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Beiträge aus der Kategorie ‘Alltag’

Das Positive an der organisierten Gewalt

Welche Folgen hat das Kampfsporttraining?

Die Kampfkunstindustrie wächst auf der ganzen Welt. Was für Folgen hat dieser von Gewalt geprägte Sport? Wieso ist er so beliebt? Was bedeutet dies für das Zusammenleben in der Zukunft?

Von Colin Simon
Lektoriert von Carlo Berther und Selina Landolt
Illustriert von Svenja Rangosch

«Fressen und gefressen werden» ist eines der Leitmotive in der Wildnis.In der Natur ist Gewalt am deutlichsten anhand der Nahrungskette zu sehen. Daneben gibt es Gewalt innerhalb der eigenen Art, beispielsweise bei Revierkämpfen oder bei ritualisierten Schaukämpfen, bei denen um die Gunst eines Weibchens gekämpft wird. Welche Position in der Nahrungskette eingenommen wird, steht den Arten sogar ins Gesichtgeschrieben, wie Banks, Sprague, Schmoll, Parnell und Love (2015)bestätigten. So korreliert die Form der Augen und deren Stellung stark mit der ökologischen Nische, die eine Tierart einnimmt. Beutetiere haben beispielsweise oft horizontale ovale Pupillen und Augen, die weit auseinander liegen um Ihr Sichtfeld zu vergrössern. Raubtiere hingegen haben oft senkrecht schlitzförmige Pupillen und nah beieinanderliegende Augen, um Distanzen besser einschätzen zu können. Der Mensch mit seinen Raubtieraugen setzt ebenfalls Gewalt ein, auch wenn die Ursachen dafür möglicherweise vielfältiger sind (Wrangham & Glowacki, 2012).

Die Entwicklung zu sozialen Lebewesen führte für Menschen evolutionär gesehen zu grossem Erfolg. Diese Entwicklung bedeutete aber, dass es zu vermehrten Interaktionen untereinander kam. Diese potentiell gewaltauslösenden Situationen führten schlussendlich auch zu mehr angewendeter Gewalt (Bowles, 2009). Welche grosse Rolle die Gewalt unter Menschen spielt und wie viel Aufmerksamkeit ihr geschenkt wird, kann gut anhand des Geschichtsunterrichtes veranschaulicht werden: Entfernt man alle Ereignisse aus der Geschichte, die entweder Gewalt (Kriege) oder Bündnisse gegen Gewalt (Staatengründungen) darstellen, so fällt ein Grossteil der Geschichtsereignisse weg (nämlich fünf der sieben Einträge zur «Geschichte der Schweiz» auf Wikipedia, Stand Januar 2019). Angesichts dessen scheint es wenig überraschend, dass Gewalt als Strategie populär geblieben ist, um Konflikte zu lösen.

Gewalt kann viele verschiedene Formen annehmen (Wrangham & Glowacki, 2012). Die Jagd ist nicht dasselbe wie ein geistiger oder physischer Zweikampf zwischen Menschen und ein Duell ist ebenfalls ungleich der Kriegsführung zwischen Stämmen oder Völkern. In vorliegenden Artikel wird auf die körperliche Gewalt und ihre Lehrsysteme, die Kampfkunst, eingegangen. Für eine erhöhte Lesbarkeit wird fortan ausschliesslich von Kampfkunst gesprochen, ohne Unterscheidungen zwischen Stilen zu machen.

Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass es einige Missverständnisse zum Thema Kampfsport gibt. Es wird oft angenommen, dass Schusswaffen das Ende der traditionellen Kampfkünste darstellen.Das ist allerdings ein Irrtum. Jukendo ist beispielsweise eine japanische Form des Bajonettkampfes, also Kämpfe mit Schusswaffen, an deren Lauf eine Stichwaffe befestigt ist (Jukendo World, o. D.). Ein weiterer Irrtum ist, dass Kampfsport ausschliesslich aus Asien kommt, denn es gibt hunderte Kampftraditionen aus Afrika, Europa sowie Amerika. Tatsächlich entwickelte fast jede Kultur eine Art des Kämpfens. Beispiele dafür sind Zulu Stickfighting, Dambe, Capoeira und Kalaripayattu. Aus historischen Gründen sind asiatische Kampfkünste allerdings besonders bekannt. Einerseits gerieten Waffenkampfkünste durch die kulturelle Entwicklung in Europa immer mehr in Vergessenheit und Nahkampfkünste wurden zu Sportarten. Andererseits wurden speziell im asiatischen Raum einige Kampfkunsttraditionen bewusst aufrechterhalten oder modernisiert (Rafolt, 2014). 

Gemäss Rafolt (2014) begann dieser Prozess in Japan während der Meiji Restoration, eine Revolution im Jahre 1868 (Beasly, 1972), die den Kaiser wieder ins Zentrum der Regierung rückte und auch die politische Isolationspolitik von Japan beendete. Kampfkünste, die vor dieser Zeit entwickelt wurden, werden «Koryu Bujutsu» (Kriegskunst der alten Schule) genannt. Kampfkünste, welche später entstanden sind, werden hingegen «Gendai Budo» (Moderner Weg des Kampfes) genannt. Diese Namensgebung spiegelt den modernen Fokus auf die spirituelle Entwicklung und der Wettkämpfe wieder. So wurden auch die Kampfkunstarten «Jujitsu» zu «Judo», «Kenjutsu» zu «Kendo», «Iaijutus» zu «Iaido» und «Aikijujutsu» zu «Aikido» umbenannt (Rafolt, 2014).

Wieso lernt man Kämpfen?

Gemäss den Vereinigten Nationen (United Nations, 2013) gab es in Westeuropa nie eine sicherere Zeit als die heutige. So sind die Mordraten in Westeuropa im weltweiten Vergleich heutzutage am tiefsten und sinken weiterhin. Was also treibt Menschen in solch einer friedlichen Umwelt dazu, freiwillig in ein Dojo (Übungshalle für japanische Kampfkünste) oder ein Fitnesscenter zu gehen, um physische Gewaltausübung zu trainieren?Molanorouzi, Khoo und Morris (2015) beschrieben anhand einer Untersuchung mit dem Physical Activity and Leisure Motivation Scale Questionnaire (PALMS, Zach, Bar-Eli, Morris, Moore, 2012) drei wichtige Motivatoren für das Ausüben von Kampfsport: «Wettkampforientierung», «Fähigkeiten meistern» und «Psychologischer Zustand».

Mit «Wettkampforientierung» (Zach et al., 2012) ist gemeint, dass der Kampfsportler versucht besser zu sein als seine unmittelbaren Vergleichspartner. Dazu gibt es im Kampfsport sehr viele Möglichkeiten. Durch die Anwesenheit eines Trainers (Lehrers), durch das Training mit anderen Schülern und durch Wettkämpfe wird eine unmittelbare Rückmeldung sichergestellt.Die Facette «Fähigkeiten meistern» (Zach et al., 2012) beinhaltet das Erlernen, Erhalten und Meistern von neuen Fähigkeiten. Da man im Kampfsport spätestens bei Wettkämpfen ein schnelles und präzises Feedback erhält, können Stärken und Schwachstellen einfach erkannt werden um den Lernprozess zu fördern. Es gibt genügend Lernstoff für Teilnehmende, denn für die meisten Kampfkünste gibt es eine ausgereifte Bandbreitean Techniken, die man im Schlaf beherrschen muss, um Prüfungen zu bestehen.Der dritte Aspekt des PALMS ist der «Psychologische Zustand» (Zach et al., 2012). Dieser beschreibt, dass der Praktizierende einen Weg sucht, mit Stress umzugehen oder ihn abzubauen, sich entspannen zu können und sich abzulenken. Entspannung und Stressabbau gehören vielleicht nicht zu den ersten Gedanken, die man mit Kämpfen in Verbindung bringt. Tatsächlich ist aber die psychische Weiterentwicklung in den meisten Kampfsportarten ein ebenso zentraler Punkt wie der Wettkampf selbst. 

Die geistige Entwicklung, die den Fortschritt im Kampfsport begleitet, wird von Nicht-Praktizierenden oft unterschätzt. Die Erfahrung und Ausübung der Gewalt kann zum Beispiel ein Weg sein, sich in einer verhältnismässig sicheren Umgebung mit der eigenen Aggression auseinandersetzen zu können. So gibt es viele Studien, die den positiven Zusammenhang zwischen Kampfsport und Selbstregulation erläutern (Harwood, Lavidor, & Rassovsky, 2017; Vertonghen & Theeboom, 2010), die Befunde sind jedoch nicht immer konsistent.

Kampfsport und dessen psychologischen Korrelate

Vertonghen und Theeboom (2010)haben mit einer Metaanalyse diverse Aspekte von Psychologie und Kampfsport untersucht. Die Autoren berichten, dass erhöhte Selbstwirksamkeit, Optimismus und andere positive Persönlichkeitsattribute mit längerer Kampfsportpraxis in Verbindung stehen. Diese Ergebnisse zeigen sich nicht nur im Vergleich zu nicht sportlichen Kontrollgruppen, sondern auch im direkten Vergleich mit Teamsportarten wie beispielsweise Eishockey. Bei der Aussage, dass das Aggressivitätsniveau sinkt, je länger eine Person Kampfsport betreibt, stimmen ältere Studienergebnisse jedoch nicht immer überein (Endresen & Olweus, 2005).

In gewissen Studien zeichnet sich ein Geschlechtertrend ab. Björkqvist und Varhama (2001)fanden, dass männliche Karateka (Personen, die Karate betreiben) eine negative Einstellung zu gewalttätiger Konfliktresolution hatten, während weibliche Karateka eine positive Einstellung dazu hegen. Für kognitive Selbstregulation und Klassenraumverhalten zeigten Lakes und Hoyt (2004)für Knaben grössere Effektstärken als für Mädchen. In einem Antimobbing-Programm von Twemlow et al. (2008)fanden sich für Mädchen gar keine Effekte, während Knaben weniger Aggressivität und mehr Hilfeverhalten gegenüber Mobbingopfern zeigten. Die Effekte könnten allerdings deswegen zustande kommen, weil oft externalisierte Aggression untersucht wird (Harwood et al., 2017), welche beim männlichen Geschlecht vermehrt auftritt (Trulson, 1986).

Die neuere Metaanalyse von (Harwood et al., 2017)sagt hingegen klar: Kampfkunst kann externalisierende Aggressionsverhalten reduzieren. Die Forschenden fanden erneut, dass der Effekt für Männer stärker ist als für Frauen. In ihrer Metaanalyse halten sie fest, dass Kampfkunst positive Effekte auf die Selbstkontrolle oder die Kognition haben kann.Auch wenn sich teilweise Geschlechtsunterschiede zeigen, sind die positiven Effekte von Kampfkunst bei vielen Bevölkerungsgruppen anzutreffen. Beispiele dafür sind Menschen mit Störungen wie Schizophrenie oder Autismus sowie Menschen verschiedenen Alters, welche Verhaltensschwierigkeiten aufzeigen. 

«70% der Leute kommen nach dem Ereignis. Ein gewalttätiges Ereignis wurde ihnen oder einem Familienmitglied angetan, oder sie sind knapp einer potentiell schlechten Situation entkommen. […] Ich hoffe die Mehrheit von euch gehört zu den 30%, denn wenn Ihr nach dem Ereignis zu mir kommt, kann ich das nicht Ungeschehen machen.» Tim Larkin, 2015, Selbstverteidigungsexperte

Vertonghn und Theeboom (2010) machen auf verschiedene methodische Schwächen der gemachten Studien aufmerksam. So werden beispielsweise Kampfsportarten undifferenziert betrachtet(zum Teil auch mit Krafttraining vermengt, zu einer Kategorie von «Powersport»). Als weiteres wird die fehlende Auseinandersetzung mit Drop-outs, d. h. Teilnehmende, die während der Studie mit dem Kampfsport aufhören, kritisiert. Vertonghen und Theeboom (2010) stellen einen trotz dessen einen Trend zur Verbesserung der Selbstregulation, weniger Aggressivität und höherem psychologischer Wohlbefinden von Kampfkünsltern fest.

