionen und damit wird komplexes theoretisches Denken auf der Basis exzellenter Methodenkenntnisse immer wichtiger. 

Prof. Dr. Martin Kleinmann 

Meine Erwartung bezüglich des Psychologiestudiums ist, dass eine stärkere Ausdifferenzierung der Studiengänge bzgl. der Arbeitsmärkte erfolgen wird. Neben allgemein ausgebildeten Psychologen*innen, werden Studiengänge entstehen, die für ein Arbeitsfeld ausgelegt sind und nach Abschluss des Masterstudiums notwendige weitere Qualifizierungen bereits integrieren. Die Forschung wird sicher mehr mit Big Data arbeiten und virtueller ausgerichtet sein. Der Rechtfertigungsdruck für Praktiker*innen evidenzbasiert im Feld zu arbeiten, wird zunehmen. Verfahren und Methoden ohne belegte Evidenz werden seltener werden. Das Fach insgesamt wird an Bedeutung in der Gesellschaft gewinnen, da gesellschaftliche Veränderungsprozesse zunehmen und vermehrt psychologisch begleitet werden. So gibt es aktuell bereits Kollegen*innen, die beispielsweise Interventionen der Gesundheitskommunikation erforschen und entwickeln, um Impfskepsis in der Bevölkerung durch Aufklärung und Information zu reduzieren. 

Prof. Dr. Mathias Allemand 

Die Digitalisierung verändert viele Bereiche des Lebens. Die Auswirkungen der Digitalisierung sind auch in der Psychologie zu beobachten und werden die Psychologie von morgen mitbestimmen. Zum Beispiel sind neue interdisziplinäre Forschungsfelder wie das «Digital Phenotyping» oder das «Mobile Sensing» entstanden. Dabei werden digitale Innovationen und Lösungen entwickelt und genutzt, um automatisch und zeitnah Erkenntnisse über psychologische, soziale, und biomedizinische Aspekte des menschlichen Verhaltens und Erlebens im Alltag zu gewinnen. Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen bieten enorme Chancen und Herausforderungen für die Forschung, Entwicklung, Aus- und Weiterbildung in der Psychologie. Wesentlich dabei ist, wie die Möglichkeiten digitaler Innovation und Transformation genutzt werden, um die digitale Zukunft zu gestalten.  

Prof. Dr. Carolin Strobl 

Die «Psychologie von morgen» hat für mich eigentlich schon vor zehn Jahren begonnen. Viele der Probleme, die zur Replikationskrise geführt haben, waren schon vorher bekannt – aber seit 2011 hatten sich die Berichte über fragwürdige Forschungspraktiken und z. T. auch bewusste Täuschungen gerade in der Psychologie so gehäuft, dass als Reaktion darauf eine breite Bewegung für Replizierbarkeit und Open Science entstanden ist. Diese Bewegung wurde und wird stark von Nachwuchsforscher*innen vorangetrieben. Ihnen werden wir die «Psychologie von morgen» verdanken, und ich bin gespannt, welche Standards sich auf lange Sicht durchsetzen und in Zukunft in der psychologischen Forschung völlig selbstverständlich sein werden. 

Prof. Dr. Ulrike Ehlert 

Die Fähigkeit von Psycholog*innen, sich interdisziplinär zu engagieren, ist eine wunderbare Sache! Wir können mit Informatiker*innen, mit Biolog*innen, mit Mediziner*innen, mit Musiker*innen, mit Körpertherapeut*innen, mit Ökotropholog*innen und mit vielen anderen Berufsleuten sowohl wissenschaftlich als auch praktisch zusammenarbeiten. Dabei entstehen oft sehr spannende, neuartige und sinnvolle Projekte und Massnahmen. Diese Bereitschaft, interdisziplinär zu arbeiten, wird für die Psychologie von morgen äusserst bedeutsam werden. Zum einen, weil wir in der komplexen Welt, in der wir leben, das Geschehen nur noch dann verstehen, wenn wir viele Informationen und Kommunikationswege gleichzeitig nutzen können, zum anderen, weil sich das Wissen in anderen Disziplinen genauso schnell verändert und spezialisiert wie in der Psychologie. Psycholog*innen wird eine hohe Sozialkompetenz nachgesagt und deshalb wird das Fach davon profitieren, dass wir interdisziplinär zusammenarbeiten, Neues immer wieder zulassen und für die Psychologie von morgen nutzen. 

