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Die Wut in mir.

Ein persönliches Plädoyer für eine oft missverstandene Emotion. 

«Anger can be useful. It can keep you moving and working when you want to give up. It can give you courage when you need it. It can focus your attention on what has to change, in your life, in your community. Anger can be a tool [that …] we shouldn’t let rust away and never learn to use.» 

Von Marie Kappen
Lektoriert von Aurelia Heilmann und Laurina Stählin
Illustriert von Marie Kappen

Dieses Zitat von Laurie Penny (2017), einer zeitgenössischen, feministischen Autorin, schwebte mir im Kopf, als ich neulich bei der Arbeit aufgrund von Missverständnissen ungerechtfertigt beschuldigt wurde. Anstatt die Vorwürfe – wie so oft – höflich schweigend hinzunehmen, beschloss ich, meine aufkommende Wut zu akzeptieren. Ich nutzte die entstehende Erregtheit, um meinen Standpunkt energisch, aber respektvoll aufzuzeigen. Ohne Gegenvorwürfe wies ich mein Gegenüber auf seine Fehlschlüsse hin. Etwas Erstaunliches geschah: Die Person entschuldigte sich. Und ich? Ich fühlte mich zufrieden und auf eine authentische Art selbstwirksam. Denn bisher war mein erster Impuls, die aufkommende Wut zu kontrollieren. Wütend, so dachte ich, werden nur kleine, trotzige Kinder, wenn sie ihren Willen nicht bekommen oder egozentrische Choleriker, die ohne Realitätsbezug in jeder Interaktion einen Angriff sehen. Keines von beidem wollte ich sein, betrachtete ich mich selbst doch als ausgeglichenes, freundliches und rationales Wesen. Wut zuzulassen käme einem Gesichtsverlust gleich. Doch Wut herunterzuschlucken schien auch nicht die Lösung zu sein, führte dies doch oft dazu, dass sich in mir ein Groll ausbreitete, weil ich nicht dieses oder jenes gesagt hatte. Auch liess ich meinen Frust an andere aus oder nahm, unzufrieden mit mir selbst, mehr hin als sich gut anfühlte. 

Seit jener Situation bei der Arbeit bin ich von dieser, allgemein eher negativ angesehenen, Emotion fasziniert. Meine Recherchen haben mir gezeigt, dass Wut als moralische Emotion eine zentrale Funktion für uns als Individuen und als Gesellschaft erfüllen kann. Daher möchte ich diese Ausgabe nutzen, um ein entschiedenes Plädoyer für das Wuterleben und seinen reflektierten Ausdruck zu schreiben. Denn es käme einem unnötigen Verlust gleich, diese Emotion zu negieren. 

Eine zerstörerische Kraft, die nicht kontrolliert werden kann? 

Wut wird häufig als eine der gefährlichsten Emotionen angesehen (Reevy, Malamud Ozer & Ito, 2010). Sie geht meistens mit einem stark erregten Gemütszustand einher, der sich als unkontrollierbarer, aggressiver Impuls nach aussen zu drängen versucht (Weber, 2013). Wenn dieser Impuls nicht mehr zurückgehalten werden kann und sich auf das unmittelbare Umfeld in Form von feindseligen Beschuldigungen entlädt, endet ein solcher Wutausbruch häufig in heftigem Streit und aggressiven Auseinandersetzungen (Weber, 2013). Zurück bleibt meist ein Scherbenhaufen aus tiefen verbalen Verletzungen und zerstörten sozialen Beziehungen, der einhergeht mit lähmenden Scham- und Schuldgefühlen (Chuang, 2013). In der Literatur wird oft ein abschreckendes Bild von einem wild gewordenen, tollwütigen Tier gezeichnet, welches sich in seinen triebhaften Instinkten auflöst (Weber, 2013). Der Gedanke an diesen möglichen Entzug der rationalen Kontrolle und der menschlichen Zivilisiertheit erzeugt zu Recht Angst. Denn Wut kann eine gewaltige Kraft entfesseln, die in manchen Momenten mit einer erschreckenden Destruktivität einhergeht. Einem solchen Verständnis folgend, ist es nachvollziehbar, dass Wut als eine gesellschaftlich unerwünschte, ja gar gefährliche Emotion angesehen wird, deren Erleben unterdrückt und deren Ausdruck verhindert werden muss. 

Führt Wut zwangsläufig zur Aggression? 

