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Beiträge aus der Kategorie ‘Syndrome’

Papa geht es nicht gut

Warum sich die Forschung zu wenig mit paternaler Depression auseinandersetzt

Väter, die nach der Geburt ihres Kindes an einer depressiven Störung leiden, werden in der Forschung kaum thematisiert – im Gegensatz zu Müttern. Aber warum eigentlich? Und was sind die Folgen dieser Forschungslücke für die Väter und für ihre Familien?

Von Marcia Arbenz
Lektoriert von Isabelle Bartholomä und Hannah Meyerhoff
Illustriert von Rebekka Stähli

Nach der Geburt ihres Kindes stehen Eltern vor vorhergesehenen und unvorhergesehenen Herausforderungen. Weltweit leiden unter anderem deswegen bis zu 13 Prozent der schwangeren Frauen und frischgebackenen Mütter an psychischen Störungen wie beispielsweise Depressionen (World Health Organisation, n.d.) – Dabei spricht man von einer maternalen Depression. Kein Wunder also, dass die WHO (n.d.) maternale, psychische Störungen als eines der grössten Probleme der öffentlichen Gesundheit bezeichnet. Doch während maternale Depression einigen ein Begriff ist, sind vermutlich viele nicht mit der paternalen Depression vertraut. Diese bezeichnet eine Depressivität bei werdenden oder neu gewordenen Vätern (American Academy of Pediatrics, 2018).

Papa leidet auch

Nach der Geburt ihres Kindes stehen auch Männer vor einer herausfordernden Zeit. Genauso wie ihre Partner*innen werden sie mit dem wichtigen Übergang zur Elternschaft und allen damit verbundenen, praktischen und psychischen Herausforderungen konfrontiert (Psouni & Eichbichler, 2019). Zusätzlich wird oft von ihnen erwartet, dass sie ihr berufliches Engagement beibehalten und persönliche Bedürfnisse zurückstellen. Diese Belastung führt zu einer hohen Vulnerabilität (Psouni et al., 2017; Rominov et al., 2018), die sich in der postnatalen Zeit in Form von depressiven Symptomen manifestieren kann (Cameron et al., 2016; Paulson & Bazemore, 2010).

«Most of the reviewed studies suffer from methodological limitations, including the small sample, the lack of a structured psychiatric diagnosis, and inclusion bias. Despite such limitations, paternal depression seems to be associated with an increased risk of developmental and behavioural problems and even psychiatric disorders in offspring.»

Gentile & Fusco, 2017, p. 325

Zu wenig Forschung

Obwohl die Vulnerabilität und die damit verbundene, potenzielle depressive Störung bestätigt sind, ist die paternale Depression an sich, wie auch deren Auswirkungen wenig untersucht (Paulson et al., 2006). Eine kurze Suche mit Hilfe von Google Scholar bestätigt die Behauptung von Paulson und Kollegen (2006), dass es wenige Studien zu diesem Thema gibt. Wird der Begriff maternal depression gesucht, werden etwa 744‘000 Treffer erzeugt. Im Vergleich dazu führt die Suche mit paternal depression nur zu circa 53’500 Treffern (Stand: 12. März 2020). Dieser massive Unterschied ist leider kein Relikt vergangener Zeit. Schränkt man die Suche durch einen aktuelleren Zeitraum ein, ist immer noch das gleiche Muster erkennbar. Interessanterweise existiert diese Diskrepanz nur in Bezug auf parentale Depression. Es gibt kaum Unterschiede in der Anzahl Treffer zwischen den Begriffen female depression und male depression. Das heisst, dass nur Männer in der Rolle als Väter und nicht Männer im Allgemeinen in der Forschung zu Depressionen vernachlässigt werden.

Die Frage nach dem Warum

Doch was sind die Gründe für diese Diskrepanz? Insgesamt kann man vier Umstände beschreiben, die als Erklärungen für die Unterschiede dienen können. Erstens haben gewisse Männer zum Teil die Neigung, ihre depressive Symptomatik als weniger stark anzugeben, als sie eigentlich ist (Seidler et al., 2016). Die Symptome werden also entweder als zu schwach oder als nicht vorhanden eingeschätzt. Dies könnte zu der falschen Schlussfolgerung führen, dass Männer nicht oder in geringerem Maße als Frauen an elterlichen Depressionen leiden, so dass es weniger dringlich scheint, dieses Thema spezifisch zu untersuchen.

Zweitens verspüren und zeigen Männer im Vergleich zu Frauen oftmals andere Symptome. Häufig drücken Männer Depressionen durch externalisierendes Verhalten aus (Rutz, 1996), wie Wutanfälle, Drogenmissbrauch und Risikoverhalten, oder sie zeigen stärkere körperliche Belastung durch eine Somatisierung (Danielsson & Johansson, 2005; Kim & Swain, 2007; Martin et al., 2013; Rodgers et al., 2014; Schumacher et al., 2008). Diese externalisierenden Verhaltensweisen werden von medizinischem Fachpersonal nicht immer als depressive Symptome erkannt (Rutz, 1996), so dass eine korrekte Diagnostizierung dieser Männer unwahrscheinlich ist. Zudem leiden einige Männer an weiteren, weniger offensichtlichen depressiven Symptomen, was vermehrt zu Fehldiagnosen führen kann (Psouni et al., 2017).

Risikofaktoren für paternale Depression (American Academy of Pediatrics, 2018):

  • Schwierigkeiten eine Bindung mit dem eigenen Kind aufzubauen
  • Das Fehlen eines guten männlichen Vorbildes
  • Das Fehlen von sozialer Hilfe und Unterstützung
  • Veränderungen in der Beziehung zum*r Ehepartner*in
  • Gefühle wie Eifersucht oder Exklusion aufgrund der Beziehung zwischen Ehepartner*in und Kind
  • Maternale Depression
  • Stress aufgrund von Finanzen oder Arbeit
  • Tiefes Level an Testosteron

Der dritte Grund für die Diskrepanz im aktuellen Forschungsstand bezüglich maternaler und paternaler Depression ist eng mit den erwähnten Unterschieden in der Symptomatik verknüpft. Die Messinstrumente zur Beurteilung der paternalen Depression sind nicht an die externalisierenden Symptome angepasst (Rice et al., 2013). Dadurch wird die Symptomatik nicht vollständig erfasst. Zudem werden die verfügbaren Skalen selten mit ausreichend großen Stichproben getestet und die psychometrische Entwicklung der Fragebögen sind oftmals fehlerhaft (Rice et al., 2013). Dies führt unter anderem zu stark variierenden Prävalenzraten bei väterlichen Depressionen (Cameron et al., 2016), dadurch erscheint die Notwendigkeit umfassender Forschung als zu gering.

Der letzte mögliche Grund für die Diskrepanz ist, dass Väter, im Vergleich zu Müttern, in der Regel zu einem späteren Zeitpunkt an parentaler Depression erkranken (Edward et al., 2015; Psouni et al., 2017). Während maternale Depression in der Regel während der Schwangerschaftszeit oder innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt des Kindes auftritt, hat die Prävalenzrate der paternalen Depression ihren Höhepunkt 12 Monate nach der Geburt des Kindes (Escribà-Agüir & Artazcoz, 2011). Verheerend ist hier, dass die meisten Studien zur parentalen Depressionen ihre Teilnehmer*innen nur innerhalb des ersten postnatalen Jahres untersuchen (Psouni et al., 2017). Väter werden also während ihrer kritischen Phase in vielen Studien gar nicht erst erfasst. Es ist immer noch unklar, wie eine paternale Depression nach dem ersten Jahr nach der Geburt des Kindes verläuft.

Folgen der Vernachlässigung

Was sind die Folgen der geschlechtsspezifischen Unterschiede und dem Mangel an Forschung bei parentaler Depression? Wie bereits erwähnt, scheint die depressive Symptomatik bei Männern im Vergleich zu Frauen weniger oft als solche erkannt zu werden.

Zusätzlich suchen Männer seltener Hilfe auf. In einer Studie gab weniger als die Hälfte der männlichen Teilnehmer mit depressiven Symptomen an, dass sie bereit wären, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen (Massoudi, 2013). Gewisse Stigmata oder Geschlechternormen könnten es Männern erschweren, als Schwächen wahrgenommene Erlebens- oder Verhaltensmuster einzugestehen(Lohan et al., 2014; Strother et al., 2012). Die daraus resultierende Behandlungslücke könnte durch den Mangel an Forschung zum Thema paternalen Depression verstärkt werden. Weniger Wissen über Verlauf und Risiken der paternalen Depression gehen vermutlich mit einem Mangel an Präventionsmöglichkeiten und spezifischen Interventionen einher. Generell gibt es weniger Interventionen, die spezifisch für Männer entwickelt wurden im Vergleich zu Frauen (Doley et al., 2020). All das kann zu einer Versorgungslücke führen, die einen noch schwerwiegenderen Eindruck hinterlässt, wenn man sich die Folgen einer paternalen Depression vor Augen führt.

Folgende Hilfsstellen können Vätern (und Müttern) helfen oder sie an die richtigen Stellen weiterleiten:

Neben zahlreichen Büchern liefern folgende Websites Informationen rund um das Thema Vater werden und sein:

Eine depressive Störung des einen Elternteils beeinflusst auch den Gemütszustand des anderen. Paternale postnatale Depression korreliert stark mit maternaler postnataler Depression (Escribà-Agüir & Artazcoz, 2011; Goodman, 2004; Ramchandani et al., 2011). Daher erhöht die Depression eines Elternteils das Risiko, dass ein Kind, mit zwei depressiven Eltern aufwächst (Letourneau et al., 2011). Dies führt zu einer höheren Vulnerabilität des Kindes (Brennan et al., 2002; Letourneau et al., 2011; Mezulis et al., 2004). Ausserdem leidet es eher unter multiplen entwicklungsschädigenden Folgen, wie weniger positiv bereicherten Aktivitäten beispielsweise das Vorlesen von Kinderbüchern (Paulson et al., 2006) oder stärker externalisierenden Verhaltensproblemen (Ramchandani et al., 2013). Daher ist zentral, dass die Forschung sich auch auf Väter konzentriert. Denn auch dem Papa sollte es gut gehen.


Zum Weiterlesen

Paulson, J. F., Dauber, S., & Leiferman, J. A. (2006). Individual and Combined Effects of Postpartum Depression in Mothers and Fathers on Parenting Behavior. Pediatrics, 118(2), 659–668. https://doi.org/10.1542/peds.2005-2948

Psouni, E., Agebjörn, J., & Linder, H. (2017). Symptoms of depression in Swedish fathers in the postnatal period and development of a screening tool. Scandinavian Journal of Psychology, 58(6), 485–496. https://doi.org/10.1111/sjop.12396

Literatur

American Academy of Pediatrics (Ed.). (2018). Dads Can Get Depression During and After Pregnancy, Too. https://www.healthychildren.org/English/ages-stages/prenatal/delivery-beyond/Pages/Dads-Can-Get-Postpartum-Depression-Too.aspx

Brennan, P. A., Hammen, C., Katz, A. R., & Le Brocque, R. M. (2002). Maternal depression, paternal psychopathology, and adolescent diagnostic outcomes. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 70(5), 1075–1085. https://doi.org/10.1037/0022-006X.70.5.1075

Cameron, E. E., Sedov, I. D., & Tomfohr-Madsen, L. M. (2016). Prevalence of paternal depression in pregnancy and the postpartum: An updated meta-analysis. Journal of Affective Disorders, 206, 189–203. https://doi.org/10.1016/j.jad.2016.07.044

Danielsson, U., & Johansson, E. E. (2005). Beyond weeping and crying: A gender analysis of expressions of depression. Scandinavian Journal of Primary Health Care, 23(3), 171–177. https://doi.org/10.1080/02813430510031315

Doley, J. R., McLean, S. A., Griffiths, S., & Yager, Z. (2020). Study protocol for Goodform: A classroombased intervention to enhance body image and prevent doping and supplement use in adolescent boys. BMC Public Health, 20(1), 59. https://doi.org/10.1186/s12889-020-8166-2

Edward, K.‑l., Castle, D., Mills, C., Davis, L., & Casey, J. (2015). An integrative review of paternal depression. American Journal of Men’s Health, 9(1), 26–34. https://doi.org/10.1177/1557988314526614

Escribà-Agüir, V., & Artazcoz, L. (2011). Gender differences in postpartum depression: A longitudinal cohort study. Journal of Epidemiology and Community Health, 65(4), 320–326. https://doi.org/10.1136/jech.2008.085894

Gentile, S., & Fusco, M. L. (2017). Untreated perinatal paternal depression: Effects on offspring. Psychiatry Research, 252, 325–332. https://doi.org/10.1016/j.psychres.2017.02.064

Goodman, J. H. (2004). Paternal postpartum depression, its relationship to maternal postpartum depression, and implications for family health. Journal of Advanced Nursing, 45(1), 26–35. https://doi.org/10.1046/j.1365-2648.2003.02857.x

Kim, P., & Swain, J. E. (2007). Sad dads: paternal postpartum depression. Psychiatry, 4(2), 35–47.

Letourneau, N., Duffett-Leger, L., Dennis, C., Stewart, M., & Tryphonopoulos, P. D. (2011). Identifying the support needs of fathers affected by postpartum depression: A pilot study. Journal of Psychiatric and Mental Health Nursing, 18, 41–47.

Lohan, M., Aventin, A., Maguire, L., Clarke, M., Linden, M., & McDaid, L. (2014). Feasibility trial of a film-based educational intervention for increasing boys‘ and girls‘ intentions to avoid teenage pregnancy: Study protocol. International Journal of Educational Research, 68, 35–45. https://doi.org/10.1016/j.ijer.2014.08.003

Martin, L. A., Neighbors, H. W., & Griffith, D. M. (2013). The experience of symptoms of depression in men vs women: Analysis of the National Comorbidity Survey Replication. JAMA Psychiatry, 70(10), 1100–1106. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2013.1985

Massoudi, P. (2013). Depression and distress in Swedish fathers in the postnatal period: prevalence, correlates, identification, and support [Dissertation]. University of Gothenburg, Gothenburg. https://gupea.ub.gu.se/bitstream/2077/32509/1/gupea_2077_32509_1.pdf

Mezulis, A. H., Hyde, J. S., & Clark, R. (2004). Father involvement moderates the effect of maternal depression during a child’s infancy on child behavior problems in kindergarten. Journal of Family Psychology, 18(4), 575–588. https://doi.org/10.1037/0893-3200.18.4.575

Paulson, J. F., & Bazemore, S. D. (2010). Prenatal and postpartum depression in fathers and its association with maternal depression: A meta-analysis. JAMA, 303(19), 1961–1969. https://doi.org/10.1001/jama.2010.605

Paulson, J. F., Dauber, S., & Leiferman, J. A. (2006). Individual and Combined Effects of Postpartum Depression in Mothers and Fathers on Parenting Behavior. Pediatrics, 118(2), 659–668. https://doi.org/10.1542/peds.2005-2948

Psouni, E., Agebjörn, J., & Linder, H. (2017). Symptoms of depression in Swedish fathers in the postnatal period and development of a screening tool. Scandinavian Journal of Psychology, 58(6), 485–496. https://doi.org/10.1111/sjop.12396

Psouni, E., & Eichbichler, A. (2019). Feelings of restriction and incompetence in parenting mediate the link between attachment anxiety and paternal postnatal depression. Psychology of Men & Masculinities. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/men0000233

Ramchandani, P. G., Domoney, J., Sethna, V., Psychogiou, L., Vlachos, H., & Murray, L. (2013). Do early father-infant interactions predict the onset of externalising behaviours in young children? Findings from a longitudinal cohort study. Journal of Child Psychology and Psychiatry, and Allied Disciplines, 54(1), 56–64. https://doi.org/10.1111/j.1469-7610.2012.02583.x

Ramchandani, P. G., Psychogiou, L., Vlachos, H., Iles, J., Sethna, V., Netsi, E., & Lodder, A. (2011). Paternal depression: An examination of its links with father, child and family functioning in the postnatal period. Depression and Anxiety, 28(6), 471–477. https://doi.org/10.1002/da.20814

Rice, S. M., Fallon, B. J., Aucote, H. M., & Möller-Leimkühler, A. M. (2013). Development and preliminary validation of the male depression risk scale: Furthering the assessment of depression in men. Journal of Affective Disorders, 151(3), 950–958. https://doi.org/10.1016/j.jad.2013.08.013

Rodgers, S., Grosse Holtforth, M., Müller, M., Hengartner, M. P., Rössler, W., & Ajdacic-Gross, V. (2014). Symptom-based subtypes of depression and their psychosocial correlates: A person-centered approach focusing on the influence of sex. Journal of Affective Disorders, 156, 92–103. https://doi.org/10.1016/j.jad.2013.11.021

Rominov, H., Giallo, R., Pilkington, P. D., & Whelan, T. A. (2018). Getting help for yourself is a way of helping your baby: Fathers’ experiences of support for mental health and parenting in the perinatal period. Psychology of Men & Masculinity, 19(3), 457–468. https://doi.org/10.1037/men0000103

Rutz, W. (1996). Prevention of suicide and depression. Nordic Journal of Psychiatry, 50(37), 61–67. https://doi.org/10.3109/08039489609099732

Schumacher, M., Zubaran, C., & White, G. (2008). Bringing birth-related paternal depression to the fore. Women and Birth, 21(2), 65–70. https://doi.org/10.1016/j.wombi.2008.03.008

Seidler, Z. E., Dawes, A. J., Rice, S. M., Oliffe, J. L., & Dhillon, H. M. (2016). The role of masculinity in men’s help-seeking for depression: A systematic review. Clinical Psychology Review, 49, 106–118. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2016.09.002

Strother, E., Lemberg, R., Stanford, S. C., & Turberville, D. (2012). Eating disorders in men: Underdiagnosed, undertreated, and misunderstood. Eating Disorders, 20(5), 346–355. https://doi.org/10.1080/10640266.2012.715512

World Health Organisation. (n.d.). Maternal mental health. https://www.who.int/mental_health/maternal-child/maternal_mental_health/en/

«Ich wollte doch nur helfen!»

Die sekundäre Posttraumatische Belastungsstörung – eine Berufskrankheit?

Nach Katastrophen und Unfällen liegt der Fokus auf den Opfern. Doch auch die Helfer*innen wurden mit dem traumatischen Ereignis konfrontiert und können Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln. Haben «Helfer-Berufe» also auch eine Schattenseite?

Von Julia Schmid
Lektoriert von Isabelle Bartholomä und Mandana Fröhlich 
Illustriert von Janice Lienhard

Das Auftreten von Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung, obwohl die Person selbst nicht das Opfer des Geschehens war, wird in der Literatur unter anderem als sekundäre Posttraumatische Belastungsstörung (sPTBS) bezeichnet (Reinhard & Maercker, 2004; Sabel & Roschinski, 2010). Mögliche Betroffene sind Zeug*innen und Helfer*innen bei Unfällen und Katastrophen, zum Beispiel Einsatzkräfte wie Polizist*innen, Feuerwehr- und Rettungspersonal (Klimley et al., 2018). Selbst Personen, die in der Situation nicht anwesend waren, sondern lediglich von dem traumatischen Ereignis wissen, können eine sPTBS entwickeln, beispielsweise Familienangehörige und behandelnde Psychotherapeut*innen (Pausch & Matten, 2018; Ehlert & Brönnimann, 2019). Entscheidend ist die Konfrontation mit mindestens einem traumatischen Ereignis, das einer anderen Person widerfahren ist, entweder als Zeug*in oder als Mitwisser*in (Andreatta & Unterluggauer, 2010). So reicht die Bandbreite der sekundär Betroffenen von helfenden Berufsgruppen in der Akutphase bis zu Anbietern längerfristiger, therapeutischer Angebote. Diese Berufsgruppen, die aufgrund ihrer Tätigkeit viel häufiger und stärker mit traumatischen Ereignissen konfrontiert werden, weisen somit ein höheres Risiko für die Entwicklung dieser Störung auf (Andreatta & Unterluggauer, 2010; Ehlert & Brönnimann, 2019). Während in der Allgemeinbevölkerung weniger als 3,5 Prozent an einer (s)PTBS leiden, zeigte ein Review mit 28 Studien eine Prävalenz von 10 Prozent bei Rettungskräften (Berger et al., 2012). In der Forschung fand diese Tatsache lange keine Beachtung. Die Aufmerksamkeit entstand erst durch die Erkenntnis, dass Menschen mit andauerndem, intensivem Kontakt zu Traumatisierten teilweise selbst ähnliche Symptome entwickeln (vgl. Reinhard & Maercker, 2004). Im beruflichen Alltag wird dieser Problematik jedoch immer noch zu wenig Beachtung geschenkt. Sowohl von den Arbeitnehmer*innen, als auch auf der Vorgesetztenebene (Sabel & Roschinski, 2010).

