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Beiträge von redaktionaware

Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie

Fürsorgerische Unterbringung und Co. – darf man das?  

Unter welchen Umständen darf ein Mensch gegen seinen Willen in eine Psychiatrie eingewiesen werden? Öffentliche Sicherheit, ärztliche Behandlungspflicht und Patientenautonomie stehen im Entscheidungsprozess für oder gegen Zwangsmassnahmen oftmals in Konflikt. Fest steht, dass Zwangsmassnahmen für alle Beteiligten einschneidend sind und als letztes Mittel gewählt werden sollten. Aber wie kann Zwang reduziert werden?  

Von Vera Meier
Lektoriert von Jan Nussbaumer und Michelle Donzallaz
Illustriert von Sara Aeschlimann

Nach versuchtem Suizid, in wahnhaftem Zustand oder unter starker Drogenintoxikation zwangsmässig eingewiesen. Im Anschluss in ein Isolierzimmer gebracht und danach über längere Zeit gegen den eigenen Willen psychiatrisch behandelt. Solche Massnahmen greifen in die physische und psychische Integrität des betroffenen Menschen ein (Meier-Allmendinger, 2009). Für Patienten|innen stellen Zwangsmassnahmen eine prägende, negative Erfahrung dar, die oft mit Gefühlen wie Demütigung, Kränkung, Angst, Wut, Trauer, Hilflosigkeit und Verzweiflung verbunden ist (Armgart et al., 2013; Braunmiller, 2013; Frajo-Apor, Stippler, & Meise, 2011; Meier-Allmendinger, 2009; Steinert, Birk, Flammer, & Bergk, 2013). Auch für Entscheidungsträger|innen und Behandlungspersonen stellen Zwangsmassnahmen, die bis heute noch weitgehend einer Evidenzbasierung bezüglich ihres Nutzens bedürfen, oftmals eine professionelle und emotionale Belastung dar (Langer, 2015; Meier-Allmendinger, 2009; Moran, Cocoman, Matthews, & Staniuliene, 2009).   

Europaweit existieren grosse Unterschiede in der Häufigkeit von Zwangsmassnahmen. Dies liegt hauptsächlich an unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen und Behandlungstraditionen (Dressing & Salize, 2004; Martin & Steinert, 2007). Die Schweiz weist seit längerer Zeit im europäischen Vergleich eine relativ hohe Zahl an Zwangseinweisungen auf (Riecher-Rössler & Rössler, 1993). Im Jahr 2014 gab es schweizweit 11’000 fürsorgerische Unterbringungen (Schuler, Tuch, Buscher, Camenzind, & Schuler, 2016). Der Anteil von Patienten|innen, die per fürsorgerische Unterbringung in eine Psychiatrie eingewiesen werden, sank zwischen 2002 und 2014 kontinuierlich von über 20 auf rund 12 Prozent (Schuler et al., 2016). Das bedeutet, dass mindestens jede|r Zehnte gegen den eigenen Willen in die Klinik gebracht wird. Gerade aufgrund dieser hohen Fallzahlen scheinen Zwangsmassnahmen ein omnipräsentes, emotionales und in der Öffentlichkeit stark umstrittenes Thema zu sein. Aber wovon sprechen wir genau?  

Das weite Spektrum von Zwangsmassnahmen 

Eine Zwangsmassnahme ist eine Massnahme, die durchgeführt wird, obwohl die davon betroffene Person kundtut oder zu einem früheren Zeitpunkt kundgetan hat, dass sie damit nicht einverstanden ist (Salathé, 2017; Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, 2017). Zwang kann in der medizinischen Praxis verschiedene Formen annehmen. In der Psychiatrie wird zwischen formellen und informellen Zwangsmassnahmen unterschieden: Zu den formellen Formen von Zwang zählt zunächst die rsorgerische Unterbringung. Damit wird die Einweisung in eine geeignete Institution, in der eine Person gegen ihren Willen behandelt und betreut wird, bezeichnet. Weiter werden Freiheitseinschränkende Massnahmen (auch Bewegungseinschränkende Massnahmen) als formelle Zwangsformen verstanden. Dazu zählen Isolation, Fixation oder Festhalten sowie die Verabreichung von Medikamenten unter körperlichem Zwang. Abschliessend zählt auch die eigentliche Zwangsbehandlung zu den formellen Zwangsformen. Sie wird, im Gegensatz zu den freiheitseinschränkenden Massnahmen, unabhängig von einer akuten Notfallsituation und meist über einen längeren Zeitraum, zur Behandlung einer psychischen Krankheit durchgeführt. Sie umfasst unter anderem Medikation, Ernährung, Körperpflege oder diverse längerfristige Psychotherapien gegen den Willen von Patienten|innen. Zu den informellen Formen von Zwang gehören Überredung, Überzeugung, Manipulation, Täuschung und Druckausübung. Dabei können Strafandrohungen zum Zuge kommen, falls ärztliche Anweisungen nicht befolgt werden (Olszewski & Jäger, 2015; Salathé, 2017; Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, 2017). Was aber sind die Risikofaktoren für das Erleben einer Zwangseinweisung? 

Risikofaktoren für eine Zwangseinweisung 

Es gibt verschiedene Faktoren und Umstände, welche die Wahrscheinlichkeit, einmal fürsorgerisch in einer Psychiatrie untergebracht zu werden, erhöhen. In dieser Hinsicht hat die Forschung verschiedene soziodemographische und psychiatrische Risikofaktoren identifizieren können. So werden Personen mit einer schlechteren Schulbildung, Arbeitslose, Männer im Gegensatz zu Frauen und Personen die an einer Psychose leiden häufiger unter Zwang eingewiesen (Christen & Christen, 2005; Steinert, 2007). Von allen Patienten|innen, die in der Schweiz per fürsorgerischer Unterbringung (FU) in die stationäre Psychiatrie eingewiesen werden, weist rund ein Drittel eine Schizophrenie oder eine andere wahnhafte Erkrankung auf (Gesundheitsdirektion Kanton Zürich, 2015). Ein weiterer bedeutender Risikofaktor für Zwangseinweisungen in der Schweiz ist der Herkunftskanton der Patienten|innen. Vorreiter scheint dabei Zürich zu sein (Christen & Christen, 2005): Im Kanton Zürich wird rund ein Viertel der psychiatrischen Patienten|innen per FU in die Psychiatrie eingewiesen. Diese vergleichsweise hohe Zahl mag mitunter darauf zurückzuführen sein, dass in Zürich eine FU-Einweisung von jedem zugelassenen Arzt und jeder zugelassenen Ärztin angeordnet werden kann – dabei werden lediglich ein Drittel der Patienten|innen von Psychiatern|innen eingewiesen. Zu zwei Dritteln erfolgt die FU auf Anordnung von Ärzten|innen ohne psychiatrische Ausbildung (Gesundheitsdirektion Kanton Zürich, 2015; King, 2016).  

Die Entscheidung für oder gegen Zwang – ein tripolares Spannungsfeld 

Das Handlungsfeld, in dem solche Anordnungen erfolgen, wird oftmals als enorm spannungsreich beschrieben. Dieses Spannungsfeld, in dem Entscheidungen rund um Zwangsmassnahmen getroffen werden, wird von verschiedenen Autoren|innen unterschiedlich beschrieben. Zusammengefasst kann ein tripolares Spannungsfeld skizziert werden, um die Dilemmata, in denen sich Entscheidungsträger|innen und behandelnde Personen befinden, aufzuzeigen. Einen ersten Pol des Spannungsverhältnisses stellt das öffentliche Sicherheitsinteresse dar. Zwangseinweisungen werden nicht selten angeordnet, um den Schutz Dritter zu gewährleisten. Als zweiter Pol ist das Recht der kranken Personen auf Behandlung ihrer Erkrankung (auch bei fehlender Urteilsfähigkeit über die Behandlungsbedürftigkeit) zu nennen. Damit einhergehend ist an diesem Pol auch die ärztliche Behandlungs- oder Fürsorgepflicht im Sinne des medizinethischen Prinzips der Schadensvermeidung und der Wahrung des Patientenwohls zu erwähnen. Am dritten Pol des Spannungsverhältnisses steht das Recht auf Autonomie der Patienten|innen (Beauchamp & Childress, 2008; Dressing & Salize, 2004; Meier-Allmendinger, 2009). Die Abwägung, welcher dieser Pole in einem Entscheidungsprozess am stärksten zu gewichten ist, stellt die zentrale Herausforderung dar (Meier-Allmendinger, 2009). Dem medizinethischen Prinzip der Patientenautonomie wurde in den letzten Jahrzehnten auch auf Gesetzesebene zunehmend Beachtung geschenkt (Pro Mente Sana, 2014; Salathé, 2017). Hoff (2015) merkt jedoch an, dass die Wahrung Patientenautonomie kein ausreichendes Argument gegen eine Zwangsmassnahme sei. Es bedarf gemäss Hoff einer Adaptation auf die konkrete Situation der betroffenen Person, wobei das Ziel eine «assistierte Autonomie» sein sollte; die kranke Person soll also in der Ausübung ihrer Autonomie von medizinischen Fachpersonen unterstützt werden (Hoff, 2015). Maio (2015) betont dahingehend, dass die Durchführung von Zwangsmassnahmen, und somit ein Hinwegsetzen über die Patientenautonomie, ausschliesslich dann legitim ist, wenn die Verweigerung des|r Patienten|in ein Produkt der eigenen Krankheit ist. Entspricht die Abwehr aber tatsächlich der persönlichen Lebensauffassung des|r Patienten|in, ist jegliche Form von Zwang laut Maio ungerechtfertigt. Zwangsmassnahmen, die gegen den ausdrücklichen Willen einer Person durchgeführt werden, sollten stets das letzte Mittel in der psychiatrischen Praxis sein. In jedem Fall bedürfen solche Massnahmen einer klaren gesetzlichen Rechtfertigung (Meier-Allmendinger, 2009). 

«Das einzige Kriterium zur Legitimierung von Zwangsmassnahmen ist die Frage, ob die verweigernde Haltung des Patienten seiner ureigenen Lebensauffassung entspricht oder aber nur ein Produkt seiner Krankheit ist.» 

Maio, 2015, S. 3  

Gesetzliche Grundlagen 

Die Grundrechte, die durch die Schweizerische Bundesverfassung (BV) und durch die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) garantiert werden, bilden die zentrale gesetzliche Rahmenbedingung, unter der die Durchführung von Zwangsmassnahmen in der Schweiz betrachtet werden muss. Insbesondere sind die Garantie der Menschenwürde (Art. 7 BV), das Recht auf Leben und persönliche Freiheit (Art. 10 BV) sowie das Recht auf Hilfe in Notlagen (Art. 12 BV) relevant (Moser, 2017).  

Einschränkungen in diesen Grundrechten sind mitunter nur dann zulässig, wenn eine andere gesetzliche Grundlage vorhanden ist, die eine solche Einschränkung rechtfertigt (Art. 36 BV). Entsprechende gesetzliche Grundlagen können in Hinblick auf Zwangsmassnahmen die folgenden Gesetzestexte aus dem Zivilgesetzbuch (ZGB) sein: Fürsorgerische Unterbringung (Art. 426 – 432 ZGB), Einschränkung der Bewegungsfreiheit (Art. 438 ZGB) oder Zwangsbehandlung (Art. 434 ZGB). 

«Die geltenden Gesetze (…) setzen die in der Gesellschaft als gültig angesehenen ethischen Prinzipien in Rechtsvorschriften um, die aber notwendigerweise einen teilweise erheblichen Ermessensspielraum im Einzelfall offenlassen.» 

Steinert, 2007, S. 186 

An dieser Stelle soll speziell auf die Fürsorgerische Unterbringung (Art. 426 ZGB) eingegangen werden. Hierfür muss grundsätzlich eine psychische Störung und im Rahmen derselben eine Selbst- oder Fremdgefährdung sowie eine fehlende Einsichts- oder Einwilligungsfähigkeit feststellbar sein (Olszewski & Jäger, 2015). Im entsprechenden Gesetzestext heisst es einleitend: 

  1. Eine Person, die an einer psychischen Störung oder an geistiger Behinderung leidet oder schwer verwahrlost ist, darf in einer geeigneten Einrichtung untergebracht werden, wenn die nötige Behandlung oder Betreuung nicht anders erfolgen kann. 
  1. Die Belastung und der Schutz von Angehörigen und Dritten sind zu berücksichtigen. 
  1. Die betroffene Person wird entlassen, sobald die Voraussetzungen für die Unterbringung nicht mehr erfüllt sind. 
  1. Die betroffene oder eine ihr nahestehende Person kann jederzeit um Entlassung ersuchen. Über dieses Gesuch ist ohne Verzug zu entscheiden. 

Diese gesetzlichen Bestimmungen beziehen sich nur auf die Voraussetzungen für einen Aufenthalt in einer geeigneten Institution. Sie genügen nicht der Rechtfertigung einer Zwangsbehandlung im engeren Sinne (Medikation, Ernährung, Körperpflege oder diverse längerfristige Psychotherapien) (Meier-Allmendinger, 2009). Die Regelung einer Zwangsbehandlung selbst obliegt kantonalen Gesetzen (Meier-Allmendinger, 2009; Moser, 2017).  

Eine ärztlich veranlasste FU ist auf maximal sechs Wochen beschränkt. Ganz anders ist der zeitliche Horizont im Rahmen einer Anordnung durch eine Erwachsenenschutzbehörde: In einem solchen Fall ist eine FU grundsätzlich unbefristet. Auch in diesem Fall muss aber spätestens nach sechs Monaten und anschliessend so oft wie nötig und mindestens einmal jährlich geprüft werden, ob die Voraussetzungen für die entsprechende Unterbringung noch erfüllt sind (Tag, 2015).  

Bei jeder Zwangsmassnahme haben die einweisenden Behörden oder Ärzte|innen im Rahmen der geltenden rechtlichen Grundsätze einen Ermessensspielraum (Meier-Allmendinger, 2009; Tag, 2015). Die Entscheidung zum Vorgehen sollte neben dem Befolgen der gesetzlichen Vorgaben unbedingt auch nach den Kriterien der Vermeidbarkeit, der Voraussagbarkeit sowie der Verhältnismässigkeit getroffen werden (Meier-Allmendinger, 2009). Auch wenn beispielsweise Selbst- oder Fremdgefährdung gut voraussagbar erscheinen, bleibt die Frage nach der Verhältnismässigkeit in vielen Fällen bestehen. Als verhältnismässig gilt eine FU gemäss Art. 426 ZGB nur dann, wenn durch sie das angestrebte Ziel (meist die Wiedererlangung der Selbständigkeit und der Eigenverantwortung von Patienten|innen) erreicht werden kann. Oft finden sich die entscheidungsbefugten Personen dabei in einer ethischen Konfliktsituation wieder (Martin et al., 2007; Meier-Allmendinger, 2009). Die Gesetzestexte allein genügen als Handlungsanweisung im Umgang mit Zwangsmassnahmen scheinbar nicht.  

Ethische Richtlinien  

Eine hilfreiche Leitlinie zur Entscheidungsfindung bei der Umsetzung von Zwangsmassnahmen ist die Richtlinie der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) «Zwangsmassnahmen in der Medizin» (Olszewski & Jäger, 2015; Salathé, 2017; Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, 2017). Als Grundsätze für den Umgang mit Zwangsmassnahmen werden die Respektierung der Selbstbestimmung betroffener Patienten|innen, die Eignung des Umfeldes sowie eine effiziente, klare und offene Kommunikation im Team und mit der betroffenen Person genannt (Hoff, 2015). Inhaltlich werden unter anderem die folgenden Fragen ausführlich beantwortet: Unter welchen ethischen Voraussetzungen sind Zwangsmassnahmen als unumgänglich und vertretbar zu erachten? Wie muss die Kommunikation über eine Zwangsmassnahme mit der betroffenen Person oder ihren Vertrauenspersonen gestaltet werden? Was ist zu tun, damit angeordnete Zwangsmassnahmen so wenig traumatisierende Folgen wie möglich verursachen (Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, 2017)?  

Massnahmen zur Reduktion von Zwangsmassnahmen 

Laut schweizerischem Gesetz soll eine FU nur in ultima ratio, also als letztes Mittel, erfolgen (Art. 426, ZGB). In jedem Fall soll, wie bereits erwähnt, nach dem Prinzip der Vermeidbarkeit gehandelt werden (Meier-Allmendinger, 2009). Verschiedene Autoren|innen beschreiben Strategien zur Vermeidung von (fortdauernden) Zwangsmassnahmen, die von psychiatrischen Einrichtungen umgesetzt werden können. Dazu gehören Trainingsmassnahmen für Mitarbeitende in den Psychiatrien, wie Aggressionsmanagement, Deeskalationskurse und Abwehrtechniken. Zudem sollten psychiatrieinterne Fortbildungskurse zu psychischen Krankheiten und die Bildung von Fokusgruppen, in denen die Haltung gegenüber Zwangsmassnahmen gemeinsam reflektiert wird, angeboten werden. Auch für Patienten|innen können Schulungen zum Management eigener Aggressionen sinnvoll sein (Olszewski & Jäger, 2015). Es ist weiter angezeigt, Abteilungen mit Rückzugsmöglichkeiten anzubieten. Eine Konzentration schwer kranker Patienten|innen auf engem Raum ist ungünstig (Pro Mente Sana, 2014). Zudem können Tätigkeiten, welche die Interaktion und Kommunikation fördern, hilfreich sein. Dies kann in Form einer aktiven Beteiligung an der eigenen Behandlung oder durch Gespräche mit Vertrauenspersonen erfolgen (Heumann et al., 2017). Auch die Nachbesprechung von Zwangsmassnahmen mit den Betroffenen und|oder den Angehörigen sowie die gemeinsame Erarbeitung von Krisenplänen können dazu beitragen, dass weitere Zwangsmassnahmen verhindert werden können (Olszewski & Jäger, 2015; Pro Mente Sana, 2014).  

Viele der genannten Massnahmen werden bereits umgesetzt und von Patienten|innen als hilfreich erachtet. Die Weiterentwicklung und Erforschung von zwangsreduzierenden Massnahmen sollte künftig einen höheren Stellenwert erhalten. Dabei muss die Sicht der Patienten|innen, die sich oft nicht mit der Perspektive der Ärzte|innen zu decken scheint, unbedingt stärker miteinbezogen werden (Heumann et al., 2017). 

Ein Fallbeispiel 

Ein 22-jähriger, leicht verwahrloster Mann wird von der Polizei unter Zwang in die örtliche Psychiatrie gebracht. Die Begründung vorerst: Er sei in der Öffentlichkeit verbal ausfällig geworden und habe Passanten|innen angegriffen. Bei akuter Fremdgefährdung wird er nun vor, dem Hintergrund eines Verdachts auf eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis, gegen seinen Willen in der psychiatrischen Klinik untergebracht. Als dem Patienten im Eintrittsgespräche seine rechtliche Situation erklärt wird beginnt er das medizinische Personal bedrohlich anzuschreien und zerschlägt einen Stuhl an der Wand. In dieser akuten Gefährdungssituation wird der junge Mann von den anwesenden Pflegekräften unter starker Gegenwehr in ein Isolierzimmer gebracht. Nachdem er die angebotene orale Medikation vehement abgelehnt hat, erhält er dort auf ärztliche Anordnung ein antipsychotisches Medikament intramuskulär injiziert. An den folgenden Tagen auf der Station ereignen sich ohne ersichtlichen Grund weitere aggressive Übergriffe gegen das Pflegepersonal und Mitpatienten|innen. Weil sich der Patient bezüglich seiner Erkrankung uneinsichtig zeigt und seinen Zustand als «absolut normal» versteht, wird bei wiederholter Fremdgefährdung eine Zwangsbehandlung beantragt und richterlich bestätigt (Olszewski & Jäger, 2015).  


Zum Weiterlesen und -schauen

Meier-Allmendinger, D. (2009). Die ärztliche Einweisung – eine Zwangsmaßnahme in  

der Medizin. Therapeutische Umschau66(8), 595–599.  

Olszewski, K., & Jäger, M. (2015). Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie. InFo  

Neurologie & Psychiatrie17(7–8), 55–62.  

Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften. (2017).  

Zwangsmassnahmen in der Medizin. Medizinisch-ethische Richtlinien der SAMW. Bern, Schweiz. 

Braunmiller, H. (2013). Vom Notruf bis zur Notaufnahme: So läuft eine Zwangseinweisung ab. Switzerland: SRF Puls. 

Literatur

Armgart, C., Schaub, M., Hoffmann, K., Illes, F., Emons, B., Jendreyschak, J., … Haußleiter, I. S. (2013). Negative Emotionen und Verständnis – Zwangsmaßnahmen aus Patientensicht. Psychiatrische Praxis40(5), 278–284.  

Beauchamp, T. L., & Childress, J. F. (2008). Principles of Biomedical Ethics (6th ed.). Oxford: Oxford University Press. 

Braunmiller, H. (2013). Vom Notruf bis zur Notaufnahme: So läuft eine Zwangseinweisung ab. Switzerland: SRF Puls. 

Christen, L., & Christen, S. (2005). Zwangseinweisungen in psychiatrische Kliniken der Schweiz. Neuchâtel. 

Dressing, H., & Salize, H. J. (2004). Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung psychisch Kranker in den Mitgliedsländern der Europäischen Union. Psychiatrische Praxis31(1), 34–39.  