Beide der hier beschriebenen Metaanalysen heben hervor, dass der Unterrichtsstil eine wichtige Einflussgrösse ist. Traditionelle Kampfkünste, die sich auf körperliche und psychische Weiterentwicklung konzentrieren, haben einen positiven Einfluss auf Aggressivität, Ängstlichkeit, führen zu besserer sozialer Gewandtheit und höhere Schätzung von Tradition (Trulson, 1986). Wettkampforientierter Kampfsport hingegen zeigen hingegen eher negative Effekte auf den beschriebenen Dimensionen. 

Was die strukturellen Korrelate im Hirn betrifft, konnten Breitschuh et al. (2018)zeigen, dass aggressive Kampfkünstler im linken inferioren temporalen Gyrus, eine Region die mit Top-Down Aggressionskontrolle in Verbindung gebracht wird, weniger graue Substanz haben, als eine aggressive Kontrollgruppe. Die Interpretation dieser Ergebnisse lässt vermuten, dass die Ausübung der Gewalt im Kampfsport zu mehr Selbstregulation und besseren Bewältigung im Umgang mit Gewalt führe, weshalb weniger kognitive Kontrolle zur Inhibition notwendig sei. 

Die vernachlässigte Gewalt

Der Mensch investiert sehr viel, um die eigene Sicherheit zu erhöhen und Gewalt aus seinem unmittelbaren Alltag fernzuhalten. Dadurch wiederum erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Stigmatisierung von Personen, die sich für Gewalt interessieren. Loughran (2018)hinterfragt beispielsweise, wie wahrgenommene Polizeigewalt und die wahrgenommene Legitimität der Polizei zusammenhängen. Dabei geht er auf die Gefahren einer eindimensionalen Auseinandersetzung mit Gewalt ein. 

Gewalt wird auf gesellschaftlicher Ebene als etwas Negatives bewertet. Zu empfehlen wäre eine differenzierte Betrachtungsweise, bei der jeweils Grund und Kontext miteinbezogen werden. Notwehr und Notstand stellen beispielsweise zwei juristische Konstrukte dar, die Gewalt legitimieren (schweizerisches Strafgesetzbuch, Artikel 15-18, Stand 1. Jan 2019). Ein Problem der mangelhaften Auseinandersetzung mit Gewalt ist, dass Menschen sich erst nach einem kritischen Vorfall mit dem Thema der Selbstverteidigung – und somit auch der Kampfkunst – auseinandersetzen und die Vorteile von kontrollierter Gewalt erst mit zunehmender Befassung kennen – und schätzen lernen.

Zum Weiterlesen

Harwood, A., Lavidor, M., & Rassovsky, Y. (2017). Reducing aggression with martial arts: A meta-analysis of child and youth studies. Aggression and Violent Behavior,34, 96–101. doi:10.1016/j.avb.2017.03.001

Molanorouzi, K., Khoo, S., & Morris, T. (2015). Motives for adult participation in physical activity: Type of activity, age, and gender health behavior, health promotion and society. BMC Public Health15(1), 1-12. doi:10.1186/s12889-015-1429-7

Literatur

Banks, M. S., Sprague, W. W., Schmoll, J., Parnell, J. A. Q., & Love, G. D. (2015). Why do animal eyes have pupils of different shapes? Science Advances1(August), 1–10. doi:10.1126/sciadv.1500391

Beasley, W. (1972). The Meiji Restoration. Stanford University Press.

Björkqvist, K., & Varhama, L. (2001). Attitudes toward Violent Conflict Resolution among Male and Female Karateka in Comparison with Practitioners of other Sports. Perceptual and Motor Skills,92(2), 586–588. doi:10.2466/pms.2001.92.2.586

Bowles, S. (2009). Did warfare among ancestral hunter-gatherers affect the evolution of human social behaviors? Science324(5932), 1293-1298. doi:10.1126/science.1168112

Breitschuh, S., Schöne, M., Tozzi, L., Kaufmann, J., Strumpf, H., Fenker, D., … Schiltz, K. (2018). Aggressiveness of martial artists correlates with reduced temporal pole grey matter concentration. Psychiatry Research – Neuroimaging281(June), 24–30. doi:10.1016/j.pscychresns.2018.08.001

Endresen, I. M., & Olweus, D. (2005). Participation in power sports and antisocial involvement in preadolescent and adolescent boys. Journal of Child Psychology and Psychiatry and Allied Disciplines46(5), 468–478. doi:10.1111/j.1469-7610.2005.00414.x

Geschichte der Schweiz (o. D.) Abgerufen am 01. Januar 2019 von https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schweiz#Zeitleiste_der_wichtigsten_Ereignisse

Harwood, A., Lavidor, M., & Rassovsky, Y. (2017). Reducing aggression with martial arts: A meta-analysis of child and youth studies. Aggression and Violent Behavior34, 96–101. doi:10.1016/j.avb.2017.03.001

Jukendo World. (o. D.). The art of the Japanese bayonet. Abgerufen am 01. Januar 2019 von https://jukendo.world/en/

Lakes, K. D., & Hoyt, W. T. (2004). Promoting self-regulation through school-based martial arts training. Journal of Applied Developmental Psychology25(3), 283–302. doi:10.1016/j.appdev.2004.04.002

Loughran, T. A. (2018). Police Violence, Procedural Justice, and Public Perceptions of Legitimacy. Criminology & Public Policy17(4), 825–827. doi:10.1111/1745-9133.12416

Molanorouzi, K., Khoo, S., & Morris, T. (2015). Motives for adult participation in physical activity: Type of activity, age, and gender health behavior, health promotion and society. BMC Public Health15(1), 1-12. doi:10.1186/s12889-015-1429-7

Rafolt, L. (2014). Ritual Formalism and the Intangible Body of the Japanese Koryū Budō Culture. Narodna Umjetnost51(1), 183–208. doi:10.15176/vol51no109

Schweizerisches Strafgesetzbuch. (1.1.19). Abgerufen am 01. Januar 2019 von https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19370083/201901010000/311.0.pdf

Larkin, T. [TEDx Talks]. (2015.06.04) The Paradox of Violence | Tim Larkin | TEDxGrandForks. Abgerufen am 01. Januar 2019 von https://www.youtube.com/watch?v=HROsqfsJkx8&t=147s

Trulson, M. E. (1986). Martial Arts Training: A Novel “Cure” for Juvenile Delinquency. Human Relations39(12), 1131–1140. doi:10.1177/001872678603901204

Twemlow, S. W., Biggs, B. K., Nelson, T. D., Vernberg, E. M., Fonagy, P., & Twemlow, S. W. (2008). Effects of participation in a martial arts-based antibullying program in elementary schools. Psychology in the Schools45(10), 947–959. doi:10.1002/pits.20344

United Nations Office on Drugs and Crime. (2013). Global Study On Homicide. Abgerufen am 01. Januar 2019 von https://www.unodc.org/gsh/

Vertonghen, J., & Theeboom, M. (2010). The social-psychological outcomes of martial arts practise among youth: A review. Journal of Sports Science and Medicine9(4), 528–537. doi:10.1007/s00146-007-0080-y

Wrangham, R. W., & Glowacki, L. (2012). Intergroup aggression in chimpanzees and war in nomadic hunter-gatherers. Human Nature23(1), 5-29. doi:10.1007/s12110-012-9132-1

Zach, S., Bar-Eli, M., Morris, T., & Moore, M. (2012). Measuring motivation for physical activity: an exploratory study of palms-the physical activity and leisure motivation scale. Athletic Insight4(2), 141-152.

Den, der du schon immer warst

Von Julia Schmid

Ich habe es schon immer gewusst. Gewusst, dass du anders bist. Anders als die anderen Kinder aber vor allem anders als ich. Wurden darauf angesprochen von Lehrern, von Bekannten wie komplett verschieden wir doch sind, wie erstaunlich es ist, dass wir verwandt sind, wie unglaublich, dass wir 50 Prozent unserer Gene teilen. Keiner hat bemerkt, dass wir uns eigentlich für die gleichen Dinge interessieren, über dasselbe nachdenken, uns identische Fragen stellen. Keiner, weil deine Krankheit die Wahrheit überdeckt hat.

Du bekommst endlich die richtige Therapie, die richtigen Medikamente. Es macht mich so glücklich zu sehen, wie gut es dir nun geht, dass du dich entfalten kannst, kreativ, effektiv sein kannst. Zu wissen, wie ähnlich und trotzdem total verschieden wir doch sind. Es macht mich so glücklich, dass nun auch die anderen sehen können, was ich schon immer in dir gesehen habe. Denn ich habe es schon immer gewusst. Gewusst, was für ein toller Mensch du bist.

Stigmatisierung

Auswirkungen von Stigmata auf Kinder und Erwachsene mit Depressionen und ADHS 

Depressionen und ADHS gehören zu den in der Kindheit am häufigsten diagnostizierten psychischen Erkrankungen. Obwohl ADHS oft als reine Kinderkrankheit angesehen wird, bleiben beide Störungen oft über die Kindheit hinaus bestehen. Beide werden stark stigmatisiert, was sich erheblich auf Betroffene auswirkt.

Von Loriana Medici
Lektoriert von Sarah Ihn und Lisa Makowski
Illustriert von Kerry Willimann

Depression und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind die beiden meistdiagnostizierten emotionalen und verhaltensbezogenen Störungen im Kindesalter. Sie werden zudem extrem stigmatisiert, wobei sich gängige Stereotypen auf Gefährlichkeit, Inkompetenz und Störverhalten beziehen (Mukolo, Heflinger, & Wallston, 2010). In Übereinstimmung damit nehmen Jugendliche depressive Peers als gefährlicher wahr (Walker, Coleman, Lee, Squire, & Friesen, 2008). Vergleichsweise werden Peers mit ADHS als Faulenzer gesehen und als anfälliger dafür, in Schwierigkeiten zu geraten (Wiener et al., 2012). Zwar werden lebenslange Störungen wie ADHS im Allgemeinen eher stigmatisiert als temporäre, jedoch zeigt sich bei Depressionen eine stärkere Stigmatisierung als bei ADHS (Walker et al., 2008).

Stigmatisierung von Kindern und Jugendlichen

In einer Studie, in der die Ansichten von Kindern bezüglich Ursachen von Depressionen und ADHS untersucht wurden, waren 25-33 Prozent der teilnehmenden Kinder der Meinung, dass «sich nicht genug anstrengen» eine Ursache für eine kindliche Störungen sei (Coleman, Walker, Lee, Friesen, & Squire, 2009).

«[…] for a child with depression or ADHD, at least one in four peers believes the child is to blame for the condition.» Coleman et al., 2009

Da störendes Verhalten von Kindern generell weniger toleriert wird als das von Erwachsenen, ist es leider keine Überraschung, dass Depressionen bei Kindern negativer bewertet werden als Depressionen bei Erwachsenen, wobei jüngere Kinder einer stärkeren Stigmatisierung ausgesetzt sind als ältere Kinder (Walker et al., 2008; Mukolo et al., 2010).

