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Beiträge von redaktionaware

Freiwillige vor!

Ein soziales Dilemma in Wohngemeinschaften. 

Zusammenleben bedeutet Kooperation. Doch wie handeln wir in Situationen in denen nur Einzelne den Dienst im Sinne der Gemeinschaft verrichten können? Über Entscheidungen und Bewertungen in einem Freiwilligendilemma. 

Von Lisa Frisch
Lektoriert von Madeleine Lanz und Stefan Dorner
Illustriert von Lisa Frisch

Wer kennt es nicht? Leere Kaffeedosen, dreckiges Geschirr in der Spüle, überquellende Mülleimer –Wohngemeinschaften beherbergen tagtäglich soziale Stolpersteine, in denen sich nur ein Einzelner aufraffen muss, um die ganze Gemeinschaft vor dem Ausnahmezustand zu bewahren.  

Das Freiwilligendilemma 

Situationen wie diese sind in der Psychologie als Freiwilligendilemma (Volunteer’s Dilemma) bekannt. Es handelt sich dabei um interpersonelle Situationen in der ein kollektiver Gewinn erzielt werden kann, solange sich nur ein Einzelner zu einer gemeinschaftlich günstigen Handlung entscheidet (Diekmann, 1985). Das Dilemma existiert, wo immer es menschliches Zusammenleben gibt. Mag es in einer Wohngemeinschaft die Frage sein, wer heute den Kühlschrank auffüllt, ist es im Bus die Angelegenheit, wer für den zusteigenden Herrn den Platz freimacht. Ein Freiwilligendilemma stellt die Beteiligten vor die Wahl: Kooperation oder Freifahrt? Prosozial oder egozentrisch? 

Dabei gibt es keine einzelne Strategie, die mit Gewissheit zum Erfolg führt: So bedeutet eine Kooperation beider Parteien einen kleinen Gewinn für beide. Entscheiden sich beide für eine Freifahrt, gehen beide leer aus. Wählt jedoch einer die Freifahrt während Gegenspielende kooperieren, können Erstere einen grossen Gewinn für sich beanspruchen, während sich Letztere mit einem geringen Gewinn begnügen müssen. Kurzum, eine Kooperation führt nur zu moderaten Gewinnen, aber eben auch nur zu moderaten Verlusten, während eine Freifahrt die Chance auf den ganz grossen Wurf innehält – jedoch immer mit dem Risiko leer auszugehen. Tücke des Freiwilligendilemmas ist, dass die Pareto Effizienz, also der Idealzustand, nur erreicht werden kann, wenn sich die beteiligten Parteien für die gegensätzliche Strategie entscheiden (Diekmann, 1985). Stellen Sie sich also vor, Sie befinden sich im Supermarkt vor dem Toilettenpapier. Kaufen oder nicht kaufen? Nehmen Sie es mit, bewahren Sie die Gemeinschaft mit Gewissheit vor dem Gau. Doch möglicherweise hat ihre Mitbewohnerin den Missstand im Bad bereits entdeckt und sich dem Kauf längst angenommen. Dann wäre ein Weiterer ineffizient, würde es infolge Toilettenpapiertürme im Bad bedeuten. Für ein ideales Resultat sollte also nur ein Einzelner kooperieren, während sich die anderen für eine Freifahrt entscheiden.  

Kooperieren oder nicht kooperieren?  

Doch wie entscheiden wir? Darley und Latané (1968) zufolge, verfallen wir in einem Freiwilligendilemma nicht selten der Verantwortungsdiffusion. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, in dem eine offensichtlich zu absolvierende Aufgabe, trotz genügend fähiger Umstehender, keine Erledigung erfährt. Folglich wählen wir die Freifahrt, sobald wir andere ähnlich verantwortlich empfinden. Die klassische Spieltheorie antwortet hingegen mit Gewinnsteigerung (Diekmann, 1985). Demnach seien wir rational denkende Wesen, die sich stets für jene Handlung entscheiden, welche den grösstmöglichen Gewinn verspricht. In einem Freiwilligendilemma würde das für uns bedeuten, abwechselnd Kooperation und Freifahrt zu wählen. Dann läge die Wahrscheinlichkeit den maximalen Gewinn zu erzielen, dass also beide Spieler unterschiedliche Handlungsentscheidungen treffen, bei 50 Prozent. Doch gibt es Evidenz, dass wir uns häufiger kooperativ verhalten, als es die Spieltheorie zulassen würde (Krueger, Ullrich & Chen, 2016). Auch finden Tversky und Kahnemann (1991), dass Menschen in der Gewinnsteigerung risikoscheu sind und gerne Verluste vermeiden. Damit bedienen wir uns einer Strategie, die versucht, unsere antizipierte Reue (anticipated regret) so gering wie möglich zu halten (Acevedo & Krueger, 2004). So müssten wir auch in unseren Wohngemeinschaften eine Tendenz zur Kooperation hegen. Lieber einmal mehr Seife besorgen, als das Risiko einzugehen, die Gemeinschaft in den Ausnahmezustand zu entsenden. 

Häufig spielt sich ein Freiwilligendilemma auch im Beisein Anderer ab. Dann sind unsere Entscheidungen über Kooperation oder Freifahrt nicht vor der Bewertung der Umstehenden gefeit. Es scheint also plausibel, dass wir unsere Wahl auch daran orientieren, welchen Eindruck wir damit bei anderen hinterlassen. Tatsächlich fanden Forschende, dass Kooperierende moralischer und sogar kompetenter wahrgenommen werden (Heck & Krueger, 2017). Folglich hätten all jene, die sich nach dem gemeinsamen Abendessen für den Abwasch in Stellung bringen oder die seit Wochen untaugliche Glühbirne im Gang auswechseln, prompt an Ansehen gewonnen.  

Doch Vorsicht ist geboten, da in einem Freiwilligendilemma die Rolle des Kooperierenden, im Sinne der Pareto Effizienz, nur von einem Einzelnen innegehalten werden kann. So zeigen Heck und Krueger (2017) auch, dass unser Urteil über Kooperierende von der Entscheidung des Gegenspielers abhängt: Demnach empfinden wir Kooperierende nur dann kompetent, wenn sich die Gegenspieler zu einer Freifahrt entscheiden. Wir bewerten also den Kaffeekaufenden positiver wenn es am selben Tage nicht noch einen weiteren Kaffeekaufenden gibt. Damit unterliegen wir einem Outcome Bias, weil unsere Beurteilungen auf Informationen basieren, die den Entscheidenden zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht zur Verfügung standen (Baron & Hershey, 1988). Konkret würden wir also erwarten, dass beide Parteien korrekt antizipieren wie die Gegenspielenden entscheiden – Freifahrt oder Kooperation – um dann genau die gegensätzliche Handlung zu unternehmen.  

Jedoch zeigen Studien auch, dass wir unsere eigene Verhaltensstrategie gerne an die der Gegenspielenden angleichen (Krueger et al., 2016). Erwarten wir vom Gegenüber Kooperation, kooperieren wir auch. Unterstellen wir dem Gegenüber die Freifahrt, werden wir ebenfalls abtrünnig. In einem Freiwilligendilemma entfernt uns diese Strategie jedoch vom Idealzustand, schliesslich bedeutet beidseitige Kooperation Ineffizienz und beidseitige Freifahrt den grösstmöglichen Verlust. Obendrein schmälert Letztere erneut unser Ansehen: Wählen wir in der Vorahnung, dass Gegenspielende nicht kooperieren die Freifahrt und lassen infolge die gesamte Gemeinschaft ins Schlamassel laufen, sinkt unsere Reputation in Moral und Kompetenz bei unseren Mitmenschen (Heck & Krueger, 2017).  

Hüter der Harmonie 

Glücklich für die Harmonie des Zusammenlebens ist, dass Wohngemeinschaften soziale Umstände beherbergen, die als Katalysator für kooperatives Verhalten dienen: Beispielsweise teilen Mitbewohnende meist ein Gefühl der Zugehörigkeit und der sozialen Nähe. Und wie Balliet, Wu, und De Dreu (2014) in einer Metaanalyse ausmachen, zeigen zahlreiche Studien, dass wir im Kontext verschiedener sozialer Dilemmata eher kooperieren, wenn wir damit unserer eigenen Gruppe, anstelle einer anderen, einen Dienst erweisen. So finden auch Krueger et al., (2016), dass wir bei Menschen, die uns nahestehen, lieber einmal mehr die Strategie der Kooperation wählen (siehe Kasten). So sind wir gewillt unseren Teil beizutragen: Kümmert sich heute einer um die Seife, sorgt ein Nächster für ein köstliches Abendessen und eine Wiedernächste für den Wein.  

Zu viel des Guten? 

Es gibt Hinweise, dass wir in unserer eigenen Gruppe sogar zur Überkooperation neigen (Krueger et al., 2016). Wir kooperieren so viel, dass wir über den Idealzustand des Freiwilligendilemmas hinausschiessen. Praktisch ist die übermässige Kooperationslust jedoch in Situationen, die einem Beitragsdilemma ähneln. In Solchen hat eine gemeinsame Ressource nur Bestand, wenn sich genügend kooperativ zeigen, in dem sie etwas zu dieser Ressource beisteuern. So führt eine kleine negative Konsequenz für das Individuum, etwa in die Haushaltskasse einzuzahlen, zu einer positiven Konsequenz für die Gemeinschaft. Im Gegensatz zum Freiwilligendilemma gibt es hier jedoch eine dominante Strategie: Freifahrende sind begünstigt indem sie, trotz unkooperativen Verhalten, in den Genuss der gemeinsamen Ressource kommen (Fehr & Gächter, 2000). Die Devise lautet also, je mehr Mitbewohnende sich kooperativ zeigen, indem sie sich beispielsweise am Wohnungsputz beteiligen, desto vorteilhafter für die Gemeinschaft. Perdu ist die Sorge der Überkooperation. 


Zum Weiterlesen

Diekmann, A. (1985). Volunteer’s dilemma. Journal of conflict resolution, 29(4), 605-610. 

Balliet, D., Wu, J., and De Dreu, C. K. W. (2014). Ingroup favoritism in cooperation: a meta- 

analysis. Psychol. Bull. 140, 1556–1581.  

Literaturverzeichnis

Acevedo, M., & Krueger, J. I. (2004). Two egocentric sources of the decision to vote: The voter’s illusion and the belief in personal relevance. Political Psychology, 25(1), 115-134. 

Balliet, D., Wu, J., and De Dreu, C. K. W. (2014). Ingroup favoritism in cooperation: a meta-analysis. Psychol. Bull. 140, 1556–1581.  

Baron, J., & Hershey, J. C. (1988). Outcome bias in decision evaluation. Journal of personality and social psychology, 54(4), 569. 

Darley, J. M., & Latane, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of personality and social psychology, 8(4p1), 377. 

Diekmann, A. (1985). Volunteer’s dilemma. Journal of conflict resolution, 29(4), 605-610. 

Diekmann, A. (1993). Cooperation in an asymmetric volunteer’s dilemma game theory and experimental evidence. International Journal of Game Theory, 22(1), 75-85. 

Fehr, E., & Gachter, S. (2000). Cooperation and punishment in public goods experiments. American Economic Review, 90(4), 980-994. 

Heck, P. R., & Krueger, J. I. (2017). Social Perception in the Volunteer’s Dilemma: Role of Choice, Outcome, and Expectation. Social Cognition, 35(5), 497-519. 

Krueger, J. I., Ullrich, J., & Chen, L. J. (2016). Expectations and decisions in the volunteer’s dilemma: effects of social distance and social projection. Frontiers in psychology, 7, 1909. 

Tversky, A., & Kahneman, D. (1991). Loss aversion in riskless choice: A reference-dependent model. The quarterly journal of economics, 106(4), 1039-1061. 

Empathie – Nature oder Nurture?

Über die frühe Entwicklung von Empathie 

Empathie ist eine wichtige Kompetenz im Umgang mit anderen. Obwohl die Fähigkeit zur Empathie bis ins Erwachsenenalter weiterentwickelt wird, zeigen schon Kleinkinder Empathie. Doch woher kommt sie? Gibt es biologische Ursachen für Empathie und welche Rolle spielen soziale Einflüsse der Eltern? 

Von Laura Bechtiger 
Lektoriert von Loriana Medici und Marie Kappen
Illustriert von Melina Camin

Wir fürchten uns beim Schauen eines Horrorfilms, freuen uns über die Erfolge unserer Freunde und leiden mit Sportlern, die kurz vor dem Ziel stürzen und so ihren Sieg vergeben. Grund dafür ist unsere Fähigkeit zur Empathie. Empathie ist ein komplexes sozioemotionales Konstrukt, für welches es beinahe gleich viele Definitionen wie Forscher auf dem Gebiet gibt (Cuff, Brown, Taylor, & Howat, 2016). Während beispielsweise Barker (2008) unter Empathie das Wahrnehmen, Verstehen, Erfahren und Reagieren auf den emotionalen Zustand einer anderen Person versteht, unterscheiden andere Forscher verschiedene mit Empathie assoziierte Konstrukte. So unterscheiden beispielsweise Eisenberg, Shea, Carlo und Knight (1991) Empathie (ich fühle dieselbe Emotion wie mein Gegenüber), kognitive Perspektivenübernahme (ich weiss, wie sich mein Gegenüber fühlt), personal distress (die Emotion des Gegenübers löst bei mir selbstbezogene negative Gefühle aus) und Mitgefühl (sympathyich mache mir Sorgen um mein Gegenüber). Empathie wird ausserdem von prosozialem Verhalten abgegrenzt. Unter prosozialem Verhalten versteht man Handlungen wie Teilen, Helfen oder Trösten (Paulus, 2018). Dennoch ist prosoziales Verhalten eng mit Empathie verknüpft, weshalb sie häufig zusammen untersucht werden. Diese Definitionen unterstreichen einerseits die Komplexität von Empathie und den mit ihr assoziierten Konzepten, machen es andererseits aber auch schwierig, die zahlreichen Forschungsergebnisse zu integrieren.  

Bedeutung von Empathie 

Viele Forscher sind sich einig, dass Empathie eine wichtige Voraussetzung für soziales und gesellschaftliches Zusammenleben ist (z.B. Decety, 2015; de Waal, 2008). Die evolutionäre Bedeutung von Empathie sieht der Primatologe Frans de Waal (2008) in der Eltern-Kind-Beziehung. Die Emotionen des Kindes zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren, erhöht das Überleben des Nachwuchses. Dies gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für andere Säugetiere (de Waal, 2008). Ganz im Sinne vom motivational autonomy Prinzip — das besagt, dass evolutionär notwendige und sinnvolle Prozesse nicht auf ihren Bestimmungszweck limitiert sind und anders genutzt werden — hat sich auch Empathie auf andere Kontexte ausgeweitet (de Waal, 2008). Neben der Bedeutung für Beziehung und Bindung zwischen Eltern und Kind hat Empathie noch weitere Funktionen. So zeigte sich zusätzlich zur Verknüpfung mit prosozialem Verhalten auch ein Zusammenhang von Empathie mit moralischem Verstehen und Argumentieren (Malti, Eisenberg, Kim, & Buchmann, 2013; Malti, Gummerum, Keller, & Buchmann, 2009). Die Frage, ob Empathie moralisches Verhalten fördert, ist allerdings umstritten. So argumentiert der Harvard Professor Paul Bloom, dass Empathie sogar hinderlich für moralisches Verhalten ist. Der Grund dafür liege darin, dass Empathie das Schicksal von einzelnen Menschen salient mache und abstraktere Probleme, die viele Menschen betreffen, vernachlässige (Bloom, 2017).  

