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Beiträge aus der Kategorie ‘Uncategorized’

Distanzierte Dimension

Von Hannah Löw
Lektoriert von Zoé Dolder und Hannah Meyerhoff
Illustriert von Rebecca Beffa

Ruhend liegt das Auge fern
in Unendlichkeit des Raumes.
Suchend nach dem innern’ Kern,
der das Rückgrat hält des Seelenbaumes.

Gedankeninseln schweben schwer
im Magnetfeld ihrer Dimension.
So endlos leer
gepolt auf’s Ende der Vision.

Nähe als Distanz zum Ich.
Grenzen, die verschwimmen.
Sehnsucht fliesst durch’s Herz als Stich.
Träume, die zerrinnen.

Inseln voller Leben.
Alt und Jung,
die in ihrem Pulsschlag beben
mit Ruhe und mit Schwung.

Zeit eröffnet Galaxien;
Welten, die Gespräche führen;
Liebend fliessen Energien,
öffnen Herzen und auch Türen.

Suchend nach der Form,
die schaukelnd wiegt im Gleichgewicht.
Was bedeutet Norm,
von der Alltag ständig spricht?

Emotionally Focused Therapy für Paare

Wenn es brennt in der Beziehung 

Soziale Beziehungen sind von grundlegender Bedeutung für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Partnerschaftsprobleme gehören zu den Hauptgründen für das Aufsuchen psychologischer Unterstützung. In den 80er Jahren wurde die Emotionally Focused Therapy (EFT) entwickelt, um Paaren zu helfen.

Von Vera Meier
Lektoriert von Marie Reinecke und Celina Weder
Illustriert von Sara Aeschlimann

Hollywoodfilme, Popsongs und Liebesromane von früher wie auch von heute machen deutlich: Die meisten Menschen sehnen sich nach lebenslangen, verbindlichen und tragfähigen Beziehungen. Eine enge Partnerschaft soll als Zufluchtsort, Hafen der Geborgenheit und sichere Basis dienen (Baumeister & Leary, 1995; Bodenmann, 2003; Buss, 1995). So ist auch die Zahl der Eheschliessungen in der Schweiz über die Jahre relativ stabil geblieben (Bundesamt für Statistik, 2019). Demgegenüber steht die Tatsache, dass wir in einer Zeit von zunehmender Globalisierung leben. Wir befinden uns in einer mobilen Gesellschaft, die eine generelle Verunsicherung und indes eine hohe Instabilität von Partnerschaften mit sich bringt. Das hohe Scheidungsrisiko gehört in unserer Gesellschaft zur Alltagsrealität (Bodenmann, 2016; Holt-Lunstad, Robles, & Sbarra, 2017).  

In Studien aus der ganzen Welt konnte wiederholt empirische Evidenz dafür erbracht werden, dass die Qualität und Quantität von sozialen Beziehungen in einem engen Zusammenhang mit physischer wie auch psychischer Gesundheit steht. Dabei ist vor allem das Ausmass an empfundener Sicherheit innerhalb sozialer Beziehungen zentral. Dies gilt insbesondere für intime Partnerschaften (Holt-Lunstad et al., 2017; Holt-Lunstad, Smith, & Layton, 2010; Robles, Slatcher, Trombello, & McGinn, 2014; Umberson & Karas Montez, 2010). Die angestrebten positiven Beziehungen können mit Belastbarkeit und allgemeinem Wohlbefinden assoziiert werden. Einsamkeit und Beziehungsprobleme hingegen stellen Risikofaktoren für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen und Substanzabhängigkeiten dar (Johnson, 2019; Pietromonaco & Collins, 2017). Eisenberger (2012) konnte dementsprechend zeigen, dass die Wahrnehmung von sozialer Ablehnung im selben Hirnbereich und auf dieselbe Art verarbeitet wird wie körperliche Schmerzen. Dabei ist vor allem die anteriore Insula sowie das dorsale anteriore Cingulum involviert. Partnerschaftsprobleme zählen zu den Hauptgründen für das Aufsuchen therapeutischer Hilfe (Bodenmann, 2016; Holt-Lunstad et al., 2017). Der Paartherapie kommt im Bereich der psychotherapeutischen Versorgung demnach eine hohe Relevanz zu (Johnson, 2019).  

Frühe Paartherapieansätze

Lange Zeit wurden im Bereich der Paartherapie Interventionen entwickelt, ohne diese auf fundierten wissenschaftlichen Theorien über Funktionieren und Scheitern intimer Beziehungen zu gründen. In diesen frühen Ansätzen lag der Fokus primär auf einer Veränderung von Verhaltensweisen der Partner|innen, um eine möglichst schnelle Reduktion von Paarkonflikten zu erreichen. Dies sollte grundsätzlich mittels der Eindämmung von Emotionen und der Nutzung rationaler Ressourcen erreicht werden. Als rationale Ressourcen werden Kommunikations-, Verhandlungs- oder Problemlösungskompetenzen, oder auch Einsichten darüber, wie frühere Beziehungen die Wahrnehmung des|r aktuellen Partners|in beeinflussen, zusammengefasst. Vernachlässigt wurden in diesen frühen Therapieansätzen Schlüsselelemente, die für das Funktionieren intimer Beziehungen grundlegend sind, wie zum Beispiel: Beziehungspflege, soziale Unterstützung und insbesondere – emotionale Bindung (Johnson, 2019).  

 «L’enfer, c’est les autres.» Sartre, 1987, S. 95, Akt 1, Szene 5 

Grundannahmen der EFT

Als erste ausreichend theoretisch fundierte Paartherapie wurde von Susan Johnson und Leslie Greenberg in den frühen 80er Jahren die Emotionally Focused Therapy (EFT) entwickelt. Sie ist auf verschiedene Therapiesettings anwendbar. Hauptsächlich werden mit der EFT jedoch Paare behandelt. In jüngeren Untersuchungen zeigte sich, dass diese Therapieform sowohl für hetero- als auch für homosexuelle Paare gut geeignet ist (Allan & Johnson, 2017; Hardtke, Armstrong, & Johnson, 2010; Johnson, 2019).  

Die EFT integriert systemische, humanistische und experimentelle therapeutische Ansätze und gründet auf der Bindungstheorie für Erwachsene (Johnson, 2019; Shaver & Mikulincer, 2009a). Entsprechend dieser Theorie wird im Rahmen der EFT davon ausgegangen, dass eine sichere emotionale Verbindung zu ein paar wenigen, geliebten Menschen ein sehr starkes, fundamentales und evolutionär entwickeltes Bedürfnis ist. Wir sehnen uns nach Nähe, Akzeptanz und Verständnis; nach dem Gefühl, gebraucht, wertgeschätzt und geliebt zu werden. Während unseres gesamten Lebens durchdringt dieses Grundbedürfnis unser Fühlen, Denken und Handeln. Für Kinder sind in aller Regel ihre Eltern die primären Bezugspersonen. Für die meisten erwachsenen Personen hingegen, werden die genannten Bindungsbedürfnisse innerhalb einer Partnerschaft gestillt. Grundlage für eine gesunde, funktionierende Partnerschaft ist eine sichere Bindung: Der|Die jeweilige Partner|in wird, in der Begrifflichkeit der Bindungstheorie, idealerweise als safe haven und secure base wahrgenommen. Er|Sie soll in Zeiten von Gefahr und Not ein Gefühl von Sicherheit vermitteln (Shaver & Mikulincer, 2009b).  

Wird in einer Partnerschaft die Erwartung verletzt, dass die primäre Bezugsperson, also der|die Partner|in, in solch schwierigen Zeiten Fürsorge und Schutz bietet, werden Bindungsängste aktiviert (Shaver & Mikulincer, 2009a). Gemäss der theoretischen Grundidee der EFT entsteht in dieser Situation zunächst die Furcht nicht mehr geliebt, abgelehnt oder verlassen zu werden. Ausgelöst von derartigen Ängsten kommt es zu negativen primären und sekundären Emotionen, die anschliessend zu dysfunktionalen Wahrnehmungen und Attributionen bezüglich der betreffenden Beziehung führen. Diese münden schlussendlich in rigiden, destruktiven Verhaltenstendenzen innerhalb des Paares. Das eigentliche Ziel dieser Verhaltensweisen ist es, Bindungssicherheit zurückzugewinnen. In den meisten Fällen sind sie jedoch nicht zielführend. Die destruktiven Verhaltensweisen der einen Person verstärken die vorhandenen Bindungsängste der anderen Person, was bei jener wiederum zu destruktivem Verhalten führt. Es entsteht ein sich selbst aufrechterhaltender Interaktionszyklus, unter dem das Paar längerfristig leidet. Der klassische Zyklus ist der sogenannte PursuerWithdrawer-Cycle: Auf wütende, vorwurfsvolle Kritik oder auf einen aggressiven Angriff wird mit Verteidigung oder Distanzierung reagiert. Es kommt zu einer Entfremdung der Partner|innen (Johnson, 2012, 2019; Johnson et al., 2005).  