ADHS-Symptome werden von Erwachsenen vielfach grundsätzlich stigmatisiert. Zusätzlich gibt es eine generelle Skepsis gegenüber ADHS-Medikamenten, basierend auf der Behauptung, dass die Erkrankung überdiagnostiziert werde (Wiener et al., 2012). Typische Argumente von Skeptikern beinhalten, dass ADHS eine Folge schlechter Erziehung oder zu vielen Videospielen sei, oder gänzlich von der Pharmaindustrie erfunden wurde (Masuch, Bea, Alm, Deibler, & Sobanski, 2018). Darüber hinaus werden die Symptome von ADHS-Kindern oft fälschlicherweise als kontrollierbar angesehen, was bei Eltern, Lehrern und Peers Wut und Frustration auslösen kann. Dies kann wiederum zu Strafreaktionen von Lehrern führen, die glauben, dass das Verhalten an Klassenzimmerstandards angepasst werden könnte (Wiener et al., 2012). Vielen Lehrern fehlen akkurate Informationen über die Vielfalt von ADHS-Symptomen, da sie sich auf das Fernsehen, Zeitschriften oder Freunde und Verwandte als primäre Wissensquellen über die Störung verlassen (Bell, Long, Garvan, & Bussing, 2010).

Insgesamt werden psychische Störungen bei Kindern gleichermassen gnadenlos stigmatisiert wie bei Erwachsenen. Dies zeigt sich in negativen Reaktionen der Gesellschaft wie etwa vermehrten strafenden Reaktionen von Erwachsenen gegenüber Kindern mit psychischen Erkrankungen. Nicht selten wird die Familie für die Probleme des Kindes verantwortlich gemacht, und aussenstehende Erwachsene beschreiben eine Präferenz für soziale Distanz zum Kind und seiner Familie sowie eine Vorliebe für striktere Behandlungsmethoden, einschliesslich der Behandlung in restriktiven Settings, wie beispielsweise stationäre Therapien (Mukolo et al., 2010).

Direkte Folgen von Stigmatisierung

Laut Wiener et al. (2012) fühlen sich Kinder mit ADHS aufgrund ihres Verhaltens oft anders behandelt. Sie spüren die mit ihrer Diagnose verbundenen Stigmata und schämen sich – ein Gefühl, das ihre Eltern oft teilen. Negative elterliche Reaktionen auf Depressionen und ADHS können sich nachteilig auf das Wohlbefinden des Kindes auswirken (Mukolo et al., 2010). Die von Betroffenen wahrgenommene Stigmatisierung ist mit geringerem Selbstwertgefühl und höherem Risiko für soziale Ablehnung verbunden (Wiener et al., 2012). Wichtiger noch, Kinder verinnerlichen bereitwillig negative Auffassungen anderer und haben daher eher stigmatisierende Ansichten bezüglich ihres eigenen psychischen Zustandes – ein Umstand, dem sich Therapeuten und Angehörige bewusst sein sollten (Coleman, 2009). Der Zusammenhang von internalisierten Stigmata und niedrigerem Selbstwert bleibt auch im Erwachsenenalter bestehen (Masuch et al., 2018).

Stigmatisierung per Assoziation und Behandlungszugang

Obwohl Depression die häufigste emotionale Störung in der Kindheit ist, bleiben 75 Prozent der jugendlichen Betroffenen undiagnostiziert. Darüber hinaus werden nur 70 Prozent der mit Depressionen und 50 Prozent der mit ADHS diagnostizierten Kinder tatsächlich therapeutisch unterstützt (Pescosolido et al., 2008). Dies ist zum Teil auf die starke Stigmatisierung der beiden Störungsbilder zurückzuführen, welche sich massgeblich darauf auswirkt, wie die Eltern auf kindliche Probleme reagieren. Dies beeinflusst sowohl den Zugang des Kindes zu psychologischen Hilfsangeboten, sowie deren Inanspruchnahme (Mukolo et al., 2010). Kinder sind auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen, um professionelle Unterstützung zu erhalten, was zu verschiedenen Problemen führen kann (Mukolo et al., 2010). Zum einen erleben Familienmitglieder eines Kindes mit einer psychischen Erkrankung oft eine Stigmatisierung per Assoziation (Wiener et al., 2012). Dies führt dazu, dass Eltern sich sorgen, für die Probleme ihres Kindes verantwortlich gemacht zu werden, sollten Menschen in ihrem sozialen Umfeld herausfinden, dass ihr Kind psychologische Hilfe benötigt. Des Weiteren äussern Eltern Besorgnis darüber, marginalisiert zu werden, falls die Diagnose ihres Kindes publik würde. Darüber hinaus unterliegen auch Psychotherapeuten selbst einer Stigmatisierung, was ein weiteres Hindernis für die Inanspruchnahme psychologischer Dienste darstellt (Mukolo et al., 2010).

Ein- und Aufrechterhaltung der Behandlung

Wissensmangel, Misstrauen und uninformierte Urteile begünstigen Stigmatisierung und machen damit die (Un-)Fähigkeit der Gesellschaft, psychische Erkrankungen zu erkennen und verstehen, zu einer Determinante für die Entstehung von Stigmata. Dementsprechend ist die Fähigkeit zur Symptomerkennung der Eltern und deren Wissen über Behandlungsmöglichkeiten ausschlaggebend für die Entscheidung ob professionelle Hilfe gesucht wird oder nicht (Pescosolido et al., 2008). Bedauerlicherweise kann die Behandlung von psychischen Störungen bei Kindern auch nach dem Überwinden all dieser Hindernisse von Stigmata beeinträchtigt werden. So werden z.B. Zielsetzungen und Methoden, die nicht mit elterlichen Überzeugungen übereinstimmen, behindert oder gänzlich abgelehnt. Infolgedessen stellt die Beteiligung der Familie für Therapeuten oft eine Herausforderung dar (Pescosolido et al., 2008).

Ein besonders stigmatisierter Aspekt der Therapie sind Psychopharmaka. Jugendliche mit einer psychiatrischen Diagnose schämen sich oft für ihren Zustand und den daraus resultierenden Medikationsbedarf. Sie tendieren dazu, sowohl ihre Diagnose als auch ihren Medikamentengebrauch geheim zu halten, was zu einer Reduktion von Interaktionen mit Peers führen kann, denen sie nicht vollständig vertrauen (Kranke, Floersch, Townsend, & Munson, 2010).

Spezifische Stigmata gegen ADHS bei Erwachsenen

Während die Validität von ADHS als psychische Störung im Allgemeinen bezweifelt wird, sind Erwachsene mit ADHS mit besonders ausgeprägten Vorurteilen konfrontiert, da ADHS allgemein als Störung des Kindesalters gilt. Da ADHS angeblich «bei Erwachsenen nicht existiert», wird ihnen häufig vorgeworfen ihre Symptome zu fingieren, um an Stimulanzien zu gelangen (Masuch et al., 2018). Während viele Stereotypen aus dem Kindesalter bestehen bleiben, beinhalten die Attributionsüberzeugungen über ADHS bei Erwachsenen zusätzlich auch Drogenmissbrauch als vermeintliche Ursache für die Störung (Masuch et al., 2018).

Hürden bei der Hilfesuche für Erwachsene

Während Diskriminierung am häufigsten im Arbeits- und Bildungskontext antizipiert wird, befürchten viele Erwachsene mit ADHS auch, von medizinischen Fachkräften diskriminiert zu werden (Masuch et al., 2018). Die aktive Verleugnung von ADHS bei Erwachsenen durch bestimmte Ärzte verstärkt diese Angst und könnte eine mögliche Erklärung für den signifikanten Unterschied zwischen administrativer und epidemiologischer Prävalenz von ADHS sein (Masuch et al., 2018).

Bei erwachsenen Patienten mit Depression sind Selbststigmata ein wichtiger Faktor für die Suche nach psychologischer Hilfe (Barney, Griffiths, Jorm, & Christensen, 2006). Schamgefühle wegen der Einholung professioneller Hilfe sowie erwartete negative Reaktionen aus dem Umfeld sind bei depressiven Patienten weit verbreitet und können die Wahrscheinlichkeit vorhersagen, mit der um professionelle Unterstützung gebeten wird (Barney et al., 2006). Wahrgenommene Stigmatisierung zu Beginn der Therapie hängt signifikant mit dem späteren Behandlungsverhalten der Patienten zusammen (Sirey et al., 2001).

Ein Stigma kann definiert werden als die Ansicht, dass eine bestimmte Abweichung von der Norm bezüglich physikalischer Eigenschaften, Verhalten oder Charakter unerwünscht ist und ein negatives Gesamtergebnis darstellt. Es kann unterschieden werden zwischen öffentlichem Stigma, das sich in der Regel durch Vorurteile, Stereotypen und Diskriminierung ausdrückt, und Selbststigmatisierung, die auftritt, wenn das stigmatisierte Individuum beginnt, diese verzerrten Ansichten zu akzeptieren. Öffentliche Stigmata variiert je nach Art der psychischen Störung, bleiben aber auch dann bestehen, wenn bekannt ist, dass eine Behandlung wirksam oder unnötig ist.


Zum Weiterlesen

Mukolo, A., Heflinger, C. A., & Wallston, K. A. (2010). The stigma of childhood mental disorders: A conceptual framework. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry49(2), 92–103. doi:10.1016/j.iaac.2009.10.011

Bowers, E. (2012, August 15). Countering the Social Stigma of Depression [Web log post]. Abgerufen am 01. Februar 2019 von https://www.everydayhealth.com/hs/major-depression/facing-social-stigma-of-depression/

Tartakovsky, M. (2018, July 8). Breaking the Silence of ADHD Stigma [Web log post]. Abgerufen am 01. Februar 2019 von https://psychcentral.com/blog/breaking-the-silence-of-adhd-stigma/

Literatur

Barney, L. J., Griffiths, K. M., Jorm, A. F., & Christensen, H. (2006). Stigma about depression and its impact on help-seeking intentions. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry40(1), 51–54. doi: 10.1080/j.1440-1614.2006.01741.x

Bell, L., Long, S., Garvan, C., & Bussing, R. (2010). The impact of teacher credentials on ADHD stigma perceptions. Psychology in the Schools48(2), 184–197. doi: 10.1002/pits.20536

Coleman, D., Walker, J. S., Lee, J., Friesen, B. J., & Squire, P. N. (2009). Children’s beliefs about causes of childhood depression and ADHD: A study of stigmatization. Psychiatric Services60(7), 950–957. doi: 10.1176/ps.2009.60.7.950

Kranke, D., Floersch, J., Townsend, L., & Munson, M. (2010). Stigma experience among adolescents taking psychiatric medication. Children and Youth Services Review32(4), 496–505. doi: https://doi.org/10.1016/j.childyouth.2009.11.002

Masuch, T. V., Bea, M., Alm, B., Deibler, P., & Sobanski, E. (2018). Internalized stigma, anticipated discrimination and perceived public stigma in adults with ADHD. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders. doi: 10.1007/s12402-018-0274-9

Moses, T. (2010). Being treated differently: Stigma experiences with family, peers, and school staff among adolescents with mental health disorders.Social Science & Medicine70(7), 985–993. doi: https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2009.12.022

Mukolo, A., Heflinger, C. A., & Wallston, K. A. (2010). The stigma of childhood mental disorders: A conceptual framework. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry,49(2), 92–103. doi: https://doi.org/10.1016/j.jaac.2009.10.011

Pescosolido, B. A., Jensen, P. S., Martin, J. K., Perry, B. L., Olafsdottir, S., & Fettes, D. (2008). Public knowledge and assessment of child mental health problems: Findings from the national stigma study-children.Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry47(3), 339–349. doi: https://doi.org/10.1097/CHI.0b013e318160e3a0

Sirey, J. A., Bruce, M. L., Alexopoulos, G. S., Perlick, D. A., Raue, P., Friedman, S. J., & Meyers, B. S. (2001). Perceived stigma as a predictor of treatment discontinuation in young and older outpatients with depression. American Journal of Psychiatry158(3), 479–481. doi: 10.1176/appi.ajp.158.3.479

Walker, J. S., Coleman, D., Lee, J., Squire, P. N., & Friesen, B. J. (2008). Children’s stigmatization of childhood depression and ADHD: Magnitude and demographic variation in a national sample. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry,47(8), 912–920. doi: https://doi.org/10.1097/CHI.0b013e318179961a

Wiener, J., Malone, M., Varma, A., Markel, C., Biondic, D., Tannock, R., & Humphries, T. (2012). Childrens perceptions of their ADHD symptoms. Canadian Journal of School Psychology27(3), 217–242. doi: 10. 1177/0829573512451972

Mein Handy weiss, wie es mir geht

Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps für die individuelle Gesundheit

Die Digitalisierung verändert sämtliche Bereiche unseres Lebens in rasanter Geschwindigkeit.
Auch das Gesundheitswesen befindet sich in einer Revolution (Jörg, 2018). Wie hat es sich bisher entwickelt und welche Rolle spielen dabei die beliebten Gesundheits-Apps?

