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Beiträge von redaktionaware

Redaktionsechos

Was ist mehr oder weniger positiv an COVID-19?

Gesammelt von Marcia Arbenz
Lektoriert von der Redaktion

Vera Meier, Ressort Lektorat

Covid hat uns alle gezwungen unseren Alltag mehr oder weniger stark zu ändern. Dabei fand ich es schön, zu sehen, wie die gegenseitige Unterstützung, insbesondere in der Zeit des Lockdowns, auflebte. Der Fokus wurde in dieser aussergewöhnlichen Phase aus meiner Sicht auch mehr auf die persönlichen Gespräche über diverse mediale Mittel und ein bisschen weniger auf den Konsum gelegt. Das fand ich sehr schön. Ob dies in dieser Form anhält wird sich zeigen. Nun werden aus meiner Sicht aber leider die negativen Seiten der Pandemie auch immer deutlicher. Mir persönlich macht besonders die wirtschaftliche Entwicklung und indes das Ansteigen der Arbeitslosigkeit Sorgen. Viele Menschen haben grosse Angst um ihre Existenz. Diese Problematik wird uns vermutlich noch eine ganze Zeit lang beschäftigen.

Julia J. Schmid, Ressort Autor*innen

In dieser herausfordernden Zeit während des Lockdowns habe ich einen geliebten Menschen verloren. Eine Beerdigung mit limitierter Anzahl Gäste, kein Traueressen, kein Händeschütteln, kein Singen und vor allem, keine Umarmungen. Die Einschränkungen waren enorm. Dennoch fühlten wir die Verbundenheit. Tröstende Worte, verständnisvolle Blicke, traurig-schöne Anekdoten. Wir waren gemeinsam im Augenblick. Ich denke, diese Zeit lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Wesentliche: Uns selbst und die Menschen, die wir lieben.

Marcia Arbenz, Präsidium

2020 – das Jahr in dem ich möglichst frei in der Welt herumreise, Praktika im Ausland absolviere und in der Fremde mich selbst besser kennenlerne – dachte ich zumindest. Durch das Virus wurde ich fast aller dieser Chancen beraubt. Glücklicherweise ergaben sich andere Möglichkeiten in der Schweiz, Abenteuer mitten im Vertrautem und der Zwang, sich selbst in der gefühlten Gefangenschaft zu begegnen. Nicht planen oder fliehen zu können, hat mich dazu gebracht die Schönheit der Gegenwart anzuerkennen. Und das machte mich dann doch frei.

Janice Lienhard, Ressort Illustration

Die Corona-Zeit fühlt sich etwas wie ein weltweiter Neustart an. Nur scheint es so einer zu sein, wo der Computer zuerst noch ein paar hundert Updates machen muss. Aber ich denke, wenn COVID-19 uns etwas gegeben hat, dann ist es ein neuer Blick aufs Leben. Was uns passt, was wir vermissen, wenn wir in Quarantäne sind, und was wir ändern wollen, wenn alles wieder läuft.

Noémie Lushaj, Präsidium

Die Pandemie ist ein Katalysator: Die Schwachstellen unserer Regierungen werden sichtbarer denn je, psychische Probleme verschärfen sich, soziale Ungleichheiten werden grösser und immer unerträglicher. So protestierten Millionen Menschen weltweit gegen Rassismus und Polizeigewalt: «Black Lives Matter»! Wenn die Welt simultan in Panik gerät und erstaunlich stillsteht, so finden wir Zuflucht an Orten, die uns Halt bieten – für mich vor allem Kunst und Freundschaft. Mitten im Chaos also eine Gelegenheit zur echten menschlichen Verbindung, Selbstausdruck, Rebellion und Sinnsuche in einer schmerzlich sinnlosen Welt.

Unerfüllter Kinderwunsch

Die psychologischen Auswirkungen eines unerfüllten Kinderwunsches und die Möglichkeiten der assistierten Reproduktion

Weltweit leiden ca. 50 Mio. Paare unter einem unerfüllten Kinderwunsch (Mascarenhas et al., 2012). Für diese Paare gibt es einerseits medizinische Angebote, die sie auf ihrem Weg zu einem leiblichen Kind unterstützen. Die reproduktive Psychologie andererseits ist für die psychische Begleitung der Eltern in dieser herausfordernden Zeit zuständig.

Von Laura Trinkler
Lektoriert von Zoé Dolder und Jovana Vicanovic
Illustriert von Gianna Zorzini

In der Schweiz bleibt jedes sechste Paar ungewollt kinderlos (Klinik für Reproduktions-Endokrinologie, USZ, n.d.). Für diese Paare gibt es viele verschiedene medizinische Hilfeleistungen, wie z. B. Fertilitätsabklärungen oder bei einer bestätigten Unfruchtbarkeit technische Möglichkeiten zur Förderung einer Schwangerschaft. Unfruchtbarkeit ist laut WHO eine Erkrankung des Fortpflanzungssystems, die dadurch definiert ist, dass es einem Paar nach zwölf oder mehr Monaten mit regelmässigem Geschlechtsverkehr ohne Verhütung nicht möglich ist, schwanger zu werden (Zegers-Hochschild et al., 2009). Eine künstliche Befruchtung (IVF oder ICSI, siehe Kästchen) kostet je nach gewähltem Verfahren zwischen 4‘000 und 10‘000 Franken pro Befruchtungszyklus (Fertility.ch, n.d.). Nebst den finanziellen Belastungen müssen Paare zusätzlich auch mit psychischen Belastungen rechnen, welche im nächsten Abschnitt aufgegriffen werden.

Psychologische Unterstützung

Nach einer Unfruchtbarkeitsdiagnose und einer eventuell folgenden künstlichen Befruchtung oder anderen Verfahren assistierter Reproduktion sind die werdenden Eltern oftmals mit Emotionen wie Scham, Trauer, Hilflosigkeit, Wut oder Neid konfrontiert. Ebenso kann ein Gefühl des Verlusts der Männlichkeit bzw. Weiblichkeit aufkommen (Strauss et al., 2004). Insbesondere Scham, Gefühle des Unverstandenseins und Stigmatisierung können zu sozialem Rückzug führen, wodurch wiederum die zuvor genannten Emotionen verstärkt werden können. An dieser Stelle ist es wichtig, dass den werdenden Eltern auch psychologische Hilfe angeboten wird (Strauss et al., 2004).

«People need support (…). (…) in their daily lives when they just see pregnant people all around them, it can feel very isolating and feel very difficult in terms of finding support.»

Dr. Julie Bindeman in Calkins, 2019, [6:12]

In der Schweiz gibt es Gynäkolog*innen mit einer psychotherapeutischen Weiterbildung oder Psychotherapeut*innen mit einer Weiterbildung in gynäkologischer Sozialmedizin und Psychosomatik, die diesen Paaren Unterstützung anbieten können. Auch unter dem Stichwort Gynäkopsychologie finden sich ausgebildete Psychotherapeut*innen mit einer Spezialisierung auf dem Gebiet des unerfüllten Kinderwunsches (Klaus-Grawe-Institut für psychologische Therapie, n.d.).

Das Berufsfeld der reproduktiven Psychologie

Für die Arbeit als reproduktive*r Psycholog*in bzw. Gynäkopsycholog*in gibt es in der Schweiz noch keinen spezifischen Weiterbildungslehrgang. Die Fachpersonen auf diesem Gebiet sind ausgebildete Psychotherapeut*innen, welche sich ihr Wissen in Bezug auf den unerfüllten Kinderwunsch oder andere gynäkopsychologische Themen während ihrer Arbeit in einer Frauenklinik oder verwandten Institutionen selbst erarbeitet haben.

Die deutsche Gesellschaft für Kinderwunschberatung (BKiD) bietet eine explizite Fortbildung im Bereich des unerfüllten Kinderwunsches an. Mit den entsprechenden Voraussetzungen kann dies auch in einer Zertifizierung münden, in der Schweiz ist diese jedoch nicht anerkannt.

In den Vereinigten Staaten wird dieser spezielle Bereich der Gesundheitspsychologie Reproductive Psychology genannt. Die darin spezialisierten Psycholog*innen, Berater*innen und Sozialarbeiter*innen befassen sich nebst der psychologischen Belastung durch Unfruchtbarkeit und künstlicher Befruchtung auch mit Themen wie dem Umgang mit einer traumatischen Geburt, Fehlgeburten, Totgeburten, sowie auch postpartalen Stimmungskrisen wie der postnatalen Depression (Center for Reproductive Psychology, n.d.; Calkins, 2019).

Auch LGBTQ+-Paare finden in der reproduktiven Psychologie Unterstützung, sei es bei einer Befruchtung durch Verfahren der assistierten Reproduktion, Informationen rund um Samen- bzw. Eizellenspenden oder deren psychischen Implikationen für das Kind und die werdenden Eltern (Holley und Pasch, 2015). Auch Abklärungen zur Eignung von Leihmüttern oder Adoptionsprozessen werden in den Vereinigten Staaten durch die Reproductive Psychologists durchgeführt (Integrative Therapy of Greater Washington, n.d.).

Assistierte Reproduktive Technologien (ART)

Es gibt verschiedene Arten der assistierten Reproduktion, die einem Paar zur Verfügung stehen. Eine Auswahl der in der Schweiz zugelassenen, assistierten reproduktiven Technologien (ART) wird auf der Webseite fertility.ch (n.d.) wie folgt beschrieben:

  • Intrauterine Insemination (IUI): Bei der IUI wird das Sperma des Mannes mithilfe eines Katheters in die Gebärmutter der Frau eingeführt.
  • In-vitro-Fertilisation (IVF): Nach einer hormonellen Stimulation der Frau werden ihr mehrere Eizellen entnommen. Diese werden anschliessend in vitro, das heisst im Glas, mit den Spermien des Mannes befruchtet. Nach einer zwei- bis dreitägigen Kultivierung werden maximal drei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter eingesetzt.
  • Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI): Die ICSI gilt als Ergänzung zur IVF. Dabei wird die Samenzelle des Mannes direkt in die Eizelle injiziert, was insbesondere bei schwacher Spermienqualität ein besseres Ergebnis verspricht.

Patientenorientierte Betreuung vs. psychologische Beratung

Laut den «Guidelines for Counselling in Infertility» unterscheidet man zwischen zwei Arten von Unterstützungsansätzen während einer Fruchtbarkeitsbehandlung (Appleton et al., 1999). Einerseits wird von der patientenorientierten Betreuung gesprochen, andererseits von der psychologischen Beratung.

Die patientenorientierte Betreuung konzentriert sich auf die psychosoziale Betreuung durch das gesamte, an der Fruchtbarkeitsbehandlung beteiligte Personal – also nicht nur Psycholog*innen, sondern insbesondere auch Ärzt*innen, Pflegende und Sozialarbeiter*innen. Bei der patientenorientierten Betreuung geht es vor allem darum, dass den werdenden Eltern alle Fragen rund um den Verlauf der Behandlung beantwortet und sie nach einer schmerzlichen Erfahrung, wie z. B. einer Fehlgeburt oder einem negativen Schwangerschaftstest, unterstützt werden. Eine weitere Aufgabe der patientenorientierten Betreuung ist die Herausgabe von weiteren Informationen, die die Patient*innen bei der emotionalen Verarbeitung und der Aufklärung des Umfeldes unterstützen (Appleton et al., 1999).

Im Unterschied dazu wird die psychologische Beratung nur durch psychotherapeutisch ausgebildete Fachpersonen durchgeführt. Sie ist nicht für alle Patient*innen notwendig und der Inhalt der Beratung ist sehr individuell und abhängig von der gewählten Behandlungsform der Reproduktionsförderung. In der Beratung kann sichergestellt werden, dass die werdenden Eltern bestmöglich informiert und auf die möglichen psychischen Schwierigkeiten vorbereitet sind, die durch die Behandlung ausgelöst werden können. Ein weiterer therapeutischer Aspekt der Behandlung konzentriert sich oft auf die emotionalen Konsequenzen der Ungewissheit bezüglich des Behandlungserfolges oder auch die Begleitung in ein kinderloses Leben (Appleton et al., 1999).

Wie geht es weiter?

Auch mit aller medizinischer und psychologischer Unterstützung ist es nicht möglich, jedem Paar seinen Wunsch nach einem biologischen Kind zu erfüllen. Kommt es trotz assistierter Reproduktion zu keiner Schwangerschaft, kann dies für Paare das Ende eines Lebensprojekts bedeuten und zu Veränderungen ihrer sozialen Rollen führen (Dyer et al., 2002). Kurz nach dem Abbruch einer erfolglosen künstlichen Befruchtung leiden Frauen generell mehr unter der erfolglosen Behandlung als Männer. Frauen haben, zusätzlich zu den psychologischen Problemen mit denen auch Männer zu kämpfen haben, auch Probleme mit dem Selbstbild und Gefühlen der Hoffnungslosigkeit. Bleiben Frauen nach einer erfolglosen Fruchtbarkeitsbehandlung kinderlos, sind sie weniger zufrieden mit ihrem Leben und es zeigen sich erhöhte Level von Ängstlichkeit, Stress und Depressionen im Vergleich zu Frauen, die durch eine Adoption Mütter geworden sind (Filetto & Makuch, 2005). Egal, ob es um die psychologische Unterstützung bei diesen psychischen Problemen oder das Finden einer neuen Lebensaufgabe geht – es gibt viele Herausforderungen, bei denen die reproduktive Psychologie die Paare unterstützen kann.

In Anbetracht des steigenden Alters von Erstgebärenden (Nolte, 2019) kann davon ausgegangen werden, dass die assistierte Reproduktion in Zukunft noch öfters zum Einsatz kommen wird. Daraus lässt sich schliessen, dass eine einheitliche Weiterbildung im Bereich der reproduktiven Psychologie wünschenswert wäre, damit diese hoffnungsvollen Paare auf ihrem Weg zu einer Familie von spezialisierten Fachkräften optimal begleitet werden können.


Zum Weiterlesen

Van den Akker, O. (2012). Reproductive health psychology. Wiley-Blackwell.

Limiñana-Gras, R. (2017). Reproductive psychology and infertility. Acta Psychopathologica, 3, 1-3. https://doi.org/10.4172/2469-6676.100155

Calkins, H. (Producer). (2019, May 3). Finding a niche: Reproductive psychology [Audio podcast]. In Progress Notes: Keeping Tabs on the Practice of Psychology. American Psychological Association. https://www.apaservices.org/practice/business/podcasts/reproductive-psychology

Literatur

Appleton, T. C., Baetens, P., Baron, J., Bitzer J., Boivin, J., Corrigan, E., Daniels, K. R., Darwish, J., Guerra-Diaz, D., Hammar, M., Kentenich, H., McWhinnie, A., Strauss, B., Thorn, P., & Wischmann, T. (1999). Guidelines for counselling in infertility: Special interest group “psychology and counselling”. https://www.eshre.eu/Specialty-groups/Special-Interest-Groups/Psychology-Counselling/Archive/Guidelines

Bindeman, J. (n.d.). Fertility. https://greaterwashingtontherapy.com/fertility/

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2017, February 23). Kryokonservierung. Familienplanung.de. https://www.familienplanung.de/kinderwunsch/behandlung/kryokonservierung/

Calkins, H. (Producer). (2019, May 3). Finding a niche: Reproductive psychology [Audio podcast]. In Progress Notes: Keeping Tabs on the Practice of Psychology. American Psychological Association. https://www.apaservices.org/practice/business/podcasts/reproductive-psychology

Campagne, D. M. (2006). Should fertilization treatment start with reducing stress? Human Reproduction, 21(7), 1651-1658. https://doi.org/10.1093/humrep/del078

Center for Reproductive Psychology. (n.d.). What We Do. https://www.reproductivepsych.org/services/

Cousineau, T. M. & Domar, A. D. (2007). Psychological impact of infertility. Best Practice & Research Clinical Obstetrics and Gynaecology, 21(2), 293-308. https://doi.org/10.1016/j.bpobgyn.2006.12.003

Dyer, S. J., Abrahams N., Hoffman, M., & van der Spuy, Z. M. (2002). ‘Men leave me as I cannot have children’. Women’s experiences with involuntary childlessness. Human Reproduction 17(6), 1663-1668. https://doi.org/10.1093/humrep/17.6.1663

Fertility.ch. (n.d.). Kinderwunsch-Behandlung. https://www.fertility.com/ch-de/kinderwunsch-behandlung.html

Fertility.ch. (n.d.). Kosten. https://www.fertility.com/ch-de/ivf-behandlung/ivf/kosten.html

Filetto, J. N. & Makuch, M. Y. (2005). Long-term follow-up of women and men after unsuccessful IVF. Reproductive BioMedicine Online, 11(4), 458-463. https://doi.org/10.1016/S1472-6483(10)61141-8

Holley, S. R. & Pasch, L. A. (2015). Counseling lesbian, gay, bisexual and transgender patients. In S. N. Covington (Ed.), Fertility counseling: Clinical guide and case studies (pp. 180-196). Cambridge University Press.

Klaus-Grawe-Institut für psychologische Therapie. (n.d.) Gynäkopsychologie. https://www.klaus-grawe-institut.ch/gynaekopsychologie-und-unerfuellter-kinderwunsch/

Klinik für Reproduktions-Endokrinologie (USZ).  (n.d.). Kinderwunsch – Sterilität – Präimplantationsdiagnostik (PID). http://www.repro-endo.usz.ch/fachwissen/kinderwunsch-sterilitaet/Seiten/default.aspx

Klonoff-Cohen, H. & Natarajan, L. (2004). The concerns during assisted reproductive technologies (CART) scale and pregnancy outcomes. Fertility and Sterility, 81(4), 982-988. https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2003.08.050

Mascarenhas, M. N., Flaxman, S. R., Boerma, T., Vanderpoel, S., & Stevens, G. A. (2012). National, regional, and global trends in infertility prevalence since 1990: A systematic analysis of 277 health surveys. PLOS Medicine, 9(12). https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1001356

Nolte, S. H. (2019, December 19). Eltern werden älter. Deutsche Hebammen Zeitschrift. https://www.dhz-online.de/no_cache/das-heft/aktuelles-heft/heft-detail-leseprobe/artikel/eltern-werden-aelter/

Smeenk, J. M., Verhaak, C. M., Vingerhoets, A. J., Sweep, C. G., Merkus, J. M., Willemsen, S. J., van Minnen, A., Straatman, H., & Braat, D. D. (2005). Stress and outcome success in IVF: The role of self-reports and endocrine variables. Human Reproduction, 20(4), 991-996. https://doi.org/10.1093/humrep/deh739

Strauss, B., Beyer, K., Henning, K., Hoppe, I., & Starker W. (2004). Ungewollte Kinderlosigkeit. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 20, 1-30. https://doi.org/10.25646/3094

World Health Organization. (2020, February 5). Multiple definitions of infertility. https://www.who.int/reproductivehealth/topics/infertility/multiple-definitions/en/

Zegers-Hochschild, F., Adamson, G. D., de Mouzon, J., Ishihara, O., Mansour, R., Nygren, K., Sullivan, E., & van der Poel, S. (2009). The international committee for monitoring assisted reproductive technology (ICMART) and the world health organization (WHO) revised glossary of ART terminology, 2009. Human Reproduction, 24(11), 2683-2687. https://doi.org/10.1093/humrep/dep343

Schulpsychologie

Seiltanz mal anders

Für viele von uns verlief die Schulzeit ohne grosse Probleme. Während sich die meisten wohlfühlten und mit allen Anforderungen umgehen konnten, wurden andere aufgrund von schulischen Schwierigkeiten von ihren Eltern oder einer Lehrperson beim Schulpsychologischen Dienst (SPD) angemeldet.

