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Bulimie

Wenn die Speiseröhre brennt, wird die Seele endlich still.

Menschen mit Bulimie leben ein Doppelleben. Sie vollführen einen täglichen Balanceakt zwischen dem Aufrechterhalten ihrer Normalitäts-Maske und dem Ausleben der Ess-Brech-Phasen. Eine junge Frau und vier Fachpersonen schenken Einblick in die Welt einer manifestierten Bulimie und in Wege zur Gesundheit.

Von Hannah Löw
Lektoriert von Selina Landolt und Noémie Szenogrady
Illustriert von Rebecca Beffa und Hannah Löw

Im Feierabendtrubel steuert sie auf ihr Ziel zu – den Einkaufsladen. Sie nimmt die Menschenmasse, die sie umgibt, kaum wahr. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie die Lebensmittel klar vor sich, die sie für ihren nächsten Ess-Brech-Anfall braucht. Sie kennt ihre Liste in- und auswendig. Mit einem Tunnelblick rauscht sie durch die Reihen der Regale und packt ihren Hamstereinkauf in den Einkaufskorb. Zuhause angekommen, reisst sie eine Packung nach der anderen auf und schlingt das Essen in sich hinein. Alle Gedanken und Gefühle werden damit zugestopft. Erst als sie einen stechenden Schmerz in ihrer Magengegend spürt, hört sie auf zu Essen. Gekrümmt kriecht sie zur Toilette, erbricht den vollen Einkaufswagen in die Kloschüsselund spült ihn in die Kanalisation. Das Rauschen der Klospülung hört sich an wie das Rauschen in ihrem Kopf. Ihr Körper ist zu erschöpft, um weiterhin zu denken, geschweige denn, zu fühlen. Sie empfindet bloss das Pochen ihrer Schläfen und den Schwindel durch den Elektrolytverlust. Ihr Hals brennt. Sie wäscht sich Gesicht und Hände. Ihr Blick fällt in den Spiegel. Durch die Anstrengung zeigen sich die Verästelungen ihrer geplatzten Äderchen in ihren rot unterlaufen Augen. Die geschwollenen Speicheldrüsen quellen ihre Wangen auf. Der Handrücken zeigt schwulstige Spuren ihrer Zähne, durch das Stecken ihrer Finger in den Hals beim Erbrechen. Doch sie weiss, dass ein Erholungsschlaf viel vertuschen wird. Die leeren Verpackungen der Lebensmittel verschwinden im Abfall. Lediglich ihre innere Leere bleibt, welche für sie nur schwer auszuhalten ist. Sie kehrt in die Küche zurück und öffnet erneut den Kühlschrank (adaptiert aus einem Gespräch mit einer ehemaligen Bulimie-Patientin des Universitätsspital Zürich, 2019).

Zum Kotzen

Das Erbrechen ist eine physiologische Reaktion des menschlichen Körpers. Ein verdorbenes Mittagessen, eine Magen-Darm-Grippe oder eine Migräne-Attacke: In allen drei Fällen kann die Folge eine Entleerung des Mageninhaltes sein (Janiak & Fried, 2007). Die Erleichterung, wenn darauf die Übelkeit endlich stoppt, ist auch für nichtbulimische Personen keine Unbekannte.

Im Sprachgebrauch taucht die Thematik des Erbrechens ebenfalls auf. Wie schnell finden wir Situationen «zum Kotzen» oder denken, dass uns das Schicksal «übel mitgespielt» hat. Gesten, wie das Anzeigen, die Finger in den Hals stecken zu wollen, verleihen unserem Ekel Ausdruck. Bereits hier lässt sich erkennen, dass das Übergeben des Chymus [Speisebrei] in unserer Sprache gefestigt ist. Worte, Gesten und Taten liegen manchmal nahe beieinander. Was im Sprachgebrauch «zum Kotzen» empfunden wird, kann sich bei bulimischen Menschen als Alltagsverhalten niederschlagen (Hinsen, 2010). So zählt auch das Verhalten der eingangs vorgestellten Bulimie-Patientinzu einem pathologischen, willentlich hervorgerufenen Brechreiz. Sieist eine der Personen, die die hohe Dunkelziffer der Bulimia Nervosa bilden.

Die Bulimia Nervosa [Ess-Brech-Sucht] gehört imICD-11 for Mortality and Morbidity Statisticszu den Essstörungen [feeding and eating disorders] (World Health Organization, 2019). Die Begriffe Fressanfälle und deren Kompensation, Kontrollverlust, Gewicht, Körperwahrnehmung tauchen regelmässig in der Fachliteratur über bulimisches Verhalten auf. Auch Hinsen (2010) erwähnt in ihrer Beschreibung der bulimischen Symptomatik Zeiten von übermässiger Nahrungszufuhr, die anschliessenden Gegenmassnahmen sowie einen körpergerichteten Aufmerksamkeitsfokus. Diese Episoden tauchen nach der WHO mindestens einmal pro Woche auf und bleiben über 4 Wochen oder länger bestehen (WHO, 2019, 6B81).

Die allgemeine Definition der Bulimie zeigt grundsätzliche Gemeinsamkeiten der Betroffenen auf. Doch Bulimie besteht aus einem komplexen Netzwerk von Denkstrukturen, Verhaltensmustern und Wahrnehmungsfiltern. Jede|r Betroffene erlebt seine Bulimie individuell. Die Ausprägung variiert nicht nur in Häufigkeit und Dauer der Essstörung. Auch die Strategien der Kompensation von Fressanfällen unterscheiden sich und müssen nicht ausschliesslich über Erbrechen erfolgen. So können übermässiges Treiben von Sport oder der Missbrauch von Abführmitteln zeitweise bulimisches Verhalten begleiten (Hinsen, 2010). Die einen durchleben zuerst eine Phase der Diät oder Ernährungsumstellung, für andere können diese Phasen zu einem anderen Zeitpunkt auftauchen oder überhaupt keine Rolle in ihrer Bulimie spielen. Bulimie versteht sich als ein Ausdruck personenspezifischen Leidens. Der rote Faden, der sich durch alle Formen der Bulimie zieht, spinnt sich unter anderem durch die Heimlichkeit zusammen. Betroffene leben ihre Bulimie mit allen möglichen Strategien der Vertuschung aus. Nicht selten dienen dafür auch Lügen (Schätzl, 2015).

Geht es dir gut?

Wenn auf diese Frage immer wieder die Resonanz erfolgt, dass alles in Ordnung sei, scheint es das wohl auch zu sein. Wer möchte seinem|seiner Freund|in nicht glauben, dass es ihm|ihr gut gehe? Vielleicht hat er|sie sich wirklich den Magen verdorben und sich deshalb übergeben, als die Mitbewohner|innen unerwartet nachhause kamen? Vielleicht hat er|sie wirklich mehrmals an einem Tag Sport getrieben und deshalb schon wieder geduscht?

Das Rauschen der Dusche kann die Geräuschkulisse einzelner Brechanfälle vertuschen, doch mit der Zeit werden Ausreden rar. Leichter als neue Ausreden zu finden, ist folglich die Vermeidung sozialer Kontakte. Die Bulimie entwickelt sich immer stärker zu einer eigenständigen, dominierenden Beziehung im Leben der Betroffenen. Dies wird im folgenden Zitat deutlich:

«Meine Essstörung und ich waren ein gutes Team. Wir hatten einen täglichen Ablauf und unsere eigenen Rituale. Wie ein Ehepaar, nur friedlicher. Meine Lebenspartnerin Bulimie hatte, im Gegensatz zu meinen männlichen realen Partnern, nur positive Seiten. Sie kümmerte sich um mich. Sie war meine bessere Hälfte, die mir auf ihre Art eine Pause von all dem Chaos in meinem Kopf gab, wann immer es nötig war.» Schätzl, 2015, S. 69

Dunkelziffer

Im Unterschied zu anderen Essstörungen, wie Anorexia Nervosa oder Binge Eating Disorder (siehe Kästchen «Abgrenzung zu anderen Essstörungen»), liegt das Gewicht bulimischer Menschen meist im Normalbereich. Auf den ersten Blick lässt sich diese Essstörung also nicht erkennen.

In einer Schweizer Studie des Universitätsspital Zürich erfassten Schnyder, Milos, Mohler-Kuo und Dermota (2012) im Auftrag des Bundesamt für Gesundheit (BAG) 10’038 Probandinnen und Probanden in einer Stichprobe zur Untersuchung der Prävalenz von Essstörungen in der Schweiz. 3,5 Prozent der Untersuchten gaben an, in ihrem Leben bereits einmal an einer Bulimia Nervosa, Anorexia Nervosa oder Binge Eating Disorder gelitten zu haben. Die höchste Prävalenz wies in dieser Studie mit 1,7 Prozent aller befragten Personen die Bulimia Nervosa auf. Schnyder und Kollegen schliessen, dass die niedrige Zahl der bekannten Fälle einer Essstörung in der Allgemeinbevölkerung auf der mangelnden Einsicht der Betroffenen beruhe und dem darauf folgenden Ausbleiben der Aufsuche professioneller Unterstützung. Welche innere Motivation braucht es, damit sich Menschen mit Bulimie Unterstützung suchen?

Leidensdruck

Ihr Leben gestaltet sich fast nur noch aus stundenlangem Ausüben ihres Rituals – Hamstereinkäufe, Fressattacke, Erbrechen. Es bleibt kaum noch Zeit oder Energie für anderes. Selbst wenn sie esversucht, findet sie nur schwer Freude darin, Freunde zu treffen. Im Gegenteil: Andere Menschen entwickeln sich zu einem potentiellen Störfaktor im Ausleben ihrer Bulimie. Sie plant ihre Tage rund um die Ess-Brech-Attacken herum. Soziale Kontakte bringen diesen Plan durcheinander.

Doch je mehr sie sich übergibt, desto mehr beginnt sie ihre Bulimie zu verabscheuen. Ein Leben ohne Bulimie scheint allerdings genauso unvorstellbar zu sein. Inzwischen spürt sie die körperlichen Folgen. Nicht selten gelangt mit den Speiseresten auch Blut aus ihrem Magen in die Kloschüssel. Bei manchen Fressanfällen begleitet sie die Überzeugung, dass nun die kritische Schwelle ihres Magenvolumens überschritten ist und dieser platzen könnte. Die Müdigkeit hängt wie ein Schatten an ihr. Der ständige Verlust von lebensnotwendigen Körpersalzen in der Magensäure hat ihren Elektrolythaushalt aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie wünscht sich, dass es endlich aufhört und gleichzeitig sitzt die Angst vor einer Therapie fest in ihrem Nacken. Doch die Erschöpfung wächst. Der anfängliche Höhenflug, den sie bei der Kontrolle ihres Essens erlebte, ist verschwunden. Schon lange kontrolliert die Bulimie sieund nicht anders herum. Sie kann essen, so viel sie will und wird doch niemals so viel erbrechen können, um all den Schmerz und die Leere loszuwerden. Sie kann nicht mehr. Sie will so nicht mehr. Aus diesem Loch steigt in ihr der Wunsch nach Veränderung auf. Mit diesem Wunsch und einer tiefen Verzweiflung sucht sie sich nach mehreren Jahren heimlicher Bulimie Hilfe an einer psychologischen Beratungsstelle (adaptiert aus einem Gespräch mit einer ehemaligen Bulimie-Patientin des Universitätsspital Zürich, 2019).

Therapie einer Bulimie –im Gespräch mit Fachpersonen (28.06.2019)

Mit…

Dipl. Arzt Patrick Pasi (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Oberarzt am Zentrum für Essstörungen(ZES) des Universitätsspital Zürich (USZ)), 

Susanne Nicca (Leiterin Ernährungsberatung / Therapie am Universitätsspital Zürich (USZ)), 

Melanie Sprenger (Stv. Leiterin Ernährungsberatung / Therapie am Universitätsspital Zürich (USZ)) und 

Dr. med. univ. Lara Robetin (Oberärztin Klinik und Poliklinik für Innere Medizin am Universitätsspital Zürich (USZ) mit Spezialgebiet Allgemeine Innere Medizin u.a. Essstörungen).

«Bulimie kann man häufig erfolgreich therapieren. Es ist eine Chance, die man packen kann.», findet Sprenger. Pasi teilt diese Ansicht: «Ja, und es ist eine Erkrankung, nicht einfach ein Mangel an Disziplin. Wenn es dabei auch um Scham geht und mit dem Gefühl, man sei alleine mit dieser Erkrankung, kann es hilfreich sein, zu einem|einer Spezialisten|in zu gehen. Wenn man vorher das Gefühl hat, niemand versteht einen, kann man dort auf Spezialisten|innen treffen, die sich mit dem Thema auskennen.»

Eines möchten alle vier Fachpersonen des Universitätsspital Zürich (USZ) von Anfang an hervorheben: Eine Therapie am Zentrum für Essstörungen (ZES) erfolgt immer über ein sogenanntes «Drei-Bein-System». Es setzt sich aus der psychotherapeutischen, ernährungstherapeutischen und medizinisch/internistischen Begleitung zusammen. Je nach Schweregrad der Bulimie erfolgt es auf Wunsch des Patienten ambulant oder stationär.

Bulimie-Patienten|innen erhalten am USZ regelmässig medizinische Kontrollen, um den körperlichen Zustand zu überwachen. «Dies kann auch als Einstieg dienen für Patienten|innen, die noch nicht bereit sind, sich auf eine Therapie einzulassen», berichtet Robetin. Wichtig sei hierbei, dass die Prävention der körperlichen Folgen einer Bulimie im Zentrum liege. Akut-medizinische Massnahmen können am USZ jederzeit in die Wege geleitet werden. Vielmehr sollen die regelmässigen Termine aber eine Konstante ermöglichen, die verhindert, dass überhaupt weitere Massnahmen eingeleitet werden müssen.

In der vollständigen Therapie finden zusätzlich zu den medizinischen Kontrollen regelmässige psychotherapeutische, sowie ernährungstherapeutische Sitzungen statt. Die enge Zusammenarbeit innerhalb des Fachteams bietet den Patienten|innen «ein Auffangnetz als Möglichkeit, dass sie in stabile Beziehungen kommen», so Robetin.

Wer sich in dieses «Auffangnetz» des USZ begibt, trifft auf Fachkompetenz, die den|die Patienten|in in seiner|ihren individuellen Situation wahrnimmt. «In der verhaltenstherapeutischen Therapie ist weniger oft mehr. Man fängt nicht von heute auf morgen an, gar nicht mehr zu erbrechen, sondern Schritt für Schritt. Aber nicht wir bestimmen das, sondern in Begleitung zusammen mit dem|der Patienten|in.», findet Nicca. Dabei erhalten die Patienten|innen keine grammgenauen Ernährungspläne, sondern der Fokus liegt vielmehr auf Gefühlen rund um das Essen. «Es geht um den Umgang mit normalen Portionen und eine Bestätigung, um wieder mit dem normalen Essen starten zu können. Auch Motivationsthemen im Umgang mit dem Gefühl direkt nach dem Essen. Wie fühlt man sich mit einem vollen Bauch? Wie fühlt sich ein Sättigungsgefühl und das Hungergefühl an? Solche Themen nehmen einen grossen Teil der Ernährungsberatung/Therapie ein», erklärt Sprenger. Ernährungspläne mit genauen Mengenangaben finden Nicca und Sprenger schwierig, weil dies einen neuen Fixierungspunkt kreieren würde. Die Patienten|innen mit Bulimie werden darin unterstützt, «Freiheit und Grosszügigkeit gegenüber sich selbst in Bezug auf das Essen» zu lernen. 

Die Psychotherapie schenkt anschliessend Raum für bisher verdrängte Themen. Pasi erläutert: «Konflikte, die wegen eines Harmoniebedürfnisses nicht zur Sprache kommen, können sich in der Bulimie zeigen.» Dabei bildet Bulimie oft eine «Möglichkeit der Emotionsregulation. Wenn man Mühe hat, mit negativen Gefühlen umzugehen, ist die Bulimie eine Möglichkeit, diese Emotionen weniger zu spüren und zu dämpfen. Autonomiegefühle können in der Bulimie ausgelebt werden, um eine Möglichkeit zur Abgrenzung von anderen und eine gewisse Stärke zu verspüren. Es ist ihr persönlicher Ort, wo den Betroffenen niemand reinreden kann. Bei Bedarf (Konflikte, Ablösung) kann man das Feld der Einzeltherapie auch zur Paar-/Familientherapie erweitern.»

Den «Kern in der Bulimie» sieht Pasi als eine Art der Selbstverletzung. Die Bulimie diene als ein «Ausdruck des tiefen Selbstwertgefühls» der Betroffenen. Über Achtsamkeit liessen sich Triggerfaktoren aus dem Alltag erschliessen. Oft seien den Bulimie-Patienten|innen die Auslöser der Ess-Brech-Attacken nicht bewusst und durch Notizbücher könne dies in der Psychotherapie gemeinsam analysiert werden. Um sich Stück für Stück aus einer Bulimie zu befreien, benötigt es alternative Problembewältigungsstrategien. Diese müssen die Patienten|innen zwar nicht alleine suchen, sondern erhalten durch Gespräche Unterstützung dabei, doch das darauffolgende Ausprobieren bleibt in der Eigenverantwortung der Betroffenen. Die Versuche der Alternativanwendungen werden hinterher aber immer ausführlich besprochen, um aufsteigende Gefühle, Ängste und Schwierigkeiten zu bearbeiten. Dass dieser Mechanismus für den Umgang mit Emotionen nicht von heute auf morgen verschwindet, berichten alle deutlich. Doch wie gelingt es, dem eigenen Gesundungsprozess Geduld zu schenken? Pasi hat darauf folgende Antwort: «Ich glaube, das ist nicht nur bei Bulimie ein Thema. Erkrankungen, die ein Potential für langfristige Phasen haben, benötigen diese Thematisierung. Man kann nicht alles sofort erreichen. Bei Bulimie ist des Öfteren einen Perfektionismus dabei, den die Patienten|innen mitbringen. Sie haben den Anspruch, in der Therapie möglichst schnell und effizient zu sein. Wir versuchen den Patienten|innen zu vermitteln, dass es ein Prozess ist, der Zeit braucht und die allgemeine, persönliche Entwicklung betrifft. Wir ermutigen die Patienten|innen kleine Veränderungsschritte zu sehen und diese würdigen zu lernen −nichtnur das Endziel zu sehen und dann enttäuscht sein, weil dieses noch nicht erreicht wurde. Es sind die kleinen Schritte, die dann Stück für Stück zum Ziel führen.» Auch Sprenger schliesst sich an und findet, dass «die positive Sichtweise hilft. Die kleinen Schritte zu würdigen und zu schauen, was funktioniert bereits. Normalerweise ist es umgekehrt, also dass man auf das schaut, was noch fehlt bis zum Ziel.»