Ablauf einer EFT Intervention

Verfestigte, negative Interaktionszyklen, die zu einer Entfremdung innerhalb der Partnerschaft führen, stehen im Zentrum einer EFT Intervention. Das Hauptziel ist es, in einer entfremdeten Partnerschaft Zugänglichkeit, Reaktionsfähigkeit und Engagement zu schaffen, um eine sichere Bindung neu aufzubauen oder zu stärken (Johnson, 2012; Wiebe & Johnson, 2016). Eine EFT Behandlung nimmt acht bis 20 Sitzungen in Anspruch und kann in drei Phasen unterteilt werden.  

In der ersten Phase steht die Deeskalation negativer Interaktionszyklen im Vordergrund (DeEscalation). Der|Die Therapeut|in verfolgt, verlangsamt und reflektiert in einem ersten Schritt die aktuellen Interaktionsmuster des Paares und identifiziert dabei negative Zyklen. Dadurch soll eine Metaperspektive auf die vorliegenden Paarinteraktionen geschaffen werden. Dies soll ein tieferes Verständnis für den spezifischen negativen Interaktionszyklus, welcher in der betreffenden Beziehung Unsicherheit und emotionale Unruhe aufrechterhält, ermöglichen. Anstelle der anderen Person soll neu der negative Zyklus als «Feind» in der Beziehung verstanden werden (Johnson, 2012; Johnson, Makinen, & Millikin, 2001; Wiebe & Johnson, 2016).  

In der zweiten Phase geht es um die aktive Umstrukturierung dieser negativen Interaktionen und indes um eine Wiederannäherung des Paares (Reengagement). Der|Die Therapeut|in ermutigt die Partner|innen zunächst ihre tieferliegenden Bindungsbedürfnisse und -ängste, die in Zusammenhang mit den negativen Interaktionszyklen stehen, zu identifizieren, auszuleben sowie offen und differenziert auszudrücken. Die jeweils andere Person wird dazu angehalten, adäquat und unterstützend auf die sich öffnende Person zu reagieren und, gemeinsam mit ihr, diese Gefühle näher zu erkunden. Beispielsweise soll eine emotionale Kernreaktion wie Angst vor Versagen oder Zurückweisung, die auf der Verhaltensebene als Rückzug oder mangelnde Reaktionsfähigkeit sichtbar werden kann, neu auf eine so klare aber sanfte Art ausgedrückt werden, dass sie bei der anderen Person eine tieferliegende Verletzlichkeit erkennen lässt. Dies soll eine konstruktive Reaktion wie Mitgefühl, anstelle von Wut und Beschuldigung, hervorrufen. So sollen neue, konstruktive Zyklen von Kontakt, Verbindung und Fürsorge geschaffen werden, die schlussendlich den (Wieder-)Aufbau einer sicheren Bindung fördern (Johnson, 2012; Wiebe & Johnson, 2016).  

«The goals of the EFT are to expand constricted emotional responses that prime negative interaction patterns, to restructure interactions so that partners become more accessible and responsive to each other, and to foster positive cycles of comfort and caring.» Johnson et al., 2001, S. 147 

In diesen ersten zwei Phasen des Prozesses kann es zu Blockaden kommen, die für einen erfolgreichen Therapieverlauf bearbeitet werden müssen. Eine solche Blockade kann entstehen, wenn innerhalb des Paares eine Bindungsverletzung vorliegt, zum Beispiel weil sich eine Person verlassen, belogen oder betrogen fühlt, und ihre|n Partner|in nicht mehr als Hafen der Geborgenheit oder sichere Basis wahrnimmt (Johnson et al., 2001). Zur Überwindung einer solchen Bindungsverletzung und zum Wiederaufbau einer sicheren Bindung innerhalb des Paares schlagen Makinen und Johnson (2006) das Attachment Injury Resolution Model (AIRM) vor: Die verletzte Person legt die mit der Verletzung einhergehenden Emotionen, wie beispielsweise Wut, Enttäuschung oder Trauer, vollständig und differenziert offen. Diese Emotionen werden in einem nächsten Schritt mit tieferliegenden Bindungsängsten in Zusammenhang gebracht. Die Vulnerabilität der verletzten Person wird dadurch sichtbar. Sie wird anschliessend ermutigt, ihre|n Partner|in explizit um die Fürsorge zu bitten, die im Zuge der Verletzung ausgeblieben ist. Die Person, welche die Verletzung verursacht hat, erhält in diesem Prozess die Chance, von einer rechtfertigenden oder verteidigenden Position abzuweichen, zuzuhören, die verursachte Verletzung zu verstehen und Verantwortung dafür zu übernehmen. So kann sie der verletzten Person empathisch gegenübertreten und ihr mit einer emotional engagierten Entschuldigung und reparativen Fürsorge entgegenkommen (Makinen & Johnson, 2006; Wiebe & Johnson, 2016). 

In der dritten und letzten Phase steht die Konsolidierung und Integration des Erarbeiteten im Fokus (Consolidation). Der|Die Therapeut|in hilft den Partnern|innen abschliessend zusammenzufassen, wie ihre Partnerschaftsprobleme entstanden sind und wie sie es im Zuge des Therapieprozesses geschafft haben, jene zu überwinden. Diese Selbstreflektion soll dem Paar ein Gefühl von Belastbarkeit und Selbstwirksamkeit in Bezug auf die langfristige Gestaltung einer gesunden Beziehung geben (Johnson, 2012; Wiebe & Johnson, 2016).  

Effektivität und Wirkfaktoren

Nun stellt sich die Frage, ob dieser Therapieansatz auch tatsächlich jenen Effekt hat, der angestrebt wird. Gemäss einer Übersichtsarbeit von Wiebe und Johnson (2016) haben sich seit der Entwicklung der EFT in den 80er Jahren Studien zu ihrer Effektivität und den entsprechenden Wirkfaktoren angesammelt. 

In einer Vielzahl von Effektivitätsstudien mit Paaren aus unterschiedlichen Kontexten konnte gezeigt werden, dass die EFT für die behandelten Paare tatsächlich jene positiven Auswirkungen auf deren Beziehungsqualität hat, die angestrebt werden. Dies zeigt sich insbesondere in Hinblick auf den Aufbau einer sichereren Bindung und eine damit einhergehende Stärkung von Zufriedenheit, Intimität und Vertrauen in der Partnerschaft. Die gefundenen Effekte scheinen sich auch über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Zudem erwies sich die EFT als effektiv in der Verbesserung von Komorbiditäten der Partner|innen. Beispielsweise können Symptome von Depressionen oder Angstzuständen, die in einem Paar bestehen, mithilfe einer EFT Intervention verbessert werden (Wiebe & Johnson, 2016).  

Es wird vermutet, dass die EFT nicht aufgrund von vermittelter Einsicht, Katharsis oder einer Verbesserung von spezifischen Problemlösefähigkeiten wirkt, sondern dank der Schaffung neuer emotionaler Erfahrungen, welche die Interaktionen der Partner|innen positiv verändert. Vergebung sowie positive Veränderungen in der sexuellen Zufriedenheit und Bindungssicherheit werden dahingehend als zentrale Wirkfaktoren der EFT definiert (Wiebe & Johnson, 2016).  

Wiebe und Johnson (2016) kommen zum Schluss, dass die EFT die Richtlinien zur Einstufung als evidenzbasierte Paartherapie erfüllt oder gar übertrifft. Für den westlichen Kulturkreis scheint diese Therapieform gegenwärtig eine der führenden Interventionen im Bereich der Paartherapie zu sein (Johnson, 2019; Wiebe & Johnson, 2016).  

Wenn der Brand nicht gelöscht werden kann
Leider kann nicht jede gestörte Partnerschaft psychotherapeutisch geheilt werden. Es können zwei klare Kontraindikationen für eine Paartherapiedefiniert werden. Die erste Kontraindikation ist das Vorhandensein oder die Androhung von physischer oder psychischer Gewalt innerhalb der Partnerschaft. Wenn eine der Personen in Anwesenheit der anderen Person ängstlich ist und glaubt, in der Paartherapie nicht offen über ihre Gefühle und Gedanken sprechen zu können, ist eine solche Therapie nicht durchführbar. Eine zweite wichtige Kontraindikation für eine Paartherapie ist ein aktives Suchtverhalten einer der Partner|innen. Gerät eine süchtige Person in Not, wendet sie sich eher einem Suchtmittel als ihrem|r Partner|in zu. Das Suchtmittel wird zum kurzfristig wirksamen Ersatz für eine|n sicherheitsvermittelnde|n Partner|in. Dadurch werden das fundamentale Vertrauen und die Nähe zwischen den Partnern|innen erodiert (Furrow, Johnson, & Bradley, 2011).  

Zum Weiterlesen

Johnson, S. (2012). The practice of emotionally focused couple therapy: Creating connection (2nd ed.). New York, NY: Routledge. 