Frajo-Apor, B., Stippler, M., & Meise, U. (2011). „Etwas Erniedrigenderes kann dir eigentlich in der Psychiatrie nicht passieren “. Psychiatrische Praxis38(6), 293–299.  

Gesundheitsdirektion Kanton Zürich. (2015). Gesundheitsversorgung 2015. Zürich. 

Heumann, K., Bock, T., Lincoln, T. M., & Heumann, K. (2017). Bitte macht ( irgend ) was ! Eine bundesweite Online-Befragung Psychiatrieerfahrener zum Einsatz milderer Maßnahmen zur Vermeidung von Zwangsmaßnahmen. Psychiatrische Praxis44(2), 85–92.  

Hoff, P. (2015). Zwangsmassnahmen in der Medizin: Eckwerte der neuen medizin-ethischen Richtlinien der SAMW. In Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (Ed.), Klinische Ethikstrukturen in der Schweiz: Update und Herausforderungen (pp. 1–22). Bern: SAMW. 

King, J. (2016). «Eine Zwangseinweisung kann alles zerstören». Retrieved December 31, 2017, from https://www.beobachter.ch/erwachsenenschutz/psychiatrie-eine-zwangseinweisung-kann-alles-zerstoren 

Langer, U. (2015). Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie – verwerflich oder unvermeidbar. In G. Hänggi (Ed.), Strukturelle und therapeutisch-inhaltliche Möglichkeiten, Zwang zu reduzieren (pp. 5–6). Zürich: Sanatorium Kilchberg. 

Maio, G. (2015). Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie – verwerflich oder unvermeidbar. In G. Hänggi (Ed.), Gewalt als Fürsorge? Ethische Grundreflexionen zum Zwang in der Psychiatrie (pp. 3–5). Zürich: Sanatorium Kilchberg. 

Martin, V., Kuster, W., Baur, M., Bohnet, U., Hermelink, G., Knopp, M., … Steinert, T. (2007). Die Inzidenz von Zwangsmaßnahmen als Qualitätsindikator in psychiatrischen Kliniken. Probleme der Datenerfassung und − verarbeitung und erste Ergebnisse. Psychiatrische Praxis34(1), 26–33.  

Martin, V., & Steinert, T. (2007). Ein Vergleich von schweizer und deutschen Kliniken in Bezug auf die Anwendung von Fixierung und Isolierung. Psychiatrische Praxis34(Supplement 2), 212–217.  

Meier-Allmendinger, D. (2009). Die ärztliche Einweisung – eine Zwangsmaßnahme in der Medizin. Therapeutische Umschau66(8), 595–599.  

Moran, A., Cocoman, A., Matthews, A., & Staniuliene, V. (2009). Restraint and seclusion : a distressing treatment option ? Journal of Psychiatric and Mental Health Nursing16(7), 599–605.  

Moser, T. (2017). Zwangsmassnahmen – aktuelle Praxis und PräventionSwiss Nurse Leaders, Regionalgruppe ZH/GL vom. Zürich: Psychiatrische Universitätsklinik Zürich. Retrieved from http://www.swissnurseleaders.ch/fileadmin/user_upload/C.4_Regionen/C.4.3_Zuerich_Glarus/Konferenzen_2017-2018/20170405_Konferenz/Zwangsmassnahmen_Moser_2017-04.pdf 

Olszewski, K., & Jäger, M. (2015). Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie. InFo Neurologie & Psychiatrie17(7–8), 55–62.  

Pro Mente Sana. (2014). Autonomie stärken – Zwang eindämmen! Zürich. 

Riecher-Rössler, A., & Rössler, W. (1993). Compulsory admission of psychiatric patients – an international comparison. Acta Psychiatrica Scandinavica87(4), 231–236.  

Salathé, M. (2017). Zwangsmassnahmen in der Medizin. Retrieved December 31, 2017, from https://www.samw.ch/de/Ethik/Vulnerable-Patientengruppen/Zwangsmassnahmen-in-der-Medizin.html 

Schuler, D., Tuch, A., Buscher, N., Camenzind, P., & Schuler, D. (2016). Psychische Gesundheit in der Schweiz – Monitoring 2016. Neuchâtel, Switzerland. 

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Steinert, T. (2007). Ethische Einstellungen zu Zwangsunterbringung und − behandlung schizophrener Patienten. Psychiatrische Praxis34(Supplement 2), 186–190.  

Steinert, T., Birk, M., Flammer, E., & Bergk, J. (2013). Subjective Distress After Seclusion or Mechanical Restraint: One-Year Follow-Up of a Randomized Controlled Study. Psychiatric Services;64(10), 1012–1017. 

Tag, B. (2015). Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie – verwerflich oder unvermeidbartle. In G. Hänggi (Ed.), Zwangsmassnahmen aus juristischer Sicht (pp. 6–8). Zürich: Sanatorium Kilchberg. 

Das Tier an meiner Seite

Über die Abenteuer mit meinem Teddybären und warum unsere Beziehung damals so wichtig für mich war.  

Calvin hat Hobbes. Charlie Brown hat Snoopy. Christopher Robin hat Puh-Bär und ich habe meinen «kleinen Bär». Übergangsobjekte übernehmen eine wichtige Entwicklungsfunktion im Kindesalter. Die Theorie stammt von D. W. Winnicott und wird anhand von meinen eigenen Erfahrungen mit meinem Teddybären erklärt. 

Von Stefan Dorner
Lektoriert von Marie Kappen und Loriana Medici
Illustriert von Stefan Dorner

Von früh morgens an, wenn ich aufwache, bis spät abends, wenn ich zu Bett gehe, ist mein «kleiner Bär» mit mir unterwegs. Stets ist er an meiner Seite und wir erkunden zusammen die Welt. Wir schlafen immer zusammen ein, ohne ist unmöglich. Der «kleine Bär» ist der beste Tröster, den ich mir wünschen kann. Doch ich werde grösser und selbstständiger. Meinen pelzigen Komplizen brauche ich immer seltener. Schliesslich verschwindet er in einer dunklen, modrigen Kartonkiste im Keller. Doch ich bekomme bald ein schlechtes Gewissen: Schlechte Luft und Dunkelheit machen das Leben meines «kleinen Bären» bestimmt unerträglich. Nein! Ich kann ihn nicht einfach in den Keller verbannen.  

Für diesen Artikel möchte ich die Geschichte von meinem Teddybären wiederaufleben lassen. Ich nehme also meinen «kleinen Bär» von der Kommode, wo er die letzten Jahre verbrachte und setze ihn vor mich auf meinen Schreibtisch. Mein «kleiner Bär» sieht mit seinem stellenweise dünn gewordenen Fell sehr «abgeschmust» aus. Die Bärenarme und die aufgenähten Herzen auf dem weissen Bauch könnten sehr bald abfallen. Das linke Bärenohr und die Bärenschnauze sehen ramponiert und geflickt aus. Die Glasaugen sind verkratzt und der Bärenstummelschwanz fehlt gänzlich. Weitere Schmuseattacken, vielleicht einmal von meinem Sohn oder meiner Tochter, würde er kaum überleben. Ich schone also Meister Petz und versuche mich mit ihm an unsere vergessenen Abenteuer zu erinnern.  

Der nüchterne wissenschaftliche Begriff  

Mit der Theorie der Übergangsobjekte beschreibt der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott ein materielles Objekt, wie ein Kuscheltier, der Zipfel einer Decke oder ein Schmusetuch, das vom Säugling selbst ausgesucht wird (Winnicott, 2015). Ein Übergangsobjekt hilft dem Kind die Abwesenheit seiner Bezugsperson zu akzeptieren (Grüter, 2012). Doch es dient nicht nur als Mutterersatz, auch im Beisein der Mutter hat das Übergangsobjekt eine ungeheuerliche Bedeutung, so z.B. in fremden oder angstbesetzen Situationen. Das Übergangsobjekt hilft die Anforderungen der Aussenwelt anzunehmen und stellt somit eine Art Brücke zwischen Kind und Welt dar. Das Übergangsobjekt unterstützt das Kind dahingehend, dass das Kind seine Gefühle auf das Übergangsobjekt projiziert anstatt die Angst mit Weinen auszudrücken. So kann sich der Übergang von der ersten frühkindlichen Beziehung zur Mutter zu reiferen Beziehungen vollziehen (Strangl, 2018).  

«Ich sollte schliesslich auch erwähnen, dass es in einigen Fällen nur ein bestimmtes Übergangsobjekt gibt, nämlich die Mutter.» 

Donald W. Winnicott, 2015, S. 14 

Die Einzigartigkeit des Übergangsobjektes sieht nur das Kleinkind selbst. In den seltensten Fällen ist es der schöne Steiff-Teddybär von Oma und Opa. Neben Meister Petz für das Einschlafen, hatte ich für eine kurze Zeit auch ein Abwasch-Bäseli immer mit dabei. Niemand kann nachvollziehen warum ich ein Bäseli als Übergangsobjekt brauchte. Egal, ob auf einer Wanderung, auf dem Spielplatz oder zuhause im Bad, ich hielt das Bäseli auf jedem Foto immer in den Händen.  

Viele Emotionen und der erste «Nicht-Ich-Besitz»  

Übergangsobjekte sind mit grossen Gefühlen verbunden (Grüter, 2012). Eltern unternehmen alles, damit diese Beziehung nicht durch kleine Missgeschicke verloren geht. Als mein «kleiner Bär» bei der Gepäckkontrolle am Flughafen von Südafrika vergessen ging, bemerkten dies meine Eltern erst auf dem Weg vom Gate zum Flugzeug. Ohne zu zögern rannte mein Vater zurück und rettete meinen «kleinen Bär». Nach den Ferien nähte mir meine Mutter einen Umhängebeutel, damit Meister Pelz nicht mehr verloren gehen würde.  

Ein Übergangsobjekt ist nach der Theorie von Winnicott der erste «Nicht-Ich-Besitz» der äusseren Welt eines Säuglings (Winnicott, 2015). Trinkt das Neugeborene von der Brust der Mutter, hat dieses noch keine Vorstellung, dass die Brust zur Mutter gehört. Für das Neugeborene ist alles eins und sieht noch nicht, dass es nicht alles sofort haben kann. Winnicott schlussfolgert daher, dass sich der Säugling aufgrund dieser Illusion omnipotent fühlt. Wenn das Kleinkind langsam zu begreifen beginnt, dass es nicht identisch mit der Mutter ist, werden Übergangsobjekte wichtig (Blass, 2011). Damit beginnt die Vorstellung einer inneren und einer äusseren Realität zu wachsen. An die Stelle der Illusion tritt dann das Übergangsobjekt (Winnicott, 2015). Das wiederholte Nutzen eines Gegenstandes, aber auch einer Geste, eines Wortes oder einer Melodie hilft dem Kind sich zu beruhigen und die eigenen Ängste, meist Trennungsängste, abzuwehren. Diese sogenannten Übergangsphänomene können für ein Kind eine lebenswichtige Bedeutung erlangen (Bahrenberg, 2016). Mit der Beziehung zum Plüschtier verzichtet das Kleinkind somit auch auf seine Omnipotenz. 

Im Spiel werden Liebe und Hass ausgelebt  

Mein «kleiner Bär» musste viel aushalten. Wenn er unsere Beziehung beschreiben könnte, würde er Folgendes berichten: «Der kleine Stefan behandelt mich beim Einschlafen genauso zärtlich, wie er mich leidenschaftlich liebt und drückt. Manchmal bekomme ich auch seine Aggressionen zu spüren. Dann werde ich an die Wand geschleudert. Jedoch dauert dies nicht lang. Oft werde ich schnell wieder bei den Armen gepackt und festgedrückt. Der kleine Stefan ist mein Kumpane und ich tröste ihn, wenn der Vater schimpft oder die Mutter ihm etwas nicht erlaubt». Das Kind zeigt damit erste Züge eines Rollenspiels und kann sich in der Beziehung zu seinem Objekt austesten (Bahrenberg, 2016). Das Ausleben positiver und negativer Affekte gegenüber dem Übergangsobjekt hilft dem Kind in seiner gesunden Entwicklung.  

«Es war ein nie versagendes Beruhigungsmittel. Dies ist ein typisches Beispiel für das, was ich als Übergangsobjekt bezeichne.» 

Donald W. Winnicott, 2015, S. 17 

Waschen nur im Notfall 

Das Übergangsobjekt darf nicht verändert werden, ausser das Kind verändert es selber (Winnicott, 2015). Als mein «kleiner Bär» nach einiger Zeit nicht mehr braun-weiss, sondern dunkelbraun war und unangenehm roch, gab ich ihn immer noch nicht zum Waschen frei. Meiner Mutter wurde es jedoch zu bunt und sie erklärte mir, dass der «kleine Bär» genauso gerne Karussell fährt wie ich, nur eben am aller liebsten in Waschmaschinen – dies klang glaubhaft. Ganz geheuer war mir diese Karussellfahrt in der Waschmaschine dennoch nicht und so verbrachte ich den ganzen Waschgang vor der Trommel. Nur um sicher zu gehen, dass mit dem «kleinen Bär» wirklich alles in Ordnung ist.  

Es wäre zu bedauern, wenn mein «kleiner Bär» dasselbe traurige Schicksal wie viele Teddybären dieser Welt erfahren hätte und den Rest seines Lebens an einem dunklen und kalten Ort verbringen müsste. Seine beruhigenden Superkräfte wären so verbannt gewesen. Es war schön in die Geschichten meiner frühsten Kindheit zurückzukehren. Welche vergessenen Geschichten warten auf Dich?  

Übergangsobjekte in der klinischen Anwendung 

Die Theorie der Übergangsobjekte ist auch in der Praxis äusserst interessant: Ein elfjähriges Kind kann in der Psychotherapie nur schwer zwischen Fantasie und Wirklichkeit unterscheiden. Das zeigt sich beim Monopolyspiel, wenn das Kind bei ungünstigem Spielende aggressiv gegenüber der Therapeutin wird. Wenn nach einiger Zeit wirksamer Therapie aber eine Playmobilfrau – ein Übergangsobjekt – vom Kind ins Spiel integriert wird und bei frustrierenden Situationen mit einem Spielzeuggewehr abgeschossen wird, lassen die Aggressionen gegen die Therapeutin nach. Eine reife Beziehung zur Therapeutin kann entstehen. Die Beziehung zur Therapeutin kann das Kind somit schützen, indem es die natürlichen Aggressionen an der Playmobilfrau auslässt.  


Weiterlesen

Watterson, B. (2011). Calvin und Hobbes. Hamburg: Carlsen Comics.  

Feig, P., Schulz, B., Schulz, C., Travers, M.J. & Uliano, C.(Produzenten). (2015). The Peanuts [Spielfilm].  

Kögler, M. & Busch, E. (2014). Übergangsobjekte und Übergangsräume. Winnicotts Konzepte in der Anwendung. Wetzlar: Psychosozial-Verlag. 

Literatur

Bahrenburg, C. (2016). Übergangsobjekte und Übergangsphänomene. Bedeutsame Begleiter des Kindes in seiner frühen Entwicklung. Zugriff am 13.01.2018 http://www.fruehe-bildung.online/artikel.php?id=1079  

Blass, S. (2011). Die Schmusetuchlobby – welche Rolle spielen Übergangsobjekte? Zugriff am 13.01.2018 http://www.t-online.de/leben/familie/erziehung/id_48506954/die-schmusetuchlobby-welche-rolle-spielen-uebergangsobjekte-.html  

Grüter, I. (2012). Übergangsobjekt [Radiobeitrag]. Zugriff am 13.01.2018 https://www.srf.ch/sendungen/100-sekunden-wissen/uebergangsobjekt 

Stangl, W. (2018). Übergangsobjekt. Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Zugriff am 13.01.2018 http://lexikon.stangl.eu/14828/uebergangsobjekt/) 

Stern, D. (2007). Die Lebenserfahrung des Säuglings (neunte, erweiterte Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.  

Winnicott, D.W. (2015). Vom Spiel zur Kreativität (14. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta. 

Tierischer Rausch

Wie uns die psychedelische Erfahrung mit dem Tierischen verbindet. 

Weltweit und über die Zeitepochen und Kulturen hinweg verbindet uns Menschen das Bedürfnis nach Rausch. Doch nicht nur Menschen, sondern auch Tiere suchen veränderte Bewusstseinszustände. Menschen, Tiere und psychoaktive Substanzen hängen in vielerlei Hinsicht zusammen, sei es durch das Streben nach Rausch, durch molekulare Verbindungen, durch Visionen oder durch die Phänomenologie der aussergewöhnlichen Zustände unter Einfluss von Psychedelika. 

Von Helena Aicher 
Lektoriert von Marie Reinecke und Selina Engeli 
Illustriert von Helena Aicher 

Der Genuss psychoaktiver Substanzen und die psychedelische Stimulation sind nicht nur dem Menschen ein Bedürfnis. Auch Tiere berauschen sich absichtlich. Solche Erfahrungen scheinen sogar so essentiell zu sein, dass verschiedene Arten, wenn sie einmal Kenntnis von der Wirkung eines bestimmten Stoffes gemacht haben, diese Substanz immer und immer wieder zu sich nehmen. Durch den Charakter dieses Strebens nach Rausch gleicht es den Grundbedürfnissen nach Sexualität und Nahrungsaufnahme.  

«The pursuit of intoxication with drugs is a primary motivational force in the behavior of organisms (…) Like sex, hunger, and thirst, the fourth drive, to pursue intoxication, can never be repressed. It is biologically inevitable.» 

Siegel, 1989 

Der evolutionäre Vorteil von Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme liegt auf der Hand. Weniger einleuchtend scheint auf den ersten Blick das Grundbedürfnis nach Rausch zu sein, beinhalten berauschende Substanzen und Erfahrungen doch Risiken, die kaum der biologischen Fitness dienlich sein können. Samorini (2001) argumentiert jedoch Horizont erweiternd, die Steigerung des divergenten Denkens unter Einfluss von Psychedelika könnte letztlich indirekt zu einem evolutionären Vorteil führen. Durch das divergente Denken, welches im Gegensatz zum konvergenten Denken üblicherweise als Kreativität oder als Teil ebendieser definiert wird, würde das Tier auf kreative Lösungen kommen, die seinen Artgenossen nicht zugänglich sind. In der Tat konnten Kuypers und Kollegen (2016) zeigen, dass die Einnahme von Ayahuasca, einem DMT-haltigen Gebräu aus der Amazonasregion, das divergente Denken beim Menschen erhöht. Dieses out-of-the-box-Denken könnte letztlich zu einer effizienteren Adaptionsfähigkeit führen, die – so könnte man dies interpretieren – sogar eher revolutionären (statt evolutionären) Charakter hätte. 

Wir Menschen scheinen also mit anderen Tieren dieses Bedürfnis nach Rausch zu teilen und dieses könnte unter Umständen sogar der Evolution dienlich sein. 

Im Folgenden werden wir uns lediglich mit psychedelischen Substanzen (wie beispielsweise LSD, DMT, Meskalin, Psilocybin) – nicht jedoch mit andersartig berauschenden – auseinandersetzen. 

Das Molekül in mir 

Eine über die Gemeinsamkeit des Rauschbedürfnisses hinausgehende, tatsächlich molekulare Verbindung entsteht, wenn der Mensch Tiere nutzt, um sein Bewusstsein zu verändern. Kambô, eine Substanz, die in indigenen Ritualen zur Reinigung Verwendung findet, wird beispielsweise aus dem Sekret eines Frosches gewonnen. Ein weiteres Beispiel ist die Kröte Bufo alvarius (Coloradokröte), deren Schleim 5-MeO-DMT enthält, das ebenfalls rituell genutzt wird. Auch eine bestimmte Sorte Honig im Himalaya-Gebirge soll eine halluzinogene Wirkung haben. Hier handelt es sich also wortwörtlich um «das Tier in mir».  

Tiere in psychedelischen Ritualen indigener Kulturen 

Nicht nur werden die Psychedelika enthaltenden Tiere rituell genutzt; Tiere spielen auch in schamanischen Visionen bei rituellem Gebrauch psychoaktiver Substanzen in indigenen Kulturen eine wichtige Rolle, auch wenn nur wenige dieser Substanzen tierischer Herkunft sind; meistens stammen sie aus Pflanzen oder Pilzen. Typisch ist beispielsweise bei Ayahuasca-Ritualen die Erscheinung von Schlange und Jaguar. Anekdoten zufolge soll der Jaguar beim Kauen der Ayahuasca-Liane beobachtet worden und so dem Menschen als Beispiel vorausgegangen sein. Sogenannte Krafttiere spielen auch im westlichen Neo-Schamanismus eine wichtige Rolle (vgl. z. B. Metzner, 2013).  