Gesundheit in Bezug auf Bulimie bedeutet für Robetin, dass «Patienten|innen in der Lage sind, ihr Leben gut und alleine zu meistern. […] die eigenen Vorstellungen verwirklicht werden können und Zukunftsperspektiven bestehen.» Wichtig ist bei einem Schritt in Richtung Therapie, dass Betroffene sich an fachkompetente Stellen wenden, die sich mit Bulimie auskennen. Nicca ergänzt: «Mit genügend gemeinsamer Zeit hat man die Chance, verschiedene Wege aus der Bulimie zu finden. Die Haltung dazu ist wichtig. So lange man die Haltung hat, in guter Begleitung zu bleiben, glaube ich, wird es sich auch positiv entwickeln.»

Alle vier Fachpersonen begrüssen jeden Menschen, der diese Unterstützung in Anspruch nehmen möchte. Sie betonen, dass im «Drei-Bein-System» des USZ eine Möglichkeit liege, mit kleinen, selbstbestimmten Schritten zu der persönlichen Freiheit der Strategiewahl zu gelangen. Wer tief in einer Bulimie stecke, der habe nicht die Freiheit zu wählen, ob er erbrechen will oder nicht. Dann ist die Krankheit übermächtig. Abschliessend ermutigt Sprenger: «Emotionen, die man spürt, können auch schön sein. Es lohnt sich an dieser Freiheit zu arbeiten, um das eigene Leben bewusst selbst bestimmen zu können. Wir begleiten im Dreier-Setting-Team gerne alle Patienten|innen auf diesem Weg, um Schritt für Schritt zu dieser Freiheit zu gelangen.»

Gesundheit

«Ich wollte gesund werden, als ich meine Therapie begann. Das war meine Intention zu diesem Schritt gewesen. In einer meiner ersten Sitzungen wurde ich dann gefragt, ob ich überhaupt gesund sein wolle. Erst viel später begriff ich, wie diese Frage den Kern meiner Bulimie berührt hatte. Ich wollte zu diesem Zeitpunkt um jeden Preis gesund werden, doch nicht ohne meine Bulimie!

Es folgte eine lange Zeit der Veränderung meiner inneren Einstellungen zu meiner Essstörung und zu mir selbst. Immer wieder reflektieren, immer wieder verstehen, warum die Bulimie wieder aufgetaucht ist. Allein die Akzeptanz, dass ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht besser wusste, wie ich mir anders helfen konnte, nahm viel Zeit in Anspruch. Irgendwann konnte ich Rückfälle als Vorfälle betrachten. Die Vorfälle wurden weniger. Ich hörte auf, gegen die Bulimie zu kämpfen. Ich lernte, sie als einen Anker bei emotionaler Überforderung zu verstehen. Ich suchte Strategien, um diesen Mechanismus zu ersetzen. Es funktionierte leider nicht per Knopfdruck, dass die Bulimie von einem Tag auf den anderen verschwand und ich sie nicht mehr brauchte. Es war ein Prozess mit viel Arbeit. Es gab Höhen und Tiefen und gefühlte Millionen Rückschläge. Ich war oft hoffnungslos und wollte aufgeben. Die Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben, halfen mir, den Mut nicht zu verlieren. Sie haben mich immer wieder in meinen Ressourcen bestärkt. Doch ohne meine innere Entscheidung für die Gesundheit, hätte die Hilfe nicht funktioniert. Ich musste den Weg nicht alleine gehen, aber die Arbeit in mir konnte mir niemand abnehmen. Schlussendlich war es meine Entscheidung, Ja zu mir selbst zu sagen und Selbstliebe zu erlernen.

Gesundheit bedeutet für mich nicht Symptomfreiheit. Gesundheit bedeutet für mich eine liebevolle Grundhaltung in der Selbstfürsorge. Ich glaube nicht, dass jeder Mensch eine Essstörung erleben muss, um diese Fürsorge für das eigene Selbst zu entwickeln. Ich bin aber davon überzeugt, dass in jeder Essstörung die Chance liegt, sich selbst lieben zu lernen. Von Herzen wünsche ich allen, die unter dem Leidensdruck einer Bulimie stehen, dass sie den Mut finden, an sich selbst zu glauben. Es liegt so viel mehr Kraft in uns, als dass wir denken (ehemalige Bulimie-Patientin des Universitätsspital Zürich, 2019).»

Abgrenzung zu anderen Essstörungen

Anorexia Nervosa kennzeichnet sich durch Untergewicht unterhalb einer Grenze von 18,5kg/m² und Verhaltensweisen, die zur Verhinderung der Zunahme an Gewicht führen. So zum Beispiel Essensverweigerung, Missbrauch von Abführmitteln und übermässiges Sporttreiben (World Health Organization, 2019, 6B80).

Binge Eating Disorder zeigt sich durch wiederkehrende Essanfälle, die für die Betroffenen unkontrollierbar erscheinen. Anders als bei der Bulimia Nervosa werden keine Gegenmassnahmen unternommen, um die aufgenommene Nahrung zu kompensieren (World Health Organization, 2019).


Zum Weiterlesen und -schauen

Frey, D. (2013). Kotzt du noch oder lebst du schon? Mein Leben mit Bulimie. Berlin: Ullstein Buchverlage GmbH.

Greenwald, R. (Produzent) & Shea, K. (Regisseurin). (2000). Sharing the secret [Spielfilm]. Santa Monica, CA: Columbia Broadcasting System.

Siefert, K. (2019). SoulFood Journey. Retrieved from https://www.soulfoodjourney.de

Zeit, uns kennenzulernen: psyCH – Dein Dachverband

Für die Vernetzung und die Anliegen von Psychologiestudierenden in der Schweiz.

Du studierst Psychologie, hast aber noch nie von uns gehört? Oder du hast schon von uns gehört, weisst aber nicht so genau, was diese Organisation, die sich den Namen mit einer US-Kriminal-Serie teilt, so tut? Dann wird es höchste Zeit, dich in die Welt des psyCH, dem Dachverband der Schweizer Psychologiestudierenden, einzuführen! So viel sei verraten – mit Krimi, Mord und übersinnlichen Kräften haben wir nicht so viel zu tun…

Von Nathalie Carter
Lektoriert von Vera Meier und Lucia Gasparovicova

In dieser aktuellen aware Ausgabe dreht sich alles um das Thema «Veränderung».  Ein Thema, das viele von uns täglich antreibt und auch für uns vom psyCH ein grosser Motivator hinter der Arbeit ist. Nur ist es mit der Veränderung oft nicht so einfach, denn wann, wie und vor allem wo soll man mit Veränderungen anfangen? Vielen von uns geht es ähnlich – wir fangen mit dem Psychologiestudium an, motiviert mehr über den Menschen zu erfahren, ihn besser zu verstehen und vor allem das Gelernte dann auch sinnvoll einzusetzen. Doch oft fehlt es uns dann an Möglichkeiten, das erworbene Wissen umzusetzen und Theorie mit Praxis zu verbinden. 

Wir vom psyCH möchten Studierenden schon während des Studiums die Möglichkeit geben, Theorie und Praxis zu verbinden und den persönlichen «Psychologie-Horizont» zu erweitern. Bei uns kannst du dich kreativ und auf deine individuelle Weise einbringen, um die Welt der Psychologie mitzugestalten und nachhaltig zu beeinflussen. Der psyCH sieht sich als Vertreter, Vernetzer und Vermittler von Studierenden. Wir bieten ein vielfältiges und diverses Angebot an Veranstaltungen, Weiterbildungen und Informationsangeboten. Untenstehend eine kleine Auswahl. Willkommen zu einer Führung durch das Haus des psyCH. 

Psychologie lebendig werden lassen – psyKo und trainers’ school

Ganz nach dem Motto «Von Studierenden für Studierende» findet einmal jährlich der nationale Kongress der Psychologie, kurz psyKo, statt. Mit dem psyKo bieten wir Studierenden eine perfekte Möglichkeit, die Psychologie einmal ausserhalb des universitären Settings zu erleben. Während eines Wochenendes erwarten dich ein breites Programm an Vorträgen, Workshops und Trainings von Fachpersonen aus verschiedenen Gebieten der Psychologie. Dies ermöglicht einerseits das Kennenlernen von Psychologiestudierenden der ganzen Schweiz, andererseits bietet der Kongress auch die Möglichkeit, sich mit Fachpersonen aus der Berufswelt auszutauschen und sich zu vernetzen. Neben den anregenden und spannenden Workshops und Vorlesungen gibt es auch ein breites Rahmenprogramm. So viel sei verraten – Die Party für tanzwütige, entfesselte Teilnehmenden, hat Legendenstatus. Die einzige unerfreuliche Nachricht: Leider ist die Anmeldefrist für den diesjährigen psyKo leider schon vorbei. Nichtsdestotrotz, interessierte und motivierte Personen können sich per sofort für das nächstjährige Organisationskomitee melden oder ab Herbst 2019 nach der Öffnung des Registrierungsfensters für den psyKo 2020 Ausschau halten. In den Vorlesungen an der UZH werden wir darauf aufmerksam machen.

Eine weitere Möglichkeit, sich weiterzubilden und die eigenen Fähigkeiten auszubauen, bietet die psyCH trainers’ school. Du wolltest schon immer einmal ein Training halten zu einem Thema, das dich interessiert und bewegt? Du wolltest schon lange an deiner Präsentationskompetenz und deinem Auftreten vor Gruppen arbeiten? Du bist bereit, dich mit elf weiteren Teilnehmenden in fünf arbeits-intensive Tage zu stürzen? Dann ist die trainers’ school genau das Richtige für dich. Die psyCH trainers’ school ist ein fünftägiges Ausbildungsseminar in dem du die Fertigkeiten und Werkzeuge erlernst um später erfolgreich und eigenständig diverse Trainings- oder Teambildungsinterventionen leiten zu können. Von kompetenten Trainer|innen erfährst du mehr über spezifische Trainingswerkzeuge und erhältst eine Schulung in Vermittlungs- und Kommunikationskompetenzen. Nach einer erfolgreich absolvierten Woche erhalten die Teilnehmenden nicht nur ein Diplom, sondern werden auch Mitglied in einem internationalen Trainer|innen-Netzwerk, welches erlaubt, auf internationalem Boden Trainings zu halten. Die Anmeldung für nächstes Jahr ist ungefähr ab September offen. Auch hier gilt – mach mit, du wirst es nicht bereuen.  

Immer top informiert – unser Blog 

Das neuste Mitglied im Hause psyCH ist unser Blog, der seit Herbst 2018 online ist. Die fleissigen Schreiberlinge hinter diesem Projekt informieren dich regelmässig über die aktuellsten Neuigkeiten in der Welt der Psychologie sowie über die neusten Forschungstrends. Des Weiteren hält der Blog nützliche Informationen und Tipps für Studierende bereit; zum Beispiel wie gute Bewerbungen gelingen und wie man seinen Lebenslauf ein wenig aufbessern kann. Wenn du also in Zukunft top informiert sein willst und mit deinem Wissen deine Kommilitonen|innen tief beeindrucken willst – besuche unseren Blog!

Und nach dem Studium? – psyPra hilft weiter

Der psyCH begleitet dich nicht nur während des Studiums, sondern auch danach, wenn es um den Berufseinstieg geht oder darum, ein Praktikum zu finden. Es ist eine grosse Herausforderung, ein passendes Psychologiepraktikum zu finden, bei dem erste Berufserfahrung gesammelt werden können. Die meisten Studierenden können dazu eine persönliche Leidensgeschichte erzählen. Wo findet man ein Praktikum? Sind die überhaupt ausgeschriebenen? Ja, das sind sie und zwar auf unserer Praktikumsplattform psyPra! Auf dieser Plattform werden Praktikumsstellen in den verschiedensten Bereichen der Psychologie aus der ganzen Schweiz ausgeschrieben. Sei es ein klinisches Praktikum oder eher etwas in Richtung Arbeits- und Organisationspsychologie – psyPra deckt das ganze Spektrum ab. Falls du noch nicht sicher bist, in welche Richtung du gehen willst, können wir weiterhelfen. Auf unserer Homepage findest du die Rubrik «Berufsperspektiven», wo wir gemeinsam mit der Föderation Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) eine Übersicht zu den häufigsten Berufsfeldern innerhalb der Psychologie kreiert haben. Klick dich einfach mal durch! 

So, das war auch schon der Rundgang durch das Haus des psyCH. Wir hoffen, dass du dir jetzt ein bisschen besser vorstellen kannst, was der Dachverband der Schweizer Psychologiestudierenden, so macht. Wir haben schon viele Projekte umgesetzt, sind aber immer offen für neue Ideen. Wenn du also vor guten Einfällen sprudelst und noch ungeöffnete Türen in unserem Haus öffnen möchtest, dann melde dich bei uns. Als Dachverband ist es uns wichtig, dass nicht nur du uns kennst, sondern wir auch dich kennenlernen, darum: Nicht schüchtern sein. Schreib uns oder klick dich mal durch unsere Homepage und Facebook-Seite. Da wartet noch viel mehr auf dich. 

Jetzt, da du uns kennengelernt hast, hoffentlich bis bald!

Weitere Informationen zu psyCH:

Delegierte Psychotherapie

Diskriminierende Berufsbedingungen für Psychologen|innen

Für die psychotherapeutische Versorgung gibt es in der Schweiz verschiedene Behandlungskonzepte. Ein wichtiges ist die delegierte Psychotherapie. Diese schränkt jedoch den Zugang zur Behandlung von psychischen Störungen insofern ein, da nur die Leistungen von Psychologen|innen, die in einer Arztpraxis angestellt sind, von der Grundversicherung der Krankenkassen gedeckt werden. Die Psychotherapie von selbständigen Psychologen|innen wird nicht übernommen. Die beruflichen Möglichkeiten von psychologischen Psychotherapeuten|innen werden dadurch eingeschränkt.

Von André Widmer, Präsident ZüPP, Kantonalverband der Zürcher Psychologinnen und Psychologen
Lektoriert von Vera Meier

Wer in der Schweiz psychotherapeutische Behandlungen durchführen darf, ist gesetzlich geregelt. Zugelassen sind Ärzte|innen und Psychologen|innen mit einer psychotherapeutischen Weiterbildung beziehungsweise mit einem entsprechenden eidgenössischen Fach- oder Weiterbildungstitel. Das Psychologieberufegesetz (PsyG) regelt die psychotherapeutische Tätigkeit von Psychologen|innen. Es verlangt die vom Bund anerkannte entsprechende Weiterbildung nach Abschluss des Psychologiestudiums. Alle Psychologen|innen mit einem Weiterbildungstitel Psychotherapie werden im Psychologieberuferegister (PsyReg) des Bundes eingetragen. Die Weiterbildung dauert vier bis sechs Jahre. In Zuge dieser Weiterbildung werden unter anderem zwei Jahre klinische Praxiserfahrung verlangt. Nur Psychologen|innen mit einem entsprechenden eidgenössischen Weiterbildungstitel dürfen sich als Psychotherapeuten|innen bezeichnen. Die Durchführung von Therapien ist unter anderem im Rahmen einer Anstellung in einer öffentlich-rechtlichen Klinik, in einem Ambulatorium, privat-rechtlich in einer Arztpraxis oder selbständig in einer eigenen psychotherapeutischen Praxis zugelassen. Für die selbständige Tätigkeit in einer Praxis(-gemeinschaft) braucht es in allen Kantonen eine Bewilligung.

Spezialfall delegierte Psychotherapie

Über ein Drittel der psychologischen Psychotherapeuten|innen arbeitet sogenannt «delegiert» in einer ärztlichen Praxis. Dies ist eine spezielle Form der privat-rechtlichen Anstellung. Dafür ist in einzelnen Kantonen, wie zum Beispiel Zürich, ebenfalls eine Bewilligung erforderlich. Delegierte Psychotherapie bedeutet, dass die Behandlungen nicht eigenverantwortlich durch die psychologischen Psychotherapeuten|innen durchgeführt werden, sondern der ärztlichen Aufsichtspflicht unterstellt sind. Dies obwohl das PsyG die eigenverantwortliche Tätigkeit von psychologischen Psychotherapeuten|innen seit 2013 vorsieht. Dieser Widerspruch basiert auf der Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts (EVG), das 1981 die delegierte Psychotherapie als Pflichtleistung der Krankenversicherer bestimmt hat; unter der Voraussetzung, dass die Psychotherapeuten|innen in den Praxisräumen eines Arztes oder einer Ärztin, unter deren Aufsicht und Verantwortung sowie im Rahmen eines Anstellungsverhältnisses arbeiten. Dieser vor fast vierzig Jahren getroffene und in verschiedener Hinsicht wichtige Entscheid ermöglichte damals, dass erstmals sowohl die ärztliche als auch die psychologische Psychotherapie über die Grundleistungen der Krankenversicherungen abgerechnet werden konnten. Dies war sowohl für die psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz als auch für die Berufstätigkeit der Psychologen|innen sehr wichtig. 

Im Gegensatz zur delegierten Psychotherapie können selbständig arbeitende Psychologen|innen in eigener Praxis ihre Behandlungen aber bis heute leider nicht über die Grundversicherung der Krankenkassen abrechnen. Die Kosten müssen die Patienten|innen übernehmen. Zusatzversicherungen können in beschränktem Umfang einen Teil der Leistungen decken.

Weshalb die Psychologen|innen nicht zufrieden sind

Am meisten stört, wie bereits darauf hingewiesen, dass Psychologen|innen als selbständige Psychotherapeuten|innen, nicht über die Grundversicherung abrechnen können. Dazu kommt, dass gemäss dem Tarifsystem für die Abrechnung von medizinischen Leistungen (TARMED) für eine Stunde delegierte Psychotherapie rund 133 Franken verrechnet werden, für die ärztliche Psychotherapie dagegen rund 182 Franken; die Leistungen von Psychologen|innen werden also finanziell deutlich schlechter entschädigt. Weiter beklagen viele Psychologen|innen, die delegiert arbeiten, arbeitsvertragliche und andere Anstellungsprobleme. Dazu gehören zusätzliche Abgaben für Leistungen der Ärzte|innen wie Miete, Praxisführung etc. oder in grossen Arztpraxen ein hoher Leistungsdruck, welcher die Qualität der Behandlungen beeinträchtigt.

