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Beiträge aus der Kategorie ‘Forschung’

Menschlische Lügenerkennung

Existieren sogenannte Wizards of Deception Detection tatsächlich?

Jede*r Einzelne von uns hat schon einmal gelogen. Die meisten von uns können jedoch kaum erkennen, wenn wir getäuscht werden. Es wird aber diskutiert, ob es nicht doch eine kleine Gruppe von aussergewöhnlichen Menschen gibt, die es vermögen, Täuschungen verblüffend genau zu entdecken.

Von Tugce Aras
Lektoriert von Selina Landolt und Laura Trinkler
Illustriert von Svenja Rangosch

Lügen sind ein Bestandteil des alltäglichen Lebens, wobei Menschen unter anderem lügen, um einer Peinlichkeit zu entgehen oder um einen guten Eindruck bei anderen zu hinterlassen (DePaulo, 1992). Gemäss einer Forschungsgruppe erzählen Menschen in jeder dritten bis fünften sozialen Interaktion eine Lüge. Bei 25 Prozent aller Lügen ist der Grund des Lügens, dass Gefühle des Gegenübers geschützt werden wollen (DePaulo, Kashy, Kirkendol, Wyer, & Epstein, 1996). Dies verdeutlicht, dass sie nicht nur gebraucht werden, um eine Distanz zu den Mitmenschen zu schaffen, sondern auch, um geliebte Menschen vor Sorgen oder Verlegenheit zu schützen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Lügen auch als soziale Fähigkeit (DePaulo & Jordan, 1982) oder gar als ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung eines jeden Menschen (DeVilliers & DeVilliers, 1978) betrachtet wird.

Trotz dieser Allgegenwärtigkeit von Lügen fällt die durchschnittliche menschliche Lügenentdeckungsleistung eher gering aus. Forscher*innen berichten von einer Erkennungsleistung von gerade mal 54 Prozent, was nur knapp besser als der Zufall ist (Bond & Uysal, 2007). Das Interessante dabei ist besonders die Verteilung von korrekt identifizierten Lügen und Wahrheiten. Es werden nämlich nur 47 Prozent der Lügen korrekt als solche erkannt, wobei 61 Prozent der Wahrheiten auch als wahr eingestuft werden. Diese Tendenz von Menschen, Lügen eher als Wahrheiten einzustufen als Wahrheiten als Lügen, wird auch «Truth Bias» genannt (Bond & DePaulo, 2006).

Facial Action Coding System – FACS

Aber wie erkennen Menschen nun, ob ihr Gegenüber sie anlügt oder nicht?

Eine Möglichkeit hierzu ist die systematische Analyse von Gesichtsausdrücken mittels des Facial Action Coding Systems (FACS) von Paul Ekman und Wallace V. Friesen. Das FACS ist ein umfassendes System zur Beschreibung aller Gesichtsbewegungen, das auf der menschlichen Anatomie basiert und alle visuell unterscheidbaren Bewegungen des Gesichts anhand von 44 Aktionseinheiten beschreibt. Dabei ist es wichtig, dass eine Aktionseinheit nicht immer eine einzelne Muskelaktivität beschreibt, sondern vielmehr einzelne oder mehrere Muskelaktivitäten zu einer Einheit zusammenfasst. Dies kommt daher, dass ein und derselbe Muskel unterschiedliche Regionen bewegen kann. Darüber hinaus ermöglicht das FACS auch die Kodierung der Intensität jeder Gesichtsbewegung, deren Timing sowie die Beschreibung von Gesichtsausdrücken als Events. Ein Event ist hierbei die Beschreibung eines einzelnen Gesichtsausdruckes mittels verschiedener Aktionseinheiten, wobei ein Ausdruck aus nur einer Aktionseinheit oder aus mehreren Einheiten bestehen kann (Ekman, 1997). 

«Die Lüge […] ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur.»

Immanuel Kant, 1796, S. 28

Bezüglich Lügen wird angenommen, dass das Gesicht besser zum Lügen ausgestattet ist als der Rest des Körpers, da die groben Gesichtszüge – die makro expressions – doch sehr gut kontrolliert werden können. Es wird aber auch berücksichtigt, dass es diese am ehesten preisgibt. Letzteres kommt davon, dass die Gesichtsausdrücke beim Lügen nicht vollends kontrolliert werden können, wodurch sogenannte micro expressions durchscheinen können. Diese werden von den Autoren definiert als sehr kurze und von untrainierten Personen kaum wahrnehmbare Fragmente neutralisierter oder maskierter Ausdrücke und können, wenn in Zeitlupe betrachtet, Informationen bezüglich der wahren Emotionen eines Menschen preisgeben. Klinische Expert*innen mit Training hingegen vermögen es laut den Autoren auch ohne Zeitlupe, die micro expressions zu erkennen und entsprechend zu deuten (Ekman & Friesen, 1969).

Diese Aussage zeigt auch schon das Problem mit der Lügenentdeckung bei Menschen: Der durchschnittliche Mensch vermag es nicht, solch feine Unterschiede im Gesichtsausdruck anderer zu lesen und entsprechende Schlüsse bezüglich ihrer Aufrichtigkeit zu ziehen. Wenn es also tatsächlich Expert*innen der Lügenerkennung gibt, dann könnte der Unterschied darin liegen, dass sie tatsächlich diese micro expressions erkennen können, die den meisten verborgen bleiben. Die Frage bleibt aber: Gibt es diese einzigartige Fähigkeit tatsächlich und falls ja, wie wird eine solche entwickelt?

Definition von Lügen nach Ekman

Ekman (1997) definiert Lügen nach den folgenden beiden Kriterien:

  1. Die Absicht: Der*Die Lügner*in entscheidet sich ganz bewusst dazu, sein*ihr Gegenüber zu täuschen, und hat die Wahl, es nicht zu tun.
  2. Das Unwissen des Gegenübers: Die getäuschte Person darf nicht darüber im Klaren sein, dass sie getäuscht wird.

Wizards of Deception Detection

Die Diskussion um die sogenannten Wizards of Deception Detection (dt. Zauberer der Täuschungserkennung) wurde durch eine Studie von O’Sullivan und Ekman (2004) angeregt. In dieser beschreiben die Autor*innen, wie sie unterschiedliche Berufsgruppen gefunden haben, in denen sich aussergewöhnlich viele begabte Lügenentdecker*innen befinden. Unter anderem nennen sie Agent*innen des Secret Service, die in einer ihrer früheren Studien signifikant besser als die Zufallsrate abschnitten. Etwas mehr als die Hälfte der Gruppe erreichten sogar eine Entdeckungsleistung von 70 Prozent oder höher. Dies erklären sich die Autor*innen durch die Natur der Arbeit der Agenten, welche durch die Beobachtung von Menschenmengen nonverbalen Täuschungshinweisen gegenüber stärker sensibilisiert werden. Ausserdem müssen Agent*innen des Secret Service Drohungen gegenüber Beamt*innen bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit evaluieren, wodurch sie jederzeit unvoreingenommen bleiben müssen. Dies ist auch gerade deshalb wichtig, da solche Vorkommnisse wie die eben erwähnten Drohungen doch eher selten sind (Ekman & O’Sullivan, 1991).

Im Jahr 1999 haben Ekman und O’Sullivan von drei weiteren Berufsgruppen berichtet, die überdurchschnittliche Leistungen bezüglich der Täuschungserkennung erbringen. Namentlich sind dies Gesetzeshüter*innen aus verschiedensten Behörden, Bundesrichter*innen, sowie forensische Psycholog*innen. Die Autor*innen nahmen an, dass das verbindende Merkmal zwischen all diesen Berufsgruppen ihr aussergewöhnlich hohes Interesse am Thema der Täuschungsentdeckung und ihre hohe Motivation ist, diese Fähigkeiten weiter zu verbessern. Letztlich entdeckten sie noch weitere Wizards, als sie 1’200 Psychotherapeut*innen einen ihrer Tests vorlegten, wobei etwa 10 Prozent der getesteten Therapeut*innen eine Entdeckungsleistung von 90 Prozent oder höher erbrachten (Ekman, O’Sullivan, & Frank, 1999).

In O’Sullivans und Ekmans Studie aus dem Jahr 2004 wurden den Proband*innen drei verschiedene Tests vorgelegt. Im ersten Test, dem Emotion Deception Judgement Task, wurden den Proband*innen Videosequenzen von zehn Frauen präsentiert, welche bezüglich ihres emotionalen Zustandes entweder lügen oder die Wahrheit sagen. Im zweiten Test, dem Opinion Deception Judgement Task, wurden Aufnahmen von zehn Männern genutzt, die bezüglich eines Themas, zu jenem sie nach eigenen Angaben starke Meinungen haben, entweder lügen oder wahrheitsgetreu antworten. Die Hälfte der Interviewsegmente waren von Männern, die bezüglich ihrer Meinung die Wahrheit sagten, wobei die andere Hälfte nicht ehrlich war. Der letzte Test nannte sich der Crime Deception Judgement Task, in dem zehn andere Männer erklären mussten, ob sie 50 US-Dollar gestohlen hatten. Und wieder beantwortete die Hälfte der Männer die Frage wahrheitsgetreu, während die andere Hälfte log.

«For many years we have studied individual differences among people in their ability to detect deception from demeanour. Most people do rather poorly in making such judgements.»

O’Sullivan & Ekman, 2004, p. 269

Die Auswahl der Expert*innen erfolgte wie folgt: Zunächst wurden all diejenigen auserwählt, die angaben, im Opinion Deception Judgement Task 90 Prozent oder mehr erreicht zu haben. Im nächsten Schritt mussten diese Kandidat*innen die beiden anderen Tests absolvieren, und nur diejenigen, die in beiden eine Genauigkeit von mindestens 80 Prozent erreichten, wurden als Expert*innen oder Wizards klassifiziert. In diesem Fall waren das gerade einmal 14 Personen. Nach einer Lockerung der Regeln, wodurch nur in einem der beiden letzten Tests 80 Prozent erreicht werden mussten, kamen sie schlussendlich auf insgesamt 29 Expert*innen von insgesamt 12’000 Teilnehmer*innen, was 0.24 Prozent entspricht (O’Sullivan & Ekman, 2004).

Kritik an der Studie

Am eben beschriebenen Vorgehen zur Auswahl der Expert*innen ist erstens die Tatsache problematisch, dass die Teilnehmer*innen per Handzeichen angaben, wie viele richtige Antworten sie hatten. Dies ist alles andere als ideal, da gerade auch die Teilnehmer*innen bezüglich ihrer Leistung unehrlich hätten sein können.

Weiter beschreiben Bond und Uysal (2007) ausführlich, warum ihrer Meinung nach deutlich mehr Wizards hätten gefunden werden müssen. Dabei gehen sie vor allem auf methodische und statistische Gründe ein. Bezüglich der Methodik wenden sie ein, dass die Untersuchungsbedingungen in der Studie von O’Sullivan und Ekman (2004) deutlich von früheren Studien abwichen, wodurch ein Vergleich kaum möglich ist. Statistisch zu bemängeln ist, dass nicht alle 12’000 der ursprünglich in der Studie eingeschlossenen Teilnehmer*innen auch alle drei Tests absolviert haben und auch die Anzahl derer, die das getan haben, ist nicht bekannt. Bond und Uysal (2007) zeigen anhand von eigenen Berechnungen auf, dass die von den Ursprungsautor*innen berichtete Anzahl der gefundenen Expert*innen deutlich tiefer ist, als es zu erwarten wäre.

Abschliessend wäre es denkbar, dass gewisse Menschen aufgrund ihrer Erfahrung und durch Training die Fähigkeit haben, Täuschungen deutlich besser als die Durchschnittsperson zu durchschauen. Es ist jedoch nicht hinreichend geklärt, ob sogenannte Wizards tatsächlich existieren oder was sie genau ausmacht, da die Untersuchungen dazu einige Mängel aufweisen, die es noch zu beheben gilt. Es ist also vorstellbar, dass diese Expert*innen gar nicht solch eine Rarität sind, wie es die Untersucher*innen darstellen. Wer weiss, vielleicht steckt ja auch in Ihnen ein Genie der Täuschungserkennung.


Zum Weiterlesen

O’Sullivan, M., & Ekman, P. (2004). The wizards of deception detection. In P. A. Granhag, & L. A. Strömwall (Eds.), The detection of deception in forensic contexts, (pp. 269-286). New York: Cambridge University Press.

DePaulo, B. M. (2018). Wie und warum wir lügen. Babelcube Inc.