Von Sara Aeschlimann
Lektoriert von Marina Reist und Laura Trinkler
Illustriert von Sara Aeschlimann

Eine Mutter wendet sich an den SPD und erklärt, sie sei ratlos und mit ihren Nerven am Ende. Seit einigen Wochen klage ihre Tochter Samantha* (11 J.)morgens vor Schulbeginn über Bauchschmerzen und weigere sich teilweise sogar, in die Schule zu gehen. Ein Arztbesuch blieb allerdings ohne Befund. Besonders problematisch erlebe die Mutter die Hausaufgabensituation: Sie müsse mit Samantha erst lange Diskussionen führen, bevor sie endlich mit den Hausaufgaben beginne. Die Aufgaben müsse sie dann mit ihr zusammen lösen und sie andauernd zu mehr Ausdauer und Selbständigkeit ermutigen. Dabei wünsche sich die Mutter doch gerade jetzt, wo es um den Übertritt ans Gymnasium gehe, mehr Einsatz von Samantha. Sie sei sehr klug und könnte es – aber sie sei eben eine Minimalistin.

Ein Lehrer meldet seinen Schüler Mateo* (9 J.) in Absprache mit dessen Eltern beim SPD an. Seit einigen Monaten falle Mateo in der Klasse immer wieder durch störendes Verhalten auf, was auch die Mitschüler vom Unterrichtsverlauf ablenke. Besonders dann, wenn es laut und stressig werde und er schon eine ganze Weile habe aufpassen müssen, falle es ihm schwer, seine Impulse zu kontrollieren. Er sei dann jeweils stark ablenkbar und zapple auf seinem Stuhl herum. Wiederholt sei es auch zu Wutanfällen gekommen, von denen er sich alleine nur sehr schwer wieder habe beruhigen können. Im Schulstoff verpasse er immer mehr den Anschluss, was sich in grossen Leistungseinbussen, insbesondere im Fach Rechnen, widerspiegelt. Mateos Eltern, seit Kurzem getrennt, erkennen ihn in den Schilderungen des Lehrers nicht wieder. Sie erleben Mateo zuhause als zurückhaltenden, angepassten Jungen.

«Schulpsycholog*innen balancieren wie Seiltänzer zwischen schulpolitischen Rahmenbedingungen, auseinanderdriftenden oder unrealistischen Erwartungen von Eltern und Lehrpersonen und eigenen Grenzen und Unsicherheiten.»

Sara Aeschlimann, 2020

Der besorgte Vater von Lina* (10 J.) nimmt Kontakt mit dem SPD auf. Bereits seit der ersten Klasse falle den Eltern auf, dass Lina Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben habe. Beim gemeinsamen Lesen beobachten sie, dass Lina deutlich langsamer liest, häufig stockt und schnell müde wird. Dabei verstehe sie oft auch gar nicht, worum es im Text überhaupt gehe. Beim Schreiben lasse sie einfach Buchstaben weg oder schreibe Wörter nicht vollständig aus. Ihr falle dann beispielsweise gar nicht auf, dass sie «Löw» anstatt «Löwe» geschrieben habe. Dabei bringe Lina in den übrigen Fächern gute Noten nachhause und erziele gemäss der Lehrerin auch mündlich gute Leistungen. Die Eltern beobachten bei Lina auch schon eine zunehmende Schulunlust.

Wie Kinder sich (mehr oder weniger) entwickeln

Jedes einzelne Kind zeichnet sich durch ein unverwechselbares Profil von Begabungen und Kompetenzen aus. Die obigen Fallbeispiele lassen erahnen, wie vielfältig die Zusammensetzung aus Stärken und Schwächen sein kann. Während sich bei Lina beispielsweise eine Schwäche im Lesen und Schreiben abzeichnet, ist sie womöglich im logischen Denken, im räumlichen Vorstellungsvermögen und im mündlichen Sprachverständnis sehr begabt. Demgegenüber liegt Mateos Stärke vielleicht im motorischen Bereich verborgen. Die bei ihm beobachteten Schwierigkeiten in der Konzentrationsfähigkeit und Impulskontrolle könnten etwa auf eine nicht altersentsprechende Denkentwicklung, ADHS, eine schwache Sozialkompetenz oder auf belastende Erfahrungen (z. B. die Trennung seiner Eltern) zurückzuführen sein. Diese Vielfalt in den Fähigkeitsprofilen wird neben der Anlage massgeblich durch die soziale und kulturelle Umwelt mitbestimmt. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Eltern und Lehrpersonen des Kindes. Sie geben die Rahmenbedingungen vor, damit ein Kind Erfahrungen machen kann, die es für seine Entwicklung braucht und es in seinem Lernen unterstützen (Largo & Beglinger, 2009). Die Lehrperson gibt dem Kind beispielsweise eine Aufgabe, die genau auf seine Kompetenz abgestimmt ist und ein Erfolgserlebnis ermöglicht. Eltern dienen selbst als Vorbilder für zu erlernende Fertigkeiten, indem sie etwa beim gemeinsamen Einkaufen laut ausrechnen, wieviel die Einkäufe kosten und Rechnen damit als etwas Sinnvolles erlebbar machen. Aber auch unter Idealbedingungen kann ein Kind «nur» sein jeweiliges Entwicklungspotenzial entfalten bzw. seine Begabungen und Kompetenzen durchsetzen. Genauso können Kinder in ihrem Umfeld Erfahrungen machen, die sie in ihrer Entwicklung hemmen (Largo & Beglinger, 2009). Samantha hat womöglich gelernt, dass sich ihre vielbeschäftigte Mama insbesondere für sie Zeit nimmt, sobald es um die Schule geht und Samantha durch unselbständiges Arbeiten mehr Zeit mit ihr verbringen kann. Die Entwicklungs- und Leistungsunterschiede zwischen Kindern werden im Laufe der Kindheit immer grösser. Eltern und Lehrpersonen stehen angesichts dieser Vielfalt vor der schwierigen Aufgabe, sich auf jedes Kind, je nach Kompetenz und Situation, individuell auszurichten. In der Schule fallen die unterschiedlichen Entwicklungsverläufe durch den direkten Vergleich mit Gleichaltrigen oftmals besonders auf. Während ein*e Schüler*in in der zweiten Klasse schon Bücher lesen kann, kennt ein*e andere*r noch gar nicht alle Buchstaben. Generell ist festzustellen, dass Klassen – gerade im Kanton Zürich – heterogen (vgl. Moser, Stamm, Hollenweger, 2005; vgl. Moser, Buff, Angelone & Hollenweger, 2011a; Moser & Angelone, 2011b) und die Anforderungen an die Individualisierung des Unterrichts hoch sind (z. B. Reusser et al., 2013). Im Kanton Zürich ist diese Verschiedenartigkeit der Klassen neben soziodemografischen, sozioökonomischen und politischen Faktoren auch mit dem neuen Volksschulgesetz des Kantons Zürich zu erklären (Kantonsrat Zürich, 2005). Dieses sieht vor, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen möglichst in Regelklassen unterrichtet werden und führt damit einen Paradigmenwechsel von der Separation hin zur Integration herbei (ebd., §33). Wenn ein Kind im Unterricht nicht gemäss seinem individuellen Entwicklungs- und Leistungsstand lernen kann, ist es zwangsläufig über- bzw. unterfordert (Largo & Beglinger, 2009). Dadurch kann es keine Erfolgserlebnisse mehr erleben, was die Lust am Lernen raubt und häufig auch entmutigt (ebd.). Lina hat angesichts der vielen Enttäuschungen im Fach Deutsch womöglich die Überzeugung aufgebaut, dass sie «einfach zu dumm zum Lesen und Schreiben ist und es sich nicht lohnt, im Unterricht aufzupassen oder auf eine Prüfung zu lernen». Diese negativen Gedanken könnten sie daran hindern, sich auf den Unterricht einzulassen.

Wie die Schulpsychologie der Vielfalt unter Kindern (mehr oder weniger) gerecht wird

Wenn es in der Schule oder beim Lernen nicht rund läuft und/oder Unklarheiten und Unsicherheiten bestehen, können sich Lehrpersonen, mit dem Einverständnis der Eltern, oder auch Eltern direkt, beim SPD melden. Die Aufgabe des SPDs besteht dann darin, die Situation gründlich abzuklären und auf dieser Basis gemeinsam mit den Beteiligten geeignete Massnahmen zu erarbeiten. Kein Kind und keine Situation kommen zweimal vor. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, sich in jeden neuen Fall hineinzuversetzen und eine Beziehung zu den Beteiligten herzustellen. Ihre Anliegen gestalten sich entsprechend vielfältig. Im Fall von Lina könnte beispielsweise eine Überprüfung einer möglichen Lese-Rechtschreib-Störung erwünscht sein, die allenfalls einen therapeutischen Bedarf und einen schulischen Nachteilsausgleich indizieren würde. Bei Mateo könnte es vorgängig um eine Einschätzung des kognitiven Potenzials gehen, um abzuklären, inwiefern seine Verhaltens- und Konzentrationsschwierigkeiten mit kognitiven Einschränkungen zu erklären sind. Bei Samantha hingegen könnte eher eine Stärkung der Erziehungskompetenzen im Rahmen einer Elternberatung ein zentrales Interesse darstellen. Der gemeinsame Nenner der Anliegen ist stets die bestmögliche Entwicklung des Kindes. Eine Leitfrage dabei ist, welcher schulische und ausserschulische Rahmen für die Bedürfnisse des Kindes adäquat ist. Aus schulischer Sicht wird daher auch oft der Frage nachgegangen, ob ein Kind in der Regelklasse – im Rahmen der möglichen Individualisierungsmassnahmen – genügend gefördert werden kann bzw. ob (im Falle einer Behinderung oder einer sozialen, körperlichen, gesundheitlichen oder sensorischen Beeinträchtigung) ein sonderschulisches Setting sinnvoll ist.

Bei Schulpsychologischen Diensten handelt es sich um öffentliche Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche vom Kindergartenalter bis Ende Sekundarstufe I mit Lern- und Leistungsbesonderheiten, sowie psychischen oder psychosozialen Schwierigkeiten, die sich im schulischen Umfeld manifestieren oder sich darauf auswirken.

Das Angebot steht Kindern und Jugendlichen, ihren Eltern und Lehrpersonen kostenlos zur Verfügung.

Die schulpsychologischen Tätigkeitsfelder lassen sich grob in die Bereiche Beurteilung, Beratung und Begleitung einteilen. Im Hinblick auf die Beurteilung werden zur Klärung der Leistungs-, Lern- und Verhaltensschwierigkeiten verschiedene Befunde erhoben. In einem ersten Schritt wird mit der Familie ein persönliches Gespräch beim SPD vereinbart. Dabei wird erfragt, wie sich das Kind bisher entwickelt hat, wie die schulische und familiäre Situation aussieht und wie das aktuelle Befinden des Kindes ist. Häufig folgen darauf psychodiagnostische Abklärungen, die weitere Puzzleteile zu inter- und intraindividuellen Stärken und Schwächen des Kindes in verschiedenen Entwicklungsbereichen (z. B. kognitiv, psychomotorisch, emotional) ans Licht bringen. Bei Lina würde man zur Überprüfung einer möglichen Lese-Rechtschreib-Störung ihre individuellen Lese- und Schreib-Fähigkeiten mit den Leistungen der Stufennorm und ihrer individuellen Intelligenzleistung vergleichen. Darüber hinaus kann eine Verhaltensbeobachtung auf einem Schulbesuch Aufschluss über die Gesamtdynamik in der Klasse bringen. Dies bietet sich beispielsweise bei Mateo an, da die störenden Verhaltensweisen nur im spezifischen Klassensetting beobachtet werden können. Mit dem Einverständnis der Eltern werden in weiteren Gesprächen die Sichtweisen der Lehrperson und anderer involvierter Fachpersonen (z. B. Logopäd*in, Klassenassistenz, Schulheilpadägog*in) einbezogen. Gestützt auf die umfassenden Ergebnisse der Beurteilung wird im Rahmen einer Beratung gemeinsam mit allen Beteiligten erarbeitet, welche Bedingungen für eine gute Entwicklung des Kindes nötig sind. Dabei werden Entwicklungsziele festgelegt und geeignete Massnahmen erarbeitet. In Samanthas Fall könnte ein Entwicklungsziel darin bestehen, ihre Selbständigkeit mit gezielten Strategien, die mit ihrer Mutter erarbeitet werden, zu fördern. Zum Beispiel könnten Mutter und Tochter selbständig aber nebeneinander im Arbeitszimmer oder am Küchentisch ihren jeweiligen Arbeiten nachgehen oder die Mutter könnte Zeit für Mutter-Tochter-Aktivitäten als Belohnung für selbständiges Arbeiten in Aussicht stellen. Wenn die Befunde bei Mateo eine Lernbeeinträchtigung nahelegen, könnte die Einrichtung individueller Lernziele und heilpädagogischer Unterstützung sinnvoll sein, um Mateo zu entlasten und ihm gezielt Fortschritte und Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Die vereinbarten Ziele und Massnahmen können schliesslich im Rahmen der Begleitung gemeinsam überprüft und gegebenenfalls angepasst oder weiterentwickelt werden.

«Was ist dein zweitliebster Dinosaurier?»

m, 7 Jahre

Mein Seiltanz in der Schulpsychologie

Meinen Weg zur Schulpsychologie habe ich während eines viermonatigen Praktikums beim SPD in Aarau gefunden. In dieser Zeit erhielt ich die Möglichkeit, den Kontext des Arbeitens kennenzulernen und die schulpsychologische Tätigkeit – mehr noch aus der Aussenperspektive, teils auch schon aktiv daran teilnehmend – zu beobachten. Während Verhaltensbeobachtungen in verschiedenen Bildungsinstitutionen, der Teilnahme an Expertenrunden und vielfältigen Gesprächen mit Eltern, Lehrpersonen und Schulleitungen konnte ich mir einen lebhaften Überblick über das Schulsystem und die Abläufe der schulpsychologischen Tätigkeit verschaffen. Ich durfte ein offenes und freundliches Team aus 13 Schulpsycholog*innen bei ihren Terminen begleiten und so eine grosse Vielfalt an Arbeitsstilen erleben. Ein Stück weit konnte ich mich bereits selbst in dieser neuen Rolle ausprobieren, indem ich verschiedene Testverfahren durchgeführt, ausgewertet und deren Abklärungsergebnisse an die Beteiligten rückgemeldet habe. Neben der Abklärungsarbeit mit Kindern erhielt ich ausserdem die Gelegenheit, Erstgespräche mit den Familien zu führen. Dank dieser und weiterer wertvollen Erfahrungen konnte ich meine Erwartungen an die schulpsychologische Praxis überprüfen und mein Interesse festigen. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, diesen Weg nach Praktikumsabschluss weiterzuverfolgen. In Kürze trete ich eine Assistenzstelle und den Master of Advanced Studies in Schulpsychologie an der Universität Zürich an.

Ich erlebe die Schulpsychologie als eine sehr sinnstiftende Arbeit. Schwierigkeiten in der Schule sind oft Indikatoren für grössere Probleme und/oder gehen sichtbaren psychischen Problemen voran. Als niederschwellige Institution hat die Schulpsychologie das Potenzial, früh im Leben eines Kindes – idealerweise bevor sich ein Problem manifestiert hat – Weichen zu stellen. Wenn es gelingt, alle Beteiligten in ein Boot zu holen, um sich gemeinsam für eine gute Entwicklung des Kindes einzusetzen, können wirksame und nachhaltige Veränderungen stattfinden. Selten kommen in diesem Berufsalltag die Paradebeispiele vor, die ich an der Uni gelernt habe und noch seltener gibt es auf ein Problem eine einzige, geschweige denn die ideale, Lösung. Nach der magischen Formel sucht man in dieser Arbeit vergeblich. Es ist eine grosse Herausforderung, sich auf jedes System und die darin wirkenden Kräfte einzulassen. Schulpsycholog*innen balancieren in ihrem Bestreben nach günstigen Entwicklungsbedingungen für das Kind wie Seiltänzer zwischen schulpolitischen Rahmenbedingungen («Ist in dieser Sonderschule noch ein Platz frei?», «Ist die Anmeldefrist noch offen?»), auseinanderdriftenden oder unrealistischen Erwartungen von Eltern und Lehrpersonen («Ich will auf keinen Fall, dass mein Sohn in eine Sonderschule kommt.», «Ich kann dieses Kind in meiner Klasse nicht länger tragen.») und eigenen Grenzen und Unsicherheiten («Wo endet meine Verantwortung?»). Man muss sich dabei vom utopischen Anspruch einer perfekten Lösung, die alle Beteiligten zufrieden stellt, lösen und stattdessen gemeinsam mit den Beteiligten erarbeiten, was unter den gegebenen Umständen sinnvoll und machbar ist («Hinter welcher Massnahme kann die Familie stehen?», «Welche Ressourcen zur Unterstützung und Entlastung sind im System vorhanden?»). Man muss viel Unsicherheit aushalten können, weil oft nicht klar ist, was richtig ist und es dann nach bestem Wissen und Gewissen auszuprobieren gilt. Dieser Balanceakt gelingt mal mehr, mal weniger.

*Alle Namen und zentralen Bezüge sind verändert, sodass die Anonymität gewahrt bleibt.


Zum Weiterlesen

Berufsverband Schweizer Kinder- und Jugendpsycholog*innen: https://www.skjp.ch

Vereinigung Schulpsychologie Schweiz – Interkantonale Leitungskonferenz: https://www.schulpsychologie.ch

Berufsverband deutscher Psycholog*innen: https://www.praxis-schulpsychologie.de (Tipp: Newsletter abonnieren)

Seifried, K., Drewes, S. & Hasselhorn, M. (Hrsg.) (2016). Handbuch Schulpsychologie: Psychologie für die Schule. Verlag W. Kohlhammer.

Literatur

Kantonsrat Zürich (2005). Volksschulgesetz (VSG). Abgerufen am 26. August 2020 von: http://www2.zhlex.zh.ch/appl/zhlex_r.nsf/0/B6DFC1347AA5482FC12575C1003D4B7F/$file/412.100_7.2.05_65.pdf

Largo, R. H. & Beglinger, M. (2009). Schülerjahre: wie Kinder besser lernen. München: Piper.

Moser, U., Stamm, M. & Hollenweger, J. (Hrsg.). (2005). Für die Schule bereit? Lesen, Wortschatz, Mathematik und soziale Kompetenzen beim Schuleintritt. Oberentfelden: Sauerländer.

Moser, U., Buff, A., Angelone, D. & Hollenweger, J. (2011a). Nach sechs Jahren Primarschule. Deutsch, Mathematik und motivational-emotionales Befinden am Ende der 6. Klasse. Zürich: Bildungsdirektion.

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Psychopathie und Machiavellismus

Mehr oder weniger das Gleiche?

Psychopathie und Machiavellismus sind beides zwei Persönlichkeitsmerkmale der Dark Triad. Auch sonst haben sie viele Gemeinsamkeiten und nur sehr wenige Unterschiede. Sind sie nur ein Produkt uneinsichtiger Forschung oder sind sie tatsächlich zwei voneinander unabhängige Traits?

Von Marcia Arbenz und Sophia Scheele
Lektoriert von Loana Brestel und Niko Läderach
Illustriert von Andrea Bruggmann

Das Konzept der Dark Triad wurde 2002 von Paulhus und Williams begründet. Sie fassten drei Persönlichkeitsmerkmale zusammen: Psychopathie, Machiavellismus und Narzissmus. Diese drei Merkmale wurden gewählt, da sie einander ähnlich sind (personal communication with D.L. Paulhus, 2020), beispielsweise im Ausnutzen anderer Personen (Jonason et al., 2009). Doch bald schon entbrannte eine Diskussion, ob diese drei Merkmale nicht zu ähnlich sind. Besonders Psychopathie und Machiavellismus sind oftmals nicht distinkt. Eine Zusammenfassung.