Das Anordnungsmodell soll die delegierte Psychotherapie ablösen

Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) fordert vom Bundesrat zusammen mit anderen psychologischen Berufsverbänden eine Ablösung der delegierten Psychotherapie durch ein sogenanntes «Anordnungsmodell»: 

«Wer heute eine psychotherapeutische Behandlung benötigt, muss lange warten. Insbesondere bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen ist mit Wartefristen bis zu sechs Monaten zu rechnen. Dies, weil aktuell nur Psychiater|innen berechtigt sind, über die Grundversicherung abzurechnen. Da in der Schweiz zu wenig Psychiater|innen tätig sind, führt dies zu Wartefristen bis zu einem halben Jahr. Die Lösung ist einfach: Auch psychologische Psychotherapie muss von der Grundversicherung übernommen werden, wenn sie auf ärztliche Anordnung durchgeführt wird.» (FSP, 2018, Petition: «Hürden abbauen – Behandlung psychischer Krankheiten sicherstellen»)

Verlangt wird also, dass alle psychologischen Psychotherapeuten|innen, gleich wie die Psychiater|innen, direkt über die Grundversicherung der Krankenkassen abrechnen können. Als einzige Voraussetzung für die psychologische Psychotherapie soll gelten, dass diese ärztlich verordnet ist. Dadurch wird sowohl der Zugang zur Psychotherapie, und somit die breitflächige psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung, als auch die Berufssituation für Psychologen|innen verbessert. Den notwendigen Handlungsbedarf hat nun auch der zuständige Bundesrat Alain Berset anerkannt. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat der Psychologieberufekommission des Bundes (PsyKo) kürzlich einen Verordnungsentwurf für eine Neuregelung der Psychotherapie zur Diskussion vorgelegt. Auf die weitere Entwicklung kann man gespannt sein.

Delegierte Psychotherapie als Praxiserfahrung in der Weiterbildung
Im Rahmen der psychotherapeutischen Weiterbildung, die mit dem eidgenössischen Weiterbildungstitel abgeschlossen wird, werden zwei Jahre klinische Praxis nach Abschluss des Psychologiestudiums verlangt. Davon ist maximal ein Jahr in einer psycho-sozialen Institution im Rahmen einer psychologischen Beratungs- und Betreuungstätigkeit möglich, mindestens ein Jahr in einer rein psychotherapeutischen Tätigkeit. Das BAG spezifiziert letztere wie folgt: «(…) Während des klinischen, psychotherapeutischen Praxisjahres ist (…) eine psychotherapeutische Tätigkeit im klinischen Setting gefordert (…) [in dem] ein breites Spektrum psychischer Störungen und Krankheiten psychotherapeutisch behandelt wird, (…) und [im Rahmen derselben] der/die Weiterzubildende tatsächlich psychotherapeutisch tätig ist. Es kann dies im Einzelfall auch z.B. (…) eine psychiatrische Praxis (delegierte Psychotherapie) oder ein psychologisch geleitetes Ambulatorium mit psychotherapeutischem Auftrag sein. Wesentlich ist weiter, dass die fachlich qualifizierte Supervision am Praxisort sichergestellt ist.» (BAG, 2018, Häufige Fragen [FAQ] zum Psychologieberufegesetz). Die delegierte Psychotherapie bietet also die Möglichkeit, die während der Weiterbildung geforderte klinische Praxis ganz oder teilweise zu absolvieren. Im Kanton Zürich zum Beispiel ist für eine solche Anstellung eine spezielle Bewilligung erforderlich.


Zum Weiterlesen

Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP (2018): Neuregelung der psychologischen Psychotherapie. Abgerufen am 17. Januar, 2019, vonhttps://www.psychologie.ch/fileadmin/user_upload/RZ_FSP_Argumentarium_DE_web.pdf

Literatur

Bundesamt für Gesundheit BAG (2018). Häufige Fragen (FAQ) zum Psychologieberufegesetz. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/berufe-im-gesundheitswesen/psychologieberufe/faq-psyg.html

Bundesamt für Gesundheit BAG (2018). Psychologieberufegesetz. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20091366/index.html

Bundesamt für Gesundheit BAG (2018). Psychologieberuferegister. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von https://www.psyreg.admin.ch/ui/personensearch

Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP (2018). Neuregelung der psychologischen Psychotherapie. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von https://www.psychologie.ch/fileadmin/user_upload/RZ_FSP_Argumentarium_DE_web.pdf

Gesundheitsdirektion Kanton Zürich (2018). Psychologische Psychotherapie, Leitfaden für die Berufsausübung im Kanton Zürich. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von https://gd.zh.ch/dam/gesundheitsdirektion/direktion/themen/gesundheitsberufe/psychotherapie/merkblaetter_gesuchsformulare/psychotherapie_leitfaden.pdf.spooler.download.1528875857838.pdf/psychotherapie_leitfaden.pdf

Y. Traber (2009). Vor- und Nachteile delegierter Psychotherapie. Ergebnisse einer Befragung von psychotherapeutischen Fachpersonen. Universität Zürich, Psychologisches Institut. 2009, überarbeitete Version. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von http://www.gedap.ch/c050012/gedap/webx.nsf/0/6493812285BA2CA9C125758C0053863A/$file/DelPsychotherapie.pdf

Nun sag, wie hast du’s mit der Statistik?

Die Gretchenfrage der Wissenschaft

Trump hat das postfaktuelle Zeitalter eingeläutet. Klimaleugner, «Fake news» und «alternative Fakten» waren Begriffe, die gleichbedeutend mit Aluhütchen und Verschwörungstheorien waren. Heute ist Trump Präsident, eine Diskussion über die amerikanische Politik ist ohne dieses Vokabular undenkbar und wissenschaftliche Fakten sind debattierbar. Und das ist gut so, denn der Skeptizismus fordert Forschende auf, sich aktiv am politischen Gespräch zu beteiligen, um Forschungsergebnisse korrekt darzustellen. Zudem hinterfragt der populäre Wissenschaftsskeptizismus meist nicht den Wahrheitsgehalt eines Befunds, sondern ob der Quelle vertraut werden kann und somit die Schlussfolgerungen korrekt sind. 

Von Colin Simon
Lektoriert von Marie Reinecke und Lisa Makowski
Illustriert von Selina Landolt

Politiker sind geneigt, der eigenen Partei zu vertrauen und allen anderen zu misstrauen. Für uns Wissenschaftler ist es eine Frage der Statistik. Dabei gibt es zwei Fragen, die wir beantworten müssen: Vertrauen wir unseren Statistikkenntnissen genug, um Fehler bei anderen zu entdecken? Oder vertrauen wir anderen Forschen genug, ihre Daten sorgsam zu erheben und schlüssige Statistik zu betreiben? Die erste Frage wird zumindest in der Psychologie sehr direkt adressiert, zum Studium der Psychologie gehört eine saftige Portion Statistik. Aber die zweite Frage ist schwer zu beantworten, denn wie ehrlich Wissenschaft betrieben wird, weiss nur der Forschende selbst. Forschungsergebnisse können also nur so sicher sein, wie die eigenen Statistikkenntnisse und die Ehrlichkeit des Forschenden.

«Vertrau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast», Deutsche Rundschau, 1946

Ein Problem ist dabei, dass Statistik nicht intuitiv ist, wie zum Beispiel das Geburtstagsparadox klarmacht (Hemmerich, o. D.). Wie kann man intuitiv erklären, dass in einem Raum mit 23 Menschen die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei ein Geburtsdatum teilen, höher als 50 Prozent liegt? Ein anderes Beispiel ist das Monty-Hall-Dilemma, wo ein Spieler sich zwischen drei Türen entscheiden muss, von denen eine zum Erfolg und die anderen zu Ziegen führen (Pachhai, 2018). Nach der ersten Wahl öffnet der Moderator eine Ziegentür. Der Spieler erhält daraufhin die Möglichkeit, die gewählte Tür zu ändern. Verbleibt der Spieler auf seiner Wahl, ist seine Gewinnchance 1/3, wählt er die neue Tür steigt sie auf 2/3. Besonders das Monty-Hall-Dilemma löste eine grosse Debatte aus. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn jedes Forschungsgebiet wird abstrakt und nicht mehr intuitiv, wenn man genug ins Detail geht. Man darf es also Laien nicht vorwerfen, sollten sie nicht so gewieft sein mit der Statistik wie Forschende.

Experten der Statistik?

Wenn es also um die Interpretation von Statistiken geht, sollte man sich auf das Urteil der Experten verlassen können. Nur sind die Experten, in diesem Falle Forschende, sich selten einig, was denn gute Statistik überhaupt ist. Dabei ist weniger die Frage was gute Statistik ausmacht, sondern eher die Frage, wo gute Statistik aufhört.

Bei der Eröffnungskonferenz des Centers for Reproducible Science (CRS) der Universität Zürich letzten September war man sich zwar einig, dass der p-Wert nicht mehr dem Stand der Wissenschaft entspricht, was ihn allerdings ersetzen soll ist unklar. Benjamin, Berger, Johanesson, Nosek, Wagenmakers und Tingley (2018) haben drei Vorschläge vorgestellt. Der erste ist, den p-Wert für neue Entdeckungen von 0.05 auf 0.005 zu senken. Das hat den Vorteil, dass ein Werkzeug gebraucht wird, das alle kennen und verstehen. Der Nachteil ist, dass immer noch der p-Wert gebraucht wird.  Der p-Wert ist problematisch, weil sich Forscher stark darauf konzentrieren und andere statistische Aspekte vernachlässigen, wie beispielsweise die Power eines statistischen Tests (Benjamin et al., 2018). Die Aussagekraft des p-Werts wird zum Teil missverstanden, was zu Fehlaussagen führt.

Der zweite Vorschlag ist, den Bayes Faktor zu berichten, denn der p-Wert sagt lediglich, wie wahrscheinlich die Datenverteilung unter Annahme der Nullhypothese ist (Benjamin et al., 2018). Der Bayes Faktor sagt hingegen, wie viel wahrscheinlicher die Datenverteilung unter der neuen Hypothese im Vergleich zur Nullhypothese ist. Der Faktor löst das Problem der vielen falsch-positiven Resultate nicht. Das sind Studienergebnisse, die durch Zufall oder Manipulation signifikant sind, ohne dass ein Effekt dahintersteckt.

Der dritte Vorschlag löst das Problem der Falschpositivität, indem man Studienergebnisse (z. B. den Bayes Faktor) mit der Wahrscheinlichkeit multipliziert, mit der reproduzierbare Ergebnisse im jeweiligen Forschungsfeld zu finden sind. Für die Psychologie sind zwischen 62 (Camerer et al., 2018)und 24 Prozent (Benjamin et al., 2018). Das ist ein Problem, das nicht nur die Psychologie betrifft. Fast alle Forschungszweige sind betroffen, wie Malcom MacLeod in seinem Vortrag zur Eröffnung des CRS erklärte.

In der Biologie und Medizin werden Tierversuche streng reguliert. Das führt zu multiplen Experimenten mit kleinen Stichproben, die nicht aussagekräftig sind. Die Stichprobengrösse ist allerdings nicht das einzige Problem, das Forschende plagt. Auch HARKing, p-Hacking und der Publication Bias machen ihnen zu schaffen, erklärte Malcolm MacLeod. p-Hacking kann auch ohne Absicht passieren, deswegen präsentierte Marjane Bakker von der Tilburg Universität eine Liste von Handlungen die p-Hacking ausmachen (Bakker, van Dijk, & Wicherts, 2012). Das Team der niederländischen Universität hat zudem auf http://statcheck.io/ ein Hilfsmittel veröffentlicht, das statistische Werte überprüft. Der Aufwand bringt aber natürlich wenig, wenn wir erst im Nachhinein unsere Hypothesen festlegen.

Eine Möglichkeit dies zu umgehen bietet das Open Science Framework, es hilft Forschenden ihre Studien besser zu dokumentieren und zu teilen. Ein Vorteil von guter und öffentlicher Dokumentation ist, dass HARKing verhindert werden kann, indem man die Hypothesen formuliert und veröffentlicht, bevor das Experiment beginnt. Ein ähnliches Vorgehen bieten gewisse Journals an: Man kann den Theorie- und Methodenteil einschicken, bevor die Datenerhebung anfangen. Wird die Studie akzeptiert, wird beim Peer-review nur noch überprüft, ob man sich an den Methodenteil gehalten hat und somit wird die Studie zur Publikation akzeptiert. Um Open Science zu stärken, führt das Quest Center Berlin eine Liste der Open Science positiv gesinnten Journals und bewertet diese nach verschiedenen Aspekten.

Als Psychologen sind wir an einer interessanten Schnittstelle: Unser Untersuchungsobjekt ist genug kompliziert und die Effektgrössen klein genug, dass wir für gute Studien viel methodisches und statistisches Wissen brauchen. Diese Kenntnisse haben wir vielen anderen Forschungsfelder voraus, eine Qualität, die wir wahren sollten. Mit diesen Instrumenten ausgerüstet, sollten wir stärker für replizierbare Wissenschaft einstehen, und auch stärker in nicht wissenschaftlichen Kreisen die Errungenschaften der Wissenschaft propagieren. Erst wenn Effekte wiederholt auftreten, wird für alle klar, was Fake Science ist und was nicht. 

HARKing:Steht für Hypothesizing After Results are Known. Das erhöht die Chance, einen Effekt durch statistischen Zufall zu finden und verzerrt Interpretationen.

p-Hacking: Wenn Forschende ihre Daten so lange zurechtbiegen, bis ein signifikantes Ergebnis herauskommt. Zum Beispiel in einem Datensatz die Ausreisser so zu bestimmen, dass ein Effekt entsteht.

Publication Bias: Signifikante Resultate werden häufiger publiziert als nicht signifikante. 


Zum Weiterlesen

Bakker, M., van Dijk, A., & Wicherts, J. M. (2012). The Rules of the Game Called Psychological Science. Perspectives on Psychological Science7(6), 543–554. doi: 10.1177/1745691612459060

Benjamin, D. J., Berger, J. O., Johannesson, M., Nosek, B. A., Wagenmakers, E., & Tingley, D. (2018). Redefine Statistical Significance. Nature Human Behaviour2(1), 6. doi: 10.17605/OSF.IO/MKY9J

Quest Center. (2019). Open Access Journal Whitelist. Abgerufen am 01. Februar 2019 von http://s-quest.bihealth.org:3838/OAWhitelist/

Literatur

Camerer, C. F., Dreber, A., Holzmeister, F., Ho, T.-H., Huber, J., Johannesson, M., … Wu, H. (2018). Evaluating the replicability of social science experiments in Nature and Science between 2010 and 2015. Nature Human Behaviour2. doi: 10.1038/s41562-018-0399-z

Hemmerich, W.A. (o. D.). Geburtstagsproblem. Abgerufen am 01. Februar 2019 von https://matheguru.com/stochastik/geburtstagsproblem.html

Pachhai, S. (2018). Monty Hall Problem using Python. Abgerufen am 01. Februar 2019 von https://towardsdatascience.com/monty-hall-problem-using-python-ccd5aadc5921

Schlaganfall

Lassen wir die Musik an

Ein Schlaganfall beeinträchtigt das Leben. Er führt zu Veränderungen nicht nur im Leben der Betroffenen, sondern auch im Leben der Angehörigen. Was steckt hinter einem Schlaganfall und wie kann Musik dabei helfen? 

Von Lisa Makowski
Lektoriert von Jennifer Lienhart und Noémie Szenogrady
Illustriert von Priska Cavegn

In der Schweiz kommt es jährlich zu rund 16’000 Schlaganfällen. Diese zählen in den westlichen Ländern zu einer der häufigsten Todesursachen (Baylan, Swann-Price, Peryer, & Quinn, 2016; Swissneuro, 2019). Ein Hirnschlag trifft nicht nur den Patienten selber, sondern auch sein Umfeld unmittelbar und stark. Die meisten Patienten erleiden Lähmungen und sind künftig auf Pflege angewiesen und das zu Beginn meist Tag und Nacht (Meschia et al., 2014). Die Kosten für das Gesundheitssystem sind am Explodieren (Sihvonen et al., 2017). Neben den körperlichen Auffälligkeiten wird ein Schlaganfall aber auch von Problemen im exekutiven Bereich und im Emotionserleben begleitet (Baylan et al., 2016). Wie kommt es zu einem Hirnschlag und was sind die häufigsten Formen? Kann man Gemeinsamkeiten zwischen den Patienten|innen finden? 

Ein Schlaganfall – Ursachen und Formen

Zu einem Hirnschlag bzw. Schlaganfall kommt es in den meisten Fällen durch einen plötzlichen Verschluss eines Gefässes, welches das Gehirn versorgt (Meschia et al., 2014; Baylan et al., 2016). In der Folge sind Teile des Gehirns unterversorgt und stehen still. Je nachdem welche Areale betroffen sind und wie schnell die Behandlung eingeleitet wurde, kann es zu grösseren oder auch kleineren Einschränkungen kommen. Oftmals aber führt der Schlaganfall zu einer halbseitigen Lähmung, die im medizinischen Kontext Hemiparese genannt wird (Sihvonen et al., 2017). Zudem kann es auch zu Störungen des Gefühlserlebens und anderer Funktionen wie Sprache und Ausdruck kommen (Meschia et al., 2014). Man kann den Schlaganfall auch mit einem Herzinfarkt vergleichen, welcher im Gehirn stattfindet. Aber was sind mögliche Ursachen und ab wann steigt das Risiko eines Schlaganfalles? 

Das Risiko für einen Schlaganfall steigt zunächst mit dem Alter. Daneben spielt aber auch der Lebensstil eine entscheidende Rolle. Personen, die einen inaktiveren Lebensstil pflegen, weisen ein höheres Risiko für einen Schlaganfall auf (Meschia et al., 2014). Es wird sogar empfohlen, dass Erwachsene drei bis vier Mal pro Woche für mindestens vierzig Minuten körperlich aktiv sind, um das Risiko zu minimieren (Lee, Folsom, & Blair, 1996). Neben der Bewegung ist die Ernährung ein wichtiger Faktor für die Prävention, insbesondere die Aufnahme von Obst und Gemüse kann das Schlaganfallrisiko weiter senken, wie Joshipura und Kollegen (1999) zeigen konnten. Weitere Risikofaktoren für einen Schlaganfall sind Rauchen, Übergewicht, Diabetes, ein hoher Blutdruck und übermässiger Alkoholkonsum (Meschia et al., 2104). Aber auch Migräne und Migräneattacken können zu einer ungünstigen Disposition führen, dies ist aber noch nicht ausreichend erforscht.

Man kann drei Formen des Schlaganfalls unterscheiden. Zum einen kann es zu einem ischämischen Schlaganfall kommen. Das ist die häufigste Form des Schlaganfalles, bei der es zu einem Verschluss eines Blutgefässes im Gehirn kommt (Lackland & Weber, 2015). Eine weitere Form ist der hämorrhagische Schlaganfall (Baylan et al., 2016). Ein solcher Schlaganfall passiert, wenn es zu einer Erweiterung des Blutgefässes kommt und es dann bricht (Baylan et al., 2016; Stroke Association, 2019). Hierbei kann zum Beispiel ein erhöhter Blutdruck eine Rolle spielen. Die dritte Möglichkeit ist eine transiente ischämische Attacke. Diese wird auch als kleiner Schlaganfall bezeichnet, weil diese nur aufgrund einer Verstopfung im Blutkreis im Gehirn passiert (Stroke Association, 2019). Die Schäden sind oftmals nicht so schwerwiegend wie bei den anderen zwei Formen, dennoch sollte man auch hier darauf achten, das Ganze nicht allzu sehr zu unterschätzen (Stroke Association, 2019). Denn mit jedem Schlaganfall wächst das Risiko, einen neuen Schlaganfall zu erleben (Baylan et al., 2016). Insbesondere bei einem ischämischen und transient ischämischen Schlaganfall steigt zudem das Risiko für kardiovaskuläre Probleme an (Brown, Lisabeth, Roychoudhury, Ye, & Morgenstern, 2005). Wie kann man helfen, welche Therapiemöglichkeiten bestehen? Was hat Musik damit zu tun? 