Literatur

Bond Jr, C. F., & DePaulo, B. M. (2006). Accuracy of deception judgments. Journal of Personality and Social Psychology Review, 10(3), 214-234. https://doi.org/10.1207/s15327957pspr1003_2

Bond Jr, C. F., & Uysal, A. (2007). On lie detection «wizards.». Law and Human Behavior31(1), 109-115. https://doi.org/10.1007/s10979-006-9016-1

De Villiers, J. G., & DeVilliers, P. A. (1978). Language acquisition. Cambridge: Harvard University Press.

DePaulo, B. M. (1992). Nonverbal behavior and self-presentation. Psychological Bulletin111(2), 203-243. https://doi.org/10.1037/0033-2909.111.2.203

DePaulo, B. M., & Jordan, A. (1982). Age changes in deceiving and detecting deceit. In Development of nonverbal behavior in children (pp. 151-180). New York: Springer.

DePaulo, B. M., Kashy, D. A., Kirkendol, S. E., Wyer, M. M., & Epstein, J. A. (1996). Lying in everyday life. Journal of Personality and Social Psychology70(5), 979-995. https://doi.org/10.1037/0022-3514.70.5.979

Ekman, P. (1997). Lying and deception. In N. L. Stein, P. A. Ornstein, B. Tversky, & C. J. Brainerd (Eds.), Memory for everyday and emotional events, (pp. 333-347). New Jersey: Psychology Press.

Ekman, P., & Friesen, W. V. (1969). Nonverbal leakage and clues to deception. Psychiatry32(1), 88-106. https://doi.org/10.1080/00332747.1969.11023575

Ekman, P., & O’Sullivan, M. (1991). Who can catch a liar? American Psychologist46(9), 913.

Ekman, P., O’Sullivan, M., & Frank, M. G. (1999). A few can catch a liar. Psychological Science10(3), 263-266.

Ekman, P. (1997). What the face reveals: Basic and applied studies of spontaneous expression using the Facial Action Coding System (FACS). Oxford University Press

Kant, I. (1798). Verkündigung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie. (Retrieved from https://books.google.ch/books)

O’Sullivan, M., & Ekman, P. (2004). The wizards of deception detection. In P. A. Granhag, & L. A. Strömwall (Eds.), The detection of deception in forensic contexts, (pp. 269-286). New York: Cambridge University Press.

Schlaganfall

Lassen wir die Musik an

Ein Schlaganfall beeinträchtigt das Leben. Er führt zu Veränderungen nicht nur im Leben der Betroffenen, sondern auch im Leben der Angehörigen. Was steckt hinter einem Schlaganfall und wie kann Musik dabei helfen? 

Von Lisa Makowski
Lektoriert von Jennifer Lienhart und Noémie Szenogrady
Illustriert von Priska Cavegn

In der Schweiz kommt es jährlich zu rund 16’000 Schlaganfällen. Diese zählen in den westlichen Ländern zu einer der häufigsten Todesursachen (Baylan, Swann-Price, Peryer, & Quinn, 2016; Swissneuro, 2019). Ein Hirnschlag trifft nicht nur den Patienten selber, sondern auch sein Umfeld unmittelbar und stark. Die meisten Patienten erleiden Lähmungen und sind künftig auf Pflege angewiesen und das zu Beginn meist Tag und Nacht (Meschia et al., 2014). Die Kosten für das Gesundheitssystem sind am Explodieren (Sihvonen et al., 2017). Neben den körperlichen Auffälligkeiten wird ein Schlaganfall aber auch von Problemen im exekutiven Bereich und im Emotionserleben begleitet (Baylan et al., 2016). Wie kommt es zu einem Hirnschlag und was sind die häufigsten Formen? Kann man Gemeinsamkeiten zwischen den Patienten|innen finden? 

Ein Schlaganfall – Ursachen und Formen

Zu einem Hirnschlag bzw. Schlaganfall kommt es in den meisten Fällen durch einen plötzlichen Verschluss eines Gefässes, welches das Gehirn versorgt (Meschia et al., 2014; Baylan et al., 2016). In der Folge sind Teile des Gehirns unterversorgt und stehen still. Je nachdem welche Areale betroffen sind und wie schnell die Behandlung eingeleitet wurde, kann es zu grösseren oder auch kleineren Einschränkungen kommen. Oftmals aber führt der Schlaganfall zu einer halbseitigen Lähmung, die im medizinischen Kontext Hemiparese genannt wird (Sihvonen et al., 2017). Zudem kann es auch zu Störungen des Gefühlserlebens und anderer Funktionen wie Sprache und Ausdruck kommen (Meschia et al., 2014). Man kann den Schlaganfall auch mit einem Herzinfarkt vergleichen, welcher im Gehirn stattfindet. Aber was sind mögliche Ursachen und ab wann steigt das Risiko eines Schlaganfalles? 

Das Risiko für einen Schlaganfall steigt zunächst mit dem Alter. Daneben spielt aber auch der Lebensstil eine entscheidende Rolle. Personen, die einen inaktiveren Lebensstil pflegen, weisen ein höheres Risiko für einen Schlaganfall auf (Meschia et al., 2014). Es wird sogar empfohlen, dass Erwachsene drei bis vier Mal pro Woche für mindestens vierzig Minuten körperlich aktiv sind, um das Risiko zu minimieren (Lee, Folsom, & Blair, 1996). Neben der Bewegung ist die Ernährung ein wichtiger Faktor für die Prävention, insbesondere die Aufnahme von Obst und Gemüse kann das Schlaganfallrisiko weiter senken, wie Joshipura und Kollegen (1999) zeigen konnten. Weitere Risikofaktoren für einen Schlaganfall sind Rauchen, Übergewicht, Diabetes, ein hoher Blutdruck und übermässiger Alkoholkonsum (Meschia et al., 2104). Aber auch Migräne und Migräneattacken können zu einer ungünstigen Disposition führen, dies ist aber noch nicht ausreichend erforscht.

Man kann drei Formen des Schlaganfalls unterscheiden. Zum einen kann es zu einem ischämischen Schlaganfall kommen. Das ist die häufigste Form des Schlaganfalles, bei der es zu einem Verschluss eines Blutgefässes im Gehirn kommt (Lackland & Weber, 2015). Eine weitere Form ist der hämorrhagische Schlaganfall (Baylan et al., 2016). Ein solcher Schlaganfall passiert, wenn es zu einer Erweiterung des Blutgefässes kommt und es dann bricht (Baylan et al., 2016; Stroke Association, 2019). Hierbei kann zum Beispiel ein erhöhter Blutdruck eine Rolle spielen. Die dritte Möglichkeit ist eine transiente ischämische Attacke. Diese wird auch als kleiner Schlaganfall bezeichnet, weil diese nur aufgrund einer Verstopfung im Blutkreis im Gehirn passiert (Stroke Association, 2019). Die Schäden sind oftmals nicht so schwerwiegend wie bei den anderen zwei Formen, dennoch sollte man auch hier darauf achten, das Ganze nicht allzu sehr zu unterschätzen (Stroke Association, 2019). Denn mit jedem Schlaganfall wächst das Risiko, einen neuen Schlaganfall zu erleben (Baylan et al., 2016). Insbesondere bei einem ischämischen und transient ischämischen Schlaganfall steigt zudem das Risiko für kardiovaskuläre Probleme an (Brown, Lisabeth, Roychoudhury, Ye, & Morgenstern, 2005). Wie kann man helfen, welche Therapiemöglichkeiten bestehen? Was hat Musik damit zu tun? 

«Es gibt keine andere Krankheit, die uns so sehr aus dem Leben reißen und nachhaltig verändern kann wie ein Schlaganfall. Fortan mit Lähmungen oder einer Sprachstörung zu leben, ist dabei schlimm genug. Was für sie als Patient aber zählt, sind Wohlbefinden und Gesundheit, also die Verbesserung bestehender Beschwerden nach einem Schlaganfall und die Verhütung künftiger Komplikationen, die Lebensverlängerung und die Steigerung der Lebensqualität.» Dr. Berndt Rieger, 2013

Therapiemöglichkeit – lassen wir die Musik an

Die Akuttherapie, zu der es unmittelbar nach dem Schlaganfall kommt, beginnt medikamentös (Baylan et al., 2016). Im weiteren Verlauf stellt sich jedoch die Frage, ob sich eine Regeneration betroffener Areale nicht auch mit psychologischen Therapien und Mitteln fördern lässt (Sihvonen et al., 2017). Es fanden bereits Verhaltenstherapien Anwendung, jedoch ist über deren Effektivität in diesem Zusammenhang nicht viel bekannt (Baylan et al., 2016). Ein anderer Ansatz stellt die Musiktherapie dar. Musiktherapie zeigt bereits bei psychischen Erkrankungen grosse Erfolge (Sihvonen et al., 2017). Musik kann uns bewegen und uns erinnern lassen. So wird bereits mit Demenzpatienten|innen erfolgreich mit Musikinterventionen gearbeitet (Sihvonen et al., 2017). Wieso dann nicht auch bei Schlaganfallpatienten? 

Es zeigte sich zudem, dass bereits das passive Hören von Musik zu Veränderungen im Gehirn führen kann. Es kann zu Veränderungen im limbischen und paralimbischen System kommen (Baylan et al., 2016). Zu diesem System gehören die Amygdala, der Hippokampus und der Nucleus accumbens (Sihvonen et al., 2017). Drei Bereiche, die zum Emotionssystem des Menschen gehören. Nach einem Schlaganfall sind Stimmungsschwankungen häufig. Man möchte durch die Musik versuchen, Neuroplastizität zu schaffen und so die beschädigten Bereiche zu reduzieren (Baylan et al., 2016). Aber wie läuft so etwas ab? Kann es funktionieren? 

Baylan und Kollegen (2016) konnten in ihrer Review bereits einige Studien untersuchen, die mehrheitlich positive Einflüsse von Musik auf die Auswirkungen des Schlaganfalls zeigen konnten, insbesondere auf die Stimmung und die Kognition. Sie berichten von der Studie von Singh, Chakraborty, Jha, Haider und Chandra (2013), welche insbesondere kognitive Verbesserungen durch das Musikhören zeigten. Sie benutzten dabei eine Musiktherapie, die RAGA Therapie heisst und aus Indien stammt (Sanivarapu, 2015). Dabei werden indische Musikrhythmen verwendet. Diese Rhythmen verändern sich immer mehr im Verlaufe des Liedes und haben besondere Einflüsse auf Körper und Geist (Sanivarapu, 2015). Diese Form der Therapie zeigte bisher auch positive Effekte in der Behandlung von Depressionen (Singh et al., 2013). Eine andere grosse Studie von Särkämo und Kollegen (2008) zeigte zudem, dass es durch Musikinterventionen zu einer Verbesserung im verbalen Gedächtnis und in aufmerksamkeitsbezogenen Bereichen kam. Bei ihnen durften die Patienten sich selber Musikstücke und Hörbücher aussuchen, welche sie während zwei Monaten täglich hörten (Särkämo et al., 2008). Aber warum bewirkt gerade Musik diese günstigen Einflüsse und mit welchen Musiktherapien kann man arbeiten? 

Musiktherapien können einen Einfluss auf Motorperformanz, Sprache und die Kognition haben (Sihvonen et al., 2017). Zudem kann Musik auch psychologische und neurobiologische Effekte aufweisen. Musik kann sich auf das Emotionserleben, das Lernen oder die Affektregulation auswirken (Sihvonen et al., 2017). In drei Studien, die von Sihvonen und Kollegen (2017) in ihrer Review beschrieben werden, durften die Teilnehmer|innen wie auch in der Studie von Särkämo und Kollegen (2008) ihre eigene Lieblingsmusik auswählen. Diese lief während der Trainings mit. Andere Studien verwendeten Kinderlieder und Lieder aus dem Folk-Musik-Bereich. Wiederum andere arbeiteten mit einer ausgebildeten Therapeutin, die die Musiktherapie mit den Teilnehmer|innen durchführte (Baylan et al., 2016). 