Ein Phänomen mit 24 Namen

Ein Grund für die mangelnde Beschäftigung in der beruflichen Praxis ist sicherlich die Begriffsverwirrung (Rixe, 2013). Neben sPTBS wird unter anderem auch von «sekundärer Traumatisierung», «berufsbedingter Traumatisierung» oder «Mitgefühlserschöpfung» gesprochen (Sabel & Roschinski, 2010; Andreatta & Unterluggauer, 2010). Lemke (2010) fand sogar 24 assoziierte Begrifflichkeiten.

«Ich bin Polizist und sitze am Schreibtisch. Gott sei Dank ist mein Arbeitsplatz der Schreibtisch.»

Quaas, 2010, S. 15

Selbst die sPTBS wird unterschiedlich definiert (Rixe, 2013). Umstritten ist, ob nur eine sPTBS vorliegt, wenn keine direkten sensorischen Eindrücke des Ausgangstraumas stattfanden, wie es beispielsweise bei Psychotherapeut*innen der Fall ist (Rixe, 2013). Die Forschung hat die entsprechende Erweiterung der PTBS Definition unterstützt. So macht dies seit der Veröffentlichung des DSM-5 faktisch keinen Unterschied mehr (Roden-Foreman et al., 2017). Unabhängig davon, ob die Konfrontation mit dem traumatischen Erlebnis direkt, indirekt, mit oder ohne sensorische Eindrücke erfolgt, wird eine PTBS diagnostiziert (APA, 2013).

Das Gleiche, aber nicht Dasselbe

Im Kontext ihrer Arbeit werden die gefährdeten Berufsgruppen im Gegensatz zu den Opfern meist erst nach dem eigentlichen Geschehnis dessen Folgen ausgesetzt (Reinhard & Maercker, 2004). Ihre Prognose ist aufgrund höherer Vorhersehbarkeit, Kontrolle und Erfahrung besser (Daniels, 2008). Sie sind gut ausgebildet, auf Extremsituationen vorbereitet (Sendera & Sendera, 2013) und wissen, wann sie sich in eine möglicherweise traumatische Situation begeben bzw. davon hören werden (Daniels, 2008). Sie können die Umstände besser kontrollieren (z. B. eine Therapiesitzung) und aufgrund ihres Fachwissens bei Symptomen einer sPTBS schneller reagieren. Der wichtigste Unterschied liegt wohl darin, dass ein indirekt erlebtes Trauma meist eine weniger starke Folgesymptomatik bedingt (Reinhard & Maercker, 2004). Generell werden bei den gefährdeten Berufsgruppen sehr hohe Prävalenzen für die einzelnen Symptomgruppen gefunden, nicht aber für eine umfassende Beeinträchtigung (Reinhard & Maercker, 2004; Klimley et al., 2018). Beispielsweise wurde bei Notfallmediziner*innen eine sPTBS Prävalenz von 13 Prozent festgestellt, wobei weitere 34 Prozent mindestens ein Symptomcluster auf klinischer Ebene aufwiesen (Roden-Foreman et al., 2017). Auch eine solche subklinische Störung kann jedoch das Funktionsniveau stark beeinträchtigen (Klimley et al., 2018).

Risiko- und Schutzfaktoren

Etwa jedem Zweiten widerfährt mindestens einmal in seinem Leben ein traumatisches Ereignis (Kessler et al., 1995), aus den gefährdeten Berufsgruppen fast jedem (Ehlert & Brönnimann, 2019). Dennoch entwickeln nicht alle eine sPTBS (Reinhard & Maercker, 2004). Traumatisierend sind Umstände, die zu einer Identifikation mit dem Opfer und damit zu emotionaler Überflutung führen, so beispielsweise, wenn die Situation an eigene Lebensumstände erinnert (z. B. Umfall eines Kindes, wenn man selbst Kinder hat) oder das Opfer persönlich gekannt wird (Sendera & Sendera, 2013). Nicht selten sind Menschen mit eigener Traumageschichte in helfenden Berufen zu finden. Diese Vorgeschichte wirkt zwar als Motivation, kann allerdings auch die Einhaltung der nötigen Distanz erschweren und eine sPTBS begünstigen (Sendera & Sendera, 2013).

«(…) als Verantwortliche muss ich mich dann vor Ort um alle Details kümmern; stressig, echt nervenaufreibend, die Leichen, oder das was noch übrig ist. (…) irgendwann steckst du das dann nicht mehr weg.»

Kriminalbeamtin aus Sabel & Roschinski, 2010, S. 35

Oft entsteht die sPTBS aber schleichend durch die Akkumulation vieler traumatischer Erlebnisse oder Informationen über einen längeren Zeitraum (Sabel & Roschinski, 2010). Die Anzahl und Schwere der traumatischen Ereignisse, die sogenannte Traumadosis, wird als Risikofaktor angesehen, obwohl nicht immer ein signifikanter Effekt gefunden wurde (Geronazzo-Alman et al., 2017). Möglicherweise können viele Erlebnisse im Sinne höherer Berufserfahrung immunisierend und somit auch schützend wirken (Reinhard & Maercker, 2004; Krutolewitsch et al., 2015). Weitere Risikofaktoren sind gemäss Schwarzer (2010) eine hohe Empathiefähigkeit ohne innerliche Distanz, hohe Dissoziationsneigung, fehlende Problemlöse- und emotionale Bewältigungsstrategien. Vor allem schlecht angepasstes Coping, wie Ablenkung, Selbstbeschuldigung und Substanzkonsum scheinen mit sPTBS assoziiert zu sein (Skeffington et al., 2017). Riessinger (2015) nennt als weitere Einflussfaktoren die allgemeinen Lebensumstände, wie Stress und die psychische Gesundheit, Merkmale des sozialen Umfeldes und demografische Faktoren. Burnout-Symptome werden als aufrechterhaltende und verstärkende Bedingungen vermutet (Reinhard & Maercker, 2004). Soziale Variablen, wie wahrgenommene soziale Unterstützung und Anerkennung, konnten dagegen als starke Schutzfaktoren identifiziert werden. Die Anpassung an ein traumatisches Erlebnis ist besser, wenn die Betroffenen das Gefühl haben, dass ihre Arbeit von der Gesellschaft wertgeschätzt wird (Krutolewitsch et al., 2015).

«There is a cost to caring.»

Figley, 1995

Die rote Liste der Risikoberufe

Die gefährdeten Berufsgruppen sind den traumatischen Ereignissen auf unterschiedliche Weise ausgesetzt (Krutolewitsch et al., 2015; Klimley et al., 2018). In der Forschung werden im Zusammenhang mit sPTBS vor allem Ersthelfer*innen, wie Rettungspersonal, Polizei und Feuerwehr genannt, da sie viele Stressoren gleichzeitig erleben (Berger et al., 2012). Einerseits tätigkeitsabhängige Belastungen, wie die Verantwortungsübernahme für das Leben von anderen, der Zeitdruck, die unvorhersehbaren, unkontrollierbaren, mehrdeutigen Situationen, Informationsüberflutung oder -mangel und der starke, kontinuierliche Entscheidungsdruck (z. B. wer als Erstes versorgt wird) (Andreatta & Unterluggauer, 2010; Sendera & Sendera, 2013). Und andererseits der extreme Stressor der Konfrontation mit leidenden, verletzten oder toten Menschen (Andreatta & Unterluggauer, 2010). Die Ersthelfer*innen müssen empathisch auf die Opfer und Angehörigen eingehen, eine Beziehung aufbauen und dennoch zum Selbstschutz eine gewisse Distanz wahren (Sendera & Sendera, 2013). Die Rolle des Helfers kann im Sinne übersteigerter Erwartungen zusätzlich zur Belastung werden (Andreatta & Unterluggauer, 2010). Falls es nicht möglich ist zu helfen, beispielsweise bei zu spätem Eintreffen, können irrationale Kognitionen und Schuldgefühle entstehen (Reinhard & Maercker, 2004). Darüber hinaus kann nicht nur die Katastrophe selbst, sondern auch das Versagen der Technik, des Teams oder der eigenen Person traumatisierend wirken (Sendera & Sendera, 2013).

Gleichzeitig sind Ersthelfer*innen aber gut ausgebildet und verfügen über eine Persönlichkeitsstruktur, die eine höhere psychische Belastung erlaubt als in der Allgemeinbevölkerung (vgl. Krampl, 2007; Ehlert & Brönnimann, 2019). Sie haben eine hohe Stresstoleranz, Sozialkompetenz und Kontrollüberzeugung, ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, einen ausgeprägten Ordnungssinn aber auch die Tendenz, die eigene Belastung zu bagatellisieren (Ehlert & Brönnimann, 2019).

Es hat sich klar gezeigt, dass Krankenwagenpersonal und Mitarbeiter des Notdienstes stärker von sPTBS betroffen sind und eine schlechtere psychische und körperliche Gesundheit aufweisen als Feuerwehr und Polizei (Berger et al., 2012; Krutolewitsch et al., 2015). Das Krankenwagenpersonal erlebt höheren Druck und Stress, muss auf mehr Notrufe reagieren und erlebt engeren Kontakt zu den Opfern. Dies kann die Identifizierung fördern und möglicherweise das Schuldgefühl verstärken, falls nicht geholfen werden konnte (Berger et al., 2012). Auch ungünstigere Coping-Strategien (z. B. vermehrter Alkoholkonsum) können verantwortlich sein (Teegen 2003). Polizisten sind in der Gruppe der Ersthelfer*innen die am wenigsten gefährdeten (Klimley et al., 2018). Möglicherweise handelt es sich bei Polizist*innen aufgrund strengerer Auswahlkriterien um eine resilientere Personengruppe (Berger et al., 2012). Bezüglich ehrenamtlicher Ersthelfer*innen liegen widersprüchliche Ergebnisse vor. Sie erleben vermutlich weniger soziale Unterstützung, können sich aber einfacher aus der Arbeit zurückziehen (Berger et al., 2012; Ehlert & Brönnimann, 2019).

Erschüttertes Selbst- und Weltbild

Ein gewisses Mass an Illusion hilft, unseren Alltag zu bewältigen und schützt vor der Konfrontation mit der eigenen Verwundbarkeit. Obwohl wir über den Tod, Gewalt usw. Bescheid wissen, schätzen wir unsere Umgebung als wohlwollend ein und gehen nicht davon aus, dass uns Schlimmes widerfahren wird. Die Geschehnisse der Welt werden als bedeutungsvoll und sinnhaft angesehen, was in der Annahme einer gerechten und kontrollierbaren Welt resultiert. Helfende Berufsgruppen vertrauen aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung auf ihr Team und ihre eigene Belastbarkeit. Die eigene Vulnerabilität wird durch das stereotype Bild des*r Held*in überdeckt. In der Auseinandersetzung mit traumatisierenden Ereignissen werden jedoch Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit erlebt. Die Grundannahmen über das Selbst und die Welt können dadurch erschüttert und die eigene Vulnerabilität und Hilflosigkeit vor Augen geführt werden, was eine sPTBS bedingen kann (Andreatta & Unterluggauer, 2010).

Die zweite in der Literatur häufig besprochene Berufsgruppe sind die Psychotherapeut*innen (Daniels, 2010). Die Auseinandersetzung mit traumatischen Erlebnissen anderer gehört zu ihrem Arbeitsalltag. Im Gegensatz zu den Ersthelfer*innen erlebt diese Gruppe keine direkten sensorischen Eindrücke des Ausgangstraumas. Es wird angenommen, dass meist erst die Kumulation von Erfahrungen der Ungerechtigkeit traumatischer Ereignisse, gepaart mit hoher Empathiefähigkeit traumatisierend wirkt (Andreatta & Unterluggauer, 2010). Die Datenlage ist aber widersprüchlich. Nur jede zweite Studie fand einen Zusammenhang zwischen der Traumadosis und der sPTBS bei Psychotherapeut*innen (Jurisch et al., 2009). Jurisch und Kollegen (2009) betonen daher, dass die generelle Warnung vor sPTBS bei Psychotherapeut*innen nicht gerechtfertigt ist und vermuten, dass die PTBS-Symptome dieser Berufsgruppe eher auf eigene traumatische Erfahrungen und die Traumafokussierung in der Therapie zurückzuführen sind. Weitere gefährdete Berufsgruppen sind Sozialarbeiter*innen, Kriminalbeamt*innen, Krankenpfleger*innen, Soldat*innen, Richter*innen, Lokomotivführer*innen, Seelsorger*innen und Pfarrer*innen (Sabel & Roschinski, 2010). Auch Journalist*innen und Anwält*innen werden als häufig von sPTBS Betroffene diskutiert (Ehlert & Brönnimann, 2019).

Fakt ist, dass die genannten Berufsgruppen häufig mit traumatischen Ereignissen oder Informationen darüber konfrontiert werden. Daraus resultiert ein hohes Risiko für die Entstehung einer (subklinischen) sPTBS. Die Forschung hat Risiko- aber auch Schutzfaktoren, sowie Eigenheiten der einzelnen Berufe aufgedeckt. Um die Betroffenen zu schützen und dafür zu sorgen, dass sie ihrer für die Gesellschaft überaus wertvollen Arbeit nachgehen können, muss der Fokus von den Opfern gelöst und weitere Forschung getätigt werden. Die Ergebnisse sollten dann in die Ausbildungen einfliessen, damit wann immer möglich, statt einem verzweifelten «Ich wollte doch nur helfen!», ein zufriedenes «Ich habe geholfen!» ertönen kann.


Zum Weiterlesen

Ehlert, U., & Brönnimann, R. (2019). Traumafolgestörungen bei gefährdeten Berufsgruppen. In G. H. Seidler, H. J. Freyberger, H. Glaesmer, & S. B. Gahleitner (Eds.). Handbuch der Psychotraumatologie. – 3. Aufl. Klett-Cotta.

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Literatur

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Zwanghaftes Horten

Wenn man den emotionalen Wert von Gegenständen inadäquat einschätzt

Zwanghaftes Horten oder Hoarding Disorder beschreibt eine Erkrankung, bei der Betroffene sich nicht von scheinbar wertlosen Dingen trennen können und auch die Neubeschaffung von oftmals wertlosen Dingen ein Problem darstellt. Im Folgenden wird das Krankheitsbild näher vorgestellt.

Von Sebastian Junghans
Lektoriert von Marie Reinecke und Laura Trinkler
Illustriert von Alba Lopez

Eigentlich wollte ich diesen Artikel mit einer Anspielung auf das Horten von Toilettenpapier – eine Tätigkeit, welcher nicht zu wenige unserer Mitmenschen zu Anfang der Corona-Pandemie nachgegangen sind – eröffnen. Eine Extremform des Sammelns und auch der Akquise neuer Gegenstände stellt zwanghaftes Horten dar. Was manche von uns schon in fragwürdigen Sendungen gesehen haben, ist ausserhalb der Reality-TV-Welt bitterer Ernst, welcher mit grossem Leidensdruck für die Betroffenen und ihr Umfeld verbunden ist. Zwanghaftes Horten findet im DSM-V eine eigene Diagnose, zuvor war es als eine Ausprägung einer Zwangsstörung definiert.

Krankheitsbild

Betroffene Personen zeichnen sich dadurch aus, dass sie anhaltende Schwierigkeiten haben, persönliche Gegenstände fortzugeben oder wegzuwerfen, unabhängig von ihrem tatsächlichen Wert. Sie haben das Gefühl, ihre Besitztümer aufbewahren zu müssen und erfahren massive Anspannung beim Versuch, sich der Besitztümer zu entledigen. Das Behalten von diesen wertlosen Dingen führt zu dem Bild, welches man von Messie-Wohnungen hat. Betroffene wohnen oftmals in einer überfüllten Wohnung, wovon viel Wohnbereich auch mit Müll okkupiert sein kann. Die Kriterien können auch bei einer aufgeräumten Wohnung zutreffen, wobei die Ordnung auf Dritte zurückgeführt werden können muss. Um die Kriterien des DSM-V für pathologisches Horten zu erfüllen, muss des Weiteren eine Beeinträchtigung im häuslichen, sozialen oder arbeitsbezogenen Alltag vorhanden sein (Külz & Voderholzer, 2018).

Im Unterschied zum Messie-Syndrom ist beim zwanghaften Horten häufiger die Akquirierung neuer Gegenstände Bestandteil der Krankheit. Personen mit dem Messie-Syndrom sind zudem nicht nur bei der Ordnung im Wohnbereich desorganisiert, sondern auch beim Einhalten von Terminen, der sozialen Einbindung und der Umsetzung von Handlungsplänen im Allgemeinen (Külz & Voderholzer, 2018).

Sammeln und auch Überfluss an Dingen liegt zu einem gewissen Grad in der menschlichen Natur (wie uns die Toilettenpapiersituation anno Corona zeigte). Das Sammeln von Dingen unterscheidet sich jedoch gegenüber Horten dahingehend, dass Sammeln nicht als das eigene Wohlergehen oder das Wohlergehen anderer als negativ beeinträchtigend gilt (Külz & Voderholzer, 2018).

Die Bindung an scheinbar wertlose Dinge an sich ist nichts Aussergewöhnliches. Gewisse Besitztümer können mit Personen oder Ereignissen in Verbindung gebracht werden und haben daher emotionalen Wert. Oder man identifiziert sich mit einem Gegenstand, so dass das Entledigen desselben sich wie die Vernichtung eines Teils seiner selbst anfühlt (Külz & Voderholzer, 2018). Während diese objektiv wertlosen Dinge mit grossem subjektiven Wert bei klinisch unauffälligen Personen dünn gesät sind, verspüren Betroffene diese Verbindungen zu einer Vielzahl von Dingen, wie alten Zeitschriften oder abgetragenen Kleidungsstücken.

Befundlage

Nordsletten und Kollegen (2013) fanden des Weiteren, dass Betroffene im Vergleich zu klinisch Unauffälligen signifikant häufiger Schulden hatten, geschieden oder verwitwet waren und häufiger staatliche Finanzhilfe in Anspruch nahmen. Zusätzlich wurde festgestellt, dass die körperliche Gesundheit bei Betroffenen schlechter war als die der Kontrollgruppe. Timpano und Kollegen (2011) berichteten, dass bei Nicht-Hortenden gelegentliches Stehlen mit 6.2 Prozent deutlich tiefer lag als bei pathologisch Hortenden mit 25.3 Prozent. Auch das impulsive Kaufen von Dingen oder das Mitnehmen von Gratisprodukten wurde bei pathologisch Hortenden häufiger festgestellt.

In einer retrospektiven Studie fanden Landau und Kollegen (2011) heraus, dass Personen, welche unter pathologischem Horten leiden, mehr stressige oder traumatische Ereignisse erlebt hatten als Personen mit einer Zwangsstörung oder aus der Kontrollgruppe. Die Exposition gegenüber traumatischen Ereignissen korrelierte dabei stark mit der Ausprägung des Hortverhaltens. Zwischen materieller Entbehrung in der Vergangenheit und Hortverhalten wurden keine signifikanten Zusammenhänge festgestellt.

Neurologische Grundlage

Tolin und Kollegen (2014) führten mit Personen, welche unter einer Zwangsstörung oder pathologischem Horten litten und Kontrollpersonen ein Experiment durch, in welchem die Probanden an einer Go/no-Go-Aufgabe teilnahmen. Bei dieser Aufgabe wurde mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Stimulus präsentiert, nach welchem von den Probanden die Reaktion gefordert wurde, einen Knopf zu drücken. Die Stimuli wurden in einer kurzen zeitlichen Abfolge präsentiert und alle 10-15 Sekunden wurde ein Stimulus präsentiert, bei dem keine Aktion gefordert war. Bei den Probanden zeigten sich unterschiedliche Hirnaktivierungen in Bezug auf die response inhibition. Bei den Studienteilnehmern, welche mit zwanghaftem Horten diagnostiziert worden waren, stellten die Forschenden im Vergleich zu den anderen Probanden eine Hypoaktivität im Frontalkortex fest. Dieses Muster konnte auch bei anderen Tests, bei welchen es nicht um das Behalten oder Wegwerfen von Dingen geht, festgestellt werden und könnte laut Tolin und Kollegen (2014) eine Erklärung für die beobachtbare, geminderte, allgemeine Motivation und das mangelhafte Einsichtsvermögen bei Betroffenen sein.

«Together, these regions are thought to be part of a functionally connected network of structures used to identify the emotional significance of a stimulus, generate an emotional response, and regulate affective state.»

