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Unsichtbare Frauen

Eine Buchrezension zu Invisible Women

Das Buch von Perez über den Gender Data Gap begeistert, erschüttert und lässt laut auflachen. Systematische Ungerechtigkeiten in allen möglichen Lebensbereichen werden in einfacher Sprache nacheinander aufgezeigt. Perez zeigt einen Weg zur Gleichberechtigung – für alle.  

Von Marcia Arbenz
Lektoriert von Isabelle Bartholomä und Phillip Seibt
Illustriert von Hannah Löw

Das Hauptthema im Buch von Perez ist der Gender Data Gap. Dieser beschreibt, dass es oft keine oder nur sehr unzureichende Daten über Frauen und deren Bedürfnisse gibt. Beispielsweise wurden die meisten Crashtests bei Autos mit Dummies gemacht, die einem durchschnittlichen männlichen Körper entsprechen. Nur sehr wenige Ausnahmen benutzten auch kleinere und leichtere Puppen, wobei diese nur im Beifahrersitz getestet wurden. Dies resultiert nach Perez in einer höheren Verletzungsgefahr von Frauen bei einem Autounfall. Die Autorin beschreibt auf über 300 Seiten, worin dieser Gender Data Gap ersichtlich ist und was für Auswirkungen dieser auf alle hat, die nicht dem typischen männlichen Bild entsprechen. Dem zugrunde liegt eine falsche und oft verheerende implizite Annahme: Alles, was für den durchschnittlichen, weissen, männlichen Menschen kreiert wird, ist für alle gut. Die Welt ist nach Perez default male, also automatisch für den Mann errichtet. Alle, die diesem Bild nicht entsprechen, müssen sich anpassen. 

Der Mann ist nicht der Feind 

Diese These von Perez mag sauer aufstossen und zu vereinfacht erscheinen. Ein kaum endendes Literaturverzeichnis hinten im Buch unterstreicht jedoch die Ansichten von Perez. Unglaublicherweise schafft die Autorin ganz normale Alltagsgegenstände wie das Smartphone in einen Beweis des male defaults zu verwandeln. Zum Beispiel ist dieses zu gross für die meisten Frauen-, nicht aber für Männerhände. Es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass Perez nicht ein männliches Feindbild kreiert oder alle auffordert, ab sofort Männer zu verachten. Im Gegenteil: Immer wieder erwähnt sie, dass Gleichberechtigung allen Personen nützt, die gerne die Wahl haben, wie sie ihr Leben führen möchten. Perez zeigt auf, dass tiefgreifende strukturelle Probleme entstehen und, dass diese oft durch einen Mangel an Daten nicht richtig erkannt werden können. Sie meint, dass gewisse männliche CEOs, Politiker oder sonstige Entscheidungsträger die Bedürfnisse anderer nicht unbedingt kennen. Wie sollte man auch die Welt durch die Augen von anderen sehen, vor allem, wenn man sich der Problematik nicht bewusst ist? Perez fordert unter anderem deswegen, dass Entscheidungsträger*innen verschiedener Ethnizität, Geschlechts und Alters sein sollten. Nur so könnte man die Perspektiven aller einnehmen.  

Sexistische Schneeräumung 

Im Buch scheint kein Thema ausgelassen zu werden: Von Toiletten, Stadtplanung, VR-Brillen, künstlicher Intelligenz, Krieg und Krisenzeiten über unbezahlte Arbeit, Entwicklungshilfe, Medikamente, Musik und Kunst, Personen auf Geldscheinen bis hin zu systematischen Nachteilen für Forscherinnen wird alles angesprochen. Mein Lieblingsbeispiel ist jedoch das der Schneeräumung. In einer schwedischen Stadt wurden sämtliche politische Massnahmen auf Sexismus überprüft, so auch die Räumung von Schnee auf den Strassen im Winter. Generell wurden die Strassen vom Schnee befreit und nicht etwa die Gehwege. Warum Autos mehr Mühe im Schnee haben sollten als Fussgänger*innen bleibt schleierhaft. Tatsache ist aber nach Perez, dass Frauen öfters zu Fuss oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Männer hingegen benutzen eher das Auto. Gleichzeitig gibt es mehr Unfälle und Verletzungen aufgrund von Schnee bei Fussgänger*innen als mit Motorrädern oder Autos. Dies hat zur Folge, dass bei fast 70 Prozent der Unfälle Frauen betroffen sind. Als in der schwedischen Stadt in den nachfolgenden Jahren die Gehwege anstelle der Strassen vom Schnee gesäubert wurden, konnte eine Reduktion der Gesundheitskosten von umgerechnet fast drei Millionen Schweizerfranken festgestellt werden.  

Ohne Feindbild und trotzdem kämpferisch 

Insgesamt war ich von diesem Buch sehr begeistert und konnte kaum aufhören darüber zu sprechen. Dennoch wollte ich irgendwann nicht mehr lesen, warum mehr als die Hälfte der Menschheit systematisch benachteiligt wird. Denn auch wenn das Buch durch Anekdoten und Beispiele angereichert ist, wurde es zum Teil etwas anstrengend. Eine Studie nach der anderen wird aufgeführt, wobei die thematischen Zusammenhänge innerhalb eines Kapitels nicht immer ersichtlich sind. Dennoch finde ich es ein sehr gut geschriebenes Buch, dass den*die Leser*in immer wieder laut auflachen lässt, die Augen öffnet und kritischer über Dinge nachdenken lässt.  

Besonders gefiel mir, dass Perez nicht nach Schuldigen sucht. Es wird kein Feindbild kreiert, sondern konkrete Vorschläge zur Besserung der derzeitigen Lage beschrieben. Ihre Verbesserungsvorschläge sind vermutlich nicht neu. Dennoch zeigt sie durch unterschiedliche Studien auf, wie diese nicht nur weibliche Personen, sondern auch die Wirtschaft, das Land, die Familienplanung, Freizeit und individuelle Wünsche stärken können. 

Das Buch ist ein Muss für jede Person – egal welchen Geschlechts oder Alters. Selbst meine Grossmutter war von dem Buch mitgerissen. Sie meint nach wie vor klar, dass sie keine Feministin sei und trotzdem schien sie durch die Lektüre persönlich gestärkt.  

Perez hat ein Buch geschrieben, das begeistert, entsetzt, amüsiert, einen üblen Geschmack im Mund hinterlässt, aber vor allem den*die Leser*in kämpferisch zurücklässt. 

Caroline Criado-Perez ist eine Schriftstellerin und ausgezeichnete, feministische Aktivistin. Teile ihrer Kampagnen waren Frauen auf die britischen Banknoten drucken zu lassen, das Vorgehen mit Missbräuchen bei Twitter zu ändern und eine Statue für die bekannte suffragist Millicent Fawcett zu errichten. Ihre Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen wie den Royal Society Science Book Prize 2019. 


Zum Weiterlesen 

Perez, C. C. (2019). Invisible women: Exposing data bias in a world designed for men. Penguin Random House.  

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