Da die meisten Schlaganfälle mit einer Hemiparese, also einer komplett halbseitigen Lähmung verbunden sind, sind insbesondere auch motorische Übungen wichtig. So ist es eine Möglichkeit, während dem Laufttraining mit Musik zu arbeiten (Altenmüller, Marco-Pallares, Münte, & Schneider, 2009; Schneider, Schönle, Altenmüller, & Münte, 2007; Tong et al., 2015). Dabei wird die Musik auf den Schritt des Patienten, der Patientin rhythmisiert (Altenmüller et al., 2009; Cha, Kim, Hwang, & Chung, 2014; Schneider et al., 2007; Tong et al., 2015). Andere Studien zeigten mit ähnlichen Interventionen bereits nach drei bis sechs Wochen erste Verbesserungen (Thaut, McIntosh, & Rice, 1997; Thaut et al., 2007; Schauer & Mauritz, 2003). In der Studie von Magee, Clark, Tamplin und Brandt (2017) wurde ebenfalls mit rhythmischer Musik gearbeitet, deren Rhythmus synchronisiert zur Bewegung verlief. Die synchronisierte Musik wurde mit den Patienten|innen zusammen mit einem Musiktherapeuten angehört und bildete die Grundlage für die therapeutische Arbeit. Das Arm- und Lauftraining in Verbindung mit der Musik führte zu Verbesserungen im Arm- und Knöchelbereich (Magee et al., 2017). Die Ergebnisse waren sogar noch besser, als wenn kein|e Musiktherapeut|in die Intervention durchführte (Sihvonen et al., 2017). Insbesondere was motorische Bewegungen und Schwierigkeiten angeht, scheint Musik ein Schlüssel zu sein. 

«Die Musik hat eine wunderbare Kraft, in einer unbestimmten Art und Weise die starken Gemütserregungen in uns wieder wach zu rufen, welche vor längst vergangenen Zeiten gefühlt wurden.» Charles Darwin, 1809-1882

Jedoch auch bei Patienten|innenmit Aphasie konnten Musiktherapien bereits Erfolge zeigen (Sihvonen et al., 2017). Aphasie trifft ca. 30% aller Schlaganfallpatienten und führt zu Sprachbeeinträchtigungen (Stroke Association, 2016). Diese beeinflusst die Sprache und das Leben im Alltag erheblich, da die Betroffenen Schwierigkeiten haben, Sprache zu verstehen und die richtigen Worte zu finden (Albert, Sparks, & Helms, 1973). In einer Studie wandte man eine auf Singen basierte Sprachtherapie an. Das neue musikalische Sprechen half den Patienten|innen, sich im Alltag wieder verständigen zu können. Zudem half es ihnen auch, sich Namen wieder besser merken zu können und flüssiger im Sprachgebrauch zu werden (Albert et al., 1973). 

Kommt es zu emotionalen oder kognitiven Beeinträchtigungen durch einen Schlaganfall, kann auch Musik angewandt werden. In diesem Fall arbeitet man mit den eigenen Lieblingsliedern der Patienten|innen (Sihvonen et al., 2017). Man konnte so, wenn die Patienten|innen ca. eine Stunde pro Tage ihre Lieblingsmusik hörten, nach zwei Monaten bereits Verbesserungen im kognitiven und emotionalen Bereich feststellen (Sihvonen et al., 2017). Nicht nur kann Musik zu Verbesserungen der beschädigten Bereiche im eigenen Körper führen, sondern kann durch sie auch das Wohlbefinden gesteigert werden (Sihvonen et al., 2017). Man könnte sagen: Musik kann bewegen, sie kann aber auch wiederbeleben. 

Wir unterscheiden:

  • Musikbasierte Intervention
  • Musik-Therapie
  • Musik Medizin
  • Rhythmische auditorische Stimulation 
  • Musik-unterstützte Therapie
  • Melodische Intonation Therapie 

Adaptiert aus Sihvonen et al. (2017) 


Zum Weiterlesen

Baylan, S., Swann-Price, R., Peryer, G., & Quinn, T. (2016). The effects of music listening intervention on cognition and mood post-stroke: a systematic review. Expert Review of Neuortherapeutics, 16(11), 1241-1249. doi:10.1080/14737175.2016.1227241

Sihvonen, A. J., Särkämo, T., Leo, V., Tervaniemi, M., Altenmüller, E., & Soinila, S. (2017). Music-baes interventions in neurological rehabilitation. Lancet Neurology, 16(8), 649-660. doi:10.1016/S1474-4422(17)30168

Literatur

Albert, M. L., Sparks, R. W., & Helm, N. A. (1973). Melodic intonation therapy for aphasia. JAMA Neurology, 29(2), 130-131. 

Altenmüller, E., Marco-Pallares, J., Münte, T. F., & Schneider, S. (2009). Neural reorganization underlies improvement in stroke-induced motor dysfunction by music-supported therapy. Annals of the New York Academy of Sciences, 1169(1), 395-405.

Aphorismen. (2019). Zitat Charles Darwin. Abgerufen a, 14. Januar 2019 von https://www.aphorismen.de/suche?f_thema=Musik%2C+Gesang

Baylan, S., Swann-Price, R., Peryer, G., & Quinn, T. (2016). The effects of music listening intervention on cognition and mood post-stroke: a systematic review. Expert Review of Neuortherapeutics, 16(11), 1241-1249. doi:10.1080/14737175.2016.1227241

Brown, D. L., Lisabeth, L. D., Roychoudhury, C, Ye, Y., & Morgenstern, L. B. (2005). Recurrent stroke risk is higher than cardiac event risk after initial stroke/transient ischemic attack. Stroke, 36(6), 1285-1287. doi:10.1161/01.STR.0000165926.7413.e3

Cha, Y., Kim, Y., Hwang, S., & Chung, Y. (2014). Intensive gait training with rhythmic auditory stimulation in individuals with chronic hemiparetic stroke: A randomized controlled study. Neuro Rehabilitation, 35(4),681-688. doi:10.3233/NRE-141182

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Lee, C. D., Folsom, A. R., & Blair. (2003). Physical activity and stroke riks – A meta-analysis. Stroke, 34(10), 2475-2481. doi:10.1161/01.STR.000091843.02517.9D

Magee, Clark, Tamplin, & Brandt. (2017). Music interventions for acquired brain injury. Cochrance Database Systematic Reviews, 1, CD006787. doi:10.1002/14651858.CD006787

Meschia, J.F., Bushnell, C., Boden-Albala, B., Braun, L. T., Bravata, D. M., Chaturvedi, S., … Wilson, J. A. (2014). Guidlines for the primary prevention of stroke: a statement for healthcare professionals of the American Heart Association/American Stroke Association. Stroke, 45(12), 3754-17832. doi:10.1161/STR.000000000000046 

Rieger, B. (2013). Schlaganfall: Vorbeugen und ganzheitlich behandeln. München, Deutschland: Herbig Verlag. 

Sanivarapu, S. L. (2015) India’s rich musical heritage has a lot to offer to modern psychiatry. Indian Journal of Psychiatry, 57(2), 210-213. doi:10.4103/0019-5545.158201

Särkämo, T., Tervaniemi, M., Laitinen, S., Forsblom, A., Soinila, S., Mikkonen, M., … Hietanen, M. (2008). Music listening enhances cognitive recovery and mood after middle cerebral artery stroke. Brain, 131(3), 866-876. doi:10.1093/brain/awn013

Schauer, M., & Mauritz, K.H. (2003). Musical motor feedback (MMF) in walking hemiparetic stroke patients: randomized trials of improvement.Clinical Rehabilitation, 17(7),713-722. doi:10.1191/0269215503cr668oa

Schneider, S., Schönle, P.W., Altenmüller, E., & Münte, T. F. (2007). Using musical instruments to improve motor skill recovery following a stroke. Journal of Neurology, 254(10), 1339-1346. doi:10.1007/s00415-006-0523-2

Sihvonen, A. J., Särkämo, T., Leov, V., Tervaniemi, M., Altenmüller, E., & Soinila, S. (2017). Music-baes interventions in neurological rehabilitation. Lancet Neurology, 16(8), 649-660. doi:10.1016/S1474-4422(17)30168

Singh, S. B., Chakraborty, S., Jha, K. M., Haider, S., & Chandra, S. (2013). Repeated measure analysis in raga therapy: A case study on head injury patients. Research Journal of Pharmaceutical, Biological and Chemical Science, 4(1), 420-428. 

Stroke Association. (2019). Abgerufen am 14. Januar 2019 von https://www.stroke.org.uk

Swissneuro. (2019). Abgerufen am 15. Januar 2019 von https://www.swissneuro.ch/Home

Thaut, M. H., McIntosh, G. C., & Rice, R. R. (1997). Rhythmic facilitation of gait training in hemiparetic stroke rehabilitation. Journal of Neurological Science, 151(2), 207-212. 

Tong, Y., Forreider, B., Sun, X., Geng, X, Zhang, W., Du, H., Zhang, T., & Ding, Y. (2015). Music-supported therapy (MST) in improving post-stroke patients’ upper-limb motor functions radomised controlled pilot study. Neurological Research, 37(5), 434-440. doi:10.1179/1743132815Y.0000000034

Ein unsichtbarer Begleiter

Was eine HIV-Infizierung mit sich bringt

Dank wichtiger medizinischer Fortschritte ist eine Ansteckung mit dem humanen Immundefizienz-Virus (Human Immunodeficiency Virus, HIV) für die meisten Menschen in Industrieländern heutzutage kein Todesurteil mehr. Trotzdem stellt ein positives HIV-Testergebnis und ein möglicherweise damit einhergehender Ausbruch der AIDS-Krankheit eine massive Lebensveränderung dar. In Angesicht der gesundheitlichen und sozialen Beeinträchtigungen müssen die Betroffenen viele Hürden überwinden.

Von Noémie Lushaj
Lektoriert von Aurelia Heilmann und Vera Meier
Illustriert von Gianna Zorzini

In der Schweiz leben circa 20‘000 Menschen mit HIV (BAG, 2018). Weltweit sind es 36.9 Millionen Individuen, die von der Virusinfektion betroffen sind (WHO, 2017). Um diese Pandemie zu beenden, ist nicht nur zusätzliche medizinische Forschung notwendig, sondern auch eine Zunahme an Akzeptanz und Unterstützung für die Betroffenen und ein weltweit verbesserter Zugang zu einer adäquaten Gesundheitsversorgung.

Die HIV-Infizierung

Kommt eine Person in den direkten Kontakt mit HIV-infizierten Körperfluiden wie Blut, Sperma, rektal und vaginal Fluiden, sowie Muttermilch, droht eine Ansteckung mit dem Virus (CDC, 2018). Dabei sind die häufigsten Übertragungswege ungeschützter Geschlechtsverkehr und das Teilen von Nadeln und Spritzen mit Personen, die das Virus bereits in sich tragen (CDC, 2018). Andere Mechanismen der Virusweitergabe sind relativ selten.Diese inkludieren die Transmission zwischen Mutter und Kind und Verletzungen mit kontaminierten Objekten (CDC, 2018).Dass HIV durch Wasser, Luft, Speichel, Mücken, durch das Teilen von Toiletten, Essen oder Trinken übertragen wird, sind Mythen, die sich hartnäckig halten und aufgeklärt werden müssen (CDC, 2018).

Was im Körper passiert

Ist das Virus einmal in den Körper gedrungen, greift es das Immunsystem an: Die Anzahl an CD4+ T-Helfer-Lymphozyten wird reduziert (Wasmuth, 2010). Die Hauptaufgabe dieser Zellen besteht darin, Immunantworten auszulösen, sobald bestimmte Krankheitserreger im Körperinneren erkannt werden. Wird die HIV-Infektion nicht medikamentös behandelt, folgt das nächste Erkrankungsstadium: Das erworbene Immundefizienzsyndrom (Acquired Immune Deficiency Syndrome,AIDS) (Wasmuth, 2010). Da das Immunsystem in Zuge der AIDS-Erkrankung geschwächt ist, sind die Patienten|innen anfälliger für potenziell lebensbedrohliche opportunistische Krankheiten: Diese entstehen als Folge von Infektionen, die von der Schwäche des Immunsystems profitieren, um sich zu entwickeln (Wasmuth, 2010). Auch das Risiko, Krebserkrankungen zu entwickeln steigt aus demselben Grund (Wasmuth, 2010). Gezielte Behandlungen von opportunistischen Erkrankungen sowie eine Tritherapie (siehe nächster Abschnitt) können lebensrettend sein (Wasmuth, 2010).