Tolin et al., 2012, S. 838

In einer weiteren Studie von Tolin und Kollegen (2012) mussten Probanden in Bezug auf fremde und eigene wertlose Gegenstände entscheiden, ob sie weggeworfen oder behalten werden sollen. Bei den Probanden mit zwanghaftem Horten wurde eine vergleichsweise hohe Aktivität im anterioren cingulären Cortex sowie in der Insula festgestellt, wenn es um Entscheidungen bezüglich eigener Gegenstände ging. Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass sich die Entscheidungsschwierigkeit, welche Personen mit zwanghaftem Horten beim Wegwerfen von Besitztümern erfahren, neurologisch widerspiegeln. Die betroffenen Hirngebiete sind unter anderem bei Entscheidungsprozessen, Salienzbestimmung von Stimuli und emotionalen Entscheidungen von Bedeutung (Tolin et al, 2012). Zusammengefasst sind die neuronalen Strukturen, welche dazu dienen, Gegenständen einen emotionalen Wert adäquat beizumessen, eine emotionale Reaktion hervorzurufen und den affektiven Zustand zu regulieren, bei Menschen mit zwanghaftem Horten in Bezug auf Besitztümer auffällig.

Besserung der Symptomatik

In einer Metaanalyse fanden Tolin, Frost, Steketee und Muroff (2015) heraus, dass kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung von zwanghaftem Horten gute Resultate hervorbringt. Vor allem fällt es den Betroffenen nach einer Therapie leichter, sich von Dingen zu trennen und die Vermüllung des Wohnraumes nimmt ab. Eine vollständige Heilung im Sinne von Skalenergebnissen in Bezug auf Hortungsverhalten, welche dem Bevölkerungsdurchschnitt entsprechen, wird allerdings nicht erreicht.

Zwanghaftes Horten kann für direkt und indirekt Betroffene grossen Leidensdruck verursachen. Es geht mit spezifischen, neuronalen Mustern einher und unterscheidet sich explizit von einer Zwangsstörung. Die Häufigkeit der Erkrankung wird mit einer Prävalenz zwischen 2 Prozent bis 6 Prozent sehr unterschiedlich eingeschätzt (Timpano et al., 2011). Die Menschen, die dabei am stärksten betroffen sind, sind vermutlich die gleichen Personen, denen die Einsicht zu ihrem Problem fehlt (Nordsletten et al. 2013).


Zum Weiterlesen

Külz, A. K., & Voderholzer, U. (2018). Pathologisches Horten. Hogrefe Verlag. https://doi.org/10.1026/02785-000

Tolin, D. F., Witt, S. T., & Stevens, M. C. (2014). Hoarding disorder and obsessive–compulsive disorder show different patterns of neural activity during response inhibition. Psychiatry Research: Neuroimaging, 221, 142-148. https://doi.org/10.1016/j.pscychresns.2013.11.009

Literatur

Landau, D., Iervolino, A. C., Pertusa, A., Santo, S., Singh, S., & Mataix-Cols, D. (2011). Stressful life events and material deprivation in hoarding disorder. Journal of Anxiety Disorders, 25, 192-202. https://doi.org/10.1016/j.janxdis.2010.09.002

Nordsletten, A. E., Reichenberg, A., Hatch, S. L., de la Cruz, L. F., Pertusa, A., Hotopf, M., & Mataix-Cols, D. (2013). Epidemiology of hoarding disorder. The British Journal of Psychiatry, 203, 445-452. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.113.130195

Timpano, K. R., Exner, C., Glaesmer, H., Rief, W., Keshaviah, A., Brahler, E., & Wilhelm, S. (2011). The epidemiology of the proposed DSM-5 hoarding disorder: Exploration of the acquisition specifier, associated features, and distress. The Journal of Clinical Psychiatry, 72, 780-786. https://doi.org/10.4088/JCP.10m06380

Tolin, D. F., Frost, R. O., Steketee, G., & Muroff, J. (2015). Cognitive behavioral therapy for hoarding disorder: A meta-analysis. Depression and Anxiety, 32, 158-166. https://doi.org/10.1002/da.22327

Tolin, D. F., Stevens, M. C., Villavicencio, A. L., Norberg, M. M., Calhoun, V. D., Frost, R. O., Steketee, G., Rauch, S. L., & Pearlson, G. D. (2012). Neural mechanisms of decision making in hoarding disorder. Archives of General Psychiatry, 69, 832-841. https://doi.org/10.1001/archgenpsychiatry.2011.1980

Psychopathie und Machiavellismus

Mehr oder weniger das Gleiche?

Psychopathie und Machiavellismus sind beides zwei Persönlichkeitsmerkmale der Dark Triad. Auch sonst haben sie viele Gemeinsamkeiten und nur sehr wenige Unterschiede. Sind sie nur ein Produkt uneinsichtiger Forschung oder sind sie tatsächlich zwei voneinander unabhängige Traits?

Von Marcia Arbenz und Sophia Scheele
Lektoriert von Loana Brestel und Niko Läderach
Illustriert von Andrea Bruggmann

Das Konzept der Dark Triad wurde 2002 von Paulhus und Williams begründet. Sie fassten drei Persönlichkeitsmerkmale zusammen: Psychopathie, Machiavellismus und Narzissmus. Diese drei Merkmale wurden gewählt, da sie einander ähnlich sind (personal communication with D.L. Paulhus, 2020), beispielsweise im Ausnutzen anderer Personen (Jonason et al., 2009). Doch bald schon entbrannte eine Diskussion, ob diese drei Merkmale nicht zu ähnlich sind. Besonders Psychopathie und Machiavellismus sind oftmals nicht distinkt. Eine Zusammenfassung.

Das grösste Übel: Psychopathie

Eine psychopathische Person besitzt eine antagonistische Persönlichkeit, die sich durch Manipulationen, egoistisches Verhalten und Gefühlslosigkeit auszeichnet (Furnham et al., 2013; Jones & Figueredo, 2013). Zudem zeigt sie impulsives, riskantes, thrill-seeking Verhalten und besitzt wenig Empathie, wie auch Ängste (Glenn & Sellbom, 2015; Paulhus & Williams, 2002; Vize et al., 2018). Mitleid sucht man bei ihr vergeblich. Hinzu kommen ein schlechtes Urteilsvermögen und pathologischer Egozentrismus (Cleckley, 1988). Trotz dieser kaum wünschenswerten Eigenschaften wirken psychopathische Personen oft sympathisch, da sie einen aussergewöhnlichen Charme besitzen (Cleckley, 1988). Im Allgemeinen wird Psychopathie als das Übelste der Dark Triad bezeichnet (Furnham et al., 2013). Mit der Psychopathie entstehen zahlreiche ungünstigste Folgen. Beispielsweise haben diese Personen oft Probleme mit dem Gesetz (Williams et al., 2001) und betreiben Mobbing und Cybermobbing (Goodboy & Martin, 2015; Williams et al., 2001). Oft sind sie auch in den höheren Führungsebenen zu finden (Boddy, 2011; Chiaburu et al., 2013), benutzen harte Manipulationstechniken wie Erpressung (Jonason et al., 2012; Spain et al., 2014) und zeigen Counterproductive workplace behaviour (CWB), wie das Fällen von unethischen Entscheidungen, Unehrlichkeit oder Betrug (Schilbach et al., 2020). Auch in romantischen Beziehungen zeigen sie auffälliges Verhalten. So haben sie generell eine höhere Anzahl an Sexualpartner*innen, sind eher untreu und machen sich oft der sexuellen Belästigung schuldig (Muris et al., 2017; Williams et al., 2005). Sie sind äusserst missbräuchlich wie auch unvorhersehbar in Einstellungen und Verhalten (Williams et al., 2005).

Doch wie misst man diese Einstellungen und Verhaltensweisen? Es gibt einige Messinstrumente für Psychopathie, beispielsweise die Self-Report Psychopathy scale (SRP, Paulhus et al., 2014). Diese basiert auf der Psychopathy Check-List (Hare, 1991), dem Goldstandard für klinische Psychopathie. Die 64 Items lassen sich in vier Faktoren unterteilen: unbeständiger Lebensstil (bspw. «I enjoy taking risk»), interpersonelle Manipulationen (bspw. «It’s fun to see how far you can push people before they get angry»), gleichgültiger Affekt (bspw. «I am often rude to people») und kriminelle Tendenzen (bspw. «I avoid paying for things, such as movies, bus or train») (Muris et al., 2017). Zudem gibt es Fragebögen, wie die Dirty Dozen (DD, Jonason & Webster, 2010), die alle drei Merkmale der Dark Triad erfassen. Die psychometrischen Eigenschaften der Dirty Dozen sind jedoch sehr umstritten (Jonason & Webster, 2010; Lee et al., 2013). Vorgeworfen wird der Skala unter anderem, dass sie durch repetitive Formulierungen künstlich die Reliabilität erhöht (Credé et al., 2012) und dass die Korrelationen zwischen den einzelnen Persönlichkeitseigenschaften zu hoch sind (Jonason & Webster, 2010). Die Short Dark Triad (SD3, Paulhus & Jones, 2015) wird im Allgemeinen besser bewertet, jedoch scheinen auch hier noch weitere Untersuchungen nötig zu sein (Furnham et al., 2014). Ein mögliches Problem der SD3 ist, dass sich die Items für Psychopathie auf Verhalten fokussieren (bspw. «I’ll say anything to get what I want», Jones & Paulhus, 2015, p. 569)), während die Items für Machiavellismus Einstellungen erheben («Most people can be manipulated», Jones & Paulhus, 2015, p. 569). Diese Trennung zwischen Verhalten und Einstellung der beiden Merkmale ist jedoch frei von der theoretischen Grundlage.

Ein anderes Übel: Machiavellismus

Machiavellismus ist wie die Psychopathie durch eine antagonistische Persönlichkeit und durch Manipulationen, Gefühlskälte und Egoismus gekennzeichnet (Furnham et al., 2013; Jones & Figueredo, 2013). Doch während Psychopathie durch klinische Beobachtungen entwickelt wurde, stammt Machiavellismus von einer historischen Figur und dessen Buch ab. Niccolo Machiavelli schrieb das Buch «Der Fürst», in dem Ratschläge erteilt werden, wie man durch Manipulationen Macht gewinnen und erhalten kann. Aussagen wie «When they believe no longer, it may be possible to make them believe by force» (Machiavelli, 2001, p. 30) oder «It is much safer to be feared than loved, when, of the two, either must be dispensed with» (Machiavelli, 2001, p. 66) zeigen den manipulativen Führungsstil auf, den Machiavelli vorschlägt. Die kalten, explorativen und manipulativen Aussagen des Buchs wiederspiegeln die Charakteristika des Machiavellismus (Glenn & Sellbom, 2015). Personen mit Machiavellismus sind unaufrichtig und beuten andere Menschen für ihren eigenen Gewinn aus (Christie & Geis, 1970). Dabei können sie ihre Impulse kontrollieren und besitzen einen langfristigen Fokus (Jones & Paulhus, 2009; Rauthmann, 2011). Sie sind vorsichtig und kontrolliert (Jones & Paulhus, 2009). Zudem sind sie in ihrem Verhalten flexibel (Bereczkei, 2015), können sich also an neue Umstände gut anpassen. Auch sie haben psychopathische Züge (Muris et al., 2017) und Probleme mit Gewalt, Aggressionen und kriminellen Tendenzen (DeLisi, 2009). Im Arbeitskontext zeigt eine Person mit Machiavellismus einen autoritären und missbräuchlichen Führungsstil (Kiazad et al., 2010). Dabei zeigen sie einen weichen Manipulationsstil, und Counterproductive workplace behaviour (Jonason et al., 2012). In anderen Worten: Machiavellismus ist ein weiteres Übel.

«The close relation between Machiavellianism and psychopathy is not surprising given that both traits are indicative of malicious interpersonal behaviour»

Muris et al., 2017, p. 188

Es gibt unzählige Fragebögen, die Machiavellismus erfassen. Ein Beispiel dafür ist die MACH-V scale (Christie & Geis, 1970). Die 20 Items erfassen drei Faktoren: manipulative Taktiken («It is wise to flatter important people»), zynische Sicht auf die menschliche Natur («Anyone who completely trusts anyone is asking for trouble») und Missachtung konventioneller moralischer Ansichten («Sometimes one should take action even when one knows that it is not morally right»). Die Validität der MACH-V scale hängt generell von der Korrelation mit den Subskalen der Short Dark Triad und der Dirty Dozen ab (Christie & Geis, 1970).

Viele, viele Gemeinsamkeiten

Beim Lesen der Zusammenfassungen der beiden Persönlichkeitsmerkmale mögen bereits einigen die vielen Gemeinsamkeiten der Beiden aufgefallen sein. Kein Wunder also, dass die beiden Merkmale in vielen Studien hoch miteinander korrelieren (Muris et al., 2017; O’Boyle et al., 2015; Vize et al., 2018). Machiavellismus korreliert auch mit den Subfaktoren von Psychopathie (Jakobwitz & Egan, 2006; McHoskey et al., 1998). Im Allgemeinen zeigte eine Faktorenanalyse, dass alle drei Merkmale der Dark Triad mit einem einzigen Faktor korrelieren (Hodson et al., 2009; Jonason & Webster, 2010). Insgesamt gibt es jedoch grosse Unterschiede zwischen den Studien, basierend auf den verschiedenen Messmethoden und Probanden, die verwendet wurden (Furnham et al., 2014). Vor allem scheinen die Fragebögen ein Problem darzustellen: einige inkludieren fälschlicherweise Aspekte des anderen Merkmals oder Fragebögen für Psychopathie und Machiavellismus beinhalten fast identische Items (Glenn & Sellbom, 2015; Kavish et al., 2019). Neben den Methoden überlappen auch die Konzepte der beiden Persönlichkeitsmerkmale (Paulhus & Williams, 2002; Vize et al., 2018). Dies könnte das Produkt der Forschung sein, die sich jeweils nur auf ein Merkmal fokussiert und dieses expandieren, ohne dabei auf andere Merkmale Rücksicht zu nehmen (Jones & Paulhus, 2011a). Den beiden Autorinnen dieses Artikels ist zudem aufgefallen, dass in den unterschiedlichen Studien zu Psychopathie und Machiavellismus nie eine standardisierte Definition für die Merkmale verwendet wurde. Dies erschwert vermutlich eine klare Abgrenzung und einen wissenschaftlichen Diskurs noch zusätzlich.

Wieso gibt es Psychopathie?

Es mag einem schleierhaft vorkommen, wie es möglich ist, dass sich die Psychopathie in der Natur durchsetzen konnte. Schliesslich scheinen psychopathische Personen ihrem Umfeld nur zu schaden (Paulhus & Williams, 2002). Doch eine evolutionäre Sicht bietet eine mögliche Erklärung. Es wird vorgeschlagen, dass Psychopathie einen Überlebens- und Reproduktionsvorteil schafft (Krupp et al., 2013). Die Personen würden eine cheater strategy benutzen, in dem sie andere Individuen ausnutzen (Hare, 1996). Der Erfolg dieser Strategie hängt jedoch von der Häufigkeit des Merkmals ab (Walker & Jackson, 2017). Nur wenn wenige Personen sie benutzen, ist sie erfolgreich. Der Grund dafür ist, dass die Strategie von der Gutmütigkeit der Mehrheit anderer Personen abhängt, welche psychopathische Personen nicht besitzen (Walker & Jackson, 2017). Wenn zu viele Menschen Psychopathie aufweisen würden, gäbe es niemanden zum Ausnutzen.

Es gibt noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen Psychopathie und Machiavellismus. Beide Persönlichkeitsmerkmale beinhalten substantielle, genetische Komponenten (Petrides et al., 2011; Vernon et al., 2008; Veselka et al., 2011) und treten häufiger bei Männern als bei Frauen auf (Cale & Lilienfeld, 2002). Beide stehen in Verbindung zu moralischen Problemen und antisozialen Taktiken (Muris et al., 2017), wie auch zu emotionalen und empathischen Defiziten (Ali et al., 2009; Andrew et al., 2008; Barlow et al., 2010). Neben zahlreichen weiteren gemeinsamen Korrelationen, zeichnen sich die Merkmale auch durch ein ähnliches Profil in anderen Persönlichkeitstheorien wie dem Five Factor Model (Paulhus & Williams, 2002), dem HEXACO Model (Spain et al., 2014) und dem Interpersonal Circumplex Model (Jones & Paulhus, 2011a) aus.

Es wird in verschiedenen Quellen diskutiert, ob Psychopathie und Machiavellismus nicht denselben Kern beinhalten. Jedoch herrscht nach wie vor Uneinigkeit, was dieser Kern sein sollte. Vorgeschlagen wird Kaltherzigkeit und Manipulation (Jones & Figueredo, 2013), Böswilligkeit (Muris et al., 2017) oder das Fehlen von Empathie (Wai & Tiliopoulos, 2012). Andere behaupten, dass Psychopathie und Machiavellismus dasselbe sind (Miller et al., 2017). Wiederum andere vermuten eine hierarchische Struktur, wobei Machiavellismus eine Untereigenschaft wäre (Glenn & Sellbom, 2015) oder Psychopathie den dominanten Faktor darstellt (Muris et al., 2017). Andere vermuten, dass Machiavellismus als sekundäre Psychopathie gehandhabt werden sollte (Glenn & Sellbom, 2015; Vize et al., 2018).

Drei grosse Unterschiede

Trotz all dieser Gemeinsamkeiten gibt es auch ein paar Unterschiede. Insbesondere lassen sich drei Unterschiedlichkeiten vermerken: Impulsivität, Verhaltensflexibilität und Zeitorientierung.
Während psychopathische Menschen sehr impulsiv sind und somit auch Defizite in der Selbstkontrolle aufweisen (Hare, 1991; Jones & Paulhus, 2011b), besitzen Personen mit Machiavellismus eine Impulskontrolle (Jones & Paulhus, 2009). Generell sind Individuen mit Psychopathie dysfunktional impulsiv – das heisst, sie besitzen die Fähigkeit in Situationen schnell zu reagieren, in denen es nicht von Vorteil ist (Dickman, 1990). Damit in Zusammenhang stehen auch schlechte Selbstkontrolle, Rücksichtslosigkeit und Defizite in Vermeidungsorientierung (Brunas-Wagstaff et al., 1995). Der Link zwischen Psychopathie und Impulsivität lässt sich auch anhand des Behavioral Inhibition System (BIS) und Behavioral Activation System (BAS) aufzeigen. Das BIS kennzeichnet sich durch eine Sensitivität für Bestrafungen und Neuheiten, während das BAS eine Sensitivität und Strebung nach Belohnung beinhaltet (Gray, 1982). Psychopathie ist assoziiert mit einer niedrigeren Sensitivität für Bestrafung und einem höheren Fokus auf Belohnung (Carver & White, 1994). Dahingegen korreliert Machiavellismus entweder mit keinem der beiden Systeme (Neria et al., 2016), nur mit dem BIS (Jonason & Jackson, 2016) oder nur mit dem BAS (Stenason & Vernon, 2016) . Dadurch, dass Personen mit Machiavellismus sensitiver auf Bestrafungen sind, lässt sich eine Erklärung für den Unterschied zur Impulsivität erahnen.

Der zweite Unterschied, die Verhaltensflexibilität, beinhaltet erneut ein Defizit auf Seiten der Psychopathie. Personen mit Psychopathie fehlt diese Flexibilität und sie besitzen einen kurzsichtigen Fokus (Bereczkei, 2015). Individuen mit Machiavellismus können ihr Verhalten verändern, so dass sie sich an externale Faktoren anpassen. Dadurch können sie allfällige Bestrafungen oder Belohnungen in ihre Entscheidungsfindung miteinbeziehen (Bereczkei, 2015). Mehrere Studien belegen, dass die Versuchspersonen mit hohen Werten in Machiavellismus sich nur dann egoistisch verhalten, wenn sie wissen, dass sie für ihr Verhalten nicht bestraft werden können (Bereczkei, 2015; Spitzer et al., 2007). Sobald diese Garantie nicht mehr gewährleistet wurde, verhielten sie sich nicht länger egoistisch. Gleichzeitig verhielten sich dieselben Personen prosozial, falls es mit ihren persönlichen Zielen übereinstimmte (Spitzer et al., 2007). In anderen Studien konnte das Fehlen von Verhaltensflexibilität bei psychopathischen Personen durch die Assoziation mit passivem Vermeidungslernen aufgezeigt werden. Menschen mit Psychopathie verfolgten weiterhin ihr Ziel, auch wenn es Hinweise für eine allfällige Bestrafung gab (Smith & Lilienfeld, 2015). In älteren Studien wurden ähnliche Ergebnisse gefunden (Lykken, 1957; Newman & Kosson, 1986).

«Overall, despite some differences in the theoretical descriptions of psychopathy and Machiavellianism, relatively few empirical differences have emerged. »

Miller et al., 2017, p. 440

Beide dieser Unterschiede, Impulsivität und Verhaltensflexibilität, stehen in Zusammenhang mit der letzten Unterscheidung: der Zeitorientierung. Während psychopathische Personen kurzzeitige Orientierung aufweisen, fokussieren sich Personen mit Machiavellismus auch auf langzeitige Ziele (Jones & Paulhus, 2011b).