Die Brücke zur aktuellen Psychedelikaforschung 

Tiere kommen aber nicht nur als Vision in der psychedelischen Erfahrung vor, sondern auch auf einer Metaebene, indem sich das Erleben unter Einfluss solcher Substanzen durch Merkmale auszeichnet, die man als basal, archaisch, dem Lustprinzip folgend, ontologisch und evolutionär früh angesiedelt und somit gewissermassen als tendenziell tierisch beschreiben könnte. Krähenmann und Kollegen (2017a, 2017b) konnten dieses bisher hauptsächlich aus qualitativen Berichten bekannte Phänomen in zwei Studien mit LSD auch quantitativ nachweisen. Die Erzählungen der Probanden über ihr momentanes Erleben post-peak zeichneten sich durch ein erhöhtes Mass an kognitiver Bizarrheit und primärprozesshaftem Denken aus, und zwar jeweils mediiert durch die 5HT2A-R-agonistischen Eigenschaften des LSD. Bei Ersterem handelt es sich um einen Index für traumähnliche Inhalte (REM-Schlafphase), die sich durch irreale, unrealistische, seltsame und fantasievolle Wahrnehmungen bezüglich Situationen, Objekten, eigenen Gefühlen und Gedanken auszeichnen. Primärprozesse sind laut einer meta-psychologischen Theorie Freuds automatische, motivations- und emotionsgetriebene, tieferliegende Prozesse (Lustprinzip), die phänomenologisch eher dem Tierischen zuzuordnen sind, während Sekundärprozesse als höher hierarchische, adaptive, reflektierte und regelgebundene Prozesse definiert werden, welche die Primärprozesse unterdrücken (Realitätsprinzip). 

Neuropsychologische Studien liefern Ergebnisse, die ebenfalls in diesem Kontext interpretiert werden können. Beispielsweise wird durch Psychedelika die Aktivität im Präfrontalkortex (PFC) moduliert (vgl. z. B. Carhart-Harris et al., 2012). Dieser ist beim Menschen im Vergleich zu anderen Tieren besonders ausgeprägt und für exekutive Funktionen (Planen, Inhibition und Metakognition) zuständig, also im weiteren Sinne auch für die eben beschriebenen Sekundärprozesse. Unter Einfluss von Psychedelika nehmen verschiedene kognitive Funktionen ab, und zwar insbesondere typisch menschliche Kognitionen wie beispielsweise bestimmte Aufmerksamkeitsaspekte und andere höhere exekutive Funktionen, die mit PFC-Aktivität zusammenhängen (vgl. z. B. Carter et al., 2005; Quednow et al., 2012). Das kann so interpretiert werden, dass sich Probanden unter Einfluss von Psychedelika in einem eher wahrnehmenden und fühlenden Zustand befinden als in einem interpretierenden Modus, was mit den Befunden zu Sekundär- und Primärprozessen in Einklang steht. In Freuds Terminus könnte man auch von verstärktem Lustprinzip und reduziertem Realitätsprinzip sprechen. Auch die Befunde von Kometer et al. (2011), welche besagen, dass unter Einfluss von Psilocybin frühe Potentiale im EEG tendenziell erhöht sind und späte Potentiale eher abnehmen, können mit den hier beschriebenen Veränderungen der kognitiven Prozesse übereinstimmend so interpretiert werden, dass eine Verschiebung stattfindet weg vom Kategorisieren in Richtung Wahrnehmung (Elemente, Farben), was wahrscheinlich ebenfalls eher dem tierischen Zustand entspricht. 

Diese Befunde haben Implikationen für die aktuell weltweit laufenden und geplanten Psychotherapiestudien mit Psychedelika, liefern sie doch mögliche Erklärungen für die den psychotherapeutischen Effekten dieser Substanzen zugrundeliegenden Mechanismen. 

«Wenn man lernen würde, die Fähigkeit von LSD, unter geeigneten Bedingungen visionäres Erleben hervorzurufen, in der medizinischen Praxis und in Verbindung mit Meditation besser zu nutzen, dann könnte dieses neuartige Psychopharmakon, glaub ich, von einem Sorgenkind zum Wunderkind werden.» 

Albert Hofmann, 1979 

Der Mensch bleibt Mensch 

Trotz der hier beschriebenen Studienergebnisse und Interpretationen bleibt der Mensch unter Einfluss von Psychedelika immer noch Mensch. Einige der Effekte psychedelischer Substanzen unterscheiden sich tatsächlich grundlegend vom tierischen Zustand. Viele Tiere sind beispielsweise sehr einfach auf Belohnung konditionierbar. Unter Einfluss psychedelischer Substanzen berichten Menschen von ich-entgrenzten, losgelösten bis hin zu transzendenten Zuständen, also weit weg vom klassisch Triebgesteuerten. 

Die wundersame Phänomenologie psychedelischer Zustände macht Psychedelika zu wertvollen Werkzeugen der Bewusstseinsforschung jenseits konventioneller Vorstellungen der beschreibbaren Welt. Sie erklärt wohl auch die von diesen Substanzen ausgehende Faszination auf uns Menschen, zumal sich ihr Wesen letztlich des für uns Fassbaren entzieht. 


Zum Weiterlesen

Samorini, G. (2001). Animals and Psychedelics. Rochester, Vermont: Park Street Press. 

Siegel, R. (1989). Intoxication: The Universal Drive for Mind-Altering Substances. Rochester, Vermont: Park Street Press. 

Literatur

Carhart-Harris, R. L., Erritzoe, D., Williams, T., Stone, J. M., Reed, L. J., Colasanti, A., Tyacke, R.J., Leech, R., Malizia, A. L., Murphy, K., Hobden, P., Evans, J., Feilding, A., Wise, R.G., & Nutt, D. J. (2012). Neural correlates of the psychedelic state as determined by fMRI studies with psilocybin. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America109, 2138–2143. 

Carhart-Harris, R. L., Muthukumaraswamy, S., Roseman, L., Kaelen, M., Droog, W., Murphy, K., Tagliazucchi, E., Schenberg, E. E., Nest, T., Orban, C., Leech, R., Williams, L. T., Williams, T. M., Bolstridge, M., Sessa, B., McGonigle, J., Sereno, M. I., Nichols, D., Hellyer, P. J., Hobden, P., Evans, J., Singh, K. D., Wise, R. G., Curran, H. V., Feilding, A., & Nutt, D. J. (2016). Neural correlates of the LSD experience revealed by multimodal neuroimaging. PNAS, 113, 4853–4858. 

Carter, O. L., Burr, D. C., Pettigrew, J. D., Wallis, G. M., Hasler, F., & Vollenweider, F. X. (2005). Using psilocybin to investigate the relationship between attention, working memory, and the serotonin 1A and 2A receptors. Journal of Cognitive Neuroscience, 17, 1497–1508. 

Kometer, M., Schmidt, A., Jäncke, L., Vollenweider, F. X. (2013). Activation of serotonin 2A receptors underlies the psilocybin-induced effect on α oscillations, N170 visual-evoked potentials, and visual hallucinations. The Journal of Neuroscience, 33, 10544–10551. 

Krähenmann, R., Pokorny, D., Aicher, H., Preller, K. H., Pokorny, T., Bosch, O. G., Seifritz, E., & Vollenweider, F. X. (2017a). LSD increases primary process thinking via serotonin 2A receptor activation. Frontiers in Pharmacology, 8, e814. 

Krähenmann, R., Pokorny, D., Vollenweider, L., Preller, K. H., Pokorny, T., Seifritz, E., & Vollenweider, F. X. (2017b). Dreamlike effects of LSD on waking imagery in humans depend on serotonin 2A receptor activation. Psychopharmacology, 234, 2031–2046.  

Kuypers, K. P. C., Riba, J., de la Fuente Revenga, M., Barker, S., Theunissen, E. L., & Ramaekers, J. G. (2016). Ayahuasca enhances creative divergent thinking while decreasing conventional convergent thinking. Psychopharmacology, 233, 3395–3403. 

Metzner, R. (2013). The toad and the jaguar. A field report of underground research on a visionary medicine: Bufo alvarius and 5-methoxy-diethyltryptamine. Berkeley, CA: regent press. 

Quednow, B. B., Kometer, M., Geyer, M. A., & Vollenweider, F. X. (2012). Psilocybin-induced deficits in automatic and controlled inhibition are attenuated by ketanserin in healthy human volunteers. Neuropsychopharmacology, 37, 630–640. 

Samorini, G. (2001). Animals and Psychedelics. Rochester, Vermont: Park Street Press. 

Siegel, R. (1989). Intoxication: The Universal Drive for Mind-Altering Substances. Rochester, Vermont: Park Street Press. 

Valle, M., Maqueda, A. E., Rabella, M., Rodríguez-Pujadas, A., Antonijoan, R. M., Romero, S., Alonso, J. F., Mananas, M. A., Barker, S., Friedlander, P., Feilding, A., &   Riba, J. (2016). Inhibition of alpha oscillations through serotonin-2A receptor activation underlies the visual effects of ayahuasca in humans. European Neuropsychopharmacology, 26, 1161–1175. 

Sprache

Wenn Tiere sprechen könnten 

Während wir uns der Sprache bedienen, um zu kommunizieren, geben Tiere Laute von sich. Wir alle unterscheiden uns so voneinander gemäss unserer artspezifischen Gruppe. Aber können Elefanten, See-Elefanten, Sing-Vögel und Delfine mit uns Gespräche führen?  

Von Jan Nussbaumer und Lisa Makowski
Lektoriert von Merrin Chalethu und Stefan Dorner

Tagtäglich kommunizieren wir miteinander. Als Menschen benutzen wir dabei unsere jeweilige Sprache, als Tier artspezifischen Laute (Ghazanfar & Takahashi, 2014). Wann wir diese einsetzen, scheint evolutionsbedingt auf den ersten Blick sehr ähnlich. Soziale Kontexte und Situationen prägten und prägen den Sprach- beziehungsweise Lautgebrauch (Petkov, Logothetis, & Obleser, 2009). Tiere, wie zum Beispiel die südlichen Grünmeerkatzen, eine Affenunterart, geben Laute von sich, um auf diese Art und Weise ihre Artgenossen vor einem Raubtier zu warnen. Dabei haben sie verschiedene Laute für ihre drei grössten Feinde, nämlich Leoparden, Adler und Schlangen (Fedurek & Slocombe, 2011). Für Menschen scheint dies heute nur noch ein Teilbereich für den Einsatz von Sprache zu sein. In früheren Zeiten war es hingegen denkbar, dass man Sprache hauptsächlich dazu gebrauchte, seine Familienmitglieder vor einer Gefahr zu warnen (Fedurek & Slocombe, 2011). Existentielle Gefahren waren damals allgegenwärtig, die Menschen waren in ihren kleinen Gemeinschaften den Gefahren der Natur ausgeliefert. Gibt es hier also überhaupt einen Unterschied zwischen Mensch und Tier? Kommunizieren wir beide am Ende aufgrund der selben Hintergründe? 

Heutzutage weiss man von 6000 bis 7000 Sprachen, von denen allein nur circa 200 eine eigene Schriftsprache besitzen (Calude & Pagel, 2011). 

Unsere Sprache war zuerst eine reine Gebärdensprache, was sich auch an der engen neuronalen Verbindung des Motorkortex’ und den sprachlichen Regionen ablesen lässt (Simonyan, Ackermann, Chang, & Greenlee, 2016). Auch in unserer heutigen Kommunikation sind Gesten und Gesichtsmimik und vor allem auch nonverbale Kommunikation nicht wegzudenken. Wie sieht dies in der Tierwelt aus? Kommunizieren Tiere auch mit Gesten? Es zeigte sich, dass Makaken-Affen auch reine Mundbewegungen, entsprechend ihrer Laute, formen können (Ghazanfar & Takahashi, 2014). Der Rhythmus beträgt dabei vier bis zu sieben Hertz (Ghazanfar & Takahashi, 2014). Es zeigen sich hier Ähnlichkeiten und Parallelen zu dem Rhythmus unserer Sprache. Vielleicht entwickelte sich unsere Sprache also auch aus dem, was die Tiere heute noch tun, nur wir entwickelten uns weiter? Gegen diese gemeinsame Basis spricht, dass bei uns Menschen der motorischen Bewegung und dem Sprechen ein bimodaler Rhythmus zugrunde liegt, den man bei Affen so nicht finden kann (Ghazanfar & Takahashi, 2014). 

Sprache: Eine Definition 

Aber was ist Sprache überhaupt? Es ist dabei sehr wichtig, zwischen Sprache und Kommunikation zu differenzieren. Während Kommunikation auch bei Tieren möglich ist, scheint es sich mit dem Sprechen anders zu verhalten (Fitch, 2000). Kommunikation kann grundsätzlich auch ohne Sprache funktionieren und ist nicht nur auf akustische Reize beschränkt. Sprache dagegen hat ein definiertes Regelsystem und besteht aus einer begrenzten Anzahl Elemente, aus denen man wiederum eine unbegrenzte Anzahl von Phrasen bilden kann (Fitch, 2000). Man sagt auch, dass Sprache die komplexeste Fähigkeit des Menschen darstellt. 

Tiere können zwar auch zwischen akustischen und visuellen Reizen differenzieren. Können sie jedoch auch derart differenziert sprechen, wie es wir Menschen tun? Tiere können unterschiedliche Laute formen und diese auch gegebenenfalls adaptieren, aber nicht grundlegend verändern (Ghazanfar & Takahashi, 2014). Sie haben nicht genügend neuronale Plastizität, um ihr ursprüngliches Repertoire an Lauten auszubauen. Es zeigte sich zwar, dass es im Tierreich bei den Schimpansen zum Beispiel auch Dialekte gibt (Fedurek & Slocombe, 2011; Petkov et al., 2009). Diese Differenzierung basiert jedoch auf demselben Ursprung. Im Tierreich ist das Kommunikationsrepertoire genetisch festgelegt und nicht sehr ausbaubar. Man kann versuchen, Tieren Sprache beizubringen. Sie lernen dabei allerdings nur, etwas miteinander zu koppeln, können dies aber nicht über längere Zeit behalten oder gar weiterentwickeln. Unterscheiden wir uns also neuronal doch wesentlich in unseren Sprachprozessen? 

Wo und wie findet Sprache statt?  

Wie von Petkov und Kollegen (2009) beschrieben, ging Carl Wernicke davon aus, dass Sprache vor allem in der linken Gehirnhälfte stattfindet (Petkov et al., 2009). Auf diesem Grundgedanken beruht auch das sogenannte Wernicke Areal, welches neben dem Broca Areal lange Zeit als Sprachareal definiert wurde (Petkov et al., 2009). Jedoch zeigten Untersuchungen in den folgenden Jahren, dass man Sprache nicht unilateral betrachten kann (Simonyan et al., 2016). Sprache findet nicht nur links oder rechts statt, sondern ist ein wechselseitiges System, bei dem beide Gehirnhälften involviert sind. Des Weiteren geht man von zwei Strömungen aus: dorsal und ventral (Petkov et al,, 2009). Der dorsale Strom analysiert das Wo und Wie, verläuft parietal vom primären visuellen Kortex über den Okzipitallappen zum Parietallappen (Petkov et al., 2009). Dabei interagiert er mit dem ventralen Strom, dieser analysiert das Was. Er hat wiederum Verbindungen zum medialen Temporallappen, limbischen System und dorsalen Strom. Der ventrale Strom ist dabei sowohl für die Verarbeitung visueller, als auch akustischer Informationen wichtig (Petkov et al., 2009). Er nimmt die Reize auf und formt aus Ihnen dann eine Information, die wir verarbeiten können. Er gibt Phonemen einen semantischen Inhalt (Ghazanfar & Takashi, 2014). Der dorsale Strom hingegen ist für die Sprachwahrnehmung und das Produzieren von Sprache zuständig. Dieser dorsale Strom lässt sich ebenfalls bei Affen nachweisen, der ventrale nicht (Petkov et al., 2009). Man könnte also vermuten, dass sie die Sprache wahrnehmen, aber daraus keinen für sie logischen Inhalt formen können. Dies wiederum spricht dafür, dass Tiere uns aufgrund ihrer Verarbeitung nicht verstehen und unsere Sprache auch nicht erlernen können. 

Des Weiteren hat unsere Sprache einen referentiellen Charakter, der flexibel ist (Fedurek & Slocombe, 2011). Bei Tieren ist Kommunikation an einen bestimmten Kontext gebunden. Sie besitzen dabei spezifische Laute für spezifische Situationen (Fedurek & Slocombe, 2011). Zudem ist es aber bis heute nicht abschliessend geklärt, inwiefern sich auch der Empfänger unterscheidet. Im Tierreich vermutet man meist einen passiven Empfänger, bei uns Menschen ist dieser aktiv und es findet ein direkter Austausch statt (Fedurek & Slocombe, 2011). Ein Austausch kann klar auch bei Tieren stattfinden, aber ob es dabei dem der Menschen entspricht, sieht man eher als unwahrscheinlich an. 

Ein weiterer Unterschied liess sich auch genetisch finden. Menschen besitzen eine spezifische Form des FOXP2-Gens. Dieses haben einige Tiere, insbesondere Affen, zwar auch, aber nicht in derselben Form (Fedurek & Slocombe, 2011; Ocklenburg et al., 2013). Dieses Gen ermöglicht es dem Menschen, eine feinmotorische Kontrolle über ihre Gesichtsmuskeln zu haben und diese im sprachlichen Kontext zu gebrauchen (Fedurek & Slocombe, 2011). 

Auch der ventrale sensomotorische Kortex (vSMC) zeigt, dass es Unterschiede zwischen Menschen und Tieren in der Sprachproduktion gibt (Simonyan et al., 2016). Es zeigte sich, dass, wenn es im vSMC zu Beeinträchtigungen kommt, diese Personen Schwierigkeiten haben, ihre Laute willentlich zu verändern. Sie können also die Tonhöhe, Intensität und Qualität ihrer Laute nicht mehr anpassen. Hingegen bei Tieren, insbesondere Affen, zeigte sich dieser Zusammenhang so nicht (Simonyan et al., 2016). 

Die Auflösung  

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kommunikation von Tier und Mensch durchaus Ähnlichkeiten aufweist, so vor allem der soziale Kontext, einander vor Gefahren warnen und auch ein gewisses Zusammenspiel von Gesten und Lauten. Jedoch, am Ende sind die Vorgänge im Gehirn doch sehr verschieden. 

Tiere können uns vielleicht imitieren, vielleicht auch sporadisch unsere Sprache oder Teile davon erlernen, wie zum Beispiel das Nachplappern beim Papagei. Sie aber differenziert zu gebrauchen oder gar zielgerichtet zu sprechen, scheint aufgrund ihrer Genetik und neuronalen Plastizität nicht möglich (Fedurek & Slocombe, 2011). 

So wird ein direkter Gedankenaustausch mit Worten leider nicht möglich sein, was jedoch nicht ausschliesst, dass wir Menschen lernen, Gesten und Laute der Tiere zu deuten. Das wiederum kann uns je nach Situation auch heute noch vor Gefahren schützen, die die Tiere mit ihren in vielen Bereichen feineren Sinnen eher realisieren als wir Menschen. 

«Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache und wir haben sie, um zu sprechen.» 

Theodor Fontane, In: Goldammer, Erler, Golz, & Jahn, 1973, p. 99  

Elefanten verstehen uns 

Sie haben nicht nur ein gutes Gedächtnis, sondern können uns auch mit ihren grossen Ohren verstehen – oder zumindest sind die Elefanten in der Lage, uns anhand der Sprache auseinander zu halten. Eine Studie mit freilebenden afrikanischen Elefanten legt nahe, dass sie verschiedene Gruppen von Menschen ziemlich gut unterscheiden können (McComb, Shannon, Sayialel, & Moss, 2014). So sind die grossen Rüsseltiere in der Lage zwischen Männern der Massai- und Kamba-Ethnien zu unterscheiden. Dies ist wichtig, da die Massai eine Gefahr für die Elefanten darstellen, die Kamba dagegen nicht. Zudem sind sie in der Lage Männer und Frauen auseinanderzuhalten. Sie verwechseln erwachsenen Männer auch nicht mit ungefährlichen Buben. Dies legt das Fluchtverhalten der Tiere beim Abspielen von Tonbandaufnahmen der verschiedenen Gruppen dar. So bilden die Elefanten vermehrt eine schützende Gruppe, wenn sie Aufnahmen der Massai hören, als wenn sie Aufnahmen der Kamba hören. Oder sie riechen öfters und treten häufiger die Flucht an, wenn die Aufnahme von Massai-Männern, als von Frauen oder Buben zu hören ist. Das zeigt, wie sensitiv diese Tiere – nur anhand der Sprache und der Stimme – zwischen für sie gefährlichen und ungefährlichen Menschen unterscheiden können.  

See-Elefanten erkennen die Stimmen ihrer Rivalen 

Es muss wohl am Namen liegen: See-Elefanten teilen mit ihren Namensverwandten die Fähigkeit, Stimmen gut erkennen zu können. Die See-Elefanten sind nämlich in der Lage, andere See-Elefanten am Rhythmus und an der Frequenz ihrer Stimmen zu erkennen (Mathevon, Casey, Reichmuth, & Charrier, 2017). Dazu spielten die Forscher den männlichen See-Elefanten Audio-Aufnahmen ihrer Kontrahenten ab. Die soziale Ordnung unter den männlichen Tieren wird jeweils zu Beginn der Paarungszeit mit Kämpfen festgelegt. An die dadurch festgelegte Hackordnung wird mittels lauter Vokalisation erinnert, welche für jedes Tier einzigartig ist. Alpha-Männchen verteidigen ihr Harem auf diese Weise vor hierarchisch tieferen Männchen. Wenn einem solchen Männchen die Stimme eines Alpha-Männchens vorgespielt wurde, dann zog es sich zurück. Durch systematische Veränderung der Frequenz und des Rhythmus der Aufnahmen, konnten die Forscher zeigen, dass beide Aspekte der Stimme für die Wiedererkennung der Rivalen wichtig sind. Wenn die Veränderung innerhalb der intra-individuell vorkommenden Variation des Alpha-Männchens lag, dann zeigten sie weiterhin das gleiche Rückzugsverhalten. Wenn die Veränderung der Aufnahme jedoch ausserhalb der natürlichen Variation dieses spezifischen Alpha-Männchens lag – aber noch im Spektrum der Vokalisation von See-Elefanten – dann wurde das Rückzugsverhalten nicht mehr gezeigt. Die See-Elefanten ziehen sich eben nur von stärkeren Rivalen zurück. 

