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Tierischer Rausch

Wie uns die psychedelische Erfahrung mit dem Tierischen verbindet. 

Weltweit und über die Zeitepochen und Kulturen hinweg verbindet uns Menschen das Bedürfnis nach Rausch. Doch nicht nur Menschen, sondern auch Tiere suchen veränderte Bewusstseinszustände. Menschen, Tiere und psychoaktive Substanzen hängen in vielerlei Hinsicht zusammen, sei es durch das Streben nach Rausch, durch molekulare Verbindungen, durch Visionen oder durch die Phänomenologie der aussergewöhnlichen Zustände unter Einfluss von Psychedelika. 

Von Helena Aicher 
Lektoriert von Marie Reinecke und Selina Engeli 
Illustriert von Helena Aicher 

Der Genuss psychoaktiver Substanzen und die psychedelische Stimulation sind nicht nur dem Menschen ein Bedürfnis. Auch Tiere berauschen sich absichtlich. Solche Erfahrungen scheinen sogar so essentiell zu sein, dass verschiedene Arten, wenn sie einmal Kenntnis von der Wirkung eines bestimmten Stoffes gemacht haben, diese Substanz immer und immer wieder zu sich nehmen. Durch den Charakter dieses Strebens nach Rausch gleicht es den Grundbedürfnissen nach Sexualität und Nahrungsaufnahme.  

«The pursuit of intoxication with drugs is a primary motivational force in the behavior of organisms (…) Like sex, hunger, and thirst, the fourth drive, to pursue intoxication, can never be repressed. It is biologically inevitable.» 

Siegel, 1989 

Der evolutionäre Vorteil von Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme liegt auf der Hand. Weniger einleuchtend scheint auf den ersten Blick das Grundbedürfnis nach Rausch zu sein, beinhalten berauschende Substanzen und Erfahrungen doch Risiken, die kaum der biologischen Fitness dienlich sein können. Samorini (2001) argumentiert jedoch Horizont erweiternd, die Steigerung des divergenten Denkens unter Einfluss von Psychedelika könnte letztlich indirekt zu einem evolutionären Vorteil führen. Durch das divergente Denken, welches im Gegensatz zum konvergenten Denken üblicherweise als Kreativität oder als Teil ebendieser definiert wird, würde das Tier auf kreative Lösungen kommen, die seinen Artgenossen nicht zugänglich sind. In der Tat konnten Kuypers und Kollegen (2016) zeigen, dass die Einnahme von Ayahuasca, einem DMT-haltigen Gebräu aus der Amazonasregion, das divergente Denken beim Menschen erhöht. Dieses out-of-the-box-Denken könnte letztlich zu einer effizienteren Adaptionsfähigkeit führen, die – so könnte man dies interpretieren – sogar eher revolutionären (statt evolutionären) Charakter hätte. 

Wir Menschen scheinen also mit anderen Tieren dieses Bedürfnis nach Rausch zu teilen und dieses könnte unter Umständen sogar der Evolution dienlich sein. 

Im Folgenden werden wir uns lediglich mit psychedelischen Substanzen (wie beispielsweise LSD, DMT, Meskalin, Psilocybin) – nicht jedoch mit andersartig berauschenden – auseinandersetzen. 

Das Molekül in mir 

Eine über die Gemeinsamkeit des Rauschbedürfnisses hinausgehende, tatsächlich molekulare Verbindung entsteht, wenn der Mensch Tiere nutzt, um sein Bewusstsein zu verändern. Kambô, eine Substanz, die in indigenen Ritualen zur Reinigung Verwendung findet, wird beispielsweise aus dem Sekret eines Frosches gewonnen. Ein weiteres Beispiel ist die Kröte Bufo alvarius (Coloradokröte), deren Schleim 5-MeO-DMT enthält, das ebenfalls rituell genutzt wird. Auch eine bestimmte Sorte Honig im Himalaya-Gebirge soll eine halluzinogene Wirkung haben. Hier handelt es sich also wortwörtlich um «das Tier in mir».  

Tiere in psychedelischen Ritualen indigener Kulturen 

Nicht nur werden die Psychedelika enthaltenden Tiere rituell genutzt; Tiere spielen auch in schamanischen Visionen bei rituellem Gebrauch psychoaktiver Substanzen in indigenen Kulturen eine wichtige Rolle, auch wenn nur wenige dieser Substanzen tierischer Herkunft sind; meistens stammen sie aus Pflanzen oder Pilzen. Typisch ist beispielsweise bei Ayahuasca-Ritualen die Erscheinung von Schlange und Jaguar. Anekdoten zufolge soll der Jaguar beim Kauen der Ayahuasca-Liane beobachtet worden und so dem Menschen als Beispiel vorausgegangen sein. Sogenannte Krafttiere spielen auch im westlichen Neo-Schamanismus eine wichtige Rolle (vgl. z. B. Metzner, 2013).  