Entwicklung von Empathie 

Durch die Komplexität von Empathie und ihrer Mitbeeinflussung durch kognitive Prozesse entwickelt sich Empathie nicht von heute auf morgen. Studien zeigen, dass sich Empathie bis ins junge Erwachsenenalter hinein weiterentwickelt (Eisenberg et al., 2002; Eisenberg, Carlo, & Murphy, 1995; Luengo Kanacri, Pastorelli, Eisenberg, Zuffianò, & Caprara, 2013). Diese Entwicklung beginnt laut traditionellen psychologischen Annahmen im zweiten Lebensjahr, wenn sich auch zunehmend ein Verständnis für sich selbst, als von anderen unterschiedlich, ausprägt (Hoffman, 2000). Diese Annahmen haben dazu geführt, dass die Empathie-Entwicklung bei Kleinkindern meist erst ab dem zweiten Lebensjahr untersucht wurde. Es gibt jedoch neuere Studien, die Empathie bereits ab dem ersten Lebensjahr untersuchen. Die Studie von Roth-Hanania, Davidov und Zahn-Waxler (2011) zeigt, dass schon achtmonatige Kinder auf das Leid von Müttern und Peers mit empathischem Verhalten reagieren. Als Hinweise auf empathisches Verhalten haben die Autor|innen Mimik, Gestik und Lautäusserungen interpretiert (Roth-Hanania et al., 2011). Empathie mit zehn Monaten konnte ausserdem prosoziales Verhalten im zweiten Lebensjahr vorhersagen. Dieser Befund unterstützt die enge Verknüpfung von Empathie und prosozialem Verhalten und dies schon in der frühen Kindheit (Roth-Hanania et al., 2011).  

Schon im Kleinkindalter werden individuelle Unterschiede in empathischen Reaktionen festgestellt. Für Unterschiede im Entwicklungsverlauf von Empathie werden in der Literatur einige Einflussfaktoren diskutiert. Sie lassen sich grob in biologische Ursprünge sowie Sozialisierungseinflüsse einteilen. 

Biologische Grundlagen 

Empathie ist eine soziale Emotion, die nicht allein durch biologische Prozesse erklärt werden kann. Da die Grundlagen von Empathie, wie beispielsweise emotion contagion, auch bei Tieren beobachtet werden können, wird dennoch eine evolutionsbiologische Wurzel von Empathie vermutet.  

Neuronale Studien zeigen, dass vor allem die Verbindungen zwischen Hirnstamm, Amygdala, Hypothalamus, Basalganglien und dem orbitofrontalen Kortex für empathisches Verstehen und Reagieren bei Säugetieren verantwortlich sind (Decety, 2015). Es wird angenommen, dass beim Betrachten von schmerzverzerrten Gesichtern dieselben Hirnareale wie beim Erfahren von Schmerz aktiviert werden. Darunter sind der anteriore cinguläre Kortex, die anteriore Insel, die Amygdala und der somatosensorische Kortex (Decety, 2015). 

Besonders wird auch die Rolle der Spiegelneuronen in der Entstehung von Empathie diskutiert. Diese Spiegelneuronen werden einerseits aktiviert, wenn wir Handlungen durchführen, aber auch, wenn wir sie beobachten (Iacoboni & Dapretto, 2006). Die Studie von Nummenmaa, Hirvonen, Parkkola und Hietanen (2008) zeigte, dass bei Erwachsenen diese Spiegelneuronen vor allem beim Fühlen von Empathie aktiviert sind, aber nicht beim Übernehmen der Perspektive von jemand anderem.  

Ausserdem werden auch die Neuropeptide Oxytocin und Vasopressin mit Mitgefühl und weiteren sozialen Verhaltensweisen in Verbindung gebracht (Decety, 2015). Die Studie von Weisman, Zagoory-Sharon und Feldman (2012) beispielsweise zeigt, dass Väter, denen Oxytocin verabreicht wurde, eher Verhaltensweisen gegenüber ihrem fünf Monate alten Kind zeigen, die eine Bindung zwischen Vater und Kind fördern. Diese Verhaltensweisen wiederum waren beim Kind mit höheren Oxytocin-Werten im Speichel assoziiert. Die höheren Oxytocinwerte hingen positiv mit sozialen Verhaltensweisen der Kinder, wie Blicken oder Reziprozität, zusammen (Weismann et al., 2012).  

Empathie scheint ausserdem genetisch beeinflusst zu werden. So zeigt die Studie von Knafo, Zahn-Waxler, Van Hulle, Robinson und Rhee (2008) mit 14- bis 36-Monate alten eineiigen und zweieiigen Zwillingen, dass genetische Einflüsse sowohl mit Stabilität als auch mit Veränderungen in Empathie assoziiert waren. Während die Empathie vor dem Alter von zwei Jahren noch nicht von genetischen Einflüssen erklärt werden konnte, kann die genetische Komponente im Alter von 24 Monaten einen Viertel der Varianz in der Ausprägung von Empathie aufklären. Dieser genetische Einfluss auf die Entwicklung von Empathie fällt zusammen mit Entwicklungen in anderen Bereichen, wie der Sprache und der Unterscheidung vom Selbst von anderen. Sowohl Sprache als auch die Wahrnehmung von sich selbst als von anderen unabhängig werden in der Forschung ebenfalls als Einflussfaktoren auf die Empathie-Entwicklung untersucht (Knafo et al., 2008). 

Die Literatur zeigt also, dass Empathie durchaus eine biologische Grundlage hat. Neben neuronalen Grundlagen, u.a. durch Spiegelneuronen, deuten Forschungsergebnisse auch auf den Einfluss von Hormonen und Genen hin. Trotzdem machen Umwelt-Einflüsse immer noch einen Grossteil des Einflusses aus.  

Soziale Einflüsse 

Soziale Einflüsse auf die Empathie-Fähigkeit von Kleinkindern kommen vor allem von den Eltern. Dabei sind verschiedenste Faktoren relevant. So zeigt beispielsweise die Studie von Taylor, Eisenberg, Spinrad, Eggum und Sulik (2013), dass mütterliche Emotionssozialisierung im Alter von 18 Monaten das Ausmass der Empathie des Kindes im Alter von 24 Monaten vorhersagen konnte. Die Sozialisierung der Mutter im Alter von 18 Monaten konnte aber nicht die Veränderung der empathischen Fähigkeiten des Kindes über die nächsten zwei Jahre vorhersagen. Unterschiede im kindlichen Temperament im Alter von 18 Monaten konnten ebenfalls die Empathie-Ausprägung im Alter von 24 Monaten vorhersagen (Taylor et al., 2013). Nicht nur die Emotionssozialisierung der Mutter, sondern auch das Ermuntern, die Perspektive von anderen einzunehmen, hängt bei vier- bis fünfjährigen Kindern mit ihrer Empathie-Fähigkeit zusammen (Farrant, Devine, Maybery, & Fletcher, 2012). Mütter, die selber eine höhere Empathie berichteten, förderten eher die Perspektivenübernahme ihrer Kinder (Farrant et al., 2012). Dies könnte ein Mechanismus sein, wie Empathie zwischen Generationen weitergegeben wird.  

Auch der Bindungsstil wurde im Zusammenhang mit kindlicher Empathie untersucht. Die Studie von Kim und Kochanska (2017) zeigte, dass ein sicherer Bindungsstil zwischen dem Kind und seiner Mutter positiv mit der kindlichen Empathie zusammenhing. Für die Vater-Kind-Bindung zeigte sich kein Zusammenhang mit der Empathie. Dies könnte daran liegen, dass die Bindung zu Mutter und Vater unterschiedliche Bedeutungen für die kindliche Entwicklung haben (Kim & Kochanska, 2017). Ein Zusammenhang zwischen Empathie und prosozialem Verhalten zeigte sich allerdings nur für unsicher gebundene Kinder (Kim & Kochanska, 2017).  

Zusammenfassend entwickelt sich Empathie als komplexe soziale Kompetenz bis ins junge Erwachsenenalter (und darüber hinaus) weiter. Während die Ursprünge von Empathie bisher im zweiten Lebensjahr vermutet wurden, zeigt neuere Forschung, dass Kleinkinder schon im ersten Lebensjahr empathisch reagieren können. Biologische Ursachen legen dabei einen Grundstein für die Entwicklung von Empathie, wobei vor allem Einflüsse der Eltern die Empathie bei Kleinkindern fördern können.  

Kosten von Empathie 

Der Einfluss der elterlichen Empathie und Erziehungspraktiken auf die positive Entwicklung ihrer (jugendlichen) Kinder konnte vielfach bestätigt werden. Die Studie von Manczak, Delongis und Chen (2016) zeigt allerdings, dass dies für die Eltern nicht ohne Kosten bleibt. Während die Empathie der Eltern positiv mit einer besseren Emotionsregulationsfähigkeit, sowie weniger chronischen Entzündungswerten bei ihren jugendlichen Kindern zusammenhing, sagte elterliche Empathie erhöhte Entzündungswerte bei den Eltern vorher. Diese sind ein Risikofaktor für verschiedenste Krankheiten. Die erhöhten Entzündungswerte könnten laut den Autor|innen darauf zurückzuführen sein, dass empathischere Eltern das Wohl ihrer Kinder vor die eigene Gesundheit stellen. 

(Manczak, Delongis, & Chen, 2016) 

Robo-Empathie 

Nicht nur Psycholog|inen und Biolog|inen beschäftigen sich mit der Entstehung und Entwicklung von Empathie, sondern auch Robotiker|innen. Die Studie von Lim und Okuno (2015) beschreibt, wie die Autor|innen versuchten, ausgehend von Erkenntnissen aus der Entwicklungspsychologie, einem Roboter Empathie beizubringen. Dafür statteten sie den Roboter mit einem artifiziellen Spiegelneuronen-System aus, damit der Roboter die von ihm beobachtete Person physisch imitieren kann. Durch Lernprozesse assoziierte der Roboter die Handlung mit einer Art „Bauchgefühl“ (z.B. Füllstand der Batterie). Dadurch wird dem Roboter eine Art Unwohlsein simuliert. Genau wie Kinder in der Interaktion mit ihren Bezugspersonen lernen, nahmen die Autor|innen an, dass Roboter in der Interaktion mit Menschen die Assoziationen zwischen Bewegungen und ‚Bauchgefühl’ lernen können. Eltern verwenden in der Interaktion mit ihren Kindern häufig mothereseeine in Mimik und Tonfall übertriebene Betonung und Äusserung der Sprache, weshalb die Autor|innen davon ausgehen, dass motherese auch bei Robotern die Empathie-Entwicklung beeinflussen könnte. Die Resultate zeigten, dass der Roboter auf fröhliche Stimmen meist mit einem positiven Zustand reagierte und auf traurige Stimmen meist mit einer negativen Reaktion. Dies impliziert, dass Roboter durch Interaktion mit Menschen Empathie lernen können.  


Zum Weiterlesen 

Knafo, A., Zahn-Waxler, C., Van Hulle, C., Robinson, J. A. L., & Rhee, S. H. (2008).  

The Developmental Origins of a Disposition Toward Empathy: Genetic and  

Environmental Contributions. Emotion8(6), 737–752. doi:10.1037/a0014179 

Lim, A., & Okuno, H. G. (2015). A Recipe for Empathy: Integrating the Mirror System, 

Insula, Somatosensory Cortex and Motherese. International Journal of Social Robotics

7(1), 35–49. doi:10.1007/s12369-014-0262-y 

Waal, F. (2009). The Age of Empathy: Nature’s Lessons for a Kinder Society. New York: Harmony Books. 

«The full capacity [of empathy] seems put together like a Russian doll. At its core is an automated process shared with a multitude of species, surrounded by outer layers that fine-tune its aim and reach. Not all species possess all layers: only a few take another’s perspective, something we are masters at. But even the most sophisticated layers of the doll normally remain firmly tied to its primal core» Frans de Waal, 2009, S. 208f. 

Literatur

Barker, R. L. (2008). The social work dictionary. Washington, DC: NASW Press. 

Bloom, P. (2017). Empathy and Its Discontents. Trends in Cognitive Sciences21(1), 24–31. http://doi.org/10.1016/j.tics.2016.11.004 

Cuff, B. M. P., Brown, S. J., Taylor, L., & Howat, D. J. (2016). Empathy : A review of the concept. Emotion Review8(2), 144–153. http://doi.org/10.1177/1754073914558466 

de Waal, F. B. M. (2008). Putting the Altruism Back into Altruism: The Evolution of Empathy. Annual Review of Psychology59(1), 279–300. http://doi.org/10.1146/annurev.psych.59.103006.093625 

Decety, J. (2015). The neural pathways, development and functions of empathy. Current Opinion in Behavioral Sciences3, 1–6. http://doi.org/10.1016/j.cobeha.2014.12.001 

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Farrant, B. M., Devine, T. A. J., Maybery, M. T., & Fletcher, J. (2012). Empathy, Perspective Taking and Prosocial Behaviour: The Importance of Parenting Practices. Infant and Child Development21(2), 175–188. http://doi.org/10.1002/icd.740 

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Knafo, A., Zahn-Waxler, C., Van Hulle, C., Robinson, J. A. L., & Rhee, S. H. (2008). The Developmental Origins of a Disposition Toward Empathy: Genetic and Environmental Contributions. Emotion8(6), 737–752. http://doi.org/10.1037/a0014179 

Lim, A., & Okuno, H. G. (2015). A Recipe for Empathy: Integrating the Mirror System, Insula, Somatosensory Cortex and Motherese. International Journal of Social Robotics7(1), 35–49. http://doi.org/10.1007/s12369-014-0262-y 

Luengo Kanacri, B. P., Pastorelli, C., Eisenberg, N., Zuffianò, A., & Caprara, G. V. (2013). The Development of Prosociality from Adolescence to Early Adulthood: The Role of Effortful Control. Journal of Personality81(3), 302–312. http://doi.org/10.1111/jopy.12001 

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Manczak, E. M., Delongis, A., & Chen, E. (2016). Does Empathy Have a Cost ? Diverging Psychological and Physiological Effects Within Families, 35(3), 211–218. 

Nummenmaa, L., Hirvonen, J., Parkkola, R., & Hietanen, J. K. (2008). Is emotional contagion special? An fMRI study on neural systems for affective and cognitive empathy. NeuroImage43(3), 571–580. http://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2008.08.014 

Paulus, M. (2018). The multidimensional nature of early prosocial behavior: a motivational perspective. Current Opinion in Psychology20, 111–116. http://doi.org/10.1016/j.copsyc.2017.09.003 

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Taylor, Z. E., Eisenberg, N., Spinrad, T. L., Eggum, N. D., & Sulik, M. J. (2013). The relations of ego-resiliency and emotion socialization to the development of empathy and prosocial behavior across early childhood. Emotion13(5), 822–831. http://doi.org/10.1037/a0032894 

Weisman, O., Zagoory-Sharon, O., & Feldman, R. (2012). Oxytocin administration to parent enhances infant physiological and behavioral readiness for social engagement. Biological Psychiatry72(12), 982–989. http://doi.org/10.1016/j.biopsych.2012.06.011 

Ethik bei Tierversuchen

Die Wahl des kleineren Übels – wieso, wie und wie lange noch?