Tatsächlich kann Wut eine Schlüsselemotion für Aggression sein (Chuang, 2013). Aber nicht jedes Wuterleben resultiert zwangsläufig in aggressivem Verhalten. Ich kann mir vergnüglich und äusserst bildlich vorstellen, wie ich meinem Hintermann an der Bar mein Glas Bier ins Gesicht schütte, wenn seine Hand zum wiederholten Male – aus Versehen natürlich, versteht sich – auf meinem Hintern landet; ohne dass ich dementsprechend handeln werde. Denn ist es nicht so, dass ich gelernt habe, ein rationales Wesen zu sein und als solches in der Regel meine Impulse reflektieren und meine Handlung dementsprechend steuern kann? Die mangelnde Differenzierung zwischen Aggression, Feindseligkeit und Wut führt dazu, dass Wut als destruktive Emotion pauschalisiert wird, obwohl dies nicht der Realität entspricht (Chuang, 2013). Zudem ist Wut nicht der einzige Auslöser, der zu aggressivem Verhalten führen kann (Chuang, 2013). 

«Getting angry (…) alerts the organism to its own behavioral dispositions and provides a window to moderate, modify, and adjust its thinking and feeling, and to deliberate and plan action.» 

Flanagan, 2018, S. viii 

Wir lernen im Verlaufe unserer Sozialisation die Darbietungsregeln unserer Gesellschaft kennen (Lemerise & Dodge, 2008): Aufgrund welcher Auslöser, in welchen Situationen, gegenüber welchen Personen und für welches Alter ist der Wutausdruck auf welche Art und Weise kulturell angemessen und sozial akzeptiert? Zum Beispiel erfüllt der Wutausdruck im Säuglingsalter noch eine wichtige Funktion, da er die Bezugspersonen darauf hinweist, dass der Säugling sich in Disstress befindet. Der Wutausdruck mobilisiert diese dann, die entsprechenden Störfaktoren zu beseitigen (Lemerise & Dodge, 2008). Lemerise und Dodge (2008) weisen darauf hin, dass mit zunehmendem Alter und Sprachkompetenz der Wutausdruck immer weniger geduldet wird. Im Jugendalter lernen wir dann emotionale Ausbrüche, insbesondere jene von Wut, zu unterdrücken, da diese mit Spott und Ausgrenzung einhergehen (Lemerise & Dodge, 2008). Eine gewisse emotionale Gelassenheit wird zur einzig akzeptierten Norm. Jedoch löst sich unser Wuterleben nicht in Luft auf, nur weil wir es unterdrücken. Zudem ist das Wuterleben auch noch nach dem Säuglingsalter funktional.  

Wut als sensibler Detektor und kraftvoller Mobilisator 

Wut entsteht nicht einfach aus heiterem Himmel, sondern als Reaktion auf gewisse Stimuli. Ein Verständnis der Auslöser ist wichtig, um abschliessend ein Bild über den Mehrwert der Emotion Wut zu zeichnen. Chuang (2013) fasst mehrere Auslöser zusammen. So entsteht Wut unter anderem aus der Frustration, die empfunden wird, wenn Handlungen blockiert werden. Hierbei ist die wahrgenommene Absichtlichkeit der anderen Person von zentraler Bedeutung für das Wuterleben. Wenn wir in einer sozialen Interaktion wütend werden, unterstellen wir unserem Gegenüber ein willentliches Handeln, das böswillig gegen uns gerichtet ist. Wut entsteht zudem häufig in sozialen Interaktionen, in denen wir uns persönlich angegriffen, beleidigt und geringschätzig behandelt fühlen (Reevy, Malamud Ozer & Ito, 2010). 

Ein weiterer, häufiger Auslöser von Wut ist eine wahrgenommene Ungerechtigkeit (Chuang, 2013). Wenn ich das Gefühl habe, dass soziale Regeln des menschlichen Zusammenlebens verletzt werden, dann empfinde ich Wut. Hierbei ist es nicht relevant, ob ich persönlich die Ungerechtigkeit erfahre oder ob ich eine globale Ungerechtigkeit beobachte (Tavris, 1989). Selbst wenn anderen Menschen ein Unrecht widerfährt oder diese diskriminiert werden, wenn die Umwelt ausgebeutet oder Tiere misshandelt werden, können wir wütend werden. Wut ist daher für viele eine höchst moralische Emotion, die einen sensiblen Detektor unseres Gerechtigkeitssinns darstellt und uns auf gegenwärtige Ungerechtigkeiten hinweist (Tavris, 1989; Flanagan, 2018).  