Ein paar weitere Unterschiede lassen sich erwähnen. Psychopathie und Machiavellismus korrelieren mit unterschiedlichen Arten der Manipulation. Während Psychopathie mit harten Manipulationstaktiken, wie beispielsweise Drohungen, in Verbindung steht, ist Machiavellismus mit weichen Manipulationen, wie das Anbieten von Gefälligkeiten, assoziiert (Jonason et al., 2012). Des weiteren spannen psychopathische Individuen eher jemand anderem den*die Partner*in aus, werden aber auch öfters für andere Personen verlassen (Jonason et al., 2010). Machiavellismus hingegen ist assoziiert mit einem vermeidenden Bindungsstil (Ináncsi et al., 2015). Personen mit Machiavellismus sind dadurch eher distanziert gegenüber anderen Personen und vermeiden emotionale Verpflichtungen (Christie & Geis, 1970) im Vergleich zu Menschen ohne Machiavellismus. Dadurch formen sie strategische Allianzen und versuchen einen positiven Ruf zu wahren (Jones & Paulhus, 2011b). Psychopathische Personen hingegen sind durch ihre Impulsivität leichtfertiger darin andere zu verlassen und achten nicht auf ihren Ruf (Hare & Neumann, 2008).

Kein Ende in Sicht?

Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Psychopathie und Machiavellismus sind also mannigfaltig. Hinzu kommt, dass die beiden Persönlichkeitsmerkmale in unterschiedlichen Kontexten untersucht werden. Psychopathie findet man oft in klinischen Studien wieder (Miller et al., 2017), während Machiavellismus oft in der Sozialpsychologie, Persönlichkeitspsychologie oder in der Arbeits- und Organisationspsychologie studiert wird (D’Souza & Jones, 2017). Das macht freilich ein abschliessendes Urteil, ob die beiden Merkmale zwei distinkte Konstrukte oder doch nur ein Persönlichkeitsmuster sind, nicht einfacher. Hinzu kommen die methodischen Mängel. Das Fehlen von standarisierten Definitionen und die oftmals ungenügenden psychometrischen Werte der Instrumente (Miller et al., 2017) lassen kaum ein Ende der Diskussion in Sicht kommen. Vorerst mögen die Unterschiede zwischen Psychopathie und Machiavellismus ausreichen, um von zwei distinkten Persönlichkeitsmerkmalen auszugehen.


Zum Weiterlesen

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Mehr gemeinsam, weniger einsam

Angehörigenarbeit als zentraler Faden im Versorgungsnetz psychisch erkrankter Menschen

Psychische Störungen bergen Leid, in dessen Schatten häufig die Angehörigen stehen. Die Angehörigenarbeit beschäftigt sich damit, diese versteckten Belastungen des Umfelds anzugehen. Verschiedene Studien weisen auf theoretisch fundierte Ansätze und deren praktische Präsenz und Wirksamkeit hin.

Von Hannah Löw
Lektoriert von Vera Meier und Zoé Dolder 
Illustriert von Hannah Löw

«Es hat sich viel geändert seit der Ersterkrankung meiner Tochter vor 22 Jahren. Damals wurde uns beiden gesagt, sie werde niemals mehr ein ‹normales› Leben führen können. Eine Schizophrenieerkrankung mache das unmöglich […]. Ich hätte gerne gewusst, wie lange die Behandlung in etwa dauern würde und was ich als ihre Mutter dazu beitragen kann, damit sie schneller wieder gesund wird. […] Stattdessen wurde mir etliche Male gesagt, es sei nicht gut, wenn ich meine Tochter so oft besuchen würde, schlimmer noch: Dass man zuerst herausfinden müsse, ob ich ihr guttue oder eher nicht. […]. Ich fühlte mich in dieser Zeit sehr alleine, unverstanden, schuldig gesprochen, immer und immer wieder, und zwar vom ganzen Umfeld.»

Weibel, 2019, S. 9

Die Alltagslast der Angehörigen

Mit siebzehn Jahren erfüllte die Tochter von Franca Weibel erstmals die Diagnosekriterien einer Schizophrenie. In ihrem Beitrag für das Fachmagazin für psychiatrisch Tätige des Vereins Netzwerk für Angehörigenarbeit Psychiatrie (NAP) gibt sie einen Einblick in ihren persönlichen Leidensdruck als Angehörige. Obwohl sie sich während den ersten akuten schizophrenen Episoden ihrer Tochter nach eigenem Bericht einsam gefühlt hat, steht sie mit der Last als Angehörige eines psychisch erkrankten Menschen nicht alleine da (NAP, 2019). Das Bundesamt für Gesundheit (2019) stellt fest, «psychische Krankheiten erschweren den Alltag vielseitig. Sie belasten die Angehörigen» und hebt damit in der Einführung seines Beitrags über psychische Erkrankungen die weit verbreitete Belastung von Angehörigen psychisch erkrankter Personen hervor. Daraus lässt sich schliessen, dass eine Unterstützung im psychiatrischen und psychotherapeutischen Rahmen über den*die Patient*in hinaus gehen und die Angehörigen ebenfalls abholen sollte. Nicht nur für die Angehörigen selbst ist die Einbettung in den Therapieprozess wichtig, sondern auch für die erkrankte Person bedeutet dies eine erhöhte Chance, dass eine Behandlung ihre gewünschte Wirkung zeigt (Troxler, 2005).
In Bezug auf das Versorgungsnetz von Patient*innen mit Essstörungen beispielsweise begründen Zitarosa und Kolleg*innen (2012) die Wichtigkeit des Einbezugs der Angehörigen darin, dass die Patient*innen einen Grossteil ihrer Zeit im privaten Umfeld verbringen und nicht in stationären psychiatrischen oder psychotherapeutischen Kliniken. Somit ruht ein beträchtlicher Teil der Krankheitslast nicht auf professionellen Schultern, sondern auf jenen der Angehörigen der Patient*innen. Weiter sind auch Angehörige von Menschen mit einer Alkoholkonsumstörung grossen Belastungen ausgesetzt; sie werden auch als «Ko-Problemträger*innen» bezeichnet (Spohn, 2014). Auch in Bezug auf die Behandlung von Patient*innen einer Störung des schizophrenen Spektrums wird die Wichtigkeit einer frühen Integration der Angehörigen hervorgehoben (Bäuml & Pitschel-Walz, 2020).

Verschiedene Autor*innen sind sich also dahingehend einig, dass die Angehörigen von Personen mit verschiedenen psychischen Krankheiten in ihrem Alltag hohen Belastungen ausgesetzt sind. Doch inwiefern können psychiatrische und psychotherapeutische Kliniken neben den Patient*innen auch die Angehörigen praktisch unterstützen und einbeziehen?

Eine Lücke im System?

In einer etwas weiter zurückliegenden Studie an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität am Bezirksklinikum Regensburg, Deutschland, untersuchten Schmid, Spiessl und Klein (2006) die praktisch durchgeführte Angehörigenarbeit und setzten diese in einen Vergleich mit den Vorgaben der dort geltenden Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) in den Behandlungsbereichen A1-A6 [siehe Kästchen 3]. Die Autor*innen befragten acht Psycholog*innen und 25 Assistenzärzt*innen mittels Fragebögen. Lediglich 52.3% der Angehörigen der am Erhebungstag behandelten 390 Patient*innen führten ein Gespräch mit den behandelnden Fachpersonen. Die restlichen 47.7% der Angehörigen erhielten zum Erhebungszeitpunkt der Studie keine gesprächsbasierte Unterstützung und wurden nicht in die Behandlung miteinbezogen. Schmid, Spiessl und Klein (2006) schlussfolgern daraus, dass eine unzureichende Versorgung der Angehörigen vorliege. Die Ursache dieser Lücke in der Angehörigenarbeit scheint ein Zeitmangel zu sein; auf Kosten der adäquaten Angehörigenarbeit und des direkten Patientenkontakts wird zunehmend mehr Zeit für Dokumentations- und Administrationsarbeiten aufgewendet (Schmid, Spiessl & Klein, 2006).

Auch die Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) Bern erwähnen in ihrem Konzept für die Angehörigenarbeit Mängel in der praktischen Durchführung der Angehörigenarbeit; diese Lücken im System gelten nach den UPD sowohl für den akutpsychiatrisch-stationären Bereich als auch für ambulante Behandlungen in der Schweiz (Troxler, 2005).

Dreizehn Jahre später berichtet der Verein NAP von einer wachsenden Wichtigkeit der Angehörigenarbeit in verschiedenen nationalen psychiatrischen Institutionen (Scherer, 2020). Lampert (2018) berichtete in einem Vortrag am ersten nationalen Patientenkongress in Bern, dass im Jahr 2017 durch den Verein NAP 1’887 Beratungen mit Angehörigen psychisch erkrankter Menschen stattgefunden haben. Im Vergleich zu den Jahren davor zeigt sich eine steigende Tendenz der vollzogenen Beratungsgespräche mit Angehörigen (Lampert, 2018). Worin sich die hier aufgeführten Autor*innen einig sind, ist die zentrale Rolle und Notwendigkeit der Angehörigenarbeit in der Behandlung von Menschen, welche die Diagnosekriterien einer psychischen Störung erfüllen.

«Jede Anstrengung, Angehörige respektvoll in die Hilfe einzubeziehen, ist begrüssenswert. Mit dem Einbezug […] kann eine psychiatrische Behandlung als eine Dienstleistung am ‹System› verstanden werden.»

Lampert, 2018, S. 37

Der Verein NAP zeigt in seinem Magazin für psychiatrisch Tätige, dass die Angehörigenarbeit in der Schweiz durchaus besteht und angewandt wird (Scherer, 2020). Die Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) haben zum Beispiel eine eigens für Angehörige eingerichtete Fachstelle und bieten dadurch Eltern, Kindern und ganzen Familien verschiedene kostenlose Beratungsangebote. Damit Angehörige die Dienste nutzen können muss die betroffene Person, die an einer psychischen Störung erkrankt ist, nicht einmal bei den PDAG in Behandlung sein (Scherer, 2020). Die Kontaktinformationen zu diesem Angebot sind im Infokästchen 1 zu finden.

Das Ziel des Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie (NAP)

Der Verein bezweckt die Vernetzung von in der Angehörigenarbeit tätigen Fachleuten und Professionalisierung der Angehörigenarbeit in der psychiatrischen Versorgung.

Die Aufgaben des Vereins sind unter anderem:

  • Erhöhung des Stellenwertes der Angehörigenarbeit in der psychiatrischen Versorgung und Förderung des Wissens unter Fachpersonen
  • Formulierung und Verbreitung von erfahrungsbasierten Empfehlungen für qualitativ gute Angehörigenarbeit

Wurzeln und Flügel der Angehörigenarbeit

Troxler (2005) ordnet den Beginn der Angehörigenarbeit in die 1980er Jahre ein. Das erklärte Ziel dieser Arbeit war bereits damals der Einbezug von Angehörigen der Patient*innen im klinisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich und in diesem Zusammenhang auch die Senkung der Rezidivrate der Patient*innen.

Zur Erreichung dieses Ziels kommt der Psychoedukation eine wichtige Bedeutung zu. Sie beinhaltet nach Bäuml und Pitschel-Walz (2020) die Weiterbildung im Wissen über psychische Störungen und somit das Herausführen aus einer vorhandenen Informationslücke. Hierbei gilt in Bezug auf das Vermitteln von Wissen an Angehörige, dass es einen «Brückenschlag zwischen dem professionellen ‹Know-how› und dem subjektiven ‹So now?› der Betroffenen» bildet (Bäuml & Pitschel-Walz, 2020, S. 113). Weiter dient auch das sogenannte Trialog-Vorgehen, wobei Patienten*innen, Angehörige und behandelnde Fachpersonen gemeinsam im Austausch stehen, als Mittel zur Integration der Angehörigen in die psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung der Patient*innen (Troxler, 2005).

Ein klassisches Setting der Angehörigenarbeit bildet die Familientherapie. Diese kann zu multiplen Familientherapiegruppen erweitert werden, in denen die Patient*innen selbst nicht zwingend anwesend sein müssen. Die Angehörigenarbeit kann also in An- aber auch in Abwesenheit der*des betreffenden Patient*in erfolgen.

Die PsychPV ist eine im Jahr 1991 eingeführte Verordnung in Deutschland, die Richtlinien für den stationären Behandlungsbedarf psychisch erkrankter Menschen im volljährigen Alter vorgibt. A1 bis A6 bilden verschiedene Behandlungsbereiche innerhalb der PsychPV (Schmid, Spiessl und Klein, 2006).

Eine mögliche Behandlungsmodalität bei Krankheiten aus dem schizophrenen Spektrum bildet die bifokale Gruppenarbeit, wobei eine Angehörigengruppe und parallel dazu eine psychoedukative Patient*innengruppe angeleitet wird (Bäuml & Pitschel-Walz, 2020).

Bei Essstörungen scheint die Angehörigeninterventionstudie (ANGIS) von Zitarosa und Kolleg*innen (2012) ein vielversprechendes, psychoedukatives Setting für Angehörige von Menschen mit Essstörungen zu bieten. In fünf Sitzungen lernen die Teilnehmenden des ANGIS-Programms kognitiv-verhaltenstherapeutische Techniken kennen, die zum einen Informationen rund um die spezifische Essproblematik bieten und zum anderen auch sogenannte Skills für den Alltag vermitteln. So lernen Angehörige von Menschen mit Essstörungen bestimmte störungsbedingte Situationen besser einzuordnen und wie sie diese konstruktiver überwinden können. Zudem beinhaltet das ANGIS-Programm auch ein Kommunikationstraining, das einen konfliktfreieren Umgang zwischen Angehörigen und den Betroffenen einer Essstörung ermöglichen soll. Zitarosa und Kolleg*innen (2012) berichteten nach Abschluss der ANGIS-Studie, dass das Interventionsprogramm bei den Angehörigen grossen Anklang gefunden hat und Hinweise auf eine Reduktion der Belastungen der Angehörigen zu erkennen waren. Besonders im Bereich der sogenannten «high expressed emotions (HEE)» [Erklärung folgt im nächsten Unterkapitel] zeigten sich gemäss den Autor*innen positive Wirkungen des Programms.

«Wir haben viel über Kommunikation gelernt und verstehen jetzt besser, warum manche Sätze bei unserer Tochter falsch ankommen.»

Angehörige im ANGIS-Programm, Zitarosa et al., 2012, S. 10

Expressed Emotions

Nicht nur für Angehörige von Menschen mit Essstörungen stellen die sogenannten expressed emotions (EE) einen bedeutsamen Faktor für die Angehörigenarbeit dar, sondern auch für Angehörige von Schizophreniepatient*innen (Bäuml & Pitschel-Walz, 2020) und Betroffene einer Alkoholkonsumstörung (Spohn, 2014).

EE stellen nach Zitarosa und Kolleg*innen (2012) sämtliche emotionale Reaktionen der Angehörigen im Umgang mit den Patient*innen dar. Insbesondere vor erfolgter Angehörigenarbeit sind diese EE häufig stark ausgeprägt, aufgrund eines Wissensmangels über die betreffende Störung und den damit einhergehenden, dysfunktionalen Bewältigungsstrategien für Konfliktsituationen zwischen Angehörigen und Betroffenen. In diesem Fall wird von verschiedenen Autor*innen auch der Begriff der high expressed emotions (HEE) verwendet. HEE werden definiert als «ein übermässig kritisches Verhalten, Feindseligkeit oder auch Überbehütung und überhöhtes emotionales Engagement der Angehörigen dem erkrankten Familienmitglied gegenüber.» (Zitarosa et al., 2012, S. 392).

Die Angehörigenarbeit kann zu einer willkommenen Veränderung in EE, beziehungsweise HEE führen. Bei Schizophrenie-Spektrum-Störungen zeigt die Angehörigenarbeit insbesondere eine Senkung von Kritik und emotionalem Überengagement bei den Angehörigen (Bäuml & Pitschel-Walz, 2020). Im Bereich der Alkoholkonsumstörungen wirkt Angehörigenarbeit als Mittel zur Verminderung rechthaberischer Kommentare (Spohn, 2014). Auch bei Patient*innen, welche die Diagnosekriterien einer Essstörung erfüllen, wird eine Reduktion der kritischen Stimmen der Angehörigen wahrgenommen und eine grundlegend bessere Beziehung festgestellt (Zitarosa et al., 2012).

Zusammenfassend lässt sich aus den oben aufgeführten Arbeiten schliessen, dass Angehörigenarbeit nicht nur theoretisch eine zentrale Rolle in der zwischenmenschlichen Beziehungskommunikation spielt, sondern auch praktisch zu einem erhöhten Wohlbefinden der Angehörigen und Patient*innen beiträgt (Zitarosa et al., 2012). Auch wenn weiter zurückliegende Studien die Umsetzung der Angehörigenarbeit kritisierten (Schmid et al.,2006), erscheint die Angehörigenarbeit in den letzten Jahren bei verschiedenen Autoren in einem positiven Licht, da sie sich im klinisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Kontext immer mehr als Interventionsmethode festigt (Lampert, 2018).

Angehörigenarbeit der PDAG

Fachstelle für Angehörige

Hauptstandort Brugg-Windisch
Areal Königsfelden

Nicole Friedrich
Virginia Ulrich

056 462 24 61
angehoerige@pdag.ch


Zum Weiterlesen

Website des Vereins Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie (NAP): https://www.angehoerige.ch/

Scherer, E. & Lampert, T. (2017). Basiswissen: Angehörige in der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH.

Albermann, K. (2016). Wenn Kinder aus der Reihe tanzen. Psychische Entwicklungsstörungen von Kindern und Jugendlichen erkennen und behandeln. Ringier Axel Springer Schweiz AG.

Fessel, K.-S. & Kull, H. (2018). Nebeltage, Glitzertage – Kindern bipolare Störungen erklären. BALANCE Buch + Medien Verlag.

Literatur

Bäuml, J. & Pitschel-Walz, G. (2020). Psychoedukation und Angehörigenarbeit bei Schizophrenie. PSYCH up2date 2020, 14(2), 111-127. http://doi.org/10.1055/a-0748-8998

Bundesamt für Gesundheit. (2019). Psychische Störungen und Gesundheit.  https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/krankheiten-im-ueberblick/psychische-erkrankungen-und-gesundheit.html#-426547683

Troxler, M. (2005, 08. Dezember). Projekt Erwachsenenpsychiatrie, Teilprojekt Psychologische, Soziale und Therapeutische Dienste, Arbeit mit Angehörigen:

 Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie (NAP) – Konzepte. https://www.angehoerige.ch/informationfachleute/konzepte/

Scherer, E. (2019). Gute Angehörigenarbeit in der Behandlung. ich du wir Ein Magazin für psychiatrisch Tätige, 2019-1, 12. https://www.angehoerige.ch/fileadmin/angehoerige/pdf/informationen_fachleute/Fachmagazin/2019_1.pdf

Scherer, E. (2020). In eigener Sache – Angehörigenberatungsstellen. ich du wir Ein Magazin für psychiatrisch Tätige, 2020-1, 9–10. https://www.angehoerige.ch/fileadmin/angehoerige/pdf/informationen_fachleute/Fachmagazin/2020_1_web_compressed.pdf

Lampert, T. (2018). Gemeinsam den Herausforderungen begegnen – Angehörige in der Psychiatrie. Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie (NAP). http://www.angehoerige.ch/fileadmin/angehoerige/pdf/informationen_fachleute/referate/andere_tagungen/Patientenkongress_2018_Bern_Thomas_Lampert.pdf

Schmid, R., Spiessl, H. & Klein, H. E. (2006). «Theorie und Praxis» der Angehörigenarbeit auf allgemein psychiatrischen Stationen. Krankenhauspsychiatrie. 17 (4), 139-142. http://doi.org/10.1055/s-2006-944293

Spohn, A. (2014). Komorbidität in der Angehörigenarbeit. SuchtMagazin, 40(1), 42-44. http://doi.org/10.5169/seals-800088

Weibel, F. (2019). Gute Angehörigenarbeit – Die Sicht einer Angehörigen. ich du wir Ein Magazin für psychiatrisch Tätige, 2019-1, 9–10. https://www.angehoerige.ch/fileadmin/angehoerige/pdf/informationen_fachleute/Fachmagazin/2019_1.pdf

Zitarosa, D., de Zwaan, M., Pfeffer, M. & Graap, H. (2012). Angehörigenarbeit bei essgestörten Patientinnen. PPmP-Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 62(9/10), 390-399. http://dx.doi.org/10.1055/s-0032-1316335

Borderline

Wenn es zwischen leidenschaftlich und destruktiv keine Distanz mehr gibt

Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung, bei welcher Betroffene intensive Emotionen und instabile Identitäten aushalten müssen. Aber was ist eine Persönlichkeitsstörung genau? Was bedeutet Borderline für interpersonelle Beziehungen? Und wie kann man die Störung behandeln? Eine Übersicht.

