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Beiträge aus der Kategorie ‘Berichte’

Zeit, uns kennenzulernen: psyCH – Dein Dachverband

Für die Vernetzung und die Anliegen von Psychologiestudierenden in der Schweiz.

Du studierst Psychologie, hast aber noch nie von uns gehört? Oder du hast schon von uns gehört, weisst aber nicht so genau, was diese Organisation, die sich den Namen mit einer US-Kriminal-Serie teilt, so tut? Dann wird es höchste Zeit, dich in die Welt des psyCH, dem Dachverband der Schweizer Psychologiestudierenden, einzuführen! So viel sei verraten – mit Krimi, Mord und übersinnlichen Kräften haben wir nicht so viel zu tun…

Von Nathalie Carter
Lektoriert von Vera Meier und Lucia Gasparovicova

In dieser aktuellen aware Ausgabe dreht sich alles um das Thema «Veränderung».  Ein Thema, das viele von uns täglich antreibt und auch für uns vom psyCH ein grosser Motivator hinter der Arbeit ist. Nur ist es mit der Veränderung oft nicht so einfach, denn wann, wie und vor allem wo soll man mit Veränderungen anfangen? Vielen von uns geht es ähnlich – wir fangen mit dem Psychologiestudium an, motiviert mehr über den Menschen zu erfahren, ihn besser zu verstehen und vor allem das Gelernte dann auch sinnvoll einzusetzen. Doch oft fehlt es uns dann an Möglichkeiten, das erworbene Wissen umzusetzen und Theorie mit Praxis zu verbinden. 

Wir vom psyCH möchten Studierenden schon während des Studiums die Möglichkeit geben, Theorie und Praxis zu verbinden und den persönlichen «Psychologie-Horizont» zu erweitern. Bei uns kannst du dich kreativ und auf deine individuelle Weise einbringen, um die Welt der Psychologie mitzugestalten und nachhaltig zu beeinflussen. Der psyCH sieht sich als Vertreter, Vernetzer und Vermittler von Studierenden. Wir bieten ein vielfältiges und diverses Angebot an Veranstaltungen, Weiterbildungen und Informationsangeboten. Untenstehend eine kleine Auswahl. Willkommen zu einer Führung durch das Haus des psyCH. 

Psychologie lebendig werden lassen – psyKo und trainers’ school

Ganz nach dem Motto «Von Studierenden für Studierende» findet einmal jährlich der nationale Kongress der Psychologie, kurz psyKo, statt. Mit dem psyKo bieten wir Studierenden eine perfekte Möglichkeit, die Psychologie einmal ausserhalb des universitären Settings zu erleben. Während eines Wochenendes erwarten dich ein breites Programm an Vorträgen, Workshops und Trainings von Fachpersonen aus verschiedenen Gebieten der Psychologie. Dies ermöglicht einerseits das Kennenlernen von Psychologiestudierenden der ganzen Schweiz, andererseits bietet der Kongress auch die Möglichkeit, sich mit Fachpersonen aus der Berufswelt auszutauschen und sich zu vernetzen. Neben den anregenden und spannenden Workshops und Vorlesungen gibt es auch ein breites Rahmenprogramm. So viel sei verraten – Die Party für tanzwütige, entfesselte Teilnehmenden, hat Legendenstatus. Die einzige unerfreuliche Nachricht: Leider ist die Anmeldefrist für den diesjährigen psyKo leider schon vorbei. Nichtsdestotrotz, interessierte und motivierte Personen können sich per sofort für das nächstjährige Organisationskomitee melden oder ab Herbst 2019 nach der Öffnung des Registrierungsfensters für den psyKo 2020 Ausschau halten. In den Vorlesungen an der UZH werden wir darauf aufmerksam machen.

Eine weitere Möglichkeit, sich weiterzubilden und die eigenen Fähigkeiten auszubauen, bietet die psyCH trainers’ school. Du wolltest schon immer einmal ein Training halten zu einem Thema, das dich interessiert und bewegt? Du wolltest schon lange an deiner Präsentationskompetenz und deinem Auftreten vor Gruppen arbeiten? Du bist bereit, dich mit elf weiteren Teilnehmenden in fünf arbeits-intensive Tage zu stürzen? Dann ist die trainers’ school genau das Richtige für dich. Die psyCH trainers’ school ist ein fünftägiges Ausbildungsseminar in dem du die Fertigkeiten und Werkzeuge erlernst um später erfolgreich und eigenständig diverse Trainings- oder Teambildungsinterventionen leiten zu können. Von kompetenten Trainer|innen erfährst du mehr über spezifische Trainingswerkzeuge und erhältst eine Schulung in Vermittlungs- und Kommunikationskompetenzen. Nach einer erfolgreich absolvierten Woche erhalten die Teilnehmenden nicht nur ein Diplom, sondern werden auch Mitglied in einem internationalen Trainer|innen-Netzwerk, welches erlaubt, auf internationalem Boden Trainings zu halten. Die Anmeldung für nächstes Jahr ist ungefähr ab September offen. Auch hier gilt – mach mit, du wirst es nicht bereuen.  

Immer top informiert – unser Blog 

Das neuste Mitglied im Hause psyCH ist unser Blog, der seit Herbst 2018 online ist. Die fleissigen Schreiberlinge hinter diesem Projekt informieren dich regelmässig über die aktuellsten Neuigkeiten in der Welt der Psychologie sowie über die neusten Forschungstrends. Des Weiteren hält der Blog nützliche Informationen und Tipps für Studierende bereit; zum Beispiel wie gute Bewerbungen gelingen und wie man seinen Lebenslauf ein wenig aufbessern kann. Wenn du also in Zukunft top informiert sein willst und mit deinem Wissen deine Kommilitonen|innen tief beeindrucken willst – besuche unseren Blog!