«Es gibt keine andere Krankheit, die uns so sehr aus dem Leben reißen und nachhaltig verändern kann wie ein Schlaganfall. Fortan mit Lähmungen oder einer Sprachstörung zu leben, ist dabei schlimm genug. Was für sie als Patient aber zählt, sind Wohlbefinden und Gesundheit, also die Verbesserung bestehender Beschwerden nach einem Schlaganfall und die Verhütung künftiger Komplikationen, die Lebensverlängerung und die Steigerung der Lebensqualität.» Dr. Berndt Rieger, 2013

Therapiemöglichkeit – lassen wir die Musik an

Die Akuttherapie, zu der es unmittelbar nach dem Schlaganfall kommt, beginnt medikamentös (Baylan et al., 2016). Im weiteren Verlauf stellt sich jedoch die Frage, ob sich eine Regeneration betroffener Areale nicht auch mit psychologischen Therapien und Mitteln fördern lässt (Sihvonen et al., 2017). Es fanden bereits Verhaltenstherapien Anwendung, jedoch ist über deren Effektivität in diesem Zusammenhang nicht viel bekannt (Baylan et al., 2016). Ein anderer Ansatz stellt die Musiktherapie dar. Musiktherapie zeigt bereits bei psychischen Erkrankungen grosse Erfolge (Sihvonen et al., 2017). Musik kann uns bewegen und uns erinnern lassen. So wird bereits mit Demenzpatienten|innen erfolgreich mit Musikinterventionen gearbeitet (Sihvonen et al., 2017). Wieso dann nicht auch bei Schlaganfallpatienten? 

Es zeigte sich zudem, dass bereits das passive Hören von Musik zu Veränderungen im Gehirn führen kann. Es kann zu Veränderungen im limbischen und paralimbischen System kommen (Baylan et al., 2016). Zu diesem System gehören die Amygdala, der Hippokampus und der Nucleus accumbens (Sihvonen et al., 2017). Drei Bereiche, die zum Emotionssystem des Menschen gehören. Nach einem Schlaganfall sind Stimmungsschwankungen häufig. Man möchte durch die Musik versuchen, Neuroplastizität zu schaffen und so die beschädigten Bereiche zu reduzieren (Baylan et al., 2016). Aber wie läuft so etwas ab? Kann es funktionieren? 

Baylan und Kollegen (2016) konnten in ihrer Review bereits einige Studien untersuchen, die mehrheitlich positive Einflüsse von Musik auf die Auswirkungen des Schlaganfalls zeigen konnten, insbesondere auf die Stimmung und die Kognition. Sie berichten von der Studie von Singh, Chakraborty, Jha, Haider und Chandra (2013), welche insbesondere kognitive Verbesserungen durch das Musikhören zeigten. Sie benutzten dabei eine Musiktherapie, die RAGA Therapie heisst und aus Indien stammt (Sanivarapu, 2015). Dabei werden indische Musikrhythmen verwendet. Diese Rhythmen verändern sich immer mehr im Verlaufe des Liedes und haben besondere Einflüsse auf Körper und Geist (Sanivarapu, 2015). Diese Form der Therapie zeigte bisher auch positive Effekte in der Behandlung von Depressionen (Singh et al., 2013). Eine andere grosse Studie von Särkämo und Kollegen (2008) zeigte zudem, dass es durch Musikinterventionen zu einer Verbesserung im verbalen Gedächtnis und in aufmerksamkeitsbezogenen Bereichen kam. Bei ihnen durften die Patienten sich selber Musikstücke und Hörbücher aussuchen, welche sie während zwei Monaten täglich hörten (Särkämo et al., 2008). Aber warum bewirkt gerade Musik diese günstigen Einflüsse und mit welchen Musiktherapien kann man arbeiten? 

Musiktherapien können einen Einfluss auf Motorperformanz, Sprache und die Kognition haben (Sihvonen et al., 2017). Zudem kann Musik auch psychologische und neurobiologische Effekte aufweisen. Musik kann sich auf das Emotionserleben, das Lernen oder die Affektregulation auswirken (Sihvonen et al., 2017). In drei Studien, die von Sihvonen und Kollegen (2017) in ihrer Review beschrieben werden, durften die Teilnehmer|innen wie auch in der Studie von Särkämo und Kollegen (2008) ihre eigene Lieblingsmusik auswählen. Diese lief während der Trainings mit. Andere Studien verwendeten Kinderlieder und Lieder aus dem Folk-Musik-Bereich. Wiederum andere arbeiteten mit einer ausgebildeten Therapeutin, die die Musiktherapie mit den Teilnehmer|innen durchführte (Baylan et al., 2016). 

Da die meisten Schlaganfälle mit einer Hemiparese, also einer komplett halbseitigen Lähmung verbunden sind, sind insbesondere auch motorische Übungen wichtig. So ist es eine Möglichkeit, während dem Laufttraining mit Musik zu arbeiten (Altenmüller, Marco-Pallares, Münte, & Schneider, 2009; Schneider, Schönle, Altenmüller, & Münte, 2007; Tong et al., 2015). Dabei wird die Musik auf den Schritt des Patienten, der Patientin rhythmisiert (Altenmüller et al., 2009; Cha, Kim, Hwang, & Chung, 2014; Schneider et al., 2007; Tong et al., 2015). Andere Studien zeigten mit ähnlichen Interventionen bereits nach drei bis sechs Wochen erste Verbesserungen (Thaut, McIntosh, & Rice, 1997; Thaut et al., 2007; Schauer & Mauritz, 2003). In der Studie von Magee, Clark, Tamplin und Brandt (2017) wurde ebenfalls mit rhythmischer Musik gearbeitet, deren Rhythmus synchronisiert zur Bewegung verlief. Die synchronisierte Musik wurde mit den Patienten|innen zusammen mit einem Musiktherapeuten angehört und bildete die Grundlage für die therapeutische Arbeit. Das Arm- und Lauftraining in Verbindung mit der Musik führte zu Verbesserungen im Arm- und Knöchelbereich (Magee et al., 2017). Die Ergebnisse waren sogar noch besser, als wenn kein|e Musiktherapeut|in die Intervention durchführte (Sihvonen et al., 2017). Insbesondere was motorische Bewegungen und Schwierigkeiten angeht, scheint Musik ein Schlüssel zu sein. 

«Die Musik hat eine wunderbare Kraft, in einer unbestimmten Art und Weise die starken Gemütserregungen in uns wieder wach zu rufen, welche vor längst vergangenen Zeiten gefühlt wurden.» Charles Darwin, 1809-1882

Jedoch auch bei Patienten|innenmit Aphasie konnten Musiktherapien bereits Erfolge zeigen (Sihvonen et al., 2017). Aphasie trifft ca. 30% aller Schlaganfallpatienten und führt zu Sprachbeeinträchtigungen (Stroke Association, 2016). Diese beeinflusst die Sprache und das Leben im Alltag erheblich, da die Betroffenen Schwierigkeiten haben, Sprache zu verstehen und die richtigen Worte zu finden (Albert, Sparks, & Helms, 1973). In einer Studie wandte man eine auf Singen basierte Sprachtherapie an. Das neue musikalische Sprechen half den Patienten|innen, sich im Alltag wieder verständigen zu können. Zudem half es ihnen auch, sich Namen wieder besser merken zu können und flüssiger im Sprachgebrauch zu werden (Albert et al., 1973). 

Kommt es zu emotionalen oder kognitiven Beeinträchtigungen durch einen Schlaganfall, kann auch Musik angewandt werden. In diesem Fall arbeitet man mit den eigenen Lieblingsliedern der Patienten|innen (Sihvonen et al., 2017). Man konnte so, wenn die Patienten|innen ca. eine Stunde pro Tage ihre Lieblingsmusik hörten, nach zwei Monaten bereits Verbesserungen im kognitiven und emotionalen Bereich feststellen (Sihvonen et al., 2017). Nicht nur kann Musik zu Verbesserungen der beschädigten Bereiche im eigenen Körper führen, sondern kann durch sie auch das Wohlbefinden gesteigert werden (Sihvonen et al., 2017). Man könnte sagen: Musik kann bewegen, sie kann aber auch wiederbeleben. 

Wir unterscheiden:

  • Musikbasierte Intervention
  • Musik-Therapie
  • Musik Medizin
  • Rhythmische auditorische Stimulation 
  • Musik-unterstützte Therapie
  • Melodische Intonation Therapie 

Adaptiert aus Sihvonen et al. (2017) 


Zum Weiterlesen

Baylan, S., Swann-Price, R., Peryer, G., & Quinn, T. (2016). The effects of music listening intervention on cognition and mood post-stroke: a systematic review. Expert Review of Neuortherapeutics, 16(11), 1241-1249. doi:10.1080/14737175.2016.1227241

Sihvonen, A. J., Särkämo, T., Leo, V., Tervaniemi, M., Altenmüller, E., & Soinila, S. (2017). Music-baes interventions in neurological rehabilitation. Lancet Neurology, 16(8), 649-660. doi:10.1016/S1474-4422(17)30168

Literatur

Albert, M. L., Sparks, R. W., & Helm, N. A. (1973). Melodic intonation therapy for aphasia. JAMA Neurology, 29(2), 130-131. 

Altenmüller, E., Marco-Pallares, J., Münte, T. F., & Schneider, S. (2009). Neural reorganization underlies improvement in stroke-induced motor dysfunction by music-supported therapy. Annals of the New York Academy of Sciences, 1169(1), 395-405.

Aphorismen. (2019). Zitat Charles Darwin. Abgerufen a, 14. Januar 2019 von https://www.aphorismen.de/suche?f_thema=Musik%2C+Gesang

Baylan, S., Swann-Price, R., Peryer, G., & Quinn, T. (2016). The effects of music listening intervention on cognition and mood post-stroke: a systematic review. Expert Review of Neuortherapeutics, 16(11), 1241-1249. doi:10.1080/14737175.2016.1227241

Brown, D. L., Lisabeth, L. D., Roychoudhury, C, Ye, Y., & Morgenstern, L. B. (2005). Recurrent stroke risk is higher than cardiac event risk after initial stroke/transient ischemic attack. Stroke, 36(6), 1285-1287. doi:10.1161/01.STR.0000165926.7413.e3

Cha, Y., Kim, Y., Hwang, S., & Chung, Y. (2014). Intensive gait training with rhythmic auditory stimulation in individuals with chronic hemiparetic stroke: A randomized controlled study. Neuro Rehabilitation, 35(4),681-688. doi:10.3233/NRE-141182

Joshipura, K. J., Ascherio, A., Manson, J. E, Stampfer, M. J., Rimm, E. B., Speizer, F. E., . . .  Willett, W. C. (1999). Fruit and vegetable intake in relation to risk of ischemic stroke. JAMA, 282(13), 1233-1239. 

Lackland, D. T., & Weber, M. A. (2015). Global burden of cardiovascular disease and stroke: Hypertension at the core. Canadian Journal of Cardiology, 31

Lee, C. D., Folsom, A. R., & Blair. (2003). Physical activity and stroke riks – A meta-analysis. Stroke, 34(10), 2475-2481. doi:10.1161/01.STR.000091843.02517.9D

Magee, Clark, Tamplin, & Brandt. (2017). Music interventions for acquired brain injury. Cochrance Database Systematic Reviews, 1, CD006787. doi:10.1002/14651858.CD006787

Meschia, J.F., Bushnell, C., Boden-Albala, B., Braun, L. T., Bravata, D. M., Chaturvedi, S., … Wilson, J. A. (2014). Guidlines for the primary prevention of stroke: a statement for healthcare professionals of the American Heart Association/American Stroke Association. Stroke, 45(12), 3754-17832. doi:10.1161/STR.000000000000046 

Rieger, B. (2013). Schlaganfall: Vorbeugen und ganzheitlich behandeln. München, Deutschland: Herbig Verlag. 

Sanivarapu, S. L. (2015) India’s rich musical heritage has a lot to offer to modern psychiatry. Indian Journal of Psychiatry, 57(2), 210-213. doi:10.4103/0019-5545.158201

Särkämo, T., Tervaniemi, M., Laitinen, S., Forsblom, A., Soinila, S., Mikkonen, M., … Hietanen, M. (2008). Music listening enhances cognitive recovery and mood after middle cerebral artery stroke. Brain, 131(3), 866-876. doi:10.1093/brain/awn013

Schauer, M., & Mauritz, K.H. (2003). Musical motor feedback (MMF) in walking hemiparetic stroke patients: randomized trials of improvement.Clinical Rehabilitation, 17(7),713-722. doi:10.1191/0269215503cr668oa

Schneider, S., Schönle, P.W., Altenmüller, E., & Münte, T. F. (2007). Using musical instruments to improve motor skill recovery following a stroke. Journal of Neurology, 254(10), 1339-1346. doi:10.1007/s00415-006-0523-2

Sihvonen, A. J., Särkämo, T., Leov, V., Tervaniemi, M., Altenmüller, E., & Soinila, S. (2017). Music-baes interventions in neurological rehabilitation. Lancet Neurology, 16(8), 649-660. doi:10.1016/S1474-4422(17)30168

Singh, S. B., Chakraborty, S., Jha, K. M., Haider, S., & Chandra, S. (2013). Repeated measure analysis in raga therapy: A case study on head injury patients. Research Journal of Pharmaceutical, Biological and Chemical Science, 4(1), 420-428. 

Stroke Association. (2019). Abgerufen am 14. Januar 2019 von https://www.stroke.org.uk

Swissneuro. (2019). Abgerufen am 15. Januar 2019 von https://www.swissneuro.ch/Home

Thaut, M. H., McIntosh, G. C., & Rice, R. R. (1997). Rhythmic facilitation of gait training in hemiparetic stroke rehabilitation. Journal of Neurological Science, 151(2), 207-212. 

Tong, Y., Forreider, B., Sun, X., Geng, X, Zhang, W., Du, H., Zhang, T., & Ding, Y. (2015). Music-supported therapy (MST) in improving post-stroke patients’ upper-limb motor functions radomised controlled pilot study. Neurological Research, 37(5), 434-440. doi:10.1179/1743132815Y.0000000034

Das Positive an der organisierten Gewalt

Welche Folgen hat das Kampfsporttraining?

Die Kampfkunstindustrie wächst auf der ganzen Welt. Was für Folgen hat dieser von Gewalt geprägte Sport? Wieso ist er so beliebt? Was bedeutet dies für das Zusammenleben in der Zukunft?

Von Colin Simon
Lektoriert von Carlo Berther und Selina Landolt
Illustriert von Svenja Rangosch

«Fressen und gefressen werden» ist eines der Leitmotive in der Wildnis.In der Natur ist Gewalt am deutlichsten anhand der Nahrungskette zu sehen. Daneben gibt es Gewalt innerhalb der eigenen Art, beispielsweise bei Revierkämpfen oder bei ritualisierten Schaukämpfen, bei denen um die Gunst eines Weibchens gekämpft wird. Welche Position in der Nahrungskette eingenommen wird, steht den Arten sogar ins Gesichtgeschrieben, wie Banks, Sprague, Schmoll, Parnell und Love (2015)bestätigten. So korreliert die Form der Augen und deren Stellung stark mit der ökologischen Nische, die eine Tierart einnimmt. Beutetiere haben beispielsweise oft horizontale ovale Pupillen und Augen, die weit auseinander liegen um Ihr Sichtfeld zu vergrössern. Raubtiere hingegen haben oft senkrecht schlitzförmige Pupillen und nah beieinanderliegende Augen, um Distanzen besser einschätzen zu können. Der Mensch mit seinen Raubtieraugen setzt ebenfalls Gewalt ein, auch wenn die Ursachen dafür möglicherweise vielfältiger sind (Wrangham & Glowacki, 2012).

Die Entwicklung zu sozialen Lebewesen führte für Menschen evolutionär gesehen zu grossem Erfolg. Diese Entwicklung bedeutete aber, dass es zu vermehrten Interaktionen untereinander kam. Diese potentiell gewaltauslösenden Situationen führten schlussendlich auch zu mehr angewendeter Gewalt (Bowles, 2009). Welche grosse Rolle die Gewalt unter Menschen spielt und wie viel Aufmerksamkeit ihr geschenkt wird, kann gut anhand des Geschichtsunterrichtes veranschaulicht werden: Entfernt man alle Ereignisse aus der Geschichte, die entweder Gewalt (Kriege) oder Bündnisse gegen Gewalt (Staatengründungen) darstellen, so fällt ein Grossteil der Geschichtsereignisse weg (nämlich fünf der sieben Einträge zur «Geschichte der Schweiz» auf Wikipedia, Stand Januar 2019). Angesichts dessen scheint es wenig überraschend, dass Gewalt als Strategie populär geblieben ist, um Konflikte zu lösen.

Gewalt kann viele verschiedene Formen annehmen (Wrangham & Glowacki, 2012). Die Jagd ist nicht dasselbe wie ein geistiger oder physischer Zweikampf zwischen Menschen und ein Duell ist ebenfalls ungleich der Kriegsführung zwischen Stämmen oder Völkern. In vorliegenden Artikel wird auf die körperliche Gewalt und ihre Lehrsysteme, die Kampfkunst, eingegangen. Für eine erhöhte Lesbarkeit wird fortan ausschliesslich von Kampfkunst gesprochen, ohne Unterscheidungen zwischen Stilen zu machen.

Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass es einige Missverständnisse zum Thema Kampfsport gibt. Es wird oft angenommen, dass Schusswaffen das Ende der traditionellen Kampfkünste darstellen.Das ist allerdings ein Irrtum. Jukendo ist beispielsweise eine japanische Form des Bajonettkampfes, also Kämpfe mit Schusswaffen, an deren Lauf eine Stichwaffe befestigt ist (Jukendo World, o. D.). Ein weiterer Irrtum ist, dass Kampfsport ausschliesslich aus Asien kommt, denn es gibt hunderte Kampftraditionen aus Afrika, Europa sowie Amerika. Tatsächlich entwickelte fast jede Kultur eine Art des Kämpfens. Beispiele dafür sind Zulu Stickfighting, Dambe, Capoeira und Kalaripayattu. Aus historischen Gründen sind asiatische Kampfkünste allerdings besonders bekannt. Einerseits gerieten Waffenkampfkünste durch die kulturelle Entwicklung in Europa immer mehr in Vergessenheit und Nahkampfkünste wurden zu Sportarten. Andererseits wurden speziell im asiatischen Raum einige Kampfkunsttraditionen bewusst aufrechterhalten oder modernisiert (Rafolt, 2014). 