Das grösste Übel: Psychopathie

Eine psychopathische Person besitzt eine antagonistische Persönlichkeit, die sich durch Manipulationen, egoistisches Verhalten und Gefühlslosigkeit auszeichnet (Furnham et al., 2013; Jones & Figueredo, 2013). Zudem zeigt sie impulsives, riskantes, thrill-seeking Verhalten und besitzt wenig Empathie, wie auch Ängste (Glenn & Sellbom, 2015; Paulhus & Williams, 2002; Vize et al., 2018). Mitleid sucht man bei ihr vergeblich. Hinzu kommen ein schlechtes Urteilsvermögen und pathologischer Egozentrismus (Cleckley, 1988). Trotz dieser kaum wünschenswerten Eigenschaften wirken psychopathische Personen oft sympathisch, da sie einen aussergewöhnlichen Charme besitzen (Cleckley, 1988). Im Allgemeinen wird Psychopathie als das Übelste der Dark Triad bezeichnet (Furnham et al., 2013). Mit der Psychopathie entstehen zahlreiche ungünstigste Folgen. Beispielsweise haben diese Personen oft Probleme mit dem Gesetz (Williams et al., 2001) und betreiben Mobbing und Cybermobbing (Goodboy & Martin, 2015; Williams et al., 2001). Oft sind sie auch in den höheren Führungsebenen zu finden (Boddy, 2011; Chiaburu et al., 2013), benutzen harte Manipulationstechniken wie Erpressung (Jonason et al., 2012; Spain et al., 2014) und zeigen Counterproductive workplace behaviour (CWB), wie das Fällen von unethischen Entscheidungen, Unehrlichkeit oder Betrug (Schilbach et al., 2020). Auch in romantischen Beziehungen zeigen sie auffälliges Verhalten. So haben sie generell eine höhere Anzahl an Sexualpartner*innen, sind eher untreu und machen sich oft der sexuellen Belästigung schuldig (Muris et al., 2017; Williams et al., 2005). Sie sind äusserst missbräuchlich wie auch unvorhersehbar in Einstellungen und Verhalten (Williams et al., 2005).

Doch wie misst man diese Einstellungen und Verhaltensweisen? Es gibt einige Messinstrumente für Psychopathie, beispielsweise die Self-Report Psychopathy scale (SRP, Paulhus et al., 2014). Diese basiert auf der Psychopathy Check-List (Hare, 1991), dem Goldstandard für klinische Psychopathie. Die 64 Items lassen sich in vier Faktoren unterteilen: unbeständiger Lebensstil (bspw. «I enjoy taking risk»), interpersonelle Manipulationen (bspw. «It’s fun to see how far you can push people before they get angry»), gleichgültiger Affekt (bspw. «I am often rude to people») und kriminelle Tendenzen (bspw. «I avoid paying for things, such as movies, bus or train») (Muris et al., 2017). Zudem gibt es Fragebögen, wie die Dirty Dozen (DD, Jonason & Webster, 2010), die alle drei Merkmale der Dark Triad erfassen. Die psychometrischen Eigenschaften der Dirty Dozen sind jedoch sehr umstritten (Jonason & Webster, 2010; Lee et al., 2013). Vorgeworfen wird der Skala unter anderem, dass sie durch repetitive Formulierungen künstlich die Reliabilität erhöht (Credé et al., 2012) und dass die Korrelationen zwischen den einzelnen Persönlichkeitseigenschaften zu hoch sind (Jonason & Webster, 2010). Die Short Dark Triad (SD3, Paulhus & Jones, 2015) wird im Allgemeinen besser bewertet, jedoch scheinen auch hier noch weitere Untersuchungen nötig zu sein (Furnham et al., 2014). Ein mögliches Problem der SD3 ist, dass sich die Items für Psychopathie auf Verhalten fokussieren (bspw. «I’ll say anything to get what I want», Jones & Paulhus, 2015, p. 569)), während die Items für Machiavellismus Einstellungen erheben («Most people can be manipulated», Jones & Paulhus, 2015, p. 569). Diese Trennung zwischen Verhalten und Einstellung der beiden Merkmale ist jedoch frei von der theoretischen Grundlage.

Ein anderes Übel: Machiavellismus

Machiavellismus ist wie die Psychopathie durch eine antagonistische Persönlichkeit und durch Manipulationen, Gefühlskälte und Egoismus gekennzeichnet (Furnham et al., 2013; Jones & Figueredo, 2013). Doch während Psychopathie durch klinische Beobachtungen entwickelt wurde, stammt Machiavellismus von einer historischen Figur und dessen Buch ab. Niccolo Machiavelli schrieb das Buch «Der Fürst», in dem Ratschläge erteilt werden, wie man durch Manipulationen Macht gewinnen und erhalten kann. Aussagen wie «When they believe no longer, it may be possible to make them believe by force» (Machiavelli, 2001, p. 30) oder «It is much safer to be feared than loved, when, of the two, either must be dispensed with» (Machiavelli, 2001, p. 66) zeigen den manipulativen Führungsstil auf, den Machiavelli vorschlägt. Die kalten, explorativen und manipulativen Aussagen des Buchs wiederspiegeln die Charakteristika des Machiavellismus (Glenn & Sellbom, 2015). Personen mit Machiavellismus sind unaufrichtig und beuten andere Menschen für ihren eigenen Gewinn aus (Christie & Geis, 1970). Dabei können sie ihre Impulse kontrollieren und besitzen einen langfristigen Fokus (Jones & Paulhus, 2009; Rauthmann, 2011). Sie sind vorsichtig und kontrolliert (Jones & Paulhus, 2009). Zudem sind sie in ihrem Verhalten flexibel (Bereczkei, 2015), können sich also an neue Umstände gut anpassen. Auch sie haben psychopathische Züge (Muris et al., 2017) und Probleme mit Gewalt, Aggressionen und kriminellen Tendenzen (DeLisi, 2009). Im Arbeitskontext zeigt eine Person mit Machiavellismus einen autoritären und missbräuchlichen Führungsstil (Kiazad et al., 2010). Dabei zeigen sie einen weichen Manipulationsstil, und Counterproductive workplace behaviour (Jonason et al., 2012). In anderen Worten: Machiavellismus ist ein weiteres Übel.

«The close relation between Machiavellianism and psychopathy is not surprising given that both traits are indicative of malicious interpersonal behaviour»

Muris et al., 2017, p. 188

Es gibt unzählige Fragebögen, die Machiavellismus erfassen. Ein Beispiel dafür ist die MACH-V scale (Christie & Geis, 1970). Die 20 Items erfassen drei Faktoren: manipulative Taktiken («It is wise to flatter important people»), zynische Sicht auf die menschliche Natur («Anyone who completely trusts anyone is asking for trouble») und Missachtung konventioneller moralischer Ansichten («Sometimes one should take action even when one knows that it is not morally right»). Die Validität der MACH-V scale hängt generell von der Korrelation mit den Subskalen der Short Dark Triad und der Dirty Dozen ab (Christie & Geis, 1970).

Viele, viele Gemeinsamkeiten

Beim Lesen der Zusammenfassungen der beiden Persönlichkeitsmerkmale mögen bereits einigen die vielen Gemeinsamkeiten der Beiden aufgefallen sein. Kein Wunder also, dass die beiden Merkmale in vielen Studien hoch miteinander korrelieren (Muris et al., 2017; O’Boyle et al., 2015; Vize et al., 2018). Machiavellismus korreliert auch mit den Subfaktoren von Psychopathie (Jakobwitz & Egan, 2006; McHoskey et al., 1998). Im Allgemeinen zeigte eine Faktorenanalyse, dass alle drei Merkmale der Dark Triad mit einem einzigen Faktor korrelieren (Hodson et al., 2009; Jonason & Webster, 2010). Insgesamt gibt es jedoch grosse Unterschiede zwischen den Studien, basierend auf den verschiedenen Messmethoden und Probanden, die verwendet wurden (Furnham et al., 2014). Vor allem scheinen die Fragebögen ein Problem darzustellen: einige inkludieren fälschlicherweise Aspekte des anderen Merkmals oder Fragebögen für Psychopathie und Machiavellismus beinhalten fast identische Items (Glenn & Sellbom, 2015; Kavish et al., 2019). Neben den Methoden überlappen auch die Konzepte der beiden Persönlichkeitsmerkmale (Paulhus & Williams, 2002; Vize et al., 2018). Dies könnte das Produkt der Forschung sein, die sich jeweils nur auf ein Merkmal fokussiert und dieses expandieren, ohne dabei auf andere Merkmale Rücksicht zu nehmen (Jones & Paulhus, 2011a). Den beiden Autorinnen dieses Artikels ist zudem aufgefallen, dass in den unterschiedlichen Studien zu Psychopathie und Machiavellismus nie eine standardisierte Definition für die Merkmale verwendet wurde. Dies erschwert vermutlich eine klare Abgrenzung und einen wissenschaftlichen Diskurs noch zusätzlich.

Wieso gibt es Psychopathie?

Es mag einem schleierhaft vorkommen, wie es möglich ist, dass sich die Psychopathie in der Natur durchsetzen konnte. Schliesslich scheinen psychopathische Personen ihrem Umfeld nur zu schaden (Paulhus & Williams, 2002). Doch eine evolutionäre Sicht bietet eine mögliche Erklärung. Es wird vorgeschlagen, dass Psychopathie einen Überlebens- und Reproduktionsvorteil schafft (Krupp et al., 2013). Die Personen würden eine cheater strategy benutzen, in dem sie andere Individuen ausnutzen (Hare, 1996). Der Erfolg dieser Strategie hängt jedoch von der Häufigkeit des Merkmals ab (Walker & Jackson, 2017). Nur wenn wenige Personen sie benutzen, ist sie erfolgreich. Der Grund dafür ist, dass die Strategie von der Gutmütigkeit der Mehrheit anderer Personen abhängt, welche psychopathische Personen nicht besitzen (Walker & Jackson, 2017). Wenn zu viele Menschen Psychopathie aufweisen würden, gäbe es niemanden zum Ausnutzen.

Es gibt noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen Psychopathie und Machiavellismus. Beide Persönlichkeitsmerkmale beinhalten substantielle, genetische Komponenten (Petrides et al., 2011; Vernon et al., 2008; Veselka et al., 2011) und treten häufiger bei Männern als bei Frauen auf (Cale & Lilienfeld, 2002). Beide stehen in Verbindung zu moralischen Problemen und antisozialen Taktiken (Muris et al., 2017), wie auch zu emotionalen und empathischen Defiziten (Ali et al., 2009; Andrew et al., 2008; Barlow et al., 2010). Neben zahlreichen weiteren gemeinsamen Korrelationen, zeichnen sich die Merkmale auch durch ein ähnliches Profil in anderen Persönlichkeitstheorien wie dem Five Factor Model (Paulhus & Williams, 2002), dem HEXACO Model (Spain et al., 2014) und dem Interpersonal Circumplex Model (Jones & Paulhus, 2011a) aus.

Es wird in verschiedenen Quellen diskutiert, ob Psychopathie und Machiavellismus nicht denselben Kern beinhalten. Jedoch herrscht nach wie vor Uneinigkeit, was dieser Kern sein sollte. Vorgeschlagen wird Kaltherzigkeit und Manipulation (Jones & Figueredo, 2013), Böswilligkeit (Muris et al., 2017) oder das Fehlen von Empathie (Wai & Tiliopoulos, 2012). Andere behaupten, dass Psychopathie und Machiavellismus dasselbe sind (Miller et al., 2017). Wiederum andere vermuten eine hierarchische Struktur, wobei Machiavellismus eine Untereigenschaft wäre (Glenn & Sellbom, 2015) oder Psychopathie den dominanten Faktor darstellt (Muris et al., 2017). Andere vermuten, dass Machiavellismus als sekundäre Psychopathie gehandhabt werden sollte (Glenn & Sellbom, 2015; Vize et al., 2018).

Drei grosse Unterschiede

Trotz all dieser Gemeinsamkeiten gibt es auch ein paar Unterschiede. Insbesondere lassen sich drei Unterschiedlichkeiten vermerken: Impulsivität, Verhaltensflexibilität und Zeitorientierung.
Während psychopathische Menschen sehr impulsiv sind und somit auch Defizite in der Selbstkontrolle aufweisen (Hare, 1991; Jones & Paulhus, 2011b), besitzen Personen mit Machiavellismus eine Impulskontrolle (Jones & Paulhus, 2009). Generell sind Individuen mit Psychopathie dysfunktional impulsiv – das heisst, sie besitzen die Fähigkeit in Situationen schnell zu reagieren, in denen es nicht von Vorteil ist (Dickman, 1990). Damit in Zusammenhang stehen auch schlechte Selbstkontrolle, Rücksichtslosigkeit und Defizite in Vermeidungsorientierung (Brunas-Wagstaff et al., 1995). Der Link zwischen Psychopathie und Impulsivität lässt sich auch anhand des Behavioral Inhibition System (BIS) und Behavioral Activation System (BAS) aufzeigen. Das BIS kennzeichnet sich durch eine Sensitivität für Bestrafungen und Neuheiten, während das BAS eine Sensitivität und Strebung nach Belohnung beinhaltet (Gray, 1982). Psychopathie ist assoziiert mit einer niedrigeren Sensitivität für Bestrafung und einem höheren Fokus auf Belohnung (Carver & White, 1994). Dahingegen korreliert Machiavellismus entweder mit keinem der beiden Systeme (Neria et al., 2016), nur mit dem BIS (Jonason & Jackson, 2016) oder nur mit dem BAS (Stenason & Vernon, 2016) . Dadurch, dass Personen mit Machiavellismus sensitiver auf Bestrafungen sind, lässt sich eine Erklärung für den Unterschied zur Impulsivität erahnen.

Der zweite Unterschied, die Verhaltensflexibilität, beinhaltet erneut ein Defizit auf Seiten der Psychopathie. Personen mit Psychopathie fehlt diese Flexibilität und sie besitzen einen kurzsichtigen Fokus (Bereczkei, 2015). Individuen mit Machiavellismus können ihr Verhalten verändern, so dass sie sich an externale Faktoren anpassen. Dadurch können sie allfällige Bestrafungen oder Belohnungen in ihre Entscheidungsfindung miteinbeziehen (Bereczkei, 2015). Mehrere Studien belegen, dass die Versuchspersonen mit hohen Werten in Machiavellismus sich nur dann egoistisch verhalten, wenn sie wissen, dass sie für ihr Verhalten nicht bestraft werden können (Bereczkei, 2015; Spitzer et al., 2007). Sobald diese Garantie nicht mehr gewährleistet wurde, verhielten sie sich nicht länger egoistisch. Gleichzeitig verhielten sich dieselben Personen prosozial, falls es mit ihren persönlichen Zielen übereinstimmte (Spitzer et al., 2007). In anderen Studien konnte das Fehlen von Verhaltensflexibilität bei psychopathischen Personen durch die Assoziation mit passivem Vermeidungslernen aufgezeigt werden. Menschen mit Psychopathie verfolgten weiterhin ihr Ziel, auch wenn es Hinweise für eine allfällige Bestrafung gab (Smith & Lilienfeld, 2015). In älteren Studien wurden ähnliche Ergebnisse gefunden (Lykken, 1957; Newman & Kosson, 1986).

«Overall, despite some differences in the theoretical descriptions of psychopathy and Machiavellianism, relatively few empirical differences have emerged. »

Miller et al., 2017, p. 440

Beide dieser Unterschiede, Impulsivität und Verhaltensflexibilität, stehen in Zusammenhang mit der letzten Unterscheidung: der Zeitorientierung. Während psychopathische Personen kurzzeitige Orientierung aufweisen, fokussieren sich Personen mit Machiavellismus auch auf langzeitige Ziele (Jones & Paulhus, 2011b).

Ein paar weitere Unterschiede lassen sich erwähnen. Psychopathie und Machiavellismus korrelieren mit unterschiedlichen Arten der Manipulation. Während Psychopathie mit harten Manipulationstaktiken, wie beispielsweise Drohungen, in Verbindung steht, ist Machiavellismus mit weichen Manipulationen, wie das Anbieten von Gefälligkeiten, assoziiert (Jonason et al., 2012). Des weiteren spannen psychopathische Individuen eher jemand anderem den*die Partner*in aus, werden aber auch öfters für andere Personen verlassen (Jonason et al., 2010). Machiavellismus hingegen ist assoziiert mit einem vermeidenden Bindungsstil (Ináncsi et al., 2015). Personen mit Machiavellismus sind dadurch eher distanziert gegenüber anderen Personen und vermeiden emotionale Verpflichtungen (Christie & Geis, 1970) im Vergleich zu Menschen ohne Machiavellismus. Dadurch formen sie strategische Allianzen und versuchen einen positiven Ruf zu wahren (Jones & Paulhus, 2011b). Psychopathische Personen hingegen sind durch ihre Impulsivität leichtfertiger darin andere zu verlassen und achten nicht auf ihren Ruf (Hare & Neumann, 2008).

Kein Ende in Sicht?

Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Psychopathie und Machiavellismus sind also mannigfaltig. Hinzu kommt, dass die beiden Persönlichkeitsmerkmale in unterschiedlichen Kontexten untersucht werden. Psychopathie findet man oft in klinischen Studien wieder (Miller et al., 2017), während Machiavellismus oft in der Sozialpsychologie, Persönlichkeitspsychologie oder in der Arbeits- und Organisationspsychologie studiert wird (D’Souza & Jones, 2017). Das macht freilich ein abschliessendes Urteil, ob die beiden Merkmale zwei distinkte Konstrukte oder doch nur ein Persönlichkeitsmuster sind, nicht einfacher. Hinzu kommen die methodischen Mängel. Das Fehlen von standarisierten Definitionen und die oftmals ungenügenden psychometrischen Werte der Instrumente (Miller et al., 2017) lassen kaum ein Ende der Diskussion in Sicht kommen. Vorerst mögen die Unterschiede zwischen Psychopathie und Machiavellismus ausreichen, um von zwei distinkten Persönlichkeitsmerkmalen auszugehen.


Zum Weiterlesen

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References

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Mehr Bewegung – gerade jetzt!

Die Herausforderung und Bedeutung von körperlicher Aktivität in Zeiten von COVID-19

Sport ist gesund! Klar, das weiss wohl jeder. Die regelmässige Umsetzung gestaltet sich hingegen schwieriger, besonders in Pandemiezeiten. Sportzentren waren zeitweise geschlossen und von Gruppenaktivitäten wird nach wie vor abgeraten. Dabei ist körperliche Aktivität gerade jetzt besonders wichtig.

Von Julia Schmid
Lektoriert von Jovana Vicanovic und Marina Reist
Illustriert von Pierina Hostettler

Die COVID-19-Pandemie zwang die Weltbevölkerung ihren Alltag und ihre Gewohnheiten zu ändern (Lim & Pranata, 2020). Die Massnahmen und Empfehlungen, die im Rahmen von COVID-19 weltweit ausgesprochen wurden, sind für die Verringerung der Übertragung des Virus und die Gesamtbelastung durch die Pandemie essentiell (Hudson & Sprow, 2020). Dennoch haben sie auch ein Umfeld körperlicher Inaktivität geschaffen. Geschlossene Freizeiteinrichtungen und Fitnesszentren sowie abgesagter Mannschaftssport erschwerten es für viele ihre Trainingsprogramme und -routinen aufrecht zu halten. Auch die Umsetzung sozialer Unterstützung, die eine wichtige Komponente beim Start oder bei der Weiterführung eines Fitnessprogramms darstellt, war erschwert, da beispielsweise persönliche Trainings- und Gruppenfitnesskurse entfielen (Hudson & Sprow, 2020). Einige griffen auf Alternativen zurück (z. B. Online-Fitnesskurse) und trainierten individuell weiter, während andere ihre körperliche Aktivität aufgrund mangelnder sozialer Unterstützung oder Bedenken hinsichtlich der Ansteckung reduzierten (Stanton et al., 2020). Auch die fehlende Bereitschaft frühere Trainingsgewohnheiten zu ändern, konnte ein Hindernis darstellen (Stanton et al., 2020).