Von Marcia Arbenz
Lektoriert von Marie Reinecke und Jovana Vicanovic
Illustriert von Hannah Löw

Kathrin, die Protagonistin des Dokumentarfilms Diagnose Borderline (2019) läuft barfuss durch den Wald. Hier kann sie sich entspannen. Das habe sie früher nicht gekonnt. Ihre Emotionen seien übermächtig gewesen, sie habe sich selber verletzt, sei gemein zu ihrer Mutter gewesen. Schon mit 13 Jahren hat sie gewusst, dass etwas nicht mit ihr stimmen würde. Dann kam die Diagnose: Persönlichkeitsstörung, Borderline. Aber was bedeutet das?

Störung der Persönlichkeit

Nach dem ICD-11 kennzeichnen sich Persönlichkeitsstörungen durch Probleme mit dem eigenen Selbst oder durch Schwierigkeiten in interpersonellen Beziehungen (World Health Organisation, 2019). Betroffene Personen können zum Beispiel Mühe mit der eigenen Identität haben oder es nicht schaffen, sich in die Lage anderer Menschen zu versetzen. Ihre Erlebens- und Verhaltensmuster bestehen für mindestens zwei Jahre und betreffen Kognition, Affekt und Verhalten (World Health Organisation, 2019). Dabei gibt es allgemeine und spezifische Kriterien (Petermann, Maercker, Lutz, & Stangier, 2011). So muss beispielsweise das charakteristische und andauernde innere Muster des Erlebens und Verhaltens eindeutig von der kulturellen Norm abweichen und über unterschiedliche Situationen hinweg unflexibel sein. Ausserdem erfährt die betroffene Person oder ihre Umwelt einen Leidensdruck (Petermann et al., 2011). Nach dem ICD-11 wird als Erstes festgestellt, ob und wie schwer eine Persönlichkeitsstörung vorliegt (World Health Organisation, 2019). Es wird zwischen leichtem, mittlerem, schwerem und nicht bestimmbarem Schweregrad unterschieden. Erst danach kann eine Diagnose bezüglich der Art der Persönlichkeitsstörung gestellt werden (World Health Organisation, 2019). Die sechs dominierenden Persönlichkeitseigenschaften und -Muster sind negative Affektivität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung, Zwanghaftigkeit und Borderline.

«[Die Gefühle sind] so unaushaltbar, dass man das Gefühl hat, […] der Körper ist zu eng, das ist alles zu klein für diese ganzen bombastischen Emotionen, die da einfach kommen.»

WDR Fernsehen, 2019

Schneiden, um sich selber zu spüren

Personen, die an Borderline leiden wie Kathrin, erleben oft intensive Angst, Wut, Trauer und ein chronisches Gefühl der inneren Leere (Bolton & Mueser, 2009; Petermann et al., 2011). Sie sind teilweise von einer intensiven Angst verlassen zu werden beherrscht (Petermann et al., 2011). Dies resultiert in einem übertriebenen Bemühen, den*die Partner*in an sich zu binden. Häufig zeigen sie eine Neigung für instabile, konflikthafte und intensive Beziehungen (Petermann et al., 2011). Die betroffene Person idealisiert und entwertet den*die Partner*in (Bolton & Mueser, 2009). Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen sind demnach instabil, genauso wie ihr Selbstbild und ihre Affekte (Petermann et al., 2011). Die Betroffenen zeigen eine deutliche Impulsivität. Beispielsweise gehen sie unbesonnen mit ihrem Geld um, trinken extrem viel Alkohol oder überessen sich (Bolton & Mueser, 2009). Hinzu kommen Androhungen oder Handlungen der Selbstverletzung wie Verbrennungen oder Schneiden (Bolton & Mueser, 2009; Petermann et al., 2011). Häufig schneiden sich die betroffenen Personen am Unterarm. Leichtes Ritzen wie auch tiefe Schnitte lösen ein kurzes Gefühl der Erleichterung der erlebten inneren Spannung aus oder lassen sie sich wieder selbst spüren (Petermann et al., 2011). Die Anzahl der Suizidversuche und die Einweisungen in Krankenhäuser von Betroffenen der Störung sind hoch (Bolton & Mueser, 2009). Menschen, die an einer Borderlinestörung leiden, werden überzufällig häufig auch mit Depressionen (Galione & Oltmanns, 2013), bipolaren Störungen (Fornaro et al., 2016), posttraumatischer Belastungsstörungen (Frías & Palma, 2015) oder Essstörungen wie Anorexie und Bulimie (Martinussen et al., 2017) diagnostiziert. Auch Kindheitstraumata werden vermehrt bei den Betroffenen festgestellt (MacIntosh, Godbout, & Dubash, 2015).

Häufige Remission, häufiger Rückfall

Etwa 1,5 Prozent der Menschen leiden an einer Borderlinestörung, wobei die Zahl je nach Studie unterschiedlich hoch ausfällt (Fiedler, 2018). In einer internationalen Studie der WHO wurde bei einer psychiatrischen Stichprobe Borderline bei fast 15 Prozent der Patienten diagnostiziert. Somit zeigt die Diagnose Borderline die höchste Prävalenzrate in fast allen Ländern (Fiedler, 2018). Nur in Indien konnte die Persönlichkeitsstörung nicht festgestellt werden. In der Übersichtsarbeit von Fiedler (2018) konnte die Annahme, dass Persönlichkeitsstörungen in der Kindheit oder in der Jungend beginnen und sich anschliessend im Erwachsenenalter manifestieren, nicht bestätigt werden. Viele Patienten wurden im Verlaufe ihres Lebens nicht mehr diagnostiziert, vor allem im höheren Lebensalter. Eine Chronifizierung kommt nur in seltenen Fällen vor (Fiedler, 2018). Eine längsschnittliche Studie fand, dass 16 Jahre nach der erstmaligen Vergabe der Diagnose Borderline fast alle Versuchspersonen in Remission waren (Zanarini, Frankenburg, Hennen, Reich, & Silk, 2005). Dennoch hatten nur etwa 40 bis 60 Prozent der Versuchspersonen ein gesundes Funktionsniveau erreicht. Im Vergleich zu Versuchspersonen mit anderen Persönlichkeitsstörungen waren die Patienten*innen mit einer Borderlinestörung häufiger und schneller von einem Rückfall betroffen (Zanarini et al., 2005). In den letzten Jahrzenten haben sich jedoch die spezifischen Therapieprogramme erfolgsversprechend verbessert (Petermann et al., 2011). Es ist also gut möglich, dass sich die hohe Rückfallquote in den letzten 15 Jahren zu Gunsten der Betroffenen verändert hat.

Therapie nach Schema

Psychopharmaka scheinen die Schwere der Persönlichkeitsstörung nicht verringern zu können (Lieb, Zanarini, Schmahl, Linehan, & Bohus, 2004). Jedoch können Psychotherapien Erfolge verzeichnen. Vor allem spezialisierte Therapien können effektiv und allumfassend den Schwergrad und die Selbstverletzungstendenz reduzieren (Oud, Arntz, Hermens, Verhoef, & Kendall, 2018). Zudem scheinen sie von den Patienten besser akzeptiert zu werden: weniger brechen die Therapie ab (Oud et al., 2018). Zu den spezialisierten Therapien gehören unter anderem die dialektische Verhaltenstherapie, die übertragungsfokussierte Psychotherapie oder die Schematherapie (Oud et al., 2018). Gemeinsam haben diese Therapien, dass sie auf Theorien über die Entstehung und Erhaltung von Borderline basieren. Zudem veröffentlichen sie detaillierte Protokolle über die Behandlung und therapeutische Techniken. Ausserdem ist die therapeutische Beziehung zwischen Patient*in und Therapeut*in bei allen Therapien bedeutsam (Oud et al., 2018). Im folgenden Abschnitt wird die Schematherapie stellvertretend für alle spezialisierten Therapieformen genauer erläutert.

«Ich fand das so amüsant, wenn die Leute schockiert waren, wenn ich irgendwie mit einem blutendem Arm da sass oder so. Ich fand das irgendwie amüsant. Bis ich dann festgestellt habe, dass ich es gar nicht mehr kontrollieren kann und dann habe ich Angst bekommen.»

WDR Fernsehen, 2019

Die Schematherapie beinhaltet vier sogenannte heilende Mechanismen (Kellogg & Young, 2006). Bei der begrenzten Nachbeelterung versuchen die Therapeuten die Defizite der Elternerziehung durch ein warmes und empathisches Auftreten zu kompensieren. Die emotionsfokussierte Arbeit als zweiter Mechanismus verwendet vor allem Vorstellungen, Dialoge und das Briefschreiben (Kellogg & Young, 2006). Bei der kognitiven Restrukturierung und Bildung wird thematisiert, was normale Bedürfnisse und Emotionen sind. Beim vierten und letzten Mechanismus, in welchem es um das Brechen von Verhaltensmustern geht, kommt es zu einer Generalisierung des Erlernten in der Therapie auf Beziehungen ausserhalb (Kellogg & Young, 2006). Diese Strategien sollten der Person helfen, eine emotionale Stabilität zu erhalten, zielorientiert zu handeln, beidseitig positive Beziehungen zu führen und sich generell gut zu fühlen.

Kathrin hat eine Therapie erfolgreich bewältigt. Heute ist sie selber Psychotherapeutin und kann auch durch ihre eigenen Erfahrungen anderen helfen. Sie ist zwar noch leidenschaftlich, aber nicht mehr destruktiv.

Weniger Borderline bei Männern? Einige Studien fanden ein Geschlechterverhältnis von 1:3 oder 1:4 bei mit Borderline diagnostizierten Personen, während andere keine signifikanten Unterschiede fanden (Bayes & Parker, 2017). Auffallend ist, dass vor allem Untersuchungen mit klinischen Versuchspersonen ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern fanden. Da vermutet wird, dass Männer weniger häufig klinische Hilfe aufsuchen, sind sie in diesen Studien oft unterrepräsentiert, was zum vermeintlichen Fehlschluss führte, dass Männer weniger von Borderline betroffen sind (Bayes & Parker, 2017). Ein weiterer Grund ist, dass es bei Männern vermehrt zu einer Fehldiagnose kommt, wie beispielsweise der dissozialen Persönlichkeitsstörung. Männer zeigen oft andere Ausprägungen der Störung (Bayes & Parker, 2017). So ist ihr Verhalten mehr externalisierend, sie fügen sich gewalttätigere Selbstverletzungen zu und zeigen dissoziale Verhaltensmuster und Substanzmissbrauch.


Zum Weiterlesen

Fiedler, P. (2018). Epidemiologie und Verlauf von Persönlichkeitsstörungen. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 66(2), 85–94. doi: 10.1024/1661-4747/a000344

World Health Organisation (2019). International classification of diseases for mortality and morbidity statistics (11th Revision). Retrieved from https://icd.who.int/browse11/l-m/en

Literatur

Fornaro, M., Orsolini, L., Marini, S., Berardis, D. de, Perna, G., Valchera, A., . . . Stubbs, B. (2016). The prevalence and predictors of bipolar and borderline personality disorders comorbidity: Systematic review and meta-analysis. Journal of Affective Disorders, 195, 105–118. https://doi.org/10.1016/j.jad.2016.01.040

Frías, Á., & Palma, C. (2015). Comorbidity between post-traumatic stress disorder and borderline personality disorder: A review. Psychopathology, 48(1), 1–10. https://doi.org/10.1159/000363145

Galione, J. N., & Oltmanns, T. F. (2013). The relationship between borderline personality disorder and major depression in later life: Acute versus temperamental symptoms. The American Journal of Geriatric Psychiatry : Official Journal of the American Association for Geriatric Psychiatry, 21(8), 747–756. https://doi.org/10.1016/j.jagp.2013.01.026

Kellogg, S. H., & Young, J. E. (2006). Schema therapy for borderline personality disorder. Journal of Clinical Psychology, 62(4), 445–458. https://doi.org/10.1002/jclp.20240

Lieb, K., Zanarini, M. C., Schmahl, C., Linehan, M. M., & Bohus, M. (2004). Borderline personality disorder. Lancet. (364), 453–461.

MacIntosh, H. B., Godbout, N., & Dubash, N. (2015). Borderline personality disorder: Disorder of trauma or personality, a review of the empirical literature. Canadian Psychology/Psychologie canadienne, 56(2), 227–241. https://doi.org/10.1037/cap0000028

Martinussen, M., Friborg, O., Schmierer, P., Kaiser, S., Øvergård, K. T., Neunhoeffer, A.-L., . . . Rosenvinge, J. H. (2017). The comorbidity of personality disorders in eating disorders: A meta-analysis. Eating and Weight Disorders : EWD, 22(2), 201–209. https://doi.org/10.1007/s40519-016-0345-x

Oud, M., Arntz, A., Hermens, M. L., Verhoef, R., & Kendall, T. (2018). Specialized psychotherapies for adults with borderline personality disorder: A systematic review and meta-analysis. The Australian and New Zealand Journal of Psychiatry, 52(10), 949–961. https://doi.org/10.1177/0004867418791257

Petermann, F., Maercker, A., Lutz, W., & Stangier, U. (2011). Klinische Psychologie: Grundlagen. Göttingen: Hogrefe Verlag.

WDR Fernsehen (Producer). (2019). Diagnose Borderline. Das Leben neu gestalten: WDR Fernsehen. Retrieved from https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTdmOTJlNjc1LWI0MjQtNDlhZi04ZDFlLTUzMDU2M2U2YTRjOA/

World Health Organisation (2019). International classification of diseases for mortality and morbidity statistics (11th Revision). Retrieved from https://icd.who.int/browse11/l-m/en

Zanarini, M. C., Frankenburg, F. R., Hennen, J., Reich, D. B., & Silk, K. R. (2005). Psychosocial Functioning of Borderline Patients and Axis II Comparison Subjects Followed Prospectively for Six Years. Journal of Personality Disorders, 19(1), 19–29.

Bulimie

Wenn die Speiseröhre brennt, wird die Seele endlich still.

Menschen mit Bulimie leben ein Doppelleben. Sie vollführen einen täglichen Balanceakt zwischen dem Aufrechterhalten ihrer Normalitäts-Maske und dem Ausleben der Ess-Brech-Phasen. Eine junge Frau und vier Fachpersonen schenken Einblick in die Welt einer manifestierten Bulimie und in Wege zur Gesundheit.

Von Hannah Löw
Lektoriert von Selina Landolt und Noémie Szenogrady
Illustriert von Rebecca Beffa und Hannah Löw

Im Feierabendtrubel steuert sie auf ihr Ziel zu – den Einkaufsladen. Sie nimmt die Menschenmasse, die sie umgibt, kaum wahr. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie die Lebensmittel klar vor sich, die sie für ihren nächsten Ess-Brech-Anfall braucht. Sie kennt ihre Liste in- und auswendig. Mit einem Tunnelblick rauscht sie durch die Reihen der Regale und packt ihren Hamstereinkauf in den Einkaufskorb. Zuhause angekommen, reisst sie eine Packung nach der anderen auf und schlingt das Essen in sich hinein. Alle Gedanken und Gefühle werden damit zugestopft. Erst als sie einen stechenden Schmerz in ihrer Magengegend spürt, hört sie auf zu Essen. Gekrümmt kriecht sie zur Toilette, erbricht den vollen Einkaufswagen in die Kloschüsselund spült ihn in die Kanalisation. Das Rauschen der Klospülung hört sich an wie das Rauschen in ihrem Kopf. Ihr Körper ist zu erschöpft, um weiterhin zu denken, geschweige denn, zu fühlen. Sie empfindet bloss das Pochen ihrer Schläfen und den Schwindel durch den Elektrolytverlust. Ihr Hals brennt. Sie wäscht sich Gesicht und Hände. Ihr Blick fällt in den Spiegel. Durch die Anstrengung zeigen sich die Verästelungen ihrer geplatzten Äderchen in ihren rot unterlaufen Augen. Die geschwollenen Speicheldrüsen quellen ihre Wangen auf. Der Handrücken zeigt schwulstige Spuren ihrer Zähne, durch das Stecken ihrer Finger in den Hals beim Erbrechen. Doch sie weiss, dass ein Erholungsschlaf viel vertuschen wird. Die leeren Verpackungen der Lebensmittel verschwinden im Abfall. Lediglich ihre innere Leere bleibt, welche für sie nur schwer auszuhalten ist. Sie kehrt in die Küche zurück und öffnet erneut den Kühlschrank (adaptiert aus einem Gespräch mit einer ehemaligen Bulimie-Patientin des Universitätsspital Zürich, 2019).

Zum Kotzen

Das Erbrechen ist eine physiologische Reaktion des menschlichen Körpers. Ein verdorbenes Mittagessen, eine Magen-Darm-Grippe oder eine Migräne-Attacke: In allen drei Fällen kann die Folge eine Entleerung des Mageninhaltes sein (Janiak & Fried, 2007). Die Erleichterung, wenn darauf die Übelkeit endlich stoppt, ist auch für nichtbulimische Personen keine Unbekannte.

Im Sprachgebrauch taucht die Thematik des Erbrechens ebenfalls auf. Wie schnell finden wir Situationen «zum Kotzen» oder denken, dass uns das Schicksal «übel mitgespielt» hat. Gesten, wie das Anzeigen, die Finger in den Hals stecken zu wollen, verleihen unserem Ekel Ausdruck. Bereits hier lässt sich erkennen, dass das Übergeben des Chymus [Speisebrei] in unserer Sprache gefestigt ist. Worte, Gesten und Taten liegen manchmal nahe beieinander. Was im Sprachgebrauch «zum Kotzen» empfunden wird, kann sich bei bulimischen Menschen als Alltagsverhalten niederschlagen (Hinsen, 2010). So zählt auch das Verhalten der eingangs vorgestellten Bulimie-Patientinzu einem pathologischen, willentlich hervorgerufenen Brechreiz. Sieist eine der Personen, die die hohe Dunkelziffer der Bulimia Nervosa bilden.

Die Bulimia Nervosa [Ess-Brech-Sucht] gehört imICD-11 for Mortality and Morbidity Statisticszu den Essstörungen [feeding and eating disorders] (World Health Organization, 2019). Die Begriffe Fressanfälle und deren Kompensation, Kontrollverlust, Gewicht, Körperwahrnehmung tauchen regelmässig in der Fachliteratur über bulimisches Verhalten auf. Auch Hinsen (2010) erwähnt in ihrer Beschreibung der bulimischen Symptomatik Zeiten von übermässiger Nahrungszufuhr, die anschliessenden Gegenmassnahmen sowie einen körpergerichteten Aufmerksamkeitsfokus. Diese Episoden tauchen nach der WHO mindestens einmal pro Woche auf und bleiben über 4 Wochen oder länger bestehen (WHO, 2019, 6B81).

Die allgemeine Definition der Bulimie zeigt grundsätzliche Gemeinsamkeiten der Betroffenen auf. Doch Bulimie besteht aus einem komplexen Netzwerk von Denkstrukturen, Verhaltensmustern und Wahrnehmungsfiltern. Jede|r Betroffene erlebt seine Bulimie individuell. Die Ausprägung variiert nicht nur in Häufigkeit und Dauer der Essstörung. Auch die Strategien der Kompensation von Fressanfällen unterscheiden sich und müssen nicht ausschliesslich über Erbrechen erfolgen. So können übermässiges Treiben von Sport oder der Missbrauch von Abführmitteln zeitweise bulimisches Verhalten begleiten (Hinsen, 2010). Die einen durchleben zuerst eine Phase der Diät oder Ernährungsumstellung, für andere können diese Phasen zu einem anderen Zeitpunkt auftauchen oder überhaupt keine Rolle in ihrer Bulimie spielen. Bulimie versteht sich als ein Ausdruck personenspezifischen Leidens. Der rote Faden, der sich durch alle Formen der Bulimie zieht, spinnt sich unter anderem durch die Heimlichkeit zusammen. Betroffene leben ihre Bulimie mit allen möglichen Strategien der Vertuschung aus. Nicht selten dienen dafür auch Lügen (Schätzl, 2015).

Geht es dir gut?

Wenn auf diese Frage immer wieder die Resonanz erfolgt, dass alles in Ordnung sei, scheint es das wohl auch zu sein. Wer möchte seinem|seiner Freund|in nicht glauben, dass es ihm|ihr gut gehe? Vielleicht hat er|sie sich wirklich den Magen verdorben und sich deshalb übergeben, als die Mitbewohner|innen unerwartet nachhause kamen? Vielleicht hat er|sie wirklich mehrmals an einem Tag Sport getrieben und deshalb schon wieder geduscht?