Singvögel sind Grammatik-Experten 

Oft gilt die grammatische Struktur als wichtiges Element, um die menschliche Sprache von der Kommunikation von Tieren zu unterscheiden. Doch so einzigartig, wie lange angenommen, ist sie nicht. Lieder von Singvögel haben hierarchische Strukturen – ähnlich der menschlichen Grammatik – die die Vögel wahrnehmen (Abe & Watanabe, 2011). Die Forscher zeigten, dass der bengalische Fink nicht nur in der Lage ist, die natürlich auftretenden Strukturen in ihren Liedern zu erkennen, sondern auch neue künstlich erzeugte grammatikalische Regeln zu lernen. Danach waren die Vögel in der Lage, neue Audioaufnahmen anhand der zuvor erlernten Grammatik zu unterscheiden. Die Isolation junger Finken von älteren Tieren zeigte, dass sie verschiedenen Liedern anderer Finken ausgesetzt sein müssen, um die grammatikalischen Fähigkeiten richtig zu entwickeln. Somit ist die Kommunikation der fleissigen Piepser der menschlichen Sprache ähnlicher als die Vokalisation von, mit uns näher verwandten Primaten, die mit grammatikalischen Strukturen mehr Mühe haben. 

Delfine stellen sich mit Namen vor 

Es ist üblich, sich neuen Bekanntschaften gegenüber mit seinem Namen vorzustellen. Doch sind wir nicht die einzige Spezies, die das tut. Es zeigte sich, dass Delfine das ähnlich handhaben (King & Janik, 2013). Jeder Delfin hat ein eigenes charakteristisches Pfeifen, das einen Grossteil seiner vokalen Produktion ausmacht: In Isolation nahe 100 Prozent, in freilebenden Gruppen 38 bis 70 Prozent. Es ist, als würden die Delfine ihren eigenen Namen vor sich hin pfeifen. Doch sie können auch das Pfeifen ihrer Artgenossen kopieren und lernen. Wenn sich Delfine im Meer begegnen, tauschen sie ihre charakteristischen Signale aus. Auch wenn das Kopieren des Pfeifens von anderen Delfinen in der freien Wildbahn nicht sehr oft vorkommt, kann es dazu verwendet werden, um diese anzusprechen. Dazu spielten die Forscher den Delfinen künstlich erzeugte Kopien ihrer Namen ab und untersuchten die Reaktionen der grossen Tümmler. Delfine, welchen synthetisierte Versionen ihres eigenen Pfeifens vorgespielt wurde, antworteten mit demselben Signal. Delfine, denen das Pfeifen von vertrauten Delfinen aus der eigenen Gruppe oder von fremden Delfinen abgespielt wurde, kopierten diese hingegen nicht. Dass die Tümmler ihr charakteristisches Pfeifen hauptsächlich selbst verwenden, erlaubt ihren Artgenossen demnach diese gezielt anzupfeifen, indem sie deren charakteristisches Signal kopieren. 


Zum Weiterlesen

Petkov, C. I., Logothetis, N. K., & Obleser, J. (2009). Where Are the Human Speech and Voice Regions, and Do Other Animals Have Anything like them?. The Neuroscientist, 15(5), 419-429. 

Literatur 

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Calude, A. S., & Pagel, M. (2011). How do we use language? Shared patterns in the frequency of word use across 17 world languages. Philosophical Transactions of the Royal Society of B: Biological Sciences, 366(1567), 1101-1107. doi: 10.1098/rstb.2010.0315 

Fedurek, P., & Slocombe, K. E. (2011). Primate Vocal Communication: A Useful Tool for Understanding Human Speech and Language Evolution?. Human Biology, 83(2), 153-173. doi: 10.3378/027.083.0202 

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Ghazanfar, A. A., & Takahashi, D. Y. (2014). The evolution of speech: vision, rhythm, cooperation. Trends in Cognitive Sciences, 18(10), 543-553. doi: 10.1016/j.ties:2014.06.004 

Goldammer, P. Erler, G. Golz, A., & Jahn, J. (1973). Romane und Erzählungen. Berlin und Weimar. Aufbau. (p. 99)  

King, S. L., & Janik, V. M. (2013). Bottlenose dolphins can use learned vocal labels to address each other. PNAS Proceedings Of The National Academy Of Sciences Of The United States Of America, 110(32), 13216-13221. doi:10.1073/pnas.1304459110 

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Ocklenburg, S., Arning, L., Gerding, W. M., Epplen, J. T., Güntürkün, O., & Beste, C. (2013). FOXP2 variation modulates functioncal hemispheric asymmetries for speech perception. Brain and Language, 126(3), 279-284. doi: 10.1016/j.bandl.2013.07.001 

Petkov, C. I., Logothetis, N. K., & Obleser, J. (2009). Where Are the Human Speech and Voice Regions, and Do Other Animals Have Anything like them?. The Neuroscientist, 15(5), 419-429. doi: 10.1177/1073858408326430 

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Tinnitus – Das Leben mit dem Pfeifhasen

Wenn es in den Ohren pfeift, sirrt, brummt und rauscht 

Ungefährlich aber irreparabel – so präsentiert sich der Tinnitus, in diesem Artikel metaphorisch mit dem Pfeifhasen gleichgesetzt. Auch wenn bis heute noch keine Heilung möglich ist, so gibt es trotzdem einige Ansätze zum alltäglichen Umgang und zur Behandlung der teils belastenden Ohrgeräusche. 

Von Nina Rutishauser
Lektoriert von Stefanie Philipp und Marie Reinecke
Illustriert von Kerry Willimann

Seit drei Jahren halte ich einen Pfeifhasen als Haustier, der mich im Alltag auf Schritt und Tritt begleitet – sein Name ist Tinnitus. Besonders präsent ist er, wenn es still ist und keine Umgebungsgeräusche ihn übertönen oder wenn der Blutdruck in die Höhe schnellt. Mit meinem lästigen Gefährten bin ich nicht allein. Millionen Menschen weltweit sind von chronischen Ohrgeräuschen betroffen. Die Prävalenzzahlen weisen aufgrund des fehlenden Konsensus bezüglich der Definition von Tinnitus beträchtliche Schwankungen auf (Baguley, McFerran, & Hall, 2013). Über Studien hinweg, welche die gleiche Definition benutzten, werden Prävalenzen von etwa 12 bis 30 Prozent berichtet (McCormack, Edmondson-Jones, Somerset, & Hall, 2016). Wobei zehn Prozent etwa 70 Millionen Betroffenen in der Europäischen Union entspricht (Meyer, Langguth, Kleinjung, & Møller, 2014). Männer und Ältere sind häufiger betroffen als Frauen und Jüngere (Lockwood, Salvi, & Burkard, 2002). Doch woher stammen die rätselhaften Ohrgeräusche? Im Folgenden soll ein Überblick zu den Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Tinnitus gegeben werden.  

Ein Symptom, keine Krankheit 

Das Phänomen eines kurzen Ohrensausens mit Gehörverlust, das so schnell verschwindet, wie es aufgetreten ist, erleben viele Menschen. Diesem kurzzeitigen Tinnitus steht derjenige gegenüber, der sich hartnäckig hält. Es scheint bislang jedoch noch keine einheitlichen Kriterien zu geben, welche den pathologischen Tinnitus von diesen «natürlichen» Ohrgeräuschen abgrenzen (Henry, Dennis, & Schlechter, 2005).  

Klinisch kann zwischen akutem (< drei Monate), subakutem (> drei Monate) und chronischem (> 1 Jahr) Tinnitus unterschieden werden. Weiter wird in Bezug auf die Wahrnehmung und die Ursache zwischen subjektivem und objektivem Tinnitus unterschieden, was für die Diagnostik und die Behandlung besonders bedeutsam ist (Göbel & Büttner, 2004; Lockwood, Salvi, & Burkard, 2002). Objektive Ohrgeräusche stammen von einer internen, körperlichen Quelle und können von der Untersuchungsperson mit dem Stethoskop ebenfalls wahrgenommen werden (Göbel & Büttner, 2004). Subjektive Ohrgeräusche – das, was wir im Alltag typischerweise unter dem Begriff «Tinnitus» verstehen – haben keine akustischen Stimuli und sind somit nur von der betroffenen Person selbst hörbar (Lockwood et al., 2002). Die in der Fachliteratur genannten Ursachen sind vielfältig, aber eine davon wird einheitlich diskutiert: Der Gehörverlust, bedingt etwa durch Lärmbelastung oder Altern, im Zusammenhang mit der Beschädigung der Haarzellen in der Cochlea (Eggermont & Roberts, 2004). Es ist mittlerweile anerkannt, dass der Tinnitus nicht, wie früher angenommen, im Ohr selber generiert wird. Die Cochlea, die sich im Innenohr befindet, ist zwar beteiligt, aber der eigentliche Drahtzieher ist das Gehirn (Meyer et al., 2014).  

Prof. Martin Meyer, Neuropsychologe an der Universität Zürich, erläuterte den konkreten Vorgang gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung (Kolly, 2017) wie folgt: «Die Frequenzanteile, welche die geschädigten Haarzellen aufnehmen und an bestimmte Nervenzellen im auditorischen Kortex, im Hörzentrum des Gehirns, leiten sollten, kommen nicht mehr an.» Unser Gehirn reagiert daraufhin im auditorischen Kortex mit Enthemmung (Baguley et al., 2013) und regt die betroffenen Hörzellen an, um die fehlenden Frequenzen zu kompensieren. In der Folge entsteht das Pfeifen, Sirren, Brummen und Rauschen im Ohr, das von gut der Hälfte der Betroffenen auf beiden Ohren wahrgenommen wird (Baguley et al., 2013). Vergleichbar mit dem Phantomschmerz, der typischerweise nach einer Amputation im nicht mehr vorhandenen Körperteil empfunden wird, handelt es sich beim Tinnitus also um Phantomgeräusche (Jastreboff, 2011). Tinnitus wird deswegen auch als «[missglückter] Reparaturversuch des Hirns» bezeichnet (Nickl, 2016, S. 10).  

Als weitere Auslöser sind Kiefer- und Halswirbelsäule-Problematiken, Substanzen wie Drogen oder Medikamente, Morbus Menière (eine Erkrankung des Innenohrs) sowie psychologische Faktoren (z.B. Stress) bekannt (Göbel & Büttner, 2004).  

Der Pfeifhase macht es sich gemütlich – was nun? 

Die Prävalenz von Tinnitus ist höher als die Anzahl an Patienten|innen, welche sich tatsächlich in Behandlung begeben (Henry et al., 2005). Dies liegt unter anderem daran, dass viele lernen, mit der vom Gehirn produzierten «Geräuschkulisse» umzugehen. Bei rund 20 Prozent der Betroffenen führt chronischer Tinnitus zu erhöhtem Leidensdruck und zur Behandlungsnotwendigkeit (Jastreboff, 2011; Milerova et al., 2013). Wird eine behandelbare Pathologie ausgeschlossen, erweisen sich medizinische Ansätze selten als effektiv (Andersson, 2002). Einige alternative Behandlungsansätze zur Linderung des Leidens und Erhöhung der Lebensqualität gibt es dennoch.  

«Management of idiopathic tinnitus is a challenge and effective treatment options are still limited.» 

Meyer et al., 2014, S. 1 

MaskierungIm Rahmen einer «Geräuschtherapie» werden Masker, die wie kleine Hörgeräte aussehen, eingesetzt, die Geräusche (auch weisses Rauschen genannt) zur Verschleierung des Tinnitus generieren (Göbel & Büttner, 2004). Bei Gehörverlust kann auch ein Hörgerät oder gar ein «Kombinationsapparat», der die Phantomgeräusche verschleiert und gleichzeitig das Hören verbessert, in Erwägung gezogen werden. Eine randomisiert-kontrollierte Studie zeigte für beide Geräte vergleichbare Verminderungen in der Wahrnehmung des Tinnitus (Henry, Frederick, Sell, Griest, & Abrams, 2015). Für Betroffene, die keine konstante Maskierung benötigen, können aber auch Kopfhörer mit Musik oder einem Hörbuch vollends ausreichen.  

Tinnitus Retraining Therapy (TRT)Die TRT kombiniert eine ausführliche Psychoedukation und Geräuschtherapie. Um Tinnitus kreisen oft Ängste, die auf inkorrekten Annahmen basieren. Nebst dem Einsatz von Maskern soll den Patienten|innen folglich vermittelt werden, dass es sich bei Tinnitus um eine ungefährliche Phantomwahrnehmung handelt, nicht um einen bedrohlichen Stressor (Jastreboff, 2011). In einer kontrollierten klinischen Studie ergab sich für TRT einen signifikant grösseren Effekt als für die Maskierung allein, insbesondere bei Personen, die zu Beginn der Therapie unter einer schweren Symptomatik litten (Henry et al., 2006).  

Neurofeedback. Mittels operanter Konditionierung sollen Personen die «Fehlfunktion, die sich ihr Gehirn antrainiert hat, wieder gezielt verlernen» (Nickl, 2016, S. 11). Neurofeedback ermöglicht eine gezielte Aufmerksamkeitslenkung, Entspannung und eine Visualisierung der Gehirnaktivität, auf welche die Patienten|innen aktiv Einfluss nehmen sollen (Gosepath, Nafe, Ziegler, & Mann, 2001). Bisher haben nur wenige Studien die Effektivität des Neurofeedbacktrainings bei Tinnitus untersucht, dennoch sind die Resultate vielversprechend (Güntensperger, Thüring, Meyer, Neff, & Kleinjung, 2017). Zum Beispiel erzielten Gosepath und Kollegen (2001) mittels Neurofeedback bei ihren Patienten|innen eine Reduktion der Tinnitusbelastung. Weiler, Brill, Tachiki und Schneider (2002) konnten in ihrer explorativen Studie somatische und psychische Begleitsymptome des Tinnitus vermindern. Ziel ist es, in absehbarer Zeit eine individualisierte Therapie anzubieten (Nickl, 2016). 

Medikamente. Trotz intensiver Forschung im Bereich der Pharmakologie gibt es zur Behandlung von Tinnitus bislang noch keine effektiven Medikamente. Zur Behandlung von Schlafstörungen oder komorbiden Depressionen, die mit dem Tinnitus einhergehen, können Benzodiazepine und Antidepressiva in Betracht gezogen werden, denn ein verbessertes psychisches Befinden kann die Wahrnehmung des Tinnitus positiv beeinflussen (Henry et al., 2005; Baguley et al., 2013).  

Die Psyche als Mitspieler und Leidtragender 

Das Erleben eines chronischen Tinnitus kann zu psychischer Belastung und verminderter Lebensqualität führen (Bartels, Middel, van der Laan, Staal, & Albers, 2008). In 12 von 13 klinischen Studien wurde ein Zusammenhang zwischen Tinnitus, Depression und Angst gefunden (Ziai, Moshtaghi, Mahboubi, & Djalilian, 2017). Über die Kausalität können aber keine Aussagen gemacht werden, denn Depressionen, Angst- und somatoforme Störungen können in diesem Fall sowohl Sekundär- als auch prädisponierende Vorerkrankungen sein (Hiller & Göbel, 2001). 

Interessant ist, dass sich das Ausmass der psychischen Belastung nicht am Schweregrad des Tinnitus festmachen lässt (Jastreboff, 2011). Die subjektive Belastung scheint demnach insbesondere von individuellen Faktoren abhängig zu sein. Nebst der Lautstärke und der Geräuschqualität des Tinnitus sowie Symptomen wie Schlaf- und Konzentrationsstörungen können kognitive Faktoren (dysfunktionales Bewerten und Katastrophisieren), affektive Faktoren (Bedeutungszumessung und Angstneigung) und operante Faktoren (negative Verstärkung) für die erlebte Belastung eine Rolle spielen (Kröner-Herwig, 2011).  

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist ein geeignetes Mittel, um den psychischen Leidensdruck zu behandeln. In der KVT wird dem störenden Ohrgeräusch begegnet wie etwa bei Schmerz oder Angst, und es kommen Techniken wie Entspannungsübungen und kognitive Umstrukturierung zum Einsatz (Andersson, 2002). Zudem wird auch gegen die Vermeidung von lautstarken Situationen (zum Beispiel Sportveranstaltungen), vorgegangen, da dieses aversive Verhalten die Aufrechterhaltung der Beeinträchtigung fördert (Kröner-Herwig, 2011).  

Die Effektstärken für KVT-Interventionsgruppen in klinischen Längsschnittstudien weisen auf einen längerfristig positiven Einfluss auf die Tinnitus-Symptomatik hin. Kleinere, aber ebenfalls signifikante Effekte zeigen sich in Bezug auf das Befinden der Patienten|innen (Hesser, Weise, Zetterqvist, Westin, & Andersson, 2011). Eine Verbesserung lässt sich zudem auch in der Akzeptanz des Tinnitus finden (Moschen et al., 2015), was für die Koexistenz mit dem Pfeifhasen von Bedeutung ist.  

Wo der Pfeifhase im Rampenlicht stehen darf und wo nicht 

Für Betroffene ist es in erster Linie wichtig zu wissen, dass sie mit ihrem Pfeifhasen nicht alleine gelassen werden. Eine empathische Behandlungsperson und eine eingehende Psychoedukation sowie konkrete Copingstrategien für den Alltag [siehe Kästchen] können die halbe, wenn nicht sogar die ganze Miete sein. Für Personen, die unter dem konstanten «Kopfkonzert» leiden, können die heute verfügbaren Behandlungsmethoden, inklusive Psychotherapie, durchaus zur Linderung des Leidensdrucks beitragen. Voraussetzung ist, dass Behandlungspersonen (insbesondere Hausärzte|innen) über diese Möglichkeiten Auskunft geben können.  

«Adäquate Anlaufstellen für Tinnitusbetroffene fehlen auch heute weitgehend.» 

Kolly, 2017 

Einige der erläuterten Ansätze stecken noch in den Kinderschuhen, aber wissenschaftliche Fortschritte sind dank intensiver Forschung dennoch zu verzeichnen. Ein Bereich, in dem der Pfeifhase aber nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen darf, ist der Alltag. Das oberste Gebot für jede an Tinnitus leidende Person lautet: Adaptation. Mein Arzt meinte damals: «Ach, Frau Rutishauser, Sie sind ja noch jung. Sie werden sich daran gewöhnen.» Ernst genommen fühlte ich mich durch diese Aussage zwar nicht, aber sie bewahrheitete sich. Zu Beginn nimmt der Pfeifhase überhand. Er säht Angst und Hoffnungslosigkeit, beeinflusst den Schlaf und die Konzentration. Verzweifelte Arztbesuche folgen. Nicht selten erntet der Tinnitus Bagatellisierung. Obwohl es in meinen Ohren nach wie vor unaufhörlich pfeift, habe ich mit der Zeit gelernt, mit dem Pfeifhasen Seite an Seite zu leben. Schenkt man ihm keine Beachtung, so löst er sich zwar nicht in Luft auf, aber er verzieht sich immerhin zwischendurch schmollend in seinen Bau. 

Tipps zur Haltung von Pfeifhasen 

  1. Keine Beachtung schenken und sich von Gesprächen, Umgebungsgeräuschen oder gar den eigenen Gedanken ablenken lassen. 
  1. Intensive Online-Recherchen und den Tinnitus als Dauerthema unterlassen, denn auch auf diesem Weg drängt er sich ins Bewusstsein (als ich zum Beispiel diesen Artikel schrieb, empfand ich meinen Tinnitus als lauter). 
  1. Kopfhörer aufsetzen (Musik, Podcasts, Hörbücher – jedoch weiteren Haarzellenschädigungen mit geringster noch übertönender Lautstärke vorbeugen!)  
  1. Den Konsum blutdruckerhöhender Substanzen wie Alkohol, Nikotin und Koffein möglichst gering halten. 
  1. Alltagsstress mit Sport und/oder Entspannungstechniken entgegenwirken. 
  1. Kein Vermeidungsverhalten – dem Alltagslärm unbeirrt begegnen und bei lautstarken Veranstaltungen gute Ohrstöpsel benutzen. 
  1. Ist der Pfeifhase zu laut, schlafraubend oder Angst auslösend, so lohnt es sich, die Nervensäge zur ärztlichen Abklärung zu bringen und sich Gehör zu verschaffen! 

Zum Weiterlesen

Baguley, D., McFerran, D., & Hall, D. (2013). Tinnitus. Lancet, 382, 1600–1607.  