Die Brücke zur aktuellen Psychedelikaforschung 

Tiere kommen aber nicht nur als Vision in der psychedelischen Erfahrung vor, sondern auch auf einer Metaebene, indem sich das Erleben unter Einfluss solcher Substanzen durch Merkmale auszeichnet, die man als basal, archaisch, dem Lustprinzip folgend, ontologisch und evolutionär früh angesiedelt und somit gewissermassen als tendenziell tierisch beschreiben könnte. Krähenmann und Kollegen (2017a, 2017b) konnten dieses bisher hauptsächlich aus qualitativen Berichten bekannte Phänomen in zwei Studien mit LSD auch quantitativ nachweisen. Die Erzählungen der Probanden über ihr momentanes Erleben post-peak zeichneten sich durch ein erhöhtes Mass an kognitiver Bizarrheit und primärprozesshaftem Denken aus, und zwar jeweils mediiert durch die 5HT2A-R-agonistischen Eigenschaften des LSD. Bei Ersterem handelt es sich um einen Index für traumähnliche Inhalte (REM-Schlafphase), die sich durch irreale, unrealistische, seltsame und fantasievolle Wahrnehmungen bezüglich Situationen, Objekten, eigenen Gefühlen und Gedanken auszeichnen. Primärprozesse sind laut einer meta-psychologischen Theorie Freuds automatische, motivations- und emotionsgetriebene, tieferliegende Prozesse (Lustprinzip), die phänomenologisch eher dem Tierischen zuzuordnen sind, während Sekundärprozesse als höher hierarchische, adaptive, reflektierte und regelgebundene Prozesse definiert werden, welche die Primärprozesse unterdrücken (Realitätsprinzip). 

Neuropsychologische Studien liefern Ergebnisse, die ebenfalls in diesem Kontext interpretiert werden können. Beispielsweise wird durch Psychedelika die Aktivität im Präfrontalkortex (PFC) moduliert (vgl. z. B. Carhart-Harris et al., 2012). Dieser ist beim Menschen im Vergleich zu anderen Tieren besonders ausgeprägt und für exekutive Funktionen (Planen, Inhibition und Metakognition) zuständig, also im weiteren Sinne auch für die eben beschriebenen Sekundärprozesse. Unter Einfluss von Psychedelika nehmen verschiedene kognitive Funktionen ab, und zwar insbesondere typisch menschliche Kognitionen wie beispielsweise bestimmte Aufmerksamkeitsaspekte und andere höhere exekutive Funktionen, die mit PFC-Aktivität zusammenhängen (vgl. z. B. Carter et al., 2005; Quednow et al., 2012). Das kann so interpretiert werden, dass sich Probanden unter Einfluss von Psychedelika in einem eher wahrnehmenden und fühlenden Zustand befinden als in einem interpretierenden Modus, was mit den Befunden zu Sekundär- und Primärprozessen in Einklang steht. In Freuds Terminus könnte man auch von verstärktem Lustprinzip und reduziertem Realitätsprinzip sprechen. Auch die Befunde von Kometer et al. (2011), welche besagen, dass unter Einfluss von Psilocybin frühe Potentiale im EEG tendenziell erhöht sind und späte Potentiale eher abnehmen, können mit den hier beschriebenen Veränderungen der kognitiven Prozesse übereinstimmend so interpretiert werden, dass eine Verschiebung stattfindet weg vom Kategorisieren in Richtung Wahrnehmung (Elemente, Farben), was wahrscheinlich ebenfalls eher dem tierischen Zustand entspricht. 

Diese Befunde haben Implikationen für die aktuell weltweit laufenden und geplanten Psychotherapiestudien mit Psychedelika, liefern sie doch mögliche Erklärungen für die den psychotherapeutischen Effekten dieser Substanzen zugrundeliegenden Mechanismen. 

«Wenn man lernen würde, die Fähigkeit von LSD, unter geeigneten Bedingungen visionäres Erleben hervorzurufen, in der medizinischen Praxis und in Verbindung mit Meditation besser zu nutzen, dann könnte dieses neuartige Psychopharmakon, glaub ich, von einem Sorgenkind zum Wunderkind werden.» 

Albert Hofmann, 1979 

Der Mensch bleibt Mensch 

Trotz der hier beschriebenen Studienergebnisse und Interpretationen bleibt der Mensch unter Einfluss von Psychedelika immer noch Mensch. Einige der Effekte psychedelischer Substanzen unterscheiden sich tatsächlich grundlegend vom tierischen Zustand. Viele Tiere sind beispielsweise sehr einfach auf Belohnung konditionierbar. Unter Einfluss psychedelischer Substanzen berichten Menschen von ich-entgrenzten, losgelösten bis hin zu transzendenten Zuständen, also weit weg vom klassisch Triebgesteuerten. 