Das Rauschen der Dusche kann die Geräuschkulisse einzelner Brechanfälle vertuschen, doch mit der Zeit werden Ausreden rar. Leichter als neue Ausreden zu finden, ist folglich die Vermeidung sozialer Kontakte. Die Bulimie entwickelt sich immer stärker zu einer eigenständigen, dominierenden Beziehung im Leben der Betroffenen. Dies wird im folgenden Zitat deutlich:

«Meine Essstörung und ich waren ein gutes Team. Wir hatten einen täglichen Ablauf und unsere eigenen Rituale. Wie ein Ehepaar, nur friedlicher. Meine Lebenspartnerin Bulimie hatte, im Gegensatz zu meinen männlichen realen Partnern, nur positive Seiten. Sie kümmerte sich um mich. Sie war meine bessere Hälfte, die mir auf ihre Art eine Pause von all dem Chaos in meinem Kopf gab, wann immer es nötig war.» Schätzl, 2015, S. 69

Dunkelziffer

Im Unterschied zu anderen Essstörungen, wie Anorexia Nervosa oder Binge Eating Disorder (siehe Kästchen «Abgrenzung zu anderen Essstörungen»), liegt das Gewicht bulimischer Menschen meist im Normalbereich. Auf den ersten Blick lässt sich diese Essstörung also nicht erkennen.

In einer Schweizer Studie des Universitätsspital Zürich erfassten Schnyder, Milos, Mohler-Kuo und Dermota (2012) im Auftrag des Bundesamt für Gesundheit (BAG) 10’038 Probandinnen und Probanden in einer Stichprobe zur Untersuchung der Prävalenz von Essstörungen in der Schweiz. 3,5 Prozent der Untersuchten gaben an, in ihrem Leben bereits einmal an einer Bulimia Nervosa, Anorexia Nervosa oder Binge Eating Disorder gelitten zu haben. Die höchste Prävalenz wies in dieser Studie mit 1,7 Prozent aller befragten Personen die Bulimia Nervosa auf. Schnyder und Kollegen schliessen, dass die niedrige Zahl der bekannten Fälle einer Essstörung in der Allgemeinbevölkerung auf der mangelnden Einsicht der Betroffenen beruhe und dem darauf folgenden Ausbleiben der Aufsuche professioneller Unterstützung. Welche innere Motivation braucht es, damit sich Menschen mit Bulimie Unterstützung suchen?

Leidensdruck

Ihr Leben gestaltet sich fast nur noch aus stundenlangem Ausüben ihres Rituals – Hamstereinkäufe, Fressattacke, Erbrechen. Es bleibt kaum noch Zeit oder Energie für anderes. Selbst wenn sie esversucht, findet sie nur schwer Freude darin, Freunde zu treffen. Im Gegenteil: Andere Menschen entwickeln sich zu einem potentiellen Störfaktor im Ausleben ihrer Bulimie. Sie plant ihre Tage rund um die Ess-Brech-Attacken herum. Soziale Kontakte bringen diesen Plan durcheinander.

Doch je mehr sie sich übergibt, desto mehr beginnt sie ihre Bulimie zu verabscheuen. Ein Leben ohne Bulimie scheint allerdings genauso unvorstellbar zu sein. Inzwischen spürt sie die körperlichen Folgen. Nicht selten gelangt mit den Speiseresten auch Blut aus ihrem Magen in die Kloschüssel. Bei manchen Fressanfällen begleitet sie die Überzeugung, dass nun die kritische Schwelle ihres Magenvolumens überschritten ist und dieser platzen könnte. Die Müdigkeit hängt wie ein Schatten an ihr. Der ständige Verlust von lebensnotwendigen Körpersalzen in der Magensäure hat ihren Elektrolythaushalt aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie wünscht sich, dass es endlich aufhört und gleichzeitig sitzt die Angst vor einer Therapie fest in ihrem Nacken. Doch die Erschöpfung wächst. Der anfängliche Höhenflug, den sie bei der Kontrolle ihres Essens erlebte, ist verschwunden. Schon lange kontrolliert die Bulimie sieund nicht anders herum. Sie kann essen, so viel sie will und wird doch niemals so viel erbrechen können, um all den Schmerz und die Leere loszuwerden. Sie kann nicht mehr. Sie will so nicht mehr. Aus diesem Loch steigt in ihr der Wunsch nach Veränderung auf. Mit diesem Wunsch und einer tiefen Verzweiflung sucht sie sich nach mehreren Jahren heimlicher Bulimie Hilfe an einer psychologischen Beratungsstelle (adaptiert aus einem Gespräch mit einer ehemaligen Bulimie-Patientin des Universitätsspital Zürich, 2019).

Therapie einer Bulimie –im Gespräch mit Fachpersonen (28.06.2019)

Mit…

Dipl. Arzt Patrick Pasi (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Oberarzt am Zentrum für Essstörungen(ZES) des Universitätsspital Zürich (USZ)), 

Susanne Nicca (Leiterin Ernährungsberatung / Therapie am Universitätsspital Zürich (USZ)), 

Melanie Sprenger (Stv. Leiterin Ernährungsberatung / Therapie am Universitätsspital Zürich (USZ)) und 

Dr. med. univ. Lara Robetin (Oberärztin Klinik und Poliklinik für Innere Medizin am Universitätsspital Zürich (USZ) mit Spezialgebiet Allgemeine Innere Medizin u.a. Essstörungen).

«Bulimie kann man häufig erfolgreich therapieren. Es ist eine Chance, die man packen kann.», findet Sprenger. Pasi teilt diese Ansicht: «Ja, und es ist eine Erkrankung, nicht einfach ein Mangel an Disziplin. Wenn es dabei auch um Scham geht und mit dem Gefühl, man sei alleine mit dieser Erkrankung, kann es hilfreich sein, zu einem|einer Spezialisten|in zu gehen. Wenn man vorher das Gefühl hat, niemand versteht einen, kann man dort auf Spezialisten|innen treffen, die sich mit dem Thema auskennen.»

Eines möchten alle vier Fachpersonen des Universitätsspital Zürich (USZ) von Anfang an hervorheben: Eine Therapie am Zentrum für Essstörungen (ZES) erfolgt immer über ein sogenanntes «Drei-Bein-System». Es setzt sich aus der psychotherapeutischen, ernährungstherapeutischen und medizinisch/internistischen Begleitung zusammen. Je nach Schweregrad der Bulimie erfolgt es auf Wunsch des Patienten ambulant oder stationär.

Bulimie-Patienten|innen erhalten am USZ regelmässig medizinische Kontrollen, um den körperlichen Zustand zu überwachen. «Dies kann auch als Einstieg dienen für Patienten|innen, die noch nicht bereit sind, sich auf eine Therapie einzulassen», berichtet Robetin. Wichtig sei hierbei, dass die Prävention der körperlichen Folgen einer Bulimie im Zentrum liege. Akut-medizinische Massnahmen können am USZ jederzeit in die Wege geleitet werden. Vielmehr sollen die regelmässigen Termine aber eine Konstante ermöglichen, die verhindert, dass überhaupt weitere Massnahmen eingeleitet werden müssen.

In der vollständigen Therapie finden zusätzlich zu den medizinischen Kontrollen regelmässige psychotherapeutische, sowie ernährungstherapeutische Sitzungen statt. Die enge Zusammenarbeit innerhalb des Fachteams bietet den Patienten|innen «ein Auffangnetz als Möglichkeit, dass sie in stabile Beziehungen kommen», so Robetin.

Wer sich in dieses «Auffangnetz» des USZ begibt, trifft auf Fachkompetenz, die den|die Patienten|in in seiner|ihren individuellen Situation wahrnimmt. «In der verhaltenstherapeutischen Therapie ist weniger oft mehr. Man fängt nicht von heute auf morgen an, gar nicht mehr zu erbrechen, sondern Schritt für Schritt. Aber nicht wir bestimmen das, sondern in Begleitung zusammen mit dem|der Patienten|in.», findet Nicca. Dabei erhalten die Patienten|innen keine grammgenauen Ernährungspläne, sondern der Fokus liegt vielmehr auf Gefühlen rund um das Essen. «Es geht um den Umgang mit normalen Portionen und eine Bestätigung, um wieder mit dem normalen Essen starten zu können. Auch Motivationsthemen im Umgang mit dem Gefühl direkt nach dem Essen. Wie fühlt man sich mit einem vollen Bauch? Wie fühlt sich ein Sättigungsgefühl und das Hungergefühl an? Solche Themen nehmen einen grossen Teil der Ernährungsberatung/Therapie ein», erklärt Sprenger. Ernährungspläne mit genauen Mengenangaben finden Nicca und Sprenger schwierig, weil dies einen neuen Fixierungspunkt kreieren würde. Die Patienten|innen mit Bulimie werden darin unterstützt, «Freiheit und Grosszügigkeit gegenüber sich selbst in Bezug auf das Essen» zu lernen. 

Die Psychotherapie schenkt anschliessend Raum für bisher verdrängte Themen. Pasi erläutert: «Konflikte, die wegen eines Harmoniebedürfnisses nicht zur Sprache kommen, können sich in der Bulimie zeigen.» Dabei bildet Bulimie oft eine «Möglichkeit der Emotionsregulation. Wenn man Mühe hat, mit negativen Gefühlen umzugehen, ist die Bulimie eine Möglichkeit, diese Emotionen weniger zu spüren und zu dämpfen. Autonomiegefühle können in der Bulimie ausgelebt werden, um eine Möglichkeit zur Abgrenzung von anderen und eine gewisse Stärke zu verspüren. Es ist ihr persönlicher Ort, wo den Betroffenen niemand reinreden kann. Bei Bedarf (Konflikte, Ablösung) kann man das Feld der Einzeltherapie auch zur Paar-/Familientherapie erweitern.»

Den «Kern in der Bulimie» sieht Pasi als eine Art der Selbstverletzung. Die Bulimie diene als ein «Ausdruck des tiefen Selbstwertgefühls» der Betroffenen. Über Achtsamkeit liessen sich Triggerfaktoren aus dem Alltag erschliessen. Oft seien den Bulimie-Patienten|innen die Auslöser der Ess-Brech-Attacken nicht bewusst und durch Notizbücher könne dies in der Psychotherapie gemeinsam analysiert werden. Um sich Stück für Stück aus einer Bulimie zu befreien, benötigt es alternative Problembewältigungsstrategien. Diese müssen die Patienten|innen zwar nicht alleine suchen, sondern erhalten durch Gespräche Unterstützung dabei, doch das darauffolgende Ausprobieren bleibt in der Eigenverantwortung der Betroffenen. Die Versuche der Alternativanwendungen werden hinterher aber immer ausführlich besprochen, um aufsteigende Gefühle, Ängste und Schwierigkeiten zu bearbeiten. Dass dieser Mechanismus für den Umgang mit Emotionen nicht von heute auf morgen verschwindet, berichten alle deutlich. Doch wie gelingt es, dem eigenen Gesundungsprozess Geduld zu schenken? Pasi hat darauf folgende Antwort: «Ich glaube, das ist nicht nur bei Bulimie ein Thema. Erkrankungen, die ein Potential für langfristige Phasen haben, benötigen diese Thematisierung. Man kann nicht alles sofort erreichen. Bei Bulimie ist des Öfteren einen Perfektionismus dabei, den die Patienten|innen mitbringen. Sie haben den Anspruch, in der Therapie möglichst schnell und effizient zu sein. Wir versuchen den Patienten|innen zu vermitteln, dass es ein Prozess ist, der Zeit braucht und die allgemeine, persönliche Entwicklung betrifft. Wir ermutigen die Patienten|innen kleine Veränderungsschritte zu sehen und diese würdigen zu lernen −nichtnur das Endziel zu sehen und dann enttäuscht sein, weil dieses noch nicht erreicht wurde. Es sind die kleinen Schritte, die dann Stück für Stück zum Ziel führen.» Auch Sprenger schliesst sich an und findet, dass «die positive Sichtweise hilft. Die kleinen Schritte zu würdigen und zu schauen, was funktioniert bereits. Normalerweise ist es umgekehrt, also dass man auf das schaut, was noch fehlt bis zum Ziel.»

Gesundheit in Bezug auf Bulimie bedeutet für Robetin, dass «Patienten|innen in der Lage sind, ihr Leben gut und alleine zu meistern. […] die eigenen Vorstellungen verwirklicht werden können und Zukunftsperspektiven bestehen.» Wichtig ist bei einem Schritt in Richtung Therapie, dass Betroffene sich an fachkompetente Stellen wenden, die sich mit Bulimie auskennen. Nicca ergänzt: «Mit genügend gemeinsamer Zeit hat man die Chance, verschiedene Wege aus der Bulimie zu finden. Die Haltung dazu ist wichtig. So lange man die Haltung hat, in guter Begleitung zu bleiben, glaube ich, wird es sich auch positiv entwickeln.»

Alle vier Fachpersonen begrüssen jeden Menschen, der diese Unterstützung in Anspruch nehmen möchte. Sie betonen, dass im «Drei-Bein-System» des USZ eine Möglichkeit liege, mit kleinen, selbstbestimmten Schritten zu der persönlichen Freiheit der Strategiewahl zu gelangen. Wer tief in einer Bulimie stecke, der habe nicht die Freiheit zu wählen, ob er erbrechen will oder nicht. Dann ist die Krankheit übermächtig. Abschliessend ermutigt Sprenger: «Emotionen, die man spürt, können auch schön sein. Es lohnt sich an dieser Freiheit zu arbeiten, um das eigene Leben bewusst selbst bestimmen zu können. Wir begleiten im Dreier-Setting-Team gerne alle Patienten|innen auf diesem Weg, um Schritt für Schritt zu dieser Freiheit zu gelangen.»

Gesundheit

«Ich wollte gesund werden, als ich meine Therapie begann. Das war meine Intention zu diesem Schritt gewesen. In einer meiner ersten Sitzungen wurde ich dann gefragt, ob ich überhaupt gesund sein wolle. Erst viel später begriff ich, wie diese Frage den Kern meiner Bulimie berührt hatte. Ich wollte zu diesem Zeitpunkt um jeden Preis gesund werden, doch nicht ohne meine Bulimie!

Es folgte eine lange Zeit der Veränderung meiner inneren Einstellungen zu meiner Essstörung und zu mir selbst. Immer wieder reflektieren, immer wieder verstehen, warum die Bulimie wieder aufgetaucht ist. Allein die Akzeptanz, dass ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht besser wusste, wie ich mir anders helfen konnte, nahm viel Zeit in Anspruch. Irgendwann konnte ich Rückfälle als Vorfälle betrachten. Die Vorfälle wurden weniger. Ich hörte auf, gegen die Bulimie zu kämpfen. Ich lernte, sie als einen Anker bei emotionaler Überforderung zu verstehen. Ich suchte Strategien, um diesen Mechanismus zu ersetzen. Es funktionierte leider nicht per Knopfdruck, dass die Bulimie von einem Tag auf den anderen verschwand und ich sie nicht mehr brauchte. Es war ein Prozess mit viel Arbeit. Es gab Höhen und Tiefen und gefühlte Millionen Rückschläge. Ich war oft hoffnungslos und wollte aufgeben. Die Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben, halfen mir, den Mut nicht zu verlieren. Sie haben mich immer wieder in meinen Ressourcen bestärkt. Doch ohne meine innere Entscheidung für die Gesundheit, hätte die Hilfe nicht funktioniert. Ich musste den Weg nicht alleine gehen, aber die Arbeit in mir konnte mir niemand abnehmen. Schlussendlich war es meine Entscheidung, Ja zu mir selbst zu sagen und Selbstliebe zu erlernen.

Gesundheit bedeutet für mich nicht Symptomfreiheit. Gesundheit bedeutet für mich eine liebevolle Grundhaltung in der Selbstfürsorge. Ich glaube nicht, dass jeder Mensch eine Essstörung erleben muss, um diese Fürsorge für das eigene Selbst zu entwickeln. Ich bin aber davon überzeugt, dass in jeder Essstörung die Chance liegt, sich selbst lieben zu lernen. Von Herzen wünsche ich allen, die unter dem Leidensdruck einer Bulimie stehen, dass sie den Mut finden, an sich selbst zu glauben. Es liegt so viel mehr Kraft in uns, als dass wir denken (ehemalige Bulimie-Patientin des Universitätsspital Zürich, 2019).»

Abgrenzung zu anderen Essstörungen

Anorexia Nervosa kennzeichnet sich durch Untergewicht unterhalb einer Grenze von 18,5kg/m² und Verhaltensweisen, die zur Verhinderung der Zunahme an Gewicht führen. So zum Beispiel Essensverweigerung, Missbrauch von Abführmitteln und übermässiges Sporttreiben (World Health Organization, 2019, 6B80).

Binge Eating Disorder zeigt sich durch wiederkehrende Essanfälle, die für die Betroffenen unkontrollierbar erscheinen. Anders als bei der Bulimia Nervosa werden keine Gegenmassnahmen unternommen, um die aufgenommene Nahrung zu kompensieren (World Health Organization, 2019).


Zum Weiterlesen und -schauen

Frey, D. (2013). Kotzt du noch oder lebst du schon? Mein Leben mit Bulimie. Berlin: Ullstein Buchverlage GmbH.

Greenwald, R. (Produzent) & Shea, K. (Regisseurin). (2000). Sharing the secret [Spielfilm]. Santa Monica, CA: Columbia Broadcasting System.

Siefert, K. (2019). SoulFood Journey. Retrieved from https://www.soulfoodjourney.de

Mein Herz tut weh

Zum Hintergrund des Broken-Heart-Syndrom

Das Broken-Heart Syndrom wurde in den 90er Jahren entdeckt. Seitdem wurden hauptsächlich Frauen in einem Alter über 60 Jahren mit diesem Syndrom diagnostiziert. Was steckt hinter diesem Syndrom? Warum beginnt das Herz zu schmerzen? Welche Ursachen kann es haben und was hat der Kopf damit zu tun?

Von Lisa Makowski
Lektoriert von Michelle Donzallaz und Selina Landolt
Illustriert von Lucia Gasparovicova und Hannah Löw

Unser Herz pocht nicht nur jede Minute im Schnitt 60 bis 100 Mal, sondern manchmal scheint es als ob es unmittelbar mitfühlt und denkt (Mayoclinic, 2019). Bereits Saint-Exupéry sagte im kleinen Prinzen, dass man mit dem Herzen gut sieht, jedoch das Wesentliche für die Augen unsichtbar bleibt (Saint-Exupéry, 1973). Die Aktivität des Herzens wird aber auch durch das beeinflusst, was wir tagtäglich erleben. Im Falle einer emotional stark belastenden Trennung oder beim Verlust eines geliebten Menschen kann es sogar sprichwörtlich brechen. Im Englischen wird dieses Phänomen Broken-Heart-Syndrom oder im medizinischen Kontext auch Tako-Tsubo-Syndrom genannt (Schneider & Sechtem, 2016). Das erste Mal wurde das Syndrom 1990 bei einer Frau in Japan diagnostiziert, nach deren Namen sich auch der medizinische Fachbegriff ergab (Schneider & Sechtem, 2016; Pelliccia, Kaski, Crea, & Camici, 2017). Das Syndrom zeigt sich vor allem bei Frauen und ab einem Alter von 60 Jahren (Pelliccia et al., 2017). Neben dem Geschlecht scheint auch das Alter eine Rolle zu spielen. Die meisten der betroffenen Frauen sind postmenopausal, befinden sich also im Durchschnitt in einem Alter von weit über 60 und älter (Schneider & Sechtem 2016). Auch die bisher diagnostizierten Männer befanden sich in einem Alter über 60. Wie fühlt sich das aber an und was können Ursachen dafür sein?

Der folgende Artikel soll zuerst auf die Symptome eingehen, die bei einem Broken-Heart-Syndrom auftreten können. Darauf werden Ursachen erläutert und der Unterschied zum Herzinfarkt aufgezeigt. Schliesslich wird die Verbindung zwischen Kopf und Herz mit Interozeption dargelegt und der Bezug zum Broken-Heart-Syndrom dargestellt.  