Kolly, M. (2017, August 4). Wie Zürich mit einem Tinnitus klingt. Neue Zürcher Zeitung. Retrieved February 1, 2018 from https://www.nzz.ch/wissenschaft/medizin/medizin-wie-zuerich-mit-einem-tinnitus-klingt-ld.1305914&nbsp;

Literatur

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Bartels, H., Middel, B. L., van der Laan, B. F. A. M., Staal, M. J., & Albers, F. W. J. (2008). The Additive Effect of Co-Occuring Anxiety and Depression on Health Status, Quality of Life and Coping Strategies in Help-Seeking Tinnitus Sufferers. Ear & Hearing, 29(6), 947–956. 

Eggermont, J. J. & Roberts, L. E. (2004). The neuroscience of tinnitus. TRENDS in Neurosciences, 27(11), 676–682. 

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Schafe in der Klinik

Hunde, Katzen, Hühner, Schafe und weitere Tiere werden in psychiatrischen Kliniken eingesetzt.  

Tiergestützte Interventionen kommen in Kliniken gut an. Doch der Einfluss von Tieren auf die menschliche Gesundheit ist schwierig zu untersuchen: Die wissenschaftliche Bestätigung der Wirksamkeit tiergestützter Therapien kämpft mit methodischen Schwierigkeiten.  

Von Jan Nussbaumer 
Lektoriert von Madeleine Lanz und Lisa Frisch


Leichter Nebel hing noch über dem Klinikareal in Basel und hüllte die über das Gelände verstreuten Einzelbauten sanft ein, als ich das erste Mal durch das Areal der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) geführt wurde. Eines der älteren Gebäude, Gebäude B, eine der beiden Villen aus den 1880er Jahren der Privatklinik der UPK, war umzäunt und einige Schafe grasten auf der Wiese davor. So zottelige Schafe hatte ich zuvor noch nie gesehen. Sogar der schwarze Kopf, der sonst weissen Schafe, war bewollt und seitlich standen die verdrehten Hörner ab. Doch über diese Geschöpfe, sogenannte Walliser Schwarznasenschafe, wurde kein Wort verloren – offenbar gehörten sie ganz selbstverständlich zur Klinik. Während meines Praktikums an der UPK stellte sich heraus, dass sie von Zeit zu Zeit um ein anderes Gebäude eingezäunt wurden und ich freute mich über jeden Tag, an dem ich die Schafe, vom Fenster meines Arbeitsplatzes aus, sehen konnte. Doch was machen Schafe in der Klinik? 

Schafe und andere Tiere 

Schafe gehören in Basel zum Angebot der tiergestützten Therapien, bei dem neben Schwarznasenschafen auch Zwergziegen, Meerschweinchen, Kaninchen, Hühner und Katzen zum Einsatz kommen. Die tiergestützten Therapien werden in Kleingruppen von vier bis fünf Patienten|innen angeboten, erklärt Verena Winkler, Leiterin für Arbeitstherapie und naturnahe Therapien der UPK. Dabei werde mit Schafen, Ziegen, Hühnern, Kaninchen und Meerschweinchen gearbeitet. In der Einzeltherapie setze man hauptsächlich die Kleintiere ein. Anders als die Nutz- und Kleintiere bewegen sich die Katzen frei auf dem Gelände und bestimmen den Kontakt mit den Patienten|innen selber. Das Angebot sei sehr gefragt, ergänzt Winkler. Die Patienten|innen lernen einen achtsamen Umgang mit dem Tier zu pflegen, die Verhaltenssignale zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Der direkte Tierkontakt könne positive Gefühle auslösen und Patienten|innen motivieren weitere Aufgaben rund um das Tier wahrzunehmen und auszuführen. Das Tierwohl stehe für die Patienten|innen und Mitarbeitenden an erster Stelle. Verena Winkler betont, dass auch die tiergestützten Aktivitäten ein therapeutisches Angebot mit klar formulierten Zielen sei. Für jede|n Patienten|in gebe es eine ärztliche Verordnung mit spezifischer Zielsetzung.  

Roberto Tavaretti, Leiter der Dienste der Direktion Pflege, Therapien und Soziale Arbeit an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) und zuständig für das tiergestützte Angebot, erklärt, dass Aktivitäten mit Tieren etwa für Patienten|innen angezeigt sein können, die sich krankheitsbedingt noch nicht auf andere Therapieangebote einlassen können. Gerade für Patienten|innen mit niedrigem Selbstwert könne die Zuneigung, die sie im Tierkontakt erfahren, sehr wichtig sein. Der Zugang zu Tieren funktioniere anders: Tiere hätten keine Erwartungen und nähmen Patienten|innen an wie sie sind. Zudem wirke ihre Anwesenheit aggressionsmildernd. Die Patienten|innen reden miteinander über die Tiere und verändern so das Klima auf den Stationen. Tavaretti erklärt, dass das tiergestützte Angebot an der PUK in zwei Kategorien falle: Besuchstiere und Stationstiere. Zu den Besuchstieren gehören hauptsächlich Hunde, die bei spezifischen Aktivitäten und bei Einzeltherapien eingesetzt werden. So gebe es Therapeuten, die tiergestützte Ergotherapien oder tiergestützte Psychotherapien anbieten, wo das Tier etwa als Mittler oder Katalysator wirke. Die Stationstiere hingegen seien auf den Stationen, wodurch sich auch Möglichkeiten zu freien (ungelenkten) Interaktionen ergeben. Eine der Stationen habe beispielsweise vier Katzen, bei einer anderen gibt es Hühner und zwei weitere haben Hunde. Tavaretti erwähnt, dass der positive Einfluss der Tiere auf den Menschen seit Jahrhunderten aus der täglichen Erfahrung bekannt sei, doch werde erst seit wenigen Jahrzehnten entsprechende Forschung betrieben. 

Tiere zur Intervention, Therapie und Aktivität 

Die Geschichte über den Einsatz von Tieren in der Psychotherapie begann in den 1950er Jahren mit Jingles, dem Hund des Kinderpsychologen Boris Levinson. Jingles vermochte, was Levinson nicht vermochte: Er stellte eine Beziehung zu einem Kind her, das in der Behandlung nicht sprach. Dieses begann nun mit Jingles zu interagieren und sich mit ihm zu unterhalten. Damit veränderte Jingles die künftige Praxis seines Herrchens massgeblich. Denn obwohl jener zuerst zurückhaltend war und den Einbezug von Hunden als zu unorthodox empfand, erkannte er das Talent seines Hundes und setzte ihn von nun an öfters ein (Fine, Tedeschi, & Elvove, 2015; Fine, 2011). So veröffentlichte Levinson den ersten Beitrag über die Vermittlung der Kommunikation zwischen Therapeut|in und Patient|in durch den Einsatz von Hunden (Levinson, 1969). 

Zu Beginn war die Aufnahme seiner Ideen zögerlich, doch nach und nach wurden sie häufiger eingesetzt und die Forschung zu seiner tiergestützten Methode nahm zu. Nimer und Lundahl (2007) veröffentlichten schliesslich eine Metaanalyse über die bestehenden Studien, in der sie die Wirksamkeit der tiergestützten Therapien bestätigen konnten. Sie fanden moderate Effekte in den folgenden untersuchten Bereichen: Bei Kindern mit Diagnosen des Autismus-Spektrums, im Wohlbefinden inklusive Ängstlichkeit und Depression, in medizinischen Variablen und im beobachtbaren Verhalten, welches Aggressivität, Gewalt und das Befolgen von Regeln beinhaltete. Die Autoren verwendeten 19 verschiedene Begriffe für die tiergestützte Therapie, um Artikel für ihre Analyse zu finden. Dies lässt erahnen, wie verstreut und uneinheitlich die Forschung auf diesem Gebiet war.  

In der Literatur stösst man auf eine Reihe von Begriffen für tiergestützte Angebote, wobei sich inzwischen eine einheitliche Verwendung der Begriffe abzuzeichnen beginnt. Die wichtigsten Begriffe dürften animal-assisted intervention (AAI), animal-assisted therapy (AAT) und animal-assisted activity (AAA) sein. Die Begriffe sind selbsterklärend, doch sie werden teilweise unterschiedlich in Beziehung gesetzt. So war für Fine (2011) AAI ein genereller Überbegriff, worunter sowohl AAT als auch AAA fallen. Für McCardle, McCune, Netting, Berger und Maholmes (2011) sind AAT und AAI jedoch sehr ähnlich und grenzen sie von AAA ab. Für diese Autoren stellt human-animal interaction (HAI) der Oberbegriff dar unter den AAT, AAI und AAA fallen. Dies zeigt jedoch, dass die Abgrenzung zwischen AAT und AAA von allen Autoren gemacht wird. Eine neuere Konzeption von Fine und Mackintosh (2016) listet ergänzend auch animal-assisted education (AAE) als Teil der AAI auf (Siehe Darstellung). Folgend werden die Definitionen der International Association of Human-Animal Interaction Organizations (IAHAIO, siehe Kästchen) und die Einteilung von Fine und Mackintosh (2016) verwendet. Es dürfte unbestritten sein, dass es neben zielgerichteten Interventionen wie AAT und AAA, auch gesundheitsförderliche Interaktionen mit Tieren geben kann, die ohne Zielsetzung und spontan geschehen. Diese zählen zu den HAI, welche als umfassender Überbegriff verstanden werden und unter den jegliche Mensch-Tier-Interaktionen fallen, wie auch der Kontakt mit Wild- oder Haustieren (Fine, Tedeschi, & Elvove, 2015).  

Obwohl der moderne Einsatz von Tieren in der Therapie auf Levinson zurückgeht, gab es ab Ende des 18. und über das 19. Jahrhundert hinweg Institutionen, wie das oft erwähnte The York Retreat, die Tiere in der Behandlung von Geisteskranken einsetzten (Serpell, 2015). Doch im 20. Jahrhundert verschwanden die Tiere mit dem Aufkommen der wissenschaftlichen Medizin fast vollständig wieder aus den Kliniken und Spitälern (Allderidge, 1991). 

Weil wir seit langem mit Tieren leben 

Die lange Geschichte der Domestizierung von Tieren lässt erahnen, wie nahe Menschen mit ihren Tieren über Jahrhunderte zusammengelebt haben. Die Domestizierung begann etwa 15000 v. Chr., wobei man davon ausgeht, dass der Wolf das erste domestizierte Tier war und vor etwa 12000 Jahren die Grundlage zur Entstehung des Hundes bildete (Alves, Ribeiro, Arandas, & Alves, 2018). Schafe und Ziegen werden seit 7’000 bis 9’000 Jahren im mittleren Osten domestiziert und Anzeichen für das Zusammenleben von Mensch und Katze reichen etwa 9’500 Jahre zurück (Vigne, Guilaine, Debue, Haye, & Gérard, 2004). Doch dieser Prozess wurde nicht ausschliesslich vom Menschen gesteuert. So zogen die Nahrungsabfälle der Menschen kleinere Tiere an, welche daraufhin die Nähe zu den menschlichen Siedlungen suchten. Bei diesen Tieren kann man also nicht von einer direkten Selektion durch den Menschen sprechen, vielmehr ist es ein koevolutionärer Prozess (Alves, Ribeiro, Arandas, & Alves, 2018). Paradebeispiele dafür sind Hunde und Katzen (Zeder, 2012). Diese gemeinsame Entwicklung über tausende von Jahren verdeutlicht, wie natürlich das Zusammenleben von Menschen und Tieren ist, oder zumindest über lange Zeit war. 

Haustiere 

Doch zeigen Untersuchungen über den Einfluss von Haustieren auf die Gesundheit, gemischte Ergebnisse (Haverkos, Hurley, McCune, & McCardle, 2011). Es gibt Studien mit positiven Ergebnissen, die ein geringeres Risiko für kardiovaskuläre Krankheiten (Anderson, Reid, & Jennings, 1992) und höhere Überlebensraten nach einem Schlaganfall für Haustierbesitzer berichteten (Friedmann, Katcher, Lynch, & Thomas, 1980). Untersuchungen über den Einfluss von Haustieren auf die Gesundheit unterliegen jedoch häufig methodischen Schwierigkeiten. So ist die Wirkrichtung schwer zu beurteilen, weil es auch möglich ist, dass gesündere Menschen schlicht eher dazu neigen, sich Haustiere zuzulegen als weniger Gesunde. Längsschnittstudien wie die von Headey und Grabka (2007) sind eine Möglichkeit, sich dieser Problematik zu nähern. Sie fanden heraus, dass Personen, welche seit mindestens fünf Jahren ein Haustier besassen, am seltensten ihren Arzt aufsuchten. Ihre Untersuchung, mit Stichproben aus Deutschland und Australien, konnte die Frage nach der Ursache aber auch nicht abschliessend klären.  

Siegel (2011) äusserte ein grundlegendes Problem solcher Studien: Aus praktischen und ethischen Gründen können nur Personen untersucht werden, die sich selbst dazu entschlossen haben sich ein Haustier zuzulegen. Eine zufällige Zuordnung von Personen auf die Versuchsbedingungen solcher Studien wäre nicht zumutbar. Niemand kann zur Haltung eines Haustieres gezwungen werden, allein schon wegen der Verantwortung dem Tier gegenüber. Eine seltene Ausnahme bietet die Studie von Allen, Shykoff und Izzo (2001). Sie teilten Personen mit Bluthochdruck zufällig in eine Experimentalbedingung oder eine Kontrollgruppe ein. Die Personen in der Experimentalgruppe legten sich zusätzlich zur medikamentösen Behandlung, welche auch die Kontrollgruppe erhielt, einen Hund oder eine Katze zu. Sechs Monate später zeigten all jene Probanden|innen mit Haustier signifikant geringere Stressreaktionen. In einer Ruhebedingung konnte dieser Effekt konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. Trotz der Zufallszuteilung auf die beiden Gruppen, ist zu kritisieren, dass sich gewiss nur jene für die Studie eingeschrieben haben, die von vornherein gewillt waren, sich ein Haustier zuzulegen. So könnten auch hier die Ergebnisse verzerrt sein.  

Neben der Kritik an den Studien, welche einen positiven Effekt von Haustieren auf die Gesundheit fanden, gibt es auch Studien, die keinen oder sogar einen negativen Einfluss entdeckten (Siegel, 2011). So untersuchten Parker und Kollegen (2010) Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dabei zeigten Haustierhalter – insbesondere solche mit Katzen – eine höhere Sterblichkeit und ein höheres Risiko für eine erneute Hospitalisierung.  

Für Siegel (2011) geht es deshalb nicht darum, ob Haustiere unsere Gesundheit fördern, sondern unter welchen Bedingungen sie das tun. Beispielsweise konnte gezeigt werden, dass der Zusammenhang von Einsamkeit und selbstberichteter Gesundheit bei älteren Frauen mit Haustieren vollständig über die Bindung zum Haustier als Bewältigungsstrategie erklärt werden kann (Krause-Parello, 2008). Eine andere Studie legt nahe, dass Haustiere nur bei Alleinlebenden einen Unterschied ausmachen (Goldmeier, 1986). Auch bei Personen mit AIDS war der positive Einfluss von Haustieren auf Depressivität bei denjenigen am höchsten, die weniger soziale Unterstützung berichteten (Siegel, Angulo, Detels, Wesch, & Mullen, 1999). 

Jetzt wird geschoren 

Nimer und Lundahl (2007) kommen bei tiergestützten Therapien zum gleichen Schluss und sind der Meinung, dass es unbedingt mehr Forschung brauche, die untersucht, unter welchen Bedingungen diese hilfreich sind. Zudem äussern sie die Beobachtung, dass es viele Anekdoten und Fallstudien gibt, aber noch mehr Studien von hoher Qualität benötigt werden, um kritische Entscheidungsträger zu gewinnen, die noch nicht von dem Konzept überzeugt sind.  

Doch auch hier hemmt die Schwierigkeit randomisierte Studien durchzuführen die objektive Untersuchung auf diesem Gebiet. Zudem äusserte Gee (2011) die Kritik, dass Personen, die zu Interaktionen zwischen Mensch und Tier forschen, auf positive Ergebnisse hoffen, was die Ergebnisse weiter beeinflussen könnte. Der Glaube der beteiligten Therapeuten|innen an die Wirksamkeit lässt sich ebenfalls nicht kontrollieren und wären diese nicht überzeugt davon, würden sie nicht mit Tieren arbeiten. Diese methodischen Schwierigkeiten sollten jedoch kein Hindernis sein, Tiere in die klinische Tätigkeit zu integrieren. So war vor dem Einsatz von Blindenhunden deren Wirksamkeit wissenschaftlich auch nicht untersucht, trotz ihrer offensichtlichen Nützlichkeit (Gee, 2011). 

…um Wolle für die Zukunft zu haben 

An der UPK in Basel gebe es seit den 60er Jahren Tiere, erklärt Verena Winkler. Bereits vor 20 Jahren seien die Nutz- und Kleintiere therapeutisch in die Arbeit mit Patienteninnen einbezogen worden. In den letzten Jahren sei das tiergestützte Angebot ausgebaut und intensiver therapeutisch gestaltet worden. Durch die Vielfalt der verschiedenen Tierarten, können Wünsche der Patienten|innen bei der Auswahl eines Tieres berücksichtigt und positive Erfahrungen leichter ermöglicht werden. Dennoch gelte auch hier, dass die Kontaktaufnahme durch das Tier positiv bestätigt werden müsse. Ein Tier bleibe ein Tier und sie seien dafür verantwortlich auf das Wohl der Tiere zu achten, berichtet Winkler und ergänzt: Die Tiere werden in einem therapeutischen Kontext eingesetzt, um ein Ziel beim Menschen zu erreichen. Es gehe dabei nicht um das Tier, sondern in erster Linie um den Menschen. Tiere können keine Krankheit heilen, jedoch eine Verbesserung der Lebensqualität und des Wohlbefindens herbeiführen. Im November letzten Jahres wurde ein zusätzliches Gebäude erstellt, das Tierhaus für Therapien, das dem Team von Verena Winkler ermöglicht, nebst den Gruppentherapien vermehrt auch Einzeltherapien anzubieten.   

Auch Roberto Tavaretti von der PUK ist überzeugt vom tiergestützten Angebot: «Wir hatten noch nie negative Reaktionen.» Es gebe nur positive Aspekte und koste fast nichts. Die Frage, ob es Pläne für die Erweiterung des Angebots gibt, verneint er jedoch. Man wolle die Entwicklung nicht zentral steuern oder drängen. Es sei wichtiger, Möglichkeiten für Projekte zu bieten und diese zu unterstützen, wenn sie durch die Initiative einzelner Personen zustande kommen. Die Motivation müsse von den Betroffenen kommen, da es mit einer zusätzlichen Belastung und mit Aufwand verbunden sei. Tavaretti gesteht, dass das Angebot nicht allen Patienten|innen nütze. Doch spürt man seine Begeisterung, wenn er anschliessend die Anekdote einer Frau berichtet, die ihre Mutter an die PUK begleitete und sagte: «Mami, da bisch guet ufghobe, da hets en Hund.» So gibt es Menschen, die Hunde mögen und solche die Katzen mögen. Ich muss wohl ein Schwarznasenschaf-Mensch sein.  

Definitionen der IAHAIO  

Animal-Assisted Intervention (AAI): Eine zielgerichtete und strukturierte Einflussnahme, bei der Tiere zum Einsatz kommen, um therapeutische Fortschritte bei Menschen zu erzielen. AAI schliesst AAT, AAA und AAE ein.  

Animal-Assisted Therapy (AAT): Eine zielgerichtete, geplante und strukturierte therapeutische Intervention von Fachpersonen aus dem Gesundheitswesen, der Pädagogik oder der sozialen Arbeit. Das physische, kognitive, sozio-emotionale und allgemeine Funktionsniveau soll dadurch gesteigert werden. 

Animal-Assisted Education (AAE): Eine zielgerichtete, geplante und strukturierte Intervention von professionellen Pädagogen. Akademische Ziele, prosoziale Fähigkeiten und das kognitive Funktionsniveau stehen dabei im Fokus.  

Animal-Assisted Acitvity (AAA): Geplante und zielorientierte informelle Interaktionen und Besuche zu motivationalen oder erzieherischen Zwecken sowie zur Entspannung. Die Zielsetzung kann z.B. auf dem Spenden von Trost und Unterstützung liegen. 


Zum Weiterlesen

Fine, A. H. (2015). Handbook on Animal-Assisted Therapy (4th ed.). Amsterdam: Academic Press. 

«Wir hatten noch nie negative Reaktionen.» Roberto Tavaretti 

«Mami, da bisch guet ufghobe, da hets en Hund.» 

Literatur 

Allderidge, P. H. (1991). Sketches from the history of psychiatry: A cat, surpassing in beauty, and other therapeutic animals. Psychiatric Bulletin, 15, 759-762. 

Allen, K., Shykoff, B. E., & Izzo, J. J. (2001). Pet ownership, but not ace inhibitor therapy, blunts home blood pressure responses to mental stress. Hypertension, 38(4), 815-820. 

Alves, A. G. C., Ribeiro, M. N., Arandas, J. K. G., & Alves, R. R. N. (2018). In R. R. N. Alves & U. P. Albuquerque (Eds.), Ethnozoology: Animals in our Lives (pp. 151-165). London: Academic Press.  

Anderson, W. P., Reid, C. M., & Jennings, G. L. (1992). Pet ownership and risk factors for cardiovascular disease. The Medical Journal Of Australia, 157(5), 298-301. 