Literatur

Allan, R., & Johnson, S. (2017). Conceptual and application issues: Emotionally focused therapy with gay male couples. Journal of Couple and Relationship Therapy16(4), 286–305. https://doi.org/10.1080/15332691.2016.1238800

Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human-motivation. Psychological Bulletin117(3), 497–529. https://doi.org/0033-2909

Bodenmann, G. (2003). Welche Bedeutung haben Partnerschaft und Liebe für Jugendliche heute? Eine deskriptive Untersuchung. Zeitschrift Für Familienforschung15(2), 91–104.

Bodenmann, G. (2016). Lehrbuch klinische Paar- und Familienpsychologie (2nd ed.). Bern: Hogrefe Verlag.

Bundesamt für Statistik. (2019). Heiraten, Heiratshäufigkeit. Retrieved July 18, 2019, from https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/heiraten-eingetragene-partnerschaften-scheidungen/heiratshaeufigkeit.html

Buss, D. M. (1995). Psychological sex differences. American Psychologist50(3), 164–168. https://doi.org/10.1037/10756-019

Eisenberger, N. I. (2012). The neural bases of social pain: Evidence for shared representations with physical pain. Psychosomatic Medicine74(2), 126–135. https://doi.org/10.1097/PSY.0b013e3182464dd1

Furrow, J. L., Johnson, S., & Bradley, B. A. (2011). The emotionally focused casebook: New directions in treating couples (1st ed.). New York, NY: Routledge.

Hardtke, K. K., Armstrong, M. S., & Johnson, S. (2010). Emotionally focused couple therapy: A full-treatment model well-suited to the specific needs of lesbian couples. Journal of Couple and Relationship Therapy9(4), 312–326. https://doi.org/10.1080/15332691.2010.515532

Holt-Lunstad, J., Robles, T. F., & Sbarra, D. A. (2017). Advancing social connection as a public health priority in the United States. American Psychologist72(6), 517–530. https://doi.org/10.1037/amp0000103

Holt-Lunstad, J., Smith, T. B., & Layton, J. B. (2010). Social Relationships and Mortality Risk : A Meta-analytic Review. PLOS Medicine7(7), 1–20. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316

Johnson, S. (2012). The practice of emotionally focused couple therapy: Creating connection (2nd ed.). New York, NY: Routledge.

Johnson, S. (2019). Attachment in action — changing the face of 21st century couple therapy. Current Opinion in Psychology25, 101–104. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2018.03.007

Johnson, S., Bradley, B., Furrow, J., Lee, A., Palmer, G., Tilley, D., & Woolley, S. R. (2005). Becoming an EFT therapist: The workbook. New York, NY: Brunner-Routledge.

Johnson, S., Makinen, J. A., & Millikin, J. W. (2001). Attachment injuries in couple relationships : A new perspective on impasses in couples therapy. Journal of Marital and Family Therapy27(2), 8–10.

Makinen, J. A., & Johnson, S. (2006). Resolving attachment injuries in couples using emotionally focused therapy: Steps toward forgiveness and reconciliation. Journal of Consulting and Clinical Psychology74(6), 1055–1064. https://doi.org/10.1037/0022-006X.74.6.1055

Pietromonaco, P. R., & Collins, N. L. (2017). Interpersonal mechanisms linking close relationships to health. American Psychologist72(6), 531–542. https://doi.org/10.1037/amp0000129

Robles, T. F., Slatcher, R. B., Trombello, J. M., & McGinn, M. M. (2014). Marital quality and health: A meta-analytic review. Psychological Bulletin140(1), 140–187. https://doi.org/10.1037/a0031859

Sartre, J.-P. (1987). Huis Clos. Abingdon, England: Methuen & Co. Ltd.

Shaver, P. R., & Mikulincer, M. (2009a). An overview of adult attachment theory. In J. H. Ohegi & E. Berant (Eds.), Attachment theory and research in clinical work with adults (pp. 17–41). New York, NY: Guilford Press.

Shaver, P. R., & Mikulincer, M. (2009b). An overview of adult attachment theory. In J. H. Obegi & E. Berant (Eds.), Attachment theory and research in clinical work with adults (1st ed., pp. 17–45). New York, NY: Guilford Press.

Umberson, D., & Karas Montez, J. (2010). Social relationships and health: A flashpoint for health policy. Journal of Health and Social Behavior51(supplement), S54–S66. https://doi.org/10.1177/0022146510383501

Wiebe, S. A., & Johnson, S. (2016). A review of the research in emotionally focused therapy for couples. Family Process55(3), 390–407. https://doi.org/10.1111/famp.12229 

Professoren|innen gefragt

Wofür brennen Sie in der Psychologie?

Gesammelt von Noémie Lushaj

Prof. Dr. Urte Scholz

Ich finde an der Psychologie besonders toll, dass sie so vielfältig ist. Das war für mich auch der Grund, Psychologie zu studieren. Trotzdem habe ich bereits während des Studiums meine Leidenschaft für die Gesundheitspsychologie und insbesondere für die Veränderung des Gesundheitsverhaltens (z.B. mehr Sport treiben, sich gesünder ernähren, nicht mehr rauchen) entdeckt. Mich fasziniert seitdem, was die Motivation für gesundes Verhalten und dessen langfristige Umsetzung im Alltag bedingt. In den vielen Jahren, die ich mich nun schon damit beschäftige, wurde die «Flamme der Leidenschaft» für dieses Thema durch die zahlreichen interessanten Fragen, die sich dabei ergeben, immer grösser. Eine dieser Fragen, die mittlerweile im Zentrum meiner Forschung steht, ist, wie unsere sozialen Beziehungen unser Gesundheitsverhalten beeinflussen. Die hohe gesellschaftliche und individuelle Relevanz dieses Forschungsgebiets sind für mich weitere gute Gründe, dafür zu brennen.

Prof. Dr. Guy Bodenmann

Psychologie ist für mich eine extrem spannende Disziplin. Sie umspannt dermaßen viele Lebensbereiche, Themen und Konstellationen innerhalb der gesamten Lebensspanne. Wie Menschen denken, fühlen und handeln, was sie antreibt und lähmt, warum einige unter gewissen Bedingungen Störungen entwickeln, während andere sich als resilient erweisen, weshalb wir gewisse Menschen attraktiv finden und dennoch aus diesen vielen nur zu einem oder wenigen Liebe entwickeln, wie man Mitarbeitende führt, wie Menschen in Not geholfen werden kann, wie Partnerschaften gelingen… Innerhalb all der spannenden Themen brenne ich seit Jahren für ein besseres Verständnis interpersoneller Beziehungen. Warum leben Menschen in einer Partnerschaft länger? Warum sind sie gesünder? Warum erleiden Menschen in unglücklichen Partnerschaften häufiger Rückfälle nach erfolgreicher Therapie? Warum ist Kommunikation so wichtig und welche Form zu welcher Zeit? Wie können wir Familien stärken?

Prof. Dr. Klaus Jonas

Meine Lieblingsdisziplin ist die Sozialpsychologie. Ich bin gerade von einer 2 Wochen dauernden Bildungsreise nach Polen zurückgekehrt und habe dort viel gelernt: Über die drei polnischen Teilungen, die Geschichte jüdischen Lebens in Polen, die Verbrechen der Nazis im 2. Weltkrieg, das Vernichtungslager Auschwitz, den Aufstand des Warschauer jüdischen Ghettos von 1943, den Warschauer Aufstand von 1944, die Vertreibungen von Deutschen und Polen aufgrund der Konferenzen der Alliierten von Teheran, Jalta und Potsdam, die Zeit des Kalten Kriegs, die Gewerkschaft Solidarnosc, die Bedeutung der katholischen Kirche sowie die starke Verehrung des verstorbenen Papstes Johannes Paul II durch die polnische Bevölkerung.

Ohne die sozialpsychologische Forschung zu Aggression, Einstellungsänderung, Stereotypen, Intergruppenkonflikten, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Antisemitismus hätte ich die leidvolle Geschichte Polens sehr viel schlechter verstehen können.

Prof. Dr. Martin Kleinmann

Das mit dem Brennen ist zweischneidig. Brennen ist Energie, kann somit aber auch zu Verbrennungen führen. Wir alle wissen um die negativen Folgen des (Ver)Brennens für die Arbeit – Burnout. Was mich nach wie vor begeistert, ist das Beobachten und Verstehen von Menschen in Organisationen. Dies begeistert mich sogar so sehr, dass ich neulich beim Zoll, bei dem ich zwei Stunden lang viel zu ausführlich beachtet wurde (ich wollte einen neuwertigen Gegenstand, den ich im Ausland gekauft hatte, wieder zurücktauschen), am meisten bedauerte, dass ich keine versteckte Body-Cam hatte, so faszinierend waren die Problemlösungsversuche der involvierten Organisationsmitglieder. Es gab so viel Anschauungsmaterial für organisationales Commitment, Führung, Service-Orientierung, Problem- und / oder Lösungsorientierung, dass ich liebend gern davon viel für die Vorlesung festgehalten hätte. Insofern bin ich immer voller Neugier bei Organisationsbegegnungen – das ist oft einfach unglaublich faszinierend.

Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker

Wofür man im Fach brennt, ist eine schwierige Frage. Was mich betrifft, in erster Linie wohl doch für die psychischen Störungsbilder der Trauma- und Belastungsfolgestörungen. Hier «brenne» ich mit der Zeit noch mehr zu wissen, als das viele, was bereits in den letzten 30 Jahren, seit es diese Diagnose(n) gibt – und letztendlich den Betroffenen helfen zu können. Aber letzthin kam bei mir noch ein anderes Thema hinzu, dem ich mehr Beachtung und Anerkennung im Fach wünsche: Probleme der Ethik und der Geschichte der Psychologie. Wie kommt es zu Instrumentalisierung und Missbrauch psychologisch-(wissenschaftlicher) Tätigkeiten? Sei es bei Cambridge Analytics und deren Wahlmanipulationen. Sei es im Fall der «operativen Psychologie» der Stasi in der DDR, insbesondere bei «Zersetzungsmassnahmen». Ich hoffe, dass es irgendwann in der Psychologie-Lehre Platz dafür gibt, diese Probleme zu thematisieren.

Prof. Dr. Moritz Daum

Vieles was in Fachzeitschriften veröffentlicht wird, wirkt auf einen Laien abstrakt, nicht verständlich. Es werden Effekte von wenigen Millisekunden berichtet, die schwer nachvollziehbar sind. Es gibt aber eine Vielzahl an Möglichkeiten, abstrakte Dinge ganz konkret werden zu lassen: Dass das Gehirn die Informationen die über verschiedene Sinnesrezeptoren eingehen, multisensorisch integriert, lässt sich anhand des McGurk-Effekts zeigen (McGurk & MacDonald, 1976; Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=G-lN8vWm3m0). Dass sich die Wahrnehmung auf der Basis des Wissens verändert, zeigen sogenannte «Hidden Figures» und andere visuelle Täuschungen (eine breite Übersicht gibt die Webseite http://www.michaelbach.de/ot/index.html). Die Psychologie als Wissenschaft anschaulich und verständlich darzustellen, dafür brenne ich.


Zum Weiterlesen

Bach, M. (2019). 135 Visual phenomena & optical illusions. Retrieved August 28, 2019, from http://www.michaelbach.de/ot/index.html

BBC. (October 10, 2010). Try this bizarre audio illusion! – BBC. [Video file]. Retrieved August 28, 2019, from, https://www.youtube.com/watch?v=G-lN8vWm3m0.

McGurk, H., & MacDonald, J. (1976). Hearing lips and seeing voices. Nature, 264(5588), 746–748. doi:10.1038/264746a0

Klimawandel in Entwicklungsländern

Ein Einblick in einen fachfremden Forschungsbereich

In diesem Frühjahr habe ich an den National Model United Nations (NMUN) 2019 teilgenommen. Dabei habe ich viel über die Klimathematik erfahren – zum Beispiel, dass Entwicklungsländer am wenigsten zum Klimawandel beitragen, aber am stärksten von dessen weitreichenden Konsequenzen betroffen sind.

Von Noémie Lushaj
Lektoriert von Marie Reinecke und Vera Meier
Illustriert von Gianna Zorzini

Seit Beginn der Industrialisierung findet aufgrund menschgemachter Einflüsse eine globale Erwärmung statt (Bose, 2010). Im Jahr 2015 wurde das Übereinkommen von Paris von 195 Parteien der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC), anlässlich der 21. Conference of the Parties (COP), angenommen: Dieses Abkommen zielt darauf ab, die Klimaerwärmung auf maximal 2°C, und wenn möglich, sogar auf maximal 1.5°C über dem prä-industriellen Niveau zu halten (UNFCCC, 2015). Um dieses Ziel zu erreichen, müssen gemäss dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) die weltweiten CO2-Emissionen bis 2050 auf netto-null reduziert werden (IPCC, 2018). Dies stellt eine grosse Herausforderung dar: Bisher sind die Vorhersagen von Experten|innen nicht optimistisch. Laut Brown und Caldeira (2017) ist die Klimaerwärmung bereits viel weiter fortgeschritten als ursprünglich gedacht. Die Erderwärmung könnte bis zum Ende des Jahrhunderts die 4°C-Grenze erreichen. Demnach muss sich die Situation so schnell wie möglich verbessern. Wird das Zwei-Grad-Ziel, wie im Übereinkommen von Paris formuliert, nicht erreicht, werden die weltweiten Folgen für Mensch und Umwelt verheerend sein (IPCC, 2018). Inzwischen brennt unsere Erde jeden Tag ein bisschen stärker und Menschen, die in Entwicklungsländern leben, sind schon längst von den Flammen dieses Feuers betroffen (Levy & Patz, 2015).

Zwischen Dürre und Flut überleben

Die Klimaerwärmung führt, als Folge von schmelzenden polaren Eiskappen, zu einem Meeresspiegelanstieg (Overpeck et al., 2006). Während diese Vorstellung für uns in der Schweiz ziemlich abstrakt und entfernt erscheint, stellt das für die Bevölkerung von Ländern, die nur ein paar Meter über den Meeresspiegel liegen und über wenige Ressourcen verfügen, eine sehr reelle und aktuelle Gefahr dar. In der Tat drohen ganze Regionen und Inselstaaten, wie zum Beispiel die sich entwickelnde Inselrepublik Kiribati im Pazifik, im Wasser zu verschwinden (Tong, 2015). In schon ein paar Jahrzehnten könnten mehrere Anteile der 33 kiribatischen Inseln unbewohnbar sein (Ives, 2016). Wird bis zu deren Überflutung keine Lösung gefunden, so werden die rund 110‘000 Einwohner Kiribatis gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und zum Beispiel nach Fiji zu migrieren. Dort hat der ehemalige Präsident Kiribatis, Anote Tong, prophylaktisch Land gekauft (Ives, 2016).

Zum Meeresspiegelanstieg kommt hinzu, dass der Klimawandel sowohl die Frequenz als auch die Intensität von extremen Wetterbedingungen erhöht: Es kommt vermehrt zu Dürren und Überflutungen (Mirza, 2001). Da, wo starke Wetterveränderungen auftreten, leiden Ökosysteme massiv (Walther et al., 2002). Diese Veränderungen haben wiederum einen Einfluss auf verschiedene Bereiche der Gesellschaft, so dass die Lebensumstände, insbesondere in ohnehin schon instabilen Entwicklungsländern, insgesamt drastisch verschlechtert werden: In den betroffenen Regionen geht die Biodiversität verloren, wichtige Infrastrukturen werden geschädigt, das kulturelle Erbe ist gefährdet und der Zugang zu Nahrung und Wasser wird erschwert (Mirza, 2001). Auch die menschliche Gesundheit, sowohl körperlich als auch psychisch, ist als Folge von klimabedingten Katastrophen in Gefahr (Haines, Kovats, Campbell-Lendrum, & Corvalan, 2006). Obwohl die aversiven gesundheitlichen Konsequenzen des Klimawandels auch in Industrieländern spürbar sind – zum Beispiel bei Hitzewellen – sind Menschen in Entwicklungsländern überproportional von diesen Folgen betroffen (Haines et al., 2006).

Wenn Blut statt Wasser fliesst

Vertreter der sogenannten Klima-Konflikt-Hypothese behaupten, dass die Klimaerwärmung nicht nur ökologische, wirtschaftliche und soziale Konsequenzen hat, sondern auch globale sicherheitspolitische Risiken mit sich bringt (Bochsler, 2018). Tatsächlich werden Ressourcen in manchen Fällen instrumentalisiert, indem eine Gruppe sie kontrolliert. Dies wird oft getan um mehr Autonomie zu gewinnen, Macht über Land zu erlangen oder neue Ideologien zu etablieren (Mildner, Richter, & Lauster, 2011). Dabei besteht die Gefahr, dass es zu gewalttätigen Konflikten und Kriegen kommt (Mildner et al., 2011). In Südasien beispielsweise, haben Konflikte um Wasser, als fundamentale, immer knapper werdende Ressource, eine lange Geschichte (Joy & Paranjape, 2007). Aufgrund von bevorstehenden Dürren wird diese Problematik vermutlich weiter verschärft werden und es besteht die Gefahr, dass es zu sogenannten Wasserkriegen kommt. Vor dem Hintergrund, dass etwa ein Viertel der Menschheit vor einer Wasserkrise steht (Sengupta & Cai, 2019), sollten solche Wasserkriege unbedingt vermieden werden. Gerade in Entwicklungsländern, in denen oft schon grosse Unsicherheiten vorherrschen, könnten solche zusätzlichen Konflikte, die aus der Klimaerwärmung entstehen, zerstörende Effekte haben.