Und nach dem Studium? – psyPra hilft weiter

Der psyCH begleitet dich nicht nur während des Studiums, sondern auch danach, wenn es um den Berufseinstieg geht oder darum, ein Praktikum zu finden. Es ist eine grosse Herausforderung, ein passendes Psychologiepraktikum zu finden, bei dem erste Berufserfahrung gesammelt werden können. Die meisten Studierenden können dazu eine persönliche Leidensgeschichte erzählen. Wo findet man ein Praktikum? Sind die überhaupt ausgeschriebenen? Ja, das sind sie und zwar auf unserer Praktikumsplattform psyPra! Auf dieser Plattform werden Praktikumsstellen in den verschiedensten Bereichen der Psychologie aus der ganzen Schweiz ausgeschrieben. Sei es ein klinisches Praktikum oder eher etwas in Richtung Arbeits- und Organisationspsychologie – psyPra deckt das ganze Spektrum ab. Falls du noch nicht sicher bist, in welche Richtung du gehen willst, können wir weiterhelfen. Auf unserer Homepage findest du die Rubrik «Berufsperspektiven», wo wir gemeinsam mit der Föderation Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) eine Übersicht zu den häufigsten Berufsfeldern innerhalb der Psychologie kreiert haben. Klick dich einfach mal durch! 

So, das war auch schon der Rundgang durch das Haus des psyCH. Wir hoffen, dass du dir jetzt ein bisschen besser vorstellen kannst, was der Dachverband der Schweizer Psychologiestudierenden, so macht. Wir haben schon viele Projekte umgesetzt, sind aber immer offen für neue Ideen. Wenn du also vor guten Einfällen sprudelst und noch ungeöffnete Türen in unserem Haus öffnen möchtest, dann melde dich bei uns. Als Dachverband ist es uns wichtig, dass nicht nur du uns kennst, sondern wir auch dich kennenlernen, darum: Nicht schüchtern sein. Schreib uns oder klick dich mal durch unsere Homepage und Facebook-Seite. Da wartet noch viel mehr auf dich. 

Jetzt, da du uns kennengelernt hast, hoffentlich bis bald!

Weitere Informationen zu psyCH:

Delegierte Psychotherapie

Diskriminierende Berufsbedingungen für Psychologen|innen

Für die psychotherapeutische Versorgung gibt es in der Schweiz verschiedene Behandlungskonzepte. Ein wichtiges ist die delegierte Psychotherapie. Diese schränkt jedoch den Zugang zur Behandlung von psychischen Störungen insofern ein, da nur die Leistungen von Psychologen|innen, die in einer Arztpraxis angestellt sind, von der Grundversicherung der Krankenkassen gedeckt werden. Die Psychotherapie von selbständigen Psychologen|innen wird nicht übernommen. Die beruflichen Möglichkeiten von psychologischen Psychotherapeuten|innen werden dadurch eingeschränkt.

Von André Widmer, Präsident ZüPP, Kantonalverband der Zürcher Psychologinnen und Psychologen
Lektoriert von Vera Meier

Wer in der Schweiz psychotherapeutische Behandlungen durchführen darf, ist gesetzlich geregelt. Zugelassen sind Ärzte|innen und Psychologen|innen mit einer psychotherapeutischen Weiterbildung beziehungsweise mit einem entsprechenden eidgenössischen Fach- oder Weiterbildungstitel. Das Psychologieberufegesetz (PsyG) regelt die psychotherapeutische Tätigkeit von Psychologen|innen. Es verlangt die vom Bund anerkannte entsprechende Weiterbildung nach Abschluss des Psychologiestudiums. Alle Psychologen|innen mit einem Weiterbildungstitel Psychotherapie werden im Psychologieberuferegister (PsyReg) des Bundes eingetragen. Die Weiterbildung dauert vier bis sechs Jahre. In Zuge dieser Weiterbildung werden unter anderem zwei Jahre klinische Praxiserfahrung verlangt. Nur Psychologen|innen mit einem entsprechenden eidgenössischen Weiterbildungstitel dürfen sich als Psychotherapeuten|innen bezeichnen. Die Durchführung von Therapien ist unter anderem im Rahmen einer Anstellung in einer öffentlich-rechtlichen Klinik, in einem Ambulatorium, privat-rechtlich in einer Arztpraxis oder selbständig in einer eigenen psychotherapeutischen Praxis zugelassen. Für die selbständige Tätigkeit in einer Praxis(-gemeinschaft) braucht es in allen Kantonen eine Bewilligung.

Spezialfall delegierte Psychotherapie

Über ein Drittel der psychologischen Psychotherapeuten|innen arbeitet sogenannt «delegiert» in einer ärztlichen Praxis. Dies ist eine spezielle Form der privat-rechtlichen Anstellung. Dafür ist in einzelnen Kantonen, wie zum Beispiel Zürich, ebenfalls eine Bewilligung erforderlich. Delegierte Psychotherapie bedeutet, dass die Behandlungen nicht eigenverantwortlich durch die psychologischen Psychotherapeuten|innen durchgeführt werden, sondern der ärztlichen Aufsichtspflicht unterstellt sind. Dies obwohl das PsyG die eigenverantwortliche Tätigkeit von psychologischen Psychotherapeuten|innen seit 2013 vorsieht. Dieser Widerspruch basiert auf der Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts (EVG), das 1981 die delegierte Psychotherapie als Pflichtleistung der Krankenversicherer bestimmt hat; unter der Voraussetzung, dass die Psychotherapeuten|innen in den Praxisräumen eines Arztes oder einer Ärztin, unter deren Aufsicht und Verantwortung sowie im Rahmen eines Anstellungsverhältnisses arbeiten. Dieser vor fast vierzig Jahren getroffene und in verschiedener Hinsicht wichtige Entscheid ermöglichte damals, dass erstmals sowohl die ärztliche als auch die psychologische Psychotherapie über die Grundleistungen der Krankenversicherungen abgerechnet werden konnten. Dies war sowohl für die psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz als auch für die Berufstätigkeit der Psychologen|innen sehr wichtig. 

Im Gegensatz zur delegierten Psychotherapie können selbständig arbeitende Psychologen|innen in eigener Praxis ihre Behandlungen aber bis heute leider nicht über die Grundversicherung der Krankenkassen abrechnen. Die Kosten müssen die Patienten|innen übernehmen. Zusatzversicherungen können in beschränktem Umfang einen Teil der Leistungen decken.