Fine, A. H. (2011). Unterstanding the AAT Rx: Applications of AAI in Clinical Practice. In C. Blazina, G. Boyraz, & C. Shen-Miller (Eds.), The Psychology of the Human-Animal Bond: A Resource for Clinicians and Researchers (pp.125-136). New York, NY: Springer. 

Fine, A.H. & Mackintosh, T.K. (2016). Animal-Assisted Interventions: Entering a Crossroads of Explaining an Instinctive Bond under the Scrutiny of Scientific Inquiry. In H. Friedman (Eds.), Encyclopedia of Mental Health (2nd ed., pp. 68-73). San Diego: Elsevier.  

Fine, A. H., Tedeschi, P., & Elvolve (2015). Forward Thinking: The Evolving Field of Human-Animal Interactions. In A. H. Fine (Eds.), Handbook on Animal-Assisted Therapy (4th ed., pp. 21-35). Amsterdam: Academic Press. 

Friedmann, E., Katcher, A. H., Lynch, J. J., & Thomas, S. A. (1980). Animal companions and one-year survival of patients after discharge from a coronary care unit. Public Health Reports (Washington, D.C.: 1974), 95(4), 307-312. 

Goldmeier, J. (1986). Pets or people: Another research note. The Gerontologist, 26(2), 203-206. doi:10.1093/geront/26.2.203 

Gee, N. R. (2011). Animals in the Classroom. In P. McCardle, S. McCune, J. A. Griffin, L. Esposito, & L. S. Freund (Eds.), Animals in Our Lives: Human-Animal Interaction in Family, Community, & Therapeutic Settings (pp. 117-141).  Baltimore: Brookes. 

Haverkos, L., Hurley, K. J., McCune, S., & McCardle, P. (2011). Public Health Implications of Pets. In P. McCardle, S. McCune, J. A. Griffin, L. Esposito, & L. S. Freund (Eds.), Animals in Our Lives: Human-Animal Interaction in Family, Community, & Therapeutic Settings (pp. 55-82). Baltimore: Brookes. 

Headey, B. & Grabka, M. M. (2007). Pets and Human Health in Germany and Australia: National Longitudinal Results. Social Indicators Research, 80(2), 297-311.  

Krause-Parello, C. A. (2008). The mediating effect of pet attachment support between loneliness and general health in older females living in the community. Journal Of Community Health Nursing, 25(1), 1-14. doi:10.1080/07370010701836286 

Levinson, B. M. (1969). Pet-oriented child psychotherapy. Springfield, IL: Charles C Thomas.  

McCardle, P., McCune, S., Netting, F. E., Berger, A., & Maholmes, V. (2011). Therapeutic Human-Animal Interaction. In P. McCardle, S. McCune, J. A. Griffin, L. Esposito, & L. S. Freund (Eds.), Animals in Our Lives: Human-Animal Interaction in Family, Community, & Therapeutic Settings (pp. 107-115). Baltimore: Brookes. 

Serpell, J. A. (2015). Animal-Assisted Interventions in Historical Perspective. In A. H. Fine (Eds.), Handbook on Animal-Assisted Therapy (4th ed., pp. 21-35). Amsterdam: Academic Press. 

Siegel, J. M. (2011). Pet Ownership and Health. In C. Blazina, G. Boyraz, & C. Shen-Miller (Eds.), The Psychology of the Human-Animal Bond: A Resource for Clinicians and Researchers (pp.125-136). New York, NY: Springer. 

Siegel, J. M., Angulo, F. J., Detels, R., Wesch, J., & Mullen, A. (1999). AIDS diagnosis and depression in the Multicenter AIDS Cohort Study: The ameliorating impact of pet ownership. AIDS Care, 11(2), 157-170. doi:10.1080/09540129948054 

Zeder, M. (2012). THE DOMESTICATION OF ANIMALS. Journal of Anthropological Research, 68(2), 161-190. Retrieved from http://www.jstor.org/stable/23264664&nbsp;

Professorenstatements

«Wann zeigt sich das Tier in uns?» 

Gesammelt von Lisa Makowski
Lektoriert von Lisa Makowski

Professorenstatement von Frau Prof. Dr. Alexandra M. Freund:  

«Die Frage impliziert, dass der Mensch eine von dem Tier zu differenzierende Kategorie sei. Aber biologisch ist der Mensch selbstverständlich ein Tier. Evolutionär gesehen stammen wir von Affen ab und gehören zur Säugetier-Ordnung Primaten. Insofern zeigt sich in allem das Tier in uns. Selbst in den Äusserungen, die wir als einzigartig menschlich bezeichnen würden, der Kultur und, in den Augen vieler Forscher, auch der Sprache. Der Mensch ist eben ein Tier, das aufgrund seiner enormen kognitiven Fähigkeiten Kultur und Sprache entwickeln konnte. Ein erstaunliches Tier also, aber nichtsdestotrotz ein Tier. » 

Professorenstatement von Herrn Prof. Dr. Guy Bodenmann:  

«Mit dem „Tier in uns“ assoziiere ich animalische Kräfte, die häufig nicht rationaler Natur sind, sondern von einem starken inneren Impuls, einem Überlebenstrieb oder immensen Drang nach Wertschätzung, Anerkennung, Gerechtigkeit oder Rache und Vergeltung getrieben werden. Am stärksten habe ich dieses „Tier in uns“ in zwei Konstellationen in Paartherapien erlebt, erstens in Situationen, wo ein Partner vom anderen verlassen wurde und sich der Verlassene mit unbändiger Kraft dagegen aufbäumte, gegen diesen Entscheid verzweifelt ankämpfte und ihn zu akzeptieren nicht bereit war, sowie zweitens in Situationen, in denen die Untreue des anderen bekannt wurde. Diese Verletzung weckt in Menschen häufig unkontrollierbare, animalisch-destruktive Kräfte und setzt neben starken Gefühlen der Verzweiflung, Hilflosigkeit und tiefen Trauer auch irrational-zerstörerische Kräfte frei, begleitet von Hass, Verachtung und Rachegefühlen. Hier bricht häufig das „verletzte Tier in uns“ in vehementester Weise aus, unabhängig vom Bildungsniveau und sozialen Status.» 

Professorenstatement von Herrn Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker 

«Ich gebe zu, dass mir das Thema etwas unangenehm ist. Mir ist die „2. Natur“ des Menschen wert und lieb. Nach Aristoteles sind das die Gewohnheiten, die wir für die Zivilisation übernommen haben und die unsere Kultur ausmacht. Dann gibt es das Konzept der „3. Natur“, über das ich auf meiner privaten Homepage schrieb: den kontrollierten Kontrollverlust der Affektsteuerung, das Sich-zeitweise-gehen-lassen. Albernsein als Erwachsener ist ein Beispiel. Und jetzt die „1. Natur“ – die animalische. Ich musste schnell bei Abraham Maslow nachschauen, was in dessen Bedürfnispyramide die „niedrigsten“ Bedürfnisse sind. Siehe da, es stehen da so schöne Sachen wie die sensorischen Genüsse des Kitzelns, Streichelns, Wohlgeruchs und Wohlgeschmacks. Das sind doch schöne animalische Lüste! Man sieht eine Katze oder einen Hund vor sich, die vor Freude schnurren, wenn sie gekitzelt oder gestreichelt werden oder einen Leckerbissen vorgesetzt bekommen. Wenn wir uns in solchen Situationen auch animalisch verhalten, braucht es keine Reue dafür zu geben.» 

Professorenstatement von Herrn Prof. Dr. Lutz Jäncke 

«Die Frage impliziert irgendwie, dass das Animalische tief in uns verborgen wäre und ab und zu in aussergewöhnlichen Situationen zum Vorschein käme, vor allen Dingen dann, wenn wir eben nicht menschlich, kontrolliert und vernünftig sind. So als ob man vom Animalischen quasi überwältigt würde. Diese Sichtweise entstammt der Aufklärung und wurde vor allem durch die Überlegungen von Rene Descartes geformt, der eine mehr oder weniger „saubere“ Trennung zwischen Ratio und Iratio postulierte. Diese Sichtweise ist vollkommen überholt, wenn nicht gar falsch. Der Mensch ist ein Tier, ein besonderes gleichwohl, aber er ist und bleibt ein Tier. Er ist ausgestattet mit einem Gehirn und vielen nützlichen Organen, die Homologien mit denen von anderen Tieren, insbesondere den Menschenaffen aufweisen. Er ist auch mit emotionalen Impulsen (eben keine Instinkte; die sind zu starr) ausgestattet, die sein Leben steuern. Menschen und Menschenaffen verfügen im Prinzip über ähnliche wenn nicht gar die gleichen emotionalen Impulse. Sie streben nach Macht, Sicherheit und Zuneigung, haben Freude an Sex, verteidigen ihr Revier (zur Not bis zum Äusseren), schätzen Vertrauen und Kooperation und sind (zwar in beschränktem Masse) zur Kultur fähig. Auch das, was allgemein als menschliche Vernunft bezeichnet wird, steht im Dienste der emotionalen Impulse. Dies hat bereits David Hume vor mehr als 300 Jahren erkannt, dem das Zitat „Die Vernunft ist die Sklavin der Leidenschaften und soll es sein“ zugeschrieben wird. Wir sind Tiere, deren ultimativer Lebenszweck die Fortpflanzung, Brutpflege und Ressourcensicherung ist. Wir bleiben auch dann Tiere wenn wir Differentialgleichungen lösen, Kant lesen und Psychologie studieren. Gelegentlich verlieren wir bei solchen Tätigkeiten den mentalen Kontakt zu unserem Tiersein. Aber letztlich ermöglichen wir uns mit dem Erwerb dieser Erkenntnisse eine befriedigende Position innerhalb unserer Gruppe.» 

Professorenstatement von Herrn Prof. Dr. Moritz Daum:  

«Vergleiche zwischen Tier und Tier 
Der Mensch stammt nicht vom Affen ab, er ist ein Affe. Homo Sapiens zählt zu den Menschenaffen oder Hominidae, eine Familie der Primaten zu der die heute lebenden Gattungen Gorillas, Homo, Orang-Utans und Schimpansen gehören. Die vergleichende Entwicklungspsychologie beschäftigt sich mit Parallelen und Unterschieden in der Entwicklung des Menschen und, zum Beispiel, nicht-menschlichen Primaten. Durch diesen Vergleich werden Eigenschaften sichtbar, die die verschiedenen Spezies teilen beziehungsweise einzigartig machen. So unterscheiden sich 2.5-jährige Kinder in Bezug auf ihr physikalisches Wissen kaum von Schimpansen und Orang-Utans (die Schimpansen sind sogar numerisch leicht besser als die Kinder), in Bezug auf ihr sozial-kognitiven Fähigkeiten  
hingegen schon (Herrmann, Call, Hernandez-Lloreda, Hare, & Tomasello, 2007). Durch die vergleichende Entwicklungspsychologie lernen wir also wieviel Tier in uns steckt und wieviel Mensch im Tier.» 


Literatur: Herrmann, E., Call, J., Hernandez-Lloreda, M. V., Hare, B., & Tomasello,  
M. (2007). Humans have evolved specialized skills of social cognition:  
The cultural intelligence hypothesis. Science, 317(5843), 1360-1366.  
 

The Lone Wolf

Das Täterprofil des Einzelgängers im Terrorismus 

Seit den prägenden 9/11-Anschlägen auf die Twin Towers und das Pentagon stieg zunehmend die Aufmerksamkeit am Terrorismus. Jedoch gibt es bislang keine einheitliche Definition von Terrorismus oder Terroristen. Im Folgenden wird versucht dem Begriff des Terroristen näher zu kommen. Vor allem soll das Täterprofil von Terroristen als Einzelgänger analysiert werden. Was zeichnet einen sogenannten lone wolf aus? Welche Motivationen stecken dahinter? Was bringt den Einzelnen dazu Massaker zu begehen? Und wann ist überhaupt von einem terroristischen Akt zu sprechen? 

Von Teodora Djukaric 
Lektoriert von Madeleine Lanz und Jenny Lienhart
Illustriert von Teodora Djukaric 

Zum Terrorismusbegriff 

Obschon Terrorismus kein neues Phänomen ist, stellt jener durch die steigende Anzahl an terroristischen Delikten nach 9/11 eine konstante Bedrohung dar (Bock, 2009). 

Sobald wir die Begriffe Terror, Terroranschlag, Terroristen, oder neue Verantwortlichkeitserklärungen von Terrorgruppen wie Al-Qaida oder dem IS lesen, löst dies oftmals Angst und Furcht bei dem Einzelnen aus. Diese starke Wirkung der konstanten Angst und Bedrohung resultiert primär aus der Wahrnehmung der Gesellschaft sowie der individuellen Bürger|innen, die mit dem Terrorismusbegriff negative Emotionen und zugleich eine Verurteilung assoziieren (Bock, 2009).  

Für die Einen gelten Terroristen als unmenschlich, für die Anderen sind es Freiheitskämpfer. Der individuelle Standpunkt macht es davon abhängig, ob jemand einen Täter als Terrorist, Helden oder als Kriminellen bezeichnet (Ganor, 2002). Aufgrund der subjektiven Urteile und unterschiedlichen Wahrnehmungen konnte bislang keine einheitliche Definition von Terroristen gefunden werden.  

Eine oftmals zur Analyse verwendete sowie grundlegende Definition ist die folgende: 

«The term ‘terrorism’ means premeditated, politically motivated violence perpetrated against noncombatant targets by subnational groups or clandestine agents» 

U.S. Department of State 

Zudem filtert Nacos (2016) drei ausschlaggebende Charakteristika aus allen bisherigen Definitionsversuchen des Terrorismus. Als erster relevanter Punkt zeigt sich, dass mit dem Terrorakt oftmals ein politisches Ziel verbunden ist. Des Weiteren werden terroristische Aktivitäten von nicht-staatlichen Akteuren ausgeübt. Als drittes und zentrales Element des Terrorismus gilt, dass die Gewalttaten gegen Bürger|innen sowie Nichtkämpfer durchgeführt werden.  

Was sind lone wolves ? 

Eine Frage, die sich oft in den vielen Versuchen, politische Gewalttäter zu definieren stellt, ist es, ob Individuen, die nicht einer extremistischen Gruppe angehören, sondern auf eigene Faust gewalthaltige und extremistische Akte begehen, als terroristisch eingestuft werden sollen oder nicht? In der Vergangenheit haben einige Wissenschaftler argumentiert, dass eine Assoziation zu einer bestimmten Gruppe erforderlich sei, um als terroristisch eingestuft zu werden (Nacos, 2016). Allerdings werden die bisherigen Definitionen, die auch am Anfang erklärt wurden, mit dem speziellen Typ des lone wolf – Terroristen in Frage gestellt. Müssen Terroristen zwingend in Gruppen agieren? Die einfache Antwort ist: Nein! 

Im 21. Jahrhundert hat sich die Zahl der einsamen Wölfe im Terrorismus deutlich ausgeweitet und die lone wolves gelten als die am schnellsten wachsende Form des Terrorismus (Weimann, 2012). Im Gegensatz zu terroristischen Organisationen wird diese Form des Terrorismus von einzelnen Individuen ausgeübt (Spaaji, 2012). Einsame Wölfe unterscheiden sich von anderen terroristischen Gruppen dadurch, dass sie meist alleine, ohne Verbindungen zu einer terroristischen Organisation oder einem Netzwerk operieren. Ihre Handlungen werden zudem nicht primär von Befehlen oder Hierarchiesystemen gesteuert (Spaaji, 2012). Am wichtigsten ist jedoch, dass diese Täter|innen, je nach Risikoaversion, unkonventionellere Angriffe wie Geiselnahmen, Bombenangriffe und Attentate durchführen, um hohe Aufmerksamkeit zu erzielen (Phillips, 2011).  

Während terroristische Gruppen eindeutig auf definierten Organisationsstrukturen und sorgfältig geplanten Aktionen und Operationen basieren, sind Einzelkämpferangriffe eher unberechenbar. Daher werden diese auch in vielen Fällen als gefährlicher angesehen als beispielsweise Attacken von Terrororganisationen (Weimann, 2012). Aus diesem Grund sind die einsamen Wölfe trotzdem dem Terrorismus unterzuordnen, da ihre Strategien ebenfalls oft politisch oder ideologisch motiviert sind sowie der Einsatz von extremer Gewalt eine essentielle Rolle spielt. Ihnen geht es vor allem darum, mittels radikalem, terroristischem Handeln eine Veränderung der unzufriedenen Umstände zu bewirken (Moghaddam, 2005). Dazu sind die Täter|innen bereit, sogar ihr Leben zu opfern. Diese Selbstopferungen können in verschiedener Hinsicht stattfinden. Einerseits verlassen Interessierte ihr Alltagsleben im Heimatland, um sich an terroristischen Akten zu beteiligen und Frauen geben ihre Freiheiten auf, wenn sie konservativen terroristischen Organisationen beitreten. Andererseits opfern lone wolves ihr Leben für Selbstmordanschläge. Doch welche Motivationen stecken hinter den Taten der Selbstopferung? 

Selbstopferung 

Moskalenko und McCauley (2010) schlagen zwei mögliche Erklärungen für Selbstopferungen im lone wolf-Terrorismus vor. Die erste Erklärung stammt aus der Evolutionspsychologie, in welcher die Gruppe vom Altruismus profitierte. Individuen handeln demnach entgegen dem Egoismus und verstehen ihre Handlungen als Akt der Selbstlosigkeit (Lenzer, 2003). In dieser Erklärung wird davon ausgegangen, dass Terroristen sich als Verantwortliche sehen, diejenigen zu bestrafen, die entgegen den Gruppennormen handeln.  

Nach der zweiten vorgeschlagenen Erklärung identifizieren sich lone wolf -Terroristen mit einer bestimmten Gruppe. Falls eine positive Identifikation mit einer Gruppe erfolgt, die sich selbst als Opfer der Gesellschaft oder Politik wahrnimmt, ist die Selbstopferung des lone wolf ein Akt der Wut und Empörung gegenüber den Verantwortlichen. Starke menschliche Uneinigkeit und Unzufriedenheit bieten eine Grundlage für motivierte Extremisten, moralische «Unterdrücker» zu bestrafen, auch wenn die Übertretung gegen jemand anderen ist. Die Täter|innen sehen sich als Selbsterlöser|innen und Märtyrer|innen für das Wohl der unterdrückten Gruppe. Ideologie, Gerechtigkeitsausgleich und Empathie scheinen wichtiger für die einsamen Wölfe zu sein als die Integrierung in terroristischen Organisationen (Moskalenko & McCauley, 2010). 

Die Anziehungskraft einer Gruppe 

Das Täterprofil der lone wolves sagt aus, dass sie alleine im Namen ihrer Gerechtigkeitsvorstellungen operieren, dennoch können sie mit den Werten und Überzeugungen extremistischer Gruppen sympathisieren. Die Überzeugungen von den Einzelgängern scheinen aus verschiedenen extremistischen, ideologischen, kulturellen und religiösen Hintergründen zu stammen (Weimann, 2012). 

Andererseits nutzen terroristische Gruppen diese individuellen Täter|innen aus, indem sie diese mit ihren verschiedenen Propagandamitteln einladen. So verwenden dschihadistische Terrorgruppen ihre eigenpublizierten Online-Propagandamagazine wie Al-Qaidas Inspire oder Rumiyah vom IS, um einen Open Source Dschihad zu verbreiten (Weimann, 2012). 

Um zu verstehen, wie einzelne Täter|innen mit einer terroristischen Gruppe sympathisieren, ist eine Analyse der Attraktion an Gruppen von Nöten. In der Tat ist die prominenteste organisatorische Form unter den terroristischen Gruppen hierarchisch und durch konsistente Prinzipien und Regeln bestimmt (Weber, 1947). Ein wichtiger Aspekt innerhalb einer Organisation ist die Verfolgung eines kollektiven Zieles, durch welches auch Taktiken und Strategien innerhalb der Gruppe beeinflusst werden (Crenshaw, 1985). Damit terroristische Organisationen ihre Ziele erreichen können, ist der Aufbau einer kollektiven Identität und Solidarität innerhalb der Gruppe entscheidend für die Effektivität und Wirksamkeit der Organisationen (Barnard, 1968). Die kollektive Identität bezieht sich auf die gemeinsame Ebene der Identitätsbildung und soll sich von einer individuellen Identität unterscheiden. Allerdings formt ein Individuum seine Identität und Persönlichkeit aus der kollektiven Gemeinschaft heraus, weshalb die kollektive Identität als Teil eines Selbstcharakterisierungsprozesses verstanden werden kann. Darüber hinaus spielen zwischenmenschliche Beziehungen und Kommunikation eine wichtige Rolle in diesem Prozess. Aber nicht nur die individuelle Identität wird durch die kollektive Identität geprägt, sondern auch umgekehrt, da Individuen die kollektive Identität ebenfalls als Gemeinschaft wahrnehmen (Kaina, 2009). Hinzu kommt, dass kollektive Identitäten stark vom Ausschluss von Mitgliedern des wahrgenommenen Anderen beeinflusst werden und ohne ihn nicht existieren könnten. Tatsächlich, wie Fuchs (2000) erwähnt, wäre jeder Teil einer kollektiven Gruppe, würde niemand mehr dazu gehören, da es keine Abgrenzungen zwischen Menschen innerhalb und ausserhalb des Kollektivs gäbe und dies jene ausmacht. Eine Unterscheidung zwischen In-Group und Out-Group, einer Innengruppe und einer auszuschliessenden Aussengruppe, ist daher in kollektiven Gemeinschaften wie auch in terroristischen Gruppen üblich, wodurch in der Innengruppe ein Us vs. Them – Grundgedanke entsteht.  Terrororganisationen formen ihre kollektive Identität meist über die Abgrenzung gemeinsamer politischer und ideologischer Feinde. 