Zu ethischen Problematiken gibt es selten eine eindeutige Antwort, wobei die Frage der Vertretbarkeit von Tierversuchen keine Ausnahme ist. Trotzdem haben wir als Forscher und Studierende eines wissenschaftlichen Fachesdie moralische Pflicht, uns über den Gebrauch von Tieren in Experimenten Gedanken zu machen. 

Von Noémie Lushaj 
Lektoriert von Marie Reinecke und Selina Stüssi
Illustriert von Kerry Willimann

In der Psychiatrie hat die Tierforschung zu einem besseren Verständnis von psychischen und neurologischen Erkrankungen beigetragen wie posttraumatischen Belastungsstörungen (Schöner, Heinz, Endres, Gertz, & Kronenberg, 2017), bipolaren affektiven Störungen (Carr, 2017), Abhängigkeitserkrankungen (Planeta, 2018), Depression (Wang, Timberlake, Prall, & Dwivedi, 2017), Schizophrenie (Schoenrock & Tarantino, 2016) und Morbus Parkinson (Imbriani, Sciamanna, Santoro, Schirinzi, & Pisani, 2018). Sie hat auch die Entwicklung von innovativen Behandlungsmöglichkeiten gefördert, unter anderem die Tiefenhirnstimulation (Benazzouz, Gross, & Bioulac, 2016). In der Psychologie werden Tiere typischerweise in Experimenten zur Untersuchung von Phänomenen wie der gelernten Hilflosigkeit (Seligman & Groves, 1970) und zur Konditionierung von Angstreaktionen anhand von elektrischen Schocks (Mineka, Cook, & Miller, 1984) verwendet. 

«Many of the most painful experiments [on animals] are performed in the field of psychology.» 

Peter Singer, 2002, S. 42 

Über die Jahre hinweg haben Tierversuche substanzielle theoretische Erkenntnisgewinne für die Psychologie ermöglicht sowie einen grossen praktischen Nutzen für die Psychiatrie erzeugt. Nichtsdestoweniger ist die Kontroverse um das Thema in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen, zum grossen Teil aufgrund von ethischen Überlegungen. 

Magels Paradoxon 

«Ask the experimenters why they experiment on animals, and the answer is: ‘Because the animals are like us.’ Ask the experimenters why it is morally okay to experiment on animals, and the answer is: ‘Because the animals are not like us.’ Animal experimentation rests on a logical contradiction.» 

Charles R. Magel, zitiert nach Pessin & Engel, 2015, S. 368 

In der biologischen Taxonomie von Lebewesen werden Menschen als Säugetiere klassifiziert. Sie weisen also eine grosse genetische Ähnlichkeit zu manchen Tieren auf: Die menschliche DNA stimmt sogar bis zu 99 Prozent mit der DNA von Schimpansen überein (Waterson, Lander, & Wilson, 2005). Somit wird die Xenotransplantation, insbesondere die Ersetzung von menschlichen Organen durch Tierorgane, von manchen Forschern als mögliche Alternative zu der intraspezifischen Transplantation angesehen (Cooper et al., 2017). Wenn man das Menschenhirn mit dem Primatenhirn vergleicht, so findet man, dass diese grundsätzlich gleich sind – abgesehen von kleinen Unterschieden in der Gehirnmasse und in der Anzahl an Neuronen (Jäncke, 2013). Diese Ähnlichkeiten zum Menschen haben für die Tiere zur Folge, dass diese als nützliche Versuchsobjekte angesehen werden, mit denen für Menschen relevante Forschung betrieben werden kann. 

Menschen und Tiere sind zwar Mitglieder desselben Reichs, sie gehören jedoch zu verschiedenen Spezies und unterscheiden sich daher in mehreren Hinsichten. Unter diesen Unterschieden findet man z. B. Sprache, Kultur, Emotionen und Intelligenz. Manche Menschenaffen, Vögel, Fische und Insekten haben zwar komplexe Kommunikationssysteme entwickelt, diese sind aber in keinerlei Weise mit der menschlichen Sprache vergleichbar, in dem Sinne, dass sie nicht alle 13 design features of language besitzen, die vom Anthropologen und Linguisten Charles F. Hockett (1960) definiert wurden. Weiter besitzen Tiere keine kumulative Kultur (Henrich, 2015), keine so grosse Bandbreite an Emotionen wie Menschen (Lazarus, 1991) und wenn man Intelligenz als Ausmass an mentaler und verhaltensbezogener Flexibilität definiert, ist der Homo sapiens die schlauste Spezies des Tierreichs (Roth & Dicke, 2005). Forscher machen sich solche Unterschiede häufig zu Nutze, um Tieren einen geringeren moralischen Wert zuzuweisen und folglich Tierexperimente zu legitimieren, so Magel in seinem Zitat. 

Kurz gefasst heisst es also: Tierversuche sind nützlich, weil Tiere uns ähnlich sind und sie sind vertretbar, weil Tiere sich von uns unterscheiden. Abgesehen von der Inkonsistenz dieser Argumentation, sollte die Frage gestellt werden, ob der Grad der Ähnlichkeit zum Menschen überhaupt ein sinnvolles Kriterium ist, wenn es darum geht zu entscheiden, wie ein Lebewesen behandelt werden sollte. In der Tat sollten laut dem utilitaristischen und antispeziesistischen Philosophen Peter Singer (2002) Rechtfertigungen für Ungleichheiten, die sich auf die Unterschiede zwischen Gruppen fokussieren, abgelehnt werden, denn diese haben – analog zu Speziesismus im vorliegenden Fall – schon zu den diskriminatorischen Phänomenen des Rassismus und Sexismus geführt. Ein weniger anthropozentrisches Argument, das für die moralische Berücksichtigung von Tieren spricht, ist ihre Fähigkeit, sich zu entwickeln und sich an ihre Umwelt anzupassen (Taylor, 1986). Damit sind Tiere nicht unsere Eigentümer, sondern die subjects-of-a-life, deren Zweck das eigene Überleben und Wohlbefinden ist. Aus dieser Überlegung wird manchmal die Schlussfolgerung gezogen, dass Tierversuche in allen Fällen unethisch sind (Regan, 2004). So einfach ist die Situation jedoch weitgehend nicht. 

Ein ethisches Dilemma 

Wenn Forschung auf Tiere möglichst begrenzt werden sollte, bleibt ein kompletter Verzicht auf Tierversuche zum heutigen Standpunkt noch eine Utopie, denn es gilt in unserer Gesellschaft im Allgemeinem, dass das Wohl der Menschen den Vorrang hat und dieses zum Teil von Forschungsergebnissen abhängt, die ohne Tierversuche nicht möglich wären. Es findet also eine Kosten-Nutzen-Abwägung statt, wobei die Kosten den Schaden darstellen, der den Tieren zugetan wird und die Nutzen den Gewinn für die Menschheit und Gesellschaft repräsentieren (BLV, 2017). Dabei besteht das Dilemma darin, dass es keine perfekte Lösung gibt: Entweder leiden Tiere zugunsten der Menschen oder Versuchstiere werden gerettet, aber dafür müssen manche Menschen leiden. Mit dem einen oder anderen Übel muss man leben können. 

Die Notwendigkeit von Alternativen 

«Tierversuche dürfen nur bewilligt werden, wenn keine alternativen Methoden vorhanden sind, mit denen eine Fragestellung beantwortet werden kann.»

Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, 2017 

In der Schweiz gilt seit den 80er Jahren das sogenannte 3R-Prinzip: «Replace, Reduce, Refine» (BLV, 2017). Replace bedeutet, dass Alternativen bevorzugt werden sollten, Reduce heisst, dass die Anzahl an Tieren, die für die Forschung gebraucht werden, möglichst klein gehalten werden sollte und Refine bezeichnet die Minimierung des Leidens der Tiere. Tierversuche werden also nur als letztes Mittel bewilligt, nachdem alle Alternativen durchgegangen und als ungeeignet bewertet wurden. Was gibt es demnach für Alternativen? Zu ihnen zählt man z. B. In-Vitro-Modelle wie die Organ-auf-Chip-Technologie (Huh et al., 2010) sowie Computermodelle, die unter anderem der Entwicklung von neuen Medikamenten dienen (Doke & Dhawale, 2015). Diese Techniken sind hochgradig komplex, dennoch sind sie noch nicht in der Lage eine Vielzahl an Forschungsfragen zu klären. Einen lebenden, fühlenden Organismus künstlich zu imitieren ist eine Herausforderung, die noch nicht bewältigt werden konnte. Diese Tatsache erklärt, dass es Tierversuche zum heutigen Standpunkt immer noch gibt, obwohl die meisten Menschen darauf verzichten wollen und trotz der schon existierenden Restriktionen. Daraus ergibt sich die dringende Notwendigkeit einer Zunahme an Forschung, die sich auf die Entwicklung von stellvertretenden Methoden fokussiert: Erst dann, wenn durch Alternativen qualitativ so hochwertige Ergebnisse wie Tierversuche garantieren werden, wird das Dilemma der Tierforschung endgültig gelöst. 

Kosten-Nutzen-Abwägung 

Das Leiden der Tiere wird in der Schweiz gemäss Art. 24 der Tierversuchsverordnung (2010) anhand von vier Schweregraden quantifiziert: Der Schweregrad 0 beinhaltet harmlose Beobachtungsstudien, der Schweregrad 1 leichte Belastungen, der Schweregrad 2 mittlere Belastungen und der Schweregrad 3 stellt die maximale zugelassene Belastung dar. Die sogenannten schutzwürdigen Interessen repräsentieren dagegen den potenziellen Nutzen von Tierversuchen. Diese werden in Art. 8 des Gentechnikgesetzes (2003) aufgelistet und enthalten z. B. «die Gesundheit von Mensch und Tier», «die Wissensvermehrung» und «[einen wesentlicheren] Nutzen für die Gesellschaft auf wirtschaftlicher, sozialer oder ökologischer Ebene». Wenn die schutzwürdigen Interessen als überwiegend ausfallen, wird der Schaden als gerechtfertigt angesehen. Im gegenteiligen Fall liegt eine Missachtung der Würde des Tieres vor und es darf kein Tierexperiment durchgeführt werden. 


Zum Weiterlesen

Lee, G., Illes, J., & Ohl, F. (Eds.). (2015). Ethical issues in behavioral neuroscience.  

Current Topics in Behavioral Neurosciences: Vol. 19doi:10.1007/978-3-662-44866-3 

Literatur

Benazzouz, A., Gross, C., & Bioulac, B. (2016). Non-human primate: An essential building brick in the discovery of the subthalamic deep brain stimulation therapy. Frontiers in Aging Neuroscience, 7doi:10.3389/fnagi.2015.00252 

Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. (2017). 3R – Replace, Reduce, Refine – Tierversuche ersetzen, reduzieren, verbessern. Retrieved from https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/tiere/tierversuche/3r-prinzip.html 

Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. (2017). Abwägung von Nutzen und Belastung. Retrieved from https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/tiere/tierversuche/schweregrad-gueterabwaegung.html 

Carr, R. N. (2017). From animal models to behavioural treatment of bipolar disorder. International Journal of Comparative Psychology, 30(0). Retrieved from https://escholarship.org/uc/item/0514404w 

Cooper, D. K. C., Gaston, R., Eckhoff, D., Ladowski, J., Yamamoto, T., Wang, L., … Tector, A. J. (2017). Xenotransplantation-the current status and prospects. British Medical Bulletindoi:10.1093/bmb/ldx043 

Doke, S. K., & Dhawale, S. C. (2015). Alternatives to animal testing: A review. Saudi Pharmaceutical Journal, 23(3), 223-229. doi:10.1016/j.jsps.2013.11.002 

Gentechnikgesetz, AS 2003 4803 (2003). 

Henrich, J. (2015). The secret of our success: How culture is driving human evolution, domesticating our species, and making us smarter. Princeton: Princeton University Press. 

Hockett, C. F. (1960). The origin of speech. Scientific American, 203(3), 88-97. 

Huh, D., Matthews, B. D., Mammoto, A., Montoya-Zavala, M., Hsin, H. Y., & Ingber, D. E. (2010). Reconstituting organ-level lung functions on a chip. Science, 328(5986), 1662-1668. doi:10.1126/science.1188302 

Imbriani, P., Sciamanna, G., Santoro, M., Schirinzi, T., & Pisani, A. (2018). Promising rodent models in Parkinson’s disease. Parkinsonism and Related Disorders, 46, 10-14. doi:10.1016/j.parkreldis.2017.07.027 

Lazarus, R. S. (1991). Emotion and adaptation. New York: Oxford University Press. 

Jäncke, L. (2013). Nervenzellen, Module, Kabel und Netzwerke. In Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften (pp. 61–79). Bern: Hogrefe. 

Planeta, C. S. (2013). Animal models of alcohol and drug dependence. Revista Brasileira de Psiquiatria, 35, 140-146. doi:10.1590/1516-4446-2013-1149 

Mineka, S., Cook, M., & Miller, S. (1984). Fear conditioned with escapable and inescapable shock: Effects of a feedback stimulus. Journal of Experimental Psychology: Animal Behavior Processes, 10(3), 307-323. doi:10.1037/0097-7403.10.3.307 

Pessin, A., & Engel, S. M. (2015). The study of philosophy: A text with readings (7th ed.). Blue Ridge Summit: Rowman & Littlefield. 

Taylor, P. W. (1986). Respect for nature: A theory of environmental ethics. Princeton, New Jersey: Princeton University Press. 

Tierversuchsverordnung, AS 2010 1479 (2010). 

Roth, G., & Dicke, U. (2005). Evolution of the brain and intelligence. TRENDS in Cognitive Sciences, 9(5), 250-257. doi:10.1016/j.tics.2005.03.005 

Regan, T. (2004). The case for animal rights. Berkeley: University of California Press. 

Schoenrock, S. A., & Tarantino, L. M. (2016). Developmental vitamin D deficiency and schizophrenia: The role of animal models. Genes, Brain and Behavior, 15, 45-61. doi:10.1111/gbb.12271 

Schöner, J., Heinz, A., Endres, M., Gertz, K., & Kronenberg, G. (2017). Post-traumatic stress disorder and beyond: An overview of rodent stress models. Journal of Cellular and Molecular Medicine, 21(10), 2248-2256. doi:10.1111/jcmm.13161 

Seligman, M. E., & Groves, D. P. (1970). Nontransient learned helplessness. Psychonomic Science, 19(3), 191-192. doi:10.3758/BF03335546 

Singer, P. (2002). Animal liberation: A new ethics for our treatment of animals. New York: Ecco. 

Wang, Q., Timberlake, M. A., Prall, K., & Dwivedi, Y. (2017). The recent progress in animal models of depression. Progress in Neuropharmacology & Biological Psychiatry, 77, 99-109. doi:10.1016/j.pnpbp.2017.04.008 

Waterson, R. H., Lander, E. S., & Wilson, R. K. (2005). Initial sequence of the chimpanzee genome and comparison with the human genome. Nature, 437(7055), 69-87. doi:10.1038/nature04072 

Das Experimentier

Verhaltensmessungen im Alltag bieten eine Alternative zum psychologischen Experiment 

Faultiere schlafen in Gefangenschaft fast 16 Stunden, in der freien Wildbahn hingegen nur neun bis zehn Stunden (Rattenborg et al. 2008). Das im Zoo beobachtete Verhalten kann nicht verallgemeinert werden. Doch wie aussagekräftig sind Erkenntnisse aus psychologischen Experimenten? 