Weshalb die Psychologen|innen nicht zufrieden sind

Am meisten stört, wie bereits darauf hingewiesen, dass Psychologen|innen als selbständige Psychotherapeuten|innen, nicht über die Grundversicherung abrechnen können. Dazu kommt, dass gemäss dem Tarifsystem für die Abrechnung von medizinischen Leistungen (TARMED) für eine Stunde delegierte Psychotherapie rund 133 Franken verrechnet werden, für die ärztliche Psychotherapie dagegen rund 182 Franken; die Leistungen von Psychologen|innen werden also finanziell deutlich schlechter entschädigt. Weiter beklagen viele Psychologen|innen, die delegiert arbeiten, arbeitsvertragliche und andere Anstellungsprobleme. Dazu gehören zusätzliche Abgaben für Leistungen der Ärzte|innen wie Miete, Praxisführung etc. oder in grossen Arztpraxen ein hoher Leistungsdruck, welcher die Qualität der Behandlungen beeinträchtigt.

Das Anordnungsmodell soll die delegierte Psychotherapie ablösen

Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) fordert vom Bundesrat zusammen mit anderen psychologischen Berufsverbänden eine Ablösung der delegierten Psychotherapie durch ein sogenanntes «Anordnungsmodell»: 

«Wer heute eine psychotherapeutische Behandlung benötigt, muss lange warten. Insbesondere bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen ist mit Wartefristen bis zu sechs Monaten zu rechnen. Dies, weil aktuell nur Psychiater|innen berechtigt sind, über die Grundversicherung abzurechnen. Da in der Schweiz zu wenig Psychiater|innen tätig sind, führt dies zu Wartefristen bis zu einem halben Jahr. Die Lösung ist einfach: Auch psychologische Psychotherapie muss von der Grundversicherung übernommen werden, wenn sie auf ärztliche Anordnung durchgeführt wird.» (FSP, 2018, Petition: «Hürden abbauen – Behandlung psychischer Krankheiten sicherstellen»)

Verlangt wird also, dass alle psychologischen Psychotherapeuten|innen, gleich wie die Psychiater|innen, direkt über die Grundversicherung der Krankenkassen abrechnen können. Als einzige Voraussetzung für die psychologische Psychotherapie soll gelten, dass diese ärztlich verordnet ist. Dadurch wird sowohl der Zugang zur Psychotherapie, und somit die breitflächige psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung, als auch die Berufssituation für Psychologen|innen verbessert. Den notwendigen Handlungsbedarf hat nun auch der zuständige Bundesrat Alain Berset anerkannt. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat der Psychologieberufekommission des Bundes (PsyKo) kürzlich einen Verordnungsentwurf für eine Neuregelung der Psychotherapie zur Diskussion vorgelegt. Auf die weitere Entwicklung kann man gespannt sein.

Delegierte Psychotherapie als Praxiserfahrung in der Weiterbildung
Im Rahmen der psychotherapeutischen Weiterbildung, die mit dem eidgenössischen Weiterbildungstitel abgeschlossen wird, werden zwei Jahre klinische Praxis nach Abschluss des Psychologiestudiums verlangt. Davon ist maximal ein Jahr in einer psycho-sozialen Institution im Rahmen einer psychologischen Beratungs- und Betreuungstätigkeit möglich, mindestens ein Jahr in einer rein psychotherapeutischen Tätigkeit. Das BAG spezifiziert letztere wie folgt: «(…) Während des klinischen, psychotherapeutischen Praxisjahres ist (…) eine psychotherapeutische Tätigkeit im klinischen Setting gefordert (…) [in dem] ein breites Spektrum psychischer Störungen und Krankheiten psychotherapeutisch behandelt wird, (…) und [im Rahmen derselben] der/die Weiterzubildende tatsächlich psychotherapeutisch tätig ist. Es kann dies im Einzelfall auch z.B. (…) eine psychiatrische Praxis (delegierte Psychotherapie) oder ein psychologisch geleitetes Ambulatorium mit psychotherapeutischem Auftrag sein. Wesentlich ist weiter, dass die fachlich qualifizierte Supervision am Praxisort sichergestellt ist.» (BAG, 2018, Häufige Fragen [FAQ] zum Psychologieberufegesetz). Die delegierte Psychotherapie bietet also die Möglichkeit, die während der Weiterbildung geforderte klinische Praxis ganz oder teilweise zu absolvieren. Im Kanton Zürich zum Beispiel ist für eine solche Anstellung eine spezielle Bewilligung erforderlich.


Zum Weiterlesen

Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP (2018): Neuregelung der psychologischen Psychotherapie. Abgerufen am 17. Januar, 2019, vonhttps://www.psychologie.ch/fileadmin/user_upload/RZ_FSP_Argumentarium_DE_web.pdf

Literatur

Bundesamt für Gesundheit BAG (2018). Häufige Fragen (FAQ) zum Psychologieberufegesetz. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/berufe-im-gesundheitswesen/psychologieberufe/faq-psyg.html

Bundesamt für Gesundheit BAG (2018). Psychologieberufegesetz. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20091366/index.html

Bundesamt für Gesundheit BAG (2018). Psychologieberuferegister. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von https://www.psyreg.admin.ch/ui/personensearch

Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP (2018). Neuregelung der psychologischen Psychotherapie. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von https://www.psychologie.ch/fileadmin/user_upload/RZ_FSP_Argumentarium_DE_web.pdf

Gesundheitsdirektion Kanton Zürich (2018). Psychologische Psychotherapie, Leitfaden für die Berufsausübung im Kanton Zürich. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von https://gd.zh.ch/dam/gesundheitsdirektion/direktion/themen/gesundheitsberufe/psychotherapie/merkblaetter_gesuchsformulare/psychotherapie_leitfaden.pdf.spooler.download.1528875857838.pdf/psychotherapie_leitfaden.pdf