Die Tritherapie als Rettung

Als die AIDS-Erkrankung in den 1980er Jahren erstmals ausbrach, galt ein positives HIV-Testergebnis als Todesurteil (Wang et al., 2015). Doch mit der Entwicklung der antiretroviralen Therapie (Antiretroviral Therapy, ART) im Jahr 1996 hat sich das Leben der Betroffenen radikal verändert (Wang et al., 2015). Mittels ART kann die Replikation von HIV in den CD4+ T-Helfer-Lymphozyten unterdrückt werden, was die Schwächung des Immunsystems verlangsamt (Trickey et al., 2017). Als Konsequenz ist die Lebenserwartung von Patienten|innen in Europa und Nordamerika zwischen 1996 und 2010 um zehn Jahre gestiegen (Trickey et al., 2017): Diese liegt mittlerweile nur noch circa zehn Jahre unter der Lebenserwartung gesunder Menschen. Auch ist die Lebensqualität von Patienten|innen in verschiedener Hinsicht deutlich besser geworden (Jin et al., 2014). Liegt die Infektion unter der viralen Schwelle, so ist beispielsweise das Übertragungsrisiko in serodiskordanten Partnerschaften, also in Partnerschaften, in denen nur ein|e Partner|in mit HIV infiziert ist, minimal (Loutfy et al., 2013). Auch ist es möglich, die Wahrscheinlichkeit von Mutter-Kind-Übertragungen unter ein Prozent zu senken. Dies unter der Bedingung, dass HIV-positive, schwangere Frauen entsprechend medikamentös behandelt werden, ihre Kinder durch einen Kaiserschnitt geboren werden, und die Mütter ihre Babys nicht stillen (ECS, 2005). Gegenwärtig werden 21.7 Millionen Patienten|innen, das sind 59 Prozent der global Betroffenen, medizinisch behandelt (WHO, 2017). Obwohl die gesundheitlichen Konsequenzen von AIDS heute sehr gut kontrolliert werden können und die Krankheit im Alltag somit beinahe unsichtbar ist, sind die psychosozialen Folgen nicht zu vernachlässigen.

«The prevalence of mental illnesses in HIV-infected individuals is substantially higher than in the general population. […] HIV/AIDS imposes a significant psychological burden.» WHO, 2008, S. 2

Stigma und Diskriminierung

Manche somatische und psychische Erkrankungen werden mehr stigmatisiert als andere. Dabei zählen Geschlechtskrankheiten wie AIDS zu den meist stigmatisierten Erkrankungen (Pettit, 2008). Diese Tatsache kann durch Schuldzuweisungen erklärt werden: Die Verantwortung für eine HIV-Infizierung wird den Betroffenen selbst zugeschrieben, was die Empathie ihnen gegenüber reduziert (McDonell, 1993).Überdies ist davon auszugehen, dass das Stigma eine adäquate Gesundheitsversorgung der Betroffenen verhindert, was schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben kann (Sartorius, 2007). Diskriminierungen bei der Arbeit aufgrund des HIV-Status scheinen ebenfalls weit verbreitet zu sein (Sprague, Simon, & Sprague, 2011). Um unfaire Behandlungen zu vermeiden, sollten Antidiskriminierungsmassnahmen weltweit implementiert werden, denn es gibt starke Evidenz dafür, dass diese gegen institutionelle Diskriminierung wirksam sind (Dubois-Arber & Haour-Knipe, 2001). Diskriminierungen, die von Individuen ausgehen, sind mittels solcher Massnahmen dagegen nicht so leicht aus der Welt zu schaffen (Dubois-Arber & Haour-Knipe, 2001).

Psychische Folgen – und Ursachen

HIV/AIDS und mentale Gesundheit sind eng miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig (WHO, 2008). Zum Beispiel erhöhen psychische Probleme wie Substanzabhängigkeitsstörungen das Risiko einer Infizierung mit dem Virus und erschweren die Krankheitsbehandlung (WHO, 2008). Überdies ziehen HIV/AIDS sowie die damit einhergehende Stigmatisierung und Diskriminierung psychische Folgen nach sich. In einem systematischen Review über die mentale Gesundheit von HIV-Patienten|innen in Afrika wurde gezeigt, dass etwa die Hälfte der Befragten an einer psychiatrischen Störung litten, wobei Depressionen am häufigsten waren (Brandt, 2009). Der HIV-Status konnte ebenfalls in Verbindung mit Angststörungen gebracht werden (Brandt et al., 2017). Auch kann eine HIV-Diagnose Suizidgedanken und -handlungen mit sich ziehen (WHO, 2008). Somit wird nicht nur die Ansteckungswahrscheinlichkeit durch psychische Faktoren beeinflusst, sondern HIV/AIDS kann auch gravierende Folgen für die mentale Gesundheit der Betroffenen haben und auf diesem Weg gar ihr Leben gefährden. Soziale Unterstützung, religiöses Coping oder wahrgenommener Stress beeinflussen unter anderem das psychische Wohlbefinden und die Krankheitsentwicklung der Patienten|innen und sollten bei der Krankheitsbehandlung berücksichtigt werden (Dalmida, Koenig, Holstad, & Wirani, 2013).

«Ending the AIDS epidemic will inspire broader global health and development efforts, demonstrating what can be achieved through global solidarity, evidence-based action and multisectoral partnerships.» UNAIDS, 2014, S. 1

Pandemie eliminieren: Global denken

Während die HIV-Pandemie durch die ART schon gebremst werden konnte, ist es das Endziel, die AIDS-Krankheit voll und ganz zu eliminieren. In diesem Zusammenhang verfolgt das Gemeinsame Programm der Vereinten Nationen für HIV/AIDS (Joint United Nations Programme on HIV and AIDS, UNAIDS, 2014) das ambitiöse Ziel, die HIV-Pandemie bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts eingedämmt zu haben (siehe Kästchen «90-90-90»). Der Erfolg dieser Strategie basiert auf der Qualität des Zugangs zur erforderlichen Medikation in Entwicklungsländern: In der Tat sind die Versorgungslücken in vielen Weltregionen weiterhin sehr gross (UNAIDS, 2014). Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO), das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (United Nations International Children’s Emergency Fund, UNICEF) sowie das UNAIDS arbeiten zusammen «towards universal access»: Alle Patienten|innen sollen uneingeschränkten Zugang zu medizinischen Behandlungsmöglichkeiten, sozialer Unterstützung und Präventionsprogrammen haben (WHO, 2007). Dabei wird insbesondere der Prävention grosse Bedeutung zugeschrieben (siehe Kästchen «Vorbeugen ist besser als heilen»).

Vorbeugen ist besser als heilen
Durch sogenannte safer sex practices, wie der Verwendung von Kondomen, kann das HIV-Ansteckungsrisiko deutlich vermindert werden (Davis & Weller, 1999). Für Risikogruppen, wie zum Beispiel homosexuelle Männer, Partner|innen von HIV-positiven Menschen, injizierende Drogenkonsumenten|innen, und Sexarbeiter|innen, ist die Einnahme von HIV-Präexpositionsprophylaxe (Pre-Exposure Prophylaxis, PrEP) eine mögliche Lösung: PrEP reduziert vorbeugend das Risiko einer HIV-Infizierung mittels Medikamenten (AWMF, 2018). HIV-Bildungsprogramme machen unterschiedliche Gruppen auf bestehende Angebote und auf die Wirksamkeit von Verhaltensänderungen aufmerksam (Kirby, Laris, & Rolleri, 2007).

90-90-90
Im Jahr 2020 sollten…
… 90% der HIV-infizierten Menschen ihren Status kennen.
… 90% der Personen, die eine HIV Diagnose haben, mit ART behandelt werden.
… 90% der behandelten Patienten|innen eine nicht mehr detektierbare Virusbelastung aufweisen.
Sollten diese Ziele 2020 tatsächlich erreicht werden, so wären laut UNAIDS (2014) bei 73 Prozent der HIV-positiven Patienten|innen weltweit die krankheitserregenden Viren unterdrückt und es wäre möglich, die HIV/AIDS-Pandemie bis 2030 zu beenden.


Zum Weiterlesen

Brandt, R. (2009). The mental health of people living with HIV/AIDS in Africa: A systematic review. African Journal of AIDS Research, 8(2), 123-133. doi: 10.2989/ AJAR.2009.8.2.1.853

Brandt, C., Zvolensky, M. J., Woods, S. P., Gonzalez, A., Safren, S. A., & O’Cleirigh, C. M. (2017). Anxiety symptoms and disorders among adults living with HIV and AIDS: A critical review and integrative synthesis of the empirical literature. Clinical Psychology Review, 51, 164-184. doi: 10.1016/j.cpr.2016.11.005.

World Health Organization (WHO). (2008). HIV/AIDS and mental health. Abgerufen am 01. Februar 2019 von http://apps.who.int/gb/archive/pdf_files/EB124/B124_6-en.pdf

Literatur

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Dalmida, S. G., Koenig, H. G., Holstad, M. M., & Wirani, M. M. (2013). The psychological well-being of people living with HIV/AIDS and the role of religious coping and social support. The International Journal of Psychiatry in Medicine, 46(1), 57-83. doi: 10.2190/PM.46.1.e

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Die Psychotherapie, die Symptome brennen lassen will

Wieso man durch Symptombekämpfung Öl ins Feuer giesst

Die Akzeptanz- und Commitment Therapie (ACT), im Jahr 1986 von Steve Hayes entworfen, gehört zur dritten Welle der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Dieser Artikel bietet einen Einblick in ihr Menschenbild, Grundannahmen und -konzepten. Diese führen zu einem bewussten, werteorientierten und zielgerichteten Handeln im Hier und Jetzt.

Von Yésica Martínez
Lektoriert von Marie Reinecke und Laurina Stählin
Illustriert von Yésica Martínez

Die in der westlichen Psychologie verbreitete Meinung, dass Symptome bekämpft werden müssen, steht diametral entgegen der Grundannahme der ACT. Diese besagt, dass man Symptome nicht loswerden muss, nicht vermeiden und schon gar nicht kontrollieren wollen sollte (Harris, 2006). Dabei ist die Akzeptanz dessen, dass Leid zum Menschsein dazugehört, zentral. Unsere Weltgeschichte ist durchzogen von Leid und sogar davon, dass wir Menschen Leid absichtlich oder unabsichtlich erzeugen (Barlow, Allen & Choate, 2004). Hayes, Strosahl und Wilson (2012) postulieren, dass es dem Seelenheil nicht dient, die psychologische Norm «leidfrei» zu definieren. Damit verbunden betonen die Wissenschaftler, dass die Reaktion auf ein psychisches Symptom für den Verlauf der Krankheit gravierender sein kann, als das Symptom an sich (Hayes, Strosahl und Wilson, 2012). ACT-Wissenschaftler erklären überdies, dass es zentrale, übergreifende psychische Prozesse gibt, die zu Leid führen und entwarfen ein transdiagnostisches Behandlungsmodell, nach welchem man diese Prozesse erkennen und regulieren kann (Sonntag, 2005; Hayes et al., 2012). Als effektiv erwies sich die ACT für diverse Störungsbilder, darunter Depression, Zwangsstörung, Stress, chronische Schmerzen, Angststörung, posttraumatische Belastungsstörung, Anorexie, Suchterkrankung und Schizophrenie (Zettle & Raines, 1989; Twohig, Hayes & Masuda, 2006; Bond & Bunce, 200, Dahl, Wilson & Nilsson, 2004; Brandstetter, Wilson, Hildebrandt & Mutch, 2004). Über verschiedene Störungsbilder hinweg ergab eine Metaanalyse von randomisierten kontrollierten Studien einen moderaten Effekt von .66 (N = 704) für die Symptomreduktion durch ACT (Hayes, Luoma, Bond, Masuda, & Lillis, 2006). Eine generelle Überlegenheit gegenüber anderen Therapieverfahren wurde nicht gefunden (Pleger et al., 2014).

Woher kommt psychisches Leiden?