Von Jan Nussbaumer 
Lektoriert von Selina Engeli und Noemi Müller

Ein Grossteil des Wissens in der Psychologie stammt aus Experimental- oder Fragebogenstudien und die methodischen Vorteile sind ersichtlich: Experimentalstudien erlauben eine grösstmögliche Kontrolle der untersuchten Variablen und minimieren den Einfluss von Störvariablen. Fragebogenstudien ermöglichen die Ermittlung der subjektiven Sicht und des Erlebens von Personen. Da es in der Psychologie wichtig ist, die inneren Prozesse zu erforschen und wir sicher sein wollen, dass nur die theoretisch vermutete Variable dafür verantwortlich ist, liegt der Wert dieser Ansätze auf der Hand. Doch wie Aussagekräftig sind sie, um Aussagen über Verhalten ausserhalb des Experimentalraums zu treffen? 

Zur Illustration dieser Problematik nennen Bussmann und Ebner-Priemer (2012) eine Studie, welche die Herzrate von Patienten mit Muskelschwäche und Gelenkschmerzen beim Laufen untersuchte (Horemans, Bussmann, Beelen, Stam, & Nollet, 2005). Die Herzrate war im Labor signifikant tiefer als im Feld, während die Schrittrate gleich blieb. Eine systematische Übersicht (Prince et al., 2008) legt zudem nahe, wie relevant die Erhebungsmethode bei Fragebogenstudien ist. Hierbei wurden zur Erhebung der körperlichen Aktivität Selbstauskünfte, in Form eines Fragebogens, mit objektiven Messungen im Alltag verglichen. Dabei hingen die subjektiven Auskünfte mit den objektiven Messungen im Allgemeinen lediglich gering bis moderat zusammen. Wie entscheidend dieser Unterschied sein kann, zeigt eine Studie von Buchman, Wilson und Bennett (2008), bei der ein Zusammenhang von täglicher Aktivität mit kognitiver Leistungsfähigkeit bei älteren Personen gefunden wurde. Der positive Einfluss von Bewegung war nur bei der objektiven Messung der Aktivität zu finden. Die zusätzlich erhobenen Selbstauskünfte zur körperlichen Aktivität konnten diesen Zusammenhang nicht zeigen. Dieser Zusammenhang von objektiv gemessener Bewegung und kognitiver Leistung konnte in einer weiteren Studie bestätigt werden, bei der die objektive Messung von der subjektiven Auskunft ebenfalls unabhängig war (Barnes, Blackwell, Stone, Goldman, Hillier, & Yaffe, 2008). Die Beispiele zeigen, wie wichtig es sein kann, die untersuchten Variablen auch im Alltag zu messen. 

Die technischen Fortschritte machen Alltagsmessungen immer günstiger und einfacher einzusetzen. Diese Fortschritte stellen jedoch auch neue Herausforderungen (für eine Übersicht siehe Mehl & Conner, 2012). Obwohl jedes Smartphone beispielsweise einen integrierten Schrittzähler hat, sind die Algorithmen zur Berechnung nicht einsehbar, was aus methodischer Sicht ungünstig ist. Zudem sind die Schrittzähler und Algorithmen von verschiedenen Geräten sowie Anbietern sehr unterschiedlich. Zudem unterscheiden sich die Schrittzähler und Algorithmen zwischen den Geräten von verschiedenen Anbietern. Deshalb muss in der Forschung auf andere Varianten zurückgegriffen werden. Ein weiteres Problem sind ethische Fragen, wie sie beispielsweise bei regelmässigen Audioaufnahmen per APP auftreten (z.B. EAR; Mehl, 2017). Die grossen Datenmengen, welche solche Verfahren mit sich bringen, machen die anschliessenden Analysen aufwändiger (Goodwwin, 2012). Dennoch vereinfachen die technischen Entwicklungen die Messung von psychologisch interessantem Alltagsverhalten. Das schafft Möglichkeiten, die wir nutzen sollten. Um auf die Tieranspielung zurückzukommen: Heute haben wir die Möglichkeit mit Peilsendern das Verhalten in der freien Wildbahn zu beobachten.  


Zum Weiterlesen

Mehl, M., & Conner, T. S. (2012). Handbook of research methods for studying daily life. New York: Guilford. 

Literatur

Barnes, D. E., Blackwell, T., Stone, K. L., Goldman, S. E., Hillier, T., & Yaffe, K. (2008). Cognition in older women: The importance of daytime movement. Journal Of The American Geriatrics Society, 56(9), 1658-1664. doi:10.1111/j.1532-5415.2008.01841.x 

Buchman, A. S., Wilson, R. S., & Bennett, D. A. (2008). Total daily activity is associated with cognition in older persons. The American Journal Of Geriatric Psychiatry, 16(8), 697-701. doi:10.1097/JGP.0b013e31817945f6 

Bussmann, J. B. J., & Ebner-Priemer, U. W. (2012). Ambulatory Assessment of Movement Behavior: Methodology, Measurement, and Application. In M. Mehl & T. S. Conner (Eds.), Handbook of research methods for studying daily life (pp. 235-250). New York: Guilford. 

Goodwwin, M. S. (2012). Passive Telemetric Monitoring: Novel Methods for Real-World Behavioral Assessment. In M. Mehl & T. S. Conner (Eds.), Handbook of research methods for studying daily life (pp. 251-266). New York: Guilford. 

Horemans, H. D., Bussmann, J. J., Beelen, A., Stam, H. J., & Nollet, F. (2005). Walking in postpoliomyelitis syndrome: the relationships between time-scored tests, walking in daily life and perceived mobility problems. Journal Of Rehabilitation Medicine, 37(3), 142-146. 

Mehl, M. R. (2017). The Electronically Activated Recorder (EAR): A method for the naturalistic observation of daily social behavior. Current Directions In Psychological Science, 26(2), 184-190. doi:10.1177/0963721416680611 

Prince, S. A., Adamo, K. B., Hamel, M. E., Hardt, J., Gorber, S., & Tremblay, M. (2008). A comparison of direct versus self-report measures for assessing physical activity in adults: A systematic review. The International Journal Of Behavioral Nutrition And Physical Activity, 5:56. doi:10.1186/1479-5868-5-56 

Rattenborg, N. C., Voirin, B., Vyssotski, A. L., Kays, R. W., Spoelstra, K., Kuemmeth, F., & … Wikelski, M. (2008). Sleeping outside the box: electroencephalographic measures of sleep in sloths inhabiting a rainforest. Biology Letters, 4(4), 402-405. doi:10.1098/rsbl.2008.0203 

Rätselhafte Bewusstseinsprobleme

Dass Tiere kein Bewusstsein haben, kann man nicht beweisen, das Gegenteil aber auch nicht. 

Es herrscht Konsens darüber, dass Menschen über ein Bewusstsein verfügen. Was ist das überhaupt, wie manifestiert es sich im Alltag und welche weitere Organismen verfügen über ein Bewusstsein? Durch das Fehlen einer fundierten Erklärung der Interaktion zwischen Körper und Psyche und der gemeinsamen Sprache zwischen Mensch und Tier, bleiben diese Fragen unbeantwortet. Es gibt aber Wissenschaftler|innen, welche sich nicht auf diesen von Descartes ausformulierten natürlichen Grenzen ausruhen.  

Von Yesica Martinez 
Lektoriert von Selina Engeli und Laurina Stählin
Illustriert von Yesica Martinez 

«Beauty is no quality in things themselves: It exists merely in the mind which contemplates them; and each mind perceives a different beauty.» 

Hume, 1907, S. 169  

Das Bewusstsein ist ein Wunder. Ich verdanke ihm, dass mein tägliches Teetrinken überhaupt Wohlbefinden und Genuss in mir auslösen kann. Dank unserem Bewusstsein können wir voller Gefühle wie Liebe, Schmerz oder Glück sein. Wir haben dadurch diverse Kulturen erschaffen und den Sinn für das Schöne verdankt man demselben Phänomen. Wie Hume (1907) andeutet, würde die Welt keinen subjektiven Gehalt haben ohne bewusste Psyche. Wir sind zwar hochentwickelt und scheinen mit Bestimmtheit mit einem Bewusstsein gesegnet zu sein. Aber Fitzgerald (1995) schrieb dagegen, «wer das Bewusstsein erfand, würde eine Menge Schuld tragen» (S. 216). Auch Jäncke (2016) fasste einen ähnlichen Gedanken: Kein ihm bekanntes Wesen ist sich selbst seine grösste Gefahr, nur der Mensch «bekämpft sich […] inzwischen nicht mehr vorrangig wegen lebensnotwendige[n] Ressourcen, sondern insbesondere aufgrund kultureller und damit erlernter Unterschiede» (S. 29). Die beiden Autoren kommentieren das verbreitete Hochpreisen der befähigten Menschen also eher mit Resignation und Bedenken. Dieses könnte zum Gedanken verleiten, dass wir uns ethisch über- und so die Tiere unterschätzen.  

Das konzeptuelle Problem 

Viele Philosoph|innen und Psycholog|innen haben sich seit Jahrtausenden mit den Problemen des Bewusstseins auseinandergesetzt – und das Interesse hält bis heute an. Das konzeptuelle Problem besteht darin, dass noch keine allgemeine Auffassung darüber herrscht, wie das Bewusstsein am besten definiert werden soll. Alle Erklärungsversuche beruhen eben nicht wie üblich auf objektiv beobachtbarer Materie. Man weiss noch nicht, wie man ein subjektiv erlebtes Phänomen einfangen und physikalische Gesetze darüber verfassen kann. Zwar bieten bildgebende Verfahren in den Neurowissenschaften eine Beobachtung und Messung dessen, was sich in unserem Inneren abspielt. Aber dieser Einblick gewährt kein Wissen darüber, wie sich dieses Feuern von Neuronen tatsächlich anfühlt. 

Ein prominenter Definitionsversuch des Bewusstseins stammt von Nagel (1974, S. 436): 

«(…) [F]undamentally an organism has conscious mental states if and only if there is something that it is like to be that organism—something it is like for the organism».  

Wir trinken Tee und sind uns der begleitenden Qualität des Geschmacks und der Wärme bewusst. Nagel (1974) nennt diesen schwer vermittelbaren und demnach schwer vergleichbaren Zustand auch qualia. Chalmers (1995) definierte das Bewusstsein als qualitatives Gefühl oder bewusstes Erleben. Es geht für beide nicht darum, dass die Wahrnehmung intakt ist, es geht vielmehr um das begleitende, sich irgendwie Anfühlende. Ausserdem muss Wahrnehmung per se nicht mit bewussten, mentalen Repräsentationen assoziiert sein. Die Psychologie bietet beispielhaft zahlreiche Argumente für unbewusste Wahrnehmungen und daraus folgend unbewusstes Funktionieren, Entscheiden und Handeln im Alltag (Jäncke, 2016). Aus dem Wissen über die Kraft des Unbewussten kristallisiert sich ein weiteres Problem heraus. 

Das naturbedingte Problem  

«Is consciousness an extra ingredient added to our ability to perceive, think, and feel, or is it inseparable from being able to perceive, think and feel?» 

Blackmore, 2005, S.8 

Die prominente These, dass lediglich ein kleiner Teil von all dem Wahrnehmbaren –  um uns und in uns –  tatsächlich bewusst wird und der grösste Teil unbewusst ablaufende Verarbeitungsprozesse darstellt, bewahrt uns vor einer Reizüberflutung (Jäncke, 2016). Wir verarbeiten nämlich nach Jäncke (2016) 1’375’000 Byte pro Sekunde, wobei geschätzt nur sieben Byte davon ins Bewusstsein gelangen. Die Regulierung zahlreicher Systeme, wie z. B. autonome vegetative Reaktionen des Nervensystems, geschieht ohne dass man sich dessen zwingend bewusst sein muss. Das naturbedingte Problem geht der Frage nach, wie und wieso manche Dinge bewusst werden, beziehungsweise wieso sie nicht einfach unbewusst bleiben. Bei diesem Problem gibt es unter Neurowissenschaftler|innen eine dominierende These. Unter dem Titel der Epiphänomenalist|innen wird dafür plädiert, dass das Bewusstsein ein Nebenprodukt neuronaler Vorgänge darstellt. In diesem Sinn betont Jäncke (2016), dass das Bewusstsein «unmöglich» (S. 273) auf das materielle Gehirn bzw. die neuronale Aktivität einwirken kann. Somit teilen sie dem Bewusstsein keine Funktion zu, weil es eigentlich nach unserem heutigen physikalischen Verständnis keine Funktion hat. Funktionalist|innen hingegen sehen das Bewusstsein nicht als Nebenprodukt, sondern als funktionelle Einheit. Tye (2016) beschreibt somit den Funktionalismus als Alternativerklärung für das naturbedingte Problem. Vereinfacht dargestellt argumentiert er beispielsweise, dass ein Schmerzverhalten, wie das Hinken, einen Hinweis auf ein Schmerzgefühl und die Funktion der Schmerzlinderung darstellt. Tiere, wie z. B. Bienen, die ebenfalls durch Verletzungen hinken, und somit auch ein Schmerzgefühl haben könnten, wären nach Tye (2016) bewusste Wesen. Ihm zufolge soll man davon ausgehen, dass dem so ist, solange man keine Gegenbeweise hat. Interessanterweise betont er, dass es multiple Realisationen für denselben Bewusstseinszustand geben kann. Somit kann es z. B. bei Menschen durch das Feuern von C-Fasern zu einem Schmerzgefühl kommen, beim Tier aber durch ein Feuern von D-Fasern. Seine philosophische Methodik basiert also auf dem Newtonschen Gesetz, welches folgendermassen lautet: «The general point is that I am entitled to infer sameness of cause from sameness of effect […], unless I have evidence that defeats the inference» (Tye, 2016, S. 73). Beide Ansätze zusammen gehören zu den Materialist|innen, welche sich weiterhin als Monist|innen bezeichnen. Monist|innen sagen, dass sich das Bewusstsein intrinsisch und nicht trennbar von unserem Gehirn ereignet. Egal wo und wie es entstanden sei, es gehöre biologisch einfach dazu, so wie das Blut zum lebendigen Körper. Sie unterscheiden sich insofern vom kartesischen Dualismus, als dass sie verneinen, dass die bewusste Psyche und der Körper aus verschiedenen Materien bestehen. Somit umgehen sie die Descartessche Problematik der physikalisch unerklärlichen Interaktion zwischen Materiellem und Immateriellem. Die Monist|innen aber haben trotzdem noch nicht endgültig erklärt, wie aus der Materie subjektive Erfahrung entstehen kann (Blackmore, 2017). 

Das epistemologische Problem  


Dass wir Menschen den einen und nicht den anderen Teebeutel wählen, scheint eng mit dem gewünschten Geruch beziehungsweise Geschmack in Raum und Mund zusammenhängend zu sein. Was wäre Geschmack ohne Bewusstsein? Einige Theoretiker|innen behaupten, dass es bei der Nahrungsauswahl der Tiere um die Nährstoffaufnahme geht und nicht um den Geschmack. Dass Bienen beispielsweise den Nektar der Blumen saugen, habe nichts damit zu tun, dass es irgendwie süss schmecke, sondern dass chemische Moleküle in ihre Rezeptoren passen und dadurch weitere Mechanismen angekurbelt würden, ohne dass Bienen den Nektar schmecken müssen. Ausserdem sehen Bienen die bunte Blume nicht so, als würde sich die Farbe Rot «rot» anfühlen, sondern vielmehr wird unbewusst eine Farbe repräsentiert, damit das Andockverhalten unterstützt wird. Einige Philosoph|innen wie z. B. Tye (2016) können diese Argumentation nicht unterstützen. Damit verbunden stellen sie sich vor ein nächstes Problem: Wieso sollten denn nur wir Menschen die Auserwählten sein? Das epistemologische Problem befasst sich mit dem Versuch zu erkennen, ob ein Etwas oder ein Jemand ein Bewusstsein hat. Dafür müssen Kriterien definiert werden, was ein bewusstes Wesen ausmacht. Das bedeutet, um dieses Problem zu lösen, müssten sowohl das konzeptuelle als auch das naturbedingte Problem gelöst sein. Oder es wäre zumindest von Vorteil. Nach Nagel (1974) könnte man sich fragen, wie es wohl wäre, eine täglich mit heissem Wasser gefüllte Teetasse zu sein. Womöglich ist man sich einig, dass es sich gar nicht nach etwas anfühlen würde. 