Auch abgesehen von dieser Wasserkrieg-Problematik kann der Klimawandel in bestimmten Situationen auf komplexe und unerwartete Weise zu politischer Unsicherheit führen. Dies wird anhand der Zusammenhänge zwischen Klimawandel, Opium und Terror in Afghanistan sehr gut exemplifiziert. Gemäss dem United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (UNOCHA) erfuhr das südasiatische Entwicklungsland, in dem Landwirtschaft eine wichtige Unterhaltsquelle ist, in den letzten Jahren eine extreme Trockenheit. Im Jahr 2018 wurde ein Niederschlagsdefizit von 70 Prozent verzeichnet (UNOCHA, 2018). Dies setzte rund 2 Millionen Menschen in einen Zustand der Nahrungsunsicherheit. Viele Afghanen|innen mussten nach Alternativen suchen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. In diesen Dürrezeiten begannen viele Menschen, Mohn zu kultivieren, denn diese Pflanze ist wertvoll und muss selbst bei anhaltender Trockenheit nur wenig gewässert werden (Hagen, 2018). Laut dem United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) haben afghanische Mohnkulturen in den letzten Jahren tatsächlich ein Rekordniveau erreicht (UNODC, 2017). Dank Mohn, aus dem Opium hergestellt wird, können afghanische Bauern und Bäuerinnen ihren Lebensunterhalt aufbessern. Doch dies hat eine Schattenseite: Im Austausch gegen Schutz müssen sie ihre Gewinne mit den Taliban teilen (Hagen, 2018). Somit werden Terrororganisationen durch den Handel mit illegalen Substanzen wie Opium gestärkt (UNODC, 2017). Als Entwicklungsland, ohne notwendige Ressourcen und Unterstützung, aus diesem Teufelskreis herauszukommen, ist fast unmöglich.

«Climate change is a global problem with grave implications: environmental, social, economic, political and for the distribution of goods. It represents one of the principal challenges facing humanity in our day. Its worst impact will probably be felt by developing countries in coming decades.» Papst Franziskus, zitiert nach Levy & Patz, 2015, S. 310

Für globale Probleme braucht es globale Lösungen

Die Klimaerwärmung verursacht enorme Ungerechtigkeiten. Auf globaler Ebene sind nicht alle Nationen im selben Ausmass von den Folgen der Erwärmung betroffen; Entwicklungsländer gehören zu den grossen Verlierern. Die Konsequenzen der Klimaerwärmung für diese Länder sind bei Weitem nicht proportional zu deren Schuldanteil an der Problematik (Levy & Patz, 2015). Aber auch innerhalb der einzelnen, von der Klimaerwärmung betroffenen Nationen gibt es Ungleichheiten: Auf nationaler Ebene sind demographische Gruppen wie ärmere Personen, ethnische Minderheiten, Frauen, Kinder und Menschen, die krank sind oder eine Behinderung haben, gegenüber den Folgen der Klimaerwärmung am vulnerabelsten (Levy & Patz, 2015). Um die Klimaänderung abzuschwächen (climate mitigation) und sich an deren Folgen anzupassen (climate adaptation) ist eine enge internationale Zusammenarbeit dringend angezeigt. Dabei müssen insbesondere Entwicklungsländer und die, in diesen Ländern am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen, speziell unterstützt werden (Levy & Patz, 2015).

Meine Teilnahme bei NMUN-NY 2019
Im April dieses Jahres fand in New York die National Model United Nations (NMUN) 2019 Konferenz statt. Im Rahmen der NMUN haben Studierende aus der ganzen Welt regelmässig die Möglichkeit, UN-Verhandlungen zu simulieren. Ich hatte die Chance, mit einer Delegation von Geförderten der Schweizerischen Studienstiftung zu dieser Konferenz zu fliegen. Zusammen mit einem weiteren Delegierten repräsentierte ich die Islamische Republik Afghanistan in der Conference of the Parties der United Nations Framework Convention on Climate Change (COP UNFCCC). Ich konnte mich fünf Tage lang mit anderen Studierenden aus der ganzen Welt über die Herausforderungen der Klimaerwärmung in Entwicklungsländern austauschen. Dank dieser Erfahrung habe ich einen guten Einblick in den Ablauf von Verhandlungsprozessen bei internationaler Zusammenarbeit gewonnen. Auf der inhaltlichen Ebene wurde mir bewusster, wie stark Menschen in Entwicklungsländern vom Klimawandel, bereits jetzt, in ihrem Alltag betroffen sind.


Zum Weiterschauen

Robinson, M. (2015, May). Mary Robinson: Why climate change is a threat to human rights [Video file]. Retrieved from
https://www.ted.com/talks/mary_robinson_why_climate_change_is_a_threat_to_human_rights

Tong, A. (2015, October). Anote Tong: My country will be underwater soon – unless we work together [Video file]. Retrieved from
https://www.ted.com/talks/anote_tong_my_country_will_be_underwater_soon_unless_we_work_together

Literatur

Bochsler, K. (2018). Der Klimawandel führt zu Konflikten: Eine steile These. Schweizer Radio und Fernsehen. Retrieved from https://www.srf.ch/kultur/wissen/klimawandel-der-klimawandel-fuehrt-zu-konflikten-eine-steile-these

Bose, B. K. (2010). Global warming: Energy, environmental pollution, and the impact of power electronics. IEEE Industrial Electronics Magazine, 4(1), 6-17. doi: 10.1109/MIE.2010.935860

Brown, P. T., & Caldeira, K. (2017). Greater future global warming inferred from Earth’s recent energy budget. Nature, 552, 45-50. doi: 10.1038/nature24672

Hagen, R. (2018). As drought increases so does opium. American Security Project. Retrieved from https://www.americansecurityproject.org/as-drought-increases-so-does-opium/

Haines, A., Kovats, R. S., Campbell-Lendrum, D., & Corvalan, C. (2006). Climate change and human health: Impacts, vulnerability and public health. Public Health, 120, 585-596. doi: 10.1016/j.puhe.2006.01.002

Intergovernmental Panel on Climate Change. (2018). 1,5°C globale Erwärmung: Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. Retrieved from https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2019/03/SR1.5-SPM_de_barrierefrei-2.pdf

Ives, M. (2016). A remote Pacific nation, threatened by rising seas. The New York Times. Retrieved from https://www.nytimes.com/2016/07/03/world/asia/climate-change-kiribati.html

Joy, K. J., & Paranjape, S. (2007). Understanding water conflicts in South Asia. Contemporary Perspectives, 1. doi: 10.1177/223080750700100202

Levy, B. S., & Patz, J. A. (2015). Climate change, human rights, and social justice. Annals of Global Health, 81(3), 310-322. doi: 10.1016/j.aogh.2015.08.008

Mildner, S.-A., Richter, S., & Lauster, G. (2011). Resource scarcity – A global security threat? Stiftung Wissenschaft und Politik. Retrieved from https://www.swp-berlin.org/en/publication/resource-scarcity-a-global-security-threat/

Mirza, M. M. Q. (2001). Climate change and extreme weather events: Can developing countries adapt? Climate Policy, 3(3), 233-248. doi: 10.3763/cpol.2003.0330

Missirian, A. & Schlenker, W. (2017). Asylum applications respond to temperature fluctuations. Science, 358(6370), 1610-1614. doi: 10.1126/science.aao0432

Overpeck, J. T., Otto-Bliesner, B. L., Miller, G. H., Muhs, D. R., Alley, R. B., & Kiehl, J. T. (2006). Paleoclimatic evidence for future ice-sheet instability and rapid sea-level rise. Science, 311(5768), 1747-1750. doi: 10.1126/science.1115159

Robinson, M. (2015, May). Mary Robinson: Why climate change is a threat to human rights [Video file]. Retrieved from
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Sengupta, S., & Cai, W. (2019). A quarter of humanity faces looming water crises. The New York Times. Retrieved from https://www.nytimes.com/interactive/2019/08/06/climate/world-water-stress.html

Tong, A. (2015, October). Anote Tong: My country will be underwater soon – unless we work together [Video file]. Retrieved from
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United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs. (2018). Drought grips large parts of Afghanistan. Retrieved from https://www.unocha.org/story/drought-grips-large-parts-afghanistan

United Nations Office on Drugs and Crime. (2017). Afghanistan opium survey 2017: Challenges to sustainable development, peace and security. Retrieved from https://www.unodc.org/documents/crop-monitoring/Opium-survey-peace-security-web.pdf

Walther, G.-R., Post, E., Convey, P., Menzel, A., Parmesan, C., Beebee, T. J. C., … Bairlein, F. (2002). Ecological responses to recent climate change. Nature, 416, 389-395. doi: 10.1038/416389a

Outgoing

Ein Semester in Südafrika

Am 10. Januar 2018 bewarb ich mich an der Universität Zürich für ein Auslandsemester. Am 25. Januar 2019 landete mein Flugzeug am Cape Town International Airport in Südafrika. 140 Tage später, im Juni 2019, kam ich wieder am Flughafen Zürich an. Der gängige Satz «Es war die Zeit meines Lebens» ist für mich nicht Antwort genug auf die Frage, wie es denn nun war, mein Auslandsemester. Ich möchte eine persönliche, etwas ausführlichere Antwort geben.

