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Das Experimentier

Verhaltensmessungen im Alltag bieten eine Alternative zum psychologischen Experiment 

Faultiere schlafen in Gefangenschaft fast 16 Stunden, in der freien Wildbahn hingegen nur neun bis zehn Stunden (Rattenborg et al. 2008). Das im Zoo beobachtete Verhalten kann nicht verallgemeinert werden. Doch wie aussagekräftig sind Erkenntnisse aus psychologischen Experimenten? 

Von Jan Nussbaumer 
Lektoriert von Selina Engeli und Noemi Müller

Ein Grossteil des Wissens in der Psychologie stammt aus Experimental- oder Fragebogenstudien und die methodischen Vorteile sind ersichtlich: Experimentalstudien erlauben eine grösstmögliche Kontrolle der untersuchten Variablen und minimieren den Einfluss von Störvariablen. Fragebogenstudien ermöglichen die Ermittlung der subjektiven Sicht und des Erlebens von Personen. Da es in der Psychologie wichtig ist, die inneren Prozesse zu erforschen und wir sicher sein wollen, dass nur die theoretisch vermutete Variable dafür verantwortlich ist, liegt der Wert dieser Ansätze auf der Hand. Doch wie Aussagekräftig sind sie, um Aussagen über Verhalten ausserhalb des Experimentalraums zu treffen? 

Zur Illustration dieser Problematik nennen Bussmann und Ebner-Priemer (2012) eine Studie, welche die Herzrate von Patienten mit Muskelschwäche und Gelenkschmerzen beim Laufen untersuchte (Horemans, Bussmann, Beelen, Stam, & Nollet, 2005). Die Herzrate war im Labor signifikant tiefer als im Feld, während die Schrittrate gleich blieb. Eine systematische Übersicht (Prince et al., 2008) legt zudem nahe, wie relevant die Erhebungsmethode bei Fragebogenstudien ist. Hierbei wurden zur Erhebung der körperlichen Aktivität Selbstauskünfte, in Form eines Fragebogens, mit objektiven Messungen im Alltag verglichen. Dabei hingen die subjektiven Auskünfte mit den objektiven Messungen im Allgemeinen lediglich gering bis moderat zusammen. Wie entscheidend dieser Unterschied sein kann, zeigt eine Studie von Buchman, Wilson und Bennett (2008), bei der ein Zusammenhang von täglicher Aktivität mit kognitiver Leistungsfähigkeit bei älteren Personen gefunden wurde. Der positive Einfluss von Bewegung war nur bei der objektiven Messung der Aktivität zu finden. Die zusätzlich erhobenen Selbstauskünfte zur körperlichen Aktivität konnten diesen Zusammenhang nicht zeigen. Dieser Zusammenhang von objektiv gemessener Bewegung und kognitiver Leistung konnte in einer weiteren Studie bestätigt werden, bei der die objektive Messung von der subjektiven Auskunft ebenfalls unabhängig war (Barnes, Blackwell, Stone, Goldman, Hillier, & Yaffe, 2008). Die Beispiele zeigen, wie wichtig es sein kann, die untersuchten Variablen auch im Alltag zu messen. 

Die technischen Fortschritte machen Alltagsmessungen immer günstiger und einfacher einzusetzen. Diese Fortschritte stellen jedoch auch neue Herausforderungen (für eine Übersicht siehe Mehl & Conner, 2012). Obwohl jedes Smartphone beispielsweise einen integrierten Schrittzähler hat, sind die Algorithmen zur Berechnung nicht einsehbar, was aus methodischer Sicht ungünstig ist. Zudem sind die Schrittzähler und Algorithmen von verschiedenen Geräten sowie Anbietern sehr unterschiedlich. Zudem unterscheiden sich die Schrittzähler und Algorithmen zwischen den Geräten von verschiedenen Anbietern. Deshalb muss in der Forschung auf andere Varianten zurückgegriffen werden. Ein weiteres Problem sind ethische Fragen, wie sie beispielsweise bei regelmässigen Audioaufnahmen per APP auftreten (z.B. EAR; Mehl, 2017). Die grossen Datenmengen, welche solche Verfahren mit sich bringen, machen die anschliessenden Analysen aufwändiger (Goodwwin, 2012). Dennoch vereinfachen die technischen Entwicklungen die Messung von psychologisch interessantem Alltagsverhalten. Das schafft Möglichkeiten, die wir nutzen sollten. Um auf die Tieranspielung zurückzukommen: Heute haben wir die Möglichkeit mit Peilsendern das Verhalten in der freien Wildbahn zu beobachten.  


Zum Weiterlesen

Mehl, M., & Conner, T. S. (2012). Handbook of research methods for studying daily life. New York: Guilford. 

Literatur

Barnes, D. E., Blackwell, T., Stone, K. L., Goldman, S. E., Hillier, T., & Yaffe, K. (2008). Cognition in older women: The importance of daytime movement. Journal Of The American Geriatrics Society, 56(9), 1658-1664. doi:10.1111/j.1532-5415.2008.01841.x 

Buchman, A. S., Wilson, R. S., & Bennett, D. A. (2008). Total daily activity is associated with cognition in older persons. The American Journal Of Geriatric Psychiatry, 16(8), 697-701. doi:10.1097/JGP.0b013e31817945f6 

Bussmann, J. B. J., & Ebner-Priemer, U. W. (2012). Ambulatory Assessment of Movement Behavior: Methodology, Measurement, and Application. In M. Mehl & T. S. Conner (Eds.), Handbook of research methods for studying daily life (pp. 235-250). New York: Guilford. 

Goodwwin, M. S. (2012). Passive Telemetric Monitoring: Novel Methods for Real-World Behavioral Assessment. In M. Mehl & T. S. Conner (Eds.), Handbook of research methods for studying daily life (pp. 251-266). New York: Guilford. 

Horemans, H. D., Bussmann, J. J., Beelen, A., Stam, H. J., & Nollet, F. (2005). Walking in postpoliomyelitis syndrome: the relationships between time-scored tests, walking in daily life and perceived mobility problems. Journal Of Rehabilitation Medicine, 37(3), 142-146. 

Mehl, M. R. (2017). The Electronically Activated Recorder (EAR): A method for the naturalistic observation of daily social behavior. Current Directions In Psychological Science, 26(2), 184-190. doi:10.1177/0963721416680611 

Prince, S. A., Adamo, K. B., Hamel, M. E., Hardt, J., Gorber, S., & Tremblay, M. (2008). A comparison of direct versus self-report measures for assessing physical activity in adults: A systematic review. The International Journal Of Behavioral Nutrition And Physical Activity, 5:56. doi:10.1186/1479-5868-5-56 

Rattenborg, N. C., Voirin, B., Vyssotski, A. L., Kays, R. W., Spoelstra, K., Kuemmeth, F., & … Wikelski, M. (2008). Sleeping outside the box: electroencephalographic measures of sleep in sloths inhabiting a rainforest. Biology Letters, 4(4), 402-405. doi:10.1098/rsbl.2008.0203 

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