Y. Traber (2009). Vor- und Nachteile delegierter Psychotherapie. Ergebnisse einer Befragung von psychotherapeutischen Fachpersonen. Universität Zürich, Psychologisches Institut. 2009, überarbeitete Version. Abgerufen am 17. Januar, 2019, von http://www.gedap.ch/c050012/gedap/webx.nsf/0/6493812285BA2CA9C125758C0053863A/$file/DelPsychotherapie.pdf

Professoren|innen gefragt

«Was bleibt ist die Veränderung;
was sich verändert, bleibt.»
(Dr. phil. Michael Richter)

Statement von Frau Prof. Dr. Alexandra M. Freund:  

Als Entwicklungspsychologin ist die Veränderung von psychologischen Prozessen über die Zeit mein zentrales Forschungsinteresse: Unter welchen Bedingungen tritt Veränderung in welchem Masse und aufgrund welcher zugrundeliegenden Prozesse auf? Die rasanten Veränderungen im Kindes- und Jugendalter sind faszinierend und scheinen uns fast gleichbedeutend mit Entwicklung. Beschäftigt man sich aber mit dem mittleren und dem höheren Alter, wird einem klar, dass Veränderung nur ein Aspekt von Entwicklung ist: Die Stabilität von psychischen Funktionen steht in diesen Altersgruppen stärker im Vordergrund als die Veränderung. Allerdings stimmt das nur bei relativ oberflächlicher Betrachtung, denn Stabilität impliziert Anpassungsleistungen an sich ständig verändernde interne und externe Faktoren. Versuchen Sie einmal, stabil mit geschlossenen Augen und nach vorne gestreckten Armen auf einem Bein zu stehen. So ähnlich ist es auch, Entwicklungsstabilität zu erreichen. Die Sängerin Petula Clark (wenn Sie sie nicht kennen, von ihr stammt der uralte Hit „Downtown“, ein Ohrwurm aus den 1960iger Jahren) drückte das in einem Interview kürzlich so aus: Stabilität zu erreichen ist mit zunehmendem Alter vergleichbar damit, auf einer sich schnell herunterbewegenden Rolltreppe auf derselben Höhe zu bleiben. Ein sehr treffendes Bild, finde ich.

Statement von Herrn Prof. Dr. Guy Bodenmann:

Veränderungen widerspiegeln den natürlichen Werdegang eines jeden Menschen. Man verändert sich im äußeren Erscheinungsbild ebenso wie bezüglich innerer Werte, Einstellungen, Bedürfnissen und Zielen. Für Paare bedeutet die Veränderung beider Partner eine bedeutende und ständige Herausforderung. Der Mensch, zu dem man ja in der Beziehung sagte, ist schon bald nicht mehr derselbe und selber ist man es genauso wenig. Beide entwickeln sich, teils gemeinsam (Ko-Evolution als Dyade), teils individuell, in kongruenter Weise oder diametral, teils im Gleichschritt, teils in unterschiedlichen Phasen, meist nicht linear, sondern in Entwicklungssprüngen.  Nur die Paare, bei denen die Partner Schritt mit der Entwicklung des anderen halten können, an ihr teilhaben und sie begleiten, haben längerfristig eine Überlebenschance. Dies gelingt nur, wenn sich die Partner konstant updaten, über ihre Wünsche und Visionen austauschen, sich füreinander interessieren und die Veränderungen beim anderen wahrnehmen und bejahen. Die Paare, denen dies nicht gelingt, entfremden sich unmerklich, reagieren mit Enttäuschung auf die Veränderung des anderen, verlieren sich aus den Augen.

Statement von Herrn Prof. Dr. Johannes Ullrich: 

Meditation oder Legitimation?
Oh, dazu wüsste ich gerne mal, in welchem Zusammenhang der Richter das gesagt hat; diese Aussage lässt sich ja in beliebige Zusammenhänge stellen und dadurch in ihrer Bedeutung verändern. Das erinnert mich an Forschung von Solomon Asch zum Verständnis von Aussagen in unterschiedlichen Kontexten. Nehmen Sie die Aussage von Thomas Jefferson, „I hold it that a little rebellion, now and then, is a good thing, and as necessary in the political world as storms are in the physical“, und schreiben Sie diese Lenin zu, bekommen Sie eine revolutionäre Auslegung (und wahrscheinlich weniger Zustimmung). Den Richter-Spruch können wir zum Beispiel als eine Meditation über Vergänglichkeit verstehen oder als eine Legitimation von irgendeiner „Strukturreform“. Da Wahrscheinlichkeit und Legitimation von Veränderung miteinander verknüpft sind, dürfte dieser Spruch, der Veränderung als etwas natürlich Gegebenes darstellt, prima zur Legitimation von menschengemachter Veränderung geeignet sein.

Statement von Herrn Prof. Dr. Moritz M. Daum: 

Halt.
Die Veränderung ist der zentrale Inhalt der Entwicklungspsychologie. Und wie war die Welt der Entwicklungspsychologen früher so einfach. Der Mensch veränderte sich vom Säugling zum Erwachsenen. Und dann war Schluss. In der heutigen Entwicklungspsychologie ist alles viel komplizierter. Die Entwicklung hört nicht nach der Adoleszenz auf, der Mensch entwickelt sich ein ganzes Leben lang. Es ist auch nicht einfach nur eine Veränderung über die Zeit; kritische Lebensereignisse, positive wie negative führen ebenso zu Veränderungen im Denken und Handeln, unabhängig vom Zeitpunkt des Auftretens. Man denke nur an die Geburt eines eigenen Kindes oder den Abschluss eines Studiums. Entwicklung besteht nicht nur aus Reifungsprozessen, die Veränderung eines Individuums ist beeinflusst durch einen ständigen und dynamischen Austausch mit der Umwelt. Die Theorie der dynamischen Systeme (Smith & Thelen, 2003)bietet hier ein wertvolles theoretisches Rahmenkonstrukt, und methodische Möglichkeiten, diese vielfältigen Interaktionsprozesse sichtbar zu machen. Dadurch wird es sicherlich nicht einfacher, Entwicklung zu untersuchen, aber sehr viel spannender. Denn der Mensch verändert sich, ständig. 