Das gebrochene Herz – die Symptome

Hat man ein Broken-Heart-Syndrom, leidet man an Atemnot und verspürt ein Engegefühl in der Brust (Mahajani & Suratkal, 2016). Zudem zeigt der Körper seine Reaktion durch einen sinkenden Blutdruck und eine Beschleunigung des Herzschlags. Es kann zu Schweissausbrüchen kommen, wie auch zu Übelkeit oder Erbrechen. Diese Symptome treten plötzlich auf und entsprechen weitestgehend denen eines Herzinfarkts. Dennoch ist es wichtig, die beiden Erscheinungen zu unterscheiden (Mahajani & Suratkal, 2016). Bei einem Herzinfarkt können verschiedene Bereiche im Herzen betroffen sein (Eichner, 2016). Bei einem Broken-Heart-Syndrom ist die Lokalisation spezifischer und meist linksseitig. Zudem sind von Herzinfarkten deutlich mehr Männer betroffen als Frauen, bei einem Broken-Heart-Syndrom deutlich mehr Frauen (Eichner, 2016; Pelliccia et al., 2017). Weitere Unterschiede ergeben sich im Schweregrad beider Ereignisse (Pelliccia et al., 2017). Ein Herzinfarkt kann deutlich schlimmer verlaufen als ein Broken-Heart-Syndrom und irreversibel sein bzw. bis zum Tod führen. Bei einem gebrochenen Herzen sind bisher nur sehr wenige Fälle bekannt, die tödlich verliefen. Die meisten Patienten|innen genesen vollständig (Schneider & Sechtem, 2016). Gemeinsam bleiben dem Herzinfarkt und dem Broken-Heart-Syndrom aber dennoch, dass der Auslöser oft ein einschneidendes Lebensereignis ist. Auch bei einem Herzinfarkt können psychische Ereignisse die Auslöser sein (Pelliccia et al., 2017).

«Über alles hat der Mensch Gewalt, nur nicht über sein Herz» Christian Friedrich, 1813-1863

Das gebrochene Herz – die Ursachen

Objektiv betrachtet, erkennt man ein gebrochenes Herz anhand einer EKG-Aufzeichnung, bei der sich die T-Welle (Phase der Erregungsrückbildung im Herzschlag) verändert (Pelliccia et al., 2017; van Lien, Neijts, Willemsen, & Geus, 2014). Zudem zeigen sich auch Veränderungen im Herzecho. Dabei handelt es sich um Aufzeichnungen einer Ultraschalluntersuchung des Herzens. Des Weiteren verändern sich auch die Herzenzyme – sie nehmen zu. Herzenzyme sind Proteine, die eine Schädigung des Herzmuskels anzeigen können (Stieger et al., 2018). Das Zunehmen der Herzenzyme ist kein gutes Zeichen und kann ein Risiko für einen möglichen Herzinfarkt darstellen (Leach et al., 2017). Dennoch bleibt das koronare Angiogramm normal. Dieses wird während einer Angiographie, einem nicht-invasiven Herzeingriff, erstellt (Galbraith, Murphy, & de Soyta, 1978). Es handelt sich dabei um seriell aufgenommene Röntgenbilder. Ein Angiogramm wird dann durchgeführt, wenn Herzprobleme vermutet werden (Ferreira et al., 2017; Pelliccia et al., 2017). 

Dass sich ein Herz gebrochen anfühlt, kann physiologische Ursachen haben, die aus psychischem Stress resultieren. Das Tako-Tsubo-Syndrom kann also starken psychischen Stress zur Ursache haben. Solche möglichen Stressoren können zum Beispiel der Verlust oder Tod eines|er Partners|in, ein Umzug oder eine Krankheit eines|er Angehörigen sein (Y-Hassan, Feldt, & Stålberg, 2015; Schneider & Sechtem, 2016). Kommt es zu emotionalem Stress, werden Katecholamine wie Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet – und das in einem enormen Ausmass (Pelleiccia et al., 2017; Schneider & Sechtem, 2016). Durch die starke Katecholaminausschüttung kommt es zu einer inadäquaten Stressantwort des Körpers, was zu einer Unterversorgung des Herzmuskels führen kann (Schneider & Sechtem, 2016). Infolgedessen ist eine Schädigung und Störung des Herzrhythmus möglich (Pelliccia et al., 2017). Mit dem Ergebnis: Das Herz tut weh.  

Andere Forscher glauben neben dem, dass das Broken-Heart-Syndrom auch rein hormonell bedingt sein kann und deswegen eventuell auch etwas mit der abgeschlossenen Menopause zu tun haben kann (Scheinder & Sechtem, 2016). Andere wiederum meinen, das Broken-Heart-Syndrom sei ein rein stressabhängiges Ereignis, was den Zusammenhang zwischen Kopf und Herz unterstreichen würde. Das Broken-Heart-Syndrom zählt man deshalb auch zu den sogenannten Herz-Kopf-Krankheiten (engl. Brain-Heart Disorder, BHDs; Finsterer & Wahbi, 2104), dies bedeutet, dass was in unserem Kopf passiert, einen Einfluss auf unsere körperlichen Reaktionen haben kann. Dass ein Tako-Tsubo-Syndrom allerdings auch ohne vorangehendes, stressreiches Ereignis auftreten kann, zeigen Pelliccia et al. (2017) in ihrer Studie auf. Allerdings gibt es andere Patientenbeispiele, bei denen es kein stressreiches Ereignis gab, es aber dennoch zu einem Tako-Tsubo-Syndrom kam (Pelliccia et al., 2017). 

Interaktionen zwischen Kopf und Herz

Der Grundgedanke, dass die eigenen Organe nicht losgelöst vom Gehirn arbeiten, geht auf Begrifflichkeiten des zentralen Nervensystems zurück. Dabei ist der Begriff Interozeption wichtig (Ceunen, Vlaeyen, & Van Diest, 2016). Nach Critchley und Garfinkel (2017) steht hinter Interozeption die Idee, dass unsere internalen Körpersignale unser Verhalten und unsere Emotionen beeinflussen. Dieser Beeinflussung sind wir uns aber meistens nicht bewusst. Es zeigt sich zum Beispiel, wenn wir gestresst sind, dass sich unsere Hautleitfähigkeit verändert und unser EKG unregelmässiger verläuft. Bei der Interozeption sind es unsere Organe, die sich zum Beispiel anhand emotionaler Veränderungen anders verhalten (Critchley & Garfinkel, 2017). Man kann dies durch physiologische Masse anhand eines Elektroencephalogramms (EEG) EEGs oder eines Elektrokardiogramms (EKG) zeigen. So kann es auch zu Abweichungen im EKG bei traurigen im Vergleich zu positiven Bildern kommen. Dies zeigt uns, dass die innerlichen und äusserlichen Prozesse nicht unabhängig voneinander stattfinden (Critchley & Garfinkel, 2017). Ein Ungleichgewicht in unserem Körper kann sich auf unser Verhalten, sowie auf unsere Persönlichkeit auswirken. Genauso können äussere Einflüsse aber auch Körperfunktionen verändern und uns sogar krank werden lassen (Critchley & Garfinkel, 2017).Unser Bewusstsein wird durch unseren Körper beeinflusst und umgekehrt. Unsere Emotionen und körperlichen Signale sind also stark voneinander abhängig. Auf diese Weise zeigt sich, wie äussere Ereignisse auch einen Einfluss auf unser Innenleben haben. Was wir fühlen und spüren geht nicht spurlos an uns vorbei. Schmerz kann sich innerlich wie äusserlich widerspiegeln und somit auch in einem gebrochenen Herz enden. 


Zum Weiterlesen und -schauen

NDR Ratgeber. (21.08.2018). Broken-Heart-Syndrom erkennen und behandeln. [Videodatei] Abgerufen am 08. Januar 2019 von https://www.youtube.com/watch?v=ChiM_BC0HXU

Pelliccia, F., Kaski, J. C., Crea, F., & Camici, P. G. (2017). Pathophysiology of Takotsubo Syndrome. Circulation, 135, 2426-2441. doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.116.027121

Schneider, B., & Sechtem, U. (2016). Influence of age and gender in takotsubo syndrome. Heart Failure Clinical, 12, 521-530. doi:10.1016/j.hfc.2016.06.001

Y-Hassan, S., Feldt, K., & Stålberg, M. (2015). A missed penalty kick triggered coronary death in the husband and broken heart syndrome in the wife. The American Journal of Cardiology, 116(10), 1639-1641. doi:10.1016/j.amjcard.2015.08.033

Literatur

Ceunen, E., Vlaeyen, J. W. S., & Van Diest, I. (2016). On the origin of interoception. Frontiers in Psychology, 7, 743. doi:10.3389/fpsyg.2016.00743

Critchley, H. D., & Garfinkel, S. N. (2017). Interoception and emotion. Current Opinion in Psychology, 17,7-14. doi:10.1016/j.copsyc.2017.04.020

Eichner, E. R. (2016). Never take your heart by surprise: Heart attack triggers. Current Sports Medicine Reports, 15(2), 65-66. doi:10.1249/JSR. 0000000000000234

Ferreira, J.P., Rossignol, P., Demissei, B., Sharma, A., Girerd, N., Anker, S.D., , … Zannad, F. (2017). Coronary angiography in worsening heart failure: determinants findings and prognostic implications. Heart, 104(7), 606-613. doi:10.1136/heartinI-2017-311750

Finsterer, J, & Wahbi, K. (2014). CNS disease triggering Takotsubo stress cardiomyopathy. International Journal of Cardiology, 177, 322-329. doi:10,1016/j.ijcard.2014.08.101

Galbraith, J. E., Murphy, M. L., & de Soyza, N. (1978). Coronary angiogram interpretation – Interobserver variability. JAMA, 240(19), 2053-2056. doi:10.1001/jama.1978.03290190031023

Pelliccia, F., Kaski, J. C., Crea, F., & Camici, P. G. (2017). Pathophysiology of takotsubo syndrome. Circulation, 135, 2426-2441. doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.116.027121

Leach, J. P., Heallen, T., Zhang, M., Rahmani, M., Morikawa, Y., Hill, M. C., … Martin, J. F. (2017). Hippo pathway deficiency reverses systolic heart failure after infarction. Nature, 550(7675), 260-264. doi:10.1038/nature24045

Mahajani, V., & Surathkal, V. (2016). Broken heart syndrome. Journal of the Association of Physicians in India, 64(6), 60-63. doi:…
Mayoclinic. (2019). Abgerufen am 19. Januar 2019 von https://www.mayoclinic.org/healthy-lifestyle/fitness/expert-answers/heart-rate/faq-20057979

Schneider, B., & Sechtem, U. (2016). Influence of age and gender in takotsubo syndrome. Heart Failure Clinical, 12, 521-530. doi:10.1016/j.hfc.2016.06.001

Stieger, P., Rana, O. R., Saygili, E., Zazai, H., Rauwolf, T., Genz, C., Braun-Dullaeus, R. C., & Said, S. M. (2018). Impact of internl and external electrical cardioversion on cardiac specific enzymes and inflammation in patients with atrial fibrillation and heart failure. Journal of Cardiology, 72(2), 135-139. doi:10.1016/j.jcc.2018.01.016

van Lien, R., Neijts, M., Willemsen, G., & de Geus, E. J. C. (2014). Ambulatory measurement of the ECG T-wave amplitude. Psychophysiology, 52, 225-237. doi:10.1111/psyp.12300

Y-Hassan, S., Feldt, K., & Stålberg, M. (2015). A missed penalty kick triggered coronary death in the husband and broken heart syndrome in the wife. The American Journal of Cardiology, 116(10), 1639-1641. doi:10.1016/j.amjcard.2015.08.033

Wenn ich rot sehe, wird mir schwarz

Entstehung und Wirkmechanismen der Blut-Spritzen-Verletzungsphobie

Ich versuchte dagegen anzukämpfen. Bilder und Stimmen auszublenden. Doch die Hitze stieg in mir empor, liess mich schneller atmen. Mein ganzer Körper kribbelte. Meine Hände waren taub. Übelkeit und Schwindel wurden stärker. Benommen versuchte ich mich abzulenken. Schaute angestrengt aus dem Fenster, doch der Pausenplatz verschwamm. Verschwamm zu tiefem Schwarz.

Von Julia Schmid
Lektoriert von Loriana Medici und Marie Reinecke
Illustriert von Daniel Skoda und Gianna Zorzini

Wenn ich mich in einer Situation wiederfinde, in der ich wohl oder übel von meiner Phobie erzählen muss, stosse ich nicht immer auf Verständnis. Manchmal erhalte ich ein belächelndes «Ach, wie süss», oder die typische «Ich-finde-Blut-auch-nichts-Schönes-Reaktion». Bei letzterer muss ich immer an Spinnen denken, daran, dass ich diese auch nicht für schöne Tier halte, aber trotzdem nicht kreischend aus dem Zimmer renne, behalte meine Gedanken aber für mich und antworte mit einem knappen «Ja, kann ich verstehen», denn das tue ich wirklich.

Wie bei jeder Phobie ist also das Ausmass der Angst, die Intensität und der Leidensdruck entscheidend (Becker, 2011). Als Kind wurde mir relativ schnell klar, dass mein Empfinden bei blutigen Geschichten und Arztbesuchen nicht ganz der Norm entsprach. Es gab viele kleine Anzeichen wie Schwindel bei kleinen Schnittwunden oder Weinanfälle vor einer anstehenden Impfung. Diese Vorboten mündeten darin, dass meine Familie das Wort «Blut» in meiner Anwesenheit nicht mehr benutzen durfte. Sie wollten es durch «Tomate» ersetzen, doch die Assoziation von Tomate zu Rot zu Blut war mir zu eng. So war bei uns zu Hause monatelang nur noch von «Salat» die Rede. Aber auch diese Massnahme änderte nichts daran, dass ich sobald ein entsprechendes Thema angeschnitten wurde, sicherheitshalber den Raum verliess.

Auch bei Gesunden ziehen Blut und Verletzungen automatisch selektive Aufmerksamkeit auf sich und werden bevorzugt vom visuellen System verarbeitet. Als Grund dafür wird die Handlungsrelevanz solcher Reize genannt (Schäfer, Nils, Sanchez, & Philippot, 2010). Verletzungen lösen bei vielen Menschen ein ungutes Gefühl aus. Bei Betroffenen einer Blut-Spritzen-Verletzungsphobie (BSV-Phobie) ist die Angst aber so stark, dass sie, wie an dem genannten Beispiel ersichtlich, ein Vermeidungsverhalten mit sich zieht. Diese Vermeidung kann zu negativen gesundheitlichen Folgen führen, da zum Beispiel notwendige Vorsorgemassnahmen nicht eingehalten werden (Schienle & Leutgeb, 2012).

Nach DSM-V und ICD-10 wird die BSV-Phobie zu den Spezifischen Phobien gezählt. Charakteristisch für diese Klasse ist die intensive, schwer kontrollierbare, anhaltende Angst vor einem spezifischen Reiz oder einer spezifischen Situation. Im Falle der BSV-Phobie richtet sich die Angst gegen den Anblick von Blut und Verletzungen, Spritzen, Blutabnahmen, Krankenhäusern und medizinischen Eingriffen (Schienle & Leutgeb, 2012). Oft empfinden Betroffene bereits Schilderungen der genannten Situationen als unerträglich. Die Befürchtungen schliessen die Angst vor einer Ohnmacht, Schmerzen, Behandlungsfehlern oder davor sich zu verletzen mit ein (Schienle & Leutgeb, 2014). Diese Angst führt, obwohl sie von erwachsenen Betroffenen als übertrieben erkannt wird, neben dem bereits genannten Vermeidungsverhalten zu grossem Leid und Einschränkungen im täglichen Leben. Zum Beispiel werden Tätigkeiten mit Verletzungsrisiko gemieden, da eine Ersthilfe bei sich selbst oder anderen unmöglich wäre (Schienle & Leutgeb, 2012). 

Wenn es plötzlich Schwarz wird

Es gab mehre Situationen, in denen ich spürte, dass es bald so weit sein würde. Bald würde ich bewusstlos werden. Die klaren Anzeichen veranlassten mich dazu gegenzusteuern, mich abzulenken. Diese Vorboten einer Ohnmacht (Präsynkope) und die Ohnmacht selbst (vasovagale Synkope) gelten als Besonderheiten der BSV-Phobie und grenzen sie von allen anderen spezifischen Phobien ab. Die Präsynkope, zu der unter anderem Schwindel, Wärmegefühl, Übelkeit und Hyperventilation zählen, führt aber nicht in jedem Fall zu einer Ohnmacht. Dennoch haben 75 Prozent der Betroffenen eine Synkope erlebt. Bei den restlichen spezifischen Phobien liegt die entsprechende Zahl unter einem Prozent.

Erklärt wird die Bewusstlosigkeit durch eine diphasische Reaktion, wobei anzumerken ist, dass die grundlegenden Mechanismen noch nicht vollständig geklärt sind. Wie bei den restlichen spezifischen Phobien führt die phobische Situation zu erhöhtem Blutdruck und Herzfrequenz (Tachykardie). Diese Reaktion wird typischerweise bei einer angstauslösenden Situation erwartet. Der Sympathikus wird aktiviert und bereitet auf eine Kampf- oder Fluchtreaktion vor. Bei der BSV-Phobie hält die Sympathikusaktivierung jedoch nur wenige Sekunden an. Es folgt ein schnelles Absinken der Herzrate (Bradykardie) und des Blutdrucks (Hypotension) aufgrund einer Gefässerweiterung. Dies führt zu einer drohenden Minderdurchblutung des Gehirns. Der Verlust des Bewusstseins tritt als Selbstschutzmechanismus ein, durch den der Körper in eine waagrechte Position gerät, was den Blutfluss zum Gehirn verbessert. Die Ohnmacht hält meist nur wenige Sekunden an und führt zu Erschöpfung. Das Gesundheitsrisiko ist jedoch, abgesehen von der Verletzungsgefahr bei einem ohnmachtsbedingten Sturz, gering.

Bei der Konfrontation mit dem phobischen Reiz kommt es zu einer Ohnmachtsspirale. Darunter versteht man die gegenseitige Verstärkung negativer Gedanken und körperlicher Symptome (Schienle & Leutgeb, 2014). Die aufgetretenen körperlichen Symptome gehen der Angstentwicklung voraus, werden wahrgenommen und negativ bewertet, was zu ihrer Verstärkung führt und mit zunehmenden negativen Gedanken einher geht (Kleinknecht & Lenz, 1989). Manche Betroffene beginnen in diesen Situationen zu hyperventilieren, was den Vorgang verstärkt (Schienle & Leutgeb, 2014).

«Negative Erlebnisse sind für die Entstehung der Störung relevant.» Schienle & Leutgeb, 2012

Zusätzlich führt die Möglichkeit einer Ohnmacht zur Angst vor der Ohnmacht selbst und davor sich zu verletzen oder zu blamieren (Schienle & Leutgeb, 2014). Anhand vergangener Ohnmachtsepisoden und erwarteter weiterer Episoden kann das Vermeidungsverhalten vorausgesagt werden (Kleinknecht & Lenz, 1989).

Als ohnmachtsrelevante Situationen werden von Betroffenen Antizipation, Betrachten, Hören oder Lesen störungsrelevanter Reize genannt. Dies zeigt, dass die Ohnmacht häufig bei indirektem Kontakt zum phobischen Reiz oder bei entfernter Bedrohung eintritt. Somit sind emotionale Stressoren relevant (Schienle & Leutgeb, 2014).

Auf der Suche nach Antworten

Ich wollte schon immer die Gründe dafür kennen, warum ich auf Blut anders reagiere. Heute kenne ich mehrere Theorien und weiss, dass ich mit dieser Phobie nicht alleine bin. Die Punktprävalenz beträgt etwa drei Prozent, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer (Schienle & Leutgeb, 2014). Bei der BSV-Phobie handelt es sich um eine chronische Erkrankung. Meist beginnt sie in der Kindheit mit etwa zehn Jahren (Schienle & Leutgeb, 2014). Bei 45 Prozent der Betroffen gehen der Phobie negative Erfahrungen voraus («Universität Köln», n.d.). Zusätzlich kann von einer familiären Häufung der Ekel- und Ohnmachtsneigung, genereller Ängstlichkeit und der Phobie selbst ausgegangen werden. Dies spricht einerseits für einen Einfluss der Genetik, anderseits zeigt es auch, dass das Vorleben der Eltern einen Einfluss auf die Einstellung der Kinder hat. So übernehmen sie zum Beispiel die Vorbehalte der Eltern gegenüber Arztbesuchen (Schienle & Leutgeb, 2014). Eigene negative Erfahrung hat sich aber als relevanter erwiesen (Kendler et al., 2008). Laut einem weiteren lerntheoretischen Ansatz handelt es sich bei den Befürchtungen der BSV-Phobie um entwicklungsgebundene Ängste, die bei Kindern zwischen fünf und sieben Jahren auftreten. Solche Ängste sind normal und verschwinden von alleine wieder. Werden sie jedoch nicht überwunden, kann eine Phobie entstehen (Schienle & Leutgeb, 2014).

Wie bereits angedeutet, spielt neben dem Angstempfinden auch das Ekelempfinden eine entscheidende Rolle. Oswald und Reinecker (2004) konnten zeigen, dass nur bei der BSV-Phobie spezifisches Ekelempfinden vorliegt. Betroffene berichten meist von gleich stark ausgeprägtem Angst- und Ekelempfinden. Dies könnte die Ohnmachtsreaktion erklären, denn im Gegenteil zur Angst geht Ekel mit einem Absinken der Herzrate und des Blutdrucks einher (Schienle & Leutgeb, 2014). Laut Page (1994) kann die Ohnmacht mit einer extremen Ekelreaktion gleichgesetzt werden.