In A Rage for Justice führt Tavris (1989) aus, dass Wut in solchen Momenten unsere Empathie weckt. Die Empörung über die wahrgenommene Ungerechtigkeit habe eine höchst belebende Wirkung und könne dazu motivieren, sich für die soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Wut sei in ihrer Rolle als kraftvoller Mobilisator für die Entstehung von Bürgerrechtsbewegungen nicht zu unterschätzen. 

«Anger is an emotion that can motivate constructive behaviors, such as standing up for one’s rights.» 

Reevy, Malamud Ozer & Ito, 2010, S. 63 

Wut erfüllt in diesem Sinne zwei bedeutende Funktionen: sie weist auf geschehenes Unrecht hin und motiviert dazu, diesem entschlossen entgegenzutreten. Weiter weist uns Wut im persönlichen Kontext darauf hin, dass ein Hindernis vorliegt, mit dem wir uns auseinandersetzen sollten. Sie kann uns dazu motivieren, dass wir lösungsorientiert handeln (APA, n.d.). Dies klingt fantastisch, jedoch lernen wir nicht, wie wir unser Wuterleben angemessen artikulieren können, wodurch das Potential dieser Emotion verloren geht. Diese Tatsache ist besonders ärgerlich, wenn man bedenkt, dass Wut ungefiltert und unreflektiert die Tendenz hat, eine ebenfalls wütende Gegenreaktion herauszufordern (Chuang, 2013). Eine solche Situation würde sehr wahrscheinlich in einem Streit enden. Für den konstruktiven Nutzen der Wut ist es daher wichtig zu lernen, wie wir unser Wuterleben angemessen artikulieren können.  

Hierfür ist es hilfreich, dass wir unsere Grenzen und Bedürfnisse kennen (Weber, 2013). Wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Grenzen überschritten und unsere Bedürfnisse konstant ignoriert werden, dann können wir dies unserem Gegenüber auf respektvolle, bestimmte Weise mitteilen. Durch dieses direkte Ansprechen baut sich die Wut in uns nicht wie Druck in einem Dampfkocher auf, bis wir explodieren. 

Um «to guarantee our use of anger and not its use of us» (Tavris, 1989, S. 283), ist es wichtig, dass wir unseren Verstand nutzen und über folgende Fragen reflektieren: Was lässt mich in dieser Situation gerade wütend werden? Werden meine Grenzen überschritten, meine Bedürfnisse ignoriert und/oder mein Selbstwert verletzt? Habe ich das Gefühl, dass mir eine andere Person absichtlich Steine in den Weg legt? Geschieht gerade ein Unrecht und sollte ich für meine Rechte und die der anderen eintreten? Zudem ist es wichtig, sich die Frage zu stellen, ob die eigene Wut in jenem Moment gerechtfertigt ist. Denn Wut ist eine sich selbst rechtfertigende Emotion und unterliegt daher schnell Wahrnehmungsverzerrungen. 

«Anger is the handmaiden of selfishness. It is produced by my puffed-up, self-centered ego, which is in the grip of the illusion that I am in the center of the universe and that I ought to get what I want» 

Flanagan, 2018, S. xxi 

Dies bedeutet, dass der wütende Mensch die Tendenz hat, sich und sein Verhalten als moralisch richtig anzusehen. Seine Vorstellungen und Meinungen scheinen ihm legitimer als die seines Gegenübers. Das Problem ist hierbei jedoch, dass Menschen oft nicht einer Meinung darüber sind, was angemessen und gerecht ist. Jeder handelt nach seinem persönlichen Interesse. Des Weiteren geht Wut mit Schuldzuschreibungen und Absichtlichkeitsunterstellungen einher. Doch kann ich wirklich wissen, dass mein Gegenüber die Absicht hatte, mich zu verletzen?  

Mein Plädoyer für das Wuterleben 

Wie Laurie Penny bereits sagt, ist Wut ein wichtiges Werkzeug, das wir nutzen sollten. Denn auch wenn Wut zu aggressivem Verhalten mit destruktiven Konsequenzen führen kann, ist dies keine zwangsläufige Gleichung. Sie hat ein destruktives Potential, ja, jedoch lässt sie sich nicht alleine durch ihren Fehlgebrauch definieren. Für mich ist Wut eine komplexe Emotion, deren Artikulation erlernt werden kann. Sie besitzt wichtige Funktionen als Detektor für Ungerechtigkeiten und als Mobilisator, um für seine Rechte und die der anderen einzutreten. Hierdurch fördert Wut Zivilcourage. Doch wie schaffen wir es, die richtige Balance unseres Wutausdrucks zwischen den beiden Extremen des aggressiven Wutausbruchs und der passiven Unterwürfigkeit zu finden?  