Von Anonym
Lektoriert von Michelle Donzallaz und Mandana Fröhlich

Studieren im Ausland scheint etwas zu sein, das man macht, wenn man kann. Zumindest in meinem Umfeld. Es gehört irgendwie zur Selbstoptimierung dazu, an der Spitze der Maslowschen Bedürfnispyramide. Irgendwann im Jahr 2016 setzte ich mich also an meinen Laptop und besuchte die Website der internationalen Mobilitätsprogrammen der Universität Zürich (UZH). Über rund zwei Jahre entwickelte sich in mir der intensive Wunsch, und bald der konkrete Plan, während meines Psychologiestudiums an der UZH, ein Semester im Ausland zu verbringen – am liebsten in Südafrika.

Südafrika fühlte sich für mich immer schon sehr vertraut an. Dank Verwandten in Kapstadt habe ich als Kind, Teenager und Erwachsene jedes Jahr einige Tage Urlaub in Südafrika verbracht. An einer Wand in meinem Zimmer hing, mit doppelseitigem Klebeband befestigt, eine Postkarte: «Chapman’s Peak Drive, Cape Town, South Africa». Da wollte ich mal für eine längere Zeit sein und tiefer in das südafrikanische Leben eintauchen.

Mein Weg ins Auslandsemester

Selten hört man, sich für ein Auslandsemester zu bewerben sei einfach. So war dies auch für mich kein Spaziergang. Bis zur Bewerbungsdeadline der UZH Mobilitätsprogramme, am 10. Januar 2018, war ich von diesem Projekt absorbiert. Ich studierte die Kursangebote verschiedener Partneruniversitäten auf der ganzen Welt. In die engere Auswahl kamen die Stellenbosch University in Südafrika, die Vrije Universiteit Amsterdam in den Niederlanden und die Universität Wien in Österreich. Ich schrieb und redigierte mit der Hilfe von Freunden|innen Motivationsschreiben, bemühte mich um Referenzen von Professoren|innen, füllte Formular um Formular aus und hakte Checklisten ab. Zwischendurch fragte ich mich immer wieder mal, wieso ich das eigentlich tat und ob sich dieser Aufwand wirklich lohnen würde.

Zwei Wochen nach dem Einreichen meiner Bewerbung erhielt ich von der UZH die Nominierungsbestätigung für einen Austauschplatz an der Stellenbosch University (SUN). Alles war plötzlich viel konkreter. Die Freude war gross. Aber so ganz im Trockenen war die Sache noch nicht. Es folgte der offizielle Bewerbungsprozess an der SUN. Wieder füllte ich Formulare aus, rief verschiedene Personen mit schlechter Telefonverbindung an, liess Dokumente stempeln und unterschreiben und arbeitete Punkt um Punkt auf verschiedenen Checklisten ab. Neun Monate danach erhielt ich dann auch die definitive Zulassungsbestätigung der Universität in Stellenbosch. Einen weiteren Monat später klebte in meinem Pass ein südafrikanisches Visum – ich machte das jetzt also tatsächlich.

Mein bevorstehendes Auslandsemester wurde zu einem omnipräsenten Thema, begleitet von einer diffusen Vorfreude. Obwohl ich Südafrika von vergangenen Urlauben bereits ganz gut kannte, würde dieses halbe Jahr, als Austauschstudentin in Stellenbosch, eine ganz neue Erfahrung werden. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete.

Ende Januar packte ich meine rund 40kg Gepäck und setzte mich ins Flugzeug mit dem Ziel Kapstadt. In den wenigen Stunden Schlaf, auf diesem Nachtflug über den gesamten afrikanischen Kontinent, träumte ich von Bildern vergangener Urlaubstage in Südafrika. Ich erinnerte mich an das ganz besondere, goldene Licht. Als würde der Himmel brennen.

Aller Anfang

Ich würde nun also für rund fünf Monate in der kleinen, überschaubaren Universitätsstadt Stellenbosch, rund 40km von Kapstadt, der südafrikanischen Metropole entfernt, studieren. Am Welcome Desk der SUN brummte ein Ventilator viel zu laut. Ich blickte in tausend fremde Gesichter und fragte mich, woher die wohl alle kamen. Irgendwo sollte man sich mit seinen Unterlagen anmelden. Wo aber das Ende der Schlange war, bei der man sich anstellen sollte, war nicht so leicht ersichtlich. In diesem Moment war ich sehr dankbar keinen Jetlag zu haben. Irgendwann war ich dann registriert und wurde mit einem Shuttle zu meiner Unterkunft für das nächste halbe Jahr gefahren. Ich hatte einen Mietvertrag für ein Zimmer in einem grossen Haus, in dem ich zusammen mit anderen Austauschstudierenden leben würde, unterschrieben. Als ich dann endlich in diesem Shuttle Bus sass, brachen ganz viele Gedanken und Gefühle über mich ein: Ungewissheit, Nervosität, Vorfreude, Respekt, Desorientierung, Aufregung, Neugier.

Mit einem Brummen öffnete sich das Security Gate. Im wildbewachsenen Garten einige grosse Bäume, drei weisse Liegestühle, davon einer kaputt und ein mittelgrosser Pool, darin ein blubbernder Reinigungsschlauch. In den zwei Küchen je eine halbausgeräumte Geschirrspülmaschine, sehr viele Tassen, wenige davon ohne Hick und verschiedenste Weingläser, manche aus Plastik. In der Waschküche eine piepsende Waschmaschine, in der ein paar schmutzige oder saubere Bettlacken lagen. Auf dem Bett in meinem Zimmer ein Zierkissen, auf dem eine Bulldogge mit Kapitänsmütze abgebildet war, und eine Deckenlampe mit zwei funktionierenden und einer defekten Glühbirne. Und 14 Mitbewohner|innen verschiedenen Alters, Geschlechts und von unterschiedlicher Nationalität.

Es wäre gelogen, wenn ich hier schreiben würde, dass alles von Beginn an wunderbar und grossartig war. Die Administration des International Office der SUN, das sich um die rund 300 Austauschstudierende kümmerte, war freundlich, aber chaotisch. Der Arbeitsaufwand für die Kurse an der Uni war höher als erwartet und das Bewertungssystem teilweise strenger als gedacht. Der Vortrag an der Universität über Sicherheitsthemen in Südafrika war beklemmend. In einem ringhörigen Haus mit 14 anderen Personen zu leben stellte sich hin und wieder als herausfordernd heraus. Die Supermärkte waren unübersichtlich und unorganisiert. Die sporadischen, völlig willkürlich erscheinenden Stromunterbrüche in ganz Stellenbosch strapazierten meine persönliche Frustrationstoleranz immer wieder – man könnte allenfalls von einem Kulturschock sprechen. Und ich dachte das wird die Zeit meines Lebens. Ich musste mir bewusst Zeit geben, mich zu orientieren und einzuleben.

Angekommen

Ganz genau erinnere ich mich noch an diesen einen Tag. Es war strahlendes Wetter und wir machten einen Ausflug ans Meer. Ich sass mit einer anderen Austauschstudentin auf einem Felsen am Strand. Wir tauschten uns über all diese Gefühle und Gedanken aus, die uns hier in Südafrika bewegten. Es windete ein bisschen und das eiskalte Wasser glitzerte in der Nachmittagssonne. Da spürte ich plötzlich in aller Deutlichkeit, dass ich angekommen war und von da an verging die Zeit wie im Flug.

In grösseren und kleineren Gruppen von Austauschstudierenden besuchten wir Openair Kinos und tanzten an Festivals. Manchmal kehrten wir mit und manchmal ohne Handy zurück. Wir unternahmen Wochenendausflüge ans Meer. Teils sah das airbnb dann auch so aus wie auf den Bildern und teils nicht. Wir fuhren hinaus zu diversen Weingütern. Oft tranken wir sehr guten und manchmal auch ganz schlechten Wein. Wir veranstalteten die typisch südafrikanischen Grillfeste, die man auf keinen Fall «BBQ« sondern «Braai« nennt. Manchmal grillierten wir erfolgreich preiswertes Springbockfleisch und immer wieder verkochten wir diese marinierten Auberginen. Wir feuerten enthusiastisch das lokale Rugby Team im Stadion an. Die Stimmung war grossartig aber bis zum letzten Spiel kannten wir weder die Spielregeln noch die Texte der Fanlieder. Wir unterhielten uns abends auf der Terrasse des Hauses. Manchmal waren wir alle auf der gleichen und manchmal auf 15 verschiedenen Wellenlängen. Wir mieteten Autos und fuhren mit offenem Fenster den schönsten Küstenstrassen entlang. Manchmal hörten wir dabei Tracy Chapman und manchmal Helene Fischer. Wir gingen auf Safari. Manchmal sahen wir Elefanten, Büffel und Löwen. Aber manchmal auch nur ganz viele hässliche Wildschweine. Wir probierten die Tennis- und Zumbakurse im Fitnessstudio der Uni aus. Manchmal waren wir davon sehr begeistert und manchmal weniger. Wir wanderten auf Berge und Hügel. Manchmal ganz fit und manchmal mit einem Kater der letzten Party. Da fiel dann auch mal die Sohle eines Wanderschuhs ab. Wir schmiedeten immer wieder neue Pläne. Aber hin und wieder waren wir erlebnismüde.