Zum Weiterlesen

Smith, L. B., & Thelen, E. (2003). Development as a dynamic system. Trends in Cognitive Sciences7(8), 343–348. doi: 10.1016/S1364-6613(03)00156-6

Anordnungsmodell in Vernehmlassung

Der Bundesrat will die delegierte Psychotherapie neu regeln

In der letzten Ausgabe FS19 haben wir im Artikel «Delegierte Psychotherapie – diskriminierende Berufsbedingungen für Psychologen|innen» die Nachteile des aktuellen Delegationsmodells vorgestellt. Die psychologischen Berufsverbände unter der Führung der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) engagieren sich seit Jahren für eine bessere Lösung. Gefordert wird ein sogenanntes Anordnungsmodell. Jetzt schickt der Bundesrat einen konkreten Lösungsvorschlag in die Vernehmlassung. 

Von André Widmer, Präsident ZüPP, Kantonalverband der Zürcher Psychologinnen und Psychologen

Der Lösungsvorschlag des Bundesrates sieht vor, dass psychologische Psychotherapeuten|innen im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung OKP (Grundversicherung) als selbständige Leistungserbringer|innen ihre Leistungen erbringen können und nicht mehr unter Aufsicht eines Arztes oder einer Ärztin arbeiten müssen. Voraussetzung ist unter anderem der eidgenössische Weiterbildungstitel «Psychotherapie». Durch die vorgeschlagene Lösung sollen sowohl die bestehenden Engpässe in der psychotherapeutischen Versorgung reduziert als auch die Berufssituation der psychologischen Psychotherapeuten|innen verbessert werden. Die Vernehmlassung des vorliegenden Entwurfs läuft bis zum 17. Oktober 2019. Grundsätzlich stösst der Vorschlag auf breite Zustimmung, auch wenn er zusätzliche Anforderungen für angehende Psychotherapeuten|innen beinhalten wird (Bundesamt für Gesundheit BAG, 2019b; Föderation Schweizer Psycholginnen und Psychologen FSP, 2019).

Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung soll verbessert werden

In der Medienmitteilung des Bundes vom 26. Juni 2019 wird darauf hingewiesen, dass psychische Störungen zu den häufigsten und am meisten einschränkenden Krankheiten in der Schweiz zählen. Erhebungen und Schätzungen zeigen, dass im Laufe eines Jahres bis zu einem Drittel der Bevölkerung an einer psychischen Störung erkrankt, welche in den meisten Fällen behandelt werden sollte. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen (Bundesamt für Gesundheit BAG, 2019b).

Durch das neue Anordnungsmodell liessen sich vor allem Versorgungsengpässe bei Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen in Krisen- und Notfallsituationen reduzieren. Die Anordnung durch Hausärzte|innen etc. ermöglicht einen einfacheren und früheren Zugang zur Psychotherapie als die bisher erforderliche vorgängige Konsultation bei Fachärzten|innen für Psychiatrie und Psychotherapie. Chronifizierungen können dadurch verhindert und Langzeittherapien reduziert werden (Bundesamt für Gesundheit BAG, 2019b).

Vorgesehene Änderungen für Psychologen|innen

Die aktuellen Anforderungen an psychologische Psychotherapeuten|innen zur Abrechnung ihrer Leistungen über die Grundversicherung sollen wie folgt ergänzt bzw. revidiert werden: 

  • Neu wird verlangt, dass zusätzlich zum Psychotherapietitel ein weiteres Jahr klinische Erfahrung in einer psychotherapeutisch-psychiatrischen Einrichtung nach dem Erwerb des Psychotherapietitels zu leisten ist. Die Einrichtung muss über eine Anerkennung des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) der Kategorie A oder B verfügen. 
  • Leistungen von Psychotherapeuten|innen in Weiterbildung sollen neu nicht mehr über die Grundversicherung abgerechnet werden können. Dies bedeutet für Psychologen|innen in Weiterbildung, dass sie während der Weiterbildung keine Praxiserfahrungen in einer Privatpraxis mehr machen können.
  • Die Psychotherapien müssen von Ärzten|innen angeordnet werden, die der erweiterten Grundversorgung angehören. Das sind Fachärzte|innen in Allgemeiner Innerer Medizin (Hausärzte|innen), Neurologie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendmedizin sowie Ärzte|innen der psychosomatischen und psychosozialen Medizin.
  • Pro ärztliche Anordnung sollen maximal 30 Therapiesitzungen zugelassen werden. Für weitere Sitzungen ist eine Kostengutsprache durch den Versicherer erforderlich. In Krisensituationen können Leistungen bis zu zehn Sitzungen von allen Ärzten|innen angeordnet werden.
  • Die Tarife werden von den Tarifpartnern ausgehandelt (Berufsverbände der Psychologen|innen, Krankenkassen etc.) und müssen vom Bundesrat genehmigt werden. Der Bundesrat wird, wenn nötig, einen ersten Tarif verordnen, damit beim Inkrafttreten des Anordnungsmodells nicht im tariflosen Zustand gestartet wird. 

Die Kostenregelung des heutigen Delegationsmodells wird ab Gültigkeit der neuen Verordnung hinfällig. Ab dem Zeitpunkt der Einführung des Anordnungsmodells soll es noch eine Übergangszeit von zwölf Monaten geben, während der Leistungen der delegierten Psychotherapie abgerechnet werden können (Bundesamt für Gesundheit BAG, 2019a).

Erschwerte Bedingungen bei Psychotherapieweiterbildungen

Negative Auswirkungen hätte die Einführung des Anordnungsmodells in der vorgesehenen Form für Psychologen|innen, die jetzt oder in den nächsten Jahren eine Psychotherapieweiterbildung starten. In Zuge ihrer Therapieweiterbildung müssen sie praktische Erfahrungen sammeln, jedoch wird sich die Zahl der zur Verfügung stehenden Praxisplätze durch den Wegfall der Plätze der delegierten Psychotherapie verringern. Das neu für eine private Tätigkeit geforderte zusätzliche Praxisjahr in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Institution wird den Engpass bei der klinischen Weiterbildungspraxis zudem verstärken. Für die psychologischen Psychotherapeuten|innen, die bei der Einführung des Anordnungsmodells ihre Weiterbildung bereits abgeschlossen und eine kantonale Praxisbewilligung (Berufsausübungsbewilligung) haben, wird sich dagegen nichts ändern (Bundesamt für Gesundheit BAG, 2019a).