Von Julia Schmid
Lektoriert von Cynthia Jucker und Marcia Arbenz
Illustriert von Kerry Willimann

2015 informierten sich 60 Prozent der Deutschen im Internet über verschiedene Gesundheitsaspekte (Erdogan, 2016). Messungen aus dem Jahre 2017 zeigen, dass mehr als die Hälfte der befragten Personen mindestens einmal pro Monat das Internet bei Gesundheitsfragen konsultierte (Bertelsmann Stiftung, 2018). Dank dem riesigen Angebot an Gesundheit-Apps – über 325’000, mit steigender Tendenz («Research2Guidance», 2017) – kann man sich nicht nur informieren, sondern auch die eigenen Daten erfassen. Dieses Angebot wird laut Albrecht (2018) von jeder dritten Versuchsperson genutzt.

In diesem Text wird nur auf Apps eingegangen, die von gesunden Personen im Sinne einer Lifestyleoptimierung angewendet werden. Diese beziehen sich auf Bereiche wie Fitness, Wellness, Schlaf, Ernährung oder Verhütung (Jörg, 2018). Sie erfassen Körper- und Fitnessdaten anhand von Sensoren (z. B. in Fitnessarmbändern oder Smartwatches) und Fragebögen (Jörg, 2018). Die gesammelten Daten, unter anderem Anzahl Schritte, Kalorienverbrauch, Pulsfrequenz, Blutdruck, Atemfrequenz und Schlafdauer, werden auf das Handy oder Tablet übertragen, miteinander in Verbindung gebracht und analysiert (Jörg, 2018).

Über Prävention und fehlende Qualitätsstandards

Gesundheits-Apps werden im Gesundheitsförderungs- und Präventionsbereich grosses Potenzial zugeschrieben. Sie vermitteln Wissen über den Körper, Verhalten und deren Zusammenhänge, können nachweislich die Bewegungsmotivation steigern und helfen, gesünder zu leben (Meidert et al., 2018). Bereits das Mitführen eines Schrittzählers erhöht die Bewegungstendenz (Graf, Bauer, & Schlepper, 2015). Dies dient als Grundlage von Verhaltensänderungen und führt zu einem erheblichen Fortschritt in der Prävention verschiedener Krankheiten wie zum Beispiel Typ-2-Diabetes (Jörg, 2018). Viele Apps werden aber bereits nach kurzer Zeit nicht mehr gebraucht (Meidert et al., 2018). Die empirische Evidenz zur Langzeitwirkung liegt noch nicht vor.

«Wenn Menschen sich immer mehr an ihren gemessenen Daten orientieren, birgt es aber auch Risiken.» Mandy Scheermesser, 2018

Zurzeit fehlen Qualitätsstandards und der Markt ist sehr intransparent (Draeger, 2016). Hinzu kommt die hohe Fehleranfälligkeit(Steinmetz, 2016). Für den privaten Gebrauch mag die Genauigkeit ausreichen, doch für die Forschung – die von der grossen Datenmenge profitiert und zunehmend Apps anwendet – ist sie häufig unzureichend (Jörg, 2018). Je nach Tätigkeit werden die Anzahl Schritte über- oder unterschätzt, wie beim Tisch abwischen (Steinmetz, 2016). Auch beim Kalorienverbrauch handelt es sich um eine grobe Schätzung und die Herzratenmessungen liegen bis zu 25 Herzschläge daneben (Jörg, 2018). Diagnosen, die anhand von Apps erstellt werden, behalten nur jedes dritte Mal recht (Jörg, 2018). 

Gesundheits-Apps mit Sensoren, welche Puls, Blutdruck oder den Sauerstoffgehalt bei gesunden Laien ohne ärztliche Aufsicht messen, sind aufgrund mangelnder Datenqualität und möglicher Fehlinterpretationen fragwürdig (Jörg, 2018). Die Hypothese, dass die riesige, zum Teil fehlerhafte Menge an Gesundheitsdaten zu Hypochondrie führt, wurde bisher aber nicht bestätigt (Jörg, 2018).

Auch ist zur Zeit der Datenschutz nicht gewährleistet. Häufig werden die Daten an Dritte weitergegeben (Bork, Weitz, & Penter, 2018). Vor allem Krankenkassen und Versicherungen könnten Interesse an diesen Daten zeigen, um so Risikoprofile zu erstellen (Jörg, 2018).

Risiko der Selbstvermessung

Immer mehr Menschen haben das Bedürfnis, ihre Körperfunktionen zu messen und zu analysieren (Meidert et al., 2018). Diese Selbstvermessung wird mit dem Drang nach Erkenntnissen über sich selbst, nach Selbstoptimierung und -Management erklärt (Timmer, Kool, & van Est, 2015). Die erhobenen Daten dienen als Entscheidungsgrundlage, Ansporn, Dokumentation und zum Austausch mit Gleichgesinnten (Meidert et al., 2018). Risiken dieses Trends bestehen darin, dass durch häufiges Messen das Gefühl für den eigenen Körper verloren gehen, ein Messzwang entstehen oder Ängstlichkeit und Stress verstärkt werden können (Meidert et al., 2018).

Auch könnte die zunehmende Selbstvermessung den Anschein erwecken, dass der eigene Gesundheitszustand komplett selbst bestimmt werden kann. Anreizsysteme der privaten Krankenversicherungen (z. B. tiefere Prämie bei Benutzung einer Gesundheits-App) könnten dies noch verstärken (Meidert et al., 2018). Eine Entwicklung Richtung Diskriminierung von Menschen mit Krankheiten oder Behinderung, Entsolidarisierung und Zugangsungerechtigkeit ist möglich (Meidert et al., 2018).

Abschliessend lässt sich sagen, dass Gesundheits-Apps ein grosses Potenzial besitzen. Damit dieses genutzt werden kann, müssen die Qualität gesichert und einige Fragen, wie die Eingliederung ins Gesundheitssystem, geklärt werden. Bis dahin ist ein kritischer Umgang empfohlen.


Zum Weiterlesen

Jörg, J. (2018). Digitalisierung in der Medizin. Wie Gesundheits-Apps, Telemedizin, künstliche Intelligenz und Robotik das Gesundheitswesen revolutionieren.Berlin: Springer Verlag.

Meidert, U., Scheermesser, M., Prieur, Y., Hegyi, S., Stockinger, K., Eyyi, G., …Becker, H. (2018). Quantified Self – Schnittstelle zwischen Lifestyle und Medizin. Zürich: vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich.

Literatur

Albrecht, U. V. (2018). Gesundheits-Apps. Fachübergreifende Qualitätskriterien sind unabdingbar. Deutsches Ärzteblatt, 115(3), 61–62.

Bertelsmann Stiftung. (2018). Das Internet: Auch Ihr Berater für Gesundheitsfragen? –Ergebnisse einer Bevölkerungsumfrage zur Suche von Gesundheitsinformationen und zur Reaktion der Ärzte. doi: 10.11586/2017052

Bork, U., Weitz, J., & Penter, V. (2018). Apps und Mobile Health. Deutsches Ärzteblatt, 115(3), 57–60.

Draeger, F. (2016). Gut vernetzt. Apotheken-Umschau, 1(16), 13–17.

Erdogan, B. (2016). „Dr. Google hat jetzt Zeit für Sie!“ – Aufbruch in die digitale Medizin? Rheinisches Ärzteblatt, 3(1), 12–14.

Graf, C., Bauer, C., & Schlepper, S. (2015). „10.000 Schritte für Ihre Gesundheit“. Bewegungsempfehlungen kommen. Rheinisches Ärzteblatt, 10(1), 17–19.

Jörg, J. (2018). Digitalisierung in der Medizin. Wie Gesundheits-Apps, Telemedizin, künstliche Intelligenz und Robotik das Gesundheitswesen revolutionieren.Berlin: Springer Verlag.

Meidert, U., Scheermesser, M., Prieur, Y., Hegyi, S., Stockinger, K., Eyyi, G., …& Becker, H.(2018). Quantified Self – Schnittstelle zwischen Lifestyle und Medizin. Zürich: vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich.

Research2guidance. (2017). mHealth App Developer Economics 2017. Retrieved from https://research2guidance.com/product/mhealth-economics-2017-current-status-and-future-trends-in-mobile-health/

Steinmetz, V. (2016). Sportlich vermessen. Der Spiegel, 5(1), 88.

Timmer, J., Kool, L., & van Est, R. (2015). Coaches everywhere. In L. Kool, J. Timmer & R. van Est (Eds.), Sincere support. The rise of the e-coach (pp. 9–26). Den Haag: Rathenau Instituut.

Es brennt so gut

Warum sich Muskelkater gut anfühlt

Muskelkater kann sehr schmerzhaft sein und doch kommt es immer wieder vor, dass sich Leute positiv über genau jene Schmerzen äussern. Das liegt vermutlich nicht an biologischen Faktoren, sondern an unbewusster Emotionsregulation.

Von Sebastian Junghans
Lektoriert von Cynthia Jucker und Michelle Donzallaz
Illustriert von Daniel Skoda

Was wir gemeinhin als Muskelkater bezeichnen, ist das Gefühl, welches sich nach besonders intensiven oder ungewohnten Trainings nach ein, zwei Tagen einstellt. Es handelt sich dabei um kleine Einrisse bei einem Teil der Muskelfasern (Mathias, 2018). Durch die leicht geschädigten Muskelfasern dringt langsam Wasser ein, die Fasern schwellen an und diese Dehnungen lösen Schmerz aus. Zusätzlich führen die Dehnungen zu Gefässeinengungen mit Verschlechterungen der Durchblutung, was die Schmerzen noch stärker macht (Mathias, 2018). Muskelkater zu haben, ist also nicht ein unbedingt wünschenswerter Zustand und trotzdem wird er zumindest partiell positiv bewertet. An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass es zu meiner untersuchten Frage keinerlei wissenschaftliche Artikel gab, die das angesprochene Phänomen untersucht hätten. Daher geht es hauptsächlich um die kognitive Umstrukturierung, die nötig ist, um aus Muskelschmerzen ein positives Gefühl zu ziehen.

Schmerz

Laut der International Association for the Study of Pain ist Schmerz ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird (Merskey, 1986). Schmerz wird in den allermeisten Fällen negativ assoziiert. Muskelkater scheint dieser Definition zu genügen, da sowohl die Gewebeschädigung als auch ein unangenehmes Gefühlserlebnis vorhanden sind. In dieser Schmerzdefinition steckt ein hervorzuhebender Teil, nämlich das Erleben des Betroffenen. Schmerz ist nicht nur objektive Reizwahrnehmung. Das Schmerzerleben kann durch die Bewertung des Betroffenen anscheinend zu einem guten Gefühl führen.

Muskelkater ist vergleichsweise sicherlich ein wünschenswerter Schmerz. Er ist von kurzer Dauer, seine Ursache ist in den meisten Fällen bekannt, durch Schonung und das Auftragen von Salben u. Ä. schnell auszukurieren und unterliegt einem gewissen Gefühl der Kontrollierbarkeit, da er selbstverschuldet ist (Kröner-Herwig, 2011). Nichtsdestotrotz ist und bleibt Muskelkater auf physiologischer Ebene ein Schmerz.