Gemäss Rafolt (2014) begann dieser Prozess in Japan während der Meiji Restoration, eine Revolution im Jahre 1868 (Beasly, 1972), die den Kaiser wieder ins Zentrum der Regierung rückte und auch die politische Isolationspolitik von Japan beendete. Kampfkünste, die vor dieser Zeit entwickelt wurden, werden «Koryu Bujutsu» (Kriegskunst der alten Schule) genannt. Kampfkünste, welche später entstanden sind, werden hingegen «Gendai Budo» (Moderner Weg des Kampfes) genannt. Diese Namensgebung spiegelt den modernen Fokus auf die spirituelle Entwicklung und der Wettkämpfe wieder. So wurden auch die Kampfkunstarten «Jujitsu» zu «Judo», «Kenjutsu» zu «Kendo», «Iaijutus» zu «Iaido» und «Aikijujutsu» zu «Aikido» umbenannt (Rafolt, 2014).

Wieso lernt man Kämpfen?

Gemäss den Vereinigten Nationen (United Nations, 2013) gab es in Westeuropa nie eine sicherere Zeit als die heutige. So sind die Mordraten in Westeuropa im weltweiten Vergleich heutzutage am tiefsten und sinken weiterhin. Was also treibt Menschen in solch einer friedlichen Umwelt dazu, freiwillig in ein Dojo (Übungshalle für japanische Kampfkünste) oder ein Fitnesscenter zu gehen, um physische Gewaltausübung zu trainieren?Molanorouzi, Khoo und Morris (2015) beschrieben anhand einer Untersuchung mit dem Physical Activity and Leisure Motivation Scale Questionnaire (PALMS, Zach, Bar-Eli, Morris, Moore, 2012) drei wichtige Motivatoren für das Ausüben von Kampfsport: «Wettkampforientierung», «Fähigkeiten meistern» und «Psychologischer Zustand».

Mit «Wettkampforientierung» (Zach et al., 2012) ist gemeint, dass der Kampfsportler versucht besser zu sein als seine unmittelbaren Vergleichspartner. Dazu gibt es im Kampfsport sehr viele Möglichkeiten. Durch die Anwesenheit eines Trainers (Lehrers), durch das Training mit anderen Schülern und durch Wettkämpfe wird eine unmittelbare Rückmeldung sichergestellt.Die Facette «Fähigkeiten meistern» (Zach et al., 2012) beinhaltet das Erlernen, Erhalten und Meistern von neuen Fähigkeiten. Da man im Kampfsport spätestens bei Wettkämpfen ein schnelles und präzises Feedback erhält, können Stärken und Schwachstellen einfach erkannt werden um den Lernprozess zu fördern. Es gibt genügend Lernstoff für Teilnehmende, denn für die meisten Kampfkünste gibt es eine ausgereifte Bandbreitean Techniken, die man im Schlaf beherrschen muss, um Prüfungen zu bestehen.Der dritte Aspekt des PALMS ist der «Psychologische Zustand» (Zach et al., 2012). Dieser beschreibt, dass der Praktizierende einen Weg sucht, mit Stress umzugehen oder ihn abzubauen, sich entspannen zu können und sich abzulenken. Entspannung und Stressabbau gehören vielleicht nicht zu den ersten Gedanken, die man mit Kämpfen in Verbindung bringt. Tatsächlich ist aber die psychische Weiterentwicklung in den meisten Kampfsportarten ein ebenso zentraler Punkt wie der Wettkampf selbst. 

Die geistige Entwicklung, die den Fortschritt im Kampfsport begleitet, wird von Nicht-Praktizierenden oft unterschätzt. Die Erfahrung und Ausübung der Gewalt kann zum Beispiel ein Weg sein, sich in einer verhältnismässig sicheren Umgebung mit der eigenen Aggression auseinandersetzen zu können. So gibt es viele Studien, die den positiven Zusammenhang zwischen Kampfsport und Selbstregulation erläutern (Harwood, Lavidor, & Rassovsky, 2017; Vertonghen & Theeboom, 2010), die Befunde sind jedoch nicht immer konsistent.

Kampfsport und dessen psychologischen Korrelate

Vertonghen und Theeboom (2010)haben mit einer Metaanalyse diverse Aspekte von Psychologie und Kampfsport untersucht. Die Autoren berichten, dass erhöhte Selbstwirksamkeit, Optimismus und andere positive Persönlichkeitsattribute mit längerer Kampfsportpraxis in Verbindung stehen. Diese Ergebnisse zeigen sich nicht nur im Vergleich zu nicht sportlichen Kontrollgruppen, sondern auch im direkten Vergleich mit Teamsportarten wie beispielsweise Eishockey. Bei der Aussage, dass das Aggressivitätsniveau sinkt, je länger eine Person Kampfsport betreibt, stimmen ältere Studienergebnisse jedoch nicht immer überein (Endresen & Olweus, 2005).

In gewissen Studien zeichnet sich ein Geschlechtertrend ab. Björkqvist und Varhama (2001)fanden, dass männliche Karateka (Personen, die Karate betreiben) eine negative Einstellung zu gewalttätiger Konfliktresolution hatten, während weibliche Karateka eine positive Einstellung dazu hegen. Für kognitive Selbstregulation und Klassenraumverhalten zeigten Lakes und Hoyt (2004)für Knaben grössere Effektstärken als für Mädchen. In einem Antimobbing-Programm von Twemlow et al. (2008)fanden sich für Mädchen gar keine Effekte, während Knaben weniger Aggressivität und mehr Hilfeverhalten gegenüber Mobbingopfern zeigten. Die Effekte könnten allerdings deswegen zustande kommen, weil oft externalisierte Aggression untersucht wird (Harwood et al., 2017), welche beim männlichen Geschlecht vermehrt auftritt (Trulson, 1986).

Die neuere Metaanalyse von (Harwood et al., 2017)sagt hingegen klar: Kampfkunst kann externalisierende Aggressionsverhalten reduzieren. Die Forschenden fanden erneut, dass der Effekt für Männer stärker ist als für Frauen. In ihrer Metaanalyse halten sie fest, dass Kampfkunst positive Effekte auf die Selbstkontrolle oder die Kognition haben kann.Auch wenn sich teilweise Geschlechtsunterschiede zeigen, sind die positiven Effekte von Kampfkunst bei vielen Bevölkerungsgruppen anzutreffen. Beispiele dafür sind Menschen mit Störungen wie Schizophrenie oder Autismus sowie Menschen verschiedenen Alters, welche Verhaltensschwierigkeiten aufzeigen. 

«70% der Leute kommen nach dem Ereignis. Ein gewalttätiges Ereignis wurde ihnen oder einem Familienmitglied angetan, oder sie sind knapp einer potentiell schlechten Situation entkommen. […] Ich hoffe die Mehrheit von euch gehört zu den 30%, denn wenn Ihr nach dem Ereignis zu mir kommt, kann ich das nicht Ungeschehen machen.» Tim Larkin, 2015, Selbstverteidigungsexperte

Vertonghn und Theeboom (2010) machen auf verschiedene methodische Schwächen der gemachten Studien aufmerksam. So werden beispielsweise Kampfsportarten undifferenziert betrachtet(zum Teil auch mit Krafttraining vermengt, zu einer Kategorie von «Powersport»). Als weiteres wird die fehlende Auseinandersetzung mit Drop-outs, d. h. Teilnehmende, die während der Studie mit dem Kampfsport aufhören, kritisiert. Vertonghen und Theeboom (2010) stellen einen trotz dessen einen Trend zur Verbesserung der Selbstregulation, weniger Aggressivität und höherem psychologischer Wohlbefinden von Kampfkünsltern fest.

Beide der hier beschriebenen Metaanalysen heben hervor, dass der Unterrichtsstil eine wichtige Einflussgrösse ist. Traditionelle Kampfkünste, die sich auf körperliche und psychische Weiterentwicklung konzentrieren, haben einen positiven Einfluss auf Aggressivität, Ängstlichkeit, führen zu besserer sozialer Gewandtheit und höhere Schätzung von Tradition (Trulson, 1986). Wettkampforientierter Kampfsport hingegen zeigen hingegen eher negative Effekte auf den beschriebenen Dimensionen. 

Was die strukturellen Korrelate im Hirn betrifft, konnten Breitschuh et al. (2018)zeigen, dass aggressive Kampfkünstler im linken inferioren temporalen Gyrus, eine Region die mit Top-Down Aggressionskontrolle in Verbindung gebracht wird, weniger graue Substanz haben, als eine aggressive Kontrollgruppe. Die Interpretation dieser Ergebnisse lässt vermuten, dass die Ausübung der Gewalt im Kampfsport zu mehr Selbstregulation und besseren Bewältigung im Umgang mit Gewalt führe, weshalb weniger kognitive Kontrolle zur Inhibition notwendig sei. 

Die vernachlässigte Gewalt

Der Mensch investiert sehr viel, um die eigene Sicherheit zu erhöhen und Gewalt aus seinem unmittelbaren Alltag fernzuhalten. Dadurch wiederum erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Stigmatisierung von Personen, die sich für Gewalt interessieren. Loughran (2018)hinterfragt beispielsweise, wie wahrgenommene Polizeigewalt und die wahrgenommene Legitimität der Polizei zusammenhängen. Dabei geht er auf die Gefahren einer eindimensionalen Auseinandersetzung mit Gewalt ein. 

Gewalt wird auf gesellschaftlicher Ebene als etwas Negatives bewertet. Zu empfehlen wäre eine differenzierte Betrachtungsweise, bei der jeweils Grund und Kontext miteinbezogen werden. Notwehr und Notstand stellen beispielsweise zwei juristische Konstrukte dar, die Gewalt legitimieren (schweizerisches Strafgesetzbuch, Artikel 15-18, Stand 1. Jan 2019). Ein Problem der mangelhaften Auseinandersetzung mit Gewalt ist, dass Menschen sich erst nach einem kritischen Vorfall mit dem Thema der Selbstverteidigung – und somit auch der Kampfkunst – auseinandersetzen und die Vorteile von kontrollierter Gewalt erst mit zunehmender Befassung kennen – und schätzen lernen.

Zum Weiterlesen

Harwood, A., Lavidor, M., & Rassovsky, Y. (2017). Reducing aggression with martial arts: A meta-analysis of child and youth studies. Aggression and Violent Behavior,34, 96–101. doi:10.1016/j.avb.2017.03.001

Molanorouzi, K., Khoo, S., & Morris, T. (2015). Motives for adult participation in physical activity: Type of activity, age, and gender health behavior, health promotion and society. BMC Public Health15(1), 1-12. doi:10.1186/s12889-015-1429-7

Literatur

Banks, M. S., Sprague, W. W., Schmoll, J., Parnell, J. A. Q., & Love, G. D. (2015). Why do animal eyes have pupils of different shapes? Science Advances1(August), 1–10. doi:10.1126/sciadv.1500391

Beasley, W. (1972). The Meiji Restoration. Stanford University Press.

Björkqvist, K., & Varhama, L. (2001). Attitudes toward Violent Conflict Resolution among Male and Female Karateka in Comparison with Practitioners of other Sports. Perceptual and Motor Skills,92(2), 586–588. doi:10.2466/pms.2001.92.2.586

Bowles, S. (2009). Did warfare among ancestral hunter-gatherers affect the evolution of human social behaviors? Science324(5932), 1293-1298. doi:10.1126/science.1168112

Breitschuh, S., Schöne, M., Tozzi, L., Kaufmann, J., Strumpf, H., Fenker, D., … Schiltz, K. (2018). Aggressiveness of martial artists correlates with reduced temporal pole grey matter concentration. Psychiatry Research – Neuroimaging281(June), 24–30. doi:10.1016/j.pscychresns.2018.08.001

Endresen, I. M., & Olweus, D. (2005). Participation in power sports and antisocial involvement in preadolescent and adolescent boys. Journal of Child Psychology and Psychiatry and Allied Disciplines46(5), 468–478. doi:10.1111/j.1469-7610.2005.00414.x

Geschichte der Schweiz (o. D.) Abgerufen am 01. Januar 2019 von https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schweiz#Zeitleiste_der_wichtigsten_Ereignisse

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Jukendo World. (o. D.). The art of the Japanese bayonet. Abgerufen am 01. Januar 2019 von https://jukendo.world/en/

Lakes, K. D., & Hoyt, W. T. (2004). Promoting self-regulation through school-based martial arts training. Journal of Applied Developmental Psychology25(3), 283–302. doi:10.1016/j.appdev.2004.04.002

Loughran, T. A. (2018). Police Violence, Procedural Justice, and Public Perceptions of Legitimacy. Criminology & Public Policy17(4), 825–827. doi:10.1111/1745-9133.12416

Molanorouzi, K., Khoo, S., & Morris, T. (2015). Motives for adult participation in physical activity: Type of activity, age, and gender health behavior, health promotion and society. BMC Public Health15(1), 1-12. doi:10.1186/s12889-015-1429-7

Rafolt, L. (2014). Ritual Formalism and the Intangible Body of the Japanese Koryū Budō Culture. Narodna Umjetnost51(1), 183–208. doi:10.15176/vol51no109

Schweizerisches Strafgesetzbuch. (1.1.19). Abgerufen am 01. Januar 2019 von https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19370083/201901010000/311.0.pdf

Larkin, T. [TEDx Talks]. (2015.06.04) The Paradox of Violence | Tim Larkin | TEDxGrandForks. Abgerufen am 01. Januar 2019 von https://www.youtube.com/watch?v=HROsqfsJkx8&t=147s

Trulson, M. E. (1986). Martial Arts Training: A Novel “Cure” for Juvenile Delinquency. Human Relations39(12), 1131–1140. doi:10.1177/001872678603901204

Twemlow, S. W., Biggs, B. K., Nelson, T. D., Vernberg, E. M., Fonagy, P., & Twemlow, S. W. (2008). Effects of participation in a martial arts-based antibullying program in elementary schools. Psychology in the Schools45(10), 947–959. doi:10.1002/pits.20344

United Nations Office on Drugs and Crime. (2013). Global Study On Homicide. Abgerufen am 01. Januar 2019 von https://www.unodc.org/gsh/

Vertonghen, J., & Theeboom, M. (2010). The social-psychological outcomes of martial arts practise among youth: A review. Journal of Sports Science and Medicine9(4), 528–537. doi:10.1007/s00146-007-0080-y

Wrangham, R. W., & Glowacki, L. (2012). Intergroup aggression in chimpanzees and war in nomadic hunter-gatherers. Human Nature23(1), 5-29. doi:10.1007/s12110-012-9132-1

Zach, S., Bar-Eli, M., Morris, T., & Moore, M. (2012). Measuring motivation for physical activity: an exploratory study of palms-the physical activity and leisure motivation scale. Athletic Insight4(2), 141-152.

Professoren|innen gefragt

«Was bleibt ist die Veränderung;
was sich verändert, bleibt.»
(Dr. phil. Michael Richter)

Statement von Frau Prof. Dr. Alexandra M. Freund:  

Als Entwicklungspsychologin ist die Veränderung von psychologischen Prozessen über die Zeit mein zentrales Forschungsinteresse: Unter welchen Bedingungen tritt Veränderung in welchem Masse und aufgrund welcher zugrundeliegenden Prozesse auf? Die rasanten Veränderungen im Kindes- und Jugendalter sind faszinierend und scheinen uns fast gleichbedeutend mit Entwicklung. Beschäftigt man sich aber mit dem mittleren und dem höheren Alter, wird einem klar, dass Veränderung nur ein Aspekt von Entwicklung ist: Die Stabilität von psychischen Funktionen steht in diesen Altersgruppen stärker im Vordergrund als die Veränderung. Allerdings stimmt das nur bei relativ oberflächlicher Betrachtung, denn Stabilität impliziert Anpassungsleistungen an sich ständig verändernde interne und externe Faktoren. Versuchen Sie einmal, stabil mit geschlossenen Augen und nach vorne gestreckten Armen auf einem Bein zu stehen. So ähnlich ist es auch, Entwicklungsstabilität zu erreichen. Die Sängerin Petula Clark (wenn Sie sie nicht kennen, von ihr stammt der uralte Hit „Downtown“, ein Ohrwurm aus den 1960iger Jahren) drückte das in einem Interview kürzlich so aus: Stabilität zu erreichen ist mit zunehmendem Alter vergleichbar damit, auf einer sich schnell herunterbewegenden Rolltreppe auf derselben Höhe zu bleiben. Ein sehr treffendes Bild, finde ich.

Statement von Herrn Prof. Dr. Guy Bodenmann:

Veränderungen widerspiegeln den natürlichen Werdegang eines jeden Menschen. Man verändert sich im äußeren Erscheinungsbild ebenso wie bezüglich innerer Werte, Einstellungen, Bedürfnissen und Zielen. Für Paare bedeutet die Veränderung beider Partner eine bedeutende und ständige Herausforderung. Der Mensch, zu dem man ja in der Beziehung sagte, ist schon bald nicht mehr derselbe und selber ist man es genauso wenig. Beide entwickeln sich, teils gemeinsam (Ko-Evolution als Dyade), teils individuell, in kongruenter Weise oder diametral, teils im Gleichschritt, teils in unterschiedlichen Phasen, meist nicht linear, sondern in Entwicklungssprüngen.  Nur die Paare, bei denen die Partner Schritt mit der Entwicklung des anderen halten können, an ihr teilhaben und sie begleiten, haben längerfristig eine Überlebenschance. Dies gelingt nur, wenn sich die Partner konstant updaten, über ihre Wünsche und Visionen austauschen, sich füreinander interessieren und die Veränderungen beim anderen wahrnehmen und bejahen. Die Paare, denen dies nicht gelingt, entfremden sich unmerklich, reagieren mit Enttäuschung auf die Veränderung des anderen, verlieren sich aus den Augen.

Statement von Herrn Prof. Dr. Johannes Ullrich: 

Meditation oder Legitimation?
Oh, dazu wüsste ich gerne mal, in welchem Zusammenhang der Richter das gesagt hat; diese Aussage lässt sich ja in beliebige Zusammenhänge stellen und dadurch in ihrer Bedeutung verändern. Das erinnert mich an Forschung von Solomon Asch zum Verständnis von Aussagen in unterschiedlichen Kontexten. Nehmen Sie die Aussage von Thomas Jefferson, „I hold it that a little rebellion, now and then, is a good thing, and as necessary in the political world as storms are in the physical“, und schreiben Sie diese Lenin zu, bekommen Sie eine revolutionäre Auslegung (und wahrscheinlich weniger Zustimmung). Den Richter-Spruch können wir zum Beispiel als eine Meditation über Vergänglichkeit verstehen oder als eine Legitimation von irgendeiner „Strukturreform“. Da Wahrscheinlichkeit und Legitimation von Veränderung miteinander verknüpft sind, dürfte dieser Spruch, der Veränderung als etwas natürlich Gegebenes darstellt, prima zur Legitimation von menschengemachter Veränderung geeignet sein.