Weiter zeigen Betroffene eine erhöhte Aufmerksamkeit beim Anblick störungsrelevanter Reize (Schienle et al., 2003). Gleichzeitig liegt eine präfrontale Hypoaktivität vor, was ihr Defizit in der Emotionskontrolle erklären könnte (Hermann et al., 2007). Eine neuere Studie deutet auf einen spezifischen Verarbeitungsstil hin, der aus früher selektiver Enkodierung und später kognitiven Vermeidung besteht (Sarlo, Buodo, Devigili, Munafo, &Palomba,2011).

«Reduktion des systolischen Blutdrucks und Hyperventilation sind Merkmale der BSV-Phobie.» Schienle & Leutgeb, 2012

Meine hartnäckige Begleiterin

Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass meine Phobie, wie bei vielen Betroffenen, mit einer negativen Erfahrung in der Kindheit zusammenhängt. Die Frage, warum die Symptome danach nicht wieder verschwunden sind, bleibt bestehen. Nach mehreren aversiven Erfahrungen gehen Menschen dem auslösenden Reiz aus dem Weg, weshalb keine positive Lernerfahrung mehr stattfinden kann. Wird die Situation vermieden, bleibt die Angst aus, was das Gefühl auslöst, das Richtige getan zu haben. Dies führt zur Verstärkung des Vermeidungsverhaltens und verfestigt die Annahme, dass die Situation wirklich gefährlich war. Vermeidungsverhalten führt somit neben der Aufrechterhaltung der Störung sogar zu deren Verstärkung (Schienle & Leutgeb, 2014). Als weitere aufrechterhaltende Faktoren gelten wenig einfühlsamer Umgang mit den Betroffenen und Kontrollverlust beim Ohnmachtserleben (Schienle & Leutgeb, 2012). Dazu kommt, dass viele Betroffene aus Scham oder Angst vor Zurückweisung erst spät oder gar keine Hilfe suchen (Schienle & Leutgeb, 2014).

Opfer der Evolution

Auf der Suche nach Antworten erschien es mir wichtig einen weiteren Schritt zurückzugehen. Angst und ihre körperlichen Symptome sind biologisch sinnvolle Schutzreaktionen. Ihre Aversion verhindert, dass sich Menschen in gefährliche Situation begeben. Zusätzlich bereiten sie eine Kampf- oder Fluchtreaktion vor (Schienle & Leutgeb, 2014). Ist eine Flucht jedoch nicht mehr möglich oder zweckmässig, kann es zu einer Ohnmacht kommen. In der Entstehungsgeschichte hatte dies einen Überlebensvorteil. Stilles Liegen bei einer Verletzung wirkt dem Blutverlust entgegen und fördert die Blutgerinnung (Schienle & Leutgeb, 2014). Kardiovaskuläre Studien konnten jedoch zeigen, dass sich Ohnmacht erst nach Verlust von ca. 30 Prozent des Blutvolumens einstellt, was gegen diese Theorie spricht (Schienle & Leutgeb, 2012).

Ein weiterer Ansatz nennt die BSV-Phobie als Überbleibsel des Totstellreflexes. Das stille Liegen führt dazu, dass der Angreifer das Interesse an seiner Beute verliert.

Auch das Erleben von Ekel ist biologisch sinnvoll. So schützt er beispielsweise vor übertragbaren Krankheiten. Dafür spricht das Ekelprinzip, nach welchem alles was dem ursprünglichen Ekelreiz ähnelt, abgelehnt wird (zum Beispiel Tomatensuppe). Dementsprechend könnte es sich bei der BSV-Phobie um eine übersteigerte und nicht mehr adaptive Reaktion handeln (Schienle & Leutgeb, 2014). Die «Ich-finde-Blut-auch-nichts-Schönes-Reaktion» hingegen ist aus evolutionärer Sicht völlig normal.

Blinzelnd öffnete ich die Augen. Erkannte den grauen Schulhausgang. Ich hatte keine Ahnung wie ich hierhergekommen war. Nur die ekligen Bilder schwirrten in meinem dröhnenden Kopf. Erneut wollte ich sie verdrängen. «Denk an etwas Schönes», sagte ich zu mir selbst, versuchte tief durchzuatmen und schaute ich mich verwirrt um. Erst da bemerkte ich, dass mein Lehrer und meine Banknachbarin über mich geneigt, besorgt auf mich herunterschauten. «Wie geht es dir, ich hole dir Wasser», stotterte mein Biolehrer, sichtlich mit der Situation überfordert und marschierte zurück ins Schulzimmer. 

Nach diesem Vorfall wurde ich von jeglichen Sezieraktionen suspendiert und bei blutigen Videos vorgewarnt. Für meine Klasse war dies das Ereignis des Jahres. Immer wieder wurde ich auf meine damalige Blässe angesprochen und noch Monate danach wurden Szenen des Films, den wirdamals geschaut hatten, nachgespielt. Heute weiss ich, welche dieser Geschehnisse förderlich und welche wohl doch eher hinderlich waren auf meinem Weg zu einem Phobie-freien Leben.


Zum Weiterlesen

Schienle, A., & Leutgeb, V. (2012). Fortschritte der Psychotherapie: Band 50. Blut-Spritzen-Verletzungsphobie. Göttingen: Hogrefe

Schienle, A., & Leutgeb, V. (2014). Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie: Band 29. Angst vor Blut und Spritzen. Göttingen: Hogrefe

Literatur

Becker, E.S. (2011). Spezifische Phobien. In H.-U. Wittchen & Hoyer J. (Eds.). Klinische Psychologie & Psychotherapie (pp. 972-982). Berlin, Heidelberg: Springer. doi:10.1007/978-3-642-13018-2_44

Hermann, A., Schäfer, A., Walter, B., Stark, R., Vaitl, D., & Schienle, A. (2007). Diminished medial prefrontal cortex activity in blood-injection-injury phobia. Biological Psychology. 75(2), 124-130. doi:10.1016/j.biopsycho.2007.01.002

Hochschulambulanz für Psychotherapie an der Universität zu Köln. (n.d.).Blut-, Verletzungs- und Spritzenphobie: Ursachen. Retrieved from http://blog.hf.uni-koeln.de/angstambulanz/blut-verletzungs-und-spritzenphobie-ursachen/

Kendler, K. S., Gardner, C. O., Annas, P., & Lichtenstein, P. (2008).The development of fears from early adolescence to young adulthood: A multivariate study. Psychological Medicin, 38(12), 1759-1769.doi:10.1017/S0033291708002936

Kleinknecht, R. A., & Lenz, J. (1989). Blood/injury fear, fainting and avoidance of medically-related situations: A family correspondence study.Behaviour Research and Therapy27(5), 537-547. doi:10.1016/0005-7967(89)90088-0

Osswald, S., & Reinecker, H. (2004). Der Zusammenhang von Ekel und Ekelempfindlichkeit mit Spinnen-und Blut-Spritzen-Verletzungsängsten. Verhaltenstherapie. 14(1), 23-33.doi:10.1159/000078028

Page, A. (1994). Blood-injury phobia. Clinical Psychology Review. 14(5), 443-461. doi:10.1016/0272-7358(94)90036-1

Sarlo, M., Buodo, G., Devigili, A., Munafo, M., & Palomba, D.(2011). Emotional sensitization highlights the attentional bias in blood-injection-injury phobics: An ERP study. Neuroscience Letters. 490(1). 11-15.doi:10.1016/j.neulet.2010.12.016

Schäfer, A., Nils, F., Sanchez, X., & Philippot, P. (2010). The effectiveness of a large database of emotion-eliciting films: A new tool for emotion researchers. Cognition and Emotion. 24(7), 1152-1172.doi:10.1080/02699930903274322

Schienle, A., Schäfer. A., Stark, A., Walter, B., Kirsch, P., & Vaitl, D. (2003). Disgust Processing in Phobia of Blood-Injection-Injury. Journal of Psychophysiology 17(1), 87-93.doi:10.1027/0269-8803.17.2.87

Schienle, A., & Leutgeb, V. (2012). Fortschritte der Psychotherapie: Band 50. Blut-Spritzen-Verletzungsphobie.Göttingen: Hogrefe

Schienle, A., & Leutgeb, V. (2014). Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie: Band 29. Angst vor Blut und Spritzen.Göttingen: Hogrefe

Digitales Burnout

Warum es sich lohnt, ab und an NICHT auf das Smartphone zu schauen

Das Smartphone wurde in den letzten zehn Jahren zum alltäglichen Begleiter. Es erleichtert das Leben mit Verkehrs-, Gesundheits- und Kommunikations-Apps enorm. Doch was geschieht, wenn das Smartphone Überhand gewinnt und man von den ganzen Informationen und Nachrichten überflutet wird?

Von Lea Mubi
Lektoriert von Laurina Stählin und Damian Striegel
Illustriert von Lucia Gasparovicova

Haben Pinguine Knie? Eine ganz banale Frage, die ich innert wenigen Sekunden beantworten könnte. Nicht weil ich eine Pinguin-Kennerin bin, sondern weil ich ein Smartphone besitze. Kurz bei Google eingegeben und schon habe ich die Antwort. Denn beinahe das komplette Wissen über die Welt kann ich über mein Smartphone abrufen und mit einem Drittel der Weltbevölkerung könnte ich damit kommunizieren (Költzsche, 2019). Neben der realen Welt ist innert der letzten zehn Jahre die virtuelle Welt entstanden, in welche man direkt und jederzeit über das Smartphone eintauchen kann (De-Sola, Talledo, Rodriguez de Fonseca, & Rubio, 2017). Diese virtuelle Welt bringt enorme Gewinne für die Wirtschaft und das alltägliche Leben. Noch nie zuvor konnte man so schnell so viele Menschen erreichen und seine Ideen verbreiten. Nehmen wir zum Beispiel das Konzept der shared economy. Plötzlich kann man bequem über Apps Autos, Haushaltsartikel und viele weitere Sachen teilen und muss sie nicht selbst kaufen (Gorr & Bauer, 2019). Die Digitalisierung verschafft dementsprechend in vielen Bereichen des Alltags Erleichterung – aber es gibt auch Schattenseiten. Während die Leistungsfähigkeit mit der Zunahme der Digitalisierung in der Vergangenheit immer mitgestiegen ist, wird zurzeit sichtbar, dass einerseits die neuen digitalen Mittel immer besser werden, unsere persönliche Leistungsfähigkeit jedoch stagniert oder sogar abnimmt (Markowetz, 2015).

Zunahme der digitalen Mittel, Abnahme unserer Leistungsfähigkeit und Konzentrationsspanne

Erklären lässt sich die Abnahme der persönlichen Leistungsfähigkeit und Konzentrationsspanne durch die Fragmentierung des Alltages (Markowetz, 2015). Das alltägliche Leben wird immer wieder unterbrochen, in dem man Anrufe entgegennimmt, Instagram checkt, E-Mails oder Whats-App Nachrichten beantwortet und ganz nebenbei noch die neusten Klamotten auf Zalando bestellt. Wir wechseln folglich permanent zwischen der realen und der virtuellen Welt hin und her. Dadurch wird der Alltag in kleine, zeitliche voneinander getrennte, Fragmente geteilt.

Die Auswirkungen dieser Fragmentierung haben die Software-Entwickler Tom DeMarco und Timothy Lister genauer untersucht. Sie kamen zum Schluss, dass man 15 Minuten braucht, um in den so genannten «Flow-Zustand» zu gelangen. Unter dem Begriff «Flow» versteht man das totale Aufgehen in seiner Arbeit, was in einen wahrlichen Arbeitsrausch übergehen kann (Markowetz, 2015). In diesem Zustand ist man produktiv und in der Lage, Spitzenleistungen zu erzielen. Die Folge ist ein Gefühl tiefster Zufriedenheit (Markowetz, 2015). Laut einer Studie von Markowetz (2015) wird aber durchschnittlich alle 18 Minuten auf das Smartphone geschaut. Dies hat zur Folge, dass man nur drei Minuten in einem Flow-Zustand verbringen könnte und somit die Leistungsfähigkeit und die Glücksgefühle massgeblich abnehmen.

Einfluss des Smartphones auf unsere soziale, emotionale und psychologische Entwicklung

Aber nicht nur die Leistungsfähigkeit leidet unter einer übermässigen Nutzung des Smartphones, sondern auch die soziale, emotionale und psychologische Entwicklung (Yurdagül, Kircaburun, Emirtekin, Wang & Griffiths, 2019). Auf sozialer Ebene ersetzen virtuelle Kontakte und Treffen oft persönliche Beziehungen (Guedes et al., 2015). Die Anzahl Facebook-Freunde oder Instagram-Follower werden plötzlich wichtiger als die Anzahl tiefgehender Beziehungen in der realen Welt. Dies kann zu einem Gefühl der sozialen Isolation führen, woraus ein Teufelskreis entstehen kann: Durch das Gefühl der Einsamkeit wird die Smartphone-Nutzung immer weiter erhöht, da man sich in die virtuelle Welt flüchten will, um sich besser zu fühlen (Guedes et al., 2015). Andreassen und Kollegen (2016) untersuchten den Einfluss einer exzessiven Nutzung des Smartphones auf die psychologische Entwicklung. Sie fanden eine positive und signifikante Korrelation zwischen Symptomen von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Zwangsstörungen, Angst und Depression und einem übermässigen Smartphone-Gebrauch. Es zeigte sich auch, dass Frauen eher zu viel Zeit auf den sozialen Medien verbringen, während Männer vor allem Spiele auf ihrem Smartphone spielen. Hiermit wird ersichtlich, dass vielen Personen die dauerhafte Erreichbarkeit und die permanente Reizüberflutung per Smartphone zu schaffen machen und in einem «digitalen Burnout» enden können – also einem Gefühl der Unruhe, Überforderung und Leere (Markowetz, 2015).

Warum schauen wir so oft auf unser Smartphone?

Die Frage, die sich hier nun aufdrängt, lautet: Warum fällt es uns so schwer, unser Smartphone wegzulegen und einfach mal nur zu sein und zu entspannen? Viele Menschen spüren nämlich, dass ihr Smartphone eine Quelle des Stresses darstellt.

Die Antwort ist Dopamin. Dopamin wird oftmals auch als das Glückshormon bezeichnet. Es wird in grossen Mengen beim Sport, sexuellen Aktivitäten, Essen von Schokolade, aber eben auch beim Smartphone-Konsum ausgeschüttet (Epp, 2019). Schon der amerikanische Psychologe und Verhaltensforscher B.F. Skinner entdeckte in den 1950er Jahren in Experimenten mit Mäusen das seitdem in der Wissenschaft bekannte Prinzip der Random Rewards. Skinner teilte die Mäuse in zwei Gruppen auf (Markowetz, 2015). Die erste Gruppe bekam immer eine Belohnung, wenn sie einen Hebel in ihrer Box betätigte. Die zweite Gruppe bekam mal eine kleine Belohnung, mal eine grosse und mal gar keine Belohnung, wenn sie den Hebel betätigte (Markowetz, 2015). Das Experiment zeigte, dass es den Mäusen aus der ersten Gruppe, welche immer eine Belohnung bekamen, schnell langweilig wurde und sie aufhörten, den Hebel zu betätigen. Die zweite Gruppe jedoch, welche nicht konstant eine Belohnung bekam, taten nichts anderes mehr, als den Hebel zu betätigen (Markowetz, 2015). Die Schlussfolgerung lautete: Nicht die Belohnung selbst, sondern die Erwartung vielleicht eine Belohnung zu bekommen, stellt den Anreiz zur Handlung dar. Mit folgender Aussage überträgt Markowetz (2015) die Ergebnisse des Mäuse-Experimentes auf unser alltägliches Leben:

«Wir schauen regelmässig in unseren E-Mail-Account, nicht weil dort tatsächlich immer eine wichtige Nachricht ist, sondern weil sie dort sein könnte.»
Markowetz, 2015, S. 38

Schlussfolgernd kann gesagt werden, dass man durch einen bewussten Smartphone-Konsum von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren und gleichzeitig die eigene mentale Gesundheit wie auch das Wohlbefinden aufrechterhalten kann. Und um auf meine anfängliche Frage zurück zu kommen: Ja, Pinguine haben Knie (Tripp, 2013)!

Wie gewinnen wir die Kontrolle zurück?
Laut Markowetz (2015) gibt es keine allgemeingültige digitale Diät um aus diesem Hamsterrad auszubrechen und wieder die Kontrolle über den persönlichen Smartphone-Gebrauch zurück zu gewinnen. Jedoch existieren einige hilfreiche Ansatzpunkte, um den Smartphone-Konsum zu minimieren:

  1. Das Smartphone einfach mal zuhause lassen (Scherrer, 2016)
  2. Alarmtöne ausschalten (Scherrer, 2016)
  3. Smartphone-freie Phasen kreieren und Smartphone-freie Zonen erstellen (Markowetz, 2015)
  4. Eine Detox-App nutzen, welche anzeigt, wie oft man auf das Smartphone schaut und wie viel Zeit man in gewissen Apps verbringt (Scherrer, 2016)
  5. Miteinander telefonieren, anstatt Nachrichten zu schreiben (Scherrer, 2016)
  6. Einen echten Wecker kaufen (Markowetz, 2015)
  7. Reduktion der sozialen Netzwerke und der Apps, die man nicht benutzt (Schindler, 2017)
  8. Achtsamkeitstrainings wie Yoga und Meditation (Markowetz, 2015)
  9. Die Gründe für seine Smartphone-Gewohnheiten erkennen (Schindler, 2017)

Zum Weiterlesen

Gorr, C., & Bauer, M. (2019). Gehirne unter Spannung – Kognition, Emotion und Identität im digitalen Zeitalter. Berlin, Deutschland: Springer Verlag.
Markowetz, A. (2015). Digitaler Burnout – Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist. München, Deutschland: Knaur Verlag.

Literatur

Andreassen, C. S., Billieux, J., Griffiths, M. D., Kuss, D. J., Demotrovics, Z., Mazzoni, E., & Pallesen, S. (2016). The relationship between addictive use of social media and video games and symtomes of psychiatric disorders: A large-scale cross-sectional study. Psychology of Addictive Behaviors, 30, 252–262.

De-Sola, J., Talledo, H., de Fonseca, F. R., & Rubio, G. (2017). Prevalence of problematic cell phone use in an adult population in Spain as assessed by the Mobile Phone Problem Use Scale (MPPUS). PLoS ONE, 12(8), 1–17.

Epp, E. (2019). Mein Smartphone kämpft gegen mich und ich kämpfe gegen mein Smartphone. Verfügbar unter: https://www.stern.de/neon/herz/psyche-gesundheit/handysucht–mein-smartphone-kaempft-gegen-mich-und-ich-gegen-mein-smartphone-8553568.html

Gorr, C., & Bauer, M. (2019). Gehirne unter Spannung – Kognition, Emotion und Identität im digitalen Zeitalter. Berlin, Deutschland: Springer Verlag.

Guedes, E., Sancassiani, F., Carta, M. G., Campos, C., Machado, S., King, A. L. S., & Nardi, A. E. (2016). Internet addiction and excessive social network use: What about Facebook? Clinical Practice & Epidemiology in Mental Health, 12, 43–48.

Költzsche, T. (2019). Mehr als 2,5 Milliarden Menschen besitzen ein Smartphone. Verfügbar unter: https://www.golem.de/news/mobile-mehr-als-2-5-milliarden-menschen-besitzen-ein-smartphone-1902-139219.html

Markowetz, A. (2015). Digitaler Burnout – Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist. München, Deutschland: Knaur Verlag.

Scherrer, P. (2016). Der Feind in meiner Tasche – 8 Tipps gegen die Smartphone-Abhängigkeit. Verfügbar unter: https://www.watson.ch/digital/native/779917160-du-haengst-zu-viel-am-smartphone-hier-sind-einige-tipps-die-helfen

Schindler, J. (2017). Digitaler Detox: 10 Tipps gegen Handysucht. Verfügbar unter: https://www.generali-vitalityerleben.de/generali-vitality-erleben/digital-detox–10-tipps-gegen-handysucht-21814/

Tripp, E. (2013). Do penguins have knees? Verfügbar unter: http://marinesciencetoday.com/2013/10/08/do-penguins-have-knees/

Yurdagül, C., Kircaburun, K., Emirtekin, E., Wang, P., & Griffiths, M. D. (2019). Psychopathological consequences related to problematic instagram use among adolescents: The mediating role of body image dissatisfaction and moderating role of gender. Verfügbar unter: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs11469-019-00071-8.pdf