Auf die Frage, warum wir Muskelkater ab und an als positiv und zumindest als nicht aversiv empfinden, gibt es keine direkte Antwort. Die Schmerzforschung beschäftigt sich vernünftigerweise mit Schmerzen, die als unangenehm empfunden werden und die Sportforschung unter anderem mit der Frage, ob Muskelkater gut für den Muskelaufbau ist.

Emotionsregulation

Emotionsregulation beschreibt die Prozesse, mit welchen Individuen beeinflussen welche Emotionen sie haben, wann sie sie haben und wie sie diese Emotionen erleben und ausdrücken (Gross, 1998). Diese emotionsregulatorischen Prozesse können automatisch oder kontrolliert und bewusst oder unbewusst sein (Gross, 1998).

Frijda (1986) hat ein Prozessmodell der Emotionsregulation erstellt, welches erklären könnte, warum Muskelkater so unterschiedlich bewertet wird. Emotionsregulationen beginnen mit der Emotion selbst. Nur wenn die Emotion als wichtig bewertet wird, kann sie auch einer Regulation unterzogen werden (Gross, 1998). Ist dieses Kriterium erfüllt, kommt es zur Situationsselektion (Gross, 1998). Darunter versteht man zum Beispiel das Aufsuchen oder Vermeiden gewisser Orte, Menschen oder Objekte. Der zweite Schritt ist die Situationsmodifikation (Gross, 1998). Bei diesem Schritt geht es darum, aktiv eine emotionsauslösende Situation zum eigenen Vorteil zu ändern. Seine Nachbarn|innen um 3:00 Uhr nachts zu fragen, ob sie die Musik leiser drehen könnten, würde unter diese Kategorie fallen. Der nächste Schritt behandelt die Aufmerksamkeitslenkung (Gross, 1998). Ganz im Sinne von «aus den Augen, aus dem Sinn» kann man seine Aufmerksamkeit von einem emotionsauslösenden Stimulus abwenden oder sie einem solchen zuwenden. Der vierte Teil ist die kognitive Umbewertung (Gross, 1998). Darunter fallen Vorgänge wie Neubewertungen oder auch die Tendenz Ereignisse als positiver zu bewerten als sie das eigentlich sind. Der letzte Teil des Prozessmodells handelt von der Reaktionsmodulation (Gross, 1998). Ein Beispiel dafür wäre, auf Traurigkeit mit Sport, anstatt mit Alkoholkonsum zu reagieren.

Innerhalb dieses Modells lässt sich eine Antwort auf die Frage finden, warum wir zumindest teilweise Positives aus Muskelkater ziehen können. Auf Schmerzen wird allgemein mit negativen Emotionen reagiert. Natürlich fallen die negativen Emotionen auf zeitweiligen Muskelschmerz weniger stark aus als auf chronische Schmerzen oder gravierende Verletzungen. Nichtsdestotrotz geht Muskelkater mit Emotionen einher, welche anscheinend als wichtig erachtet werden, ansonsten würde keine Emotionsregulation stattfinden. Die Situationsselektion bei Muskelkater beinhaltet vielleicht das Meiden oder Aufsuchen einer Sportstätte, dient allerdings nicht der Modulation negativer Emotionen auf direktem Weg. Auch bei der Situationsmodifikation wird nicht an der Emotion direkt angesetzt. Bei Muskelkater wäre ein typisches Vorgehen das Loswerden des Muskelkaters durch Bäder, Massagen und ähnliches. Auch der dritte Schritt bringt für die positive Bewertung von Muskelkater wenig. Seine Aufmerksamkeit nicht auf den Muskelkater zu verwenden scheint schwierig, da er spätestens beim nächsten Absitzen oder Aufstehen wieder zu spüren sein wird. Die Antwort auf die Frage warum wir Muskelkater teilweise als positiv bewerten liegt vermutlich im vierten Punkt, dem Umdenken.

Kognitive Umbewertung

Um aus Wahrnehmung, wie auch Schmerz eine ist, eine Emotion ziehen zu können, muss der Wahrnehmung eine Bedeutung zugeschrieben werden und es muss eine Evaluation der Ressourcen zur Bewältigung der Situation stattfinden (Gross, 1998). An diesen beiden Stellschrauben kann gedreht werden, will man eine Situation neu bewerten. Unter dem Punkt Kognitive Umbewertung fasst Gross (1998) mehrere Vorgehen zusammen; interessant für uns ist das cognitive reframing. Beim cognitive reframing geht es darum, aversive Erlebnisse in Bezug auf ein grösseres Ziel umzubewerten. Man gibt der ganzen Situation einen neuen Rahmen. In Bezug auf Muskelkater ist dies durchaus vorstellbar. Sporttreiben passiert meistens nicht ohne Grund und je nach Motivation, die indirekt zum Muskelkater führt, ist er ein notwendiges Übel auf dem Weg zu einem höheren Ziel. Ob Muskelkater positiv oder negativ bewertet wird, könnte auch davon abhängen, ob die Zielsetzung einen gewinnorientierten oder verlustvermeidenden Charakter hat. Will man Muskeln aufbauen nimmt man den Muskelkater gerne in Kauf, will man nur in Form bleiben weniger. Auch was die Ressourcen angeht, ist Muskelkater bewältigbar. Man muss eigentlich nichts machen ausser zu Warten, um ihn wieder loszuwerden.

Fazit

Auf die Frage, warum sich Muskelkater auch gut anfühlen kann, existiert bis jetzt keine wissenschaftlich geprüfte Antwort. Es ist trotzdem bemerkenswert, dass man aus Schmerzen, einem zumeist negativ assoziierten Phänomen, etwas Positives ziehen kann. Zudem passiert dies alles weitestgehend unbewusst. Ob diese Prozesse nun der Konditionierung, Gewissenskonflikten oder doch dem cognitive reframing zuzuschreiben sind, bleibt noch offen.

Masochismus als Erklärung?
Auf der Suche nach positiven Gefühlen verbunden mit Schmerzen kommt man nicht umhin den Masochismus zu erwähnen. Masochisten|innen sind Menschen, welche Lust oder Befriedigung aus ihnen zugefügten Schmerzen oder Erniedrigungen ziehen (Vetter, 2009). Die verspürte Befriedigung muss nicht immer sexueller Natur sein (Vetter, 2009). Masochismus wird in der modernen Psychologie durch Lerntheorien erklärt, also durch operante und klassische Konditionierung, und in der Psychoanalyse durch tiefenpsychologisches Abwehrverhalten von Ängsten und Gewissenkonflikten (Vetter, 2009). Zwar könnte es sein, dass Befriedigung aus Muskelkater durch Konditionierung möglich ist. Sich sportlich zu betätigen, um Schmerzen zu entwickeln, aus denen man dann Lust ziehen kann, scheint ein gar komplizierter Weg zu sein. Und dass Muskelkater und die damit verbundenen Gefühle etwas mit Tiefenpsychologie und Gewissenskonflikten zu tun haben, ist zwar nicht auszuschliessen, doch es gibt keine Evidenz dafür.


Zum Weiterlesen

Gross, J. J. (1998). The emerging field of emotion regulation: An integrative review. Review of General Psychology, 2, 271–299.

Literatur

Frijda, N. H. (1986). The emotions. Cambridge, England: Cambridge University Press.

Kröner-Herwig, B. (2011). Schmerz als biopsychosoziales Phänomen – eine Einführung. In B. Kröner-Herwig, J. Frettlöh, R. Klinger, & P. Nilges (Eds.), Schmerzpsychotherapie (pp. 3–14). Berlin, Germany: Springer.

Mathias, D. (2018) Muskelkater. In D. Mathias (Ed.), Fit und gesund von 1 bis Hundert: Ernährung und Bewegung – Aktuelles medizinisches Wissen zur Gesundheit (p. 112). Berlin, Germany: Springer.

Merskey, H. E. (Ed.). (1986). Classification of chronic pain: Descriptions of chronic pain syndromes and definitions of pain terms. Pain, Suppl 3, 226.

Vetter, B. (2009). Pervers, oder? Sexualpräferenzstörungen: 100 Fragen, 100 Antworten: Ursachen, Symptomatik, Behandlung. Bern, Switzerland: Hogrefe.

Eine Stimme für Geschwisterkinder

Einblick in das Leben von Kindern mit kranken oder behinderten Geschwistern

Sie sind vor allem eines: Kinder. Doch die Umstände stellen sie vor besondere Herausforderungen. Schon früh müssen sie lernen, Verantwortung zu übernehmen und Verständnis zu zeigen. Oft kommen dabei ihre eigenen Bedürfnisse zu kurz. Was bringt es mit sich, ein Geschwisterkind zu sein?

Von Julia J. Schmid
Lektoriert von Vera Meier und Franziska Hasler
Illustriert von Melina Camin

Zwischen Rücksichtnahme, Geschwisterliebe und den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen – In dieses Leben gibt der Dokumentarfilm Geschwisterkinder des gemeinnützigen Vereins «Familien- und Frauengesundheit, FFG-Videoproduktion» einen Einblick. Er zeigt, wie vier Kinder mit einem kranken oder behinderten Geschwister, sogenannte «Geschwisterkinder», und ihre Familien den Alltag meistern. Dieser Film ist Teil eines grösseren Projekts, das sich das Ziel gesetzt hat, auf die Lebenssituation von Geschwisterkindern aufmerksam zu machen, für ihre Anliegen zu sensibilisieren, ein Verständnis für ihre Rolle aufzubauen und vor allem ihre Entwicklung und psychische Gesundheit zu fördern (Familien- und Frauengesundheit, 2016). Ziel dieses Artikels ist es, das Projekt zu würdigen, zu unterstützen und den Geschwisterkindern eine Stimme zu geben.

Sie sind Kinder, sie sind Geschwister

Schätzungsweise leben in der Schweiz mehr als 260’000 Geschwisterkinder (Müller & Meyer, 2019). Die Krankheit oder Behinderung eines Kindes versetzt die betroffene Familie in eine Ausnahmesituation. Es gibt bestimmte Voraussetzungen, die für eine positive kindliche Entwicklung gegeben sein sollten. Gibt es, aufgrund von spezifischen Stressfaktoren, wie beispielsweise die Krankheit oder Behinderung eines Geschwisters, über längere Zeit starke Einschränkungen in diesen Voraussetzungen, können negative Konsequenzen erfolgen. Diese werden teilweise erst im Verlaufe der Entwicklung eines Kindes erkennbar (Müller & Meyer, 2019). Dabei ist aber nicht der Stressfaktor an sich, sondern der Umgang der Familie mit der herausfordernden Situation sowie deren Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten massgebend. Wie Kinder die Krankheit oder Behinderung eines Geschwisters wahrnehmen, hängt von Art, Schweregrad, Bedrohlichkeit, Zeitpunkt des Krankheitseintritts, Verlauf und der Alltagseinschränkung derselben ab (Müller & Meyer, 2019). Auch spielt es eine Rolle, wie sichtbar die Einschränkungen sind und wie Aussenstehende darauf reagieren. Mit einem kranken oder behinderten Geschwister aufzuwachsen scheint prägend zu sein, sowohl positiv als auch negativ (Tröster, 2013).