Fazit

Die vom Bund vorgeschlagenen Änderungen sind noch nicht definitiv. Aufgrund der Vernehmlassung, die bis zum 17. Oktober 2019 dauert, sind noch Anpassungen am Verordnungsentwurf möglich. Voraussichtlich wird der Bundesrat im nächsten Jahr eine leicht revidierte Version verabschieden, die im Jahr 2021 in Kraft treten sollte.

Klar erkennbar ist die Absicht des Bundes, die psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz zu verbessern, indem der Zugang zur Psychotherapie erleichtert wird; sowohl ärztliche als auch psychologische Psychotherapieleistungen sollen direkt von den Leistungserbringern über die Grundversicherung abgerechnet werden können. Gleichzeitig soll eine mit dem Übergang zum Anordnungsmodell unkontrollierte Mengenausweitung der angeordneten Psychotherapien und damit Kostensteigerungen in der Grundversicherung durch die zusätzlichen Anforderungen (weiteres Praxisjahr, keine Abrechnung von Leistungen durch Psychotherapeutinnen in Weiterbildung) verhindert werden.

Im Rahmen der Vernehmlassung wird sich der ZüPP zusammen mit der FSP, inklusive anderen psychologischen Berufsverbänden, dafür einsetzen, dass die psychologischen Psychotherapeuten|innen, insbesondere jene in Weiterbildung, bei der Zulassung zur Grundversicherung gegenüber ihren ärztlichen Kollegen|innen nicht unfair benachteiligt werden. Die FSP und deren Gliedverbände werden auch in den nächsten Jahren weiter gefordert sein und benötigen Unterstützung durch neue Mitglieder.


Zum Weiterlesen

Bundesamt für Gesundheit BAG. (2019a). Änderung der Verordnung vom 27. Juni 1995 über die Krankenversicherung (KVV; SR 832.102) und der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV; SR 832.112.31) betreffend Neuregelung der psychologischen Psychotherapie im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) und Anpassung der Zulassungsvoraussetzungen der Hebammen sowie der Personen, die auf ärztliche Anordnung hin Leistungen erbringenBern. Retrieved August 09, 2019, from, https://www.admin.ch/ch/d/gg/pc/documents/3067/KVV_KLV_Erl.-Bericht_de.pdf

Bundesamt für Gesundheit BAG. (2019b). Der Bundesrat will den Zugang zur Psychotherapie verbessern. Bern. Retrieved August 09, 2019, from,
https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-75583.html

Föderation Schweizer Psycholginnen und Psychologen FSP. (2019). Medienmitteilung: Ein Meilenstein für die psychotherapeutische Versorgung ist in Griffweite. Bern. Retrieved August 09, 2019, from, https://www.psychologie.ch/medienmitteilung-ein-meilenstein-fuer-die-psychotherapeutische-versorgung-ist-griffweite-0

Gestalttherapie

Im Interview mit Jan Nussbaumer

Es gibt verschiedene Therapieausbildungen. Eine davon ist die Gestalttherapie, welche zu Beginn der 1950er Jahre von Laura und Fritz Perls in Zusammenarbeit mit Paul Goodmann begründet wurde. Was macht sie besonders? Wie ist das klinische Arbeiten als Therapeut|in? Jan Nussbaumer im Gespräch zu den Hintergründen und Alltäglichkeiten eines Gestalttherapeuten in der Weiterbildung.

Von Lisa Makowski
Lektoriert von Laurina Stählin und Loana Brestel

LM: Wo und was hast du studiert?

JN: Ich habe an der Universität Zürich Psychologie studiert. Als ich mit dem Masterstudium begann, fand gerade die Bologna-Reform statt und so die Umstellung des Masterprogramms für Psychologie. Vor der Reform hatte ich meinen Fokus mehrheitlich auf die Sozial- und Wirtschaftspsychologie gelegt. Dann machte ich meinen Zivildienst an der Universitären Psychiatrischen Klinik (UPK) in Basel und nach dieser Erfahrung war für mich klar, dass ich in die Richtung der klinischen Psychologie gehen möchte. Danach wählte ich Seminare aus dem klinischen und dem sozialpsychologischen Bereich. Die Forschungsseminare waren eher aus dem sozialpsychologischen, die praxisorientierten Seminare aus dem klinischen Bereich.

Was machst du jetzt?

Seit dieser Woche bin ich offiziell als Psychologe, nicht mehr als Assistenzpsychologe bzw. PG* angestellt. Ich arbeite also als klinisch tätiger Psychologe in der Psychiatrie auf einer Psychotherapiestation mit den Schwerpunkten Angststörungen und Depression.

Wolltest du schon immer Therapeut werden?

Ganz ehrlich, ich konnte mir die klinische Arbeit bis zum Beginn meines Masterstudiums nicht vorstellen. Ich dachte immer, dass mich die Arbeit zu sehr mitnehmen würde. Ich wollte aber ein klinisches Praktikum machen, um die Zukunft als Therapeut ausschliessen zu können. Es ist jedoch sehr schwierig, ein klinisches Praktikum zu bekommen, da es sehr viel Motivation und Engagement braucht. Durch den Zivildienst bekam ich dennoch die Möglichkeit, in der Psychodiagnostik der UPK Basel zu arbeiten. Dort arbeitete ich mit Patienten|innen und führte mit ihnen SCID-Interviews*, Konzentrationstests sowie Anamnese-Gespräche durch. Dabei merkte ich, dass mir die Arbeit sehr viel Spass macht. Es ist interessant, ihre Geschichten zu hören und wie sie damit umgehen. Das nahm mir dann auch die Angst und ich wusste, dass ich das weitermachen möchte.