Wir erlebten ganz viel. Manchmal sehr Schönes, manchmal nicht so Schönes, und manchmal ganz Gewöhnliches. Aber ich denke, unter dem Strich waren wir oft von Herzen glücklich. Nach einer Zeit, in der ich mich zunächst zurechtfinden musste, waren es im Endeffekt wohl die positiven Begegnungen und Gespräche mit neuen Menschen, die in mir ein Gefühl des Angekommenseins und Wohlbefindens ausgelöst haben. Es tat gut, sich mit anderen Austauschstudierenden ganz offen und persönlich auszutauschen und die Gespräche mit südafrikanischen Kommilitonen|innen halfen mir zu verstehen, wo ich gerade war und weshalb die Dinge hier so sind, wie sie sind.

«Wir erlebten ganz viel. Manchmal sehr Schönes, manchmal nicht so Schönes, und manchmal ganz Gewöhnliches. Aber ich denke, unter dem Strich waren wir oft von Herzen glücklich.»  

Südafrika und der Traum der «Rainbow Nation»

Die Geschichte Südafrikas ist konfliktreich und prägt das Land bis heute. Es mag durchaus möglich sein, 10 Tage Urlaub in Südafrika zu machen und währenddessen diese komplexen Themen zu ignorieren. Allerdings merkte ich bereits nach den ersten Wochen in Stellenbosch, dass mir das während meines knapp halbjährigen Aufenthaltes nicht möglich sein würde. Ich las südafrikanische Zeitungen, besuchte einen Geschichtskurs für internationale Studierende und unterhielt mich mit Südafrikanern|innen jeglicher Hautfarbe. Dabei lernte ich sehr viel. Die sozialpolitischen Themen dieses Landes haben mich während meines Auslandsemesters fortwährend beschäftigt. Daher möchte ich auch diesem Teil meiner Erfahrung in diesem Bericht Raum geben.

In Südafrika wurde ab Beginn des 20. Jahrhunderts für Jahrzehnte das sogenannte Apartheidsystem, eine staatlich festgelegte und organisierte Rassentrennung, verfolgt. Dabei wurden nichtweisse Südafrikaner|innen mittels menschenrechtswidriger Gesetze systematisch unterdrückt. Diese Politik erregte internationales Aufsehen und Empörung. Erst ab den 80er Jahren zeichnete sich eine Wende ab. Vor rund 25 Jahren, am 27. April 1994, fanden in Südafrika die ersten demokratischen Wahlen statt, im Zuge derer Nelson Mandela, führender Aktivist des African National Congress (ANC), zum ersten, schwarzen Präsidenten des Landes gewählt wurde. Damit wurde die Apartheid offiziell beendet (Clark & Worger, 2013; Giliomee & Mbenga, 2007). Erzbischof Desmond Tutu führte in diesem Zusammenhang den Begriff der «Rainbow Nation» ein. Dieser sollte das Post-Apartheid-Südafrika als ein Land beschreiben, in dem Menschen verschiedenster kultureller Hintergründe harmonisch zusammenleben (Baines, 1998).

Gegen Ende meines Aufenthaltes in Stellenbosch, am 08. Mai 2019, fanden südafrikanische Parlamentswahlen statt. Die Wahlbeteiligung lag auf dem historischen Tiefstand. Gewinnerin war, wie von vielen südafrikanischen Freunden|innen und Bekannten erwartet, die ANC, die «Partei Mandelas», welcher auch der aktuelle Präsident, Cyril Ramaphosa, angehört (Zeit Online, 2019). Zwei Tage später veröffentlichte die CNN einen Artikel mit dem Titel «South Africa is the world’s most unequal country. 25 years of freedom have failed to bridge the divide». Gemäss einem internationalen Ranking der World Bank ist Südafrika aktuell das Land mit der höchsten gesellschaftlichen Ungleichheit (Scott, 2019). Insbesondere das südafrikanische Bildungssystem ist von dieser Ungleichheit geprägt. Unter dem Titel «Sie wurden in die Freiheit geboren. Trotzdem sind die jungen, schwarzen Südafrikaner wütend» erschien im Vorfeld dieser Wahlen, am 27. April 2019, ein Artikel der NZZ, in dem die Situation für junge, nichtweisse Südafrikaner, die nach dem Ende der Apartheid im Jahr 1994 geboren wurden, aufgezeigt wurde. Die sogenannte «Born Free Generation» sei frustriert angesichts der vielen Hürden, die es für sie weiterhin zu überwinden gilt. Die Apartheid ist seit 25 Jahren offiziell beendet – die wirtschaftlichen und psychosozialen Realitäten sind jedoch weiterhin von diesem schweren Erbe geprägt (Karrer, 2007; Schilliger, 2019).

Tutus Bild der «Rainbow Nation» scheint für eine Mehrheit der südafrikanischen Bevölkerung nur ein Traum zu sein. Viele Südafrikaner|innen, mit denen ich sprach, zeigten sich konsterniert und entschlossen, das Land zu verlassen. Andere erklärten, sie hätten Hoffnung für die Zukunft ihrer Heimat. Ich wünsche mir von Herzen, dass der Traum der «Rainbow Nation» für Südafrika in Erfüllung geht.

Bilanz

Der Weg in mein Auslandsemester in Stellenbosch war nicht leicht. Als ich dann dort angekommen war, stellte mich der südafrikanische Alltag, gerade zu Beginn, immer wieder vor neue Herausforderungen und ich brauchte Zeit mich in dieser neuen Umgebung einzuleben – aber es hat sich gelohnt. Ich bin sehr dankbar für all diese unglaublich glücklichen Momente, die ich erleben und mit anderen teilen durfte. Es war für mich eine grosse Bereicherung, Südafrika über einen längeren Zeitraum, mit all seinen Facetten, Farben und Nuancen, genauer kennenlernen zu dürfen.

Mein Auslandsemester war nicht die Zeit meines Lebens. Ich glaube nämlich, es gibt nicht nur die eine, sondern ganz viele Zeiten im Leben. Ein Auslandsemester, wo auch immer auf der Welt, ist aus meiner Sicht, auf verschiedenen Ebenen, eine sehr aussergewöhnliche, lehrreiche und prägende Zeit.

Ich werde immer wieder zurückdenken, an dieses ganz besondere, goldene Licht – als würde der Himmel brennen.

Studienaustausch als Studierende|r der UZH
Alle Studierende der UZH haben die Möglichkeit an einer Partnerhochschule einen Studienaustausch für ein bis zwei Semester zu machen. Die UZH ist weltweit mit fast 300 Universitäten vernetzt und bietet damit eine grosse Auswahl an Austauschdestinationen. Die Abteilung internationale Beziehungen der UZH vergibt Stipendien und Teilstipendien, um Studierende bei ihrem Auslandsaufenthalt zu unterstützen. Die wichtigsten Informationen zum Austausch sind online auf der Website der UZH unter «Studium» / «Mobilität» / «Studieren im Ausland» zu finden (https://www.int.uzh.ch/de/out.html).

Kontakt Mobilität Allgemein:
Abteilung Internationale Beziehungen
Universität Zürich
KOL E 17 (Hauptgebäude)
Rämistr. 71
8006 Zürich

Öffnungszeiten Walk in: Montag bis Freitag 9.30–12.30 Uhr

Kontakt Mobilität Psychologisches Institut:
Eichelberger Karin, MSc.
Psychologisches Institut
Universität Zürich
BIN 0.D.12 (Erdgeschoss)
Binzmühlestr. 14 / Box 21
8050 Zürich
+41 44 635 71 67
mobility@psychologie.uzh.ch

Öffnungszeiten Walk in: Donnerstag 13.00–15.00 Uhr (oder nach Vereinbarung)


Zum Weiterlesen

Schilliger, M. (2019, April 27). Sie wurden in die Freiheit geboren. Trotzdem sind die jungen, schwarzen Südafrikaner wütend. Neue Zürcher Zeitung. Johannesburg, Südafrika. Retrieved August 27, 2019 from, https://www.nzz.ch/international/sie-wurden-in-die-freiheit-geboren-trotzdem-sind-die-jungen-schwarzen-suedafrikaner-wuetend-ld.1477499

Scott, K. (2019, May 10). South Africa is the world’s most unequal country. 25 years of freedom have failed to bridge the divide. CNN. London, England. Retrieved August 27, 2019 from, https://www.cnn.com/2019/05/07/africa/south-africa-elections-inequality-intl/index.html

Giliomee, H., & Mbenga, B. (2007). New History of South Africa. (H. Giliomee & B. Mbenga, Eds.). Cape Town: Tafelberg.