Descartes war der Meinung, dass «Sprache […] das einzige sichere Anzeichen dafür [sei], dass im Körper ein Geist verborgen ist» (Descartes, 1944). Durch den berühmten Satz «Ich denke, also bin ich.» ist für ihn das Denken, in Form von Sprache im eigenen Kopf, das zentrale Element, woraus das Bewusstsein erzeugt wird. Daraus schloss er, dass Tiere unbewusste Automaten seien – Körper ohne Psychen (Descartes, 1944). Nagel (1974) ging nicht so weit wie Descartes, schrieb aber, dass die Frage ein unbeantwortetes Mysterium ist und bleibt, da man ein Tier nicht einfach fragen kann, ob sich seine Existenz so oder anders anfühlt. Die Frage ist aber seither nicht abgetan: Haben Tiere ein Bewusstsein und kann man somit ohne unsere Sprache denken? Für ihre Fähigkeiten berühmte Tiere wie Raben oder Oktopusse scheinen sehr lernfähig zu sein, zeigen ein flexibles, sich stets anpassendes Verhalten, und verfolgen Ziele intentional. Ausserdem scheinen Gedächtnisfähigkeiten beim Raben und Sinneszellen beim Oktopus bemerkenswert weit entwickelt zu sein. Agieren sie mit Bewusstsein oder sind sie entsprechend der Argumentation von Descartes dazu verdammt, von uns als unbewusstes und vegetatives Nervensystem verstanden zu werden?  

Der Neurowissenschaftler Damasio hat für diese Frage einen diametral entgegengesetzten Ansatz zu Descartes. Er schreibt den Gefühlen eine der bedeutendsten Basen für das Bewusstsein zu – welche interessanterweise von Descartes (1944) als «störend» bezeichnet wurden. Nach Damasio (2000) heisst es: «Ich fühle, also bin ich». Damit verbunden schreibt er dem Körper eine tragende Rolle zu, denn der Körper dient als Wegbereiter jener unbewussten Emotionen, aus denen schlussendlich bewusste Gefühle entstehen (Damasio, 2000; Godfrey-Smith, 2017).  

Damasio (2001) postuliert für ein Verständnis des Bewusstseins, welches auch ohne komplexe Sprach- oder Gedächtnisleistungen persistiert. Die bewusste Psyche kann nicht ohne Körper entstehen und ist somit sehr eng mit all dem verbunden, was der Körper produziert. Damasio (2001) sieht das Gehirn als komplexes Steuerorgan, um den Körper zu erhalten: «Um wirkungsvoller zu steuern, braucht das Gehirn eine Vorstellung davon, was im Körper vor sich geht. […] Und alles was in unserem Kopf geschieht, dreht sich um die Beziehung zwischen Abbildungen des Körpers und Abbildungen von anderen Dingen.» (Damasio, 2001). Der Organismus würde sich z. B. in Anwesenheit eines Objektes oder einer Person verändern und so wird nach Damasio (2001) eine Basis für das Bewusstsein gelegt. Diese Veränderung würde in Form von Gefühlen in unserem Bewusstsein erscheinen (Godfrey-Smith, 2017).  

Neuere Ansätze suchen vielmehr nach potentiell gemeinsamen Kriterien für das Bewusstsein bei Mensch und Tier, um dann zu untersuchen, ob diese Kriterien tatsächlich bei beiden zu finden sind. Demnach könnte man durch die Gefühls- und Emotionswelt Ansätze für die Frage finden, ob Tiere ein Bewusstsein haben. Vom bestehenden Problem der Sprache lässt man sich nicht aufhalten. Für Damasio (2001) steht fest, dass andere Organismen auch eine Form von Bewusstsein haben. Er schuf aber keine Liste mit Tieren, bei welchen eine solche Form zutrifft. Vom Philosoph Godfrey-Smith (2017) wurde die Idee nämlich verworfen, dass Bewusstsein in der Evolution beim Menschen plötzlich eingetreten ist. Vielmehr plädiert er für ein graduelles Verständnis vom Bewusstsein. Ähnlich steht Jäncke (2016) für ein kontinuierliches Verständnis von unbewusst zu bewusst ein. Dazwischen könnte z. B. Ahnung oder Vertrautheit stehen. Aus dieser flexiblen Idee des Bewusstseins springt eine weitere hervor, dass es nämlich nicht nur die eine Form geben kann, die wir als Bewusstsein kennen. Dies könnte zum Schluss führen, dass bei Tieren andere Kriterien gälten (Godfrey-Smith, 2017). 

Das ethische Problem 

Und wenn die Bewusstseinsforschung alle oben genannten Probleme gelöst hätte, würde mindestens ein weiteres Problem folgen: das ethische Problem. In Peter Singers Buch Animal Liberation (1995) wird für die Dringlichkeit einer Revision der Tierethik argumentiert. Vorweg ist für ihn die Spezieszugehörigkeit keine hinreichende Bedingung für eine unterschiedlich geltende Moral. Für manche endet die ethische Diskussion wegen Unstimmigkeit an diesem Punkt. Aber für damit übereinstimmende Denker|innen hat die Diskussion noch gar nicht richtig begonnen. Man kann sich primär die Frage stellen, ob ein Wesen mit Bewusstsein – z. B. durch Schmerzgefühle – einen besonderen moralischen Status hat. Nach Singer wäre das Leiden der Tiere ein starkes Argument, um deren Rechte neu zu schreiben. Durch die noch nicht beendete Diskussion über den potentiell bewussten Psychen der Tiere, stehen die Wege zu einer gleichwertigeren Betrachtung von Mensch und Tier noch offen. So könnte die Ethik für Tierindustrien und dem damit verbundenen Konsumverhalten, Tierversuchen oder Lebensraumzerstörungen neu gedacht werden. Diese aufeinander aufbauenden und rätselhaften Bewusstseinsprobleme könnten zu vorsichtigerem Denken führen und voreiligen Schlussfolgerungen – wie z. B. über das Nichtvorhandensein eines Bewusstseins beim Tier – den Wind aus den Segeln nehmen.  

Der Neglect  

Ein interessantes Beispiel für ein Syndrom, welches eng mit dem Bewusstsein assoziiert wird, ist der Neglect (Blackmore, 2017). Der Neglect (lateinisch neglegere = nicht wissen, vernachlässigen) wird dadurch definiert, dass ein|e Patient|in die kontralaterale Raum- oder Körperseite zu einer Hemisphärenläsion «[…] vernachlässigt oder in [ihrer] Existenz ignoriert, […]» (Bähr & Frotscher, 2003, S. 398). Die Vernachlässigung darf per Definition nicht durch primär motorische oder sensorische Beeinträchtigungen erklärbar sein. Daraus resultiert eine Symptomatik, welche verschiedene Modalitäten betreffen kann: Zum Beispiel rasieren Patient|innen nur eine Hälfte des Gesichts, haben halbseitig kein Schmerzgefühl, fühlen sich von der einen Seite nicht angesprochen, übersehen Hindernisse in der einen Raumhälfte, zeichnen konstant nur die Hälfte eines Gegenstandes oder handeln nur in die ipsiläsionale Seite hinein (Schnider, 2004).  

In der berühmten Studie von Bisiach und Luzzatti (1978) wurden Patient|innen gebeten, alle Geschäfte rund um den Platz des Mailänder Doms aufzuzählen. Dabei gab es einerseits die Bedingung, dass sie sich vorstellen mussten, zum Eingang des Doms zu schauen, und andererseits mussten sie in Gedanken mit dem Rücken zum Eingang stehen und von diesem wegschauen. Interessanterweise zählten Patient|innen in beiden Bedingungen nur jeweils die Geschäfte auf, welche zur mentalen rechten Seite ihres imaginären Standortes zu sehen waren. Die linke Seite schien trotz Wissen und Willen nicht bewusst und somit vorübergehend nicht existent zu sein (Bisiach & Luzzatti, 1978). 


Zum Weiterlesen

Blackmore, S. (2017). Consciousness: A very short introduction. Oxford University Press. 

 
Godfrey-Smith, P. (2017). Other Minds: The Octopus and the Evolution of Intelligent Life. HarperCollins UK. 

Literatur 

Bähr, M., & Frotscher, M. (2003). Duus‚ neurologisch-topische Diagnostik: Anatomie, Funktion, Klinik. Georg Thieme Verlag. 

Bisiach, E., & Luzzatti, C. (1978). Unilateral neglect of representational space. Cortex14(1), 129-133. 

Blackmore, S. (2005). Consciousness: A very short introduction. Oxford University Press. 

Blackmore, S. (2017). Consciousness: A very short introduction. Oxford University Press. 

Damasio, A. R. (2000). Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. List, München. 

Damasio, A. (2001). Das Gehirn ist nur der Manager. In: Bild der Wissenschaft, unter: http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1527368/Antonio-Damasio%3A-%E2%80%9EDas-Gehirn-ist-nur-der-Manager%22/ (abgerufen am 12.01.2018). 

Descartes, R. (1644). Principia philosophiae, Amsterdam. Pt, 2, 57-59. 

Fitzgerald, F. S. (1995). The Short Stories of F. Scott Fitzgerald: A New Collection. Simon and Schuster. 

Hume, D. (1907). Essays: Moral, political, and literary (Vol. 1). Longmans, Green, and Company. 


Godfrey-Smith, P. (2017). Other Minds: The Octopus and the Evolution of Intelligent  

Life. HarperCollins UK. 

Jäncke, L. (2016). Ist das Hirn vernünftig. Erkenntnisse eines Neuropsychologen. Verlag Hans Huber, Bern. 

Nagel, T. (1974). What is it like to be a bat?. The philosophical review83(4), 435-450. 

Schnider, A. (2004). Verhaltensneurologie: die neurologische Seite der Neuropsychologie; eine Einführung für Ärzte und Psychologen. Thieme.  

Singer, P. (1995). Animal liberation. Random House. 

Tye, M. (2016). Tense Bees and Shell-shocked Crabs: Are Animals Conscious?. Oxford University Press. 

Nach dem Studium – wie wichtig sind psychologische Fachtitel?

«Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.» – Henry Ford 

Die meisten Psycholog*innen beginnen mit der Aufnahme der Berufstätigkeit ihre berufliche Entwicklung hin zu Fachpsycholog*innen. Dazu sind Weiter- und Fortbildungen notwendig. In diesem Artikel soll eine kurze Übersicht über die Bedeutung von Fachtiteln und Weiterbildungen in den wichtigsten psychologischen Tätigkeitsfeldern ausserhalb von Forschung und Hochschulen gegeben werden. 

Von André Widmer
Lektoriert von Vera Meier
Illustriert von Vera Meier und Selina Landolt in Zusammenarbeit mit André Widmer

Mit dem Berufseinstieg nach Abschluss des Psychologiestudiums stellen sich Fragen zur eigenen Laufbahnplanung und zur Gestaltung der beruflichen Karriere. In welchem psychologischen Fachgebiet möchte ich tätig sein? Wie sind die kurz- und längerfristigen Berufsaussichten in den verschiedenen Fachgebieten? Wie komme ich zu meinen ersten Berufserfahrungen? Welche Weiterbildungen sind für meine berufliche Entwicklung notwendig?  

Frisch gebackenen Psycholog*innen wird schnell bewusst, dass sie in der Welt des Berufslebens mit neuen Herausforderungen konfrontiert sind. Den vertrauten Rahmen der Hochschule gibt es nicht mehr, Neuorientierung wird notwendig. Theoretische Fach- und Wissenskompetenzen sind weniger gefragt. Wichtiger werden andere Fähigkeiten, wie zum Beispiel Wissen und Können erfolgreich in der Praxis anzuwenden. Neu gefragt sind auch soziale Kompetenzen im Umgang mit Klient*innen und Kund*innen sowie mit Arbeitskolleg*innen aus anderen Berufsfeldern. 

Psychologische Weiter- und Fortbildungen werden damit zu einem wichtigen Bestandteil der Laufbahnplanung und sind Voraussetzung für eine erfolgreiche berufliche Karriere. Sie ermöglichen es, sich den Anschluss an den wissenschaftlichen Erkenntnisstand, an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel in einem Fach- und Aufgabengebiet zu sichern und sich beruflich wie auch persönlich weiterzuentwickeln.  

Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) und der Bund definieren berufsbegleitende Weiterbildungen als Voraussetzung für psychologische Weiterbildungs- und Fachtitel. Diese sind zum Teil Voraussetzung, um in einem bestimmten Fachgebiet selbständig oder angestellt tätig zu sein. Sie werden von Behörden und Arbeitgebern in der Regel für eine Anstellung verlangt. 

Im Folgenden wird beschrieben, für welche psychologischen Berufe, Anstellungen und Dienstleistungen welche psychologische Weiterbildungs- und Fachtitel verlangt oder empfohlen werden. 

Psychotherapie und klinische Psychologie 

Um psychotherapeutische Leistungen erbringen zu können, benötigen Psycholog*innen den eidgenössischen Psychotherapieweiterbildungstitel. Dazu muss eine vom Bund anerkannte, berufsbegleitende Weiterbildung erfolgreich absolviert werden. Diese Weiterbildungen dauern in der Regel vier bis sechs Jahre. Zu den Weiterbildungsgängen sind Psycholog*innen mit ausreichenden Studienleistungen in klinischer Psychologie und Psychopathologie zugelassen. Für die selbständige Tätigkeit als Psychotherapeut*in ist zusätzlich eine kantonale Praxisbewilligung notwendig. Ebenso braucht es für die Anstellung in einer privaten psychiatrischen Arztpraxis (delegierte Psychotherapie) eine kantonale Bewilligung. Eine Anstellung im Rahmen der delegierten Psychotherapie ist bereits nach fortgeschrittener Weiterbildung in einem vom Bund anerkannten Studiengang möglich. Zurzeit sind über vierzig Psychotherapieweiterbildungen vom Bund anerkannt.  

«Nur die eidgenössischen Weiterbildungstitel und die Fachtitel der Berufsverbände in der privat-rechtlich geschützten, vollen Bezeichnung (wie zum Beispiel «Fachpsychologin für Sportpsychologie FSP») sind deshalb ein zuverlässiges Qualitätslabel für fachlich spezialisierte Psycholog*innen. Sie sind wichtig für die persönliche Marktfähigkeit und oft relevant für eine bessere Entlöhnung.» 