Welche Weiterbildung machst du?

Ich mache die Weiterbildung in Klinischer Gestalttherapie beim Institut für integrative Gestalttherapie Schweiz (IGW).

Was macht Gestalttherapie besonders?

Gestalttherapie basiert auf einem humanistischen und ganzheitlichen Ansatz, welcher stark erfahrungsbasiert ist. Die Therapie fokussiert auf das Geschehen zwischen Klient|in und Therapeut|in. Vieles was passiert, muss nicht bewertet werden, sondern darf geschehen. In der Therapie arbeitet man wahrnehmungsorientiert und hat das Ziel, im Gespräch zu lernen, wie mit der eigenen Wahrnehmung umgegangen werden kann. Dabei ist auch die Kreativität ein wichtiger Bestandteil. Das macht das Ganze sehr aufregend, aber auch herausfordernd.

Wie beobachtest du die gestalttherapeutische Arbeit in deinem Alltag? Fällt es jedem|r Patienten|in gleich leicht, sich darauf einzulassen?

In der Klinik ist die Zeit leider sehr begrenzt, da viele organisatorische Dinge auf einen zukommen, wie Anamnese, Vorgeschichte, Schreibarbeiten und Nachbehandlung. Ich versuche dennoch, möglichst gestalttherapeutisch zu arbeiten, aber es ist keine reine Gestalttherapie. Die gestalttherapeutische Arbeit ist für viele Patienten|innen zu Beginn erst ungewohnt. Daher versuche ich einzuschätzen, was im Moment stimmig ist und womit der|die Patient|in etwas anfangen kann. Ich könnte dann zum Beispiel anhand von Projektionen und Geschichten mit der Fantasie arbeiten, Dennoch ist es auch wichtig, festzuhalten, dass der Fokus der Gestalttherapie im Vergleich zur personenzentrierten Therapie mehr im Miteinander liegt. Es geht also nicht nur um den|die Klienten|in, sondern auch um die Beziehung zwischen Klient|in und Therapeut|in. Denn wie ich bin und wie ich mich verhalte, wird den Klienten|in beeinflussen. Deshalb ist das Kennenlernen seiner eigenen Person sehr wichtig. Ich muss mich kennen, damit ich mich in die Therapie einbringen kann – nicht damit ich mich herausnehmen kann. Dabei kann es auch hilfreich sein, zwischen den eigenen Mustern und denen der Patienten|innen zu unterscheiden.

Was macht Gestalttherapie dann im Kern der Theorie aus und ist es eine störungsspezifische Therapieform?

Wie bereits zuvor erwähnt, ist der Fokus der Gestalttherapie sehr stark erfahrungsbasiert. Daher ist Störungswissen nicht hauptsächlich das, was in der Weiterbildung vermittelt wird. In der Therapie selber schauen wir, in welchen Bereichen sich jemand selber blockiert und warum er oder sie nicht mit der Umwelt interagiert. Das ist die Pathologie, an der wir uns orientieren, weniger an der Diagnose. Wir versuchen also fixe Schemata und Muster zu verhindern. Es kommt mehr auf den Menschen an, weniger auf die Erkrankung. Für mich persönlich ist es jedoch wichtig, beide Aspekte zu kombinieren.

Kernpunkte zur Weiterbildung?

Die Weiterbildung geht vier Jahre. Im ersten Jahr liegt der Fokus auf der Selbsterfahrung in der Gruppe. Im zweiten Jahr ist der Fokus stärker auf das Üben der eigenen therapeutischen Tätigkeit in kleinen Gruppen (jemand ist Therapeut|in; jemand Klient|in und man bringt eigene Themen ein; und jemand beobachtet das Ganze). Durch die Arbeit an eigenen Themen ist das Ganze gleichzeitig eine Selbsterfahrung. Nach dem Üben geben wir uns gegenseitig Feedback, was einem helfen kann, sich weiterzuentwickeln. Denn in der Arbeit mit Patienten|innen ist unmittelbares Feedback eher selten. Der Fokus im dritten und vierten Jahr liegt auf der Gruppensupervision. Man bringt Videos aus eigenen Gesprächen mit Patienten|innen mit und bespricht diese zusammen. Alles in allem basiert die Weiterbildung auf Erlebnis und Erfahrung, sowie auf dem Arbeiten und gemeinsamen Reflektieren in der Gruppe. Ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung ist es, dass man sich selber kennenlernt, lernt wie man sich in die Therapie einbringt und sich weiterentwickelt. Ein Ziel besteht darin, seinen|ihren Stil als Therapeut|in zu finden. Daher ist das eigene Kennenlernen sehr zentral, sonst wird die Therapie schwierig.

Was ist das Zentralste an der Gestalttherapie?

Der Fokus liegt auf dem Hier und Jetzt. Das ist vielleicht das Zentralste an der Gestalttherapie. Fritz Perls sagte, dass man die Gestalttherapie auch als Hier- und Jetzt-Therapie bezeichnen könnte. Man bleibt im Moment und springt nicht in die Zukunft. So vereinfacht die aktuelle Achtsamkeitswelle den Zugang zur Gestalttherapie. Früher war Gestalttherapie für Aussenstehende eher seltsam, weil Yoga und Übungen, die mit Achtsamkeit zu tun haben, weniger bekannt waren. Heute liegen diese Dinge im Trend und daher wird Gestalttherapie mittlerweile auch besser verstanden.

Was ist das Hier und Jetzt? Wie wird damit gearbeitet?