Statement von Herrn Prof. Dr. Moritz M. Daum: 

Halt.
Die Veränderung ist der zentrale Inhalt der Entwicklungspsychologie. Und wie war die Welt der Entwicklungspsychologen früher so einfach. Der Mensch veränderte sich vom Säugling zum Erwachsenen. Und dann war Schluss. In der heutigen Entwicklungspsychologie ist alles viel komplizierter. Die Entwicklung hört nicht nach der Adoleszenz auf, der Mensch entwickelt sich ein ganzes Leben lang. Es ist auch nicht einfach nur eine Veränderung über die Zeit; kritische Lebensereignisse, positive wie negative führen ebenso zu Veränderungen im Denken und Handeln, unabhängig vom Zeitpunkt des Auftretens. Man denke nur an die Geburt eines eigenen Kindes oder den Abschluss eines Studiums. Entwicklung besteht nicht nur aus Reifungsprozessen, die Veränderung eines Individuums ist beeinflusst durch einen ständigen und dynamischen Austausch mit der Umwelt. Die Theorie der dynamischen Systeme (Smith & Thelen, 2003)bietet hier ein wertvolles theoretisches Rahmenkonstrukt, und methodische Möglichkeiten, diese vielfältigen Interaktionsprozesse sichtbar zu machen. Dadurch wird es sicherlich nicht einfacher, Entwicklung zu untersuchen, aber sehr viel spannender. Denn der Mensch verändert sich, ständig. 


Zum Weiterlesen

Smith, L. B., & Thelen, E. (2003). Development as a dynamic system. Trends in Cognitive Sciences7(8), 343–348. doi: 10.1016/S1364-6613(03)00156-6

Unpolitisch, leistungsorientiert, angepasst?

Ein Annäherungsversuch an die Jugendkultur der 2010er Jahre

Die langen Haare und Sozialkritik der Hippies haben schon länger ausgedient; ebenso das Aufbegehren und die politischen Aktionen von 80er Bewegung und Punks. Die klassische Jugendsubkultur scheint zum Auslaufmodell geworden zu sein. Wie lässt sich diese Veränderung begründen? Was kennzeichnet die Jugendkultur im frühen 21. Jahrhundert?

Von Jennifer Bebié
Lektoriert von Selina Landolt und Lisa Makowski
Illustriert von Jennifer Bebié

Die 1960er Jahre hatten die Hippies, die 80er die Punks. Irgendwo zwischen damals und heute lösten Goths und Emos mal Besorgnis, mal Augenrollen aus. Revolution forderten die einen, Wir-Gefühl und Ablehnung etablierter Gesellschaftsnorm und Ästhetik zelebrierten die anderen (Behr, 2012). Solch auffällig einheitliche Jugendgruppierungen sind im gegenwärtigen Jahrzehnt bis anhin nicht auszumachen. Anlass zur Sorge bieten den Erziehungsberechtigten nicht mehr in erster Linie bunte Haare, laute Musik oder demonstratives Rebellentum. Stress und Leistungsdruck hingegen, so Pro Juventute in einem Communiqué vom Dezember letzten Jahres, seien es, die Jugendlichen und deren Eltern zunehmend zu schaffen machten (Pro Juventute, 2018). Auch im Gespräch mit Roland Lüthi, Rektor und Englischlehrer an der Kantonsschule Zürcher Unterland (KZU), wird deutlich, dass Jugendkultur heute wenig mit dem – wohl durchaus etwas romantisierten – Bild einer aufmüpfigen, in klar demarkierten Gruppen auftretenden Jugend gemein hat, mit welchem ich zu meiner Recherchearbeit ansetzte. Um weiteres Mythologisieren jugendlicher Subkulturen vorzubeugen, werden diese im Folgenden als ein Phänomen psychosozialer Entwicklungsprozesse der Adoleszenz behandelt. Auf jene nüchtern-sachlich orientierte Betrachtungsweise aufbauend soll anschliessend, mitunter im Gespräch mit dem langjährigen Pädagogen Lüthi, eine Annäherung an die gegenwärtige Lebenswelt Jugendlicher in der Schweiz stattfinden.

Entwicklungsphase Adoleszenz: Identitätsfindung zwischen Ablösung und Zugehörigkeit

Das Jugendalter, synonym auch als Adoleszenz bezeichnet, beschreibt die Übergangszeit zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Gemäss Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) umspannt die Phase der Adoleszenz das 11. bis 20. Lebensjahr (Konrad & König, 2018). Wissenschaftlich eindeutig oder absolut ist diese Eingrenzung nicht. Sie wird lediglich zur ungefähren lebenszeitlichen Verortung des Jugendalters beigezogen. Im Fokus des vorliegenden Artikels stehen die überwiegend psychosozialen Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz, von welchen primär physiologische, unter dem Pubertätsbegriff gefasste Veränderungen abzugrenzen sind (Jungbauer, 2017).

«Die meisten Jugendlichen haben heutzutage viele Freiheiten, ihr <eigenes Leben> so zu gestalten, wie es ihren individuellen Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. Zugleich erleben sie aber auch einen verstärkten Erwartungsdruck, diese Freiheiten zu nutzen. Die Chancen der Individualisierung werden oft erkauft durch die Lockerung von sozialen und kulturellen Bindungen sowie durch Belastungen und Überforderungsgefühle.» Jungbauer, 2017

Als zentrale Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz benennt die Mehrheit der Autoren|innen unter anderem den Prozess der Identitätsfindung und die allmähliche Loslösung vom Elternhaus (Eschenbeck & Knauf, 2018; Jungbauer 2017; Resch, 2016). Es gilt für die Adoleszenten herauszufinden, wie sie sich selbst als aktiv handelnde Individuen bezüglich all ihrer Eigenheiten, Haltungen und Werte erleben. Diese Wahrnehmung des Ichs als Akteur muss schliesslich mit dem Ich als Objekt der Selbstbetrachtung aus Erst- und angenommener Drittpersonenperspektive zur Übereinstimmung gebracht werden (Resch, 2016). Um Identität in ihrer gesamten psychosozialen Tragweite zu erleben, bedürfen die Jugendlichen nicht nur der Selbstwahrnehmung (reflexive Identität), sondern auch des Selbsterlebens als Teil einer bestätigenden Gemeinschaft (Identifikation). Die allmähliche Loslösung von elterlichen Vorgaben und klar umgrenzter Kind-Rolle ermöglicht den Jugendlichen die notwendige Exploration einer individuellen Identität (Resch, 2016). 

Stabilität durch Gruppenzugehörigkeit

Dieser Prozess des Erkundens und Ausprobierens geht nicht selten mit Unsicherheit und bisweilen krisenhaften Momenten einher. Soziale Umfelder, welche klar erkennbare Werte und Rollen vorgeben, können während dieser Zeit des Umbruchs der Orientierung dienen (Jungbauer, 2017; Resch, 2016).

«Für Jugendliche in der Schweiz gehört das Gefühl von Stress und Überforderung zum Alltag. Fast die Hälfte der 15- bis 21-Jährigen ist häufig bis sehr häufig gestresst oder überfordert.» Pro Juventute, 2018

Ob nun eine Jugendliche mit einer Gruppe ähnlich gesinnter Mitschüler|innen Stellung gegen die als konservativ erlebten Strukturen ihres Ausbildungsumfelds bezieht, oder ob ein Jugendlicher sich als Zugehöriger der HipHop-Kultur erprobt und in Folge seinen Boxershorts etwas mehr Frischluft gewährt, als in elterlichen Augen angebracht wäre, ist hierbei nebensächlich. Stabilisierend auf die Jugendlichen wirkt die Übereinstimmung (Kohärenz) zwischen ihrer eigenen Sicht auf sich selbst und ihrer expressiven, d. h. nach aussen hin gelebten Identität. Die bestätigende Reaktion der Gruppe begegnet dem grundlegenden menschlichen Bedürfnis nach Bindung und sozialer Zugehörigkeit (Resch, 2016). Jugendkulturelle Bewegungen, welche sich in Auftreten und Werthaltung deutlich erkennbar machen und dabei explizit bestimmten Normen der Gesamtgesellschaft entgegenstehen, bieten Identifikationsmöglichkeit und sozialen Rückhalt beim Ausloten des eigenen Stils und Wertesystems (Behr, 2012).

Obige Ausführungen legen nahe, jugendkulturelle Phänomene als Begleiterscheinung adoleszenter Identitätsfindungsprozesse aufzufassen. Versteht man Jugendsubkulturen als Folgephänomen psychosozialer Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz, wird man nicht umhin kommen, festzustellen, dass das frühe 21. Jahrhundert grosse, einheitliche Jugendbewegungen vermissen lässt (Ferchhoff, 2011). Woraufhin sich die Frage stellt, was dieser Veränderung der Jugendkulturlandschaft zugrunde liegt. Haben die Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz sich gewandelt oder sind es die Jugendlichen selbst, welche sich in ihren Bedürfnissen ganz grundlegend von ihren Vorgängergenerationen unterscheiden?

If anything goes – gegen was noch rebellieren?

Als weitgehend unverändert werden biologische und intraindividuelle Dimensionen der jugendlichen Entwicklungsaufgaben angenommen. In Folge rücken Gesellschaftliche Bedingungen stärker in den Untersuchungsfokus (Jungbauer, 2017). Soziokulturelle Normen, Rollenerwartungen und individuelle Wertvorstellungen haben sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt (Jungbauer, 2017). In bisher ungekannter Breite offen steht uns das Spektrum gesellschaftlich akzeptierter Lebensentwürfe. Der Zuwachs an Toleranz gegenüber unterschiedlicher Kulturformen und Lebensstile geht jedoch damit einher, dass unsere Welt dadurch auch um einiges komplexer, unübersichtlicher, bisweilen auch beliebiger geworden ist (Jungbauer, 2017). In einer durch Umbruch, Multikulturalität, Mehrdeutigkeit und Mehrdimensionalität geprägten Gesellschaft verblassen allgemeingültige Leitbilder und traditionelle Werte, welche Heranwachsenden früher klare Bezugspunkte geboten hatten (Resch, 2016). Abgrenzung und Rebellion gegen eine selbst dem ständigen Wandel unterworfene Gesellschaft, käme einer Sisyphusarbeit gleich. Ihre stabilisierende Funktion durch klare Positionierung als Gegenentwurf zu den Normvorstellungen des Mainstreams kann eine Jugendsubkultur nur in Gesellschaften übernehmen, welche solch fixierte Normen überhaupt noch hochhalten.

Eine Jugendkultur im 21. Jahrhundert?

Jugendkultur lässt sich gegenwärtig nicht mehr in einem klar umrissenen Gesamtbild fassen, so Ferchhoffs Feststellung in seinem 2018 erschienen Buch zur Jugendkultur im 21. Jahrhundert. Passend erscheint somit auch seine Wahl des bunten Kaleidoskops als Sinnbild für postmoderne Fragmentierung, Multiplizität und Veränderbarkeit, welche die Lebenswelt heutiger Jugendlicher ausmachen. Die mit der gesellschaftlichen Vielfältigkeit verwobene Individualisierungstendenz erhöht den Druck auf jede|n Einzelne|n, die Freiheiten zur Gestaltung des «eigenen» Lebensentwurfs optimal zu nutzen. Um folglich nicht in Überforderung und Orientierungslosigkeit abzugleiten, bedürfen die Jugendlichen heute einer gut ausgeprägten Selbststeuerungs- und Reflexionsfähigkeit (Resch, 2016). Das Gespräch mit Gymnasiallehrer und Rektor Roland Lüthi spiegelte und ergänzte das in der Fachliteratur gezeichnete Bild. Auszüge aus dem Austausch mit Pädagoge Lüthi sollen im Folgenden beleuchten, wie Jugendliche die aktuell hochkomplexen sozialen Gegebenheiten navigieren und was auch heute noch einen gewissen Halt und Orientierungspunkt bieten kann.

Bestandaufnahme an der KZU Bülach: Rektor Roland Lüthi im Gespräch vom 9. Januar 2019

JB: Sie sind ja nun schon eine ganze Weile hier dabei [als Gymnasiallehrer]. Haben sie während dieser Zeit Veränderungen bei den Jugendlichen – im Hinblick auf das Thema Jugendkultur – festgestellt?

RL: Politisch ist der Unterschied nicht riesig. Schon Mitte der 90er Jahre waren die Schüler|innen nicht mehr auffällig politisch aktiv. Dieser Eindruck hängt sicher auch teilweise mit der Verblendung meiner Generation und der Generation vor uns zusammen. Die waren noch dabei, als es gegen Ende der 60er Jahre richtig «tätscht hät». Die einen von uns waren während der 80er Jahren bei «Züri brännt» dabei. Vergleichbares habe ich in meiner Zeit hier nicht erlebt. Was jedoch auffällt ist, dass die Jugendlichen aktuell viel genauer wissen, dass sie etwas erreichen wollen. Das ist aber nicht mehr unbedingt die grosse soziale Gerechtigkeit. Diese ist heute auch schon wesentlich stärker gegeben als noch zu meiner Zeit als Schüler. Wir hatten zwar ebenso wahnsinnig nette Lehrer|innen, aber einige eben schon auch noch total nach «alter Schule». Diese sehe ich hier jetzt praktisch nicht mehr. Was ich sehe, was passiert ist, ist ein politischer Rechtsrutsch in Form einer Liberalisierung, im Sinne von «Ja, ich will etwas erreichen, ich will «guät Stutz verdienä», ich will dann mal ein Einfamilienhäuschen…».

Damit zusammenhängend lässt sich beobachten, dass sich ein nicht unbedeutender Anteil der jungen Menschen hier einem absolut gestörten Druck aussetzt, welcher nachweislich krank macht. Wir haben eigentlich keine fünfte Klasse, die komplett anwesend ist. In praktisch jeder Fünften hat es jemanden, der stationär in einer Klinik behandelt wird. Heutzutage ist Funktionieren angesagt. Man hat der jungen Generation auch genug lange mitgegeben, dass sie Leistung erbringen müssen.

JB: Sind die Jugendlichen heute wirklich so brav und angepasst, wie das in den Medien gelegentlich dargestellt wird?

RL: Also in Stunden, in denen wir über Inhalte reden wollen, fällt das schon auf. Was dann an Meinungsäusserungen kommt, ist in der Regel schon recht «Mainstream», recht angepasst. Es dominiert dann oft die Haltung, dass doch jeder machen könne wie er oder sie will, solange man dies selbst auch tun kann. Da gab es vor zehn, mehr noch vor zwanzig Jahren schon eher einige Charakterköpfe, die vielleicht mal etwas lauter und deutlicher eine Meinung kundgetan oder eine klare Haltung vertreten haben. Klar gibt es die immer noch, aber im Grossen und Ganzen ist es schon ein wenig gleichförmiger geworden. Wenn man funktionieren muss, ist es eben einfach nicht opportun, auszubrechen und sich abzugrenzen.

JB: Haben die Jugendlichen überhaupt noch die Möglichkeit, sich gegen irgendetwas aufzulehnen, was ja für deren Entwicklung doch auch wichtig ist?

RL: Ja, also ich glaube das passiert immer noch. Was sich überhaupt nie verändert hat ist, dass wenn die Schüler|innen für das Langzeitgymnasium an der KZU ankommen, sie alle noch Kinder sind. Sie sind herzig und finden auch den blödesten unserer Witze urkomisch, bis das beim Übertritt in die zweite Klasse zu kippen beginnt. Das «richtig happige» Pubertieren gibt es also noch immer. Sie finden uns dann absolut daneben und können auch nicht sehen, dass es in dem Moment vielleicht ja eher siesind, die sich daneben benehmen – das ist aber auch ihr gutes Recht. Das ist das Verhalten, wie ihr Gehirn es biologisch von der Entwicklung her gerade vorgibt. Gleichzeitig muss man als Erziehungsberechtigte, also auch als Eltern zu Hause, trotzdem sagen, wenn etwas nicht angebracht ist. Da muss man immer wieder versuchen, Regeln durchzusetzen, obwohl das wahnsinnig schwierig wird, wenn sie 17 oder 18 Jahre alt sind und zudem eine grössere Körpergrösse aufweisen als man selbst. Klar wäre da ein mögliches Szenario, sich als Erwachsener einfach zurückzuziehen, aber genau das darf man nicht. Es muss manchmal ein bisschen weh tun und diese Reibungsfläche darf man den Jugendlichen auch nicht nehmen.

Schule schwänzen für’s Klima – Ein Nachsatz

Der Eindruck, dass die Jugendlichen dem Rektor – auch während Phasen des «richtig happigen» Pubertierens – am Herzen liegen, war während des Interviews immer wieder deutlich zu erkennen. Dass es folglich auch Roland Lüthi war, der zehn Tage nach Aufzeichnung unseres Gesprächs, darauf aufmerksam machte, den aktuellen Klimastreik im vorliegenden Artikel mit zu berücksichtigen, erstaunt wenig. 

«Kommunikationsgeschick und gekonnte Nutzung sozialer Medien zeichnet die erste grössere Jugendbewegung der Generation der Digital Natives aus.» Zeithistoriker Stefan Rindlisbacher, 2019

Auch wenn die Jugendkultur des frühen 21. Jahrhunderts bis anhin kaum von grossflächigem politischen Engagement geprägt war, scheint diese Beobachtung spätestens seit dem 18. Januar 2019 nicht mehr länger haltbar. Über 20‘000 Jugendliche begaben sich in nahezu 20 Schweizer Städten auf die Strassen, um für Klimaschutz und eine lebenswerte Zukunft zu demonstrieren, wie die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) berichtete (Rhyn, 2019). Die Jugendlichen, welche – Leistungsdruck und Erfolgsorientierung zum Trotz – den Schulbänken fernblieben und die unentschuldigte Absenz als «Zeichen setzen» neu bewerten, stellen klare Forderungen an die Politik (Rhyn, 2019). Hinter selbstbemalten Transparenten und einprägsamen Parolen – «Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!» – lässt er sich zumindest erahnen, der Anfang eines neuen grossen Jugendprotests (Ackermann 2019)

Kommunikationsgeschick und gekonnte Nutzung sozialer Medien zeichnet die erste grössere Jugendbewegung der Generation der Digital Nativesaus, so Zeithistoriker Stefan Rindlisbacher in der Sendung Echo des Schweizer Radios SRF (Ackermann, 2019). Austausch und Vernetzung über neue Internetmedien erlaubt den Jugendlichen sich in bisher ungekanntem Mass auf internationaler Ebene zu organisieren. Ihre souveräne Organisation wird den «Climate-Kids» zu Gute kommen, denn abstrakter sei er als der Kampf ihrer Eltern und Grosseltern und wohl auch komplexer (Ackermann, 2019). Auch wenn sich erst noch beweisen müsse, ob der Klimastreik der Jugendlichen mehr als ein blosses Strohfeuer sei, so Rindlisbacher (Ackermann, 2019), die Zuschreibung des Unpolitischen, des kompletten Fehlens überregionaler jugendkultureller Bewegungen, soll jenen Jugendlichen nicht mehr so ohne Weiteres gemacht werden. 