Wenn Hogg (1992) über Mitglieder der In-Group und Out-Group diskutiert, unterscheidet er zwei Arten von Anziehung: die persönliche Anziehung und die soziale Anziehung. Die persönliche Anziehungskraft beruht auf persönlichen Interessen, Werten und Einstellungen, während die soziale Anziehung durch das positive Urteil eines in der In-Group anwesenden Mitglieds gegenüber Mitgliedern der Out-Group entsteht. Der Grund für eine Bevorzugung der In-Group entsteht, wenn die soziale Anziehung die persönliche übersteigt (Brewer & Gardner, 1996). 

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Moghaddams Staircase of Terrorism (2005): 

Moghaddam entwarf ein Konzept des Treppenhauses, um die Radikalisierung des Einzelnen metaphorisch darzustellen. Das Treppenhaus besitzt im groben fünf Stockwerke. Jede Stufe ist gekennzeichnet durch besondere psychologische Prozesse. 

Im Erdgeschoss dominieren die Gefühle der Benachteiligung und Ungerechtigkeit des Einzelnen. Die meisten Individuen, die dann in den zweiten Stock der Staircase aufsteigen, sind auf der Suche nach Lösungen, um ihre Situation zu verbessern und grössere Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu erlangen. Wenn sie aber keine Möglichkeiten sehen, das individuelle Lebensgefühl im positiven Sinn beeinflussen zu können, steigen sie weiter auf. Personen, die den zweiten Stock erreichen, aber trotzdem Ungerechtigkeiten wahrnehmen, erleben Wut und Frustration, und werden in einigen Fällen von Anführern beeinflusst. Die Individuen sind in dieser Phase aggressiver und anfälliger. Sie verlagern ihre Aggression auf einen bestimmten ‚Feind’. Ein Us vs. Them – Denken entsteht. Diejenigen, welche die Neigung haben, ihre Aggressionen körperlich zu verdrängen, klettern die Stufen weiter hinauf. Im dritten Stockwerk findet eine moralische Bindung zur Ideologie, radikal-politischen Motivationen oder zu Terrorgruppen statt. Einzelpersonen beginnen dabei, Terrorismus als eine berechtigte Strategie zu sehen. In der vierten Stufe wird die gewonnene moralische Bindung von Seiten der Terrororganisationen genutzt, um das (ideologisch behaftete) Denksystem zu verfestigen und legitimieren. Auf der letzten Etage sind die letzten Hemmschwellen ausgeschaltet und die Individuen lernen durch den Anschluss an Terrorgruppen, geschickt terroristische Handlungen durchzuführen. 

Dschihad und Open Source Dschihad 

Der Dschihad, im Englischen struggle genannt, bedeutet im Kontext des Koran und des klassischen Islam die religiöse Pflicht, gegen die Ungläubigen Allahs zu kämpfen (Weimann, 2015). Für diese Art von Kampf existieren jedoch zwei unterschiedliche Bedeutungen. Auf der einen Seite kann ein innerer sowie spiritueller Kampf  mit der Erfüllung von religiösen Pflichten ausgeführt werden. Auf der anderen Seite kann der Kampf physisch als militante Gewalt gegen die Feinde ausgeübt werden. In der zweiten Bedeutung wird Dschihad auch als holy war bezeichnet (Weimann, 2015). Open Source Dschihad bezieht sich auf die neuen technologischen Möglichkeiten. Durch die Entwicklung des Internets und der digitalen partizipativen Technologien hat sich die Kommunikation und Präsentation terroristischer Organisationen erheblich verändert (Bruns & Hanusch, 2017). Diese neue Form des Dschihads will den aufstrebenden und motivierenden Anhängern weltweit die Werkzeuge zur Verfügung stellen, die sie für Angriffe benötigen, ohne sie in ein Trainingslager der Dschihadisten zu schicken (Weimann, 2015). 


Zum Weiterlesen 

Moghaddam, F. M. (2005). The staircase to terrorism: A psychological exploration.  

American Psychologist, 60 (2), 161. 

Moskalenko, S., & McCauley, C. (2011). The psychology of lone-wolf terrorism.  

Counselling Psychology Quarterly, 24 (2), 115-126. 

Nacos, B. L. (2016). Mass-mediated terrorism: Mainstream and digital media in  

terrorism and counterterrorism. Rowman & Littlefield. 

Literaturverzeichnis

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Bock, A. (2009). Terrorismus. UTB. 

Brewer, M. B., & Gardner, W. (1996). Who is this „We“? Levels of collective identity  

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Bruns, A., & Hanusch, F. (2017). Conflict imagery in a connective environment:  

audiovisual content on Twitter following the 2015/2016 terror attacks in Paris and  

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Crenshaw, M. (1985) An organizational approach to the analysis of political terrorism,  

Orbis, 4, 465-489. 

Ganor, B. (2002). Defining terrorism: Is one man’s terrorist another man’s freedom  

fighter?. Police Practice and Research, 3(4), 287-304. 

Hogg, M. A. (1992). The social psychology of group cohesiveness: From attraction to  

social identity. London: Harvester Wheatsheaf. 

Kaina, V. (2009). Wir in Europa: Kollektive Identität und Demokratie in der  

Europäischen Union. Springer-Verlag. 

Lenzen, M. (2003). Evolutionstheorien in den Natur-und Sozialwissenschaften. Campus  

Verlag. 

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Counselling Psychology Quarterly, 24(2), 115-126. 

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Spaaij, R. (2011). Understanding lone wolf terrorism: Global patterns, motivations and  

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U.S. Department of State. From Title 22 of the US Code, Section2656f(d). Zugriff unter 

https://www.state.gov/documents/organization/65464.pdf (15.01.2018)

Weber, M. (1947). The Theory of Social And Economic Organization. Free Press. 

Weimann, G. (2012). Lone wolves in cyberspace. Journal of Terrorism Research3(2). 

Weimann, G. (2015). Terrorism in cyberspace: The next generation. Columbia  

University Press. 

Die Wut in mir.

Ein persönliches Plädoyer für eine oft missverstandene Emotion. 

«Anger can be useful. It can keep you moving and working when you want to give up. It can give you courage when you need it. It can focus your attention on what has to change, in your life, in your community. Anger can be a tool [that …] we shouldn’t let rust away and never learn to use.» 

Von Marie Kappen
Lektoriert von Aurelia Heilmann und Laurina Stählin
Illustriert von Marie Kappen

Dieses Zitat von Laurie Penny (2017), einer zeitgenössischen, feministischen Autorin, schwebte mir im Kopf, als ich neulich bei der Arbeit aufgrund von Missverständnissen ungerechtfertigt beschuldigt wurde. Anstatt die Vorwürfe – wie so oft – höflich schweigend hinzunehmen, beschloss ich, meine aufkommende Wut zu akzeptieren. Ich nutzte die entstehende Erregtheit, um meinen Standpunkt energisch, aber respektvoll aufzuzeigen. Ohne Gegenvorwürfe wies ich mein Gegenüber auf seine Fehlschlüsse hin. Etwas Erstaunliches geschah: Die Person entschuldigte sich. Und ich? Ich fühlte mich zufrieden und auf eine authentische Art selbstwirksam. Denn bisher war mein erster Impuls, die aufkommende Wut zu kontrollieren. Wütend, so dachte ich, werden nur kleine, trotzige Kinder, wenn sie ihren Willen nicht bekommen oder egozentrische Choleriker, die ohne Realitätsbezug in jeder Interaktion einen Angriff sehen. Keines von beidem wollte ich sein, betrachtete ich mich selbst doch als ausgeglichenes, freundliches und rationales Wesen. Wut zuzulassen käme einem Gesichtsverlust gleich. Doch Wut herunterzuschlucken schien auch nicht die Lösung zu sein, führte dies doch oft dazu, dass sich in mir ein Groll ausbreitete, weil ich nicht dieses oder jenes gesagt hatte. Auch liess ich meinen Frust an andere aus oder nahm, unzufrieden mit mir selbst, mehr hin als sich gut anfühlte. 

Seit jener Situation bei der Arbeit bin ich von dieser, allgemein eher negativ angesehenen, Emotion fasziniert. Meine Recherchen haben mir gezeigt, dass Wut als moralische Emotion eine zentrale Funktion für uns als Individuen und als Gesellschaft erfüllen kann. Daher möchte ich diese Ausgabe nutzen, um ein entschiedenes Plädoyer für das Wuterleben und seinen reflektierten Ausdruck zu schreiben. Denn es käme einem unnötigen Verlust gleich, diese Emotion zu negieren. 

Eine zerstörerische Kraft, die nicht kontrolliert werden kann? 

Wut wird häufig als eine der gefährlichsten Emotionen angesehen (Reevy, Malamud Ozer & Ito, 2010). Sie geht meistens mit einem stark erregten Gemütszustand einher, der sich als unkontrollierbarer, aggressiver Impuls nach aussen zu drängen versucht (Weber, 2013). Wenn dieser Impuls nicht mehr zurückgehalten werden kann und sich auf das unmittelbare Umfeld in Form von feindseligen Beschuldigungen entlädt, endet ein solcher Wutausbruch häufig in heftigem Streit und aggressiven Auseinandersetzungen (Weber, 2013). Zurück bleibt meist ein Scherbenhaufen aus tiefen verbalen Verletzungen und zerstörten sozialen Beziehungen, der einhergeht mit lähmenden Scham- und Schuldgefühlen (Chuang, 2013). In der Literatur wird oft ein abschreckendes Bild von einem wild gewordenen, tollwütigen Tier gezeichnet, welches sich in seinen triebhaften Instinkten auflöst (Weber, 2013). Der Gedanke an diesen möglichen Entzug der rationalen Kontrolle und der menschlichen Zivilisiertheit erzeugt zu Recht Angst. Denn Wut kann eine gewaltige Kraft entfesseln, die in manchen Momenten mit einer erschreckenden Destruktivität einhergeht. Einem solchen Verständnis folgend, ist es nachvollziehbar, dass Wut als eine gesellschaftlich unerwünschte, ja gar gefährliche Emotion angesehen wird, deren Erleben unterdrückt und deren Ausdruck verhindert werden muss. 

Führt Wut zwangsläufig zur Aggression? 

Tatsächlich kann Wut eine Schlüsselemotion für Aggression sein (Chuang, 2013). Aber nicht jedes Wuterleben resultiert zwangsläufig in aggressivem Verhalten. Ich kann mir vergnüglich und äusserst bildlich vorstellen, wie ich meinem Hintermann an der Bar mein Glas Bier ins Gesicht schütte, wenn seine Hand zum wiederholten Male – aus Versehen natürlich, versteht sich – auf meinem Hintern landet; ohne dass ich dementsprechend handeln werde. Denn ist es nicht so, dass ich gelernt habe, ein rationales Wesen zu sein und als solches in der Regel meine Impulse reflektieren und meine Handlung dementsprechend steuern kann? Die mangelnde Differenzierung zwischen Aggression, Feindseligkeit und Wut führt dazu, dass Wut als destruktive Emotion pauschalisiert wird, obwohl dies nicht der Realität entspricht (Chuang, 2013). Zudem ist Wut nicht der einzige Auslöser, der zu aggressivem Verhalten führen kann (Chuang, 2013). 

«Getting angry (…) alerts the organism to its own behavioral dispositions and provides a window to moderate, modify, and adjust its thinking and feeling, and to deliberate and plan action.» 

Flanagan, 2018, S. viii 

Wir lernen im Verlaufe unserer Sozialisation die Darbietungsregeln unserer Gesellschaft kennen (Lemerise & Dodge, 2008): Aufgrund welcher Auslöser, in welchen Situationen, gegenüber welchen Personen und für welches Alter ist der Wutausdruck auf welche Art und Weise kulturell angemessen und sozial akzeptiert? Zum Beispiel erfüllt der Wutausdruck im Säuglingsalter noch eine wichtige Funktion, da er die Bezugspersonen darauf hinweist, dass der Säugling sich in Disstress befindet. Der Wutausdruck mobilisiert diese dann, die entsprechenden Störfaktoren zu beseitigen (Lemerise & Dodge, 2008). Lemerise und Dodge (2008) weisen darauf hin, dass mit zunehmendem Alter und Sprachkompetenz der Wutausdruck immer weniger geduldet wird. Im Jugendalter lernen wir dann emotionale Ausbrüche, insbesondere jene von Wut, zu unterdrücken, da diese mit Spott und Ausgrenzung einhergehen (Lemerise & Dodge, 2008). Eine gewisse emotionale Gelassenheit wird zur einzig akzeptierten Norm. Jedoch löst sich unser Wuterleben nicht in Luft auf, nur weil wir es unterdrücken. Zudem ist das Wuterleben auch noch nach dem Säuglingsalter funktional.  

Wut als sensibler Detektor und kraftvoller Mobilisator 

Wut entsteht nicht einfach aus heiterem Himmel, sondern als Reaktion auf gewisse Stimuli. Ein Verständnis der Auslöser ist wichtig, um abschliessend ein Bild über den Mehrwert der Emotion Wut zu zeichnen. Chuang (2013) fasst mehrere Auslöser zusammen. So entsteht Wut unter anderem aus der Frustration, die empfunden wird, wenn Handlungen blockiert werden. Hierbei ist die wahrgenommene Absichtlichkeit der anderen Person von zentraler Bedeutung für das Wuterleben. Wenn wir in einer sozialen Interaktion wütend werden, unterstellen wir unserem Gegenüber ein willentliches Handeln, das böswillig gegen uns gerichtet ist. Wut entsteht zudem häufig in sozialen Interaktionen, in denen wir uns persönlich angegriffen, beleidigt und geringschätzig behandelt fühlen (Reevy, Malamud Ozer & Ito, 2010). 

Ein weiterer, häufiger Auslöser von Wut ist eine wahrgenommene Ungerechtigkeit (Chuang, 2013). Wenn ich das Gefühl habe, dass soziale Regeln des menschlichen Zusammenlebens verletzt werden, dann empfinde ich Wut. Hierbei ist es nicht relevant, ob ich persönlich die Ungerechtigkeit erfahre oder ob ich eine globale Ungerechtigkeit beobachte (Tavris, 1989). Selbst wenn anderen Menschen ein Unrecht widerfährt oder diese diskriminiert werden, wenn die Umwelt ausgebeutet oder Tiere misshandelt werden, können wir wütend werden. Wut ist daher für viele eine höchst moralische Emotion, die einen sensiblen Detektor unseres Gerechtigkeitssinns darstellt und uns auf gegenwärtige Ungerechtigkeiten hinweist (Tavris, 1989; Flanagan, 2018).  

In A Rage for Justice führt Tavris (1989) aus, dass Wut in solchen Momenten unsere Empathie weckt. Die Empörung über die wahrgenommene Ungerechtigkeit habe eine höchst belebende Wirkung und könne dazu motivieren, sich für die soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Wut sei in ihrer Rolle als kraftvoller Mobilisator für die Entstehung von Bürgerrechtsbewegungen nicht zu unterschätzen. 

«Anger is an emotion that can motivate constructive behaviors, such as standing up for one’s rights.» 

Reevy, Malamud Ozer & Ito, 2010, S. 63 

Wut erfüllt in diesem Sinne zwei bedeutende Funktionen: sie weist auf geschehenes Unrecht hin und motiviert dazu, diesem entschlossen entgegenzutreten. Weiter weist uns Wut im persönlichen Kontext darauf hin, dass ein Hindernis vorliegt, mit dem wir uns auseinandersetzen sollten. Sie kann uns dazu motivieren, dass wir lösungsorientiert handeln (APA, n.d.). Dies klingt fantastisch, jedoch lernen wir nicht, wie wir unser Wuterleben angemessen artikulieren können, wodurch das Potential dieser Emotion verloren geht. Diese Tatsache ist besonders ärgerlich, wenn man bedenkt, dass Wut ungefiltert und unreflektiert die Tendenz hat, eine ebenfalls wütende Gegenreaktion herauszufordern (Chuang, 2013). Eine solche Situation würde sehr wahrscheinlich in einem Streit enden. Für den konstruktiven Nutzen der Wut ist es daher wichtig zu lernen, wie wir unser Wuterleben angemessen artikulieren können.  

Hierfür ist es hilfreich, dass wir unsere Grenzen und Bedürfnisse kennen (Weber, 2013). Wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Grenzen überschritten und unsere Bedürfnisse konstant ignoriert werden, dann können wir dies unserem Gegenüber auf respektvolle, bestimmte Weise mitteilen. Durch dieses direkte Ansprechen baut sich die Wut in uns nicht wie Druck in einem Dampfkocher auf, bis wir explodieren. 

Um «to guarantee our use of anger and not its use of us» (Tavris, 1989, S. 283), ist es wichtig, dass wir unseren Verstand nutzen und über folgende Fragen reflektieren: Was lässt mich in dieser Situation gerade wütend werden? Werden meine Grenzen überschritten, meine Bedürfnisse ignoriert und/oder mein Selbstwert verletzt? Habe ich das Gefühl, dass mir eine andere Person absichtlich Steine in den Weg legt? Geschieht gerade ein Unrecht und sollte ich für meine Rechte und die der anderen eintreten? Zudem ist es wichtig, sich die Frage zu stellen, ob die eigene Wut in jenem Moment gerechtfertigt ist. Denn Wut ist eine sich selbst rechtfertigende Emotion und unterliegt daher schnell Wahrnehmungsverzerrungen. 

«Anger is the handmaiden of selfishness. It is produced by my puffed-up, self-centered ego, which is in the grip of the illusion that I am in the center of the universe and that I ought to get what I want» 

Flanagan, 2018, S. xxi 

Dies bedeutet, dass der wütende Mensch die Tendenz hat, sich und sein Verhalten als moralisch richtig anzusehen. Seine Vorstellungen und Meinungen scheinen ihm legitimer als die seines Gegenübers. Das Problem ist hierbei jedoch, dass Menschen oft nicht einer Meinung darüber sind, was angemessen und gerecht ist. Jeder handelt nach seinem persönlichen Interesse. Des Weiteren geht Wut mit Schuldzuschreibungen und Absichtlichkeitsunterstellungen einher. Doch kann ich wirklich wissen, dass mein Gegenüber die Absicht hatte, mich zu verletzen?  

Mein Plädoyer für das Wuterleben 

Wie Laurie Penny bereits sagt, ist Wut ein wichtiges Werkzeug, das wir nutzen sollten. Denn auch wenn Wut zu aggressivem Verhalten mit destruktiven Konsequenzen führen kann, ist dies keine zwangsläufige Gleichung. Sie hat ein destruktives Potential, ja, jedoch lässt sie sich nicht alleine durch ihren Fehlgebrauch definieren. Für mich ist Wut eine komplexe Emotion, deren Artikulation erlernt werden kann. Sie besitzt wichtige Funktionen als Detektor für Ungerechtigkeiten und als Mobilisator, um für seine Rechte und die der anderen einzutreten. Hierdurch fördert Wut Zivilcourage. Doch wie schaffen wir es, die richtige Balance unseres Wutausdrucks zwischen den beiden Extremen des aggressiven Wutausbruchs und der passiven Unterwürfigkeit zu finden?  

«How could such anger-mitigating practices be cultivated without, at the same time, making people too compliant and accommodating in the face of various kinds of injustice, prejudice, and domination?» 

Flanagan, 2018, S. xxvi 

Ein konstruktiver Nutzen benötigt, meiner Meinung nach, ein gewisses Mass an Bewusstsein für die eigenen Grenzen und Bedürfnisse, also für sein Selbst, und eine gewisse Bereitschaft zur Reflexion des Gefühls sowie der Handlungsmöglichkeiten. Ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist, das Wuterleben als solches anzunehmen und seine Wut auf eine nicht verurteilende, beschreibende Art mitzuteilen. Das Ziel in den sozialen Interaktionen wäre dann, den Wutausdruck als Mitteilung des anderen über sich selbst zu verstehen. 

Controlling anger before it controls you. 

Menschen, die unter ihrem Wuterleben leiden und die Schwierigkeiten haben, ihre Wut zu regulieren, lernen im Anger Management diverse Strategien, um sich von ihrer Wut zu distanzieren. Eine Strategie ist Humor, die der Wut ihre Ernsthaftigkeit nimmt. «When you feel [anger …] picture yourself as a god or goddess, a supreme ruler, who owns the streets […], having your way in all situations while others defer to you. The more detail you can get into your imaginary scenes, the more chances you have to realize that maybe you are being unreasonable» (McKay & Rogers, 2009). 

Ein evolutionäres Überbleibsel unserer tierischen Vorfahren. 

Evolutionspsychologische Emotionstheorien (Weber, 2013) sehen in dem Wuterleben eine natürliche, instinktive Reaktion auf eine Bedrohung. In dieser Logik wird das hierauf impulsiv folgende, aggressive Verhalten als Selbstverteidigung interpretiert. Wut und ihr aggressiver Ausdruck besassen somit in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit eine Überlebensfunktion.  