«How could such anger-mitigating practices be cultivated without, at the same time, making people too compliant and accommodating in the face of various kinds of injustice, prejudice, and domination?» 

Flanagan, 2018, S. xxvi 

Ein konstruktiver Nutzen benötigt, meiner Meinung nach, ein gewisses Mass an Bewusstsein für die eigenen Grenzen und Bedürfnisse, also für sein Selbst, und eine gewisse Bereitschaft zur Reflexion des Gefühls sowie der Handlungsmöglichkeiten. Ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist, das Wuterleben als solches anzunehmen und seine Wut auf eine nicht verurteilende, beschreibende Art mitzuteilen. Das Ziel in den sozialen Interaktionen wäre dann, den Wutausdruck als Mitteilung des anderen über sich selbst zu verstehen. 

Controlling anger before it controls you. 

Menschen, die unter ihrem Wuterleben leiden und die Schwierigkeiten haben, ihre Wut zu regulieren, lernen im Anger Management diverse Strategien, um sich von ihrer Wut zu distanzieren. Eine Strategie ist Humor, die der Wut ihre Ernsthaftigkeit nimmt. «When you feel [anger …] picture yourself as a god or goddess, a supreme ruler, who owns the streets […], having your way in all situations while others defer to you. The more detail you can get into your imaginary scenes, the more chances you have to realize that maybe you are being unreasonable» (McKay & Rogers, 2009). 

Ein evolutionäres Überbleibsel unserer tierischen Vorfahren. 

Evolutionspsychologische Emotionstheorien (Weber, 2013) sehen in dem Wuterleben eine natürliche, instinktive Reaktion auf eine Bedrohung. In dieser Logik wird das hierauf impulsiv folgende, aggressive Verhalten als Selbstverteidigung interpretiert. Wut und ihr aggressiver Ausdruck besassen somit in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit eine Überlebensfunktion.  


Zum Weiterlesen

Cherry, M. & Flanagan, O. (Ed.). (2018). The Moral Psychology of Anger. London: Rowman & Littlefield International Ltd. 

Jamisonjan, L. (2018, January 17). I used to insist I didn’t get angry. Not anymore. On female rage. New York Times. Retrieved February 1, 2018, from https://www.nytimes.com/2018/01/17/magazine/i-used-to-insist-i-didnt-get-angry-not-anymore.html 

McKay, M., & Rogers, P. D. (2009). The anger control workbook. Oakland, CA: New Harbinger Publications.  

Literatur  

Chuang, C. (2013). Mensch ärgere Dich (nicht)? In B. A. Badura (Ed.), Ira – Wut und Zorn in Kultur und Literatur (pp. 99-140). Gießen: Psychosozial-Verlag. 

American Psychological Association. (n.d.). Controlling Anger before it controls you. Amercian Psychological Association. Retrieved February 1, 2018 from http://www.apa.org/topics/anger/control.aspx 

Flanagan, O. (2018). Introduction: The Moral Psychology of Anger. In M. Cherry & O. Flanagan (Ed.). The Moral Psychology of Anger (pp. vii-xxxi). London: Rowman & Lit-tlefield International Ltd. 

Lemerise, E. A., & Dodge, K. A. (2008). The development of anger and hostile interactions. In M. Lewis, J. M. Haviland-Jones & L. F. Barrett, L. F. (Ed.), Handbook of emotions (pp. 730-741). New York: The Guilford Press. 

Mc Bride III, L. A. (2018). Anger and Approbation. In M. Cherry & O. Flanagan (Ed.). The Moral Psychology of Anger (pp. 1-14). London: Rowman & Littlefield International Ltd. 

McKay, M., & Rogers, P. D. (2009). The anger control workbook. Oakland: New Harbinger Publications, Inc. 

Penny, L. (2017, August 2). Most Women You Know Are Angry – and That’s All Right. TeenVogue. Retrieved February 1, 2018 from https://www.teenvogue.com/story/women-angry-anger-laurie-penny 

Reevy, G., Malamud Ozer, Y., & Ito, Y. (2010). Encyclopedia of Emotion (Vol. 1). Santa Barbara, California: ABC-Clio. 

Tavris, C. (1989). Anger: The misunderstood emotion. New York: Simon and Schuster. 

Weber, K. (2013). Beeindruckende Emotionen. In B. A. Badura (Ed.), Ira – Wut und Zorn in Kultur und Literatur (pp. 19-97). Gießen: Psychosozial-Verlag. 

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