Was erlebst du jetzt gerade? Wie erlebst du dieses Gespräch? Was nimmst du sonst noch wahr? Was weckt dein Interesse und wann schweifst du ab, wenn ich rede? Wie geht es dir jetzt? Spannst du dich an, wie ist deine Körperhaltung dabei? Wie fühlt sich das an? Im Hier und Jetzt können wir emotionsfokussierend arbeiten. Wenn es um Emotionen geht, geht es auch um den Körper, folglich, was fühlst du, was spürst du. Wo merkst du die Emotionen, wie z. B. ein Kribbeln oder Drücken in der Brust, wie fühlt sich das für dich an? Verändert sich das, wenn du den Fokus darauflegst? Wenn man sich darauf einlässt, dann ändert sich meist dieses Gefühl. Gendlin beschrieb dies sehr eindrücklich im focusing. Man spürt z. B. einen Stein im Magen. Wir können als Therapeuten dann fragen, was dieser Stein einem sagen würde, wenn er reden könnte. Man kann dann weiter dranbleiben, indem man die körperlichen Gefühle weiter erfragt. Es ist also möglich, mit Dialogen zu arbeiten.

Der Begriff Achtsamkeit ist also sehr zentral, lernt ihr auch Trainings in Bezug darauf?

Ja, lernen wir. In der Weiterbildung machen wir zu Beginn immer eine Meditationsübung in der Gruppe. Nachher, in der klinischen Arbeit, kommt es immer auf die eigenen Präferenzen an, ob und wie man dies einsetzen möchte. Es gibt z. B. Personen, die sich selber schwer wahrnehmen, dann würde ich so eine Übung machen bzw. es versuchen. Ich achte im Gespräch aber immer auch auf mich selber und was bei mir passiert. Ich beobachte das Gegenüber sehr genau und wie sich z. B. die Atmung und Haltung beim Erzählen verändert. Verändert sich etwas, frage ich oft, was gerade passiert oder wo der|die Klient|in mit seinen|ihren Gedanken ist. Der Zusammenhang eines innerlichen Absackens und einer wahrnehmbaren Reaktion fördert das Bewusstsein, macht dieses zugänglicher. Man kann aber auch mit Körperhaltungen experimentieren und schauen, wie die Person das wahrnimmt.

Der Körper spielt neben den Emotionen also eine wichtige Rolle, ist das auch ein Fokus der Gestalttherapie?

Ja, in der Gestalttherapie finde ich die Körperorientierung sehr interessant. Die Arbeit mit dem Körper kommt dabei aus den 20er Jahren aus Deutschland und steht in der Tradition von Elsa Gindler. Sie hat damals Gymnastik unterrichtet und entwickelte ihren eignen Ansatz. Laura Perls arbeitete mit Gindler und brachte diesen Einfluss in die Gestalttherapie ein. Heute wird diese Arbeit unter dem Namen sensory awareness weitergeführt. Das ist sehr basal. Es geht um die physikalischen Gegebenheiten und wie man mit diesen leben kann. Wichtig dabei sind Schwerkraft und Boden. Wir können diese nie umgehen, sind uns dessen aber auch nicht immer bewusst. Daher kann man sich einfach einmal fragen, was es heisst, mit der Schwerkraft zu leben. Es geht dabei auch darum, die Sinne zu schärfen.

Inwiefern die Sinne schärfen?

«Lose your mind and come to your senses.» Meine Ausbildner sprechen eher von «keep your mind and come to your senses». Was erlebst du, was ist erfahrbar mit all deinen Sinnen? Das ist das, was wir auch in der Therapie zu fördern versuchen. Die dritte Welle der Verhaltenstherapie greift dabei oft Aspekte auf, welche in der Gestalttherapie einen wichtigen Stellenwert haben. So basiert beispielsweise die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) nach Greenberg zu grossen Teilen auf der Gestalttherapie. Im Gegensatz zur Verhaltenstherapie, wird in der Gestalttherapie das manualbasierte Vorgehen jedoch abgelehnt – oder zumindest sehr kritisch gesehen. Deshalb ist die Gestalttherapie so besonders, weil man vier Jahre lang lernt, seine Sinne zu schärfen und alle Bereiche kreativ einzusetzen.

Ein paar letzte Worte…

Im Studium habe ich gelernt, wie man psychologische Forschung betreibt. Was sind untersuchbare Variablen und wie kann man diese beobachten und operationalisieren? Die Universität Zürich ist sehr forschungsorientiert. Dadurch bekommen wir ein gutes Bewusstsein für die Forschung vermittelt. Die Quintessenz aus dem Ganzen ist, dass wir ein enormes Verständnis dafür haben, wie der Mensch funktioniert. Was kann man untersuchen und was ist messbar. Diese Art des Denkens ist bei uns Psychologen|innen nach dem Studium sehr stark ausgeprägt und kann einem im klinischen Alltag sehr helfen. Wir bekommen ein differenziertes Wissen, wie wir funktionieren. Wir kommen aus dem Studium, sind vielseitig ausgebildet und haben gerade deshalb ein grosses Verständnis für die Menschen, denen wir in der Arbeit begegnen. Wir wissen also sehr viel. Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir Psychologen|innen mit mehr Selbstbewusstsein aus dem Studium kommen. Ich möchte also allen Mut machen, dieses implizite Wissen mit etwas mehr Selbstbewusstsein zu tragen.

«Lose your mind and come to your senses.» Fritz Perls

PG steht für Postgraduiertenstelle in der klinischen Psychologie (Standards und Richtlinien unter http://svkp-aspc.ch/de/).

SKIC steht für das SCID-5-CV, das Strukturierte Klinische Interview für DSM-5 Störungen – Klinische Version (Beesdo-Baum, Zaudig, & Wittchen, 2019).


Zum Weiterlesen

Perls, F. (1973). The gestalt approach & eye witness to therapy. Palo Alto, CA: Science and Behavior Books.

Schweizer Verein für Gestalttherapie und Integrative Therapie (SVG). (2019). Retrieved from https://www.gestalttherapie.ch

Schweizerische Vereinigung Klinischer Psychologinnen und Psychologen (SVKP/ASPC). (2019). Retrieved from http://www.svkp-aspc.ch/

Literatur

Beesdo-Baum, K., Zaudig, M., & Wittchen, H.-U. (Hrsg.). (2019). SCID-5-CV: Strukturiertes Klinisches Interview für DSM-5-Störungen – Klinische Version. Göttingen, Deutschland: Hogrefe Verlag.