André Widmer

Informationen zu den vom Bund akkreditierten Psychotherapieweiterbildungen sind über die Website des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zu finden: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/berufe-im-gesundheitswesen/akkreditierung-gesundheitsberufe/akkreditierung-vonweiterbildungsgaengen-im-bereich-psychologieberufe/liste-akkredit-weiterbildung.html  

Neuropsychologie 

Neuropsycholog*innen benötigen für die Abrechnung ihrer Leistungen über die Grundversicherung der Krankenkassen den FSP-Fachtitel Neuropsychologie. Die Weiterbildung dauert fünf bis sechs Jahre. Daneben gibt es auch einen eidgenössischen Weiterbildungstitel Neuropsychologie, der schon bald vom Bund vergeben wird. Der Bund wird diesen Weiterbildungstitel erst ausstellen, wenn er entsprechende Weiterbildungsgänge akkreditiert hat, was zurzeit noch nicht der Fall ist. Die Universitäten Zürich und Genf haben neuropsychologische Studiengänge (Master of Advanced Studies, MAS) zur Anerkennung eingereicht. Die Akkreditierung dieser Studiengänge erfolgt voraussichtlich 2020. Die Fach- und Weiterbildungstitel der FSP und jene des Bundes gelten als äquivalent. Die MAS-Weiterbildungsgänge dauern ebenfalls mindestens fünf Jahre. Für den Berufseinstieg in einem Spital sind bereits absolvierte neuropsychologische Praktika von Vorteil. Für eine Festanstellung wird der abgeschlossene Neuropsychologie-Fachtitel oder eine fortgeschrittene Weiterbildung in diesem Bereich verlangt. Für die selbständige Tätigkeit als Neuropsychologe*in wird in bestimmten Kantonen (z. B. im Kanton Aargau) bereits heute eine Praxisbewilligung vorausgesetzt, wie sie auch selbständig arbeitende Psychotherapeut*innen benötigen.  

Weitere Informationen zur Weiterbildung und zum Fachtitel in Neuropsychologie sind über die Website der Schweizerischen Vereinigung der Neuropsychologinnen und Neuropsychologen (SVNP) zu finden: https://www.neuropsy.ch/de/fachpersonen/postgraduale-weiterbildung 

Schulpsychologie und Erziehungsberatung 

Die Anstellungsbedingungen von öffentlichen Erziehungsberatungsstellen und schulpsychologischen Diensten sind kantonal oder auf Stufe der Gemeinden (z. B. im Kanton Zürich) geregelt und bedingen in der Regel den FSP-Fachtitel Kinder- und Jugendpsychologie. Es gibt zwar auch hier einen entsprechenden eidgenössischen Weiterbildungstitel Kinder- und Jugendpsychologie, der aber zurzeit ebenfalls noch nicht ausgestellt wird. Die Universität Basel hat einen ersten MAS-Weiterbildungsgang zur Akkreditierung beim Bund eingereicht. Die Anerkennung wird voraussichtlich 2020 erfolgen. Auch hier ist davon auszugehen, dass der FSP-Fachtitel und der eidgenössische Weiterbildungstitel bei Anstellungen als äquivalent gelten werden. Die Weiterbildung zum FSP-Fachtitel Kinder-und Jugendpsychologie sowie die MAS-Weiterbildungsgänge des Bundes dauern fünf Jahre. Für den Berufseinstieg auf einer kantonalen oder kommunalen Stelle sind bereits absolvierte Praktika im Bereich der Kinder- und Jugendpsychologie von Vorteil. Für eine Festanstellung wird oft der FSP-Fachtitel Kinder- und Jugendpsychologie oder eine fortgeschrittene berufsbegleitende Weiterbildung verlangt. Für die selbständige Tätigkeit als Schulpsychologe*in ist keine Praxisbewilligung erforderlich.  

Weitere Informationen zur Weiterbildung und zum Fachtitel sind auf der Website der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP) zu finden: https://www.skjp.ch/de/fachtitel/pgw/fachtitel/pgw  

Rechtspsychologie 

Psycholog*innen, die in kantonalen Justizdirektionen (Strafvollzug, Polizei etc.) oder im forensischen Bereich der Psychiatrie arbeiten, verbessern mittelfristig ihre Marktchancen, wenn sie den FSP-Fachtitel Rechtspsychologie und/oder, den für psychotherapeutische Leistungen zwingend vorzuweisenden, eidgenössischen Weiterbildungstitel Psychotherapie (siehe oben) erwerben. Die berufsbegleitende rechtspsychologische Weiterbildung dauert rund fünf Jahre. Die Schweizerische Gesellschaft für Rechtspsychologie (SGRP) führt eine Empfehlungsliste von Fachtitelträgern*innen für Gutachten, die sie an kantonale und eidgenössische Stellen abgibt. Für den Berufseinstieg sind bereits absolvierte Praktika im entsprechenden Fachbereich von Vorteil.  

Weitere Informationen zu den Weiterbildungen und dem Fachtitel in Rechtspsychologie sind auf der Website der SGRP zu finden: https://www.rechtspsychologie.ch/de/fachtitel  

Verkehrspsychologie 

Verkehrspsycholog*innen führen vor allem verkehrspsychologische Eignungsuntersuchungen im Auftrag von kantonalen Stellen durch. Es sind dies in der Regel Neuropsycholog*innen oder Psychotherapeut*innen mit angefangener oder abgeschlossener verkehrspsychologischer Weiterbildung. Die Schweizerische Vereinigung für Verkehrspsychologie (VfV) führt zuhanden der anordnenden kantonalen oder Bundesbehörden eine Liste von selbständig praktizierenden Verkehrspsycholog*innen mit dem FSP-Fachtitel Verkehrspsychologie, die sie für entsprechende Untersuchungen und Gutachten empfiehlt. Die FSP vergibt den Fachtitel an Psycholog*innen, die eine berufsbegleitende Weiterbildung inkl. Praxiserfahrung gemacht haben. Die Weiterbildung in Verkehrspsychologie dauert zwei Jahre. Der Berufseinstieg erfolgt in der Regel über eine bereits bestehende neuropsychologische oder psychotherapeutische Tätigkeit.  

Weitere Informationen zur Weiterbildung und zum Fachtitel in Verkehrspsychologie sind auf der Website der VfV zu finden: https://www.vfv-spc.ch/verein/fachtitel-verkehrspsychologie  

Berufs- und Laufbahnberatung, Personalpsychologie 

Berufs-, Studien- und Laufbahnberater*innen arbeiten in öffentlichen und privaten Berufs- und Laufbahnberatungsstellen, Studienberatungen, regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), IV-Stellen oder an Schulen. Für die Tätigkeit als Berufs- und Laufbahnberater*in ist eine Weiterbildung erforderlich die zum FSP-Fachtitel Laufbahn- und Personalpsychologie führt. Die berufsbegleitende Weiterbildung wird von den Universitäten Bern, Fribourg und Lausanne angeboten (MAS und Diploma of Advanced Studies, DAS). Diese Weiterbildungsgänge dauern vier Jahre. Daneben bieten auch die Fachhochschule Zürich (ZHAW) sowie die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) entsprechende Weiterbildungen an (MAS). Der Berufseinstieg erfolgt mit dem Beginn der Weiterbildung. Für Anstellungen in Personalabteilungen von grossen Unternehmen oder Personalrekrutierungsfirmen sind Fachtitel weniger gefragt. Die Weiterbildung erfolgt tätigkeits- und aufgabenspezifisch.  

Weiterführende Informationen zum FSP-Fachtitel Laufbahn- und Personalpsychologie sind auf der Website des FSP zu finden: https://www.psychologie.ch/beruf-bildung/weiterbildung/fachtitel  

Zusätzlich informieren auch die ZHAW und FHNW über die angebotenen Weiterbildungen:  https://www.zhaw.ch/de/psychologie/weiterbildung/ oder https://www.fhnw.ch/de/weiterbildung/wirtschaft/mas-laufbahnberatung. 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Weiterbildungs- und Fachtitel Psycholog*innen als Expert*innen für die eigenverantwortliche und selbständige Berufsausübung in einem bestimmten Fach- und Tätigkeitsgebiet qualifizieren. In diesem Sinne sind die eidgenössischen Weiterbildungs- und FSP-Fachtitel ein Qualitätslabel für Fachpsycholog*innen. Dies ist insofern bedeutsam, da zum Beispiel nur Psycholog*innen, die über einen eidgenössischen Weiterbildungstitel in Psychotherapie verfügen, sich in ihrer Berufsbezeichnung «Psychotherapeut*in» nennen dürfen. Dies gilt jedoch nicht analog für die anderen psychologischen Fach- und Tätigkeitsbereiche. Auch Psycholog*innen, die keinen Titel haben, dürfen für ihre Berufsbezeichnung eine fachliche Spezifizierung verwenden, zum Beispiel «Sportpsychologe*in». Dies ist möglich, weil für die Tätigkeit als Sportpsychologe*in per Gesetz kein Fachtitel verlangt wird (im Gegensatz zur psychotherapeutischen Tätigkeit). Nur die eidgenössischen Weiterbildungstitel und die Fachtitel der Berufsverbände in der privat-rechtlich geschützten, vollen Bezeichnung (wie zum Beispiel «Fachpsychologin für Sportpsychologie FSP») sind deshalb ein zuverlässiges Qualitätslabel für fachlich spezialisierte Psycholog*innen. Sie sind wichtig für die persönliche Marktfähigkeit und oft relevant für eine bessere Entlöhnung. 

Weitere Fachtitel 

Die FSP vergibt zurzeit zusätzlich die Fachtitel Coaching-PsychologieSportpsychologie und Gesundheitspsychologie. Auch der Bund führt noch einen weiteren psychologischen Weiterbildungstitel, den eidgenössischen Weiterbildungstitel für Gesundheitspsychologie. Dieser wird jedoch ebenfalls erst nach der Akkreditierung einer entsprechenden Weiterbildung ausgestellt werden können. Bei einer Tätigkeit in diesen Fachgebieten wird eine begonnene oder abgeschlossene Weiterbildung in der Regel erwartet. Neben der FSP vergibt auch der Schweizerische Berufsverband für Angewandte Psychologie (SBAP) psychologische Fachtitel an seine Mitglieder.  

Weitere Informationen dazu sind auf der Website des SBAP zu finden: https://sbap.ch/mitglieder/fachtitel.  


Zum Weiterlesen

Informationen zu den FSP-Fachtiteln: 

https://www.psychologie.ch/beruf-bildung/weiterbildung/fachtitel

Informationen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zu den Psychologieberufen: 

https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/berufe-im-gesundheitswesen/psychologieberufe.html

 

Distanzen überwinden

Wir vom FAPS helfen Dir dabei 

Wahrscheinlich hast Du es auch mal erlebt: Du sitzt in einer Vorlesung, schaust nach links und rechts, kennst aber niemanden. Dann strömen noch Unmengen an Infos und Lernstoff auf dich zu…  

Von Angela Pape
Lektoriert von Jovana Vicanovic  und Hannah Meyerhoff

Du fühlst Dich verunsichert und immer fremder in Deiner Studienwahl und unter Deinen Mitstudierenden? Gerade am Anfang des Studiums oder eines Semesters kommen solche Gefühle immer mal wieder auf. Dabei ist es wichtig zu wissen, Du bist nicht allein*e damit und vor allem: Du kannst etwas dagegen tun! 

Als Studierende*r unserer Universität bekommst Du viele Gelegenheiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und Distanzen zu überwinden. Du kannst Dich auch für Deine Uni und für Deinen Fachbereich engagieren. Das steigert die Identifikation mit Deinem Studienfach und den Mitstudierenden.  

Ein sehr einfacher Weg für alle Psychos ist unser Fachverein, besser bekannt unter dem Namen FAPS. 

Nimm an unseren Events teil! 

Egal ob Spieleabende im Irchel, Glühweinparties auf der Mensaterrasse in Oerlikon, Winterweek mit Ski- und Snowboard-Spass oder die allbekannte Psychoparty: Mit unseren Events bringen wir Studierende vieler Fachrichtungen zusammen. Dabei kooperieren wir immer wieder mit anderen Fachvereinen. 

Vernetz Dich! 

Du möchtest wissen, wie es nach dem Psychologiestudium weitergeht und welche unterschiedlichen beruflichen Wege für Dich in Frage kommen? Durch unsere Afterstudy-Events wollen wir Dir die beste Entscheidungsgrundlage dafür bieten. Daher laden wir Psycholog*innen aus verschiedenen Bereichen ein und sie erzählen etwas über ihren Berufsalltag. Du hast im Anschluss die Möglichkeit, Fragen zu stellen und beim Apéro mit ihnen ins Gespräch zu kommen. So kannst Du mehr Klarheit über deinen zukünftigen Weg entwickeln und Unsicherheiten abmildern. 

Profitiere von Anderen! 

Mit dem Lernen ist es wieder knapp geworden oder Du möchtest Dir Vorbereitungszeit einsparen? Dann komm bei uns im Skriptshop vorbei und kaufe zu unseren Öffnungszeiten professionell überarbeitete Zusammenfassungen von älteren Studierenden, die bereits sehr gute Noten in den Modulen geschrieben haben. 

Nimm Einfluss! 

Zum Unialltag gehören natürlich auch die Dozierenden und Professor*innen, die ausserhalb der Lehrveranstaltungen in verschiedenen Gremien der Fakultät wichtige Entscheidungen über unseren Studienalltag treffen. Auch hier sind wir vertreten, um unsere Interessen als Studierende bezüglich der Lehre, dem Studienalltag und anderen Angelegenheiten in der Fakultät zu wahren und geltend zu machen. Jedes Semester kannst Du ausserdem für Deine Lieblingsdozierenden abstimmen. Die beiden Dozierenden mit den meisten Nominierungen erhalten vom FAPS eine Urkunde für gute Lehre. So bleiben Professor*innen und Dozierende nicht in ihrem Elfenbeinturm und bekommen Einsicht in die Perspektive von uns Studierenden. 

Informier Dich! 

Über aktuelle Anliegen wirst Du auf unseren Social-Media-Kanälen auf Instagram und Facebook, der Mailinglist sowie unserer ganz neu überarbeiteten Homepage (www.faps.ch) informiert. 

Du möchtest noch mehr über die Arbeit im FAPS erfahren? Dann schau doch in unseren Sitzungen vorbei oder nimm an unserer Generalversammlung im März teil.  

Engagier Dich! 

Wie Du merkst, haben wir im FAPS viele Wege gefunden, Distanzen in diversen Bereichen für Psychologiestudierende aus dem Weg zu räumen. Auch Du kannst Dich dafür engagieren! Lass Dich von uns in die Helfendenliste eintragen und unterstütze uns bei unseren Events.  

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Über den Umgang mit Trennungen

Ein kurzer Ratgeber für frisch Getrennte und ihr Umfeld 

Welche Faktoren beeinflussen das Auftreten von Trennungsproblemen? Wie können diese Probleme verringert werden? Welche Rolle spielen soziale Medien im Umgang mit Trennungen? Wie kann man jemanden bei einer Trennung unterstützen? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden. 

Von Rafael Wespi
Lektoriert von Marina Reist und Celina Weder
Illustriert von Janice Lienhard

Faktoren die Trennungsanpassung beeinflussen können 

Das Beenden einer romantischen Beziehung gehört zu einer oftmals schmerzhaften, jedoch wichtigen Erfahrung in der Entwicklung der meisten Menschen. Im besten Fall hinterlassen Trennungen Erinnerungen sowie minimale Narben. Ebenso gut besteht die Möglichkeit, dass man nicht über den Verlust hinwegkommt, was oft mit dem Auftreten von psychischen Störungen wie Depressionen oder dem Gefühl von Einsamkeit zusammenhängt (Low et al., 2012). 

Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf Trennungen. Dabei steht ausser Frage, dass es sich bei den meisten Trennungen zumindest für einen der beiden Betroffenen um ein schmerzhaftes Ereignis mit oft noch schmerzhafteren und teils weitreichenden Folgen handelt (Gomillion et al., 2015; Haimson et al., 2018; Low et al., 2012; Nongpong & Charoensukmongkol, 2016; Smith & Cohen, 1993; Yıldırım & Demir, 2015). Die Ausprägungen und Dauer der Trennungsfolgen hängen dabei unter anderem davon ab, ob die Trennung von einem selbst eingeleitet wurde, man bereits eine neue Beziehung eingegangen ist, ob man sich des Trennungsgrundes bewusst ist und ob man nach der Trennung die soziale Unterstützung erhält, die man benötigt (Gomillion et al., 2015; Yıldırım & Demir, 2015). 

«Der Kummer, der nicht spricht, nagt am Herzen, bis es bricht.» 

William Shakespeare, 1564-1616

Auf einige Faktoren, die den Verlauf einer Trennungsanpassung beeinflussen, kann man selbst nur in einem geringen Mass Einfluss nehmen. Es handelt sich dabei zum Beispiel darum, von wem die Trennung eingeleitet wird oder ob bereits / schon bald eine neue romantische Beziehung eingegangen wird / wurde (Yıldırım & Demir, 2015). Einige Faktoren für eine möglichst reibungslose Trennung lassen sich einfacher beeinflussen, wie das Ergründen und Verstehen des Trennungsgrundes oder jemandem durch das Geben von sozialer Unterstützung beizustehen. Es wurde beispielsweise festgestellt, dass sich bei mangelndem Verständnis für die Ursache einer Trennung ein Abschluss der Beziehung als schwierig erweisen kann, unter Anderem, wenn eine Beziehung ohne ein ausführliches abschliessendes Gespräch beendet wurde (Yıldırım & Demir, 2015). Ebenfalls entstehen daraus häufig Unsicherheiten bezügliche der eigenen Qualitäten und Beziehungsfähigkeit sowie das Gefühl eine Sache nicht abgeschlossen zu haben (Yıldırım & Demir, 2015). Soziale Unterstützung in Folge einer Trennung kann die Anpassung an die neue Situation verbessern und verringert möglicherweise die entstehenden Schwierigkeiten (Gomillion et al., 2015; Yıldırım & Demir, 2015). Dies zeigt sich vor allen Dingen bei der Person, welche in einer Partnerschaft mehr instrumentelle Unterstützung erhalten als selber gegeben hat. Im Zuge der Trennung kommt es häufig dazu, dass die Person, welche mehr instrumentelle Unterstützung vom*von der Beziehungspartner*in bezogen hat, infolge der trennungsbedingt fehlenden Unterstützung individuell wichtige Ziele nicht mehr verfolgen kann (Gomillion et al., 2015). Bei instrumenteller Unterstützung in diesem Sinne, kann es sich zum Beispiel um eine finanzielle Unterstützung, Hilfe im Haushalt oder einem kostenlosen / -günstigen Beherbergen des*der Partners*in im eigenen Haushalt handeln. Das Wegfallen dieser Unterstützung kann weitreichende Folgen auf das Wohlbefinden und das Selbstkonzept dieser Person haben, da sie neben dem*der Partner*in zusätzlich einen wichtigen Lebensinhalt verlieren könnte, wobei allerdings die persönlichen Ziele meist gleich wichtig bleiben wie während der Beziehung (Gomillion et al., 2015). Daneben tragen emotionale und informationelle Unterstützung (siehe Kästchen) ebenfalls ihren Teil zu einer besseren Trennungsverarbeitung bei (Yıldırım & Demir, 2015).  

«Wer schon sitzen gelassen wurde und liegen blieb, ist froh, wenn er sich aufgehoben fühlt.» 

Sarah Razak, *1975 

Hohe Selbstkomplexität als Schutzfaktor vor Trennungen 

Ergänzend zu den bisher genannten Faktoren, gibt es verschiedene, eher unbekannte Einflussgrössen, welche die Verarbeitung einer Trennung beeinflussen können. Dazu gehört das Konzept der Selbstkomplexität (Smith & Cohen, 1993). Dabei handelt es sich um ein Mass für Selbstaspekte, die voneinander unabhängig vorliegen und für die jeweilige Person als Charakterisierung des eigenen Selbst dienen. Als Selbstaspekte werden Rollen, Aktivitäten, Eigenschaften und Ähnliches bezeichnet, die für die Selbstrepräsentation eine Rolle spielen. Je mehr Selbstaspekte unabhängig voneinander vorliegen, umso höher ist die Selbstkomplexität. Eine hohe Selbstkomplexität stellte sich in verschiedenen Studien als ein Puffer für Stress und negative Lebensereignisse heraus (McConnell et al., 2005; Smith & Cohen, 1993). Nach Smith und Cohen (1993) können Personen mit einer hohen Selbstkomplexität im Falle eines Aspekt-Verlustes auf weitere Selbstaspekte zurückgreifen, wodurch sie ihre soziale Identität nicht verlieren. Dasselbe zeigte sich bei der Reaktion von Studierenden auf eine Trennung (Smith & Cohen, 1993). Die Problematik des Identitätsverlustes könnte durch mangelnde Ressourcen oder fehlende soziale Unterstützung verstärkt werden, womit eine Trennung als noch schwerwiegender wahrgenommen werden kann (Smith & Cohen, 1993). 

Die Rolle von Facebook bei Trennungen 

Der folgende Abschnitt befasst sich mit den Auswirkungen von sozialen Medien auf Trennungen. Dabei wird überwiegend auf Studien zurückgegriffen, die sich mit Facebook befassten. Es ist jedoch davon auszugehen, dass andere soziale Netzwerke einen ähnlichen Effekt auf eine Trennung haben können, was allerdings bisher nicht explizit untersucht wurde. Dazu können Plattformen wie Snapchat, Instagram oder Ähnliches gehören. 

Bereits bevor es zu einer Trennung kommt, kann der übermässige Gebrauch von Facebook in der Anwesenheit des*der Partners*in zu einem erhöhten Gefühl von Einsamkeit, Eifersucht und zu gering wahrgenommener Führsorge führen, was wiederum eine Trennung begünstigen kann (Nongpong & Charoensukmongkol, 2016). 

Nach einer Trennung ändern Getrennte ohne Wunsch auf Offenlegung ihren Beziehungsstatus auf Facebook oftmals nicht. Ein Grund dafür ist, dass sie sich mit ihrem neuen Beziehungsstatus oft nicht wohl fühlen oder verhindern wollen, von Freunden und Bekannten auf das Ende ihrer Beziehung angesprochen zu werden (Haimson et al., 2018). Bei der öffentlichen Änderung des Beziehungsstatus auf einer Plattform wie Facebook spricht man von einer one-to-many Kommunikation (Haimson et al., 2018). Es kommt ebenfalls vor, dass einige ihren Beziehungsstatus zwar ändern, jedoch in Folge dessen die Anzeige ihres Beziehungsstatus verbergen. Dieses Vorgehen kann ihnen dabei helfen, ihre Selbstwahrnehmung entsprechend des neuen Beziehungsstatus zu verändern und stellt für sie ein Schritt ins Single-Leben dar. Hierbei spricht man von einer one-to-self Kommunikation. An dieser Stelle ist es wichtig zu verstehen, was eine Trennung in vielen Fällen für einen Stellenwert im Leben und der Entwicklung der Betroffenen haben kann (Haimson et al., 2018). In einer Studie von Lukacs und Quan-Haase (2015) konnte gezeigt werden, dass Personen, die im Vergleich zu anderen Teilnehmenden aus derselben Stichprobe starken Stress durch die Trennung erlebt hatten, häufig ihren*ihre Partner*in als Facebook-Freund*in entfernt haben. Ebenfalls zeigte sich, dass Personen, die von Anbeginn nicht mit ihren Ex-Partnern*innen auf Facebook befreundet waren, mehr Stress durch die Trennung erlebten als andere (Lukacs & Quan-Haase, 2015). Die meisten Getrennten berichteten jedoch, dass man durch eine Facebook-Freundschaft in einem fortlaufenden, wenn auch nur einseitigen, Kontakt mit dem*der Ex-Partner*in bleibt. In diesem Fall besteht zwar kein Austausch im klassischen Sinne, wobei man sich als stille beobachtenden Person der / dem Ex-partner*in dennoch verbunden fühlen kann. Durch diesen Kontakt erscheinen die Aktivitäten des*der Ex-Partners*in als weniger geheimnisvoll und unzugänglich, was zu einem Gefühl der Verbundenheit führen kann. Diese Erkenntnis legt den Schluss nahe, dass für viele eine Entfreundung des*der Ex-Partners*in keine sinnvolle Copingstrategie bei Trennungen darstellt (Lukacs & Quan-Haase, 2015). Diese Verbindung kann jedoch auch Schattenseiten haben. Während des einseitigen Kontaktes kann der Wunsch auf Wiederaufnahme der Beziehung grösser werden, wobei die Hoffnung darauf (aufgrund der nicht vorhandenen Rückmeldung der anderen Person) in ähnlichem Masse ansteigen kann. Dadurch kommt es in den vielen Fällen zu einem erhöhten Stresserleben und vermehrten negativen psychischen Folgen (Lukacs & Quan-Haase, 2015).  

Praktische Empfehlungen 

Bei den zuvor aufgezeigten Faktoren sowie bei Facebook handelt es sich um einen kurzen Überblick der aktuellen Forschung. Zudem ist auf die Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Beziehungen hinzuweisen. Trotzdem lassen sich einige Empfehlungen aus den gewonnenen Erkenntnissen ableiten, wie Praktiker*innen, Familie und Freunde mit Getrennten umgehen können, um diese möglichst gut zu unterstützen: 

  • Nehmen Sie sich Zeit für die Betroffenen und üben Sie keinen Druck aus. Wenn den Getrennten danach ist, werden sie von ihrer Trennung und den damit verbundenen Gefühlen erzählen (Yıldırım & Demir, 2015). 
  • Helfen Sie den Getrennten dabei, den Grund für die Trennung zu verstehen und zu akzeptieren, damit es ihnen leichter fällt, einen Schlussstrich unter die Beziehung zu ziehen (Yıldırım & Demir, 2015). 
  • Bieten Sie nach Möglichkeit und Notwendigkeit der getrennten Person instrumentelle Unterstützung an, um zu verhindern, dass sie neben dem*der Partner*in zusätzlich ihre Ziele und allenfalls einen weiteren wichtigen Lebensinhalt verliert (Gomillion et al., 2015; Smith & Cohen, 1993). 
  • Zeigen Sie der gerade getrennten Person auf, dass sich neben den möglicherweise aktuell präsenten Selbstaspekten des Ex-Partners, Verlierers oder auf immer alleine seienden noch weitere, positive Selbstaspekte in ihnen befinden. Hierbei können verschiedene Aspekte in den Fokus gerückt werden, wie beispielsweise Hobbys, Arbeit oder Familie. Dadurch kann ihre Selbstkomplexität und damit der Stresspuffer erhöht werden (Smith & Cohen, 1993). Dabei sollte jedoch auf eine möglichst breite Verteilung von verschiedenen Aspekten geachtet werden, damit ein maladaptives Coping möglichst im Vorfeld ausgeschlossen werden kann. Zum Beispiel ein sich in die Arbeit stürzen, übermässiges Feiern oder ähnliches. 
  • Beachten Sie die Rolle die Facebook und andere sozialen Medien in der heutigen Zeit spielen (Lukacs & Quan-Haase, 2015; Nongpong & Charoensukmongkol, 2016). Ihr Einfluss ist nicht zu vernachlässigen, da diese Plattformen zum täglichen Leben gehören. 
  • Thematisieren Sie den Umgang mit sozialen Medien und machen Sie die Getrennten auf Chancen und Risiken aufmerksam, welche sich daraus ergeben können, weiterhin mit dem*der Ex-Partner*in digital befreundet zu bleiben (Lukacs & Quan-Haase, 2015; Nongpong & Charoensukmongkol, 2016). 

Formen von sozialer Unterstützung  

Bei dem Erhalten von sozialer Unterstützung handelt es sich um das Erlangen externer Ressourcen in Form von Bewältigungshilfe, Austauschmitteln oder Ähnlichem, welche wiederum in instrumentelle, informationelle und emotionale Unterstützung unterteilt werden. Von instrumenteller Unterstützung ist bei alltäglicher Hilfe, wie zum Beispiel Mithilfe beim Aufbauen von Möbeln, Erledigen von Einkäufen oder finanzieller Unterstützung jeglicher Art die Rede. Bei informationeller Unterstützung handelt es sich insbesondere um das Erteilen von Ratschlägen, während emotionale Unterstützung aus Zuhören und dem Vermitteln von positiven Gefühlen besteht (Schwarzer & Knoll, 2007).  


Zum Weiterlesen

Yıldırım, F. B., & Demir, A. (2015). Breakup adjustment in young adulthood. Journal of Counseling & Development, 93(1), 38-44. doi: 10.1002/j.1556-6676.2015.00179.x 

Lukacs, V., & Quan-Haase, A. (2015). Romantic breakups on Facebook: New scales for studying post-breakup behaviors, digital distress, and surveillance. Information, Communication & Society, 18(5), 492-508. doi: 10.1080/1369118X.2015.1008540 

Literatur 

Gomillion, S., Murray, S. L., & Lamarche, V. M. (2015). Losing the wind beneath your wings: The prospective influence of romantic breakup on goal progress. Social Psychological and Personality Science6(5), 513–520. https://doi.org/10.1177/1948550614568160 

Haimson, O. L., Andalibi, N., De Choudhury, M., & Hayes, G. R. (2018). Relationship breakup disclosures and media ideologies on Facebook. New Media & Society20(5), 1931–1952. https://doi.org/10.1177/1461444817711402 

Low, N. C., Dugas, E., O’Loughlin, E., Rodriguez, D., Contreras, G., Chaiton, M., & O’Loughlin, J. (2012). Common stressful life events and difficulties are associated with mental health symptoms and substance use in young adolescents. BMC Psychiatry12(1), 116. https://doi.org/10.1186/1471-244X-12-116 

Lukacs, V., & Quan-Haase, A. (2015). Romantic breakups on Facebook: New scales for studying post-breakup behaviors, digital distress, and surveillance. Information, Communication & Society18(5), 492–508. https://doi.org/10.1080/1369118X.2015.1008540 

McConnell, A. R., Renaud, J. M., Dean, K. K., Green, S. P., Lamoreaux, M. J., Hall, C. E., & Rydell, R. J. (2005). Whose self is it anyway? Self-aspect control moderates the relation between self-complexity and well-being. Journal of Experimental Social Psychology41(1), 1–18. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2004.02.004 

Nongpong, S., & Charoensukmongkol, P. (2016). I don’t care much as long as I am also on Facebook: Impacts of social media use of both partners on romantic relationship problems. The Family Journal24(4), 351–358. https://doi.org/10.1177/1066480716663199 

Smith, H. S., & Cohen, L. H. (1993). Self-complexity and reactions to a relationship breakup. Journal of Social and Clinical Psychology12(4), 367–384. https://doi.org/10.1521/jscp.1993.12.4.367 

Yıldırım, F. B., & Demir, A. (2015). Breakup adjustment in young adulthood. Journal of Counseling & Development93(1), 38–44. https://doi.org/10.1002/j.1556-6676.2015.00179.x 

Ein Spiel mit der Loyalität

Rezension zum Film Joker 

Der Film von Phillips (2019) liess mich im Sekundentakt erschauern, laut auflachen und über die Realität zweifeln. Die Geschichte wie aus Arthur Fleck der Joker wird, ist nichts für schwache Nerven. 