Nach ACT gibt es zwei zentrale, in sich übergreifende Quellen von psychischem Leid: Sprache und Vermeidungsverhalten (Strosahl und Robinson, 2008; Hayes et al., 2012). Interessanterweise wird hervorgehoben, dass nicht psychische Störungen, sondern psychische Prozesse ausschlaggebend sind. Der Verstand und seine Sprache sind Werkzeuge, um Ereignisse einzuschätzen und unsere Erfahrungswelt daraus zu bilden. Anhand der Sprache können wir analysieren, vergleichen, bewerten, planen, erinnern, visualisieren, lügen, manipulieren, täuschen, verurteilen, Regeln kreieren und vieles mehr. In der ACT wird unter dem Titel Bezugsrahmentheorie (siehe Kästchen) die Rolle der Sprache für das Leid hervorgehoben (Torneke, 2010). Die Bezugsrahmentheorie sieht das In-Beziehung-setzen von Erfahrungen, Symbolen oder Konzepten und Emotionen als Basis unserer Sprache. Das Netzwerk an Beziehungen, das wir durch unsere Sprache erlernt haben, ist eine ernstzunehmende Fähigkeit des Verstandes. Für die Therapie ist es wichtig, dass man sich auf die Komplexität der Theorie einlässt, um Denkmuster zu durchschauen und das Netzwerk zu überschreiben oder zu erweitern. Vermeidungsverhalten kann sich nämlich im persönlichen Netzwerk von Sprache manifestieren. Beispielsweise kann man lernen, dass die Worte «Herd» mit «Hitze» oder mit «nicht Berühren» in Beziehung stehen. Dieses Vermeidungsverhalten ist in diesem einfachen Beispiel den Umständen entsprechend adaptiv und stellt daher einen Vorteil dar. Jedoch betonen Hayes et al (2012), dass persönliche sprachliche Netzwerke für interne Probleme kontraproduktiv sein können. Wilson und Kollegen (2001) heben diese negative Seite hervor: Sie nehmen das Beispiel einer Panikattacke und beschreiben, wie man durch die Angst vor einer erneuten Attacke ein Vermeidungsverhalten anstrebt, in dem alle möglichen Auslöser für physiologische Sensationen wie Herzrasen oder andere Symptome hervorgerufen, gespeichert und künftig vermieden werden. Das Risiko ist gross, dass das Netzwerk an sprachlichen Assoziationen mit der Attacke immer grösser und dadurch die Welt des Betroffenen immer kleiner wird. Zusätzlich entsteht durch Vermeidungsverhalten paradoxerweise eine verstärkte und häufigere Erfahrung des Problems, welches man eben eigentlich vermeiden möchte (Wenzlaff & Wegner, 2000). Solche kontraproduktiven Vermeidungsstrategien gilt es, durch ACT zu entdecken und aufzuheben. Hayes, Strosahl und Wilson (2012) betonen, dass es wichtig ist zu lernen, wann der Verstand hilfreich ist und wann nicht. Das Ziel von ACT ist es schliesslich, die unmittelbare Erfahrung über die analytische Sprache zu stellen und Sprache zu nutzen, ohne von ihr benutzt zu werden. Die unten erklärten sechs Grundkonzepte werden einen Einblick gewähren, wie dies erreicht werden kann.

Psychische Flexibilität

Das Grundziel von ACT ist folgendes: Personen, welche psychische Flexibilität im Repertoire haben, sollten im Hier und Jetzt präsent sein, offen und werteorientiert handeln, sowohl in angenehmen als auch unangenehmen Situationen (Harris, 2009). Menschen verbinden mit dem Wort Symptom per Definition eine Pathologie, welche man bekämpfen muss. In ACT wird diese Haltung transformiert. Symptome darf man brennen lassen, und man wird merken, dass das Feuer harmloser ist, als man vorerst gedacht hat (Harris, 2006). Es ist dabei keine blosse Verharmlosung gemeint, sondern ein ernstes Umdenken, welches den negativen Einfluss der Symptome auf den Patienten|innen mindert und dabei als Nebenprodukt Symptome mildert. Die Urheber von ACT einigten sich auf sechs Prinzipien oder therapeutische Prozesse, die allesamt orchestriert zu psychischer Flexibilität führen. Über diese bietet das so genannte Hexagon-Modell (siehe Figur) eine klare Übersicht. Das Behandlungsziel widmet sich demnach nicht den Symptomen, wie die herkömmliche KVT vorschlägt, sondern vielmehr diesen sechs Prinzipien: Akzeptanz, präsent sein, kognitive Defusion, Selbst-als-Kontext, Werte und engagiertes Handeln (Berking, 2012). Symptomreduktion passiert nebenbei. Konzeptuell gesehen gibt es keine vorgesehene Reihenfolge, nach der die transdiagnostisch anwendbare Therapie durchgeführt wird (Hayes et al., 2012). In der Therapie selbst empfiehlt es sich, den Therapieprozess den Bedürfnissen der Patienten|innen anzupassen und sich an den individuellen Eigenschaften und dem bereits bestehenden Repertoire der Patienten|innen zu orientieren.

Akzeptanz

Die Akzeptanz störender oder leiderbringender Situationen und Zustände des Lebens gilt als grundlegende Haltung, die in der ACT erlangt werden soll. Dabei steht sie entgegen der Vermeidung – der vorrangigen Bewältigungsstrategie vieler Patienten|innen (Pleger et al., 2014). Die illustrative Darstellung dieser Umgangsform zeigt auf, was konkret gemeint ist. Der|die Patient|in soll sein|ihr Problem nicht von sich fernhalten. So stark der Wille auch sein mag, das lange von sich Fernhalten beziehungsweise Verdrängen wird anstrengend und kostet viel Energie. In einer solch ungemütlicher Position lässt es sich nicht leben – so der Ansatz. Die zweite Option, die Patienten|innen auch aufzeigen könnten, ist, das Problem so nah an sich zu halten, sodass alle Sinne nur dieses erfassen können und nichts anderes daran vorbeidringen kann. Das ist eine Verbildlichung des Akzeptanzprinzips: Kein Fernhalten, kein Festklammern, sondern man lässt es wertlos auf dem Schoss ruhen, man kann es betrachten, man kann ruhig sitzen und sich damit befassen – oder eben nicht. ACT strebt an, dass die Patienten|innen ein Problem annehmen, wie es ist, ohne darüber Kontrolle erlangen zu wollen (Pleger et al., 2014). Man kann dabei eine Metapher benutzen, wie die kontraintuitive Befreiung aus Treibsand (Pleger et al., 2012).

«The fundamental challenge of being human involves learning when to follow what your mind says and when to simply be aware of your mind while attending to the here and now» Hayes et al., 2012, S. 243

Präsent-Sein

Schwierigkeiten im Präsent-Sein können aus verschiedenen Gründen resultieren. Depressive können in der Vergangenheit grübeln, Angststörungen können dazu führen, dass man sich vor der Zukunft fürchtet. Schizophrene können sich durch Halluzinationen in einer anderen Gedankenwelt befinden und Autisten können Mühe haben, den Fokus der Aufmerksamkeit flexibel zu wechseln, um überall präsent zu sein. Nichtsdestotrotz stehen in der ACT mögliche Gründe nicht im Fokus. Vielmehr sollen alle Patienten|innen gleichsam behandelt werden. Über alle psychischen Störungen hinweg gibt es nach Hayes und Kollegen (2012) verschiedene Signale, die ein Therapeut wahrnehmen kann, um Defizite im Präsent-Sein zu erkennen. Unter anderem sind dies die Fixierung auf ein Thema, Schwierigkeiten im Schenken der Aufmerksamkeit auf andere Themen, ständige Themenwechsel, schnelles Sprechen, emotionale Abgestumpftheit oder fehlender Augenkontakt (Hayes et al., 2012).

Durch Achtsamkeitstrainings schafft man in der ACT Bewusstsein für das Hier und Jetzt um dadurch offen, empfänglich und interessiert zu sein (Harris et al., 2006). Ein weiteres Ziel ist es, dass der Patient die Aufmerksamkeit flexibel instrumentalisieren kann, um verschiedene Erfahrungen im selben Moment einfangen zu können, ohne sich automatisch auf etwas zu fixieren. Beispielsweise kann man den|die Patienten|in in einem Achtsamkeitstraining fragen, was er|sie in diesem Moment gerade hört. Aber noch wichtiger ist die darauffolgende Frage, was er|sie sonst noch hört, um dadurch eine umfassendere Wahrnehmung der Sinnesempfindung zuzulassen. Flexible und willentliche Lenkung der Aufmerksamkeit ist eine wichtige Fähigkeit, um präsent zu sein. Ein zentraler Punkt ist, dass man als Patient|in lernt, zwischen zwei verschiedenen Zuständen zu unterscheiden: Dem Problemlöser-Modus und dem Sonnenuntergangs-Modus – wie Hayes und Kollegen (2012) sie nennen. Im ersten Modus geschehen Denkvorgänge automatisch und schnell. Ein einfaches Beispiel ist, wenn man fragt, was zwei plus zwei ist. Ungeachtet dessen, was man als Problem sieht, macht man automatisch schnelle Entscheidungen, um das Problem zu kontrollieren und loszuwerden. Wie im Kästchen erwähnt, kann das zu adaptivem, aber auch zu maladaptivem Vermeidungsverhalten führen. Im Sonnenuntergangs-Modus sind unsere Gedanken entschleunigt, man anerkennt ein Phänomen und hält inne. Durch dieses Stoppen und Horchen werden Menschen offener. Ein Hauptziel des Präsent-Sein-Trainings ist es, vom Problemlöser zum Stopper und Horcher zu werden (Hayes et al., 2012).

«I used to think my brain was my most important organ – until I noticed which organ was telling me that» Hayes et al., 2012, S. 245

Kognitive Defusion

In einem Zustand kognitiver Fusion oder Verschmelzung ist man zu stark an Gedanken oder Gefühle gebunden und identifiziert sich mit ihnen (Sonntag, 2011). Wenn man einen Gedanken hat, wie beispielsweise «Ich bin wertlos», kann man vereinfachte Defusion betreiben, indem man denkt, «Ich denke gerade, dass ich wertlos bin». Bereits dieser feine Unterschied der Defusion kreiert eine Distanzierung. In diesem Prozess geht es nicht darum, dass man die Gedanken, die man hat, durch andere Gedanken ersetzt, wie die KVT es vorschlagen könnte (Ciarrochi & Bailey, 2008). Es geht stattdessen darum, die Sprache per se zu relativieren und als das zu sehen, was sie ist. Die Grenzen der Sprache aufzuspüren würde helfen, andere Erfahrungsquellen zu finden. Die ACT versucht zu zeigen, dass der Mensch der Hörer sein soll und nicht zu verwechseln ist mit dem Verstand, der die Rolle des Sprechers in uns hat. Der Hörer kann durch die Distanzierung den Sprecher auch sprechen lassen, ohne dem grosse Bedeutung beizumessen. Es ist nicht einfach zu wissen, wann man sich auf den Verstand verlassen kann und wann wir lieber einen Schritt zurücktreten sollen, um ihn aus der Distanz zu betrachten (Hayes et al., 2012).

«When you are too busy being what your mind says you are, stepping outside of your normal habits becomes impossible, even when it would clearly be useful to do so» Hayes et al., 2012, S. 22

Wie durch das Zitat von Hayes und Kollegen (2012) hervorgebracht, führen beide oben genannten Mechanismen zu unflexiblem Verhalten und zur Verhinderung einer distanzierten Beobachtung der internen und externen Welten. Gedanken und Gefühle sollen nicht unmittelbar das Verhalten bestimmen.

Verschmelzung ist – wie bereits für andere psychische Prozesse erwähnt – nicht per se schlecht. Sie kann aber einen Menschen daran hindern, sich beispielsweise von einem Strom an Selbstkritik zu lösen und kann das Funktionieren im Alltag stark einschränken. Wenn man mit einer Eigenschaft verschmilzt, kann man blind sein für Erfahrungen, die nicht übereinstimmend oder unähnlich sind. Es kann sogar dazu kommen, dass man Gedanken oder Gefühle vermeidet, die nicht mit denen vereinbar sind, mit welchen man sich verschmolzen hat. Diese Art von Überidentifikation mit bestimmten Inhalten kann auch dem nächsten Prinzip im Weg stehen: Dem Erkennen der Dimensionen des Selbst.

Selbst-als-Kontext

Eine weitere wichtige Fähigkeit, die Patienten|innen erlangen müssen, ist es, die Dimensionen des Selbst ergründen zu können. Eine transzendentale Sicht auf sich selbst erlangt man, wenn man einen Blick zurückwirft und die Kontinuität des Selbst erkennt. In diesem Zustand sieht man ein, dass man selbst nicht die eigenen Gedanken oder Gefühle ist, sondern dass man ein darüberstehendes, dies alles durchstehende Individuum ist. Plakativ gesagt: Wenn man zehn Sätze mit «Ich bin» beginnt, ist dieser Anfang das einzig konstant Bleibende. Wenn man sich selbst in eine beobachtende Rolle wirft, erkennt man, dass alle Gedanken oder Gefühle kommen und gehen, das Einzige, was bleibt, ist der Beobachter selbst. Diese beobachtende Haltung kreiert eine Distanz, welche es erlaubt, auch leidvolle Gedanken, Erinnerungen oder Gefühle zu empfangen, ohne sich bedroht zu fühlen.