Um die Verbreitung der Infektionen einzudämmen, haben viele Regierungen neben Beschränkungen des öffentlichen Lebens sogar eine kollektive Quarantäne für die Bevölkerung durchgesetzt (Mattioli et a., 2020). Es ist wahrscheinlich, dass ein längerer Aufenthalt zu Hause zu vermehrt sitzenden Verhaltensweisen, reduzierter Bewegung und weniger täglichen Schritten führte (Chen et al., 2020; Lim & Pranata, 2020). Darüber hinaus könnten die Einschränkungen insbesondere bei Personen, die nur für kurze Zeit zunehmend körperlich aktiv waren, das Trainingsverhalten negativ beeinflusst und einen Rückfall zu früheren Verhaltensmustern bedingt haben (Frühauf et al., 2020). Gleichzeitig ist eine solch starke Einschränkung mit psychologischen Folgen verbunden (Brooks et al., 2020). Der entstandene Stress und mögliche depressive Symptome könnten wiederum zu nachteiligen Veränderungen des Gesundheitsverhaltens, wie ungesunder Ernährung und verminderter körperlicher Aktivität geführt haben (Mattioli et al., 2020).

«We understand now more than ever that sports keep our body and mind healthy and bring us together.»

Gilat & Cole, 2020, S. 176

Allerdings haben die Massnahmen für viele auch mehr Freizeit geschaffen, beispielsweise durch Kurzarbeit oder entfallene Pendelzeiten. Dies hat die Möglichkeit für Familienspaziergänge, Gartenarbeit und andere Outdoor-Aktivitäten erhöht (Hudson & Sprow, 2020). Die gewonnene Zeit könnte genutzt worden sein, um neue Gewohnheiten für regelmässige, körperliche Aktivität zu entwickeln (Stanton et al., 2020). Da Bewegung einer der wenigen, legitimen Gründe war, das Haus zu verlassen, haben einige Menschen wohlmöglich eine Geh- oder Fahrradroutine aufgebaut (Stanton et al., 2020).

Weniger oder doch mehr Bewegung?

Weltweit nahm die durchschnittliche Anzahl Schritte pro Tag innerhalb von 30 Tagen nach der Pandemieerklärung um 27 Prozent ab (Tison et al., 2020). Europa verzeichnete einen noch drastischeren Rückgang um bis zu 38 Prozent (Fitbit, 2020). Eine sieben sprachige Online-Umfrage ergab, dass die COVID-19 Beschränkungen einen negativen Effekt auf alle Bewegungs-Intensitäten hatten (Ammar et al., 2020). Die Anzahl Minuten körperlicher Aktivität pro Tag mit starker Intensität verringerte sich im Vergleich zu früher um 23 Prozent, bei mittlerer Intensität um 24 Prozent und beim Gehen um 35 Prozent. Das Ausmass des Rückgangs hing mit der Strenge der einzelnen staatlichen Beschränkungsmassnahmen zusammen. Zusätzlich erhöhte sich die tägliche Sitzzeit von fünf auf acht Stunden pro Tag (Ammar et al., 2020). In einigen Ländern wurde ein Anstieg der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas und der damit verbundenen Folgen festgestellt (Onagbiye et al., 2020). He und Kollegen (2020) konnten zeigen, dass dies auf die erzwungenen Änderungen im Lebensstil zurückzuführen ist. Dabei korrelierte die Änderung des Körpergewichts während der Pandemie negativ mit der Änderung der Schritte pro Tag und der Trainingszeit.

«The role that sports play in this pandemic is unprecedented, fascinating, and reveals the immense impact sport has on every aspect of our lives.»

Gilat & Cole, 2020, S. 175

Fast die Hälfte der in Australien Befragten berichtete über eine Verringerung der körperlichen Aktivität seit Ausbruch der Pandemie, während etwa 20 Prozent eine positive Veränderung nannten (Stanton et al., 2020). Auch in Italien hat die gesamte körperliche Aktivität in allen Altersgruppen, und insbesondere bei Männern, signifikant abgenommen (Maugeri et al., 2020). Männer könnten stärker betroffen sein, da sie mehr in sozialen und kompetitiven Kontexten Sport treiben und Outdoor-Aktivitäten sowie öffentliche Einrichtungen bevorzugen, während Frauen Indoor-Aktivitäten präferieren. Überdies könnte die vermehrte Hausarbeit der Frauen die Unterschiede erklären (Maugeri et al., 2020). In Österreich wurde ebenfalls eine generelle Abnahme der körperlichen Aktivität festgestellt (Schnitzer et al., 2020). Eine Gruppenanalyse ergab aber erstaunlicherweise, dass fast die Hälfte der Personen, die zuvor sehr wenig Sport gemacht haben, sich während der Quarantäne verstärkt körperlich betätigten (Schnitzer et al., 2020). Die Autoren nehmen an, dass dies auf sinkende Opportunitätskosten zurückzuführen ist und argumentieren, dass der Anstieg mit der Zunahme an Freizeit und einer Präferenzverschiebung einhergeht. Ferner zeigte auch die Studie aus Italien bei der Gruppe, die vor der Pandemie wenig aktiv war, einen gesteigerten Gesamtenergieverbrauch, womöglich aufgrund vermehrter Hausarbeitsaktivitäten (Maugeri et al., 2020). Eine Studie aus Belgien liefert noch differenziertere Ergebnisse (Constandt et al., 2020). Personen, die vor der Pandemie hoch aktiv waren, über 55 Jahre alt sind, eine geringere Bildung aufweisen, früher mit Freunden oder im Sportverein trainierten und keine Online-Tools verwendeten, berichteten, dass sie während den Einschränkungen weniger körperlich aktiv waren. Als Hauptgründe für die Reduktion wurde genannt, weniger Zeit zu haben, mehr zu sitzen und das Gewohnte und Kompetitive des Trainings zu vermissen. Ungefähr die Hälfte der hochaktiven Menschen gab an, mehr Zeit als zuvor für Sport zu haben. Dennoch erhöhten aufgrund der geschlossenen Sportinfrastrukturen und abgesetzten Sportveranstaltungen sowie der fehlenden sozialen Unterstützung nur 36 Prozent ihre Trainingszeit, während 23 Prozent sie reduzierten. Ein komplett anderes Bild zeigte sich bei Personen, die vor der Sperrung wenig aktiv waren. Mehr als die Hälfte gab an, nun mehr Zeit für Sport zu haben. Als Hindernisse wurden zusätzlich Ansteckungsängste und mangelndes Interesse aufgelistet. Dennoch trainierten ganze 60 Prozent nun mehr als zuvor (Constandt et al., 2020). Diese Ergebnisse geben Hoffnung, dass Personen, die ihr Trainingsverhalten erhöhten, neue Gewohnheiten entwickeln, die auch nach der Pandemie fortbestehen (vgl. Nyenhuis et al., 2020).

Bewegung schützt den Körper – gerade jetzt!

Körperliche Aktivität ist wichtig, um auch während der Pandemie gesund zu bleiben. Die negativen psychologischen Auswirkungen der Pandemie, wie Stress und die damit einhergehende Hormonausschüttung, können die Immunantwort und die metabolische Gesundheit dämpfen, wobei Bewegung diesen Effekten entgegenwirken kann (Ranasinghe et al., 2020). Gerade in Zeiten von COVID-19 ist Bewegung unerlässlich, um das Risiko von Krankheiten wie Adipositas, Diabetes, Bluthochdruck, Kardiovaskulären- und Atemwegserkrankungen zu senken, die in jüngsten Studien als die häufigsten Begleiterkrankungen von COVID-19 genannt wurden und mit erhöhtem Risiko für Krankenhausaufenthalte und Mortalität verbunden sind (Jurak et al., 2020; Zbinden-Foncea et al., 2020). Zusätzlich hat regelmässige moderate körperliche Aktivität das Potenzial, die Immunfunktion zu verbessern und das Risiko, die Dauer und die Schwere der viralen Infektionen zu reduzieren (Laddu et al., 2020; Grande et al., 2015). Auch gibt es neue Daten, wonach körperliche Betätigung das Risiko eines akuten Atemnotsyndroms, einer Haupttodesursache bei Patienten mit COVID-19, verringern kann (UVA, 2020). Die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2 max), die die Ausdauerleistungsfähigkeit darstellt, kann gar zur Risikoeinschätzung verwendet werden (Ahmed, 2020). Inwiefern körperliche Aktivität tatsächlich das Risiko einer Infektion mit COVID-19 mindert und bei einer Ansteckung Komplikationen vorbeugt, muss aus retrospektiven, epidemiologischen Daten noch ermittelt werden (Zbinden-Foncea et al., 2020).

Bewegung schützt die Psyche – gerade jetzt!

Die COVID-19-Pandemie und ihr Management stellen eine Bedrohung für das Wohlbefinden von Menschen ohne und insbesondere mit vorbestehenden psychischen Störungen dar (Diamond & Waite, 2020). Als Stressoren nennen Brooks et al. (2020) in ihrem Review eine längere Quarantänedauer, Infektionsängste, Frustration, Langeweile, unzureichende Versorgung, unzureichende Informationen, finanzielle Verluste und Stigmatisierung. Die Konsequenzen sind posttraumatische Stresssymptome, Verwirrung und Wut (Brooks et al., 2020). In einigen Ländern wurde ein Anstieg von Angst und Depression festgestellt (Onagbiye et al., 2020). Es ist bekannt, dass Bewegung ein wirksames Mittel zur Verbesserung der aktuellen Stimmung, des Wohlbefindens und zur Prävention von psychischen Störungen ist (Frühauf et al., 2020). Depressive Symptome und Angst können sogar in einem ähnlichen Ausmass reduziert werden, wie durch eine medikamentöse Therapie (Wegner et al., 2014). Körperlich aktive Menschen haben unabhängig von ihrem Fitnesslevel eine bessere psychische Gesundheit, bessere Lebensqualität und sind widerstandsfähiger gegen Stress (Penedo & Dahn 2005; Deuster & Silverman, 2013).

Mehr oder weniger Sport während der Pandemiezeit? Eine Familie berichtet:

Schülerin, 18: «Ich war so fit wie noch nie! Von der Schule hatten wir die Aufgabe, uns auf einen 3-Kilometerlauf vorzubereiten. Erst war es schrecklich. Doch mit der Zeit war ich motivierter, aufnahmefähiger und hatte bessere Laune. Ich glaube, wenn ich nicht Sport gemacht hätte, wäre ich in ein Loch gefallen.»

Student, 22: «Der Unisport fiel aus, mein Fussballverein war geschlossen. Ich war mehrheitlich zu Hause. Am Abend verspürte ich einen enormen Bewegungsdrang und musste einfach joggen gehen. Das gab mir das Gefühl, den Tag genutzt zu haben.»

Kundenberater, 58: «Ich ging mehrmals an den Vitaparcours, sonst habe ich keinen Sport gemacht.»

Sachbearbeiterin, 46: «Aufgrund meiner Kurzarbeit hatte ich viel mehr Zeit. Mein Fitnesscenter bot online Kurse an, die ich täglich wahrnahm. Bei schönem Wetter ging ich walken oder mit meiner Familie an den Vitaparcours. So habe ich täglich bis zu dreimal Sport gemacht.»

Stanton und Kollegen (2020) zeigten, dass eine Reduktion der körperlichen Aktivität während der Pandemie mit höheren Depressions-, Stress- und Angstwerten einherging. Zugleich lindert körperliche Aktivität die indirekt durch den COVID-19 Ausbruch induzierten, allgemeinen negativen Emotionen (Zhang et al., 2020). Dies obwohl sozialer Kontakt und Unterstützung, die die positiven psychischen Auswirkungen von Bewegung erhöhen, in dieser Zeit grösstenteils wegfielen (vgl. Burke et al., 2006). Ferner fanden Maugeri und Kollegen (2020) eine positive Korrelation zwischen der körperlichen Aktivität während der Pandemie und dem psychischen Wohlbefinden. Interessanterweise war die Korrelation bei Frauen stärker. Möglicherweise beeinflussen Änderungen der Gewohnheiten der körperlichen Aktivität das Wohlbefinden von Frauen extremer als das von Männern (Maugeri et al., 2020). Körperliche Aktivität steigert die Selbstwirksamkeitserwartung und das globale Selbstwertgefühl, was gerade in dieser herausfordernden Zeit nützlich sein kann (Netz et al., 2005; Spence et al., 2005). Darüber hinaus hat körperliche Aktivität positive Auswirkungen auf häufige Probleme in Quarantänezeiten wie Frustration, Stress, Depression und Langeweile und kann die psychischen Folgen der Isolation wirksam reduzieren (Foye et al., 2020; de Oliveira Neto et al., 2020; Ranasinghe et al., 2020). Bewegung im Freien hat aufgrund der vielfältigen visuellen Eindrücke der Natur zusätzliche, positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Die Zufriedenheit wird erhöht und depressive Symptome, Langeweile, psychische Erschöpfung, Wut und Angst, die alle mit der Pandemie assoziiert sind, werden gelindert (Van den Berg et al., 2010; Frühauf et al., 2020; Park et al., 2020). Das Tageslicht hat ebenfalls einen starken Einfluss auf die geistige und körperliche Gesundheit (Beute & Kort, 2014). Diese Erkenntnisse sind sehr positiv zu werten, da während der Pandemie neben der Präferenz für Heimtraining und auch die Beliebtheit von Spaziergängen und anderen Aktivitäten im Freien anstieg (Schnitzer et al., 2020; Nyenhuis et al., 2020).

Die aktuelle Forschung zeigt: Trotz zunehmenden Herausforderungen ist körperliche Aktivität der Schlüsselfaktor, um die physische und psychische Gesundheit der Bevölkerung während der Pandemie aufrecht zu halten. Was wir brauchen, ist: Mehr Bewegung – gerade jetzt!


Zum Weiterlesen

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Mehr gemeinsam, weniger einsam

Angehörigenarbeit als zentraler Faden im Versorgungsnetz psychisch erkrankter Menschen

Psychische Störungen bergen Leid, in dessen Schatten häufig die Angehörigen stehen. Die Angehörigenarbeit beschäftigt sich damit, diese versteckten Belastungen des Umfelds anzugehen. Verschiedene Studien weisen auf theoretisch fundierte Ansätze und deren praktische Präsenz und Wirksamkeit hin.

Von Hannah Löw
Lektoriert von Vera Meier und Zoé Dolder 
Illustriert von Hannah Löw

«Es hat sich viel geändert seit der Ersterkrankung meiner Tochter vor 22 Jahren. Damals wurde uns beiden gesagt, sie werde niemals mehr ein ‹normales› Leben führen können. Eine Schizophrenieerkrankung mache das unmöglich […]. Ich hätte gerne gewusst, wie lange die Behandlung in etwa dauern würde und was ich als ihre Mutter dazu beitragen kann, damit sie schneller wieder gesund wird. […] Stattdessen wurde mir etliche Male gesagt, es sei nicht gut, wenn ich meine Tochter so oft besuchen würde, schlimmer noch: Dass man zuerst herausfinden müsse, ob ich ihr guttue oder eher nicht. […]. Ich fühlte mich in dieser Zeit sehr alleine, unverstanden, schuldig gesprochen, immer und immer wieder, und zwar vom ganzen Umfeld.»

Weibel, 2019, S. 9

Die Alltagslast der Angehörigen

Mit siebzehn Jahren erfüllte die Tochter von Franca Weibel erstmals die Diagnosekriterien einer Schizophrenie. In ihrem Beitrag für das Fachmagazin für psychiatrisch Tätige des Vereins Netzwerk für Angehörigenarbeit Psychiatrie (NAP) gibt sie einen Einblick in ihren persönlichen Leidensdruck als Angehörige. Obwohl sie sich während den ersten akuten schizophrenen Episoden ihrer Tochter nach eigenem Bericht einsam gefühlt hat, steht sie mit der Last als Angehörige eines psychisch erkrankten Menschen nicht alleine da (NAP, 2019). Das Bundesamt für Gesundheit (2019) stellt fest, «psychische Krankheiten erschweren den Alltag vielseitig. Sie belasten die Angehörigen» und hebt damit in der Einführung seines Beitrags über psychische Erkrankungen die weit verbreitete Belastung von Angehörigen psychisch erkrankter Personen hervor. Daraus lässt sich schliessen, dass eine Unterstützung im psychiatrischen und psychotherapeutischen Rahmen über den*die Patient*in hinaus gehen und die Angehörigen ebenfalls abholen sollte. Nicht nur für die Angehörigen selbst ist die Einbettung in den Therapieprozess wichtig, sondern auch für die erkrankte Person bedeutet dies eine erhöhte Chance, dass eine Behandlung ihre gewünschte Wirkung zeigt (Troxler, 2005).
In Bezug auf das Versorgungsnetz von Patient*innen mit Essstörungen beispielsweise begründen Zitarosa und Kolleg*innen (2012) die Wichtigkeit des Einbezugs der Angehörigen darin, dass die Patient*innen einen Grossteil ihrer Zeit im privaten Umfeld verbringen und nicht in stationären psychiatrischen oder psychotherapeutischen Kliniken. Somit ruht ein beträchtlicher Teil der Krankheitslast nicht auf professionellen Schultern, sondern auf jenen der Angehörigen der Patient*innen. Weiter sind auch Angehörige von Menschen mit einer Alkoholkonsumstörung grossen Belastungen ausgesetzt; sie werden auch als «Ko-Problemträger*innen» bezeichnet (Spohn, 2014). Auch in Bezug auf die Behandlung von Patient*innen einer Störung des schizophrenen Spektrums wird die Wichtigkeit einer frühen Integration der Angehörigen hervorgehoben (Bäuml & Pitschel-Walz, 2020).

Verschiedene Autor*innen sind sich also dahingehend einig, dass die Angehörigen von Personen mit verschiedenen psychischen Krankheiten in ihrem Alltag hohen Belastungen ausgesetzt sind. Doch inwiefern können psychiatrische und psychotherapeutische Kliniken neben den Patient*innen auch die Angehörigen praktisch unterstützen und einbeziehen?

Eine Lücke im System?

In einer etwas weiter zurückliegenden Studie an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität am Bezirksklinikum Regensburg, Deutschland, untersuchten Schmid, Spiessl und Klein (2006) die praktisch durchgeführte Angehörigenarbeit und setzten diese in einen Vergleich mit den Vorgaben der dort geltenden Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) in den Behandlungsbereichen A1-A6 [siehe Kästchen 3]. Die Autor*innen befragten acht Psycholog*innen und 25 Assistenzärzt*innen mittels Fragebögen. Lediglich 52.3% der Angehörigen der am Erhebungstag behandelten 390 Patient*innen führten ein Gespräch mit den behandelnden Fachpersonen. Die restlichen 47.7% der Angehörigen erhielten zum Erhebungszeitpunkt der Studie keine gesprächsbasierte Unterstützung und wurden nicht in die Behandlung miteinbezogen. Schmid, Spiessl und Klein (2006) schlussfolgern daraus, dass eine unzureichende Versorgung der Angehörigen vorliege. Die Ursache dieser Lücke in der Angehörigenarbeit scheint ein Zeitmangel zu sein; auf Kosten der adäquaten Angehörigenarbeit und des direkten Patientenkontakts wird zunehmend mehr Zeit für Dokumentations- und Administrationsarbeiten aufgewendet (Schmid, Spiessl & Klein, 2006).

Auch die Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) Bern erwähnen in ihrem Konzept für die Angehörigenarbeit Mängel in der praktischen Durchführung der Angehörigenarbeit; diese Lücken im System gelten nach den UPD sowohl für den akutpsychiatrisch-stationären Bereich als auch für ambulante Behandlungen in der Schweiz (Troxler, 2005).