«Ich liebe meinen Bruder – und gleichzeitig bin ich oft überfordert mit ihm. Diese ständige Ambivalenz auszuhalten, ist schwierig.» Kristin Metzner (58), Sozialpädagogin, Schwester von Jörg Metzner (55) mit einer geistigen und psychischen Behinderung auf Grund einer Hirnhautentzündung

Empathie und Sozialkompetenz

Geschwisterkinder lernen schon früh, dass auch grosse Hindernisse überwunden und das Leben trotz oder gerade wegen der Krankheit oder Behinderung geschätzt werden kann (Müller & Meyer, 2019). Sie entwickeln oftmals schon früh ein Gemeinschaftsgefühl und eine gute Sozialkompetenz. Werden die Herausforderungen, die in Zusammenhang mit dieser speziellen Familiensituation auftreten, gut bewältigt, können Geschwisterkinder daran wachsen und Empathie, Abgrenzungsfähigkeit, Selbständigkeit, Bewältigungsstrategien im Umgang mit Schwierigkeiten und Kompetenzen in der Beziehung mit unterschiedlichen Menschen erwerben (Müller & Meyer, 2019).

Auch ist die Beziehung zwischen einem gesunden und einem kranken oder behinderten Kind oftmals konfliktfreier und weniger kompetitiv als die Beziehung zwischen gesunden Geschwistern (Tröster, 2013). Im Spielverhalten zeigt sich, dass die Geschwisterkinder häufig versuchen, Voraussetzungen für ein gemeinsames Spiel zu schaffen (Tröster, 2001).

Stress und Gefühlschaos

Gleichzeitig stellt die Krankheit oder Behinderung eines Kindes auch eine grosse Belastung und ein Risiko für das Wohlbefinden der Geschwister dar. Laut Tröster (2013) sind mögliche Risikofaktoren die Übertragung der Verantwortung für das Geschwister, erwartete verstärkte Rücksichtnahme auf das kranke oder behinderte Kind und hohe elterliche Leistungserwartungen. Aber auch eine beeinträchtige Identitätsfindung aufgrund zu starker Identifikation mit dem kranken oder behinderten Geschwister, stigmatisierende und diskriminierende Reaktionen der Umwelt und eingeschränkte elterliche Verfügbarkeit, da das kranke oder behinderte Kind viel Aufmerksamkeit benötigt (Tröster, 2013).

Ein weiterer Risikofaktor für Geschwisterkinder sind fehlende Informationen (Müller & Meyer, 2019). Erhalten sie keine Erklärungen für ihre aussergewöhnliche Familiensituation, suchen sie sich ihre eigenen. Häufig beinhalten diese Schuld- und übermässige Verantwortungsgefühle gegenüber dem Geschwister oder den Eltern. Dies kann sich negativ auf das Selbstbild und den Selbstwert der Geschwisterkinder auswirken. Zudem scheinen sich viele Geschwisterkinder mit ihren Emotionen und Gedanken alleingelassen zu fühlen, was sehr belastend sein kann. Diese Gefühle umfassen beispielsweise Angst um das Geschwister, Scham aufgrund dessen Behinderung, Enttäuschung, wenn die Eltern sich zu wenig für die eigenen Wünsche und Erfolge interessieren, Frustration wegen Alltagseinschränkungen und Ärger, wenn ihre Hilfe als Geschwister gefordert wird (Müller & Meyer, 2019).

Belastend ist für die Geschwisterkinder auch ihre langanhaltende und häufige Fremdbetreuung. Ebenfalls wiederholte und unvorhersehbare Krankenhausaufenthalte der kranken oder behinderten Geschwister, welche die Abwesenheit der Eltern oder eines Elternteils mit sich bringen, können für Geschwisterkinder sehr belastend sein. Die Behinderung eines Geschwisters kann die Beziehung zu demselben, beispielsweise durch schwer nachvollziehbares Verhalten, Kommunikationsbarrieren sowie aufgrund langer oder wiederholter Trennungen erschweren (Müller & Meyer, 2019). Die emotionale und zeitliche Vereinnahmung, die durch die Krankheit oder Behinderung eines Geschwisters entsteht, kann die Konzentration und Leistungsfähigkeit der Geschwisterkinder in der Schule oder Ausbildung beeinträchtigen. Auch können deren Freundschaften zu kurz kommen. Häufig glauben Geschwisterkinder mit Gleichaltrigen nicht über die Krankheit oder Behinderung des Geschwisters reden und niemanden nach Hause einladen zu können (Müller & Meyer, 2019).Besonders schwerwiegend ist es, wenn die Kinder ambivalente Gefühle nicht ausdrücken können, sie zu viel Verantwortung übernehmen und dabei ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um ihre Eltern zu schonen. Dies kann dazu führen, dass sie verlernen ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und diesen Raum zu geben, was längerfristig ihr Risiko für psychische Probleme erhöht (Müller & Meyer, 2019). Viele kontrollierte Studien zeigen keinen statistisch bedeutsamen Einfluss eines kranken oder behinderten Kindes in der Familie auf Entwicklungs- und Verhaltensaspekte der Geschwisterkinder (Tröster, 1999). Die Anfälligkeit für internalisierende Verhaltensprobleme ist jedoch erhöht (Sharpe & Rossiter, 2002). Eine Gefährdung des Geschwisterkindes besteht vor allem dann, wenn dessen Geschwister lebensbedrohlich erkrankt ist oder wenn die Ressourcen der Familie im Alltag erheblich beansprucht werden (Tröster, 2013).

«Ich sehe viele Chancen für die Entwicklung der Geschwisterkinder: Sie können gestärkt eine Krisensituation bewältigen, entwickeln eine stärkere Resilienz und eine hohe Sozialkompetenz.» Rosaria De Lorenzo, Pflegeexpertin für Epidermolysis bullosa

Wenn sie erwachsen werden

In jeder Lebensphase müssen sich Geschwisterkinder neu mit ihrer spezifischen Familiensituation auseinandersetzen (Müller & Meyer, 2019). Oft erkennen Geschwisterkinder erst im Erwachsenenalter, nach der Ablösung von ihrer Familie und im Zuge ihrer Berufs- und Partnerwahl, wie sehr sie das Aufwachsen mit einem kranken oder behinderten Geschwister geprägt hat und welchen Einfluss dies auf ihre Identität und ihren Lebensverlauf hatte (Geschwisterkinder, 2019). Viele erwachsene Geschwisterkindern beschreiben die Beziehung zu ihrem Geschwister als bereichernd und wichtig für das eigene Leben. Sie haben viel Zeit damit verbracht, für andere da zu sein und haben oftmals ihre eigenen Bedürfnisse zurückgestellt; durch die Ablösung werden Fragen nach den eigenen Wünschen, Interessen und zur eigenen Identität stärker (Geschwisterkinder, 2019). Häufig muss geklärt werden, ob und in welcher Form die Geschwister auch im Erwachsenenalter für das kranke oder behinderte Familienmitglied verantwortlich sind. Falls sie eine tragende Rolle spielen, stellt sich für sie die Frage, wie sich dies mit ihrer eigenen Lebensplanung und ihrem eigenen Familien- und Berufsleben vereinbaren lässt (Geschwisterkinder, 2019).

Die Rolle der Eltern: Halt geben, wenn man eigentlich Halt braucht

Auch für die Eltern ist die Auseinandersetzung mit der chronischen Krankheit oder Behinderung eines Kindes eine emotionale Herausforderung. Sie müssen ihren Alltag an die speziellen Gegebenheiten anpassen, was sehr grosse Umstellungen mit sich bringt. Wie die Eltern diese Herausforderung meistern ist massgebend dafür, wie belastend die Situation von den Geschwisterkindern erlebt wird (Geschwisterkinder, 2019). Viele Eltern fühlen sich überlastet, überfordert und gestresst. Oftmals haben sie auch Schuldgefühle in Bezug auf die Belastung der Geschwisterkinder. Dies kann die physische und psychische Gesundheit der Eltern, ihre Paarbeziehung sowie letztendlich auch das Wohlbefinden ihrer Kinder negativ beeinflussen (Müller & Meyer, 2019).

Die gute Nachricht: Wenn Eltern externe Hilfsangebote annehmen, entlastet dies auch die Geschwisterkinder. Vorteilhaft ist, wenn die Eltern den Geschwisterkindern vorleben, wie wichtig es ist, eigene Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen, über Gefühle offen zu reden und sich Auszeiten zu nehmen (Müller & Meyer, 2019). Auch kann es wertvoll sein, wenn sie den Geschwisterkindern zeigen, wie sie mit allfälligen abwertenden Haltungen Aussenstehender gegenüber dem kranken oder behinderten Kind umgehen können. Um den Kindern Sicherheit zu geben, hilft ein strukturierter Alltag mit klar definierten Wochenabläufen und Notfallplänen für Ernstsituationen (Müller & Meyer, 2019). Fragen, die sich Eltern stellen müssen, sind beispielsweise, ob ihre Erwartungen an das Geschwisterkind angemessen sind, wie damit umgegangen wird, wenn ein gesundes jüngeres Kind das Ältere überholt und wie das Geschwisterkind sich gegen «nerviges» Verhalten des kranken oder behinderten Kindes wehren darf (Müller & Meyer, 2019).

Es zeigt sich, dass es den Eltern in der Regel gelingt, den Bedürfnissen ihres kranken oder behinderten Kindes gerecht zu werden, ohne die Geschwister dabei zu vernachlässigen. Und auch die zusätzlichen Betreuungsaufgaben und Pflichten im Haushalt wirken sich nicht nachteilig auf die Entwicklung der Geschwister aus (Tröster, 2013).

«Er hat mich und meinen Lebensweg wohl stärker geprägt, als ich dachte. Nie hätte ich mit einem Mann eine Familie gründen können, der nicht volles Verständnis für die Situation hat.» Martina Dumelin (33), Schwester von Johannes (27) mit dem Down-Syndrom

Was Geschwisterkindern helfen kann

Geschwisterkinder sollten, zumindest teilweise, in die Behandlung ihrer kranken oder behinderten Geschwister miteinbezogen, über die Krankheit oder Behinderung informiert und ermutigt werden, Fragen zu stellen (Müller & Meyer, 2019). Die Hilfe, Unterstützung und der Verzicht, die Geschwisterkinder leisten, sollten vom Umfeld beachtet, thematisiert und wertgeschätzt werden. Auch sonst ist es wichtig, dass Geschwisterkinder von Aussenstehenden Interesse für Ihre Situation erleben und ermutigt werden ihre Meinung zu sagen. Sie sollten darin unterstütz werden, Hobbys und Freundschaften zu pflegen. Entscheidend sind auch familiäre Aktivitäten, bei denen die Krankheit oder Behinderung des Geschwisters keine Rolle spielt (Müller & Meyer, 2019).

Mit einem kranken oder behinderten Geschwister aufzuwachsen stellt für Kinder eine spezielle Herausforderung dar. Sie müssen schon früh Verantwortung übernehmen und viel Verständnis zeigen (Müller & Meyer, 2019). Eine solche Familiensituation kann sich positiv wie auch negativ auf die Entwicklung des Geschwisterkindes auswirken. Um die optimale Entwicklung eines Kindes, das mit einem kranken oder behinderten Geschwister aufwächst, zu gewährleisten, muss ein solches gezielt vor Überlastung und Überforderung geschützt werden (Müller & Meyer, 2019). Die physische und psychische Gesundheit der Geschwisterkinder müssen im Auge behalten und ihre Bedürfnisse ausreichend berücksichtig werden, gerade dann, wenn sie selbst ihre Bedürfnisse zum Wohle der Familie zurückstellen. Geschwisterkinder sollten vor allem eins sein dürfen: Kinder.

Der Verein
Der gemeinnützige Verein «Familien- und Frauengesundheit, FFG-Videoproduktion» widmet sich Themen wie Geburt, Elternsein, Pflege von Angehörigen und der psychischen Gesundheit. Er bietet professionell gestaltete, informative, emotional ansprechende Filme. Diese Filme sollen schwierige Themen enttabuisieren und anschaulich sowie niederschwellig vermitteln. Betroffene sollen entstigmatisiert, ihre Anliegen formuliert und Lösungsansätze besprochen werden. Zu jedem Film wird eine Broschüre mit Informationen und Adressen produziert. Die Filme dokumentieren authentisch Erfahrungen und vermitteln relevante Informationen durch Fachpersonen. Sie zeigen, wie verschiedene Menschen mit schweren Situationen umgehen und richten sich an Betroffene, Angehörige, interessierte Laien, Fachpersonen sowie die breite Öffentlichkeit (Familien- und Frauengesundheit, 2016).
Der komplette Dokumentarfilm sowie mehr Informationen zum Thema Geschwisterkinder sind auf http://www.geschwister-kinder.ch zu finden.