Patienten|innen, die diese Fähigkeit nicht haben, können sich schlecht in neue Perspektiven hineinversetzen, oder sie legen eine zu grosse Bedeutung auf die Sicht anderer Menschen. Auch Unwohlsein durch Ambiguität oder innere Leere können für den|die Therapeuten|in weitere Indikatoren sein, dass es an einem umfassenden Verständnis eines transzendentalen Ichs fehlt. Darunter ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, dass das Ich durch die Zeit Bestand hat und nicht inhaltlich durch Eigenschaften oder Erfahrungen erklärbar ist. Das Ich sei vielmehr eine konstante Perspektive, aus der man jede verbale oder nonverbale Aktivität des Lebens beobachten kann (Hayes et al., 2012). Eine der vielen Übungen, die man mit dem Patienten|innen durchführen kann, um die Dimensionen des Selbst zu ergründen und spürbar zu machen, besteht darin, eine Metapher zur Hilfe zu nehmen (Hayes et al., 2012). Patienten|innen werden aufgefordert, sich ein Schachbrett vorzustellen, auf dem die Figuren Gefühle, Gedanken oder andere Erfahrungen repräsentieren. Dabei können sie sich vorstellen, dass die schwarzen Figuren negative und die weissen positiven Erfahrungen darstellen – oder umgekehrt. Die wichtige Frage bei diesem Szenario ist, wo liegt das Ich? Die ACT sieht das Schachbrett als Ich und möchte die Patienten|innen dazu bringen, dieses Bild in sich aufzunehmen und zu verinnerlichen. Das Schachbrett hält nämlich alle Erfahrungen zusammen, es ist konstant und es kann dem Spiel zuschauen, ohne dass es bedroht werden kann. Wichtig ist, dass die Figuren nicht als Ich gesehen werden. Ein Grundsatz von ACT ist es, dass inhaltliche Auseinandersetzungen wie beispielsweise ein Bekämpfen von Erfahrungen zu einem dimensionslosen Verhalten führen und somit nicht dem Streben nach psychischer Flexibilität dienen. Als präsenter Beobachter und Träger gelangt man von einem Selbst-als-Inhalt zu einem Selbst-als-Kontext.

«The notion of board level can be used frequently to connote a stance in which the client is looking at psychological content rather than looking from psychological content» Hayes et al., 2012, S. 228

Werte und engagiertes Handeln

Das Herausbilden von individuellen Werten gibt die Orientierung in der Therapie. Werterfahrungen in der Therapie sind vielfältig produktiv. Erstens erhöhen sie die Motivation, insbesondere wenn eine Diskrepanz zwischen Wert und Verhalten erlebt wird. Zweitens wird der therapeutische Prozess begleitet von positiven Gefühlen, da der Fokus auf Defizite und Symptome schwindet, wenn fundamentale und wichtige Aspekte des Lebens besprochen werden. Drittens können Werterfahrungen die Erkenntnis stärken, dass das Leben jetzt passiert. Nicht gestern und nicht morgen, sondern bereits heute können Pläne umgesetzt und das Verhalten nach den eigenen Werten ausgerichtet werden. Viertens merkt man, dass man das Leben nicht der Kontrolle und der Vermeidung widmen soll, sondern sich dem zuwenden kann, was den Werten entspricht (Pleger et al., 2014). Tägliche Aktivitäten müssen sich nicht den Symptomen und deren Vermeidung zuwenden, sondern können sich danach orientieren, wie man sein will. Durch Fragen wie «Was ist Ihnen wichtig?» oder «Wie wollen Sie von anderen in Ihrer Abwesenheit beschrieben werden» und durch die Analyse von vorhandenen Verhaltensmustern werden Werte entdeckt und ausformuliert (Pleger, Schade, Diefenbacher & Burian, 2014). Es gibt viele verschiedene Ansätze und Techniken für Wertearbeit (z. B. von Dahl, Plumb, Stewart und Lundgren, 2009). Bei jedem Prozess ist es wichtig, dass man Werte nicht mit Zielen verwechselt. Wenn ein Patient sagt, ihm sei es wichtig, glücklich zu sein, oder einen Abschluss in einer bestimmten Fachrichtung zu erzielen, sind das keine Werte. Werte geben die Richtung an; man orientiert sich an ihnen und sie halten den tiefgreifenden Grund für das engagierte Handeln und dessen Ziele bewusst, sie verkörpern nicht ein Endprodukt. Beispielsweise kann man den Wert eines aufmerksamen, sorgsamen Familienvaters haben oder man will sich als engagierter Mitarbeiter wissen. Wichtig ist, dass man lernt, wertorientiert und engagiert zu handeln, auch wenn man psychische Leiden hat (Pleger et al., 2014). Im Gegensatz zur Erarbeitung von Werten ist das engagierte Handeln zielorientiert. Die Ziele, die in der Therapie definiert werden, sollen konkret, messbar, erreichbar und kongruent mit den erarbeiteten Werten sein (Hayes et al., 2012; Pleger et al., 2014).

Vom ruhig Sitzenden mit dem Problem auf dem Schoss, zum Stopper und Horcher, zum Schachbrett beziehungsweise Träger und Beobachter von Erfahrungen, zum Wertbewussten und schliesslich zu einem engagierten Handelnden wird ein Patient in der ACT verwandelt – mit dem Nebenprodukt, dass Symptome psychischer Störungen reduziert oder behoben werden.

Die Bezugsrahmentheorie beschreibt, wie wir Sprache benutzen, um Beziehungen zu beschreiben. Darüber hinaus erklärt sie, wie wir weitere, nicht beobachtbare Beziehungen ableiten können (Wilson, Hayes, Gregg & Zettle, 2001). Ein einfaches Beispiel für Letzteres ist Folgendes: Ich sage Ihnen, dass Amelie meine Schwester ist und Paul mein Vater. Daraus können Sie folgendes arbeiten: Ich bin die Schwester von Amelie, Ich bin die Tochter von Paul, möglicherweise ist Paul der Vater von Amelie und Amelie die Tochter von Paul. Aus zwei Informationseinheiten können sechs entstehen. Diese Induktion von neuen Beziehungen ist das grundlegende Prinzip der Bezugsrahmentheorie. Aus diesem einfachen Beispiel lässt sich auch erkennen, dass unsichere oder falsche Schlüsse möglich sind und ein Netzwerk an Beziehungen somit fehlerbehaftet sein kann.
Die Möglichkeit der Imagination lässt uns die Netzwerke in diesem Kontext komplexer gestalten. Denn durch sie können wir uns Situationen vorstellen, welche so nicht geschehen sind oder geschehen werden. Dies kann sehr weit führen, denn wir können uns dabei über weite Strecken in der blossen Vorstellung bewegen. Nicht zuletzt ist es uns Menschen so auch möglich, über Dinge emotional erregt zu werden, die uns noch gar nicht widerfahren sind.


Zum Weiterlesen

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Literatur

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Hochsensitivität

Ein Spiel mit dem Feuer

Eine Person, die hochsensitiv ist, verarbeitet Stimuli tiefer. In einer vorteilhaften Umgebung kann das positiv sein. Jedoch kann es in neuen Situationen zu einer Überstimulation kommen, was sich anfühlt, als ob alle Neuronen im Gehirn gleichzeitig feuern. Die Suche nach Balance bestimmt das Leben.

Von Marcia Arbenz
Lektoriert von Julia Küher und Yésica Martinez
Illustriert von Rebecca Beffa

Es ist schwer zu beschreiben, wie es ist, hochsensitiv zu sein. Man kennt es ja nicht anders. Klar fällt auf, dass man mehr das Bedürfnis nach einem Rückzugsort hat, emotionaler reagiert bei Filmen oder grelle Einkaufszentren lieber meidet. Aber was ist Teil der Hochsensitivität und was ist Teil der restlichen Persönlichkeit? Was bedeutet es, hochsensitiv zu sein?

Die vier apokalyptischen Reiter?

Hochsensitivität, auch Sensory Processing Sensitivity oder SPS genannt, ist eine genetisch determinierte Eigenschaft, welche Individuen dazu veranlasst, Stimuli kognitiv höher zu verarbeiten und dadurch eine stärkere emotionale Reaktivität aufzuweisen (Aron, Aron, & Jagiellowicz, 2012). Hochsensitivität lässt sich in vier Hauptbestandteile gliedern, wobei diese eine grobe Vereinfachung der Verhaltensindikatoren darstellen und oft als nicht komplett angesehen werden: Inhibiertes Verhalten (engl. inhibition of behavior), Sensitivität bezüglich Stimuli (engl. sensitivity to stimuli), Höhe der Verarbeitung (engl. depth of processing) und physiologische Reaktivität (engl. physiological reactivity) (Aron et al., 2012). Die hochsensitive Person agiert zurückhaltend beziehungsweise inhibiert ihr Verhalten, um potentiell nützliche Hinweisreize zu beachten (Baumeister, Vohs, DeWall, & Zhang, 2007). Folglich ist das inhibierte Verhalten nur dann ersichtlich, wenn sich die hochsensitive Person in einer neuen oder ungewöhnlich konflikthaften Situation befindet (Aron et al., 2012). Die Sensitivität bezüglich Stimuli bezieht sich auf die verstärkte Wahrnehmung von sensorischen Stimulationen (Baumeister et al., 2007). Daher werden mehr Feinheiten wahrgenommen. Jedoch kann es dadurch auch zu einer Überstimulation kommen (Baumeister et al., 2007). Die Höhe der Verarbeitung von sensorischen Informationen ist bei Personen mit SPS ausgeprägter. Zudem scheinen Hochsensitive die aufgenommenen Informationen verstärkt mit der Vergangenheit und möglichen Konsequenzen in der Zukunft in Verbindung zu stellen (Baumeister et al., 2007). Die physiologische Reaktivität zeigt sich durch stärkere emotionale Reaktionen, verlängerte Verarbeitung von assoziativen Prozessen und durch die Stimulation von rückwirkender Bewertung von Verhalten. Ausserdem werden wichtige Erfahrungen besser gelernt und erinnert, wodurch automatisch die Vorgaben für zukünftiges Verhalten verstärkt verändert werden (Baumeister et al., 2007). Zum Beispiel kommt es danach zu einer schnelleren unbewussten affektiven Reaktion.

Sensitivität in einer Skala

Es herrscht Uneinigkeit darüber, wie viele Personen hochsensitiv sind und wie sich das Merkmal über die Gesamtpopulation verteilt. Der Prozentsatz der Hochsensitiven beträgt je nach Stichprobe zwischen 10 und 35 Prozent (Aron et al., 2012). Es gibt mehrere Fragebögen, mit denen man die Hochsensitivität erfassen kann. Der HSP- oder High Sensitivity Person Scale wurde durch eine explorative Studie von Aron und Aron (1997) erstellt und besteht aus 27 Items, wobei es auch eine Kurzversion mit elf Items gibt (Acevedo et al., 2014; Greven et al., 2019). Beide Versionen wurden in mehreren Studien validiert (Greven et al., 2019). Die vier Hauptbestandteile der Hochsensitivität (inhibiertes Verhalten, Sensitivität bezüglich Stimuli, Tiefe der Verarbeitung und physiologische Reaktivität) werden jedoch nicht in den Fragebögen erfasst (Aron et al., 2012), dafür wird eine Struktur aus drei verschiedenen Subskalen diskutiert (Pluess et al., 2018; Smolewska, McCabe, & Woody, 2006). Die HSC- oder High Sensitivity Child Scale für Kinder ab acht Jahren wurde ebenfalls erfolgreich validiert (Pluess et al., 2018). Neben diesen selbstbewertenden Fragebögen gibt es auch zwei auf Einschätzung durch eine aussenstehende Person basierende Fragebögen für kleinere Kinder und für Hunde (Greven et al., 2019).

Die HSP-Scale weist jedoch einige Mängel auf. Beispielsweise ist der Fragebogen sehr negativ formuliert, wodurch hochsensitive Personen ohne psychische Probleme nicht richtig erfasst werden können (Greven et al., 2019). Dadurch können Menschen mit SPS nicht als solche erkannt werden. Ausserdem werden typische Merkmale wie die Inhibition von Verhalten in neuen Situationen nicht untersucht. Im Allgemeinen scheint eine innere Struktur des Fragebogens von den Autoren nicht ausgeschlossen zu werden, jedoch wurde sie auch nicht explizit angenommen oder untersucht (Aron et al., 2012). Das kann etwas irritierend oder gar problematisch sein, da die Autoren des Fragebogens von vier Hauptkomponenten ausgehen (Aron et al., 2012) und gewisse Befunde wie negative Auswirkungen auf das Leben nur mit einer der gefundenen Subskalen des Fragebogens erfasst wurden (Sobocko & Zelenski, 2015). Drittens scheinen Kultur, Geschlecht und eine verzerrte Selbstdarstellung die Antworten zu beeinflussen (Aron et al., 2012; Greven et al., 2019; Smolewska et al., 2006), ohne dass diese Einflussfaktoren Teil der Theorie wären.