Dreizehn Jahre später berichtet der Verein NAP von einer wachsenden Wichtigkeit der Angehörigenarbeit in verschiedenen nationalen psychiatrischen Institutionen (Scherer, 2020). Lampert (2018) berichtete in einem Vortrag am ersten nationalen Patientenkongress in Bern, dass im Jahr 2017 durch den Verein NAP 1’887 Beratungen mit Angehörigen psychisch erkrankter Menschen stattgefunden haben. Im Vergleich zu den Jahren davor zeigt sich eine steigende Tendenz der vollzogenen Beratungsgespräche mit Angehörigen (Lampert, 2018). Worin sich die hier aufgeführten Autor*innen einig sind, ist die zentrale Rolle und Notwendigkeit der Angehörigenarbeit in der Behandlung von Menschen, welche die Diagnosekriterien einer psychischen Störung erfüllen.

«Jede Anstrengung, Angehörige respektvoll in die Hilfe einzubeziehen, ist begrüssenswert. Mit dem Einbezug […] kann eine psychiatrische Behandlung als eine Dienstleistung am ‹System› verstanden werden.»

Lampert, 2018, S. 37

Der Verein NAP zeigt in seinem Magazin für psychiatrisch Tätige, dass die Angehörigenarbeit in der Schweiz durchaus besteht und angewandt wird (Scherer, 2020). Die Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) haben zum Beispiel eine eigens für Angehörige eingerichtete Fachstelle und bieten dadurch Eltern, Kindern und ganzen Familien verschiedene kostenlose Beratungsangebote. Damit Angehörige die Dienste nutzen können muss die betroffene Person, die an einer psychischen Störung erkrankt ist, nicht einmal bei den PDAG in Behandlung sein (Scherer, 2020). Die Kontaktinformationen zu diesem Angebot sind im Infokästchen 1 zu finden.

Das Ziel des Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie (NAP)

Der Verein bezweckt die Vernetzung von in der Angehörigenarbeit tätigen Fachleuten und Professionalisierung der Angehörigenarbeit in der psychiatrischen Versorgung.

Die Aufgaben des Vereins sind unter anderem:

  • Erhöhung des Stellenwertes der Angehörigenarbeit in der psychiatrischen Versorgung und Förderung des Wissens unter Fachpersonen
  • Formulierung und Verbreitung von erfahrungsbasierten Empfehlungen für qualitativ gute Angehörigenarbeit

Wurzeln und Flügel der Angehörigenarbeit

Troxler (2005) ordnet den Beginn der Angehörigenarbeit in die 1980er Jahre ein. Das erklärte Ziel dieser Arbeit war bereits damals der Einbezug von Angehörigen der Patient*innen im klinisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich und in diesem Zusammenhang auch die Senkung der Rezidivrate der Patient*innen.

Zur Erreichung dieses Ziels kommt der Psychoedukation eine wichtige Bedeutung zu. Sie beinhaltet nach Bäuml und Pitschel-Walz (2020) die Weiterbildung im Wissen über psychische Störungen und somit das Herausführen aus einer vorhandenen Informationslücke. Hierbei gilt in Bezug auf das Vermitteln von Wissen an Angehörige, dass es einen «Brückenschlag zwischen dem professionellen ‹Know-how› und dem subjektiven ‹So now?› der Betroffenen» bildet (Bäuml & Pitschel-Walz, 2020, S. 113). Weiter dient auch das sogenannte Trialog-Vorgehen, wobei Patienten*innen, Angehörige und behandelnde Fachpersonen gemeinsam im Austausch stehen, als Mittel zur Integration der Angehörigen in die psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung der Patient*innen (Troxler, 2005).

Ein klassisches Setting der Angehörigenarbeit bildet die Familientherapie. Diese kann zu multiplen Familientherapiegruppen erweitert werden, in denen die Patient*innen selbst nicht zwingend anwesend sein müssen. Die Angehörigenarbeit kann also in An- aber auch in Abwesenheit der*des betreffenden Patient*in erfolgen.

Die PsychPV ist eine im Jahr 1991 eingeführte Verordnung in Deutschland, die Richtlinien für den stationären Behandlungsbedarf psychisch erkrankter Menschen im volljährigen Alter vorgibt. A1 bis A6 bilden verschiedene Behandlungsbereiche innerhalb der PsychPV (Schmid, Spiessl und Klein, 2006).

Eine mögliche Behandlungsmodalität bei Krankheiten aus dem schizophrenen Spektrum bildet die bifokale Gruppenarbeit, wobei eine Angehörigengruppe und parallel dazu eine psychoedukative Patient*innengruppe angeleitet wird (Bäuml & Pitschel-Walz, 2020).

Bei Essstörungen scheint die Angehörigeninterventionstudie (ANGIS) von Zitarosa und Kolleg*innen (2012) ein vielversprechendes, psychoedukatives Setting für Angehörige von Menschen mit Essstörungen zu bieten. In fünf Sitzungen lernen die Teilnehmenden des ANGIS-Programms kognitiv-verhaltenstherapeutische Techniken kennen, die zum einen Informationen rund um die spezifische Essproblematik bieten und zum anderen auch sogenannte Skills für den Alltag vermitteln. So lernen Angehörige von Menschen mit Essstörungen bestimmte störungsbedingte Situationen besser einzuordnen und wie sie diese konstruktiver überwinden können. Zudem beinhaltet das ANGIS-Programm auch ein Kommunikationstraining, das einen konfliktfreieren Umgang zwischen Angehörigen und den Betroffenen einer Essstörung ermöglichen soll. Zitarosa und Kolleg*innen (2012) berichteten nach Abschluss der ANGIS-Studie, dass das Interventionsprogramm bei den Angehörigen grossen Anklang gefunden hat und Hinweise auf eine Reduktion der Belastungen der Angehörigen zu erkennen waren. Besonders im Bereich der sogenannten «high expressed emotions (HEE)» [Erklärung folgt im nächsten Unterkapitel] zeigten sich gemäss den Autor*innen positive Wirkungen des Programms.

«Wir haben viel über Kommunikation gelernt und verstehen jetzt besser, warum manche Sätze bei unserer Tochter falsch ankommen.»

Angehörige im ANGIS-Programm, Zitarosa et al., 2012, S. 10

Expressed Emotions

Nicht nur für Angehörige von Menschen mit Essstörungen stellen die sogenannten expressed emotions (EE) einen bedeutsamen Faktor für die Angehörigenarbeit dar, sondern auch für Angehörige von Schizophreniepatient*innen (Bäuml & Pitschel-Walz, 2020) und Betroffene einer Alkoholkonsumstörung (Spohn, 2014).

EE stellen nach Zitarosa und Kolleg*innen (2012) sämtliche emotionale Reaktionen der Angehörigen im Umgang mit den Patient*innen dar. Insbesondere vor erfolgter Angehörigenarbeit sind diese EE häufig stark ausgeprägt, aufgrund eines Wissensmangels über die betreffende Störung und den damit einhergehenden, dysfunktionalen Bewältigungsstrategien für Konfliktsituationen zwischen Angehörigen und Betroffenen. In diesem Fall wird von verschiedenen Autor*innen auch der Begriff der high expressed emotions (HEE) verwendet. HEE werden definiert als «ein übermässig kritisches Verhalten, Feindseligkeit oder auch Überbehütung und überhöhtes emotionales Engagement der Angehörigen dem erkrankten Familienmitglied gegenüber.» (Zitarosa et al., 2012, S. 392).

Die Angehörigenarbeit kann zu einer willkommenen Veränderung in EE, beziehungsweise HEE führen. Bei Schizophrenie-Spektrum-Störungen zeigt die Angehörigenarbeit insbesondere eine Senkung von Kritik und emotionalem Überengagement bei den Angehörigen (Bäuml & Pitschel-Walz, 2020). Im Bereich der Alkoholkonsumstörungen wirkt Angehörigenarbeit als Mittel zur Verminderung rechthaberischer Kommentare (Spohn, 2014). Auch bei Patient*innen, welche die Diagnosekriterien einer Essstörung erfüllen, wird eine Reduktion der kritischen Stimmen der Angehörigen wahrgenommen und eine grundlegend bessere Beziehung festgestellt (Zitarosa et al., 2012).

Zusammenfassend lässt sich aus den oben aufgeführten Arbeiten schliessen, dass Angehörigenarbeit nicht nur theoretisch eine zentrale Rolle in der zwischenmenschlichen Beziehungskommunikation spielt, sondern auch praktisch zu einem erhöhten Wohlbefinden der Angehörigen und Patient*innen beiträgt (Zitarosa et al., 2012). Auch wenn weiter zurückliegende Studien die Umsetzung der Angehörigenarbeit kritisierten (Schmid et al.,2006), erscheint die Angehörigenarbeit in den letzten Jahren bei verschiedenen Autoren in einem positiven Licht, da sie sich im klinisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Kontext immer mehr als Interventionsmethode festigt (Lampert, 2018).

Angehörigenarbeit der PDAG

Fachstelle für Angehörige

Hauptstandort Brugg-Windisch
Areal Königsfelden

Nicole Friedrich
Virginia Ulrich

056 462 24 61
angehoerige@pdag.ch


Zum Weiterlesen

Website des Vereins Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie (NAP): https://www.angehoerige.ch/

Scherer, E. & Lampert, T. (2017). Basiswissen: Angehörige in der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH.

Albermann, K. (2016). Wenn Kinder aus der Reihe tanzen. Psychische Entwicklungsstörungen von Kindern und Jugendlichen erkennen und behandeln. Ringier Axel Springer Schweiz AG.

Fessel, K.-S. & Kull, H. (2018). Nebeltage, Glitzertage – Kindern bipolare Störungen erklären. BALANCE Buch + Medien Verlag.

Literatur

Bäuml, J. & Pitschel-Walz, G. (2020). Psychoedukation und Angehörigenarbeit bei Schizophrenie. PSYCH up2date 2020, 14(2), 111-127. http://doi.org/10.1055/a-0748-8998

Bundesamt für Gesundheit. (2019). Psychische Störungen und Gesundheit.  https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/krankheiten-im-ueberblick/psychische-erkrankungen-und-gesundheit.html#-426547683

Troxler, M. (2005, 08. Dezember). Projekt Erwachsenenpsychiatrie, Teilprojekt Psychologische, Soziale und Therapeutische Dienste, Arbeit mit Angehörigen:

 Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie (NAP) – Konzepte. https://www.angehoerige.ch/informationfachleute/konzepte/

Scherer, E. (2019). Gute Angehörigenarbeit in der Behandlung. ich du wir Ein Magazin für psychiatrisch Tätige, 2019-1, 12. https://www.angehoerige.ch/fileadmin/angehoerige/pdf/informationen_fachleute/Fachmagazin/2019_1.pdf

Scherer, E. (2020). In eigener Sache – Angehörigenberatungsstellen. ich du wir Ein Magazin für psychiatrisch Tätige, 2020-1, 9–10. https://www.angehoerige.ch/fileadmin/angehoerige/pdf/informationen_fachleute/Fachmagazin/2020_1_web_compressed.pdf

Lampert, T. (2018). Gemeinsam den Herausforderungen begegnen – Angehörige in der Psychiatrie. Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie (NAP). http://www.angehoerige.ch/fileadmin/angehoerige/pdf/informationen_fachleute/referate/andere_tagungen/Patientenkongress_2018_Bern_Thomas_Lampert.pdf

Schmid, R., Spiessl, H. & Klein, H. E. (2006). «Theorie und Praxis» der Angehörigenarbeit auf allgemein psychiatrischen Stationen. Krankenhauspsychiatrie. 17 (4), 139-142. http://doi.org/10.1055/s-2006-944293

Spohn, A. (2014). Komorbidität in der Angehörigenarbeit. SuchtMagazin, 40(1), 42-44. http://doi.org/10.5169/seals-800088

Weibel, F. (2019). Gute Angehörigenarbeit – Die Sicht einer Angehörigen. ich du wir Ein Magazin für psychiatrisch Tätige, 2019-1, 9–10. https://www.angehoerige.ch/fileadmin/angehoerige/pdf/informationen_fachleute/Fachmagazin/2019_1.pdf

Zitarosa, D., de Zwaan, M., Pfeffer, M. & Graap, H. (2012). Angehörigenarbeit bei essgestörten Patientinnen. PPmP-Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 62(9/10), 390-399. http://dx.doi.org/10.1055/s-0032-1316335

Rozafa

Die Frau in der Mauer

Ich möchte euch eine von mir sehr geschätzte Legende erzählen, zu der meine Gefühle jedoch ziemlich ambivalent sind. Zwischen Kultur, Mutterliebe, Betrug, Ehre, Trauma, Patriotismus, Angst, Überleben und Lob der Selbstopferung gibt es hier viel zu lieben – und zu hassen.

Von Noémie Lushaj
Lektoriert von Zoé Dolder und Isabelle Bartholomä
Illustriert von Hannah Löw

Die folgende Geschichte erzählte mir zum ersten Mal mein Vater, die Augen voller Tränen, als ich durch die Burgruinen einer historischen, nordwestalbanischen Stadt namens Shkodra schlenderte. Die Burg, die in der Antike strategisch auf einem den Ort überragenden Hügel errichtet worden ist, wurde nach der Hauptprotagonistin der Legende um den Bau des Gebäudes benannt: Rozafa. Damals war ich noch ein Kind, doch die Geschichte dieser jungen Frau hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, so dass ich sie nie vergessen habe und immer wieder daran denke. Traditionell wird diese Legende in Albanien von Generation zu Generation mündlich weitergegeben und bis jetzt habe ich sie tatsächlich nur so erzählt, als Gute-Nacht-Geschichte für Freund*innen oder Liebhaber. Nun teile ich sie mit euch, liebe Leser*innen! Selbst wenn ich der Auffassung bin, dass Legenden, wie andere kulturelle Erzeugnisse, immer teilweise opak bleiben. Denn, egal ob gehört oder gelesen, und ob wirklich verstanden, sind Erzählungen da, um sich einfach auf sie einzulassen… Wenn man Glück hat, kann man vielleicht etwas mitnehmen – über die Gesellschaft, über den Menschen, über sich selbst.

Il était une fois

Es waren einmal, nicht weit von den verwunschenen Bergen entfernt, drei Brüder. Sie arbeiteten jeden Tag sehr hart, um eine Festung zu errichten, die ihre Stadt vor Angreifern schützen sollte. Sie waren hochtalentierte Maurer, doch für drei aufeinanderfolgende Nächte stürzten die Mauern des Schlosses ein, während sie schliefen, und jeden Morgen mussten sie wieder von vorn beginnen. So blieben sie die nächste Nacht wach, um herauszufinden, wer ihre Arbeit demolierte. Sie konnten es kaum glauben: Es waren keine Menschen, die ihr Werk zerstörten, sondern eine unsichtbare, mysteriöse Kraft. In diesem Moment erschien aus dem Nebel ein alter Mann vor ihnen. Er sagte, er kenne eine Weise, den Fluch zu beheben, aber die Kosten seien hoch, denn es sei menschliches Blut, das die Geister verlangen. Genauer müssten die Brüder einen geliebten Menschen opfern, und zwar diejenige ihrer Ehefrauen, die am nächsten Tag das Essen bringen wird: Diese müsse lebendig in die Burg eingemauert werden. Die Männer hatten keine andere Wahl, als dies zu akzeptieren. Sie schworen, niemandem von der Sache ein Wort zu sagen – der Zufall würde entscheiden, wer geopfert wird.

So kehrten abends alle drei Männer mit schweren Herzen zu ihren Familien zurück. Die zwei älteren hielten ihr Versprechen nicht und warnten ihre Frauen. Nur der kleinere Bruder, der diese Nacht kein Auge zumachte, war ehrlich und erzählte seiner Geliebten nichts von der Prophezeiung. Seine Frau war Rozafa: Eine liebevolle junge Mutter, deren Lächeln die kältesten Winternächte wärmen konnte. Als die Sonne am nächsten Tag aufging, behauptete die Frau des ältesten Bruders, dass sie in der Nacht leider krank geworden sei. Die Frau des mittleren Bruders sagte, sie sei schon mit ihren Eltern in der Stadt verabredet. Als ihre Schwiegermutter Rozafa also darum bat, Brot, Früchte, Wasser und Wein an der Baustelle vorbeizubringen, willigte diese selbstverständlich ein. Als ihr Ehemann sie erscheinen sah, liess er aus Trostlosigkeit seinen Hammer auf einen Stein fallen: Wie sein Herz zerbrach dieser in zwei Teile. Der älteste Bruder, wegen seines eigenen Betrugs von Scham überwältigt, unterrichtete die junge Frau über ihr Schicksal.

«As we behold Rozafa’s milk streaming down the fortress walls, […] we witness at once our past and our future, our collective magnificence and our self-inflicted doom.»

Richard C. Raymond, 2006, S. 76

Rozafa tröstete ihren Mann zitternd und erklärte sich bereit, für Albanien zu sterben. Ihre Rolle akzeptierte sie jedoch nur unter der Bedingung, dass die Männer ihr rechtes Auge, ihre rechte Brust, ihre rechte Hand und ihren rechten Fuss aus der Mauer herausragen lassen. So würde sie ihren Sohn immer noch überwachen, ihn stillen, seinen Kopf streicheln und seine Wiege schaukeln können. Auf diese Weise würde er eines Tages vielleicht König werden und über das stolze Land regieren, erklärte sie. Die Männer, voller Dankbarkeit und Bewunderung, honorierten alle ihre Wünsche. Was danach genau geschah, weiss man nicht. Sicher ist, dass die Burg bis heute schützend über Shkodra steht. Die Legende besagt, dass ihre Steine heutzutage immer noch nass sind: Von Rozafas Muttermilch und von ihren Tränen (nach Raymond, 2006).

Wie Kultur sich rettet

Im Laufe der Zeit wurde Albanien mit mehreren Bedrohungen konfrontiert: Die Römer, die jahrhundertelange, osmanische Herrschaft und zahlreiche Invasionen durch verschiedene Nachbarvölker, um nur einige Beispiele zu nennen (Raymond, 2006). Rozafa – die Legende und die Frau – können in diesem Kontext als Kulturwächterinnen angesehen werden. Dank der letzteren wurde der Fluch behoben und folglich eine wichtige Festung gebaut. Die Legende diente ihrerseits dazu, den Stolz in der albanischen Kultur aufrechtzuerhalten. Dieser half dem Volk, harte Zeiten zu überstehen (Raymond, 2006). Es hätte sein können, dass die albanische Kultur und Sprache ohne die beiden Rozafas verschwunden wären und ich euch an dieser Stelle eine ganz andere Legende erzählen würde!

In der Tat enthält die Legende eine Vielzahl an wesentlichen, kulturellen Referenzen und Botschaften, wie die sogenannte Besa – das Versprechen, das eigene Wort zu halten (Raymond, 2006). In der Legende ist der jüngste Bruder der einzige, der sich daran hält und ehrenvoll handelt. Dafür muss er schwere Konsequenzen tragen, doch den Leser*innen wird klar, dass dieses Konzept einen fast heiligen Stellenwert in der albanischen Kultur besitzt: Keine Männer, keine Mauer und kein Albanien ohne Ehre. Rozafa ist somit ein moralisches Lehrstück, laut welchem bedeutsame Unterfangen sowohl Aufopferung als auch Wahrhaftigkeit verlangen. Auch bildet die Legende sehr schön die Komplexität der menschlichen Natur ab, deren widersprüchliche Anteile voneinander untrennbar bleiben. Wir Menschen: Bereit, uns im Namen der Liebe zu opfern, aber so oft anfällig für Angst, Lügen und Betrug.