Literatur

Baines, G. (1998). The rainbow nation? Identity and nation building in post-apartheid South-Africa. Mots Pluriels, (7), 1–10.

Clark, N. L., & Worger, W. H. (2013). South Africa: The rise and fall of apartheid (2nd ed.). London, England: Routledge.

Giliomee, H., & Mbenga, B. (2007). New History of South Africa. (H. Giliomee & B. Mbenga, Eds.). Cape Town: Tafelberg.

Karrer, C. (2007, August 31). Hinter Mauern. NZZ Online. Retrieved August 27, 2019 from, https://www.nzz.ch/hinter_mauern-1.548398

Schilliger, M. (2019, April 27). Sie wurden in die Freiheit geboren. Trotzdem sind die jungen, schwarzen Südafrikaner wütend. Neue Zürcher Zeitung. Retrieved August 27, 2019 from, https://www.nzz.ch/international/sie-wurden-in-die-freiheit-geboren-trotzdem-sind-die-jungen-schwarzen-suedafrikaner-wuetend-ld.1477499

Scott, K. (2019, May 10). South Africa is the world’s most unequal country. 25 years of freedom have failed to bridge the divide. CNN. Retrieved August 27, 2019 from, https://www.cnn.com/2019/05/07/africa/south-africa-elections-inequality-intl/index.html

Zeit Online. (2019, May 10). ANC wird stärkste Kraft bei Parlamentswahl. Retrieved August 27, 2019, from, https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-05/suedafrika-regierungspartei-anc-parlamentswahlen-mehrheit

Pyromanie

Das Spiel mit dem Feuer

Feuer fasziniert den Menschen. Es ist der Stoff für Mythen, eine Grundlage fürs heutige Leben und dennoch potentiell tödlich. Was passiert, wenn die Faszination, wie bei der Pyromanie, überhandnimmt?

Von Marcia Arbenz
Lektoriert von Loriana Incerti-Medici und Michelle Donzallaz
Illustriert von Daniel Skoda

Pyromanie wird definiert als ein wiederholtes Versagen, dem starken Impuls, Feuer zu machen, zu widerstehen (ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 2019). Betroffene Personen setzen Objekte in Flammen, wobei ihr Beweggrund die Faszination für das Feuer oder für die damit verbundenen Stimuli ist (ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 2019). Bevor die Personen Feuer legen, erleben sie einen Zustand von Anspannung oder affektiver Erregung. Mit den Flammen kommt ein Gefühl von Vergnügen, Aufregung oder Erleichterung auf. Pyromanie gehört zu den Impulskontrollstörungen (ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 2019). Eine wichtige Abgrenzung ist die zur Brandstiftung, die einerseits geplant und andererseits durch einen persönlichen Vorteil geprägt ist, seien das finanzielle Entschädigungen oder Rache (Padhi, Mehdi, Craig, & Fineberg, 2012).

Ob eine Person an Pyromanie leidet, ist nicht einfach festzustellen. Zur Diagnose steht nur ein Instrument, das Minnesota Impulse Disorders Interview, zur Verfügung (Grant, Williams, & Potenza, 2007). Jedoch kommt es selten zu einer Diagnose, da viele Betroffene ihr Verlangen nach Feuer geheim halten oder sich dafür schämen (Grant & Odlaug, 2012). Das ist verständlich, da es einerseits illegal ist, Eigentum von anderen Menschen zu beschädigen und andererseits für die Personen der Akt des Feuerlegens ein Kontrollverlust beinhaltet. Ausserdem gibt es sehr wenig Forschung und dadurch wenig Wissen zur Pyromanie (Grant & Odlaug, 2012). Es wird öfters nicht als eigene Diagnose erkannt, sondern als ein Teil einer Manie oder einer antisozialen Persönlichkeitsstörung behandelt. Zudem kommt es zu Fehldiagnosen wie Persönlichkeitsstörungen, Substanzmissbrauch oder psychotischen Störungen (Grant &  Odlaug, 2012).

Der grösste Teil der Forschung zum Thema Pyromanie beschränkt sich auf Kinder oder Personen in der Adoleszenz. Die Prävalenz beträgt bei Kindern etwa 2.4-3.5 Prozent (Jacobson, 1985; Kolko & Kadzin, 1988), in der Adoleszenz 6.9 Prozent (Grant & Kim, 2007). Besonders häufig sind Knaben oder Männer betroffen.

Pillen gegen das Feuerlegen?

Personen mit Pyromanie weisen häufig Komorbiditäten auf mit anderen Impulskontrollstörungen wie Kleptomanie oder Spielsucht (Grant & Kim, 2007). Ausserdem leiden Personen mit Pyromanie oft ebenfalls unter Substanzmissbrauch, affektiven Störungen oder Angststörungen. Da ein Zusammenhang zwischen Impulskontrollstörungen und Suchterkrankungen theoretisch diskutiert wird, sind diese Komorbiditäten nicht verwunderlich (Grant & Kim, 2007). Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Diagnosegruppen ist das wachsende Verlangen vor der Handlung und eine Erleichterung, Befriedigung oder ein Vergnügen nach der Tat (Grant, 2008). Das Verlangen bezieht sich auf repetitive Handlungen, die belohnend auf die Person wirken. Deswegen wird auch bei der Pyromanie von einer Verhaltenssucht gesprochen, welche einen dysfunktionalen neuralen Kreislauf mit Belohnung und Top-Down Inhibitionskontrolle beinhaltet (Padhi et al., 2012).

Weswegen Menschen das starke Verlangen haben Feuer zu legen, ist unklar. Es gibt jedoch zahlreiche neurobiologische Erklärungsansätze und behaviorale Modelle (Grant & Odlaug, 2012). Beispielsweise kann das Zerstören von Gegenständen durch ein Gefühl von Macht zu mehr Selbstbewusstsein führen. Vermutlich gibt es aufgrund der geringen Forschung sehr wenige Therapieansätze. Es gibt keine kontrollierten, randomisierten, klinischen Studien zu Psychopharmaka und Pyromanie, dennoch werden Medikamente verschrieben (Grant & Odlaug, 2012). Andere Therapieansätze sind Entspannung, Aversivtherapie und Feuersicherheitstrainings. Da es keine Standardbehandlung gibt, wird Pyromanie oft mit einer Kombination aus Psychopharmaka und kognitiver Verhaltenstherapie behandelt.


Zum Weiterlesen

Grant, J. E., & Odlaug, B. L. (2012). Assessment and treatment of Pyromania. In J. E. Grant & M. N. Potenza (Eds.), The Oxford Handbook of Impulse Control Disorders (1st ed.). Oxford University Press: Oxford, England. doi:10.1093/oxfordhb/9780195389715.013.0101

Literatur

Grant, J. E., & Kim, S. W. (2007). Pyromania: Clinical characteristics and psychiatric comorbidity. Journal of Clinical Psychiatry, 68(11), 1717–1722.

Grant, J. E., & Odlaug, B. L. (2012). Assessment and Treatment of Pyromania. In J. E. Grant & M. N. Potenza (Eds.), The Oxford Handbook of Impulse Control Disorders (1st ed.). Oxford University Press. doi:10.1093/oxfordhb/9780195389715.013.0101

Grant, J. E., Williams, K. A., & Potenza, M. N. (2007). Impulse-control disorders in adolescent psychiatric inpatients: Co-occurring disorders and sex differences. Journal of Clinical Psychiatry, 68(10), 1584–1592.

Grant, J. E. (2008). Impulse control disorders: A clinician’s guide to understanding and treating behavioral addictions. New York: W. W. Norton.

ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics: 6C70 Pyromania. (2019). Retrieved from https://icd.who.int/browse11/l-m/en#/http://id.who.int/icd/entity/1532500290

Jacobson, R. R. (1985). Child firesetters: A clinical investigation. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 26, 759.

Kolko, D. J., & Kadzin, A. E. (1988). Prevalence of firesetting and related behaviors among child psychiatric patients. Journal of Consulting Clinical Psychology, 56, 628–630.

Padhi, A. K., Mehdi, A. M., Craig, K. J., & Fineberg, N. A. (2012). Neurocognitive and Behavioral Models of Impulsivity and the Role of Personality. In J. E. Grant & M. N. Potenza (Eds.), The Oxford Handbook of Impulse Control Disorders (1st ed.). Oxford University Press. doi:10.1093/oxfordhb/9780195389715.013.0017