Zum Weiterlesen

Cherry, M. & Flanagan, O. (Ed.). (2018). The Moral Psychology of Anger. London: Rowman & Littlefield International Ltd. 

Jamisonjan, L. (2018, January 17). I used to insist I didn’t get angry. Not anymore. On female rage. New York Times. Retrieved February 1, 2018, from https://www.nytimes.com/2018/01/17/magazine/i-used-to-insist-i-didnt-get-angry-not-anymore.html 

McKay, M., & Rogers, P. D. (2009). The anger control workbook. Oakland, CA: New Harbinger Publications.  

Literatur  

Chuang, C. (2013). Mensch ärgere Dich (nicht)? In B. A. Badura (Ed.), Ira – Wut und Zorn in Kultur und Literatur (pp. 99-140). Gießen: Psychosozial-Verlag. 

American Psychological Association. (n.d.). Controlling Anger before it controls you. Amercian Psychological Association. Retrieved February 1, 2018 from http://www.apa.org/topics/anger/control.aspx 

Flanagan, O. (2018). Introduction: The Moral Psychology of Anger. In M. Cherry & O. Flanagan (Ed.). The Moral Psychology of Anger (pp. vii-xxxi). London: Rowman & Lit-tlefield International Ltd. 

Lemerise, E. A., & Dodge, K. A. (2008). The development of anger and hostile interactions. In M. Lewis, J. M. Haviland-Jones & L. F. Barrett, L. F. (Ed.), Handbook of emotions (pp. 730-741). New York: The Guilford Press. 

Mc Bride III, L. A. (2018). Anger and Approbation. In M. Cherry & O. Flanagan (Ed.). The Moral Psychology of Anger (pp. 1-14). London: Rowman & Littlefield International Ltd. 

McKay, M., & Rogers, P. D. (2009). The anger control workbook. Oakland: New Harbinger Publications, Inc. 

Penny, L. (2017, August 2). Most Women You Know Are Angry – and That’s All Right. TeenVogue. Retrieved February 1, 2018 from https://www.teenvogue.com/story/women-angry-anger-laurie-penny 

Reevy, G., Malamud Ozer, Y., & Ito, Y. (2010). Encyclopedia of Emotion (Vol. 1). Santa Barbara, California: ABC-Clio. 

Tavris, C. (1989). Anger: The misunderstood emotion. New York: Simon and Schuster. 

Weber, K. (2013). Beeindruckende Emotionen. In B. A. Badura (Ed.), Ira – Wut und Zorn in Kultur und Literatur (pp. 19-97). Gießen: Psychosozial-Verlag. 

Selbstregulation und Schlaf

Wie Schlaf unsere Selbstregulation beeinflusst und umgekehrt  

Igel halten Winterschlaf, Bären fangen mit der Winterruhe an, sobald es draussen kälter wird. Aber was machen wir Menschen, um unseren Körper zu regulieren, um ihn trotz wechselnder Umweltbedingungen im Gleichgewicht zu halten? Wie kann unser Schlaf dabei einen Einfluss auf unsere Selbstregulation nehmen oder umgekehrt?  

Von  Lisa Makowski
Lektoriert von Laurina Stählin  und Jenny Lienhart
Illustriert von Lisa Makowski

In Gesundheitsfragen liest man sehr oft von Selbstregulation. Sie ist wichtig für uns selber, für das Aufrechterhalten von Gesundheit und Bewegung. Deshalb spielt Selbstregulation auch eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, während einer Diät auf Bewegung und Ernährung zu achten (Hagger, 2010). Aber auch, wenn man versucht, bestimmte Verhaltensweisen wie häufiges Rauchen zu unterlassen oder seinen Alkoholkonsum einzuschränken, ist die Selbstregulation ein entscheidender Faktor (Hagger, 2010). Wie lässt sich dieser Begriff definieren? Was steckt hinter dem Begriff Selbstregulation?   

Selbstregulation: eine Definition  

Selbstregulation kann wie folgt definiert werden:  

«(…) act of managing cognition and emotion to enable goal-directed actions such as organizing behavior, controlling impulses, and solving problems constructively.» 

Murray, Rosanbalm, Christopoulos, & Hamoudi, 2014, S. 3 

Es geht folglich um einen Prozess, in den kognitive aber auch emotionale Komponenten einfliessen. Der Entwicklungspsychologe Lev Vygotski ging davon aus, dass sich die Selbstregulation über das Kleinkindalter bis hin zur Primarschule entwickeln kann (Murray et al., 2014). Er verglich es dabei mit der selbst-direktiven Sprache (Schunk & Zimmermann, 1997). Lernt das Kind also, dass es ausserhalb von seiner Person auch Kinder und Menschen gibt, die selbstständig denken und handeln, wechselt es seine Reizaufnahme. Es nimmt nicht mehr wahllos alles auf, sondern koordiniert und organisiert die eigene Reizaufnahme im Kopf und reagiert so, wie es selbst reagieren möchte (Schunk & Zimmermann, 1997). Es reguliert sich selbst.  

Dagegen gab Bandura der Selbstregulation eine kognitive Komponente (Schunk & Zimmermann, 1997). Er entwickelte ein Prozessmodell, welches aus drei Subprozessen besteht: Selbstbeobachtung, Selbstbeurteilung und Selbstreaktion. Dabei hängt das Gefühl, eine gute Selbstregulation zu besitzen, auch davon ab, inwiefern man sich selbst als wirksam erlebt (Schunk & Zimmermann, 1997).  

«(…) self-regulation is more clearly driven by awareness itself, rather than by self-relevant cognitions»

Brown, Ryan, & Creswell, 2007b, S. 216 

Selbstregulation kann aber auch ein motivationaler Prozess sein und davon abhängen, woher die eigene Motivation stammt (Schunk & Zimmermann, 1997). Bei einer guten Selbstregulation ist die Motivation intrinsisch. Wir wollen zum Beispiel gute Noten haben, weil wir auf die Universität unserer Wahl gehen wollen. Die Selbstregulation wird von uns selber beeinflusst, da sie von unserer Motivation abhängig ist (Schunk & Zimmermann, 1997). In allen Theorien spielen neben den eigenen Faktoren aber auch Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle (Schunk & Zimmermann, 1997). Selbstregulation ist folglich beeinflussbar durch kognitive, emotionale und behaviorale Faktoren (Owens, Dearth-Wesley, Lewin, Gioia, & Whitaker, 2016). Was hat der Schlaf nun aber mit Selbstregulation zu tun?  

Schlaf  

Für die Gesundheit ist es nicht nur wichtig, sich selbst regulieren zu können, indem man sich seiner Verhaltensweisen bewusst wird und diesen gegebenenfalls entgegensteuert. Auch Schlaf ist ein wichtiger gesundheitsbezogener Faktor und spielt immer mehr eine Rolle in Studien, die mittels Selbstregulation gesunde Verhaltensweisen untersuchen wollen (Hagger, 2010). Dabei spielt Schlaf eine intermediäre Rolle. Man weiss, dass mit psychologischem, emotionalem und körperlichem Wohlbefinden eine gute Schlafqualität einhergeht (Howell, Digdon, & Buro, 2010). Welche Wechselwirkung hier allerdings besteht, bleibt offen. Verbessert die Selbstregulation also meinen Schlaf oder fördert guter Schlaf meine Selbstregulation? Was ist, wenn beides nicht adäquat funktioniert?  

Prozesse der Selbstregulation finden im präfrontalen Kortex, der Amygdala und dem ventralen Striatum statt. Das sind Bereiche, die auch während der Entwicklung in der Adoleszenz sehr wichtig sind (Owens et al., 2016). Das Funktionieren in diesen Bereichen und die Entwicklung in der Adoleszenz wird durch den Schlaf beeinflusst. Ist dieser nicht in ausreichendem Masse vorhanden, hat das negative Effekte zur Folge. Kann folglich eine gute Selbstregulation auch dabei helfen, die Entwicklung durch den Schlaf positiv zu beeinflussen?  

Selbstregulation hilft dem Schlaf, Schlaf hilft der Selbstregulation?  

Es zeigte sich, dass die kurzzeitige experimentelle Schlafmanipulation bei jungen Kindern, Schulkindern und Adoleszenten einen Einfluss auf deren Selbstregulation und Abschneiden bei komplexen Aufgaben hat (Owens et al., 2016).  
Andere Ergebnisse zeigen auch, dass es einen Unterschied für die Selbstregulation macht, ob man eher ein Abend- oder ein Morgenmensch ist. Es zeigte sich, dass insbesondere Abendmenschen eine niedrigere Selbstregulation haben im Vergleich zu Morgenmenschen (Hagger, 2010; Owens et al., 2016). Bei Adoleszenten zeigte sich das auch im Zusammenhang mit der Tagesschläfrigkeit. Fühlten sich die jungen Erwachsenen tagsüber meistens müde, war auch ihre eigene Selbstregulation tiefer (Owens et al., 2016). Was sind aber Abendmenschen und was Morgenmenschen? 

Mit Abendmenschen sind Personen gemeint, die am Abend gerne länger wach bleiben oder länger nicht einschlafen können (Owens et al., 2016). Als Folge dessen müssen sie – betrachtet hinsichtlich ihres Rhythmus – am Morgen früher aufwachen und erreichen so oftmals keine ausreichende Schlafdauer. Ihre zirkadiane Uhr ist verstellt (Owens et al., 2016). Sie haben einen eigenen Rhythmus entwickelt, der jedoch immer mehr von ihren täglichen Aufgaben und Anforderungen abzuweichen scheint. So haben ihre Umweltfaktoren keinen guten Einfluss auf ihren Lebensstil. Sie müssen dann arbeiten, wenn sie es eigentlich gar nicht können, und gehen erst dann schlafen, wenn sie schon längst schlafen sollten (Owens et al., 2016). Leidet darunter die Selbstregulation?  

Es zeigte sich, dass Schlafentzug einen negativen Einfluss auf die Selbstregulation hat (Owens et al., 2016). Dabei war aber nicht die Stundenanzahl, also die Quantität des Schlafes entscheidend, sondern vielmehr die Qualität des Schlafes (Barnes, 2012). Damit ist gemeint, wie schnell die Person einschläft, wie gut sie durchschläft, ob sie ihre Tiefschlafphase erreicht oder nicht und wie früh oder spät sie erwacht. Dabei zeigte sich die tagsüber empfundene Schläfrigkeit als eindeutiger Prädiktor für die Ausprägung der Selbstregulation, hingegen die exakte Schlafdauer nicht. Auch zeigte sich, dass chronischer Schlafentzug oder andere Schlafprobleme zu weiteren gesundheitlichen Problemen führen können wie zum Beispiel früheres Rauchen (Owens et al., 2016). Schlafprobleme können aber auch zunehmend negativen Einfluss auf den Alltag haben und so das eigene Arbeiten behindern (Barnes, 2012). Dabei kann es zu einer eingeschränkten Aufnahmefähigkeit und Problemen mit den exekutiven Funktionen kommen (Barnes, 2012; Owens et al., 2016). Greift die Selbstregulation durch den Schlafentzug nicht mehr richtig ein? Mehr Schlaf oder andere Schlafgewohnheiten, kann dies helfen?  

Neben der neuronalen Position der Selbstregulation, die sich insbesondere in der Amygdala und im präfrontalen Kortex befindet, spielt auch der Glukosehaushalt in diesen Hirnregionen eine wichtige Rolle. Glukose führt zu gesteigerten Gehirnaktivitäten in diesen Regionen und steigert somit auch die Selbstregulation (Barnes, 2012; Owens et al., 2016). Während des Tages wird Glukose im Gehirn verbraucht und während des Schlafes wieder aufgefüllt. Dieser Stoffwechsel nimmt ab, sobald es zu Schlafdeprivation kommt (Barnes, 2012). Somit wird Selbstregulation insbesondere durch eine zu geringe Schlafquantität und schlechte Schlafqualität verringert (Barnes, 2012). Schlechte Schlafqualität hat wiederum einen Einfluss auf die Alertness, was wiederum unser Machen und Tun während des Tages beeinflusst (Barnes, 2012). Unsere Aufmerksamkeit kann nicht adäquat reagieren, wir verarbeiten nicht mehr vollständig, was wir verarbeiten sollten. Das hat einen Einfluss auf unseren Alltag und wie wir diesen bewältigen. Uns selber zu regulieren wird schwierig (Barnes, 2012).  

Aber auch auf unser emotionales Befinden und unsere emotionale Kontrolle können Schlaf und eine mangelnde Selbstregulation einen Einfluss haben (Barnes, 2012). Die Amygdala und der präfrontale Kortex sind wichtige Bereiche, wenn es darum geht, seinen Affekt zu regulieren (Owens et al., 2016). Affektkontrolle kann beim Treffen von Entscheidungen wichtig sein. Man möchte die negativen Emotionen herunter- und die positiven eher hochregulieren. Ist die Selbstregulation nun beeinträchtigt, da der Schlaf in den letzten Nächten ausblieb oder nicht adäquat stattfand, kann das zu erheblichen Schwierigkeiten in der Affektkontrolle führen (Barnes, 2012). Hierbei ist vor allem die Schlafqualität ein entscheidender Faktor. Die Selbstregulation kann nicht wie gewohnt stattfinden, da die Person nicht genügend Energie hat, um ihre Emotionen zu kontrollieren.  

Machen wir die Augen zu  

Entscheidungen zu treffen, kann auch durch Selbstregulationsprozesse beeinflusst sein. Sie hilft uns dabei, abzuwägen, was für uns sinnvoller ist. Schlafen wir zu wenig oder nicht gut oder gar beides, hat das einen Einfluss auf unser Verhalten während des Alltags. Unsere Aufmerksamkeit kann darunter leiden, aber auch unser Abwägen von Kosten und Nutzen (Barnes, 2012). Können wir dann überhaupt noch adäquat Entscheidungen treffen? 

Schlaf spielt eine sehr wichtige Rolle bei unserer Selbstregulation. Dabei hat sich insbesondere die Schlafqualität als ein entscheidender Faktor herausgestellt, der beeinflusst, wie gut wir uns während eines Tages selber regulieren können (Owens et al., 2016). Es spielen neben motivationalen und kognitiven auch neuronale Faktoren eine Rolle. Der Glukosehaushalt ist wichtig für die Selbstregulation. Bei mangelnder Schlafqualität, wie spätes Zu-Bett-Gehen und dementsprechend zu frühes Aufstehen, kommt es hier zu Beeinträchtigungen und damit auch zu einem Einfluss auf die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten (Barnes, 2012). Um dabei einzugreifen und gegenzusteuern, kann zum Beispiel eine geordnete Schlafhygiene helfen und so die Schlafqualität erhöht werden (Todd & Mullan, 2013). Dabei konnte gezeigt werden, dass es einen positiven Einfluss auf die Schlafqualität haben kann, nicht hungrig oder durstig ins Bett zu gehen, angst- oder stressauslösende Aktivitäten vor dem Schlafengehen zu vermeiden, sowie Bett und Schlafzimmer gemütlich zu gestalten (Todd & Mullan, 2013). Auch können gedankliche Strategien, wie Achtsamkeitstrainings, auf Englisch Mindfulness based trainings, helfen und so nicht nur den Schlaf, sondern auch die eigene Selbstregulation und Gesundheit verbessern (Brown, Ryan, & Creswell, 2007b; Howell, Digdon, & Buro, 2010; Loft & Cameron, 2013).  

«Self regulation refers to the efforts undertaken by humans to alter their thoughts, feelings, desires and actions in the perspective of personally relevant goals.» 

Kroese, Evers, Adriaanse, & de Ridder, 2016, S. 854.  

Gehen wir also lieber heute mal früher ins Bett, schliessen unsere Augen und schlafen.  Machen wir es wie die Igel momentan und schlafen, um uns die Selbstregulation zu erleichtern und uns vor schlechten Entscheidungen zu schützen (Meili, 2017).  

Bedtime Procrastination  

Dieser Begriff geht auf selbstregulative Prozesse und den Schlaf ein. Gehen wir später ins Bett, als wir es vorhatten und ohne, dass es dafür einen externalen Grund gibt, betreiben wir sogenannte Bedtime Procrastination (Kroese, Evers, Adriaanse, & de Ridder, 2016). Wir prokrastinieren also, um nicht zu schlafen. Dieses Phänomen betrifft immer mehr Personen in der Bevölkerung. Dabei geht es nicht nur darum, dass man später ins Bett geht, sondern dass man das so nicht vorhatte. Das Verschieben der Einschlafzeit resultiert also aus einer geringen Selbstregulation. Der Begriff Prokrastination steht für geringe selbstregulative Fähigkeiten und wird sonst im Kontext von Beruf und Arbeit situiert und diskutiert (Kroese et al., 2016). Haben Personen eine geringe Selbstregulation, können sie Versuchungen weniger gut widerstehen. Man geht mittlerweile auch davon aus, dass geringer Schlaf und schlechte gesundheitliche Angewohnheiten aus einer geringeren Selbstregulation entspringen. Kroese und Kollegen (2016) untersuchten 2637 dänische Personen im Alter von 16 bis 97 Jahren und konnten zeigen, dass Personen mit häufigerer Bettprokrastination und geringerer Selbstkontrolle eher nicht ausreichend Schlaf erlebten (Kroese et al., 2016). Insbesondere dann, wenn sie nicht Studenten, weiblich und jünger waren. Die Selbstregulation könnte ein Grund dafür sein. Personen mit geringerer Selbstregulation sind auch leichter ablenkbar von ihrer Umwelt und schauen vielleicht deshalb am Abend länger fern als sie sollten oder spielen noch einmal eine Runde mehr eines Computerspiels, auch wenn sie wissen, dass sie es am Morgen bereuen werden (Kroese et al., 2016). Wir können also nicht nur am Tag, sondern auch abends prokrastinieren.  

Prokrastinierst du vor dem Schlafengehen?  

Bedtime Procrastination Scale 

For each of the following statements, please decide whether it applies to you using a scale from 1 (almost) never to 5 (almost) always.  

  • (1) I go to bed later than I had intended.  
  • (2) I go to bed early if I have to get up early in the morning. (reverse coded) 
  • (3) If it is time to turn off the lights at night I do it immediately. (reverse coded) 
  • (4) Often I am still doing other things when it is time to go to bed.  
  • (5) I easily get distracted by things when I actually would like to go to bed.  
  • (6) I do not go to bed on time.  
  • (7) I have a regular bedtime which I keep to. (reverse coded) 
  • (8) I want to go to bed on time but I just do not.  
  • (9) I can easily stop with my activities when it is time to go to bed. (reverse coded)  

Zum Weiterlesen 

Hagger, M. S. (2010). Sleep, Self-Regulation, Self-Control and Health. Stress and Health, 26, 181-185.  

Kroese, F. M., Evers, C., Adriaanse, M. A., & de Ridder, D. T. D. (2016). Bedtime procrastination: A self-regulation perspective on sleep insufficiency in the general population. Journal of Health Psychology, 21(5), 853-862.  

Literatur

Barnes, C. M. (2012). Working in our sleep: Sleep and self-regulation in organizations. Organizational Psychology Review, 2(3), 234-257.  

Brown, K. W., Ryan, R. M., Creswell, J. D. (2007b). Mindfulness: Theoretical foundations and evidence for its salutary effects. Psychological Inquiry, 18, 211-237. 

Hagger, M. S. (2010). Sleep, Self-Regulation, Self-Control and Health. Stress and Health, 26, 181-185.  

Howell, A. J., Digdon, N. L., & Buro, K. (2010). Mindfulness predicts sleep-related self-regulation and well-being. Personality and Individual Differences, 48(2010), 419-424.  

Kroese, F. M., Evers, C., Adriaanse, M. A., & de Ridder, D. T. D. (2016). Bedtime procrastination: A self-regulation perspective on sleep insufficiency in the general population. Journal of Health Psychology, 21(5), 853-862.  

Loft, M. H., & Cameron, L. D. (2013). Using Mental Imagery to Deliver Self-Regulation Techniques to Improve Sleep Behaviors. The Society of Behavioral Medicine, 46, 260-272.  

Meili, M. (2017). Tierische Ruhe. Tagesanzeiger Online. Retrieved from: https://www.tagesanzeiger.ch/wissen/natur/tierische-ruhe/story/11675544 (14.01.2018)  

Murray, D. W., Rosanbalm, K., Christopoulos, C., & Hamoudi, A. (2014). Self-Regulation and Toxic Stress: Foundations for Understanding Self-Regulation From an Applied Developmental Perspective. OPRE Report#2015-21, Washington, DC: Office of Planning, Research and Evaluation, Administration for Children and Families, U.S- Department of Health and Human Services. Retrieved from: https://www.acf.hhs.gov/sites/default/files/opre/report_1_foundations_paper_final_012715_submitted_508.pdf (14.01.2018)  

Owens, J. A., Dearth-Wesley, T., Lewin, D., Gioia, G., & Whitaker, R. C. (2016). Self-Regulation and Sleep Duration, Sleepiness and Chronotype in Adolescents.  

Pediatrics, 138(6), e20161406.  

Schunk, D. H., & Zimmermann, B. J. (1997). Social Origins of Self-Regulatory Competence. Educational Psychologist, 32, 195-208.  

Todd, J., & Mullan, B. (2013). The role of self-regulation in predicting sleep hygiene in university students. Psychology, Health & Medicine, 18(3), 275-288.