Überblick zur aktuellen Forschung

Generell gibt es mehr Forschung zu den negativen Seiten der Hochsensitivität als über die positiven (Greven et al., 2019). Hochsensitive nehmen öfters die kleinen Veränderungen in der Umwelt wahr, was zeitaufwändig ist und Energie kostet (Aron et al., 2012). Dabei ist bedeutsam, wie die Umwelt an sich ist. Hochsensitive reagieren nicht nur auf negative, sondern auch auf positive Stimuli stärker. Beispielsweise reagierten hochsensitive Studierende auf Feedback stärker im Vergleich zu nicht hochsensitiven Studierenden, egal ob dieses positiv oder negativ war (Aron, Aron, & Davies, 2005). Auch hochsensitive Kinder reagieren stärker auf gute oder schlechte Ereignisse in der Kindheit im Vergleich zu nicht hochsensitiven Kindern (Aron et al., 2012). Hochsensitive Personen können einen besseren Zugang zu ihrer Intuition haben und die Fähigkeit besitzen, Informationen einfacher zu lernen (Aron, 2003). Ausserdem sind sie oft sehr gewissenhaft, besser darin Fehler zu erkennen und diese zu vermeiden (Ahadi & Basharpoor, 2010; Aron, 2003). Die Belohnungszentren im Gehirn von Hochsensitiven zeigen nach positiven Stimuli eine höhere Aktivität als bei nicht hochsensitiven Personen (Acevedo et al., 2014). Menschen mit SPS zeigen eine erhöhte soziale Kompetenz in Interaktion mit einer positiven Erziehung (engl. positive parenting styles) (Slagt, Dubas, van Aken, Ellis, & Dekovic, 2017 nach Greven et al., 2019). Von Interventionen in Bezug auf Mobbing oder Depression scheinen Hochsensitive stärker zu profitieren als Personen, die nicht hochsensitiv sind (Nocentini, Menesini, & Pluess, 2018; Pluess & Boniwell, 2015). Zudem haben Menschen mit Hochsensitivität im Allgemeinen eine grössere Ehrfurcht als nicht hochsensitive Individuen, was zu mehr Vergnügen und Bedeutung im Leben führen kann (Aron, Aron, Tillmann, & Grevenetal, 2018 nach Greven et al., 2019; Shiota, Keltner, & Mossman, 2007). Der Zusammenhang zwischen Hochsensitivität und Kreativität wurde theoretisch hergeleitet und in einer Studie bestätigt (Bridges & Schendan, 2018a, 2018b). Jedoch schien in der Studie das Merkmal Offenheit mehr Varianz bezüglich Kreativität zu erklären als SPS (Bridges & Schendan, 2018b).

Bei hochsensitiven Personen wurden stärkere, positive Korrelationen zu psychischen Belastungen wie Angst (Bakker & Moulding, 2012; Jonsson, Grim, & Kjellgren, 2014; Meredith, Bailey, Strong, & Rappel, 2016; Neal, Edelmann, & Glachan, 2002), Symptome von Autismus (Liss, Mailloux, & Erchull, 2008), Depressivität (Bakker & Moulding, 2012; Yano & Oishi, 2018) und Winterdepression (Hjordt & Stenbæk, 2019) als bei nicht hochsensitiven Personen gefunden. Hochsensitivität ist klar trennbar von einer sozialen Phobie, jedoch sind sie hoch korreliert, insbesondere in Hinblick auf die Vermeidung von Schaden und von öffentlichen Plätzen angeht (Hofmann & Bitran, 2007).

Zudem berichten hochsensitive Personen im Vergleich zu nicht Hochsensitiven ein geringeres Maß an subjektivem Glück (Sobocko & Zelenski, 2015). Insgesamt scheinen hochsensitive Personen auch unter einem erhöhten Stresslevel zu leiden (Bakker & Moulding, 2012). Ein positiver Zusammenhang zwischen Hochsensitivität und Albträumen wird vermutet, jedoch gab es noch keine empirische Überprüfung dieser Hypothese (Carr & Nielsen, 2017). Sensory Processing Sensitivity ist positiv korreliert mit wahrgenommenem Stress und Berichten über körperliche Symptome (Benham, 2006). Zudem kommen bei hochsensitiven Menschen subjektive psychische Gesundheitsbeschwerden häufiger vor (Grimen & Diseth, 2016). Hochsensitive Kinder machen sich mehr Sorgen, ruminieren häufiger, leiden eher an unerklärlichen körperlichen Symptomen, weinen mehr und scheinen allgemein mehr Probleme mit täglichen Funktionen zu haben (Boterberg & Warreyn, 2016). Dafür lügen und täuschen sie weniger. Menschen mit Sensory Processing Sensitivity erhalten oft zu wenig positives Feedback an ihrem Arbeitsplatz (Cooper, 2014). Sie zeigen ein starkes Missfallen an Konflikten am Arbeitsplatz und sind anfälliger auf die Arbeitsplatzgestaltung wie beispielsweise Licht und Umgebung. Viele Hochsensitive haben ein starkes Bedürfnis nach Autonomie und nach einer Bedeutsamkeit in ihrer Arbeit (Cooper, 2014).

Kritik an der Hochsensitivitätsforschung

Die Forschungsergebnisse und ihre Schlussfolgerungen sollten durch weitere Untersuchungen überprüft werden, da sie zum Teil einige Mängel aufweisen. So haben einige Studien zu wenige Versuchspersonen oder beschränken sich auf selegierte Stichproben wie Studierende, Frauen oder Personen mit hohem Bildungsstand. Dies lässt die Generalisierbarkeit der Befunde anzweifeln, da die verwendeten Stichproben die Grundgesamtheit nicht optimal repräsentieren (Hussy, Schreier, & Echterhoff, 2013). Hinzu kommt, dass fast alle Studien den Fragebogen HSP-Scale zur Messung der Hochsensitivität von Aron und Aron (1997) verwenden, auch wenn dieser, wie oben erwähnt, Schwächen aufweist. Ein weiterer Punkt ist die unterschiedliche Handhabung mit den Werten der HSP-Scale. Während einige Studien alle befragten Versuchspersonen in die statistische Analyse aufnahmen, schliessen andere Untersuchungen alle bis auf die extremen Gruppen, also die mit sehr tiefem oder sehr hohem SPS-Wert, aus. Da man sich uneins ist, wie sich das Merkmal über die Bevölkerung verteilt, bimodal oder normalverteilt, scheint diese Handhabung noch problematischer. Durch die eingeschränkte Varianz einer Stichprobe können die Ergebnisse verzerrt werden. So können Effekte überschätzt, aber auch unterschätzt werden. Ob die Einschränkung der Stichprobe sinnvoll ist, ist abhängig von den untersuchten Hypothesen. Bei den betrachteten Studien mit extremen Gruppen ist die eingeschränkte Varianz in Ordnung, jedoch sollten die Ergebnisse in jedem Fall mit Vorsicht gehandhabt werden.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das ungleiche Verhältnis zwischen positiven und negativen untersuchten Aspekten der Hochsensitivität, welches bei Greve und Kollegen (2019) explizit erwähnt wird. Grund für das Missverhältnis der Untersuchungen kann der allgemeine Forschungsbias, welcher oben erwähnt wird, sein. Auch wenn dieses Ungleichgewicht von der positiven Psychologie angefochten wird, ist es weiterhin vorhanden (Ruch & Proyer, 2011; Seligman & Csikszentmihalyi, 2000). Ein weiterer Grund für das Missverhältnis könnte die Entstehung des Merkmals sein. Aron und Aron (1997) entwickelten die Hochsensitivität auf der Basis von Interviews. Im Allgemeinen sind die negativen Auswirkungen der Hochsensitivität vermutlich auffälliger und dadurch in einem Interview einfacher zu erfragen. Stärken, welche sich durch das Merkmal ergeben, könnten hingegen als persönliche und individuelle Charakterzüge gedeutet werden. Beispielsweise könnten Hochsensitive ihre erhöhte Kreativität nicht auf das Merkmal, sondern auf ihre eigenen Fähigkeiten durch ihre Entwicklung beziehen. In der Einleitung wurden die Folgen einer einseitigen Betrachtung des Merkmals bereits erläutert. Zum Beispiel kann es ein Menschenbild ohne positive Eigenschaften vermitteln (Seligman & Csikszentmihalyi, 2000) oder zu einer Pathologisierung des Konstrukts führen. Daher sollte es in der Zukunft mehr Studien zu den positiven Aspekten der Hochsensitivität geben.

Allgemein ist der Mangel an Studien bedenklich. Es gibt nur hinsichtlich gewisser Befunde wie dem Zusammenhang zwischen SPS und Depression mehrere Studien (Bakker & Moulding, 2012; Yano & Oishi, 2018). Replikationen oder Meta-Analysen sind wichtig, um die Befunde zu stützen und eine Wirkrichtung oder Kausalität zu erforschen (Hussy et al., 2013). Letzteres sollte durch Experimente – also der Manipulation der unabhängigen Variable, um die Auswirkungen auf die abhängige Variable zu erfassen – erforscht werden (Hussy et al., 2013). In vielen Untersuchungen scheint eine Wirkrichtung, nämlich dass Hochsensitivität andere Merkmale beeinflusst, impliziert zu werden, auch wenn beim grössten Teil der Untersuchungen mit korrelativen Querschnittstudien gearbeitet wird. Da es sich bei SPS um ein erbliches Persönlichkeitsmerkmal handelt (Aron et al., 2012), welches bereits bei Kindern feststellbar ist (Greven et al., 2019; Pluess et al., 2018; Rothbart & Bates, 2006; Thomas & Chess, 1977), ist diese Annahme nicht verwunderlich. Dennoch könnten beispielsweise umgekehrt psychische Störungen wie Depression die Hochsensitivität durch den Mangel an Antrieb und Energie verstärken. Ausserdem ist unklar, ob sich das Merkmal im Verlauf der Lebensspanne verändert. Durch den relativen Mangel an Replikationen und Übersichtarbeiten wie Meta-Analysen müssen sämtliche erwähnten Zusammenhänge zwischen der Hochsensitivität und anderen Konstrukten vorsichtig interpretiert werden. Dennoch ist es interessant, wie viele unterschiedliche Facetten der Hochsensitivität bereits untersucht wurden, vor allem in Hinblick darauf, dass das Konstrukt erst vor etwas über 20 Jahren begründet wurde.

Und dazwischen die Balance finden

Hinter all den Korrelationen und Moderationen stecken Menschen, die mit ihrer Hochsensitivität Tag für Tag leben. Die Hochsensitivität existiert nicht losgelöst von der Person, sie ist Teil von ihr. Mit der Zeit lernt man seine eigenen Grenzen zu akzeptieren und vor allem einzuhalten. Eine Nacht um die Häuser ziehen mit Freunden bedeutet einen ruhigen nächsten Tag, um sich von der erhöhten Stimulation zu erholen. Ein Konzertbesuch geht nicht ohne die Notausgänge im Auge zu behalten und sich mitten in den Lieblingsliedern eine Auszeit zu gönnen, falls eine Überstimulation droht. Einen sentimentalen Film anzuschauen geht ohne Taschentücher kaum. Dafür ist die Zeit mit Freunden ein Höhenflug, ein Konzert berauschend und der Film ein Ausflug in eine andere Realität. Zwischen den Extremen muss man als hochsensitive Person seine Balance finden, genauso wie jede andere Person – auch wenn es sich so anfühlt, als würde man permanent mit dem Feuer spielen.

Der Ursprung der Forschung über Hochsensitivität lässt sich in der Tierforschung finden. Eine Studie von Wilson, Coleman, Clark und Biederman (1993) zeigte, dass Barsche sich in Persönlichkeitsmerkmalen unterscheiden. Einige der untersuchten Fische waren viel scheuer als andere und brauchten länger, um sich der neuen Umgebung anzupassen. Sobald sich die scheuen Fische jedoch angewöhnt hatten, zeigten sie sich genauso mutig wie die anderen Exemplare (Wilson et al., 1993).