Roland Lüthi
Dr. Phil I, Universität ZürichSeit 1992 Englischlehrer, KZU Bülach
Seit 2016 Rektor, KZU Bülach
Vater zweier Adoleszenten

Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz

Angepasst nach Havinghurst (1953) und Erikson (1959) (Eschenbeck & Knauf, 2018)

Identität

  • Akzeptieren des eigenen Körpers (und dessen effektive Nutzung)
  • Erwerb intellektueller Fähigkeiten, um eigene Rechte und Pflichten ausüben zu können
  • Berufswahl und Ausbildung
  • Erlangen von Werten und eines ethischen Systems, das einen Leitfaden für das eigene Verhalten darstellt
  • Entwicklung sozialverantwortlichen Verhaltens

Ablösung

  • Aufbau neuer und reifer Beziehungen zu Gleichaltrigen des eigenen und anderen Geschlechts
  • Loslösung und emotionale Unabhängigkeit von Eltern und anderen Erwachsenen
  • Ökonomische Unabhängigkeit
  • Vorbereitung auf Heirat und Familienleben

Zum Weiterlesen

Ferchhoff, W. (2011). Jugendkultur und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert. Lebensformen und Lebensstile2. aktualisierte und überarbeitete Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien. (Original work published 2007)

Resch, F. (2016). Identität und Ablösung – Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz. Swiss Archive of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy, 167(5), 137-146. doi: doi.org/10.4414/sanp.2016.00411

Literatur

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Behr, J. (2012). Identitätssuche in jugendlichen Subkulturen. Skinheads, Punks und Gothiks. Saarbrücken: AV Akademikerverlag GmbH & Co. KG.

Pro Juventute (2018, December 10). Elternratgeber von Pro Juventute gegen Stress und Druck bei Kindern und Jugendlichen.Retrieved from https://www.projuventute.ch/Detailansicht-Pressemitteilung.136.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=1348&cHash=34fdcfd9a1890ceb82f956b836c72590

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Erikson, E. H. (1959). Identity and the life cycle: selected papers. New York: International University Press.

Intern. Univ. Press; 1959.Eschenbeck, H. & Knauf R.-K. (2018). Entwicklungsaufgaben und ihre Bewältigung. In A. Lohaus (Ed.), Entwicklungspsychologie des Jugendalters(pp. 23-50). Berlin: Springer-Verlag GmbH.

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Havighurst, R. J. (1953). Human development and education. New York: David McKay.

Havighurst, R. J. (1972). Developmental tasks and education(3. ed.; 1. ed. 1948). New York: Longman.

Jungbauer, J. (2017). Entwicklungspsycholgie des Kindes- und Jugendalters. Ein Lehrbuch für Studium und Praxis sozialer Berufe. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Konrad, K. & König, J. (2018). Biopsychologische Veränderungen. In A. Lohaus (Ed.), Entwicklungspsychologie des Jugendalters(pp. 1-21). Berlin: Springer-Verlag GmbH

Mietzel, G. (2002). Wege in die Entwicklungspsychologie(4., vollständig überarbeitete Auflage). Weinheim und Basel: Beltz PVU.

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Rhyn, L. (2019, January 18). «Billigflüge sind einfach zu verlockend. Darum brauchen wir die Politik» – wieso in 15 Städten Schüler die Schule geschwänzt haben. Neue Zürcher Zeitung. Retrieved from https://www.nzz.ch/schweiz/klimastreik-schweizer-schueler-demonstrieren-ld.1452821

Pro Juventute (2019, January). Sicherer Umgang mit Internet und Neuen Medien.Retrieved from https://www.projuventute.ch/Medienkompetenz.2092.0.html

Das Leben von Trans*-Personen in der Schweiz

Ihre Geschichten

Das Missverständnis, die Geringschätzung, die Stigmatisierung und sogar die Pathologisierung ihrer Identität gehört zum Alltag vieler Transfrauen und -männer. Transphobie ist ein ernstzunehmendes und folgenreiches Problem. Eine wertschätzende Darstellung von Transidentität in den Medien soll die Problematik entschärfen. Das aware gibt Trans*-Menschen eine Stimme.

Von Noémie Lushaj und Marcia Arbenz
Lektoriert von Vera Meier und Selina Landolt
Illustriert von Melina Camin

Laut dem Transgender Network Switzerland(TGNS) sind Trans*-Personen Individuen, «[…] deren Geschlechtsidentität (teilweise) nicht dem ihnen körperlich zugeordneten Geschlecht entspricht» (TGNS, 2017). Innerhalb des Trans*-Begriffs existieren viele feine Unterscheidungen, welche die verschiedenen Facetten der Transidentität deutlich machen. Die Verwendung des Sternchens in der Bezeichnung signalisiert entsprechend, dass «[…]verschiedene Ausprägungen und Selbstbezeichnungen der Geschlechtsidentität eingeschlossen sind» (TGNS, 2017). Es ist ein Zeichen von Respekt und Wertschätzung gegenüber Angehörigen der Trans*-Community, die angemessene Sprache zu verwenden (TGNS, 2017). Dabei sind bestimmte Begriffe zu vermeiden, die eine abwertende Konnotation mit sich bringen: Von Trannies, Shemales, Ladyboys und ehemaligen Frauen oder Männern sollte nicht mehr die Rede sein (TGNS, 2017). Im Zweifel ist es wünschenswert, Trans*-Menschen direkt zu fragen, wie sie gerne genannt werden möchten und welche Pronomen sie präferieren (Brandenburg, 2018).

Transgender ist (k)eine Krankheit

Personen, die anders als Transfrauen und -männer eine Kongruenz zwischen ihrer empfundenen Geschlechtsidentität und ihrem bei der Geburt zugeordneten Geschlecht erfahren, werden als cisgender bezeichnet (TGNS, 2017). Die moderne westliche Gesellschaft ist hochgradig cisnormativ, das heisst, dass Cisidentität als Standard angesehen wird (Capuzza & Spencer, 2015). Menschen, die von dieser Norm abweichen, in diesem Fall eben Trans*-Menschen, werden häufig stigmatisiert oder gar pathologisiert. In der Tat ist gender dysphoriaeine im DSM-5 beschriebene psychische Erkrankung und auch das ICD-10 klassifiziert gender identity disorders als psychische Krankheiten (Reed et al., 2016). Mit der Erscheinung des ICD-11 wird sich diese Form der Kategorisierung ändern: Transfrauen und -männer werden von der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation, WHO) künftig nicht mehr als psychisch kranke Patienten|innen angesehen. Ihr Zustand wird im Rahmen der neuen Klassifikation als gender incongruenceim Kapitel sexual health beschrieben (Reed et al., 2016). Dieser Begriffs- und Kategorienwechsel stellt für viele einen massiven Fortschritt dar: Er reduziert das Stigma, das auf Trans*-Menschen lastet und erleichtert gleichzeitig deren Zugang zu Gesundheitsleistungen (Reed et al., 2016). Die Tendenz, Transidentität zu pathologisieren,entspringt vermutlich der Beobachtung, dass diese oft mit grossem Leiden verbunden ist. Forschende konnten aber zeigen, dass das Leiden von Transfrauen und -männern nicht per se darauf begründet ist, dass sie ihre Transidentität ausleben, sondern, auf der fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz und vorherrschenden Diskriminierung ihnen gegenüber (Robles et al., 2016).

«Stigma associated with the intersection of transgender status and mental disorders appears to have contributed to precarious legal status, human rights violations, and barriers to appropriate health care in this population.» Reed et al., 2016, S. 209

Transphobie: Wenn Hass tödlich ist

Die Ablehnung von beziehungsweise die Abneigung gegenüber Trans*-Menschen wird Transphobie genannt (TGNS, 2017). Sie äussert sich beispielsweise in Form verbaler und körperlicher Gewalt, sowie Benachteiligungen in verschiedenen Bereichen des Zusammenlebens. Unfaire Behandlungen werden auf dem Arbeitsmarkt von 22 Prozent und auf dem Wohnungsmarkt von 9 Prozent der Trans*-Menschen berichtet (Bradford, Reisner, Honnold, & Xavier, 2013). Solche Diskriminierungen resultieren in höheren Arbeits- und Obdachlosigkeitsquoten für Trans*-Personen (Grant, Mottet, & Herman, 2011). Auch ist die Wahrscheinlichkeit, in Bedingungen von extremer Armut zu leben, in dieser Gruppe, verglichen mit der Allgemeinbevölkerung, um das Vierfache erhöht (Grant et al., 2011). Weiter erleben 26 Prozent der Trans*-Personen eine Diskriminierung im Gesundheitsversorgungssystem (Bradford et al., 2013). Auch das Sozialleben kann beeinträchtigt sein, da Trans*-Menschen teilweise von ihrer Familie und ihrem Freundeskreis aufgrund ihrer Transidentität zurückgewiesen werden (White Hughto, Reisner, & Pachankis, 2015). Im Laufe des letzten Jahrzehnts wurden weltweit etwa 3‘000 Trans*-Personen ermordet (Elks, 2018). Der Transgender Day of Remembrance(TDoR) ist ein Gedenktag, der jährlich am 20. November stattfindet und an dem den Opfern transfeindlicher Gewalt gedenkt wird (Kraus, 2017).

Die minority stress theory besagt, dass Stressoren, die mit dem Minoritätsstatus einer Gruppe verbunden sind – im Fall von Trans*-Menschen Stressoren, die auf ihrer nichtnormativen Geschlechtsidentität basieren – die Gesundheit der betroffenen Population negativ beeinflussen (White Hughto et al., 2015). In der Tat sind die psychischen Konsequenzen der Transphobie für Trans*-Menschen schwerwiegend. Zum Beispiel leiden diese übermässig häufig an Depressionen und Angststörungen (Budge, Adelson, & Howard, 2013). Im National Transgender Discrimination Survey(NTDS) gaben 26 Prozent der befragten Trans*-Menschen an, gegenwärtig Alkohol oder Drogen zu konsumieren oder in der Vergangenheit konsumiert zu haben, um mit den Folgen der Diskriminierung umzugehen (Grant, Mottet, & Tanis, 2010). In einem amerikanischen Bericht zeigte sich, dass 42 Prozent der Transfrauen und 46 Prozent der Transmänner bereits einmal in ihrem Leben einen Suizidversuch unternommen haben (Haas, Rodgers, & Herman, 2014).

«Sie [Trans*-Menschen] werden nicht erst durch Operationen zur ‘richtigen Frau’ oder zum ‘richtigen Mann’, sondern sie waren schon immer diese Frau, dieser Mann.» Transgender Network Switzerland, 2018, S. 7

Sichtbarkeit für Trans*-Menschen

Trans*-Personen werden in den Medien zumeist entweder unterrepräsentiert (Smith et al., 2015) oder hauptsächlich in stigmatisierender und cisnormativer Weise dargestellt (Capuzza & Spencer, 2015). Um schädliche Darstellungen möglichst zu vermeiden, erscheint es sinnvoll, dass Trans*-Menschen persönlich von ihren Erfahrungen berichten und so sichtbar werden. In den nächsten Abschnitten erzählen Manu und Beni, was es für sie bedeutet, ein Transmann zu sein.

Manu, 19

Die Gewissheit kam mit 16 Jahren. Vorher war es lange kein Thema, vermutlich weil ich nicht gewusst hatte, dass es das gibt. Sonst wäre ich wahrscheinlich früher darauf gekommen. Aber ich habe das Gefühl, dass ich es schon immer ein wenig gespürt habe und 16 Jahre lang dachte «Das kann nicht alles sein, was mir das Leben zu bieten hat». Es ist, als hätte ich vorher immer alles schwarz-weiss gesehen. Und jetzt sehe ich alles in Farben. Meine gesamte Gefühlsrange hat sich vergrössert. Ich war damals depressiv. Zu dieser Zeit habe ich auch angefangen, Antidepressiva zu nehmen. Jetzt geht es mir viel besser. Es gab keinen ausschlaggebenden Moment [der Erkenntnis], es war eher ein Prozess – wenn auch ein schneller, alles in allem. Das ist anstrengend, der Körper arbeitet halt. Für die emotionale Unterstützung war ich lange bei einer Psychiaterin. Meine Familie war zuerst skeptisch. Verständlicherweise. Es gibt Lustigeres als wenn die 16-jährige Tochter zu einem kommt, und ihr Leben auf den Kopf stellen will. Die Reaktion meiner Mutter war nicht schlecht, aber ich hörte halt genau das, was ich nicht hören wollte. Für sie war es schwieriger, vor allem, weil ich neben meinen drei Brüdern das kleine Mädchen gewesen war, das sie sich gewünscht hatte. Das war schon noch schwierig. Ab und zu haben wir darüber gesprochen, aber es war schwer, weil sie mir nicht sagen wollte, wie schwierig es für sie ist, um mich nicht zusätzlich zu belasten.

Vor allem hat mich meine Freundin unterstützt. Ich habe mich damals als lesbisch geoutet und dann an einem ominösen Abend haben wir uns geküsst und ineinander verliebt. Das war komisch für sie. Sie meinte: «Hä, du bist doch eine Frau, wieso stehe ich auf Frauen?». Als wir dann ein Paar wurden, war es für uns beide klar, dass das keine lesbische Beziehung war. Ich habe ihr dann gesagt: «Hey, ich glaube, ich bin ein Mann» und sie: «Ah, jetzt macht alles Sinn». Gerade durch sie habe ich gemerkt, dass ich sie nicht als Frau liebe, sondern als Mann. Gefühlt ist es eine heterosexuelle Beziehung. Sie hat mich durch diese ganze Zeit begleitet. Wir sind immer noch zusammen, seit drei Jahren. Ich habe schon das Gefühl, dass ich ein besserer Freund bin. Nur schon, weil ich weiss, was es heisst, wenn du deine Tage hast.

Was sich verändert hat, ist das Gefühl, besser zu meiner weiblichen Seite stehen zu können. Vorher hatte ich versucht, sie mit allen Mitteln zu unterdrücken. Jetzt, wo mich alle als Mann wahrnehmen, ist es okay. Aber es braucht schon ein wenig Mut, die weibliche Seite auszuleben. Mit kleinen Kindern habe ich es ein paar Mal erlebt, dass sie mich direkt gefragt haben, ob ich ein Mann oder eine Frau sei. Sie sind viel sensibler, noch nicht so verdorben von diesen starren Vorstellungen, so dass es sie vielleicht nicht ganz so stört, wenn jemand nicht so eindeutig Frau oder Mann ist. Sie fragen einfach: «Bist du ein Mann oder eine Frau?» und dann ist es okay. Der kleine Bruder meiner Freundin ist etwa acht Jahre alt und dann hat man ihm gesagt: «[…] heisst jetzt Manu» und er so: «Okay». Und das war es. Das würde ich mir bei allen Menschen wünschen. Ich kenne das bei mir selber, diesen Einordnungsdrang. Wenn ich irgendjemanden sehe, will ich ihn unbedingt als Mann oder als Frau schubladisieren, aber eigentlich ist es mir scheiss egal. Trotzdem ist es einfach so präsent in unserer Gesellschaft.

Es ist ein wenig traurig, aber mir wird als Mann besser zugehört. Klar, ich trete auch anders auf, aber es ist schon ein krasses Gefühl. Man wird ernster genommen. Gerade war ich mit meinem Vater in den Ferien und dann habe ich irgendwann einen schweren Koffer getragen und es war selbstverständlich, dass er ihn mir nicht mehr abnehmen will. Vorher, als Frau, hätte er mir den Koffer natürlich noch abgenommen aber jetzt habe ich ihn halt getragen – das war völlig klar. Ich habe realisiert, dass ich anders behandelt werde, obwohl sich für mich nichts verändert hat. Ich bin immer noch der gleiche Mensch wie vorher. Aber alle anderen sehen plötzlich etwas anderes in mir.

Immer noch finden ganz viele Leute in diesem Land, dass Schwule nicht heiraten dürfen. Wir haben also noch so viel anderes zu tun. Man kann jetzt nicht noch mit einem dritten Geschlecht kommen. Ich habe wie das Gefühl, dass die Gesellschaft noch nicht bereit ist für das. Wir sollten grundsätzlicher vorgehen und weniger symptomatisch. Ich finde, wir sollten viel grundsätzlicher an Toleranz arbeiten, und nicht zuerst für Transmenschen und dann für das und das… Ich habe nicht das Gefühl, dass es so irgendwo hinführt. Was ich gelernt habe durch das alles, ist, dass ich versuche, den Menschen hinter einer Person zu sehen. Ich habe gemerkt, dass wir durch das Geschlecht immer sehr viel konstruieren und einen Menschen gar nicht richtig anschauen. Ich habe es bei meiner Freundin gemerkt. Sie hat sich in mich verliebt. Sie hat sich nicht in eine Frau oder in einen Mann oder in sonst etwas verliebt, sondern einfach in mich.

Beni, 20

Ich habe mit einer Kollegin einen eigenen Verein gegründet, über den wir einmal im Monat ein Treffen für Jugendliche aus der LGBT-Community [Anm. d. Red.: Lesbian, Gay, Bisexual, and Transgender] organisieren. Meine Freundin ist neben Schule, Arbeit und Verein, ein wichtiger Ankerpunkt. Wir sind seit dem April 2017 zusammen. 2015 im Februar hatte ich mein Outing und 2015 im Juni habe ich begonnen, Hormone zu nehmen. Meine Freundin hat meine Gebärmutterentfernung mitbekommen und halt alles, was sonst noch los war, wie die ständige Medikamenten-Einnahme und mein momentaner Kleinkrieg mit der Krankenkasse. Bei mir ist die Penis-Epithese [Anm. d. Red.: Dabei wird ein künstlicher Penis aus medizinischem Silikon hergestellt, auf den spezifischen Genitalbereich abgestimmt und mit einem speziellen hautfreundlichen Kleber auf der Haut befestigt (Selvaggi & Elander, 2008)] ein Thema, weil ich keine Operation machen will, ich vertrage sie sehr schlecht. Das heisst man muss einen Silikonabdruck machen und nachher passt der künstliche Penis einfach perfekt, so dass er überhaupt nicht störend ist und für alles funktioniert. Man kann einen machen, der für das Urinieren im Stehen funktioniert, man kann einen machen, der schön aussieht und angenehm zu tragen ist, und man kann einen machen, der für Sex gebraucht werden kann. Das heisst,alle Funktionen sind möglich.