Die wundersame Phänomenologie psychedelischer Zustände macht Psychedelika zu wertvollen Werkzeugen der Bewusstseinsforschung jenseits konventioneller Vorstellungen der beschreibbaren Welt. Sie erklärt wohl auch die von diesen Substanzen ausgehende Faszination auf uns Menschen, zumal sich ihr Wesen letztlich des für uns Fassbaren entzieht. 


Zum Weiterlesen

Samorini, G. (2001). Animals and Psychedelics. Rochester, Vermont: Park Street Press. 

Siegel, R. (1989). Intoxication: The Universal Drive for Mind-Altering Substances. Rochester, Vermont: Park Street Press. 

Literatur

Carhart-Harris, R. L., Erritzoe, D., Williams, T., Stone, J. M., Reed, L. J., Colasanti, A., Tyacke, R.J., Leech, R., Malizia, A. L., Murphy, K., Hobden, P., Evans, J., Feilding, A., Wise, R.G., & Nutt, D. J. (2012). Neural correlates of the psychedelic state as determined by fMRI studies with psilocybin. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America109, 2138–2143. 

Carhart-Harris, R. L., Muthukumaraswamy, S., Roseman, L., Kaelen, M., Droog, W., Murphy, K., Tagliazucchi, E., Schenberg, E. E., Nest, T., Orban, C., Leech, R., Williams, L. T., Williams, T. M., Bolstridge, M., Sessa, B., McGonigle, J., Sereno, M. I., Nichols, D., Hellyer, P. J., Hobden, P., Evans, J., Singh, K. D., Wise, R. G., Curran, H. V., Feilding, A., & Nutt, D. J. (2016). Neural correlates of the LSD experience revealed by multimodal neuroimaging. PNAS, 113, 4853–4858. 

Carter, O. L., Burr, D. C., Pettigrew, J. D., Wallis, G. M., Hasler, F., & Vollenweider, F. X. (2005). Using psilocybin to investigate the relationship between attention, working memory, and the serotonin 1A and 2A receptors. Journal of Cognitive Neuroscience, 17, 1497–1508. 

Kometer, M., Schmidt, A., Jäncke, L., Vollenweider, F. X. (2013). Activation of serotonin 2A receptors underlies the psilocybin-induced effect on α oscillations, N170 visual-evoked potentials, and visual hallucinations. The Journal of Neuroscience, 33, 10544–10551. 

Krähenmann, R., Pokorny, D., Aicher, H., Preller, K. H., Pokorny, T., Bosch, O. G., Seifritz, E., & Vollenweider, F. X. (2017a). LSD increases primary process thinking via serotonin 2A receptor activation. Frontiers in Pharmacology, 8, e814. 

Krähenmann, R., Pokorny, D., Vollenweider, L., Preller, K. H., Pokorny, T., Seifritz, E., & Vollenweider, F. X. (2017b). Dreamlike effects of LSD on waking imagery in humans depend on serotonin 2A receptor activation. Psychopharmacology, 234, 2031–2046.  

Kuypers, K. P. C., Riba, J., de la Fuente Revenga, M., Barker, S., Theunissen, E. L., & Ramaekers, J. G. (2016). Ayahuasca enhances creative divergent thinking while decreasing conventional convergent thinking. Psychopharmacology, 233, 3395–3403. 

Metzner, R. (2013). The toad and the jaguar. A field report of underground research on a visionary medicine: Bufo alvarius and 5-methoxy-diethyltryptamine. Berkeley, CA: regent press. 

Quednow, B. B., Kometer, M., Geyer, M. A., & Vollenweider, F. X. (2012). Psilocybin-induced deficits in automatic and controlled inhibition are attenuated by ketanserin in healthy human volunteers. Neuropsychopharmacology, 37, 630–640. 

Samorini, G. (2001). Animals and Psychedelics. Rochester, Vermont: Park Street Press. 

Siegel, R. (1989). Intoxication: The Universal Drive for Mind-Altering Substances. Rochester, Vermont: Park Street Press. 

Valle, M., Maqueda, A. E., Rabella, M., Rodríguez-Pujadas, A., Antonijoan, R. M., Romero, S., Alonso, J. F., Mananas, M. A., Barker, S., Friedlander, P., Feilding, A., &   Riba, J. (2016). Inhibition of alpha oscillations through serotonin-2A receptor activation underlies the visual effects of ayahuasca in humans. European Neuropsychopharmacology, 26, 1161–1175. 

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