Ausbrechen

Es ist meines Erachtens kein Zufall, dass die Person, die sich für das höhere Gut der Gesellschaft opfern musste, eine Frau ist. Tatsächlich beruhen viele patriarchale Gesellschaften auf der weiblichen Aufopferung. So wird Selbstlosigkeit routinemässig gelobt und Rozafa in einer Art und Weise beschrieben, die dem idealen Frauenbild der damaligen – und, könnte man argumentieren, auch der heutigen – Zeit entspricht: Gefällig, gehorsam, selbstlos. So selbstlos, dass trotz ihrer Einmauerung ihr erster Instinkt ist, an das Wohl und die Zukunft ihres Kindes zu denken. Eine wunderschöne Geste, doch in dem gesellschaftlichen Kontext von Albanien – und der Welt – mit einem bitteren Beigeschmack: Schön wäre es, würden Frauen nicht nur als gute Bürgerinnen, Töchter, Ehefrauen und Mütter wahrgenommen werden, sondern auch einfach als Individuen.

Die Freiheitsstrafe einer Heldin

Eine Burg ist auf Deutsch eine Art Schloss oder Ruine. Auf Albanisch heisst Schloss Kala, während das Wort für Gefängnis Burg ist. Vielleicht ist das eine reine Koinzidenz, doch im Kontext dieser Legende ergibt diese Übersetzung sehr viel Sinn, denn Rozafa ist nicht nur eine Kulturwächterin, sondern auch die Wächterin ihres eigenen Gefängnisses. Sie ist die Beschützerin von Mauern, die dank ihr stehen und die sie gleichzeitig beschützen und gefangen halten. Diese Umstände können durch die Linse der klinischen Psychologie angeschaut werden: Forschung hat gezeigt, dass Gefangenschaft zu psychischen Störungen wie posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen führen kann (Ehlers et al., 2000; Fazel & Seewald, 2012). Eine Diagnose kann man an dieser Stelle zwar nicht stellen, doch es ist nicht schwer, sich Rozafas Schmerz vorzustellen, während ihre Tränen bis in alle Ewigkeit die Wände des Schlosses herunterlaufen.

Abgesehen davon glaube ich, dass jede*r – egal, ob Mann oder Frau – sich in einem gewissen Ausmass in Rozafa wiedererkennen kann. Ich denke, dass mich gerade deswegen diese Geschichte so sehr berührt: Weil ich diese Selbstaufopferung in mir selber und in so vielen anderen Menschen tagtäglich bemerke. Darum zelebriere ich die Stärke von allen Rozafas dieser Welt, denen unglaublich viel geschuldet wird. Gleichzeitig hoffe ich von Herzen, dass es von keinem Menschen mehr erwartet wird, sich dermassen opfern zu müssen. Wir haben es mehr als verdient, uns von solchen Erwartungen zu befreien und uns zu entfalten: Es ist Zeit, dass Mauern, Länder und Familien auf etwas anderem gebaut werden, als auf unseren Rücken.


Zum Weiterlesen

Raymond, R. C. (2006). Albania immured: Rozafa, Kadare, and the sacrifice of truth. South Atlantic Review, 71(4), 62-77. www.jstor.org/stable/20064784

Literatur

Ehlers, A., Maercker, A., & Boos, A. (2000). Posttraumatic stress disorder following political imprisonment: The role of mental defeat, alienation, and perceived permanent change. Journal of Abnormal Psychology, 109(1), 45-55. https://doi.org/10.1037/0021-843X.109.1.45

Fazel, S., & Seewald, K. (2012). Severe mental illness in 33 588 prisoners worldwide: Systematic review and meta-regression analysis. British Journal of Psychiatry, 200(5), 364-373. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.111.096370

Raymond, R. C. (2006). Albania immured: Rozafa, Kadare, and the sacrifice of truth. South Atlantic Review, 71(4), 62-77. www.jstor.org/stable/20064784

Tribulationen eines Neugeborenen

Wie wissenschaftlich ist die Lehre der Seele wirklich?

Seit ihrer Geburt in Wundts Laboratorium im 19. Jahrhundert, bis zu ihrem jetzigen Umgang mit der Replikationskrise, wurde der psychologischen Forschung viel Kritik ausgesetzt. Dies sagt nicht nur über die Psychologie, sondern auch über unsere Art und Weise über Wissenschaft nachzudenken, viel aus.

Von Noémie Lushaj
Lektoriert von Loana Brestel und Selina Landolt
Illustriert von Melina Camin

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Psychologiestudiums findet man hoffentlich in seinem Briefkasten einen sogenannten Bachelor, beziehungsweise Master of Science in Psychologie. Doch als Psychologiestudierende hört man von fachfremden Menschen immer wieder die Bemerkung, dass Psychologie ja eigentlich gar keine Wissenschaft sei. Wird die Psychologie nicht gerade fälschlicherweise mit der Psychoanalyse gleichsetzt, wird zum Beispiel behauptet, dass sie schlicht und einfach völlig subjektiv sei und sich von Volksweisheiten und alltagspsychologischen Konzeptionen kaum unterscheiden würde. Solche Aussagen basieren meistens auf veralteten Klischees über das Fach und sind oft klar als Scherze zu identifizieren. Doch manchmal sind sie auch ernst gemeint und entstehen aus fundierteren Reflektionen über die Wissenschaft. Zum Beispiel argumentierte Alex Berezow (2012) im Los Angeles Times: «Psychology isn’t science. Why can we definitively say that? Because psychology often does not meet the five basic requirements for a field to be considered scientifically rigorous: clearly defined terminology, quantifiability, highly controlled experimental conditions, reproducibility and, finally, predictability and testability». In diesem Artikel möchte ich mir nun die Zeit nehmen, um über die Fundierung von ebengenanntem und ähnlichen Gedanken zu reflektieren, denn es scheint in dieser hitzigen Debatte an mehreren Stellen Missverständnisse zu geben. Dabei werde ich auf die folgenden Punkte eingehen: Was ist denn die Wissenschaft eigentlich? Kann dieses Konzept überhaupt klar definiert und von dem getrennt werden, was nicht Wissenschaft ist? Mit welchen Herausforderungen wurde die Psychologie in ihrer Entwicklung konfrontiert und inwiefern kann ihre Wissenschaftlichkeit kritisiert werden? Auf der anderen Seite: Was macht unser Fach richtig? Und was sagt die Tatsache, dass der Psychologie Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen wird über unseren Bezug zu und unserem Verständnis von Wissenschaft aus, sei es in der allgemeinen Gesellschaft oder in der akademischen Welt? 

Das, was Wissen schafft? 

Die Ursprünge des wissenschaftlichen Denkens liegen weit in der Vergangenheit und haben in der antiken Welt viele Spuren hinterlassen, von Indiens Vedas [eine Ansammlung von heiligen Sanskrit-Texten (CrashCourse, 2018)] und den Pyramiden Ägyptens bis zum Maya-Kalender (Williams, 2018). In der westlichen Welt hat sich vor allem im alten Griechenland viel getan. Insbesondere durch die Arbeiten von Aristoteles, welcher oft als der Vater der Wissenschaft gilt und der versuchte – ganz im Gegensatz zum Idealismus seines Vorgängers Plato – durch Beobachtung seine Umwelt zu beschreiben (Andersen & Hepburn, 2016). In den folgenden Jahrhunderten widmeten sich unterschiedliche Menschen, unter anderen René Descartes, Francis Bacon, Galileo Galilei und Isaac Newton, dem Studium der damals sogenannten Naturphilosophie, welche als Vorläuferin der heutigen Wissenschaft angesehen werden kann (Kitcher, 2019). Mit der wissenschaftlichen Revolution im 16. und 17. Jahrhundert trennte sich die Wissenschaft von der Philosophie und die wissenschaftliche Methodik kristallisierte sich langsam heraus (Spencer, Brush, & Osler, 2019). Die Bezeichnung scientist wurde allerdings interessanterweise erst im 19. Jahrhunderten von William Whewell geprägt (Snyder, 2019). Doch darf man Psycholog*innen auch zu den Wissenschaftler*innen zählen? 

Um überhaupt beurteilen zu können, ob etwas als Wissenschaft qualifiziert werden kann, sollte man das Konzept in einem ersten Schritt definieren oder zumindest etwas greifbarer machen. Schon hier tauchen die ersten Schwierigkeiten auf: Dass dies keine so einfache Übung ist, beweist die andauernde Debatte um das sogenannte Abgrenzungsproblem aus der Epistemologie (Hansson, 2017). Dabei geht es darum, ein Kriterium zu finden, das in der Lage ist, die empirische Wissenschaft von anderen, nicht-wissenschaftlichen Disziplinen und auch von der Pseudowissenschaft zu demarkieren. Zum Beispiel wurde von den Vertretern des logischen Positivismus das Kriterium der Verifizierbarkeit von Aussagen vorgeschlagen und Karl Popper führte das Konzept der Falsifizierbarkeit ein (Hansson, 2017). Derksen (1993) hat drei Hauptgründe identifiziert, warum es uns nicht gelungen ist, die Abgrenzungsproblematik von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft zu beseitigen: Wissenschaft verändert sich über die Zeit, Wissenschaft ist heterogen und Wissenschaft ist selbst nicht ganz frei von Makeln. 

«Science is more than a body of knowledge. It’s a way of thinking, a way of skeptically interrogating the universe with a fine understanding of human fallibility.» Carl Sagan, 1996 (zitiert nach Vergano, 2014) 

Was die Definition und Abgrenzung von Wissenschaft angeht, wurde das letzte Wort also noch lange nicht gesprochen. Nichtsdestotrotz herrscht ein gewisser Konsens über die Grundprinzipien der wissenschaftlichen Methodik, sodass Forschung trotz dieser offenen philosophischen Fragen pragmatisch betrieben werden kann – obwohl man auch hier ewig darüber streiten könnte, wie uniform oder pluralistisch diese Methoden sind, beziehungsweise sein sollten (Andersen & Hepburn, 2016). Die wissenschaftliche Methodik ermöglicht das Generieren und Testen von Hypothesen, basierend auf induktivem und deduktivem Denken (Andersen & Hepburn, 2016). Dabei werden in der Regel Experimente durchgeführt und statistische Methoden eingesetzt. Der Forschungszyklus läuft zusammenfassend wie folgt ab (Gravetter & Forzano, 2016): Zuerst wird der aktuelle Stand des Wissens zu einem Thema betrachtet und Forschungsfragen werden ausgearbeitet. Dann werden Hypothesen generiert, Variablen operationalisiert, die Stichprobe gezogen und das Studiendesign festgelegt. In einem nächsten Schritt werden Daten erhoben, ausgewertet, interpretiert und schliesslich erscheint die Publikation nach dem Peer Review in einem Journal. Dabei ist zu beachten, dass neben der p-Werte, welche die Wahrscheinlichkeit eines beobachteten Ergebnisses oder von extremeren Befunden unter der Nullhypothese angeben, idealerweise auch die Effektgrössen und Konfidenzintervallen berichtet werden sollten (Goodman, 2008). Weiter muss erwähnt werden, dass sich Ergebnisse erst durch die Betrachtung verschiedener interner und externer Informationsquellen und durch Replikation mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bestätigen lassen. 

Ein unbeliebter Newcomer 

Die Psychologie verfolgt vier Basisziele, nämlich das «Erleben, Verhalten und Handeln des Menschen» zu beschreiben, zu erklären, vorherzusagen und zu verändern (Hussy, Schreier, & Echterhoff, 2013, S. 2). Verglichen mit anderen Disziplinen, die schon eine lange Geschichte haben, befindet sich die Psychologie, wie wir sie heute kennen, fast noch in ihrer Anfangsphase. Tatsächlich wird die Gründung des Laboratoriums von Wilhelm Wundt im Jahr 1879 in Leipzig oft als die offizielle Geburt der experimentellen Psychologie angesehen (Hussy et al., 2013). Aus diesem naturwissenschaftlich orientierten Ansatz entstammten die quantitativen Methoden in der Psychologie: Das experimentelle Vorgehen entwickelte sich zum psychologischen Forschungsparadigma. Die moderne Psychologie hat somit einen hohen wissenschaftlichen Anspruch und setzt dementsprechend wissenschaftlichen Methoden ein (Hussy et al., 2013). Insofern kann die Psychologie durchaus als eine empirische Wissenschaft angesehen werden. 

«Die Psychologie hat zwar eine lange Vergangenheit, aber nur eine kurze Geschichte.» Hermann Ebbinghaus, 1908 (zitiert nach Hussy et al., 2013, S. 21) 

Obwohl wir als Psychologiestudierende und Psycholog*innen des 21. Jahrhunderts von unserem Gebiet begeistert sind, ist das Fachgebiet Psychologie anfänglich sowohl auf Interesse wie auch auf Widerstand gestossen. Selbst für den amerikanischen Psychologen William James ist die Psychologie, verglichen mit den Fragestellungen der Philosophie und Religion, nichts anderes als «nasty little subject» (Kallen, 2020). Viele Faktoren tragen zu der unwissenschaftlichen Reputation der Psychologie bei. Psychoanalytische Theorien und Konzepte, zum Beispiel die von Sigmund Freud und Carl Jung, haben sowohl unsere moderne Kultur als auch die Entwicklung der Psychologie massiv geprägt. Diese Lehre hat eine geisteswissenschaftliche Ausrichtung und verwendet interpretative qualitative Methoden (Hussy et al., 2013). Der sogenannte Methodenstreit zwischen Vertreter*innen qualitativer und quantitativer Ansätze rückt zunehmend in die Vergangenheit und meistens wird erkannt, dass unterschiedliche Ansätze je nach Situation sinnvoll eingesetzt und miteinander kombiniert werden können (Hussy et al., 2013). Trotzdem bleibt die Wissenschaftlichkeit der psychoanalytischen Tradition bis heute durchaus umstritten (Fonagy, 2003), was indirekt einen Einfluss darauf hat, wie die Psychologie als Ganzes wahrgenommen wird. Als modernerer Faktor kommt hinzu, dass sich noch vor kurzem jeder und jede Psycholog*in nennen konnte. Seit 2013 ist die Berufsbezeichnung in der Schweiz jedoch geschützt: Nur wer einen Master in Psychologie besitzt, darf sich jetzt so bezeichnen (Bundesamt für Gesundheit, 2013). Auch ist es so, dass die Berufe der Psychologie unglaublich divers sind. Psycholog*innen arbeiten nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Therapie, im schulischen Kontext, im Bereich der Human Resources und noch in vielen anderen Branchen. Es verwenden jedoch nicht alle Besitzer*innen eines Masters in Psychologie wissenschaftliche Methoden in ihrem Alltag mit dem Zweck, die menschliche Seele besser zu verstehen. Somit ist die Psychologie zwar eine Wissenschaft, aber nicht alle Psycholog*innen sind Wissenschaftler*innen (Kraus, 2013). Und auch wenn die experimentelle Psychologie wissenschaftlich ist, so ist es trotzdem schwierig zu verneinen, dass sie sich von anderen, härteren Wissenschaften irgendwie doch wesentlich unterscheidet. Aber wie beachtlich sind diese Unterschiede wirklich? 

Von wegen weich und hart 

Seit circa 200 Jahren existiert die Idee, dass es eine Art Hierarchie innerhalb der Wissenschaft gibt, in der sich die physischen Wissenschaften hierarchisch gesehen ganz oben, die biologischen Wissenschaften in der Mitte und die sozialen Wissenschaften zu unterst in der Hierarchie befinden (Fanelli, 2010). Während sich härtere Wissenschaften auf Daten und Theorien stützen, sind weichere Wissenschaften anfälliger für Verzerrungen – so die Idee (Fanelli, 2010). Tatsächlich sind in der Psychologie je nach Forschungsfrage unterschiedliche Konzepte und eben auch latente, das heisst nicht direkt beobachtbare und messbare Variablen wie Gefühle oder Persönlichkeitseigenschaften, von Interesse (Hussy et al., 2013). Um diese der Erfassung zugänglich zu machen, müssen sie zuerst operationalisiert werden, wobei diese Operationalisierung mehr oder weniger valide und reliabel erfolgen kann. In der Psychologie sind Reliabilitäten, also Messgenauigkeiten, nie perfekt, denn Messfehler treten immer auf, sei es aufgrund der Versuchspersonen, der Instrumente oder der Auswertungen der Daten (Hussy et al., 2013). 

«Psychology is a very unsatisfactory science. […] But when one considers the potential contribution which psychology can make to our understanding of the universe, one’s attitude may be changed.» Kurt Koffka, 1935, S. 22 

Doch muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass man selbst in Fächern wie Physik, die als prototypisch hart gelten, mit Phänomenen zu tun hat, die nicht direkt beobachtbar und messbar sind. Somit ist zum Beispiel die Theorie der multiplen Universen (siehe Kästchen «In einem Paralleluniversum») schwer falsifizierbar und viele Phänomene in der Astrophysik nicht reproduzierbar, unter anderem der Big Bang (Carroll, 2013). Heisst das, dass diese keine wissenschaftlichen Fragestellungen und Untersuchungsgegenstände sind? Am wahrscheinlichsten erscheint es, dass das Zusammenspiel zwischen Theorien und Daten und den daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen in der Wissenschaft subtiler abläuft, als es auf den ersten Blick erscheint (Carroll, 2013). Im Lichte solcher Überlegungen merkt man, dass die Dichotomie zwischen den harten und den weichen Wissenschaften auf eine übersimplifizierte Sichtweise von Wissenschaft basiert und dass die Wissenschaft selber in Wahrheit weit davon entfernt ist, perfekt zu sein. 

Glück im Unglück 

In der Theorie sollten durch die Anwendung der wissenschaftlichen Methoden Verzerrungen vermieden werden (Fanelli, 2010). In der Praxis sieht die Situation jedoch anders aus. Tatsächlich ist die Psychologie, aber auch die Wissenschaft im Allgemeinen, momentan mit einer sogenannten Replikationskrise konfrontiert. Der Medizinprofessor und Forscher John Ioannidis (2005) konnte anhand von mathematischen Modellen aufzeigen, dass die meisten bisher hervorgebrachten Forschungsbefunde falsch sind. So zeigten nur 39 von 100 replizierten psychologischen Studien in einer Open Science Collaboration (2015) signifikante, gleiche Resultate. Dies ist höchst alarmierend, denn die Reproduzierbarkeit von experimentellen Befunden hat einen zentralen Stellenwert in der Wissenschaft. Dorothy Bishop (2019) beschreibt in ihrem Artikel «Rein in the four horsemen of irreproducibility» die vier Reiter der Replikationsapokalypse, die für die jetzige Krise verantwortlich gemacht werden können: HARKing, P-Hacking, eine geringe statistische Power und der Publikationsbias. Beim HARKing, was für hypothesizing after the results are known steht, werden Hypothesen nach der statistischen Analyse aufgestellt (Kerr, 1998): Somit wird der Eindruck vermittelt, dass die Ergebnisse die Hypothesen bestätigen und es wird ein explorativer Ansatz als konfirmatorisch verkauft. P-Hacking findet statt, wenn Daten und Analysen so gesammelt und ausgewählt werden, dass die Ergebnisse statistisch signifikant werden (Head, Holman, Lanfear, Kahn, & Jennions, 2015). Bei dem Problem der geringen statistischen Power geht es darum, dass weil beispielsweise die Stichprobe zu klein ist, Ergebnisse stark schwanken und vorhandene Effekte wahrscheinlich nicht detektiert werden (Schönbrodt & Perugini, 2013). Somit sind solche Resultate insgesamt weniger zuverlässig und generalisierbar. Diese Probleme hängen eng mit dem Publikationsbias zusammen: Studien mit nicht-signifikanten Ergebnissen werden deutlich seltener in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert – ein Problem, das die Psychologie übrigens in einem viel grösseren Ausmass betrifft als härtere Wissenschaften (Fanelli, 2010). Mit diesen methodischen Herausforderungen umzugehen ist zentral, denn sie gehen mit einer massiven Verschwendung von zeitlichen, finanziellen und intellektuellen Ressourcen wie auch falschen Erkenntnissen einher, welche Patient*innen potentiell schaden könnten (Bishop, 2019). 