Ich hatte mich schon immer sehr burschikos gegeben und mich mit den Jungs besser verstanden. Wenn man mich als kleines Kind, so mit sechs oder sieben, gefragt hatte: «Willst du ein Junge sein?», was meine Gspöndli noch oft getan haben, weil sie mich etwas komisch fanden, habe ich geantwortet: «Ja natürlich, aber ich bin halt ein Mädchen». Mit zwölf hatte meine Schwester einen Kollegen, der auch ein Transmann war, und da erfuhr ich, dass es ein Wort dafür gibt. Aber damals habe ich es immer noch weit von mir weggeschoben. Ich hatte Tagträume, dass ich von zuhause abhaue und nach Deutschland gehe, dort meine Transition habe und dann zurückkehre, um mich als Mann in meine Familie einzuschleichen. Irgendwann hätte ich gesagt: «Hey übrigens, ich bin es». Dann kam der Moment, als wir in den Ferien waren und wir in einem Restaurant sassen, so wie jetzt und da gab es ein Mädchen, das so 14 Jahre alt war und ich war ungefähr 16 und sah aus wie ein süsser kleiner Justin Bieber, ein Bubi halt. Und sie hat immer wieder zu mir rüber geschaut. Es war wie klar, dass sie mich süss fand oder, dass ich ihr auffalle. Da habe ich zu meiner Mutter gesagt: «Weisst du, es ist mega unfair, wenn sie wüsste, dass ich eine Frau bin, hätte sie überhaupt kein Interesse mehr». Diese Aussage hat mich noch extremer zum Nachdenken gebracht. Ich habe mich in den nächsten Tagen in meinem Zimmer eingeschlossen und einfach YouTube-Video an YouTube-Video geschaut. Irgendwann bin ich auf das Video einer Psychologin oder Psychiaterin gestossen. Ich hatte die Frage eingegeben: «How to know if I’m transgender», und die Frau im Video sagte, wenn man das google, sei die Wahrscheinlichkeit relativ gering, dass man es nicht ist. Und mit dem Video ist für mich der Groschen gefallen. Auf einmal konnte ich akzeptieren, dass es so ist. Irgendwann muss man es einfach hinnehmen und dann die Dinge machen, die nötig sind.

Mein Grossvater ist einer der grössten Homophoben [und Transphoben] gewesen. Und nun hat er es vollkommen abgelegt. Er ist voll auf meiner Seite und ich bin vollkommen sein Enkelsohn und es ist voll akzeptiert. Ich denke, Homophobie [und Transphobie] hat oft mit Unbetroffenheit, mit Angst und mit Unwissenheit zu tun. Jeder hat irgendeine Aufgabe und viele Menschen haben schwierige Aufgaben. Und die Transidentität ist halt einfach meine Aufgabe, so erklär ich es mir. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott will, dass ich mich umgebracht hätte. Denn das hätte ich getan, wenn ich die Transition nicht hätte machen können. Es gibt einen Spruch in der Bibel, der heisst «Gottes Wege sind unergründlich». Ich masse mir nicht an zu verstehen, warum was wie läuft. Ich konnte vielen Menschen, die auch trans* sind helfen dadurch helfen, dass ich meinen Weg akzeptiert habe und ihn nun gehe. Es hat sich viel Positives ergeben, dadurch, dass ich trans* bin. Klar, ich wäre gerne einfach möglichst «normal». Es ist eine coole Vorstellung, ganz «normal» durch das Leben zu gehen und keine Medikamente nehmen zu müssen oder Operationen zu machen, nur um sich wohl zu fühlen. Aber umso länger man drin ist, desto mehr vergessen es die Leute. Ich kenne wirklich Leute, die, wenn ich es wieder einmal erwähne, zu mir sagen, dass sie es vergessen hätten. Und ich merke auch, dass sie und auch ich die Erinnerungen angleichen, an das, was ich jetzt bin. Also wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, nehme ich mich als Junge wahr, auch wenn ich damals als Mädchen gelebt habe. Das geht auch Kollegen und Kolleginnen so und auch meiner Mutter. Man passt sich so an.

Ich fände es mega schön, leibliche Kinder zu haben, aber ich habe auch Verwandte, die adoptierte Kinder haben und für die sind sie vollkommen ihre Eltern. Es ist keine Frage. Da denke ich mir: «Gut, meine Kinder werden es auch». Ich will dann auch offen mit ihnen umgehen, ich will, dass meine Kinder von Anfang an wissen, dass ich nicht ihr leiblicher Vater bin, aber dass ich trotzdem ihr Vater bin und sie trotzdem genauso gern habe. Aber ja, ich hatte einen halben Nervenzusammenbruch, bevor ich meine Gebärmutter entfernen liess, weil ich wusste, jetzt ist es vorbei. Mit 19 Jahren diese Entscheidung zu treffen war nicht einfach. Aber es war das Richtige.

Was mir wichtig ist: Transidentität ist keine Krankheit. Es kann Symptome einer psychischen Krankheit mit sich bringen, aber es ist keine. Ich finde es sehr wichtig, dass man einen Menschen nicht nur auf seine Transidentität oder Sexualität reduziert.

Die Transition
Mit Transition ist eine «Geschlechtsangleichung» gemeint: Das bei der Geburt zugeordnete Geschlecht kann der erlebten Geschlechtsidentität auf körperlicher, sozialer oder rechtlicher Ebene angepasst werden (TGNS, 2017). Daher sind mit der Transition physiologische, psychosoziale und administrative Veränderungen verbunden. Mittels Operationen wie Hysterektomien [Entfernungen der Gebärmutter] und Penektomien [Entfernungen des Penis’], Vaginoplastien [Vagina(re)konstruktionen] und Phalloplastien [Penis(re)konstruktionen], sowie Mastektomien [Brustentfernungen] und Brustvergrösserungen können unterschiedliche Teile des Körpers entfernt, modifiziert oder (re)konstruiert werden (Selvaggi & Bellringer, 2011; Sutcliffe et al., 2009). Auch Hormone können eingenommen werden, um endokrinologische Prozesse zu steuern und somit bestimmte Aspekte der äusserlichen Erscheinung, inklusive der Stimme, zu verändern (Selvaggi & Bellringer, 2011). Auch auf rechtlich-administrativer Ebene können Änderungen vorgenommen werden. Mai 2018 wurde in der Schweiz eine Veränderung des Zivilgesetzbuches vorgeschlagen: Diese sollte Modifizierungen des Vornamens und des amtlichen Geschlechts erleichtern, die vorher zwar möglich aber mit aufwändigen und teuren Prozeduren verbunden waren (Bundesamt für Justiz, 2018).


Zum Weiterlesen und -schauen

Transgender Network Switzerland (TGNS). (2018). Trans: Eine Informationsbroschüre von trans Menschen für trans Menschen und alle anderen [Brochure]. Abgerufen am 01. Februar 2019 von https://www.tgns.ch/wp-content/uploads/2018/05/Trans-Broschu%CC%88re-Inhalt.pdf

[World Health Organization (WHO)]. (2018). WHO: Revision of ICD-11 (gender incongruence/transgender) – questions and answers (Q&A) [Videodatei]. Abgerufen am 01. Februar 2019 von https://www.youtube.com/watch?v=kyCgz0z05Ik

Literatur

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Brandenburg, K.-W. (2018). Wer ist eigentlich Trans*? Und was soll das Sternchen? rbb24. Retrieved from https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2018/03/tag-trans-sichtbarkeit-sternchen-.html

Budge, S. L., Adelson, J. L., & Howard, K. A. S. (2013). Anxiety and depression in transgender individuals: The roles of transition status, loss, social support, and coping. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 81(3), 545-557. doi: 10.1037/a0031774

Bundesamt für Justiz (BJ) (2018). Transmenschen sollen Geschlecht und Vornamen unbürokratisch ändern können.Retrieved from https://www.bj.admin.ch/bj/de/home/aktuell/news/2018/ref_2018-05-24.html

Capuzza, J. C. & Spencer, L. G. (2015). Transgender communication studies: Histories, trends, and trajectories. Lanham: Lexington Books.

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Grant, J. M., Mottet, L. A., & Tanis, J. (2010). National Transgender Discrimination Survey report on health and health care. The National Center for Transgender Equality and the National Gay and Lesbian Task Force. Retrieved from https://cancer-network.org/wp-content/uploads/2017/02/National_Transgender_Discrimination_Survey_Report_on_health_and_health_care.pdf

Grant, J. M., Mottet, L. A., & Herman, J. L. (2011). Injustice at every turn: A report of the National Transgender Discrimination Survey.The National Center for Transgender Equality and the National Gay and Lesbian Task Force. Retrieved from https://www.ncgs.org/wp-content/uploads/2017/11/Injustice-at-Every-Turn-A-Report-of-the-National-Transgender-Discrimination-Survey.pdf

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Mein Herz tut weh

Zum Hintergrund des Broken-Heart-Syndrom

Das Broken-Heart Syndrom wurde in den 90er Jahren entdeckt. Seitdem wurden hauptsächlich Frauen in einem Alter über 60 Jahren mit diesem Syndrom diagnostiziert. Was steckt hinter diesem Syndrom? Warum beginnt das Herz zu schmerzen? Welche Ursachen kann es haben und was hat der Kopf damit zu tun?

Von Lisa Makowski
Lektoriert von Michelle Donzallaz und Selina Landolt
Illustriert von Lucia Gasparovicova und Hannah Löw

Unser Herz pocht nicht nur jede Minute im Schnitt 60 bis 100 Mal, sondern manchmal scheint es als ob es unmittelbar mitfühlt und denkt (Mayoclinic, 2019). Bereits Saint-Exupéry sagte im kleinen Prinzen, dass man mit dem Herzen gut sieht, jedoch das Wesentliche für die Augen unsichtbar bleibt (Saint-Exupéry, 1973). Die Aktivität des Herzens wird aber auch durch das beeinflusst, was wir tagtäglich erleben. Im Falle einer emotional stark belastenden Trennung oder beim Verlust eines geliebten Menschen kann es sogar sprichwörtlich brechen. Im Englischen wird dieses Phänomen Broken-Heart-Syndrom oder im medizinischen Kontext auch Tako-Tsubo-Syndrom genannt (Schneider & Sechtem, 2016). Das erste Mal wurde das Syndrom 1990 bei einer Frau in Japan diagnostiziert, nach deren Namen sich auch der medizinische Fachbegriff ergab (Schneider & Sechtem, 2016; Pelliccia, Kaski, Crea, & Camici, 2017). Das Syndrom zeigt sich vor allem bei Frauen und ab einem Alter von 60 Jahren (Pelliccia et al., 2017). Neben dem Geschlecht scheint auch das Alter eine Rolle zu spielen. Die meisten der betroffenen Frauen sind postmenopausal, befinden sich also im Durchschnitt in einem Alter von weit über 60 und älter (Schneider & Sechtem 2016). Auch die bisher diagnostizierten Männer befanden sich in einem Alter über 60. Wie fühlt sich das aber an und was können Ursachen dafür sein?

Der folgende Artikel soll zuerst auf die Symptome eingehen, die bei einem Broken-Heart-Syndrom auftreten können. Darauf werden Ursachen erläutert und der Unterschied zum Herzinfarkt aufgezeigt. Schliesslich wird die Verbindung zwischen Kopf und Herz mit Interozeption dargelegt und der Bezug zum Broken-Heart-Syndrom dargestellt.  

Das gebrochene Herz – die Symptome

Hat man ein Broken-Heart-Syndrom, leidet man an Atemnot und verspürt ein Engegefühl in der Brust (Mahajani & Suratkal, 2016). Zudem zeigt der Körper seine Reaktion durch einen sinkenden Blutdruck und eine Beschleunigung des Herzschlags. Es kann zu Schweissausbrüchen kommen, wie auch zu Übelkeit oder Erbrechen. Diese Symptome treten plötzlich auf und entsprechen weitestgehend denen eines Herzinfarkts. Dennoch ist es wichtig, die beiden Erscheinungen zu unterscheiden (Mahajani & Suratkal, 2016). Bei einem Herzinfarkt können verschiedene Bereiche im Herzen betroffen sein (Eichner, 2016). Bei einem Broken-Heart-Syndrom ist die Lokalisation spezifischer und meist linksseitig. Zudem sind von Herzinfarkten deutlich mehr Männer betroffen als Frauen, bei einem Broken-Heart-Syndrom deutlich mehr Frauen (Eichner, 2016; Pelliccia et al., 2017). Weitere Unterschiede ergeben sich im Schweregrad beider Ereignisse (Pelliccia et al., 2017). Ein Herzinfarkt kann deutlich schlimmer verlaufen als ein Broken-Heart-Syndrom und irreversibel sein bzw. bis zum Tod führen. Bei einem gebrochenen Herzen sind bisher nur sehr wenige Fälle bekannt, die tödlich verliefen. Die meisten Patienten|innen genesen vollständig (Schneider & Sechtem, 2016). Gemeinsam bleiben dem Herzinfarkt und dem Broken-Heart-Syndrom aber dennoch, dass der Auslöser oft ein einschneidendes Lebensereignis ist. Auch bei einem Herzinfarkt können psychische Ereignisse die Auslöser sein (Pelliccia et al., 2017).

«Über alles hat der Mensch Gewalt, nur nicht über sein Herz» Christian Friedrich, 1813-1863

Das gebrochene Herz – die Ursachen

Objektiv betrachtet, erkennt man ein gebrochenes Herz anhand einer EKG-Aufzeichnung, bei der sich die T-Welle (Phase der Erregungsrückbildung im Herzschlag) verändert (Pelliccia et al., 2017; van Lien, Neijts, Willemsen, & Geus, 2014). Zudem zeigen sich auch Veränderungen im Herzecho. Dabei handelt es sich um Aufzeichnungen einer Ultraschalluntersuchung des Herzens. Des Weiteren verändern sich auch die Herzenzyme – sie nehmen zu. Herzenzyme sind Proteine, die eine Schädigung des Herzmuskels anzeigen können (Stieger et al., 2018). Das Zunehmen der Herzenzyme ist kein gutes Zeichen und kann ein Risiko für einen möglichen Herzinfarkt darstellen (Leach et al., 2017). Dennoch bleibt das koronare Angiogramm normal. Dieses wird während einer Angiographie, einem nicht-invasiven Herzeingriff, erstellt (Galbraith, Murphy, & de Soyta, 1978). Es handelt sich dabei um seriell aufgenommene Röntgenbilder. Ein Angiogramm wird dann durchgeführt, wenn Herzprobleme vermutet werden (Ferreira et al., 2017; Pelliccia et al., 2017). 

Dass sich ein Herz gebrochen anfühlt, kann physiologische Ursachen haben, die aus psychischem Stress resultieren. Das Tako-Tsubo-Syndrom kann also starken psychischen Stress zur Ursache haben. Solche möglichen Stressoren können zum Beispiel der Verlust oder Tod eines|er Partners|in, ein Umzug oder eine Krankheit eines|er Angehörigen sein (Y-Hassan, Feldt, & Stålberg, 2015; Schneider & Sechtem, 2016). Kommt es zu emotionalem Stress, werden Katecholamine wie Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet – und das in einem enormen Ausmass (Pelleiccia et al., 2017; Schneider & Sechtem, 2016). Durch die starke Katecholaminausschüttung kommt es zu einer inadäquaten Stressantwort des Körpers, was zu einer Unterversorgung des Herzmuskels führen kann (Schneider & Sechtem, 2016). Infolgedessen ist eine Schädigung und Störung des Herzrhythmus möglich (Pelliccia et al., 2017). Mit dem Ergebnis: Das Herz tut weh.  

Andere Forscher glauben neben dem, dass das Broken-Heart-Syndrom auch rein hormonell bedingt sein kann und deswegen eventuell auch etwas mit der abgeschlossenen Menopause zu tun haben kann (Scheinder & Sechtem, 2016). Andere wiederum meinen, das Broken-Heart-Syndrom sei ein rein stressabhängiges Ereignis, was den Zusammenhang zwischen Kopf und Herz unterstreichen würde. Das Broken-Heart-Syndrom zählt man deshalb auch zu den sogenannten Herz-Kopf-Krankheiten (engl. Brain-Heart Disorder, BHDs; Finsterer & Wahbi, 2104), dies bedeutet, dass was in unserem Kopf passiert, einen Einfluss auf unsere körperlichen Reaktionen haben kann. Dass ein Tako-Tsubo-Syndrom allerdings auch ohne vorangehendes, stressreiches Ereignis auftreten kann, zeigen Pelliccia et al. (2017) in ihrer Studie auf. Allerdings gibt es andere Patientenbeispiele, bei denen es kein stressreiches Ereignis gab, es aber dennoch zu einem Tako-Tsubo-Syndrom kam (Pelliccia et al., 2017). 

Interaktionen zwischen Kopf und Herz

Der Grundgedanke, dass die eigenen Organe nicht losgelöst vom Gehirn arbeiten, geht auf Begrifflichkeiten des zentralen Nervensystems zurück. Dabei ist der Begriff Interozeption wichtig (Ceunen, Vlaeyen, & Van Diest, 2016). Nach Critchley und Garfinkel (2017) steht hinter Interozeption die Idee, dass unsere internalen Körpersignale unser Verhalten und unsere Emotionen beeinflussen. Dieser Beeinflussung sind wir uns aber meistens nicht bewusst. Es zeigt sich zum Beispiel, wenn wir gestresst sind, dass sich unsere Hautleitfähigkeit verändert und unser EKG unregelmässiger verläuft. Bei der Interozeption sind es unsere Organe, die sich zum Beispiel anhand emotionaler Veränderungen anders verhalten (Critchley & Garfinkel, 2017). Man kann dies durch physiologische Masse anhand eines Elektroencephalogramms (EEG) EEGs oder eines Elektrokardiogramms (EKG) zeigen. So kann es auch zu Abweichungen im EKG bei traurigen im Vergleich zu positiven Bildern kommen. Dies zeigt uns, dass die innerlichen und äusserlichen Prozesse nicht unabhängig voneinander stattfinden (Critchley & Garfinkel, 2017). Ein Ungleichgewicht in unserem Körper kann sich auf unser Verhalten, sowie auf unsere Persönlichkeit auswirken. Genauso können äussere Einflüsse aber auch Körperfunktionen verändern und uns sogar krank werden lassen (Critchley & Garfinkel, 2017).Unser Bewusstsein wird durch unseren Körper beeinflusst und umgekehrt. Unsere Emotionen und körperlichen Signale sind also stark voneinander abhängig. Auf diese Weise zeigt sich, wie äussere Ereignisse auch einen Einfluss auf unser Innenleben haben. Was wir fühlen und spüren geht nicht spurlos an uns vorbei. Schmerz kann sich innerlich wie äusserlich widerspiegeln und somit auch in einem gebrochenen Herz enden. 


Zum Weiterlesen und -schauen

NDR Ratgeber. (21.08.2018). Broken-Heart-Syndrom erkennen und behandeln. [Videodatei] Abgerufen am 08. Januar 2019 von https://www.youtube.com/watch?v=ChiM_BC0HXU

Pelliccia, F., Kaski, J. C., Crea, F., & Camici, P. G. (2017). Pathophysiology of Takotsubo Syndrome. Circulation, 135, 2426-2441. doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.116.027121

Schneider, B., & Sechtem, U. (2016). Influence of age and gender in takotsubo syndrome. Heart Failure Clinical, 12, 521-530. doi:10.1016/j.hfc.2016.06.001

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Literatur

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