Prof. Dr. Nora Raschle 

Die Forschung von morgen, die Psychologie von morgen, wird aus Zusammenarbeiten bestehen, welche internationale Grenzen, einzelne methodische Ansätze und isolierte Stichproben überwinden kann. Gerade die Werte der offenen Wissenschaft werden an Bedeutung gewinnen. Die Prämisse erfolgreicher Forschungsresultate ist nur dann gegeben, wenn die Datenintegrität, ihre Zuverlässigkeit, Reproduzierbarkeit und Replizierbarkeit gegeben sind. Zudem glaube ich, dass unsere Forschungsbemühungen an Wert verlieren, wenn es uns nicht gelingt, sie erfolgreich zu kommunizieren. Es ist nicht nur wertvoll, immer mehr oder bessere Daten zu sammeln, Individuen angemessen zu repräsentieren und Prognosen für Einzelne aufstellen zu können. Wir müssen uns auch damit befassen, wie wir unsere Forschungsergebnisse auf wirksame Weise kommunizieren, damit diese zum Beispiel in Krankenhäusern, in der Politik oder im Bildungssystem ankommen. 

Prof. Dr. Guy Bodenmann 

Die Psychologie der Zukunft wird vor allem durch die Nutzung von Big Data geprägt sein. Menschen werden künftig nicht nur Kalorien, Bewegung oder physiologische Maße sammeln, sondern vermehrt auch psychologische Parameter (Stimmung, Emotionen, Motive, Ziele) im Alltag erfassen. Psychotherapeut*innen werden auf diese Daten zugreifen und sie zu diagnostischen Zwecken nutzen und auf sie gestützt ihren Patient*innen maßgeschneiderte Hilfestellungen in Real-Time anbieten können. Das Psychologiestudium und die Psychotherapie werden durch Online-Formate in noch stärkerem Masse als heute ergänzt werden. Doch bei allen technologischen Neuerungen wird die Bedeutung des persönlichen Kontakts nicht an Bedeutung verlieren. Das hat uns auch die Covid-Pandemie gezeigt. Wir brauchen soziale Kontakte, den empathischen Blick des Gegenübers, das herzliche Händeschütteln, aufmunternde Gesten, feine Berührungen – die emotionale Präsenz von anderen. Diese Dimension der Interaktion wird nie obsolet werden, auch nicht in der Psychologie von Morgen. 

Prof. Dr. Moritz Daum 

Einheit aus Vielfalt 

Die heutige Psychologie ist unglaublich vielfältig und schlägt Brücken zwischen verschiedenen Disziplinen aus Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften (z. B. Daum et al., 2020; Fiedler et al., 2005). Das macht die Psychologie einerseits faszinierend und dynamisch, birgt andererseits aber die Gefahr, dass die disziplinäre Einheit verloren geht und sich das Fach schleichend in seine verknüpften Teilgebiete auflöst (die klinische Psychologie geht in die Medizin über, die Wirtschaftspsychologie in die Wirtschaftswissenschaften, etc.). Um auch morgen die Einheit der Psychologie zu bewahren, sollte diese vor die Unterschiede gestellt werden. Zwei vereinende Aspekte sind die fachübergreifende methodische Kernkompetenz (Fiedler et al., 2005) und die zumindest teilweise fachübergreifende theoretische Auseinandersetzung (z.B. in der Entwicklungspsychologie mit Veränderungsprozessen aus der Perspektive der gesamten Lebensspanne). Diese gemeinsamen Interessen und Kernkompetenzen sind zentrale Aspekte, die die Kohärenz innerhalb der Psychologie fördern und der Zersplitterung des Faches in der Zukunft entgegenwirken.

Referenzen: 

Daum, M. M., Greve, W., Pauen, S., Schuhrke, B., & Schwarzer, G. (2020). Positionspapier der Fachgruppe Entwicklungspsychologie: Versuch einer Standortbestimmung. Psychologische Rundschau, 71(1), 15–23. https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000465 

Fiedler, K., Kliegl, R., Lindenberger, U., Mausfeld, R., Mummendey, A., & Prinz, W. (2005). Psychologie im 21. Jahrhundert: Führende deutsche Psychologen über Lage und Zukunft ihres Faches und die Rolle der psychologischen Grundlagenforschung. Gehirn und Geist, 78, 56–60. 

Prof. Dr. Alexis Hervais-Adelman 

Als kognitiver Neurowissenschaftler kommen einem dabei die enormen technischen Fortschritte bei bildgebenden Methoden und nicht-invasiver Hirnstimulation in den Sinn, die im letzten Jahrzehnt entstanden sind. Rechnergestützte Methoden und Techniken welche höchstsensible Hirnmessungen erlauben, haben uns Einblick in die Repräsentation unserer Sinnwahrnehmung gegeben. Dank solcher Fortschritte werden verbesserte Brain-Computer-Interfaces entwickelt. Neue nicht-invasive Hirnstimulationstechniken, welche tiefe Hirnstrukturen erreichen, die bisher nur mittels invasiven chirurgischen Eingriffen zugänglich waren, werden völlig neue Forschungsperspektiven eröffnen. Die «Open Science» Bewegung wird sich verstärken und dabei helfen, Wissen zu teilen und dadurch schneller Fortschritte zu erzielen. Dies vereinfacht die Zusammenarbeit zwischen Forscher*innen und verringert auch Doppelspurigkeiten in der Forschung. Die Psychologie von morgen sieht spannend und gemeinschaftlich aus. Sie ist greifbar nah.

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