So gefährlich und konsequenzenreich diese Probleme sind, haben sie auch gute Nebenwirkungen: Sie haben nämlich Forscher*innen dazu gezwungen, kreativ zu werden und Möglichkeiten zu entwickeln, wie man diese wissenschaftlichen Barrieren überwinden kann. So hat sich zum Beispiel das Feld der Meta-Wissenschaft, welche die Wissenschaft selbst zum Gegenstand macht, massiv entwickelt und es wurde versucht, Forschungsmethoden weiter zu verbessern (Bishop, 2019). Auch wurde in den letzten Jahren die Wichtigkeit von Open Science, welche die Inhalte und Prozesse von Forschung breit zugänglich machen möchte, zunehmend betont (Munafò et al., 2017). Eine weitere positive Entwicklung ist der Trend der Prä-Registrierung von Studien: Diese wird in der Psychologie zur neuen Norm und auch wenn sich andere Disziplinen zunehmend mit der Thematik beschäftigen, nimmt die Psychologie in dem Bereich immer noch eine führende Rolle ein (Nosek & Lindsay, 2018). Paradoxerweise haben die methodischen Makel der Psychologie schlussendlich dazu geführt, dass sich das Fach verbessert und Lösungen entwickelt hat, die fächerübergreifend nutzbringend sein könnten. Trotz den vielen methodischen Schwächen in der Psychologie – in dieser Hinsicht könnten sich andere Disziplinen von der psychologischen Wissenschaft eine Scheibe abschneiden! 

«Psychology is a discipline that has always been very strong methodologically and was at the forefront at describing various biases and better methods. Now they are again taking the lead in improving their replication record.» John Ioannidis, 2016 (zitiert nach Goldhill, 2016) 

Eine HassLiebe 

Die Tatsache, dass die Debatte um die Wissenschaftlichkeit der Psychologie existiert und ständig heftig geführt wird, zeugt von einer gewissen Konfusion und Animosität rund um das Thema, sowohl in der Gesellschaft wie auch in der Akademie. So kann man sich fragen, welche Gründen eigentlich hinter der Debatte stecken. Eine mögliche Hypothese könnte lauten, dass harte Wissenschaften, die viel länger etabliert sind und somit auch mehr Respekt über die Zeit erworben haben, ihren Platz in der Wissenschaftshierarchie aufbewahren wollen, um die damit zusammenhängenden Vorteile zu behalten (Kraus, 2013). Dies könnte also als ein Fall von sozialem Vergleich in einer bedrohlichen Situation interpretiert werden (Taylor & Lobel, 1989). Dazu kommt, dass Akademiker*innen nur innerhalb ihres Forschungsgebiets Expert*innen sind. So wird das eigene Feld automatisch als Referenzpunkt genommen und es kann sein, dass alternative Herangehensweisen dadurch unterbewusst abgewertet werden. Darüber hinaus könnte man die Beziehung, die Laien zur Wissenschaft pflegen, als widersprüchlich kennzeichnen: Auf der einen Seite werden naturwissenschaftliche Fächer im kollektiven Imaginären auf ein Podest gestellt, während die Studien von anderen Disziplinen, die sich beispielsweise mit Geschichte, Kultur und Literatur beschäftigen, tendenziell als weniger anspruchsvoll und wertvoll angesehen werden (Burgard & Pokern, 2018). Auf der anderen Seite wird Wissenschaft von vielen Menschen missverstanden und bedauerlicherweise wird ihr oft missvertraut, was schwere Konsequenzen nach sich ziehen kann (Goldenberg, 2016). Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die meisten Menschen keine vertiefte wissenschaftliche, geschweige denn meta-wissenschaftliche, Ausbildung erhalten und dass selbst im akademischen Bereich kein Konsens herrscht. Vielleicht sollten wir also versuchen, uns alle der Komplexität der Wissenschaft bewusster zu werden – sowohl ihrer Hindernisse als auch ihres unfassbaren Potenzials. 

In einem Paralleluniversum 
Schrödingers Katze (1935) ist die unglaublichste, die es gibt. Tatsächlich ist diese theoretisch in der Lage, gleichzeitig tot und lebendig zu sein (Collins, 2007). Doch sobald man in die Box schaut und somit diese verwunderliche Superposition von Zuständen versucht zu beobachten, ist die Katze entweder tot oder lebendig – nie beides. Wie geht das? Die Vertreter*innen der Theorie der multiplen Universen nehmen an, dass mehrere Welten parallel zu unserer Welt bestehen: Bei jedem Quantenexperiment mit mehreren möglichen Outcomes werden somit alle Outcomes realisiert; jedes jeweils in einer anderen Welt (Vaidman, 2014). Dabei können wir uns immer nur von der Welt mit dem gesehenen Outcome bewusst sein. Diese Interpretation, die auf Everett (1957) zurückgeht, ist jedoch bei weitem nicht die einzige. Physiker*innen konnten sich bis heute nicht einigen, welche die richtige ist (Collins, 2007). Die Frage nach der Natur unserer Wirklichkeit bleibt somit weitgehend offen. 


[Zum Weiterlesen und -schauen] 

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[Literatur] 

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Ich baue mir mein eigenes Nest!

Der Auszug der Kinder aus verschiedenen Perspektiven betrachtet

Eigentlich war ausziehen gar kein Thema, doch die Entfernung zu Studium, Praktika, Nebenjob übernahm die Entscheidung und eine selbstverständliche Entwicklung begann. Erst Fragen wie «Fühlst du dich einsam?», «Wie geht es deinen Eltern?» machten klar, dass die Folgen doch weitreichender sein könnten.

Von Julia J. Schmid
Lektoriert von Tabea Bührer und Selina Landolt
Illustriert von Gianna Zorzini

«Trauer», «Depression», «Verkraften» oder «Loslassen»: Auf diese Schlagwörter stösst man beim Googlen der Worte «Auszug der Kinder». Demzufolge scheint die Gesellschaft den Auszug hauptsächlich mit negativen Konsequenzen für die Eltern zu assoziieren. Für die Kinder zeigt sich hingegen ein neutraleres Bild. Werden die Worte «Auszug aus dem Elternhaus» gegoogelt, findet man Tipps zum Auszug und Angaben zu den zu erwartenden Kosten. Aber wie lauten die Erkenntnisse der Forschung? Ist der Auszug der Kinder für die Eltern so dramatisch, wie die Google-Ergebnisse vermitteln? Wie erleben die Kinder diesen wichtigen Schritt? Im Folgenden wird der Auszug der Kinder aus drei Perspektiven betrachtet: Aus derjenigen der Eltern, des Kindes und der Eltern-Kind-Beziehung.

Das Nest ist leer! – Die Perspektive der Eltern

Im Fokus der früheren Forschung standen meist die Eltern, vor allem die Mutter. Unter der Bezeichnung «Empty Nest» wurde die elterliche Lebensphase untersucht, die nach dem Auszug des letzten Kindes beginnt. In diesem Zusammenhang wurde vom «Empty-Nest-Syndrom» gesprochen, das eine negative Reaktion auf den Übergang in diese Phase bezeichnet und, gemäss damaligen Studienbefunden, mit Einsamkeit, Identitätskrisen, emotionalem Stress, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen der Mütter einhergeht (Bart 1971; Bouchard, 2014). Diese Studien können jedoch aufgrund methodischer Unzulänglichkeiten relativiert werden (Papastefanou, 2000). Jüngere Erkenntnisse sprechen dafür, dass nur eine kleine Risikogruppe vom «Empty-Nest-Syndrom» betroffen ist und gehen von ambivalenten, also nicht rein negativen Gefühlen der Mütter aus (Feser, Müller-Daehn, & Schmitz, 1989).

Neuere Studien zeichnen sogar ein positives Bild für beide Elternteile, weswegen der leicht wertende Begriff «Empty Nest» mittlerweile durch den neutraleren Begriff «post-parentale Phase» ersetzt wurde. Die post-parentale Phase dauert etwa 26 Jahre und hat in den letzten Jahren in ihrer Länge zugenommen (Wawrzyniak, 2017), wobei fast die Hälfte der Ehedauer in der post-parentale Phase stattfindet (Bouchard, 2014).

Die meisten Eltern bewältigen die räumliche Trennung problemlos und geniessen die neuen Freiräume. Der Abstand führt zu einer Entspannung, da alltägliche Streitigkeiten wegfallen. Positiv bewertet werden die Entlastung von der Verantwortung, der zunehmende Freiraum und die nun mögliche Verwirklichung in ausserfamiliären Bereichen. Manche Eltern werten den Auszug als Zeichen einer erfolgreichen Erziehung, nehmen ihre Kinder danach als erwachsener wahr und respektieren sie mehr. Häufig werden jedoch auch gemischte Gefühle berichtet. Als schmerzlich wird empfunden, dass der alltägliche Kontakt wegfällt, positiv, dass individuelle und partnerschaftliche Entwicklungen profitieren (Papastefanou, 2000).

Für die Mehrheit der Frauen führt der Auszug des letzten Kindes zu einer positiven Veränderung der Stimmung, zu einer Verringerung täglicher Probleme und einer generellen Zunahme des Wohlbefindens (Dennerstein, Dudley, & Guthrie, 2002). Teilweise erinnert der Auszug der Kinder die Mütter an ihr Älterwerden oder sie bedauern, als Mutter nicht mehr gebraucht zu werden. Väter haben weniger Probleme damit und empfinden den Auszug als weniger stressig (Seiffge-Krenke, 2010). Meist stellen sie keine grobe Veränderung in ihrem Leben fest. Bei sehr hohem beruflichem Engagement kann es vorkommen, dass sie bedauern, das Aufwachsen der Kinder versäumt zu haben (Wawrzyniak, 2017).

Jede vierte Mutter und jeder achte Vater berichtet von Trennungsschwierigkeiten. Wie die Eltern den Auszug erleben, hängt von vielfältigen Einflussgrössen ab. Beispielsweise beeinträchtigt die Fixierung auf die Elternrolle die Verarbeitung dieses Übergangs, aber auch Persönlichkeitsmerkmale, Lebensumstände und die Beziehungsvariablen spielen eine Rolle (Pinquart & Silbereisen 2007; Wawrzyniak, 2017).

Der Auszug des letzten Kindes hat keinen Effekt auf die relative Wichtigkeit der Eltern- und Partnerschaft, obwohl nun mehr Zeit für die Partnerschaft besteht. Trotz der räumlichen Distanz bleibt die Elternschaft der zentrale Lebensbereich (Wawrzyniak, 2017). Der Eintritt in die post-parentale Phase erhöht das Trennungsrisiko der Eltern gar eher. Als Grund für die kurzfristige Erhöhung werden Anpassungseffekte der Verlust des ehespezifischen Kapitals und die Reduktion der wechselseitigen Abhängigkeit der Eltern angenommen. Unabhängig von der Anzahl der Kinder ist das Trennungsrisiko am höchsten, wenn alle Kinder ausgezogen sind (Klein & Rapp, 2010).

«Im Einklang mit den Ergebnissen anderer Autoren kommen die meisten Eltern und Kinder gut mit der Trennung zurecht.» Papastefanou, 2000, S. 55

Ich fliege jetzt aus! – Die Perspektive der Kinder

Für viele junge Erwachsene stellt der Auszug aus dem Elternhaus die erste entscheidende Lebensveränderung dar. In einem neuen Umfeld müssen sie vielfältige Anforderungen ohne direkte Unterstützung des gewohnten sozialen Netzes bewältigen. Anfangs können deswegen Gefühle von Leere, Einsamkeit, Heimweh und Verunsicherung entstehen (Papastefanou, 2000). Papastefanou (2000) konnte aber deutlich machen, dass nur wenige Kinder, etwa vier Prozent, Trennungsschwierigkeiten haben. Häufiger sind gemischte Gefühle: Ängste und Unsicherheit auf der einen Seite, aber auch Freude und Entspannung. Einige Töchter vermissen das Gespräch mit den Eltern, während die Ablösung bei den Söhnen einfacher verläuft.

Wie gut der Auszug bewältigt wird, hängt auch vom Bindungsstil eines Kindes ab. Sicher gebundene Kinder sehen ihn als Herausforderung, unsicher gebundene als Belastung (Kenny, 1987). Ambivalent gebundene, ausgezogene Kinder haben eine negativere Beziehung zu den Eltern und mehr familiären Stress als sicher gebundene Kinder. Bei zu Hause Wohnenden, gibt es keine solche Unterschiede (Bernier, Larose, & Whipple, 2005).

Bereits ausgezogene Kinder sind autonomer, unabhängiger und haben ein besseres Selbstwertgefühl (Holmbeck, Durbin, & Kung, 1995). Allgemein empfinden die jungen Erwachsenen den Auszug als gewinnbringend. Fast 90 Prozent berichten positive Auswirkungen. Dabei stehen vor allem die höhere Selbständigkeit und der Autonomiegewinn im Vordergrund. Bei zehn Prozent hat der Auszug keine entscheidende Bedeutung für ihre Entwicklung, negative Folgen werden selten genannt (Papastefanou, 2000).

Der Auszug erfolgt meist nicht spontan, sondern prozessartig. Besteht kein dringender Grund für einen Auszug (z. B. Konflikte, oder ein entfernter Arbeitsplatz), entsteht der Wunsch, sich von den Eltern abzulösen langsam und die Vor- und Nachteile werden abgewogen. Die Kinder übernachten noch häufig bei den Eltern, bis sie sich in der eigenen Wohnung komplett wohlfühlen. Teilweise erfolgt eine Abwertung der eigenen Wohnung aufgrund deren geringeren Grösse und der Einsamkeit durch das Alleinwohnen. Die Eltern leisten oftmals finanzielle und immaterielle Hilfeleistungen (z. B. Wäsche waschen), was zu einem Abhängigkeitsverhältnis führen und den Ablösungsprozess verzögern kann (Perkovits, 2011). Bei einer sehr konfliktreichen Beziehung zu den Eltern wünschen die Kinder häufig, sobald sie volljährig sind und sofern sie über ausreichend finanzielle Ressourcen verfügen, eine räumliche Trennung. In diesem Falle wird die Wohnungssuche verkürzt und Hilfestellungen der Eltern werden eher nicht angenommen (Perkovits, 2011).

Für einen vollkommenen Übertritt in das Erwachsenenalter ist gemäss Perkovits (2011) eine wirtschaftliche und soziale Unabhängigkeit von den Eltern notwendig. Der Auszug ist ein wesentlicher Schritt beim Übergang in das Erwachsenenalter, schliesst diesen aber noch nicht ab (Perkovits, 2011). Die Ablösung von den Eltern wird vor dem Auszug als sehr wichtig gewertet. Danach nimmt die empfundene Wichtigkeit der Ablösung ab, während sich das Gefühl, die Ablösung bewältigt zu haben, verstärkt. Folglich beschleunigt der Auszug den Ablösungsprozess. Eine vollständige Ablösung wird von den jungen Erwachsenen aber meist gar nicht angestrebt (Wawrzyniak, 2017).

Wie geht es nun weiter? – Die Eltern-Kind-Beziehung

Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern beeinflusst das Timing des Auszuges, den Auszugsprozess, die Wohnentfernung und den Kontakt nach dem Auszug (Perkovits, 2011). Aber inwiefern verändert sich die Beziehung durch die räumliche Distanz? Bereits Sullivan und Sullivan (1980) konnten zeigen, dass junge Erwachsene, die ein College in einer anderen Stadt besuchten, die Beziehung zu ihren Eltern durchgängig konfliktärmer und günstiger beurteilten. Da sich die Beziehungsqualität vor Collegebeginn nicht unterschied, ist der Effekt auf die räumliche Trennung zurückzuführen. Diese Ergebnisse wurden repliziert und es konnte aufgezeigt werden, dass die zu Hause lebenden Kinder ihre Eltern als restriktiver, feindseliger und zurückweisender beschreiben (Flanagan, Schulenberg, & Fuligni, 1993). Bereits ausgezogene Kinder fühlen sich ihren Müttern näher als Kinder, die noch bei den Eltern wohnen (Holmbeck et al., 1995).

Nach dem Auszug wird die Beziehung von beiden Parteien zum grössten Teil als verbessert eingeschätzt, wobei die zweitgrösste Gruppe die Beziehung als unverändert bezeichnet. Die Beziehung zum Vater verbessert sich öfter als zur Mutter und Töchter berichten häufiger eine Verbesserung als Söhne. Gleichzeitig bleibt die emotionale Qualität der Beziehung stabil (Perkovits, 2011). Dass sich die Beziehung hauptsächlich positiv verändert, spricht für die Relevanz der intergenerationalen Beziehungen über das gesamte Leben (Perkovits, 2011).

Die Beziehung weist nach der räumlichen Trennung eine höhere Gleichberechtigung und Partnerschaftlichkeit auf. Die Qualität einer Freundschaft erreicht sie jedoch nicht. Die Eltern leisten viel mehr für ihre Kinder als umgekehrt (Perkovits, 2011). Auch fällt es den Eltern teilweise schwer, nicht in alte Muster zu verfallen (z. B. Rat geben) und viele Kinder schlüpfen im Elternhaus ein Stück weit wieder in die Kinderolle (Papastefanou, 2000).

Erwachsene Kinder und ihre Eltern (vor allem die Mütter) stehen auch nach der räumlichen Trennung in engem Kontakt und fühlen sich emotional verbunden (Geserick, 2011). Die gemeinsame Zeit wird teilweise intensiver genutzt. Von manchen Müttern wird der Kontakt aber als zu wenig eingeschätzt. Das ehemalige gemeinsame Mahlzeiteneinnehmen wird durch ein reges Besuchen ersetzt. Die meisten Familien sehen sich mindestens einmal in der Woche, meistens am Wochenende zum Essen bei den Eltern, was als Fortsetzung der alten Rituale verstanden werden kann. Die Eltern besuchen ihre Kinder seltener. Zusätzlich wird häufig telefoniert, wobei sich die Töchter öfter melden als die Söhne (Papastefanou, 2000). Manche berichten von ernsteren Gesprächen, da durch die geringere gemeinsame Zeit eher auf Probleme eingegangen wird (Perkovits, 2011).

«Erwachsene Kinder sind ihren Eltern oft eng verbunden. Von einem Auseinanderleben der Generationen kann nicht die Rede sein.» Wawrzyniak, 2017, S. 298

Kinder, vor allem Töchter, bewegen sich räumlich betrachtet vielfach nur wenig von ihrem Elternhaus fort. Leopold, Geissler und Pink (2012) sprechen von durchschnittlich lediglich 10 Kilometern. Je besser sich Kind und Eltern verstehen, desto näher wohnen sie zusammen (Perkovits, 2011). Grössere Entfernungen werden vorrangig bei gut ausgebildeten, kinderlosen, früh ausgezogenen Kindern aus einkommensstarken Haushalten gefunden, die in weniger urbanisierte Regionen auszogen (Leopold et al., 2012).

Die Eltern-Kind-Beziehung durchläuft nach dem Auszug einen Reorganisationsprozess, dessen Ergebnis den Endpunkt der Trennungsdynamik und Individuation darstellt (Papastefanou, 2000). Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die Forschung für die Mehrheit der Betroffenen ein überwiegend positives Bild vermittelt – eine Tatsache, die sich in der Gesellschaft noch nicht durchgesetzt hat. Der Auszug der Kinder sollte nicht mit Worten wie «Trauer», «Depression», «Verkraften» oder «Loslassen», sondern eher mit Begriffen wie «Freiraum», «Selbständigkeit», «verbesserte Beziehung» oder «enger Kontakt» assoziiert werden. Denn wenn die Kinder beginnen, ihr eigenes Nest zu bauen, eröffnet dies Chancen vielfältiger Art, egal aus welcher Perspektive der Auszug der Kinder betrachtet wird.