Von Marcia Arbenz
Lektoriert von Mandana Fröhlich und Celina Weder
Illustriert von Marcia Arbenz

Der Blick in den Spiegel 

Die Geschichte beginnt mit einem Mann, der an einem Schminktisch sitzt und sich schwarze Clownsaugen anmalt. Mit seinen Fingern verzieht er seine Mundwinkel zu einem Lächeln – bis ihm eine Träne die Wange herunterläuft. Arthur Fleck ist ein angehender Stand-up-Komiker, der sich und seine pflegebedürftige Mutter als Clown über Wasser hält. Die Welt um ihn herum versinkt im Dreck. Einerseits stapeln sich die Müllsäcke auf den Strassen, weil das Personal der Müllabfuhr streikt, andererseits herrscht überall Gewalt und Verbrechen. Auch Arthur wird Opfer davon. Mehr als einmal wird er verprügelt, man tritt ihn, während er am Boden liegt. Er ist von seinen Mitmenschen isoliert, hat unkontrollierbare Lachanfälle aufgrund einer Hirnverletzung und leidet gleichzeitig an einer depressiven Episode. Obwohl Arthur nichts zu haben scheint, verliert er immer mehr: Seinen Job, seine Sozialarbeiterin und somit auch seine Medikamente, seinen Ruf, seine Hoffnung und beinahe seine Mutter. Als er im Clownskostüm in der U-Bahn von drei Männern belästigt wird, reisst ihm der Geduldsfaden und er erschiesst sie. Das erste Mal scheint er so etwas wie Macht zu spüren. Die Medien berichten zunächst schockiert über die Tat, mit der Zeit wird er jedoch als eine Symbolfigur für den Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten in Gotham gehandelt. Immer wieder wird Arthur mit der vermeintlichen Realität konfrontiert, die sehr von seiner Wahrheit abweicht. Nach und nach verwandelt sich der sensible Arthur Fleck in den anarchistischen Joker.  

Krankhaftes Lachen und Sinnlosigkeit 

Eines der offensichtlichsten Filmelemente ist Arthurs Lachen. Seine regelmässigen und sehr unpassenden Lachanfälle lösen Verwirrung und Unverständnis bei seinen Mitmenschen aus, auch wenn sie von seiner Diagnose erfahren. Während ein offenes Lachen einen Menschen sympathisch erscheinen lässt, stösst Arthur damit nur auf Entfremdung, Hohn und Gewalt. Zusätzlich zeigt Arthur weitere Symptome: Er spricht von einem Gefühl der Sinnlosigkeit, ist sozial weitgehend isoliert, zweifelt an seiner eigenen Existenz, fühlt sich andauernd schlecht und ist untergewichtig. Hinzu kommen Illusionen und Halluzinationen, ein frühkindliches Trauma durch Missbrauch und Gewalt, kein Gefühl von Reue und Aggressionen. Arthurs Symptome sind einerseits Produkte seiner miserablen Situation, andererseits auch verantwortlich für den Verlauf der Geschichte.  

Widersprüchliche Puzzleteile 

Es ist kein Wunder, dass man als Zuschauer*in mit Arthur mitleidet, wenn man sich die Liste der Symptome ansieht. Mehr als einmal kann man sich selber dabei ertappen, wie man Arthurs Aggressionen und Morde nachvollziehen und manchmal sogar gutheissen kann. Der Film spielt mit der Loyalität des Publikums. Die Frage, ab wann ich nicht mehr für Arthur Fleck, sondern gegen ihn bin, beschäftigte mich am meisten, während ich den Film das erste Mal sah. Immer wieder neue Erkenntnisse lassen die einzelnen Figuren in einem anderen Licht erscheinen. Hinzu kommt ein pikantes Spiel mit der Realität. Welcher Erklärung kann man trauen? Am Ende hat man zu viele widersprüchliche Puzzleteile, als das eine Wahrheit herausstechen würde. Aber das macht den Film gerade so spannend.  

Als eingefleischter Batman-Fan ist die Geschichte um Thomas Wayne, dem Vater von Batman, etwas ungewohnt. Während er in vielen Verfilmungen als grosser Wohltäter und hingebungsvoller Vater dargestellt wird, bekommt er im Joker sein Fett weg.  

Während die Entwicklung von Arthur Fleck natürlich und nachvollziehbar von statten geht, ist seine endgültige Betitelung als Joker meines Erachtens etwas gesucht. In den letzten paar Minuten nennt er sich selber so, aufgrund einer Bemerkung, die gefühlt Stunden zuvor gemacht wurde.  

Ansonsten ist der Film, besonders für Psychologiestudierende, extrem spannend. Aufgrund der vielen versteckten Symbolen und filmischen Mittel, ist der Film auch ein zweites Mal sehenswert.  


Zum Ansehen 

Cooper, B., Phillips, T., & Tillinger Koskoff, E. (Producers), & Phillips, T. (Director). (2019). Joker [Motion Picture]. United States: Warner Bros. Pictures. 

Mentale Stärke beim Marathonlauf

Wie man mit mentaler Stärke nicht nur Distanz, sondern auch Mauern überwinden kann

Ein Marathonlauf bringt einen Menschen nicht nur körperlich, sondern auch emotional, motivational und kognitiv an seine Grenzen. Um diese Grenzen überwinden zu  können, ist mentale Stärke, die als angeborene oder erlernte Fähigkeit gesehen wird, von besonderer Bedeutung. 

Von Tabea Bührer
Lektoriert von Sandro Stutz und Celina Weder
Illustriert von Melina Camin

Eine Distanz von exakt 42,195 Metern muss ein Marathonläufer unter die Füsse nehmen, um als Finisher ins Ziel einzulaufen. Für eine sportliche Höchstleistung wie diese bedarf es, neben athletischen und sportartspezifischen technischen Fähigkeiten, auch einer psychischen Leistungsfähigkeit (Brand, 2010). Eine perfekte Synergie dieser Leistungskomponenten zeigte der Kenianer Eliud Kipchoge im vergangenen Jahr. Am 12. Oktober 2019 absolvierte er, als erster Mensch der Marathon-Geschichte, einen Lauf in unter zwei Stunden – er benötigte genau 1:59:40 (NZZ, 2019). Damit widerlegte er die Annahme von Sportwissenschaftlern, dass ein Marathonlauf in unter zwei Stunden nicht machbar sei (NZZ, 2019). Da der Lauf unter laborähnlichen Bedingungen und nicht im Rahmen eines Wettkampfes durchgeführt wurde, wird die Zeit zwar nicht als Weltrekord gewertet, dennoch hat Eliud Kipchoge damit Geschichte geschrieben. Dass Kipchoge selbst von der Relevanz psychischer Leistungsfähigkeit bei sportlichen Leistungen überzeugt ist, zeigt das folgende Zitat: 

«Die Frage ist auch, wie man mit Grenzen umgeht. Ich glaube, man hat sie nur im Kopf; es geht darum, sie zu eliminieren.» 

Eliud Kipchoge, 11. Oktober 2019 

Mentale Stärke  

In der Literatur existiert eine grosse Spannweite verschiedener Definitionen mentaler Stärke. So gilt sie beispielsweise als Fähigkeit, Rückschläge zu überwinden oder positiv mit Druck und Stress umgehen zu können (Goldberg, 1998). Angesichts dieser eher unspezifischen Definitionen merkt Jones (2002) an, dass es sich hierbei um einen der «am meisten verwendeten aber am wenigsten verstandenen Begriffe in der angewandten Sportpsychologie» handle (S. 205). Es bestehen auch unterschiedliche Konzeptionen davon, wie sich mentale Stärke in der Persönlichkeit eines Menschen etabliert. Während sie von Cattell (1957) als eine stabile Persönlichkeitseigenschaft gesehen wird, versteht Gibson (1998) sie als einen Geisteszustand, einen «state of mind» (Jones, 2002, S.206). Nach Jones (2002) kann mentale Stärke angeboren sein, sie kann aber auch aufgebaut und entwickelt werden. Diesem Verständnis folgend nehmen sportpsychologische Interventionen eine bedeutende Rolle ein (Jones, 2002). 

Attribute, die zu mentaler Stärke verhelfen 

Neben der Frage, was mentale Stärke ist, stellt sich eine weitere, ebenso bedeutsame – wenn nicht sogar wichtigere – Frage: Das Innehaben welcher Eigenschaften befähigt eine*n Sportler*in dazu, mentale Stärke zu zeigen? Auch in Bezug auf diese Frage brachte die Literatur ein Sammelsurium an Vorschlägen hervor, zum Bespiel wurden Charakteristika wie Willenskraft, Optimismus, Commitment und Mut als relevant erachtet. Diese Aufzählung erweckt nun den Eindruck, dass annähernd jede wünschenswerte, mit sportlichem Erfolg zusammenhängende Eigenschaft zum Besitz mentaler Stärke beitragen könnte, wodurch diese erneut zu etwas sehr Unkonkretem verkommt (Jones, 2002). Im Rahmen einer qualitativen Untersuchung, bei welcher Elite-Sportler*innen zu ihrem Verständnis von mentaler Stärke befragt wurden, identifizierten Jones und Kollegen (2002) zwölf Attribute, welche etwas Licht ins Dunkel bringen und dem Konstrukt klarere Konturen verleihen. Im Folgenden sollen einige dieser Eigenschaften exemplarisch hervorgehoben werden. An erster Stelle der Rangreihe – die Attribute wurden im Zuge der Analyse nach ihrer Wichtigkeit sortiert – steht das Innehaben eines unerschütterlichen Selbstvertrauens und einer Überzeugung davon, die eigene Wettkampfziele zu erreichen.  

An zweiter Stelle rangiert die Fähigkeit, sich Leistungsrückschläge in der Art zu Nutze zu machen, dass daraus eine gesteigerte Motivation und Entschlossenheit entsteht (Jones et al., 2002). 

Hitting the wall – die Mauer im Marathonlauf 

Hitting the wall – so heisst ein Phänomen, welches immer wieder von Marathon-Finishern berichtet wird. Rein physiologisch betrachtet setzt dieses Phänomen dann ein, wenn «Glykogen-Vorräte erschöpft sind und Energie aus Fett gewonnen werden muss» (Stevinson & Biddle, 1998, S. 229). Doch nicht nur physiologisch stellen sich Veränderungen ein, wenn ein*e Athlet*in auf the wall trifft: Emotional erfahren Athlet*innen an diesem Punkt eine starke emotionale Labilität und Entmutigung. Auf motivationaler Ebene wächst das Verlangen, vom Joggen ins Laufen zu verfallen oder gar aufzugeben, während sich auf kognitiver Ebene ein regelrechter mentaler Kampf abspielt (Buman et al., 2008). In Zusammenhang mit diesen Vorgängen wird ein weiterer Punkt der 12-Attributen-Liste von Jones und Kollegen (2002) relevant: Das Besitzen eines unstillbaren Verlangens nach Erfolg und das Vorhandensein intrinsischer Motivation. Der Wunsch nach Erfolg muss also aus dem tiefsten Inneren kommen, die*der Sportler*in muss den Erfolg mit Haut und Haar wollen. In Zusammenhang mit the wall ist ein solches Verlangen nach Erfolg besonders essenziell, da dieses gerade dann beim Durchbeissen und Weiterkämpfen hilft, wenn die sporttreibende Person kurz davor ist, aufzugeben. Extrinsisch gefärbte Motivation genügt an dieser Stelle nicht. Dies zeigt auch das folgende Zitat, welches von einer*m der von Jones (2002) befragten Athlet*innen stammt: 

«Once you start doing it for anyone else … you’re in trouble ». 

Jones, 2002, S. 211 

Hitting the wall geht natürlich auch mit starken körperlichen Veränderungen einher – Dehydration, Krämpfe, Beinmüdigkeit und ein generelles Schmerzempfinden sind nur einige der möglichen Symptome (Buman et al., 2008). Hier ist die Fähigkeit notwendig, unter Konstanthalten von Anstrengung und Technik, den physischen Schmerz aushalten zu können. Auch dies ist eines der von Jones und Kollegen (2002) identifizierten Attribute, die Sportler*innen zum Zeigen mentaler Stärke befähigen. 

Empirische Befunde  

Es gibt einige empirische Belege dafür, dass mentale Stärke mit positiven Outcomes korreliert. So fanden beispielsweise Crust und Clough (2005) eine Korrelation von 0.34 zwischen der mentalen Stärke von Sportstudenten und der Zeit, für welche diese ein Gewicht im 90° Winkel halten konnten. In einer weiteren Studie untersuchte man die mentale Stärke von Ultramarathon-Absolvent*innen. Unter den Begriff «Ultramarathon» fallen alle Langstreckenläufe, die länger sind als die Marathonstrecke von 42.195 Kilometern (Knechtle & Nikolaidis, 2018). In dieser Studie korrelierte mentale Stärke positiv mit der zurückgelegten Laufdistanz. Darüber hinaus stand die Ausprägung in mentaler Stärke in negativem Zusammenhang mit Wuterleben, Depression sowie Anspannung. Zudem erlitten mental starke Athlet*innen weniger Verletzungen (Martindale, Graham, Connaboy, & McKinley, 2015). Diesen Befunden zufolge sollte die Rolle von mentaler Stärke keinesfalls unterschätzt werden. Ein Ergebnis, welchem wohl auch Eliud Kipchoge zustimmen würde.  

Top List des Marathonlaufs 

1:59:40* Eliud Kipchoge Wien, 12. Oktober 2019, INEOS 1:59 Challenge 

2:00:25* Eliud Kipchoge Monza, 6. Mai, 2017, Projekt Breaking 2 

2:01:39  Eliud Kipchoge  Berlin, 16. September 2018  

2:01:41  Kenenisa Bekele   Berlin, 29. September 2019 

2:02:37  Eliud Kipchoge  London, 28. April 2019  

2:02:48  Birhanu Legese  Berlin, 29. September 2019  

*nicht offiziell anerkannt 

(IAAF, 2020; NZZ, 2019) 


Zum Weiterlesen

Jones, G. (2002). What is this thing called mental toughness? An investigation of elite sport performers. Journal of Applied Sport Psychology14(3), 205–218. doi: 10.1080/10413200290103509 

Brand, R. (2010). Sportpsychologie (1. Aufl.). Wiesbaden, DE: Verlag für Sozialwissenschaften. 

Literatur

Brand, R. (2010). Sportpsychologie (1. Aufl.). Wiesbaden, DE: Verlag für Sozialwissenschaften. 

Buman, M. P., Omli, J. W., Giacobbi, P. R., & Brewer, B. W. (2008). Experiences and coping responses of «hitting the wall» for recreational marathon runners. Journal of Applied Sport Psychology20(3), 282–300. https://doi.org/10.1080/10413200802078267 

Crust, L., & Clough, P. (2005). Relationship between mental toughness and physical endurance. Perceptual and Motor Skills, 100(1), 192-194. 

Geisser, R. (11. Oktober 2019). Das ist ein Versuch am laufenden Menschen. NZZ. Abgerufen unter https://www.nzz.ch/sport/eliud-kipchoge-so-will-er-einen-marathon-unter-2-stunden-laufen-ld.1514732 (23.01.2020) 

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