Zum Weiterlesen

Müller, B., & Meyer, A. (2019). Geschwisterkinder: Geschwister von Kindern mit einer Behinderung oder Krankheit. Luzern: Familien- und Frauengesundheit FFG Videoproduktion.

Literatur

Familien- und Frauengesundheit. (2016). Retrieved July 25, 2019, from http://ffg-video.ch/

Geschwisterkinder. (2019). Retrieved July 25, 2019, from https://www.geschwister-kinder.ch/

Sharpe, D., & Rossiter, L. (2002). Siblings of children with a chronic illness: A meta-analysis. Journal of Pediatric Psychology, 27(8), 699-710.

Tröster, H. (1999). Sind Geschwister behinderter oder chronisch kranker Kinder in ihrer Entwicklung gefährdet? Ein Überblick über den Stand der Forschung. Zeitschrift für klinische Psychologie, 28(3), 160-176.

Tröster, H. (2001). Die Beziehung zwischen behinderten und nichtbehinderten Geschwistern. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 33(1), 2-19.

Tröster, H. (2013). Geschwister chronisch kranker Kinder und Jugendlicher. In M. Pinquart (Eds.). Wenn Kinder und Jugendliche körperlich chronisch krank sind (pp. 101-117). Berlin, Heidelberg: Springer. 

Erinnerungen

Die Funktion und Fehlbarkeit des autobiographischen Gedächtnisses

Sie ist wieder da, als wäre sie nie weggewesen. Die Erinnerung als Versprechen in der Luft, so klar und ehrlich wie in alten Tagen. Diese vergangene Realität lässt mich über mich selbst nachdenken, weckt längst vergessene Emotionen und doch weiss ich, dass ich ihr nicht trauen darf, und doch weiss ich – sie ist nur ein leeres Versprechen.

Von Julia J. Schmid
Lektoriert von Aurelia Heilmann und Damian Striegel
Illustriert von Melina Camin

Schon immer empfand ich Erinnerungen als etwas Mystisches und gleichzeitig unglaublich Mächtiges. Wie gewaltig muss etwas sein, das einen im Tram vor sich hinlächeln oder nachts nicht schlafen lässt? Etwas, das vergangene Zeiten oder gar Menschen in unseren Köpfen am Leben hält? Etwas, das mich wissen lässt, wer ich war, wer ich bin, unsere Identität formt. Diese Ehrfurcht könnte ein Grund sein, weswegen wir den Erinnerungen vollstes Vertrauen schenken. Aber trotzdem hat doch jeder schon einen Funken Zweifel gespürt. Zu Recht?

«Selbst die kostbaren Erinnerungen an unsere Kindheit lassen sich formen und umformen wie eine Kugel aus Lehm.» Julia Shaw, 2016

Bindeglied zur Vergangenheit

Wenn wir vor einer Testaufgabe sitzen und versuchen, uns an die gelernten Fakten zu erinnern, greifen wir auf das semantische Gedächtnis zurück. Bei der Erinnerung an genau diese Situation ist hingegen das episodische Gedächtnis aktiv. Dabei werden irrelevante Ereignisse schnell wieder vergessen, denn nur durch zusätzliche Aktivierung des limbischen Systems entstehen autobiographische Erinnerungen (Shaw, 2016). Wenn wir beispielsweise die genannte Aufgabe nicht lösen können und deswegen eine wichtige Prüfung nicht bestehen, kann es sein, dass wir auch noch später an diesen Moment zurückdenken. Beim Erinnern werden dieselben Hirnareale wie beim Abspeichern reaktiviert, weshalb sich ein solches Erlebnis häufig wie eine multisensorische Erfahrung anfühlt (Shaw, 2016; Stangl, 2019). Mittlerweile ist bekannt, dass die sensorischen Hirnbereiche, deren Hemmung zu einer Störung des Erinnerungsabrufs führt, bereits innerhalb von 100 bis 200 Millisekunden aktiv werden (Stangl, 2019). Die Merkmale autobiographischer Erinnerungen sind neben der Verbundenheit mit emotionalen und affektbezogenen Inhalten auch Zeit- und Ortgebundenheit sowie die Kopplung an das Bewusstsein und die Selbstreflexion (Universität Bielefeld, 2003).

Ich bin, woran ich mich erinnere

Was macht uns aus? Die Beantwortung dieser Frage führt uns unweigerlich in die Vergangenheit. Wir denken beispielsweise an kritische Situationen und wie wir sie gemeistert haben. Zweifelsfrei bilden Erinnerungen die Grundlage unseres Lebens und unserer Identität (Shaw, 2016). So dienen sie der Erhaltung und Rechtfertigung des eigenen Selbst im aktuellen Moment und über die Lebensspanne hinweg (Perrig-Chiello, 2014). Sie definieren, wie wir uns sehen und somit wer wir sind. Dank ihnen verstehen wir unseren Lebensweg und entscheiden, wie wir uns die Zukunft vorstellen und wozu wir fähig sein werden (Shaw, 2016).

Erinnerungen erfüllen drei Funktionen. Sie sind handlungsanleitend, was bedeutet, dass sie helfen zu entscheiden, wie in einer Situation reagiert werden soll. Des Weiteren besitzen sie eine soziale Funktion (Shaw, 2016). Gemeinsame Erinnerungen schaffen Gesprächsstoff und vertiefen zwischenmenschliche Beziehungen. Die dritte Funktion bezieht sich auf die bereits beschriebene Beziehung zu unserem Selbst (Shaw, 2016). Dieses wiederum ist handlungsanweisend, vermittelt das Gefühl von Kohärenz und Kontinuität und führt zur Abrufbarkeit von Erinnerungen. Zwischen dem Selbst und dem autobiographischen Gedächtnis besteht somit ein bidirektionaler Zusammenhang. Das Gedächtnis vermittelt die Identität und diese bestimmt, wie die Umwelt wahrgenommen wird (Impulsdialog, n. d.). Dementsprechend führt die Infragestellung unseres Gedächtnisses zwangsläufig auch zu derer unserer Identität. In diesem Zusammenhang stellt Shaw (2016) die Frage, ob wir immer noch wir selbst wären, wenn wir eines Morgens ohne Erinnerungen aufwachen würden. Auch wenn dieses Szenario zum Glück selten ist, ist unser Gedächtnis anfällig für Fehler, Verzerrungen und Veränderungen (Shaw, 2016).

Früher war alles besser

Erinnerungen werden mit der Zeit immer schlechter zugänglich (Perrig-Chiello, 2014). Aber am besten erinnern sich auch Menschen im hohen Alter an die Zeit zwischen dem zehnten und dreissigsten Lebensjahr, was als «reminiscence bump» bezeichnet wird (Impulsdialog, n. d.). In diesem Lebensabschnitt wird vieles zum ersten Mal erlebt. Das prägt das Gedächtnis und beeinflusst die Identitätsbildung. Ereignisse aus diesem Lebensabschnitt werden häufiger erzählt, was die Erinnerungen daran verstärkt und gleichzeitig dafür sorgt, dass wir sie für erwiesener halten. Die zentralen Momente der Vergangenheit werden so leichter abrufbar und sinnvoll zusammengefügt (Perrig-Chiello, 2014). Wiederholtes Erzählen führt aber auch zu unbewussten Ausschmückungen oder Veränderungen (Paal, 2013). Meist ist dies eine unbeabsichtigte, sinnstiftende Anpassungsleistung, die von Persönlichkeitsmerkmalen, der Kreativität, dem Lebenskontext und dem Alter abhängt (Perrig-Chiello, 2014). Es ist eine lebenslange Entwicklungsaufgabe, das Vergangene zu einem Ganzen zu vereinigen und ihm einen Sinn zu geben, weswegen sich die Interpretation der eigenen Vergangenheit immer wieder ändert (Perrig-Chiello, 2014).

Hochglanz-Vergangenheit

Einen ähnlichen Effekt haben Fotos. Der festgehaltene Moment wird nachträglich emotional aufgeladen. Neben einer Verstärkung der Erinnerung an den abgebildeten Augenblick, tritt eine Abschwächung der Augenblicke davor und danach ein (Paal, 2013). Dazu kommt, dass auf Fotos meist nur glückliche Momente festgehalten werden, was zusätzlich zu einer Verzerrung der Vergangenheit führt. Wer auf den Fotos zu sehen oder eben nicht zu sehen ist und welche Stimmung eingefangen wird, formt und verfälscht die Erinnerungen. Je häufiger die Bilder gezeigt werden, desto stärker ist der Effekt (Simon, 2013). In der heutigen Zeit kommt durch die digitale Bearbeitung eine weitere Quelle der Verfälschung dazu (Paal, 2013).

Was ist deine frühste Erinnerung?

Vor dem dritten Lebensjahr sind keine autobiographischen Erinnerungen möglich, denn für deren Erzeugung muss das Netzwerk von Nervenzellen im Gehirn soweit ausgebildet sein, dass Ereignisse in vielen Gehirnarealen gleichzeitig verarbeitet werden können. Dieses Phänomen wird als infantile Amnesie bezeichnet (Stangl, 2019). Auch wird erst ab diesem Alter das Erleben sprachlich abgebildet, was für den Abruf wichtig ist. Des Weiteren sind ein Selbstkonzept und eine Theory of Mind nötig, welche sich erst im Alter von etwa zwei Jahren entwickeln. Auch nach dieser Zeit erinnern sich Kinder weniger an konkrete Situationen, sondern eher an sich wiederholende Episoden. Eine Ausnahme bilden hoch emotionale Erlebnisse oder Dinge, die zum ersten Mal gemacht werden. Das Gehirn versucht so zukünftige Gefahren zu vermeiden. Daher sind frühe Erinnerungen meist eher negativ (Stangl, 2019). Trotzdem glauben einige Menschen sich an ihre frühe Kindheit oder gar die Zeit im Mutterleib erinnern zu können. Der psychologische Begriff dafür ist „unmögliche Erinnerung“ (Shaw, 2016). Wie kann das sein?

Nichts könnte wahr sein

Die Funktionsweise des autobiographischen Gedächtnisses wird häufig missverstanden. Es funktioniert nicht wie eine Videokamera, auf dessen Aufnahmen jederzeit zugegriffen werden kann (Shaw, 2016). Stattdessen findet ein Rekonstruktionsprozess statt. Die Erinnerungen werden bei jedem Abruf aus Informationsbruchstücken zusammengesetzt. Fremde Einflüsse, gegenwärtigen Überzeugungen, Einstellungen und eigene Idealvorstellungen können dabei zu einer Neuinterpretation des Erlebten führen (Stangl, 2019). Sich zu erinnern ist somit ein dynamischer und kreativer Prozess. Was ursprünglich gespeichert und später abgerufen wird, kann erheblich divergieren. Aufgrund ihrer Lückenhaftigkeit sind besonders frühkindliche Erinnerungen anfällig für Verzerrungen. Die beschriebene Verfälschung durch Fotos oder im Zusammenhang mit einem Lebensrückblick sind aber nur die Spitze des Eisberges. Es treten gar Erinnerungen auf, die sich echt anfühlen, aber nicht auf wirkliche Ereignisse zurückzuführen sind (Shaw, 2016). Menschen mit einem starken episodischen Gedächtnis sind davon genauso betroffen wie Menschen mit einem normalen episodischen Gedächtnis (Stangl, 2019).