Ich bleibe noch ein bisschen hier!
Kinder, die spät ausziehen, leben näher bei den Eltern, pflegen häufiger Kontakt und geben sowie erhalten mehr Unterstützung. Ein späterer Auszug kann die Solidarität zwischen den Generationen fördern (Leopold, 2012) und wird eher von den Eltern als negativ erachtet, weil sie sich beispielsweise nach mehr Freiheit sehnen (Geserick, 2011). Es gibt auch Hinweise, dass diese Kinder eine geringere psychische Gesundheit aufweisen (Seiffe-Krenke, 2006).

Ich bin wieder da!
Seit den 60er Jahre ist eine Tendenz zu verzeichnen, erst später aus- oder wieder zu den Eltern zurückzuziehen (Geserick, 2011). Jede*r Zweite kehrt temporär zurück. Gründe sind Arbeitslosigkeit, finanzielle Not, Instabilität in der Ehe oder Abhängigkeit. Für die meisten Eltern ist dies in Ordnung und die Beziehungen sind positiv. Die Rückkehr kann sich aber nachteilig auf die eheliche Beziehung der Eltern auswirken, hat jedoch keinen Einfluss auf deren Stimmung (Bouchard, 2014).


[Zum Weiterlesen]

Papastefanou, C. (2000). Der Auszug aus dem Elternhaus. Ein vernachlässigter Gegenstand der Entwicklungspsychologie. ZSE: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 20(1), 55-69.

[Literatur]

Bart, P. B. (1971). Depression in middle-aged women. In V. Gornick & B. K. Moran (Eds.). Woman in sexist society. Studies in power and powerlessness (pp. 99-117). New York: Basic Books.

Bernier, A., Larose, S., & Whipple, N. (2005). Leaving home for college: A potentially stressful event for adolescents with preoccupied attachment patterns. Attachment & Human Development, 7(2), 171-185.

Bouchard, G. (2014). How do parents react when their children leave home? An integrative review. Journal of Adult Development, 21(2), 69-79.

Dennerstein, L., Dudley, E., & Guthrie, J. (2002). Empty nest or revolving door? A prospective study of women’s quality of life in midlife during the phase of children leaving and re-entering the home. Psychological Medicine, 32(3), 545-550.

Feser, H., Müller-Daehn, S., & Schmitz, U. (1989). Familienfrauen im mittleren Alter. Lebenssituation und Zukunftsperspektiven. Stuttgart: Kohlhammer.

Flanagan, C., Schulenberg, J., & Fuligni, A. (1993). Residential setting and parent-adolescent relationships during the college years. Journal of Youth and Adolescence, 22(2), 171-189.

Geserick, C. (2011). Ablösung vom Elternhaus: Ergebnisse aus dem Generations and Gender Survey (GGS) 2008/09. (Working Paper/Österreichisches Institut für Familienforschung, 76). Wien: Österreichisches Institut für Familienforschung an der Universität Wien.

Holmbeck, G. N., Durbin, D., & Kung, E. (1995). Attachment, autonomy, and adjustment before and after leaving home: Sullivan and Sullivan revisited. In G. N. Holmbeck(Eds.). Meetings of the Society for research in child development. Indianapolis, IN.

Kenny, M. E. (1987). The extent and function of parental attachment among first-year college students. Journal of Youth and Adolescence, 16(1), 17-29.

Klein, T., & Rapp, I. (2010). Der Einfluss des Auszugs von Kindern aus dem Elternhaus auf die Beziehungsstabilität der Eltern/The Impact of the Departure of Children from Home on the Risk of Parental Breakup. Zeitschrift für Soziologie, 39(2), 140-150.

Leopold, T. (2012). The legacy of leaving home: Long‐term effects of coresidence on parent–child relationships. Journal of Marriage and Family, 74(3), 399-412.

Leopold, T., Geissler, F., & Pink, S. (2012). How far do children move? Spatial distances after leaving the parental home. Social Science Research, 41(4), 991-1002.

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Perkovits, K. (2011). Auszug aus dem Elternhaus (Doctoral dissertation, Universität Wien). Universitätsbibliothek Wien.

Pinquart, M., & Silbereisen, R. K. (2007). Familienentwicklung. In J. Brandstädter & U. Lindenberger (Eds.). Entwicklungs-psychologie der Lebensspanne (pp. 483-509). Stuttgart: Kohlhammer.

Seiffe-Krenke, I. (2006). Leaving home or still in the nest? Parent-child relationships and psychological health as predictors of different leaving home patterns. Developmental psychology, 42(5), 864-876.

Seiffge-Krenke, I. (2010). Predicting the timing of leaving home and related developmental tasks: Parents’ and children’s perspectives. Journal of Social and Personal Relationships, 27(4), 495-518.

Sullivan, K., & Sullivan, A. (1980). Adolescent–parent separation. Developmental Psychology, 16(2), 93-99.

Wawrzyniak, B. (2017). Partner versus Kinder? Wie verändert sich die Wichtigkeit von Partnerschaft und Elternschaft im Familienverlauf?. In K. Birkelbach & H. Meulemann (Eds.). Lebensdeutung und Lebensplanung in der Lebensmitte (pp. 3-18). Wiesbaden: Springer.

Wawrzyniak, B. (2017). Wenn Kinder ausziehen. Der Eintritt in die nachelterliche Familienphase. In K. Birkelbach & H. Meulemann (Eds.). Lebensdeutung und Lebensplanung in der Lebensmitte (pp. 397-411). Wiesbaden: Springer.

Menschlische Lügenerkennung

Existieren sogenannte Wizards of Deception Detection tatsächlich?

Jede*r Einzelne von uns hat schon einmal gelogen. Die meisten von uns können jedoch kaum erkennen, wenn wir getäuscht werden. Es wird aber diskutiert, ob es nicht doch eine kleine Gruppe von aussergewöhnlichen Menschen gibt, die es vermögen, Täuschungen verblüffend genau zu entdecken.

Von Tugce Aras
Lektoriert von Selina Landolt und Laura Trinkler
Illustriert von Svenja Rangosch

Lügen sind ein Bestandteil des alltäglichen Lebens, wobei Menschen unter anderem lügen, um einer Peinlichkeit zu entgehen oder um einen guten Eindruck bei anderen zu hinterlassen (DePaulo, 1992). Gemäss einer Forschungsgruppe erzählen Menschen in jeder dritten bis fünften sozialen Interaktion eine Lüge. Bei 25 Prozent aller Lügen ist der Grund des Lügens, dass Gefühle des Gegenübers geschützt werden wollen (DePaulo, Kashy, Kirkendol, Wyer, & Epstein, 1996). Dies verdeutlicht, dass sie nicht nur gebraucht werden, um eine Distanz zu den Mitmenschen zu schaffen, sondern auch, um geliebte Menschen vor Sorgen oder Verlegenheit zu schützen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Lügen auch als soziale Fähigkeit (DePaulo & Jordan, 1982) oder gar als ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung eines jeden Menschen (DeVilliers & DeVilliers, 1978) betrachtet wird.

Trotz dieser Allgegenwärtigkeit von Lügen fällt die durchschnittliche menschliche Lügenentdeckungsleistung eher gering aus. Forscher*innen berichten von einer Erkennungsleistung von gerade mal 54 Prozent, was nur knapp besser als der Zufall ist (Bond & Uysal, 2007). Das Interessante dabei ist besonders die Verteilung von korrekt identifizierten Lügen und Wahrheiten. Es werden nämlich nur 47 Prozent der Lügen korrekt als solche erkannt, wobei 61 Prozent der Wahrheiten auch als wahr eingestuft werden. Diese Tendenz von Menschen, Lügen eher als Wahrheiten einzustufen als Wahrheiten als Lügen, wird auch «Truth Bias» genannt (Bond & DePaulo, 2006).

Facial Action Coding System – FACS

Aber wie erkennen Menschen nun, ob ihr Gegenüber sie anlügt oder nicht?

Eine Möglichkeit hierzu ist die systematische Analyse von Gesichtsausdrücken mittels des Facial Action Coding Systems (FACS) von Paul Ekman und Wallace V. Friesen. Das FACS ist ein umfassendes System zur Beschreibung aller Gesichtsbewegungen, das auf der menschlichen Anatomie basiert und alle visuell unterscheidbaren Bewegungen des Gesichts anhand von 44 Aktionseinheiten beschreibt. Dabei ist es wichtig, dass eine Aktionseinheit nicht immer eine einzelne Muskelaktivität beschreibt, sondern vielmehr einzelne oder mehrere Muskelaktivitäten zu einer Einheit zusammenfasst. Dies kommt daher, dass ein und derselbe Muskel unterschiedliche Regionen bewegen kann. Darüber hinaus ermöglicht das FACS auch die Kodierung der Intensität jeder Gesichtsbewegung, deren Timing sowie die Beschreibung von Gesichtsausdrücken als Events. Ein Event ist hierbei die Beschreibung eines einzelnen Gesichtsausdruckes mittels verschiedener Aktionseinheiten, wobei ein Ausdruck aus nur einer Aktionseinheit oder aus mehreren Einheiten bestehen kann (Ekman, 1997). 

«Die Lüge […] ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur.»

Immanuel Kant, 1796, S. 28

Bezüglich Lügen wird angenommen, dass das Gesicht besser zum Lügen ausgestattet ist als der Rest des Körpers, da die groben Gesichtszüge – die makro expressions – doch sehr gut kontrolliert werden können. Es wird aber auch berücksichtigt, dass es diese am ehesten preisgibt. Letzteres kommt davon, dass die Gesichtsausdrücke beim Lügen nicht vollends kontrolliert werden können, wodurch sogenannte micro expressions durchscheinen können. Diese werden von den Autoren definiert als sehr kurze und von untrainierten Personen kaum wahrnehmbare Fragmente neutralisierter oder maskierter Ausdrücke und können, wenn in Zeitlupe betrachtet, Informationen bezüglich der wahren Emotionen eines Menschen preisgeben. Klinische Expert*innen mit Training hingegen vermögen es laut den Autoren auch ohne Zeitlupe, die micro expressions zu erkennen und entsprechend zu deuten (Ekman & Friesen, 1969).

Diese Aussage zeigt auch schon das Problem mit der Lügenentdeckung bei Menschen: Der durchschnittliche Mensch vermag es nicht, solch feine Unterschiede im Gesichtsausdruck anderer zu lesen und entsprechende Schlüsse bezüglich ihrer Aufrichtigkeit zu ziehen. Wenn es also tatsächlich Expert*innen der Lügenerkennung gibt, dann könnte der Unterschied darin liegen, dass sie tatsächlich diese micro expressions erkennen können, die den meisten verborgen bleiben. Die Frage bleibt aber: Gibt es diese einzigartige Fähigkeit tatsächlich und falls ja, wie wird eine solche entwickelt?

Definition von Lügen nach Ekman

Ekman (1997) definiert Lügen nach den folgenden beiden Kriterien:

  1. Die Absicht: Der*Die Lügner*in entscheidet sich ganz bewusst dazu, sein*ihr Gegenüber zu täuschen, und hat die Wahl, es nicht zu tun.
  2. Das Unwissen des Gegenübers: Die getäuschte Person darf nicht darüber im Klaren sein, dass sie getäuscht wird.

Wizards of Deception Detection

Die Diskussion um die sogenannten Wizards of Deception Detection (dt. Zauberer der Täuschungserkennung) wurde durch eine Studie von O’Sullivan und Ekman (2004) angeregt. In dieser beschreiben die Autor*innen, wie sie unterschiedliche Berufsgruppen gefunden haben, in denen sich aussergewöhnlich viele begabte Lügenentdecker*innen befinden. Unter anderem nennen sie Agent*innen des Secret Service, die in einer ihrer früheren Studien signifikant besser als die Zufallsrate abschnitten. Etwas mehr als die Hälfte der Gruppe erreichten sogar eine Entdeckungsleistung von 70 Prozent oder höher. Dies erklären sich die Autor*innen durch die Natur der Arbeit der Agenten, welche durch die Beobachtung von Menschenmengen nonverbalen Täuschungshinweisen gegenüber stärker sensibilisiert werden. Ausserdem müssen Agent*innen des Secret Service Drohungen gegenüber Beamt*innen bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit evaluieren, wodurch sie jederzeit unvoreingenommen bleiben müssen. Dies ist auch gerade deshalb wichtig, da solche Vorkommnisse wie die eben erwähnten Drohungen doch eher selten sind (Ekman & O’Sullivan, 1991).

Im Jahr 1999 haben Ekman und O’Sullivan von drei weiteren Berufsgruppen berichtet, die überdurchschnittliche Leistungen bezüglich der Täuschungserkennung erbringen. Namentlich sind dies Gesetzeshüter*innen aus verschiedensten Behörden, Bundesrichter*innen, sowie forensische Psycholog*innen. Die Autor*innen nahmen an, dass das verbindende Merkmal zwischen all diesen Berufsgruppen ihr aussergewöhnlich hohes Interesse am Thema der Täuschungsentdeckung und ihre hohe Motivation ist, diese Fähigkeiten weiter zu verbessern. Letztlich entdeckten sie noch weitere Wizards, als sie 1’200 Psychotherapeut*innen einen ihrer Tests vorlegten, wobei etwa 10 Prozent der getesteten Therapeut*innen eine Entdeckungsleistung von 90 Prozent oder höher erbrachten (Ekman, O’Sullivan, & Frank, 1999).

In O’Sullivans und Ekmans Studie aus dem Jahr 2004 wurden den Proband*innen drei verschiedene Tests vorgelegt. Im ersten Test, dem Emotion Deception Judgement Task, wurden den Proband*innen Videosequenzen von zehn Frauen präsentiert, welche bezüglich ihres emotionalen Zustandes entweder lügen oder die Wahrheit sagen. Im zweiten Test, dem Opinion Deception Judgement Task, wurden Aufnahmen von zehn Männern genutzt, die bezüglich eines Themas, zu jenem sie nach eigenen Angaben starke Meinungen haben, entweder lügen oder wahrheitsgetreu antworten. Die Hälfte der Interviewsegmente waren von Männern, die bezüglich ihrer Meinung die Wahrheit sagten, wobei die andere Hälfte nicht ehrlich war. Der letzte Test nannte sich der Crime Deception Judgement Task, in dem zehn andere Männer erklären mussten, ob sie 50 US-Dollar gestohlen hatten. Und wieder beantwortete die Hälfte der Männer die Frage wahrheitsgetreu, während die andere Hälfte log.

«For many years we have studied individual differences among people in their ability to detect deception from demeanour. Most people do rather poorly in making such judgements.»

O’Sullivan & Ekman, 2004, p. 269

Die Auswahl der Expert*innen erfolgte wie folgt: Zunächst wurden all diejenigen auserwählt, die angaben, im Opinion Deception Judgement Task 90 Prozent oder mehr erreicht zu haben. Im nächsten Schritt mussten diese Kandidat*innen die beiden anderen Tests absolvieren, und nur diejenigen, die in beiden eine Genauigkeit von mindestens 80 Prozent erreichten, wurden als Expert*innen oder Wizards klassifiziert. In diesem Fall waren das gerade einmal 14 Personen. Nach einer Lockerung der Regeln, wodurch nur in einem der beiden letzten Tests 80 Prozent erreicht werden mussten, kamen sie schlussendlich auf insgesamt 29 Expert*innen von insgesamt 12’000 Teilnehmer*innen, was 0.24 Prozent entspricht (O’Sullivan & Ekman, 2004).

Kritik an der Studie

Am eben beschriebenen Vorgehen zur Auswahl der Expert*innen ist erstens die Tatsache problematisch, dass die Teilnehmer*innen per Handzeichen angaben, wie viele richtige Antworten sie hatten. Dies ist alles andere als ideal, da gerade auch die Teilnehmer*innen bezüglich ihrer Leistung unehrlich hätten sein können.

Weiter beschreiben Bond und Uysal (2007) ausführlich, warum ihrer Meinung nach deutlich mehr Wizards hätten gefunden werden müssen. Dabei gehen sie vor allem auf methodische und statistische Gründe ein. Bezüglich der Methodik wenden sie ein, dass die Untersuchungsbedingungen in der Studie von O’Sullivan und Ekman (2004) deutlich von früheren Studien abwichen, wodurch ein Vergleich kaum möglich ist. Statistisch zu bemängeln ist, dass nicht alle 12’000 der ursprünglich in der Studie eingeschlossenen Teilnehmer*innen auch alle drei Tests absolviert haben und auch die Anzahl derer, die das getan haben, ist nicht bekannt. Bond und Uysal (2007) zeigen anhand von eigenen Berechnungen auf, dass die von den Ursprungsautor*innen berichtete Anzahl der gefundenen Expert*innen deutlich tiefer ist, als es zu erwarten wäre.

Abschliessend wäre es denkbar, dass gewisse Menschen aufgrund ihrer Erfahrung und durch Training die Fähigkeit haben, Täuschungen deutlich besser als die Durchschnittsperson zu durchschauen. Es ist jedoch nicht hinreichend geklärt, ob sogenannte Wizards tatsächlich existieren oder was sie genau ausmacht, da die Untersuchungen dazu einige Mängel aufweisen, die es noch zu beheben gilt. Es ist also vorstellbar, dass diese Expert*innen gar nicht solch eine Rarität sind, wie es die Untersucher*innen darstellen. Wer weiss, vielleicht steckt ja auch in Ihnen ein Genie der Täuschungserkennung.


Zum Weiterlesen

O’Sullivan, M., & Ekman, P. (2004). The wizards of deception detection. In P. A. Granhag, & L. A. Strömwall (Eds.), The detection of deception in forensic contexts, (pp. 269-286). New York: Cambridge University Press.

DePaulo, B. M. (2018). Wie und warum wir lügen. Babelcube Inc.

Literatur

Bond Jr, C. F., & DePaulo, B. M. (2006). Accuracy of deception judgments. Journal of Personality and Social Psychology Review, 10(3), 214-234. https://doi.org/10.1207/s15327957pspr1003_2

Bond Jr, C. F., & Uysal, A. (2007). On lie detection «wizards.». Law and Human Behavior31(1), 109-115. https://doi.org/10.1007/s10979-006-9016-1

De Villiers, J. G., & DeVilliers, P. A. (1978). Language acquisition. Cambridge: Harvard University Press.

DePaulo, B. M. (1992). Nonverbal behavior and self-presentation. Psychological Bulletin111(2), 203-243. https://doi.org/10.1037/0033-2909.111.2.203

DePaulo, B. M., & Jordan, A. (1982). Age changes in deceiving and detecting deceit. In Development of nonverbal behavior in children (pp. 151-180). New York: Springer.

DePaulo, B. M., Kashy, D. A., Kirkendol, S. E., Wyer, M. M., & Epstein, J. A. (1996). Lying in everyday life. Journal of Personality and Social Psychology70(5), 979-995. https://doi.org/10.1037/0022-3514.70.5.979

Ekman, P. (1997). Lying and deception. In N. L. Stein, P. A. Ornstein, B. Tversky, & C. J. Brainerd (Eds.), Memory for everyday and emotional events, (pp. 333-347). New Jersey: Psychology Press.

Ekman, P., & Friesen, W. V. (1969). Nonverbal leakage and clues to deception. Psychiatry32(1), 88-106. https://doi.org/10.1080/00332747.1969.11023575

Ekman, P., & O’Sullivan, M. (1991). Who can catch a liar? American Psychologist46(9), 913.

Ekman, P., O’Sullivan, M., & Frank, M. G. (1999). A few can catch a liar. Psychological Science10(3), 263-266.

Ekman, P. (1997). What the face reveals: Basic and applied studies of spontaneous expression using the Facial Action Coding System (FACS). Oxford University Press

Kant, I. (1798). Verkündigung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie. (Retrieved from https://books.google.ch/books)

O’Sullivan, M., & Ekman, P. (2004). The wizards of deception detection. In P. A. Granhag, & L. A. Strömwall (Eds.), The detection of deception in forensic contexts, (pp. 269-286). New York: Cambridge University Press.