Beispiele der Items aus der HSP-Scale auf Deutsch (Tillmann, El Matany, & Duttweiler, 2018, S. 23):
Ich bin einfühlsam.
Ich erlebe meine Gefühle oft sehr intensiv und habe ein reiches Innenleben.
Ich nehme Feinheiten um mich herum wahr.
Kunst, Musik und Film können mich tief bewegen.
Ich denke oft über sehr tiefgründige Dinge nach […]
An stressigen Tagen möchte ich mich zurückziehen können.
Aufregende Situationen, die mich überfordern, versuche ich zu meiden.

«Central to the conceptualisation of SPS as reflecting sensitivity to environmental factors, is that SPS is not only relevant to understanding maladaptation, but also optimal development or even flourishing in positive environments.» Greven et al., 2019, S. 299

«A contrasting Swedish neologism, orkidebarn (orchid child), might better describe the context-sensitive individual, whose survival and flourishing is intimately tied, like that of the orchid, to the nurturant or neglectful character of the ambient environment. In conditions […] of support and nurture, it is a flower of unusual delicacy and beauty.» Boyce & Ellis, 2005, S. 284


Zum Weiterlesen

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Literatur

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Neuronale Oszillationen und Sprachverarbeitung

Wenn Wellen auf Wellen surfen

Wie das menschliche Gehirn aus einer Reihe von Klängen Bedeutung extrahiert, ist eine wichtige neurolinguistische Fragestellung. Für manche Forscher|innen sind Hirnwellen der Schlüssel zur Lösung des Rätsels.
Unterschiedliche Forschungsansätze versuchen, Antworten zu liefern: Sicher ist, dass die Komplexität der Befunde die Komplexität der im Gehirn involvierten Prozesse widerspiegelt.

Von Noémie Lushaj
Lektoriert von Michelle Donzallaz und Laurina Stählin
Illustriert von Paul Heuschmidt

Sprache kann laut dem Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure (1959) als zeichenbasiertes System beschrieben werden. Zeichen bestehen aus zwei Teilen: Dem signifiant, einem Klangbild, und dem signifié, einem mentalen Konzept (de Saussure, 1959). Sprache ist nach dieser Auffassung also nichts anderes als eine Kopplung von Klängen und Gedanken. Beim Klangbild werden Informationen hierarchisch und auf verschiedenen Zeitskalen präsentiert: Silben, Wörter, Sätze (Ding, Melloni, Zhang, Tian, & Poeppel, 2015). Diese Informationen werden jedoch nicht als sauber getrennte linguistische Einheiten gesendet, sondern als kontinuierlichen phonologischen Fluss, wie eine Welle. Ein wichtiges Konzept in diesem Zusammenhang ist die sogenannte Sprach-Enveloppe. Unter diesem Begriff versteht man langsame, wellenartige Veränderungen der Amplitude entlang der temporalen Feinstruktur des Sprachsignals (Moon & Hong, 2014). Damit das Klangbild in Gedanken übersetzt werden kann, muss das Gehirn den kontinuierlichen Sprachfluss zunächst sinnvoll sequenzieren. Wie es das tut ist umstritten.

Für viele Forscher|innen könnten Wellen – dieses Mal Oszillationen, die im auditorischen Kortex messbar sind – eine entscheidende Rolle spielen. Diese Vermutung beruht auf dem Befund, dass kortikales Entrainment, das ist die Korrelation von Hirn- und Sprachwellen, mit dem Sprachverständnis korreliert (Ahissar et al., 2001). Davon abgeleitet gibt es die Hypothese, dass neuronale Oszillationen im Sprachverarbeitungsprozess instrumentell sind (Giraud & Poeppel, 2012). Allerdings ist es auch möglich, dass Hirnwellen Nebenprodukte oder Konsequenzen von Sprachwahrnehmung und -verständnis sind (Obleser, Herrmann, & Henry, 2012).

Cum hoc non est propter hoc

Korrelation impliziert keine Kausalität. Letztere zu beweisen oder auszuschliessen stellt eine grosse Herausforderung dar und in welchem Ausmass von kausalen oder von korrelativen Beziehungen bezüglich der Rolle von Hirnwellen gesprochen werden kann, hängt stark davon ab, wie Forschung durchgeführt wird.

Anhand des sogenannten degraded speech approachs konnte gezeigt werden, dass sich die Verständlichkeit von Sprache als Folge von Manipulationen des Sprachsignals verändert (Ahissar et al., 2001). Bei diesem Forschungsansatz sind korrelative Interpretationen allerdings nicht auszuschliessen. Ein anderer Faktor könnte nämlich den Effekt verursachen und der Zusammenhang könnte genauso in die andere Richtung gehen: Es ist ein Henne-Ei-Problem (Obleser et al., 2012). Eine weitere beliebte Herangehensweise, mit der Kausalität jedoch auch nicht nachgewiesen werden kann, ist der subsequent speech approach. Hier wurde gezeigt, dass kortikales Entrainment nach Ende des Sprachsignals anhält und die Wahrnehmung von weiteren sprachlichen Signalen beeinflusst (Kösem et al., 2017). Anhaltendes kortikales Entrainment kann aber auch in Tieren (Lakatos et al., 2013) und bei nicht-sprachlichen Lauten (Hickok, Farahbod, & Saberi, 2015) gefunden werden. Dieser Ansatz ist also nicht in der Lage zu beweisen, dass Hirnoszillationen spezifisch für die Verarbeitung von Sprache in dem menschlichen Gehirn wichtig sind.

Von allen Ansätzen kommt der extrinsic brain stimulation approach der Kausalität am nächsten. Für Herrmann, Strüber, Helfrich und Engel (2016) kann nämlich nur die direkte Beeinflussung von Hirnwellen ihre kausale Rolle beweisen. Mittlerweile haben mehrere Untersuchungen gezeigt, dass transkranielle elektrische Stimulation (tES) die Hirnaktivität sowie die Sprachverarbeitung steuern kann. So konnten Wilsch, Neuling, Obleser und Herrmann (2018) die Verständlichkeit von Sprache erhöhen, in dem sie die Hirnaktivität mit der Sprach-Enveloppe synchronisiert haben. Befunde wie dieser sprechen für einen kausalen Einfluss von Hirnwellen.

«There’s an orgy of data but very little understanding.» Poeppel, zitiert nach Rennie, 2018

Nicht der Weisheit letzter Schluss
Die Ergebnisse von tES-Untersuchungen sind vielversprechend, jedoch sind sie mit Vorsicht zu geniessen. Tatsächlich ist die Sache viel komplexer als bisher dargestellt, denn welche Hirnregionen und Frequenzbänder genau untersucht werden beeinflusst die Ergebnisse massiv. Grund dafür ist, dass unterschiedliche Hirnareale mit unterschiedlichen Stadien der Sprachverarbeitung assoziiert sind. Der primäre auditorische Kortex ist für die allgemeine Wahrnehmung von Signalen zuständig, während höhere Regionen in tiefere lexikalische, semantische und syntaktische Analysen der Sprache involviert sind (Jäncke, 2013). Diese These wird dadurch gestützt, dass Hirnwellen im sekundären auditorischen Kortex im Gegensatz zu Oszillatoren im primären auditorischen Kortex zwischen sprachlichen und nicht-sprachlichen Rhythmen unterscheiden können (Kubanek, Brunner, Gunduz, Poeppel, & Schalk, 2013). Zudem fanden Ding und Kollegen (2015), dass Hirnwellen im sekundären auditorischen Kortex den zeitlichen Verlauf von abstrakten hierarchischen grammatischen Strukturen verfolgen und somit ein Marker des Sprachverständnisses darstellen.

Ein weiterer Grund, wieso man nicht voreilig auf Kausalität schliessen sollte ist, dass die Anzahl an Studien, die tES verwenden noch sehr begrenzt ist. Die empirische Basis ist somit zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht substantiell genug (Parkin, Ekhtiari, & Walsh, 2015). Deswegen sollte sich künftige Forschung auf diesen Punkt konzentrieren. Gleichzeitig sollten behaviorale Ansätze auf keinen Fall vernachlässigt werden. Nur wenn genaue Analysen von Aufgaben und von den resultierenden Verhaltensweisen mit neuronalen Manipulationen kombiniert werden, kann ein volles Bild entstehen, so Krakauer, Ghazanfar, Gomez-Marin, Maclver und Poeppel (2017).

«[…] trying to understand perception by studying only neurons is like trying to understand bird flight by studying only feathers: It just cannot be done. In order to understand bird flight, we have to understand aerodynamics; only then do the structure of feathers and the different shapes of birds’ wings make sense.» Marr, zitiert nach Noë & Thompson, 2002, p. 250

Warum das Warum wichtig ist
Wissenschaftliche Forschung durchzuführen und zu publizieren kostet viel Zeit, Geld und Ressourcen (Van Noorden, 2013). Deswegen ist es nicht nur legitim, sondern auch notwendig, sich ab und an zu fragen, welcher Beitrag überhaupt geleistet werden soll. Warum sollten wir uns im Bereich der Linguistik für neuronale Oszillationen interessieren?

Zum einen gibt es einen Nutzen im klinischen Bereich. Zum Beispiel könnten kortikale Reaktionen auf Sprache in der Diagnostik von Populationen, die sonst schwierig zu testen sind, wie Kinder oder Tiere, eine Anwendung finden (Ding et al., 2015). Darüber hinaus könnten Methoden der externen Hirnstimulation in der klinischen Sprachpathologie verwendet werden: Mehrere Forschungsgruppen haben schon zeigen können, dass tES Aphasie-Patienten|innen helfen kann, Sprache zu verstehen und wieder zu erwerben (Flöel, Rösser, Michka, Knecht, & Breitenstein, 2008; You, Kim, Chun, Yung, & Park, 2011).

Zum anderen haben neurolinguistische Befunde möglicherweise wichtige Implikationen für die Gültigkeit linguistischer Theorien. Beispielsweise wurde die einflussreiche Studie von Ding und Kollegen (2015) in Verbindung mit der Theorie der Universalgrammatik (UG) von Noam Chomsky (1957) gebracht, nach der das menschliche Gehirn über ein angeborenes grammatisches System verfügt (Devitt, 2015). Während diese Studie für manche das Vorhandensein einer UG im Gehirn zu bestätigen scheint, argumentieren andere, dass die Daten nicht ausreichen, um die Theorie von Chomsky vollständig zu beweisen, beziehungsweise zu widerlegen (Boutonnet, 2015).

«Chomsky isn’t more right (or wrong) because of this data.» Boutonnet, 2015

In Zukunft sollten Überlegungen über praktische Anwendungen von den Befunden weitergeführt, sowie Studien wenn möglich vermehrt in existierende Theorien eingebettet werden. Laut dem Forscher David Poeppel sollte dies helfen, die vorhandenen Daten besser zu verstehen und sinnvolle Forschungsziele zu entwickeln (Rennie, 2018).

Einen Blick ins Gehirn werfen
Bildgebende Verfahren, wie die Elektroenzephalographie (EEG), die Magnetoenzephalographie (MEG) und die funktionelle Magnetoresonanztomographie (fMRT), ermöglichen ein besseres Verständnis über den Ablauf sprachlicher Verarbeitungsprozesse. EEG misst die elektrische Aktivität an der Schädeloberfläche und MEG erfasst magnetische Felder (Liu, Ding, & He, 2006). Beide Verfahren erlauben Rückschlüsse auf die neuronalen Ursprünge der Aktivität. fMRT stellt Veränderungen der Hirnaktivität mit einer hohen räumlichen Auflösung dar (Liu et al., 2006). EEG und MEG haben dagegen eine sehr gute zeitliche Auflösung und bringen somit andere Vorteile mit sich, wobei die Verfahren bestenfalls miteinander kombiniert werden (Liu et al., 2006). Bei der Interpretation der Ergebnisse ist jedoch zu beachten, dass diese alleine nicht in der Lage sind, kausale Beziehungen zwischen unabhängigen und abhängigen Variablen zu etablieren (Rufener, Zaehle, Oechslin, & Meyer, 2016).

Anmerkung der Autorin
Ein Teil der Forschung, die zu diesem Artikel beigetragen hat wurde als Teil der Bachelorarbeit «The virtuous circle of neural language processing: Discussing the functional role of brain oscillations in speech perception and comprehension» (2019) in Neurolinguistik am Psychologischen Institut der Universität Zürich unter Betreuung von Prof. Dr. Alexis Hervais-Adelman durchgeführt.


Zum Weiterlesen

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Literatur

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