«Doch selbst mit dem Wind jahrzehntelanger Gedächtnisforschung im Rücken muss ich zugeben, dass immer ein Rest von Zweifel bleiben wird, ob überhaupt eine Erinnerung vollständig richtig ist.» Julia Shaw, 2016

Hyman, Husband und Billings (1995) führten eines der ersten Experimente zu diesem Thema durch. Sie schafften es, durch falsche Informationen bei einem Viertel der Versuchspersonen Erinnerungen an ein nie stattgefundenes Erlebnis zu erzeugen. Weitere 12,5 Prozent erinnerten sich zumindest bruchstückhaft. Dieses Experiment zeigt, dass Informationen internalisiert und in die persönliche Vergangenheit integriert werden können (Shaw, 2016). In einer weiteren Studie (Spanos, Burgess, Burgess, Samuels, & Blois, 1999) konnten bei den meisten Teilnehmern durch Fehlinformationen gar detaillierte, unmögliche Erinnerungen hervorgerufen werden. Das Erstaunliche dabei war, dass fast alle davon überzeugt waren, die Episoden tatsächlich erlebt zu haben. In der Studie von Braun, Ellis und Loftus (2002) führt das Lesen einer Anzeige, die suggerierte, dass sie im Disneyland Mickey Maus die Hand geschüttelt hatten, dazu, dies zu glauben. Eine Folgestudie mit Bugs Bunny, der im Disneyland gar nicht vorkommet, erbrachte ähnliche Ergebnisse. Ein Foto aus der Zeit, aus der die angebliche Erinnerung stammt, verdoppelt die Chance für eine verfälschte Erinnerung (Simon, 2013). Strange, Sutherland und Garry (2006) konnten zeigen, dass anhand von gefälschten Kinderfotos selbst unplausible Erinnerungen erzeugt werden können. Mittlerweile wurden viele solcher Studien durchgeführt (vgl. Laney & Loftus, 2013). Alle zeigen: Erinnerungen lassen sich ganz leicht fälschen – nicht nur in experimentellen, sondern auch in therapeutischen oder ganz alltäglichen Situationen (Loftus, 1998). Die gefälschten Erinnerungen können folgenreich, emotional und langandauernd sein (Laney & Loftus, 2013). Shaw und Porter (2015) konnten sogar 70 Prozent ihrer Versuchspersonen glauben lassen, eine Straftat begangen zu haben. Die entscheidende Frage dabei ist:

Wie kann das sein?!

Als erstes zu erwähnen ist der Fehlinformationseffekt: Werden nach einem Ereignis neue, falsche Informationen gegeben, werden diese die Erinnerung an das Ereignis verzerren. Je mehr die Erinnerung bereits verblasst ist, desto leichter lässt sie sich manipulieren (Loftus, 1998). Dazu kommt die Vorstellungsinflation. Wenn ein Ereignis intensiv imaginiert wird, entsteht eine Vertrautheit. So wird das Ereignis irrtümlicherweise als Erinnerung klassifiziert. Je öfter man sich eine nicht ausgeführte Handlung vorstellt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit zu glauben, sie ausgeführt zu haben (Loftus, 1998). Diese Effekte gehen auf Konfabulation und Quellenverwechslung zurück. Ersteres bezeichnet das Auftauchen von Erinnerung an Erfahrungen, die nie stattgefunden haben. Bei dem Zweiten, der Quellenverwechslung wird fälschlicherweise das Gedächtnis als Ursprung einer Handlung angenommen. Tatsächlich stammt die Information jedoch aus externen Quellen wie Fotos und Erzählungen oder aus späteren Erinnerungen, unserer Vorstellung oder einem Traum. Diese Informationen werden dann in den scheinbar passenden Kontext eingebettet, die Gedächtnislücke wird unabsichtlich gefüllt und mit Details angereichert. Unser Gehirn setzt – ohne, dass wir uns dessen bewusst sind – die Bruchstücke sinnvoll zusammen, weswegen sie sich wie wahre Erinnerungen anfühlen (Shaw, 2016). Der Glaube an die Erinnerung führt dazu, dass sie auch neurobiologisch kaum mehr von einer echten zu unterscheiden ist (Simon, 2013; Holderer, 2018). Die Ähnlichkeit beruht auf dem Detailreichtum, der Emotionalität und der Konstruktion. Bei echten wie falschen Erinnerungen werden einzelne Fragmente reaktiviert und zusammengesetzt. Jedes Bruchstück wiederum kann richtig oder verzerrt sein oder aus einem anderen Zusammenhang stammen (Kara, 2015).

Wie gut sich eine Erinnerung verändern lässt, hängt von der Plausibilität der neuen Information, der Verknüpfung mit vorhandenen Erinnerungen, der Glaubwürdigkeit der Person, die die neuen Informationen präsentiert, und dem sozialen Druck ab. Glaubt eine Person, dass es von ihr erwartet wird, sich zu erinnern, so strengt sie sich mehr an (Holderer, 2018). Unter diesem sozialen Druck werden sogar bestehende Erinnerungen verleugnet (Wiatrowski, 2018). Auch die Emotionalität ist wichtig. Emotionale Erinnerungen sind zwar lebendig und dauerhaft, aber nicht sehr genau. Beispielsweise wird in Stresssituationen oder kurz vor einer Zielerreichung die Aufmerksamkeit auf zielrelevante Inhalte beschränkt. Dies macht Personen für Fehlinformationen anfällig (Kaplan, Van Damme, Levine, & Loftus, 2016). Wenn dann auch noch beim Abruf Stress herrscht, steigt die Wahrscheinlichkeit einer gefälschten Erinnerung. Der Abrufmoment ist am entscheidendsten, da die Erinnerung in diesem Moment formbar und damit anfällig für Suggestion ist (Kara, 2015).

Laut Holderer (2018) sind nur Sachbeweise und ein Blick auf die Entstehung einer Aussage hilfreich, um gefälschte Erinnerungen zu erkennen. Wenn nach einer Erinnerung gegraben wird, Details schrittweise auftauchen oder die Erinnerung bizarr ist, ist Vorsicht geboten. Des Weiteren erhöhen psychische Erkrankungen wie die Borderline-Störung, aber auch regelmäßiger Cannabiskonsum das Risiko für falsche Erinnerungen. Stoffels und Ernst (2002) nennen zusätzliche Kriterien. Es handelt sich wahrscheinlich um eine gefälschte Erinnerung, wenn sie aus der Zeit vor dem dritten Lebensjahr stammt, der Wiedererinnerung ein Erwartungsdruck vorausgeht, die Erinnerung (z. B. an einen Missbrauch) in der späten Kindheit oder der Adoleszenz vergessen wurde, oder wenn diffuse Gefühle, Traumbilder und Körpererinnerungen vorherrschen. Nach all der Recherche ist mir klar, dass die Zweifel an unseren Erinnerungen berechtigt sind, und doch – die Ehrfurcht bleibt.

Wie die Ideen zu diesem Artikel entstanden ist
Riesige Flammen, schwarzer Rauch. Noch heute sehe ich das Feuer, sehe mich selbst, wie ich mit meinen kleinen Füssen die Treppe emporklettere, voller Neugier, angezogen von dem Rot, dass durch das Fenster leuchtet. Oben angekommen erkenne ich die Flammen, den Rauch, als wäre es echt, als hätte es dieses Feuer tatsächlich gegeben.
Ich war knapp vier Jahre alt, wir waren gerade umgezogen und es war einer meiner ersten Tage in diesem Haus, als ich das angebliche Feuer erblickte. Ich kann nur spekulieren, wie es zu dieser Erinnerung, die nachweislich gefälscht ist, kommen konnte. Der Umzug war sicherlich ein emotionales Erlebnis, dafürspricht, dass es – laut meiner Erinnerung – genau in der Strasse brannte, in der wir zuvor gewohnt hatten. Durch das beschriebene Fenster war der Sonnenuntergang zu sehen, was das rote Leuchten erklären könnte. Auch hatte ich als Kind häufig Albträume in denen Feuer vorkam. Diese drei Faktoren könnten zusammengespielt und die Erinnerung erzeugt haben.


Zum Weiterlesen

Shaw, J. (2016). Das trügerische Gedächtnis: Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. Zürich, Schweiz: Carl Hanser Verlag GmbH Co KG.

Literatur

Braun, K. A., Ellis, R., & Loftus, E. F. (2002). Make my memory: How advertising can change our memories of the past. Psychology & Marketing, 19, 1–23.

DiSalvo, D. (2014). Was Ihr Gehirn glücklich macht… und warum Sie genau das Gegenteil tun sollten. Stadt, Land: Springer-Verlag.

Holderer, I. (2018). So leicht lassen sich Erinnerungen fälschen. WDR1. Retrieved August 27, 2019, from, https://www1.wdr.de/wissen/manipulierte-erinnerungen-100.html

Hyman, J. I. E., Husband, T. H., & Billings, F. J. (1995). False memories of childhood experiences. Applied cognitive psychology, 9, 181–197.

Impulsdialog, (n. d.). [Video file] Retrieved August 27, 2019, from, https://impulsdialog.de/ueber_uns/blog/auf-den-spuren-des-selbst-das-autobiographische-gedaechtnis

Kaplan, R. L., Van Damme, I., Levine, L. J., & Loftus, E. F. (2016). Emotion and false memory. Emotion Review, 8, 8-13.

Kara, S. (2015). Fragile Spuren. Zeit online. Retrieved August 27, 2019, from, https://www.zeit.de/2015/33/erinnerung-gedaechtnis-gericht-fehlurteil/seite-3

Laney, C., & Loftus, E. F. (2013). Recent advances in false memory research,43(2), 137-146.

Loftus, E. F. (1998). Falsche Erinnerungen. Spektrum der Wissenschaft, 1, 62–67.

Paal, G. (2013). Das autobiographische Gedächtnis. SWR2. Retrieved August 27, 2019, from, https://www.swr.de/swr2/wissen/zerrbilder-des-lebens/-/id=661224/did=11494264/nid=661224/r75zhx/index.html

Perrig-Chiello, P. (2014). Autobiografische Erinnerung – Fakt oder Fiktion? UniPress –Forschung und Wissenschaft an der Universität Bern, 160, 16–17.

Shaw, J., & Porter, S. (2015). Constructing rich false memories of committing crime. Psychological Science, 26, 291–301.

Simon, A. C. (2013). Wie Kindheitsfotos Erinnerung fälschen. Die Presse. Retrieved August 27, 2019, from, https://diepresse.com/home/schaufenster/salon/1416400/Wie-Kindheitsfotos-Erinnerung-faelschen

Spanos, N. P., Burgess, C. A., Burgess, M. F., Samuels, C., & Blois, W. O. (1999). Creating false memories of infancy with hypnotic and non‐hypnotic procedures. Applied Cognitive Psychology: The Official Journal of the Society for Applied Research in Memory and Cognition, 13, 201–218.

Stangl, W. (2019). Stichwort: ‚episodisches Gedächtnis‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Retrieved August 27, 2019, from, https://lexikon.stangl.eu/809/episodische-gedaechtnis/

Strange, D., Sutherland, R., & Garry, M. (2006). Event plausibility does not determine children’s false memories. Memory, 14, 937–951.

Stoffels, H., & Ernst, C. (2002). Erinnerung und Pseudoerinnerung: Über die Sehnsucht, Traumaopfer zu sein. Der Nervenarzt, 73, 445–451.

Universität Bielefeld (2003). Das autobiographische Gedächtnis. Retrieved August 27, 2019, from, https://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Einrichtungen/Zentrale%20Institute/IWT/FWG/Gedaechtnis/Gedaechtnissysteme_Auto.html

Wiatrowski, M. (2018). Gefälschte Erinnerungen. Goethe Institut. Retrieved August 27, 2019, from, https://www.goethe.de/ins/pl/de/kul/dos/fnw/21422934.html